Das Buch der Novellen. Erster Band

Part 9

Chapter 93,799 wordsPublic domain

„Fast zur selben Zeit aber wird der Aufstand durch Schwert und Strick gebändigt und den Aufrührern werden lichte Pfähle zum Denkmal gesetzt. Mir hat es mein Gewissen laut genug gesagt, was ich gethan, ich habe für mein Volk gestritten. Wäre ich los und ledig gewesen, ich hätte mich ja hingestellt meinen Blutrichtern: „Da habt Ihr mich, Ihr Menschenschänder, mordet mich hin, wie Ihr Tausende gewürgt habt; ich bin ein redlicher Kämpfer meines guten Rechtes!“ -- Aber ein geliebtes Weib an der Seite, bin ich geflohen. Ueber die Landesgrenze konnten wir nicht; wir wären verloren gewesen. Doch es hat auch brave Magnaten im Ungarlande gegeben. Ich sage das von dem Manne an der Theiß nicht, weil er uns in seine Burg nahm und beschützte, das that er vielleicht dem Künstler zuliebe, den er in mir verehrte. Ich sage das von jenem Manne, weil er den Geist der Zeit verstanden und ihm Rechnung getragen hat. Dieser Magnat hat seine Leibeigenen freigelassen ~vor~ den Tagen der Gewalt; so haben die Leute freiwillig sein Haus und sein Leben beschützt vor den wilden Stürmen der Revolution. -- Ein Jahr lang haben wir unter fremden Namen in seinem Hause gewohnt. Hier hatte Nella Gelegenheit, ihren eigenen Geist zu bilden, auf daß er ihrem großen Frauenherzen ebenbürtig wurde. Ich habe in dieser Zeit unserem Schirmer aus Dankbarkeit ein Marmorbildniß gestaltet, von dem der gute Mann so entzückt war, daß er mich bittend zwang, eine Summe anzunehmen, die mir die Sorge für die Zukunft meiner Familie mit einemmale löste. Freilich kam rasch eine andere größere Sorge auf mich angestürmt. Unser Schützer starb an einem Herzleiden, und wir waren obdachlos. Und wir waren mitten im Lande, das mich in Acht und Bann gelegt hatte. -- O, mein geliebtes Kind! der heißeste Vatersegen vermag es nicht, des Lebens allumfassendes Ungemach von Deinem Haupte zu scheuchen, aber niemals möge ein Tag Dir kommen, an dem Du heimatlos mit einer jungen Gattin die Menschen meiden mußt und friedlos Nächten und Wüsten entgegenfliehest, um für die zermarterten Glieder eine kurze Ruhestatt zu finden!“

Der alte Mann beugte tief sein Haupt und die schneeweißen Brauen seiner Augen wogten auf und nieder.

Der Wald war gar hoch und finster geworden. Die beiden Menschen schritten rasch. Auf Aladar’s Antlitz hatten während der Erzählung Gluthröthe und Marmorblässe gewechselt. Jetzt preßte er die Lippen fest aneinander. Plötzlich aber stand er still und rief in erregtem Tone: „Vater, laß meine Eltern nicht so lange in der Noth!“

„In Bettlerlappen gehüllt, sind wir gegen den Untergang der Sonne gezogen,“ fuhr der Greis fort, „sind endlich in das grüne Bergland gekommen, dessen Alpenkronen den Satzungen der Menschen nicht unterthan sind, in dessen sangeslebendigen Wäldern blutdürstige Bannflüche spurlos verhallen. -- Wir sind frei gewesen. Im Kreise des ewigen Menschenrechtes sind wir leichten und frohen Gemüthes langsam weiter gezogen, um in den deutschen Landen eine bleibende Stätte zu suchen. -- Siehe, mein Sohn, nun lichtet sich der Wald; wir sind im Thale und vor uns liegt das Dorf mit den friedlich rauchenden Schornsteinen.“

