Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 8
Das Haus stand auf freier Höhe und lehnte sich rückwärts an einen sanft abfallenden Tannenwald. Es war weder Stall noch Scheune da; ein kleiner Garten umgab den Bau und gegen die Morgenseite hin blühten Büsche und ragte eine Eiche. Das Haus war in dieser Gegend ganz seltsam: es war weit geschmackvoller als andere Menschenwohnungen der Gegend, und doch wieder viel einfacher als die Landhäuser der Reichen. Es war mit keiner dieser Gattungen vergleichbar. Das Haus ragte hoch, hatte an den Fenstern und Thoren feingeschnitzte Zieraten, nach Art korinthischer Säulen mit schön durchbrochenen Gesimsen. Die Fenster waren schmal und hoch, das Dach aus glatten Schindeln flach und luftig; gegen Mittag hin stand ein erkerartiger Söller hervor, mit festen Seitenwänden wohl verwahrt, mit einem Kranzgesimse in dorischer Form überbaut. Das Haus stand wie ein Tempel.
Wie die beiden Männer bisher ihr Haupt entblößt hielten, so bedeckten sie es jetzt, da sie in diesen Tempel traten.
War aber doch kein Tempel, war theils ein bequem und zweckmäßig eingerichtetes Wohnhaus, theils eine Künstlerwerkstätte.
An den Wänden standen Statuen aus Holz in allen Gestalten und Größen; mitten im Raume ragten Klötze, halbfertige Schnitzwerke, ihrer völligen Vollendung harrend.
An einem solchen Klotz stand der Bildner, ein schier gebeugter, aber doch behendiger Greis mit schneeweißen Locken, starken weißen Augenbrauen und mit frischrothen Wangen. Auf diesem Antlitze hatte der Meißel des Schicksals den Ausdruck stiller Freude und Befriedigung, aber auch den Zug einer schweren Vergangenheit und den ehernen Hauch eines starken selbstbewußten Geistes eingegraben.
Als die beiden Männer aus dem Thale eintraten und einen christlichen Gruß sagten, zog der Bildner sein Käppchen vom Haupte. Aber die Ankömmlinge thaten nicht desgleichen, diese ziehen ihre Hüte nur vor dem lieben Herrgott und vor dem Herrn Pfarrer.
Der Bildner wies ihnen in der Nähe der Wandfiguren Sitzplätze an; das Grauhaupt nahm den seinen sofort in Beschlag, der junge Gelblockenkopf aber stand ganz verlegen und wendete sich und wußte nicht, wo er sein erröthendes Gesicht hinthun sollte.
„Nu, Steff!“ sagte das Grauhaupt, und das Wort war ein Ermahnen zum Platznehmen.
„Na,“ versetzte der Bursche, weinerlich lächelnd, „da setz’ ich mich nicht hin, ich nicht. Das ist schon gar aus der Weis’! -- So -- hell mutternackt!“
Wie konnte nur Meister Eman dem jungen unverdorbenen Kirchensteff, der zur Bruderschaft des heiligen Aloisius zählte, zumuthen, neben der capitolinischen Venus Platz zu nehmen! Indeß bemerkte der Bildner lächelnd sein Fehl, und in der Nähe einiger Kobolde und ziegenfüßiger Faunen fand sich eine prächtige Sitzstelle für den jungen Mann.
„Was verschafft mir nur heute den Besuch?“ fragte der Bildner.
„Gelt, das ist zum Verwundern!“ rief das Grauhaupt und rieb sich vergnüglich einigen Erdstaub von seinem Zwilchärmel, denn er war der Todtengräber. Aber nicht in dieser Eigenschaft war er heute zu dem Hause des Bildners emporgestiegen, sondern in jener seines zweiten Amtes, denn er war auch Kirchenvater, d. h. der Mann, der nebst dem Pfarrer die Aufsicht über die Dorfkirche führte und an Sonn- und Feiertagen als Meßner waltete.
„Schaut, Meister Eman,“ sagte er schmunzelnd, „ein Grabkreuz brauch’ ich diesmal nicht, und redlich herausgesagt, Meister, die Grabkreuze macht Er nichts nutz. Mehr Blut muß auf die Herrgötteln kommen, viel mehr Blut; und die armen Seelen im Fegfeuer läßt Er ganz und gar aus. Hätt’ Ihm auch sagen mögen, daß sich ein Bildniß, wie Er es auf Seiner Gottseligen Grab gestellt, in einen christlichen Friedhof gar nicht reimt. Geht mich aber insoweit nichts an; und wir wissen es allmiteinand’, der Meister kann Seine Sach’ schon auch gut machen, wenn Er nur will. Wir bringen Arbeit, Meister.“
Der Meister lächelte ein wenig über den bevormundenden Ton des Kirchenvaters, und da er von den Leuten vollständig unabhängig war, so ließ er sich derlei Bemerkungen um so gleichgiltiger gefallen. Nun hatte er seinen Schnitzer beiseite gelegt und sich dem Grauhaupte gegenübergesetzt.