„So ist es auch an jenem Abende gelegen, als ich und meine Gattin -- das liebe treue Weib -- des steinigen Weges gegangen kamen. Vor Freuden haben ihre schönen süßen Augen geweint, als sie zu dieser Stunde die traulich umfriedeten Menschenwohnungen gesehen. Allein, als wir durch die Dorfgasse schritten, da sind an den Häusern alle Thüren zugegangen. Ja, ich glaube es, die Bettlerlappen! Aber ich habe mein Schärflein wohl gewahrt gehabt an der linken Brust, unter einem häßlichen Filzpflaster. Und auf meinen Ruf, daß wir getreulich Alles bezahlen wollten, hat uns das Wirthshaus des Ortes aufgenommen. Und nun war es in derselbigen Nacht --“

Die Stimme des Alten wurde tonlos, wollte versagen. Tüchtig räuspern mußte er sich, dann schlug er mit beiden Armen in die Luft hinein und rief: „Ei, geh, das ist albern; hätt’s längst schon verwunden gehabt! -- In derselbigen Nacht, da -- ja, Freuden, Freuden hat’s gegeben! -- Ein Kind hat mir mein Weib geboren. -- -- O, Du armer, armer Knabe, daß Du das Mutterherz nicht hast empfunden in Deinen Kindestagen! All’ die Liebe und Freude und Sorge und Sehnsucht und Treue des Vaters ist nimmer im Stande, das Mutterherz zu ersetzen. Am Tage Deiner Geburt ist Deine Mutter gestorben. -- Komm, Junge, wir wollen an dem Kirchhofe nicht vorübergehen; Du weißt ja den Hügel unter dem Ginster.“

Sie traten in den kleinen Friedhof, schritten still zwischen den armen Holzkreuzen hin, einer grauen Statue zu, die im Dunkel eines Strauches ragte. Diese Marmorstatue stach ganz wundersam ab von den stümperhaften und abgeschmackten Darstellungen des Gekreuzigten, der „Schmerzhaften“, und Insonderheit von den bildlichen Menschengerippen mit Stundenglas und Hippe, wie sie auf dem Kirchhofe zu sehen waren.

Die Marmorstatue stellte eine Frauengestalt dar, die in ernstem Sinnen an einer Urne stand, die linke Hand leicht an die Stirn legte und mit der rechten eine gesenkte Fackel hielt. Ein schönes Ebenmaß lag in dem Bilde, man fühlte Beruhigung und Frieden, wenn man es betrachtete.

Als sie vor der Statue standen, ergriff der Greis des Jünglings Hand und sagte: „Hier, Aladar, habe ich Deine Mutter begraben.“

Und nach einer Weile banger, schmerzlicher Stille brach der Bildner in den Ruf aus: „O, du göttliches Volk der Hellenen! Du hast deine Todten der heiligen Flamme gegeben und ihr Aschenschnee hat deine Wohnungen zu Tempeln geweiht. Uns Heilverlassene fesselt die Liebe an eine Erdscholle und unsere Herzen müssen zu des Gedächtnisses Feier niedersteigen in die Grauen der Gräberfäulniß. -- -- Vielleicht, mein Junge, habe ich an Dir gefehlt, daß ich Dich einer städtischen Bildung entzogen; aber es ist mir unmöglich gewesen, dieses Grab zu verlassen. Ich war noch nicht an die vierzig Jahre, und dennoch, mein Schicksal ist erfüllt gewesen. Meine ganze Welt lag in diesem umwaldeten Thale. Dort oben auf der Bergeshöhe kaufte ich ein Stück Erde und baute das Haus. Das Waldland ist Deine Wiege geworden, mein Kind, der Frieden der Berge hat Dich gehütet, Dein einsamer Vater hat das wenige Gute, das in ihm selber zu finden, in Dich gelegt. Ich hoffe, Du hast nichts verloren dadurch, daß Dir die Welt, oder was sie so heißen, bisher fremd geblieben. An der Kunst erfreut sich Deine junge Seele, so wie die meine noch; und können wir unsere Ideen hier auch nicht in Marmor gießen, so hauen wir unseren Olymp aus den Stämmen des Tanns und meißeln unsere Götter aus dem weißen Holze der Linde. -- Ueber ein Kurzes, und meine Zeit wird ja erfüllt sein. Und ist sie erfüllt, dann mein Kind bette mich hier an die Seite Deiner Mutter. Vergiß es nicht, Aladar, und lasse mir das zum Troste sein. Das Menschengemüth siegt über die Schrecken des Todes und in dem Gedanken der Vereinigung läßt sich’s freudig sterben. Und hast Du mich begraben, so verkaufe das Haus auf der Bergeshöhe und ziehe mit Deiner jungen frischen Kraft in die Welt. Ziehe nicht gegen Mitternacht, dort herrscht die kalte herztödtende Vernünftelei; ziehe nicht gegen Abend, dort waltet die schale Phrase und die stolze Ichsucht. -- Ziehe gegen den sonnigen Mittag hin und küsse mir den Boden der Hellenen.“ -- --

Diese feierliche Stunde ist aber auf eine recht widerliche Weise unterbrochen worden.

Es lag schon das Abendroth auf dem Marmorbilde, welches das Grab unter dem Ginster hütete. Der alte Mann wendete sich zum Gehen.

Eine Magd trieb drei meckernde Ziegen heran und gerade dem Kirchhofsthore zu. Als Aladar sah, daß die Thiere Miene machten, in den heiligen Garten zu trippeln, stellte er sich sofort vor den Eingang.

„Weg davor!“ rief die Magd, „wirst aber gleich weggehen, Du vertrackter Bub’, Du!“

„Was wollt Ihr denn?“ sagte Aladar, „die Ziegen gehören nicht auf den Gottesacker.“

Da hub die Magd gewaltig an zu keifen, und bald eilte aus dem nahen Pfarrhause ein junges kugelrundes Frauchen herbei; das stemmte seine Arme in die Seiten und konnte gar possirlich schwatzen. -- „Du Lotterbub!“ rief sie hell, „die Gaisen laß durch, hörst Du?“

„Nein,“ sagte Aladar gelassen, „die Gaisen laß’ ich nicht durch, und sollte ich bis zum jüngsten Tag da stehen müssen. Ich habe ein Grab in diesem Garten und habe das Recht, dasselbe vor Entweihung zu schützen.“

„O du nichtsnutzig Volk!“ schrie das Frauchen, „ansonsten sind sie Heidenkerle über und über, verlästern die Mutter Gottes ihrer heiligen sieben Schwerter wegen, schnitzen Weibsbilder, rein wie sie Gott erschuf --“

Ueber ihre eigene Wendung erschrocken, hielt sie inne.

„Ja wohl,“ lachte der Jüngling, „wie sie Gott erschaffen in der Schöne und in der Unschuld.“

„Ei ja, spott’ nur zu: Du kannst lange spotten, bis Du unserm lieben Herrgott ein Ohr abspottest. Euch ist schon gar nichts heilig, als etwan der schwarz’ Bub’ mit den Hörnern. Wollt’ aber einmal so ein unschuldig Zickel da drin ein paar Halme nagen, gleich fiele Euch der Himmel ein. Ja, der Herrgott ist um eine Klafterlänge barmherziger als so ein hergelaufen Gesindel, der läßt auch im Kirchhof Futter wachsen. Für wen denn? Fressen die Todten Gras? Gut, Du Neidhammel, so laß es den Ziegen, und trotz’ nicht und mach’ Dich fein bald auf die Socken, Du Vagabund, Du!“

Der Greis hatte sich bei dieser Angelegenheit jeglichen Wortes enthalten. Nun hielt es auch Aladar für überflüssig, noch einmal den Mund aufzuthun. Er verscheuchte die Thiere, schlug das hölzerne Thor zu und nahm den Schlüssel mit sich. Das Frauchen zeterte noch, daß es im ganzen Dorfe nachklang.

Der Bildner suchte den Kirchensteff, um ihm den Schlüssel zu übermitteln. Er fand den Strohlockenkopf in der Futterkammer seiner Stallung, unweit der Kuhmagd, und zwar in einem Zustande, der sich nicht ganz zu jener Entrüstung reimen wollte, die den Steff gestern abgehalten, bei der capitolinischen Venus Platz zu nehmen. Die Beiden, der Steff und die Magd, führten nämlich in dieser Verborgenheit ein behend Tänzchen auf, zu welchem der Brunnen draußen den Takt plätscherte. Das eben ist das Mißliche bei den Mitgliedern der Aloisiusbruderschaft, daß sie öffentlich kein Tänzchen und kein Küßchen halten dürfen.