„Ja, ja,“ sagte der Kirchenvater und schlug seine flache Hand auf die Lederhose des Oberschenkels, daß es klatschte, „das ist eine verzweifelte Geschichte, jetzt; wir brauchen eine neue schmerzhafte Mutter Gottes auf unseren Hochaltar. Die alte ist schon caput über und über. In drei Tagen ist Frohnleichnam, mag Er uns bishin eine schaffen?“
Der Meister zwinkerte mit den buschigen Brauen, hob langsam seine Stirne empor, daß sich das Gesicht erklecklich verlängerte und über die Schläfe scharfe Runzeln zog.
„Drei Tage arbeitet der Schneider an einer Joppe,“ sagte er hierauf.
„Halt nu,“ brummte der Kirchenvater, „wenn der Meister meint, daß Er in drei Tagen nicht fertig werden kann mit der Schmerzhaften, so hat’s ’leicht wohl Zeit bis zum Sonntag.“
„Mein sehr guter Vetter,“ entgegnete der Meister in der landesüblichen Redensart, „unfertig kommt nichts aus meinen Händen, denn die Dinge, die wir als Bildnisse aufstellen, halten länger als ich, als Ihr, als das jüngste Knäblein Eurer Gemeinde. Und wehe Dem, der Aergerniß giebt einem kommenden Geschlechte! Wenn ich bereit bin, die Arbeit zu übernehmen, so kann das Frauenbild bis zur Weinachtszeit hin fertig werden.“
Schier sprachlos war der Kirchenvater. Da ergiff sein Sohn, der Steff, das Wort, und meinte, gut Ding brauche Weile, und man müsse halt einstweilen den Fastenschleier über die Mutter Gottes hüllen, denn es sei schon gar alles Gold weg von ihrem Rock, und von den sieben Schwertern in ihrer Brust seien fünf schon armselig abgebrochen; in solchem Zustande, das sei wohl einzusehen, könne sie sich nicht mehr länger ansingen lassen.
„Liebe Leute,“ sagte nun der Bildner, „wenn ich das Bildniß schnitze, so soll es, so weit das in meinen Kräften steht, ein Kunstwerk werden. Ein einfaches, würdiges Bild, die Gestalt einer glorreichen Himmelskönigin und demüthigen Jungfrau zugleich; ein Bild, das die frommen Beter mit Andacht und Liebe erfüllt.“
„Und der sieben Schwerter wegen wollt’ ich noch sagen,“ meinte das Grauhaupt, „wenn sie halt thäten vergoldet werden; die Ottenkircher haben es auch so.“
„Soll ~ich~ das Bild verfertigen,“ sagte der Meister nicht ohne Nachdruck, „so werden die Schwerter ganz wegbleiben. Der Schmerz der Gottesmutter soll in der Stellung der Gestalt und auf dem Antlitze ausgedrückt sein.“
„Eine Schmerzhafte ohne Schwerter!“ rief der Kirchenvater aus.
„Wohl,“ sagte der Meister, „die alte Darstellung mit den sieben Messern in der Brust ist albern und lächerlich, abgeschmackt im höchsten Grade -- läßt sich mit der Kunst nimmer vereinen.“
„Thäten aber doch bitten,“ versetzte das Grauhaupt, „thäten ja die Ueberkosten gern extra bezahlen --“
„Eine solche Bestellung lehne ich dankend ab,“ sagte der Bildner und erhob sich; „wollt Ihr Fratzen haben auf Euren Altären, so seid Ihr bei mir am unrechten Mann.“ Sein Gesicht war dunkelroth, das Künstlerthum in seiner Seele war beleidigt.
Die Männer aus dem Dorfe schlichen achselzuckend davon.
Der Meister meißelte an seinem Lindenholze weiter. Aber nicht lange. Sein Arm zitterte, er legte das Werkzeug aus der Hand und starrte auf die Statuen hin, die an den Wänden aufgestellt waren. Der ganze sinnenlebendige Mythus der Griechen war hier verkörpert. Aber des alten Mannes Blick hing heute nicht an der lieblichen Eos, nicht an der hehren Pallas Athene, nicht an dem ehrwürdigen Zeus, nicht an den heiteren Gestalten der Musen; etwas länger weilte er an den finsteren trotzigen Recken der deutschen Göttersagen. -- Tretet aus Eurer Starrniß und stürzet die Götzen der Nachkommen! -- Das war vielleicht des Greises Gedanke. Endlich verließ er die Werkstätte und ging in das Freie.
An der schattigen Rückseite des Hauses, gegen den sonnengoldigen Tannenschachen gekehrt, stand ein anderes Bild. Es war eine junge, lieblich schöne Gestalt, halb noch Knabe mit frischen, vollen, trotzigen Lippen, mit aufgeweckter, stolzer Körperhaltung; halb Jüngling mit zarten, weithin gegossenen Locken, mit großen, schwärmerisch seligen Augen. Die Gestalt, in ein sich gefällig schmiegendes Schäferkleid gehüllt, war ein wenig vorgebeugt; am linken Arme trug sie eine Tafel, in der rechten Hand hielt sie einen Stift. So stand sie in ihrer Unbeweglichkeit da und betrachtete den herrlich leuchtenden Wald.
Die finstere Wolke verschwand auf des Meisters Stirn; er hielt seinen Schritt an und blickte wohlgefällig auf dieses freundliche Bild.
Nach einer Weile rief er den Namen: „Aladar!“
Da löste sich die Unbeweglichkeit der Gestalt, sie hüpfte heran und sagte mit heller Stimme:
„Vater, jetzt habe ich es erfaßt, was in den Wipfeln der Tannen ist. Aber sag’, hab’ ich es wohl auch ~ganz~ erfaßt?“
Mit dieser zweifelumschatteten Zuversicht hielt der Knabe die Tafel seinem Vater hin.
Der Meister betrachtete die Zeichnung; dabei wurde sein Angesicht fast furchenlos und er sagte die Worte: „Es ist gut. Aber höre: ganz hast Du es nicht erfaßt, was in den Wipfeln der Tannen ist. So geht es immer. Der Junge rechtet mit der Gegenwart, der Alte mit der Vergangenheit; der Junge mit der Natur, der Alte mit der Kunst; aber mich will es zuweilen bedünken, beide ringen vergebens. Wohl, mein Sohn, und es ist gut. Der Künstler darf in seinem Werke nie die volle Befriedigung finden; steht das Ideal seines Zieles nicht über dem Erreichbaren, so steht es zu tief. Das gilt besonders in der bildenden Kunst. Aus dem Nichtbefriedigtsein entspringt das ersprießliche Streben. Komm, Aladar, Du sollst das Gedeihen meines Helios schauen.“
Sie gingen in das Haus und standen vor dem Lindenklotz, an dem der Alte vorhin gearbeitet hatte. Aus dem rauhen Holze starrte ein Antlitz hervor, zwar noch herb und eckig, aber in seinen Hauptpartien doch edel und scharf markirt.
Der Bildner schien den bösen Eindruck des Morgenbesuches nun vergessen zu haben. Sein Blick lag freudig auf der allerdings noch sehr unvollendeten Arbeit und auf dem Jüngling, der die Holzsäule still und eingehend betrachtete.
„Der Gedanke in mir, das Sinnbild des Licht- und Flammengottes darzustellen, ist vielleicht dreimal so alt, als Du, mein Junge,“ sagte der Meister. „Aber das Geschick meines Lebens hat mich niemals zu jener Ruhe und Klärung kommen lassen, die zu einem solchen Versuche durchaus nöthig ist. Nur die kurzen Tage, die mir an Deiner Mutter Seite zu leben gestattet waren, hätten dazu vielleicht die Helle und Begeisterung geboten, nicht aber die Ruhe. Es ist in Stunden hochwogender Glückseligkeit, sowie in Tagen wilder Qual noch kein Kunstwerk geschaffen worden. Mir sind solche Zeiten nun vorüber und in diesen stillen Nachsommertagen habe ich mich endlich an meinen Lieblingsgedanken gemacht. Der Gottheit, die uns das Licht gegeben hat und von deren flammendem Wagen Prometheus das Feuer geholt -- das göttlichste und wunderbarste der Elemente -- dieser Gottheit will ich das letzte Werk meines Schaffens weihen, ehe ich eingehe zur ewigen Nacht.“
Die letzten Worte waren in großer Gefühlsbewegung gesprochen. Aladar’s dunkle Augen sogen jedes Wort von den Lippen des Vaters und sie entflammten in Begeisterung. Der Jüngling legte seinen Arm um die Statue, und als der Meister aufgehört zu reden, sagte er: „Mein Vater, Du hast heute wieder ein Wort gesprochen, das ich nicht recht verstehen kann. So erzähle mir endlich von Deiner Vergangenheit und von meiner Mutter.“
„Du wirst noch zu jung dazu sein,“ antwortete der Greis.