„Der Freithofschlüssel ist das?“ stotterte der Bauernbursche nun vor dem Alten, „ja, dann muß ich ihn aber gleich der Pfarrerköchin schicken, sie kunnt ja die Gaisen nicht unterbringen über Nacht, und der Ziegenstall ist noch nicht fertig.“

Als unsere Bildner wieder durch den abendlichen Wald hinaufgingen, sagte der Greis zum Jüngling:

„Was meinst Du, mein Junge, wirst Du noch einmal den Anwalt der Todten spielen?“

„Das werde ich,“ versetzte Aladar trotzig.

„Du Schwärmer, ich will Dir ein Wort sagen.“

„So sage es.“

Der Alte blieb stehen und sagte gelassen: „Der ~Lebende~ hat Recht.“

* * * * *

Das Frohnleichnamsfest war pomphaft abgehalten worden. Die Gemeinde war mit Fahnen und Kränzen durch das Thal gezogen; der Weihrauch stieg empor und verschwamm in dem Sonnenäther des Morgens. Weiße Jungfrauen trugen das dicht verschleierte Bild der „Schmerzhaften“ mit den Schwertern. Kerzenlichter flimmerten und zwei Glöcklein begleiteten den Zug. Der Kirchenvater hatte einen rothen Mantel um und trug mit noch drei anderen ehrenhaften Männern den „Himmel“, unter welchem der Priester ging. Der Steff trug die Aloisiusfahne und seine Augen schlug er fromm zum Himmel auf oder züchtig zur Erde nieder.

Der alte Eman stand auf dem Söller seines Hauses und blickte in das Thal und auf den Gottesdienst unter freiem Himmel. Er hörte die Glöcklein, er sah das Flimmern der Lichter.

„Wohl,“ lispelte er, „die Trophäe des Prometheus tragen sie auch mit sich. Noch lebt ein Funken der Lichtsehnsucht unter den Menschen.“

Aladar hatte den kirchlichen Auszug von der Nähe besehen, als er nach Hause kam, war er kleinlaut und schwermüthig.

„Du bist ergriffen, Aladar,“ bemerkte der Alte, „ja, es liegt etwas unendlich Rührendes in dem Gedanken, wie heiß die Menschen aller Länder in ihrer Art nach dem Reiche Gottes ringen.“

Aber der Jüngling wendete sich ab und schwieg. Und sein sonst so freundlich offenes Gesicht war betrübt.

Das blieb tagelang so, und Meister Eman kam schon auf den Gedanken, es sei in seines Sohnes Herz jener Funken gefahren, der ewiglich aus Eros’ Fackel sprüht, alle Jugend durchlodert und die Welt vor Erstarrniß wahrt.

Aber es war etwas Anderes, und seines Jungen Schwermuth sollte der Alte auch an sich selbst erfahren. Eines Tages, als Eman wieder das Grab seines Weibes besuchte, fand er die Marmorstatue zertrümmert. Jedes der Stücke, die auf den Hügel lagen, trug die Spur einer gewaltsamen Zerstörung. Eman fragte nicht, wer es gethan. Er wankte nach Hause, that einen Blick nach der Büste der Eos, stieg empor die Treppe, setzte sich auf den sonnigen Söller und starrte hinaus in die Himmelsweite.

In seiner Werkstatt hatte er von diesem Tage ab nichts mehr angerührt. Helios’ schönes, kunstreich vollendetes Haupt ragte fast dämonenhaft aus dem starren Holzklotze; kein Schnitt wurde an dem Bilde mehr gethan. Der alte Mann saß, selbst eine Bildsäule geworden, auf dem Söller und blickte unverwandt in den lichten Sommer hinaus. Er war im Herzen getroffen.

Aladar war Tag und Nacht bei seinem kranken Vater. Einmal hatte er es versucht, ihn zu trösten, da lächelte der alte Mann und sagte: „Des Menschen Werk wird vergehen, aber sein Ideal lebt. Und es lebt die Treue. Laß mich, mein Kind, das Auge noch im Lichte weiden, ehe es in den Schatten des Grabes vermodert.“

Als in den nahen Tannen die reinen Lüfte des Herbstes zu rieseln begannen, war der alte Eman in dem Tempel seines Hauses entschlummert.