„Ich weiß das nicht. Ich bin erwachsen und schon ein Mann; ich werde morgen sechzehn Jahre alt.“
Nach einer Weile entgegnete der Vater: „Daß man aufblühende Blumen nicht in den Schatten stellen soll, das weißt Du. So hätte ich Dich gern verschont, mein Kind, und Dich blühen lassen im Sonnenlichte. Ich wollte Dich nicht vorzeitig aus dem Arkadien Deiner Kindheit verstoßen, so sehr es mich oft gedrängt hat, mich ganz und voll Dir mitzutheilen. Nun, ich sehe, Du wendest Dich freiwillig von den kindlichen Freuden und bist ernst und männlich geworden schier vor der Zeit. So will ich Dir auf Dein Begehr, und da es doch einmal sein muß, zu Deinem sechzehnten Geburtstage das Angebinde des Schmerzes machen. Morgen zur Nachmittagszeit, wenn die Sonne hinter die Wipfel des Tannenwaldes wird gezogen sein, wollen wir mitsammen niedersteigen in das Thal.“
Ein Weiteres von dieser Sache wurde heute nicht mehr gesprochen. Jeder ging an seine Arbeit. Der Meister meißelte an seinem Helios, und Aladar -- das Bedürfniß des Tages ist stets der Herr im Hause -- wirthete in der Küche.
Und am anderen Tage, als die Sonne hinter die Wipfel des Tannenwaldes gezogen war, wurde das einsame Haus auf der Bergeshöhe verschlossen und der Greis und der Jüngling stiegen niederwärts gegen das Thal.
Aladar hatte vom Hause weg kein Wort mehr gesprochen; auch der alte Mann schritt stumm dahin. Gar die Waldvöglein schwiegen zu dieser Tageszeit; nur daß zuweilen vom Tanne her das eintönige Hacken eines Spechtes vernehmbar war. „Selbst im Walde ist kein Sang mehr, ist nur das harte Pochen der Arbeit!“ sagte der Bildner. Eine Hummel summte über das grüne Heidekraut; da stand der alte Mann still und flüsterte: „Hörst Du die Glocken läuten?“
Der Bursche gab keine Antwort. Und als sie weiterschritten, hub der Mann an zu reden:
„In einem Thale jenes Gebirges, welches das weite Ungarland gegen Mitternacht hin begrenzt, bin ich geboren worden. Mein Vater war Hirt und hütete die Pferde des Gutsherrn. Auf wilden Pferden bin ich gesessen und habe sie gebändigt. Den Gutsherrn habe ich unsäglich gehaßt, denn er hatte einmal meinen Vater schlagen lassen bis auf’s Blut. Gewesen ist’s des einen Wortes wegen, das mein Vater gesprochen: Herr, unsereins ist auch ein Mensch, und es ist himmelschreiend, wie wir unterdrückt werden! So ein Wort hat früher schwerer gegolten, wie drei Todtschläge. Dazumal -- Aladar, und das ist noch nicht lange her, diese junge Eiche hier ist noch in den Tagen der Knechtschaft aus der Erde gesprossen -- dazumal hat der Gutsbesitzer willkürlich verfügt, nicht blos über seine Pferde und Schweine, sondern auch und weit rücksichtsloser noch über seine Unterthanen. Meine Mutter soll ein schönes Weib gewesen sein; als sie starb, war ihr letztes Wort zu mir: „Emanuel, und halte Deinen Nährvater in Ehren!“ -- Mich hat dieses Wort in eine große Wirrniß gesetzt; aber meinem Vater, dem armen schutzlosen Hirten, bin ich treu gewesen, und zutiefst im Herzen habe ich geschworen mitten unter den wiehernden Rossen: „Die blutigen Streiche sollen nicht vergessen sein!“ -- Gar bald bin ich von dem alten Manne gerissen worden, ich weiß heute noch nicht wie; nur das weiß ich, mit meinem Willen ist es damals nicht geschehen. Ich mag wohl irgend welche geistige Anlage gehabt haben; ich erinnere mich nur, daß ich nicht mit meinen Genossen hielt, daß ich sie aber beeinflußte. Auch schwebt es mir noch vor, daß ich als Hirte aus dem Lehme der Heide allerlei Gestalten formte. War das die Ursache, oder war es, weil ich unter meinen Standesgenossen mehrmals Aufwiegelungsversuche gegen den Gutsherrn gewagt hatte, die indeß stets armselig zu Schanden geworden sind -- oder war es ein anderer Grund, kurz, ich wurde entfernt und bestraft, wie so großmüthig noch kein Thunichtgut bestraft worden ist. Der Gutsbesitzer ließ mich in die Hauptstadt Pest bringen und dort in eine Lehranstalt stecken. Anfangs war ich hier wie vom Himmel gefallen, wußte gar nicht, was das Alles zu bedeuten. Bald aber sah ich die gute Wendung ein.