Aladar, der schöne Jüngling mit dem stolzen freundlichen Lockenhaupte, stand vor dem Schläfer und ließ sein umschattetes Auge ruhen auf dem lieben alten Antlitze, das die Silbersträhne des Haares und des Bartes ehrwürdig umrankten. Das war ein freundliches Bild, die Furchen der Stirn waren völlig geglättet, auf den schmalen Wangen lag ein mildes Weiß und auf den Lippen lag die Güte und das Lächeln des Entschlummernden versteinert.

Aladar umarmte den Todten und küßte mit Innigkeit das Angesicht. Dann ließ er ihn auf dem wohlverwahrten Söller sitzen, das Antlitz nach dem Aufgange der Sonne gewendet.

Und dann verschloß er das Haus. Im Freien stand er still und blickte rings um sich. War das sein heiteres Heimatsthal? Nein, das war die kalte Fremde.

Zum Dorfe stieg er hinab und im Pfarrhofe klopfte er an.

Das Frauchen ließ ihn unzähligemal klopfen und war gar außerordentlich vergnügt, daß es jenen verweigerten Eingang in den Kirchhofsgarten an diesem Thore vergelten konnte. Endlich kam der Pfarrer selbst, um zu öffnen.

Aladar berichtete den Tod seines Vaters und bat den Pfarrer, das Grab für den Verstorbenen an der Seite jenes seiner Gattin bereiten lassen zu wollen.

„Lieber junger Herr,“ entgegnete der Seelsorger, „selbst der beste Christ kann bei uns die Stelle seines Grabes nicht wählen; wir begraben die Leute nach der Reihe.“

„Irre ich nicht, Hochwürden, so ist in dieser Zeit die Reihe ungefähr am Grabe meiner vor sechzehn Jahren hier verstorbenen Mutter. Der Todtengräber hat mir gesagt, daß der Kreis auf dem Kirchhof von sechzehn zu sechzehn Jahren vollendet wird. Der Preissatz wird für beide Gräber sofort bezahlt werden.“

Der Pfarrer ging langsam die Stube auf und ab und barg seine Hände in den Taschen seines Taffet-Talars.

„Es ist gar sehr die Frage, junger Mann,“ entgegnete er nun, „ob es überhaupt statthaft ist, Ihren Vater in unserem katholischen Friedhofe zu begraben. Wie stand es mit seiner Religion?“

„Ich kann den Taufschein aufweisen,“ sagte Aladar.

„Ei jerum!“ machte der Pfarrer, „auf den Taufschein kommt es nicht an; einen solchen hat der Luther auch gehabt. Es sind ganz andere Bedenken. Ihr Vater hat lange Jahre in unserer Gemeinde gelebt; ist er aber jemals in der Kirche gesehen worden? Hat er nicht mit unseren altehrwürdigen Bildnissen gehadert? Hat er nicht zum Aerger der ganzen Gemeinde eine stockheidnische Darstellung mitten in unseren Kirchhof gesetzt? Und sein Haus dort oben, ist es nicht ein wahrer Götzentempel voll gottloser unzüchtiger Bildnisse? Der Künstler hat sein Talent von Gott; wehe Dem, der es zu Gottes Schmach mißbraucht!“

„Mein Vater hat sein Künstleramt gewissenhaft erfüllt!“ versetzte Aladar mit Nachdruck.

„Leider hat er diesen frevelnden Stolz bewahrt,“ entgegnete der Priester mit leiser Stimme und blieb vor dem jungen Manne stehen; „Verirrungen sind menschlich, und Gott, der ein verlorenes Schaf mit Schmerzen sucht, hat Ihrem Vater durch eine wochenlange Krankheit reichliche Gelegenheit zur Bekehrung und Buße gegeben. Hat er die Gnadenzeit benutzt? Hat er auch nur ein einzigmal die Tröstungen der Religion verlangt? In vorsätzlicher Unbußfertigkeit ist er gestorben.“

„Herr!“ unterbrach hier Aladar, aber er kämpfte seine Aufwallung nieder.

„Junger Mann,“ sagte der Pfarrer, „rufen Sie Ihr „Herr“ auf der Gasse, wo Ihresgleichen ziehen. Im Pfarrhofe haben Sie Ehrerbietung zu beobachten. Verstehen Sie mich?“

„Ich bitte um Verzeihung, Hochwürden, aber die Vorwürfe, die Sie gegen meinen Vater schleudern, sind sehr ungerecht; er war ein Ehrenmann. Auch ~er~ hat Ehrerbietung zu fordern.“

Der Seelsorger schwieg einen Augenblick, dann sagte er etwas gedämpft: „Mag sein, darüber wird Gott im Himmel richten. Was aber das Begräbniß Ihres Vaters anbelangt, so thut es mir leid, Ihnen mittheilen zu müssen, daß die Kirche einem solchen Mann ihren Segen und die geweihte Erde nicht gewähren kann.“

Aladar erblaßte.

„Und Sie wollen meinem Vater ein Grab auf dem Kirchhof verweigern?“ sagte er fast tonlos.

Der Priester zuckte die Achseln:

„Ich verweigere es nicht, ich bin ein Diener der Kirche. Und die Kirche kann einen Menschen, der so weit entfernt war, der Unsere zu sein, der so böses Aergerniß gegeben -- sie kann schon aus Rücksicht für die Gemeinde einen solchen Menschen nicht in die Gemeinschaft der Christgläubigen aufnehmen.“

„Und wissen Sie, daß mein Vater, als er sein Weib hier begraben hatte, auf die Welt, auf ihre Güter und Ehren, auf die Künstlerlaufbahn verzichtete, in dieser Gegend verblieb, Entbehrung, Schmach und Kränkung in aller Weise erduldete, nur um den Grabhügel seiner Gattin zu hüten und dereinst an ihrer Seite ruhen zu können? Aber nein, Ihr wißt ja nicht, was Gattenliebe heißt, was Herzenstreue bedeutet --“

Diese unüberlegte Aeußerung traf.

„Jetzt hab’ ich genug!“ rief der Geistliche mit dunkelrothem Gesicht, „lästern Sie den Satan! Wir sind fertig und der Todte wird hinter der Kirchhofsmauer begraben.“

„Das wird er nicht, mein Herr!“ sagte Aladar und legte seine rechte Hand auf die Brust.

Ruhigen Schrittes verließ er den Pfarrhof. Durch das Küchenfenster grinste ein volles Gesichtchen heraus und ahmte das Meckern einer Ziege nach.

Zur selben Stunde läuteten die Kirchenglocken, sie läuteten alle vier, sie läuteten lange. Es waren Todtenklänge; ein reicher Bauer der Gemeinde war verschieden.

Aladar schritt in den Kirchhof. Der Kirchenvater und sein Sohn, der strohlockige Steff, arbeiteten am Ginsterstrauch und gruben ein Grab. Sie gruben es nicht für den fremden Mann, der oben im fremden Hause verschieden war; sie gruben es für den reichen Bauern.

Aladar blieb entsetzt stehen und starrte auf die Arbeiter hin. Sie gruben in den Grabhügel seiner Mutter ein. Schon wollte er hinstürzen und ihnen den Spaten aus der Hand reißen, da besann er sich: „Ei, sie haben ja Recht, sie sind an der Reihe. Das Weib, das sie vor sechzehn Jahren zur ewigen Ruhe bestattet, hat nur zur Miethe hier gewohnt. Die Zeit ist aus, die Schaufel klopft an....“

Er trat an das Grab heran und blickte hinab. -- Moder des Sarges, fahle Lappen, Knochen, Haarlocken -- Jüngling, das war ein grauenhafter Anblick, der hat dir das lieblich schöne Bild der Mutter, wie es dir dein Vater in der Erzählung und in dem Bildnisse der Eos als Erbe hinterlassen, ganz und gar zerstört. Das Grab wurde durchwühlt, die Gebeine herausgeworfen auf den Rasen. Aladar erfaßte das Knochenhaupt mit beiden Händen und seine thränenschweren Augen starrten in die tiefen Höhlen.

So hat das Kind seine Mutter zum erstenmal gesehen. -- --

Als Aladar zu seinem Hause zurückkam, stand der Todtenbeschauer vor der Thür. Er beschaute kopfschüttelnd den ehrwürdig schönen Greis, der auf dem Söller saß, und er beschaute die vielen Bildnisse in der Werkstatt und er beschaute das Haus.