„Ich habe lange und mit Liebe studirt. Nach wenigen Jahren schon war ich aus mir herausgewachsen. Ich sog den Geist der Alten ein und auch die Ideen der Neuen; das entzweite mich anfangs, ich empfand die Nothwendigkeit, daß hier eine Brücke gebaut werden müsse, und ich fand, daß nach den Gräueln zweier finsterer Jahrtausende sich die Welt wieder anschickt, in die Fußstapfen der Alten einzulenken. In dieser Zuversicht atzte ich mein Herz an dem ewigen Schönheitsidole des alten Hellas und seiner heiteren Weisen, und in diesem Bewußtsein habe ich mich mit jauchzender Seele der bildenden Kunst ergeben. Nach zwölf Jahren arbeitete ich in klingendem Marmor. Meine Bilder wurden aufgestellt in Palästen.
„Jetzt wäre ich glücklich gewesen, aber das Wort der sterbenden Mutter hat mir im Herzen gebrannt. Und wehe dem Kinde, vom Verhängnisse berufen, seine Mutter etwa an seinem Vater rächen zu müssen!“
Der Greis schwieg. Sie gingen durch jungen, duftenden Anwuchs hinab, der dichter und höher wurde und endlich die Wandelnden in seine Schatten hüllte. Der Boden war steinig und von Wurzelarmen durchzogen. Da sagte der Vater zu seinem Sohne: „Habe Acht, daß Du nicht strauchelst!“
Endlich fuhr er in seiner Erzählung fort:
„Einst zur Sommerszeit kehrte ich in mein Heimatsthal zurück. Der alte Hirt -- mein Vater -- war begraben, seine Hütte verfallen. Aber ich wohnte ja im Schlosse und der Gutsherr ging mit mir Arm in Arm. Ich empfand stets, ich hatte durch das Studium meinen Beruf glücklich getroffen, aber ich fühlte gegen meinen Wohlthäter nicht die begeisterte Dankbarkeit, die ich wohl schuldig gewesen sein mochte. Mehrmals wollte ich den Herrn Arm in Arm auf den Kirchhof führen und zu einem Mauerwinkel hin, wo Nesseln wuchsen -- unter denen meine Mutter lag. Er folgte mir nicht. -- Zerstreuung, oder was man so nennt, gab es genug; der Gutsherr war ein Meister des Vergnügens. Würfeln und Schwelgen wußte er hoch zu betreiben; auch die Prügelbänke und den Galgen zählte er zu den Gegenständen seines Ergötzens. Einst ließ er zu Ehren eines erlauchten Gastes drei eingefangene Korndiebe ohne gesetzliche Aburtheilung an den Platanen des Lustgartens hängen. -- Wohl, mein Sohn, es ist schade um Deine rothen Wangen, die ich jetzt verblassen sehe; aber sei ein Mann und höre mich weiter. -- Eines Tages während meiner Anwesenheit im Thale war große Hirschjagd. Die Treiber waren schon zwei Tage und Nächte ununterbrochen bei Sturm und Regen in ihrem über Berg und Thal gezogenen Kreise gestanden, um das zusammengedrängte Hochwild einzuschließen. Die Jagd begann, wir durchbrachen auf unseren Rossen den Kreis; die Hörner schrillten, die Schüsse knallten von allen Seiten und das Johlen der leidenschaftlichen Jägerrotte gellte fast unheimlich durch die Waldung. Ich hielt mich abseits, mir war nicht um Schuß und Wild zu thun; ich band das Roß an eine Eiche und lagerte mich auf einen stillen, schattigen Anger und lauschte einer Quelle. Einen unsäglichen Ekel hatte ich vor dem Treiben dieser rohen, der crassen Willkür ergebenen Gesellen, die sich die Großen des Landes nannten. Unter den Schatten jener Eichen beschloß ich, keinen Tag länger in der Gegend zu verbleiben, sondern wieder dem geistigen Leben der Hauptstadt zuzueilen. Da hastete keuchend ein Mädchen durch das