„Werden Sie hier verbleiben?“ fragte er den Jüngling.

„Ich werde nicht hier verbleiben,“ war die Antwort.

„So werden Sie das Haus und diese Statuen verkaufen?“

Aladar sann, dann entgegnete er: „Das weiß ich nicht.“

Der Dorfarzt stand noch eine Weile da, dann zuckte er die Achseln und ging davon.

Und als Aladar wieder allein war, ging er auf den Söller und setzte sich zu seinem todten Vater. Fast so regungslos wie dieser saß er da und richtete sein Auge in die weite blaue Himmelsglocke hinaus. Es war so still und mild. Das Laub der gegenüberstehenden Eiche wollte schon ein wenig gilben. In der Luft spannen die Fäden des Herbstes. Ein einzigesmal läutete eine Waldbiene vorbei, dann war es wieder still. Gegen Abend hob sich unten aus dem Gebüsche ein hellrothes Flämmchen, es flackerte und schwamm empor gegen den Söller und hin über das Haus.

Ein verspäteter Aurorafalter war es gewesen.

Als auf der fernen Felsenhöhe, die hinter den Wäldern hervorleuchtete, die Gluth der Abendsonne verlosch, stand Aladar auf, erfaßte die kalte blasse Hand seines Vaters und sagte: „Sie wollen Dir das Grab an der Mutter Seite verweigern. Aber Dein Kind wird Dich verstehen und die Treue erfüllen.“

Als der Mond aufging, stieg Aladar nieder zum Dorfe und ging in den Friedhof hinein. Er ging zwischen den Kreuzen hin bis an die finsterstarrende Grube. Auf dem thaufrischen Rasen lagen noch die Knochen. Der Jüngling hub sie auf, schlug sie in ein Tuch und trug sie davon.

Am Thore schritt ein Mann vorüber, der hielt ihn an: „Was tragt Ihr da?“

„Einen Auferstandenen.“

Der Mann schauerte und eilte weiter.

Aladar stieg mit seiner seltsamen Last langsam den Berg hinan. Auf der Höhe leuchtete das Haus im Mondenscheine.

* * * * *

Am anderen Tage war ein völliger Feiertag im Dorfe. Die Kirche war in Trauer gehüllt. Stille Messen und laute Gebete wechselten ab und am Nachmittag rüstete sich Alles zum Begräbnisse.

Der verstorbene Bauer war ein sehr angesehener Mann gewesen, und in seinem Testamente stand ein Satz, der seiner christlichen Gesinnung wegen dem Pfarrer so gefiel, und dessentwillen er schon eine ganze Stunde vor dem Begräbnisse wieder alle Glocken läuten ließ. Die Kirche konnte ja doch wohl füglich klagen, sie gehörte mit zu den Erben.

Der Arzt des Ortes stand auf der Gasse und plauderte mit dem Kirchenvater. Beide waren gar ernsthaft und in würdiger Trauerkleidung.

„Hätten auch den alten Kauz da oben in den Kirchhof tragen lassen können,“ sagte der Arzt, gegen das Haus auf der Bergeshöhe weisend. „Der Mann war mehr Narr als Heide. Und auch sein Sohn tritt in die Fußstapfen des Alten. Der hat mir gestern gesagt, daß er fortziehen will. Gut, mag es thun, das ist die Narrheit nicht. Bin heute wieder bei ihm gewesen: ob er sein Haus verkaufe. -- Nachbar, wie hoch schätzest Du dieses Haus?“

„Den Heidentempel!“ versetzte der Kirchenvater, „wer kann ihn denn brauchen? Ich achte das ganze Holz, das darin steckt, auf zwei Kohlenmeiler; das sind kaum hundert Gulden.“

„Da habe ich allerdings anders gerechnet,“ entgegnete der Arzt, „mir gefällt der Bau, es ist Geschmack daran und die Holzschnitzereien sind nicht ohne Werth. Ich habe dem Burschen eine Tausendernote dafür geboten.“

„Bader, Du bist ein Narr!“

„So ist dieser Junge ein noch größerer,“ rief der Arzt, -- „verzehnfacht die Summe, hat er gesagt, und dann kommt und ich werde Euch dafür das Haus meines Vaters noch nicht verkaufen.“