Dickicht heran, wild aufgeregt, mit zerfetzten Kleidern, blutenden Gliedern und angstglühenden Augen. Ein junges, kaum erwachsenes, schönes, merkwürdiges Mädchen, Aladar! -- Vor meinen Füßen ist es zu Boden gestürzt, hat mich angefleht um meinen Schutz. Es war seiner Schönheit willen verfolgt von Jägern, eingeschlossen von dem Kreise der Treiber. -- Das Kind hat seine Noth noch kaum in Worte gefaßt, so durchbrechen Pferde das Gestrüppe, zwei Reiter sprengen lachend auf das Mädchen zu; einer davon ist mein Gutsherr. Ich erraffe mein Doppelgewehr: „Hat ~solches~ Wild Vater Nimrod gejagt? Ihr Buben, wollt Ihr’s wagen, das Kind ist in meiner Hut!“ -- Lachend ritten sie davon, aber ich sah es wohl, wie mein Gutsherr in stiller Wuth erblaßt war. Das Mädchen geleitete ich in sein Haus; es war sehr armer Leute Kind, das jeden Tag in den Wald ging, um wilde Früchte zu sammeln. Ich sah die Gefahren, die von diesem Tage ab doppelt über dem schönen Wesen schweben würden, und ich beschloß, es zu schützen. Allein noch an demselben Abend ließ mich mein edler Gönner und Gastherr in ein Gemach führen, das nur von außen zu schließen ist. Es war gar fest und sicher eingewölbt und das Fensterchen kräftigst vergittert; aber der Blick meiner Augen flog doch hinaus, und über der Hofmauer dämmerte der Bergwald herein -- der Bergwald, in dem die Klause der armen Leute stand. Ich bin aber nicht lange in dieser Kammer gesessen. Die Zeit, mein Junge, war das Jahr des Heiles. Der Aufruhr wogte auch in das Bergthal hinein und da hat sich gewaltig viel Zündstoff gefunden. Die Vasallen, sonst feig und blöde wie eine Heerde von Mauleseln, wurden wach und verstanden die Stunde. Menschenmassen versammelten sich um das Schloß und ein langer hagerer Mann rief: „Mach’ uns auf, Du übermüthiger Schloßherr, in Deinem Hause ist unser gutes Recht vergraben, das wollen wir uns holen!“ Da flog ein Schuß aus des Magnaten Fenster und streckte den drohenden Waldmenschen nieder. Dieser Schuß hat dem Gutsherrn Schloß und Schlag gekostet. Das Gebäude wird gestürmt, bald brennt es an allen Enden, und der Gutsherr, für sein Leben zitternd, sucht ein sicheres Gewahrsam, stürzt in mein Kerkergewölbe und schutzflehend mir zu Füßen. -- „Was steigst Du in den Kerker, in den Du mich geworfen hast!“ rufe ich bebend; „weißt Du es wohl, warum Du mich gefangen hältst, und weißt Du, Tyrann, vor wem Du liegst? Vor dem Sohne des Mannes, den Du mißhandelt! Heute giebt das Volk den Streich zurück!“ -- „Erbarmen!“ stöhnte er, „Emanuel, vielleicht fleht in diesem Augenblicke Dein leiblicher Vater Dich an um sein Leben --“
„Ich habe den Mann vor der wüthenden Rotte beschützt; es gelang mir, ihn auf kurze Zeit in Sicherheit zu bringen. Bald aber ist er dem Zorne seiner sich selbst befreienden Unterthanen erlegen. -- Ich habe in jenen Tagen nicht geruht, habe mitgerungen den wilden Befreiungskampf, der empörenden Unthaten gedenkend, die meinem Volke waren angethan worden. Das erste Opfer dieses Kampfes, der durch des Gutsherrn Kugel hingestreckte Mann war Nella’s Vater gewesen. Nella, freilich, so hat sie geheißen, die ich im Walde ihren Verfolgern entrissen. Nella -- mein Sohn, Du kennst ihr Bild, es steht in unserem Hause und ist jene Büste, die ich Dir bisher Eos genannt habe. Nella ist mein Weib geworden.“