Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 10
Der Kirchenvater lachte laut auf, und das hatte sich schier nicht geschickt, denn es nahte schon der Leichenzug.
Die Menschen der ganzen Gegend waren beisammen, es wurde fast der Kirchhof zu klein. Die Windlichter flackerten hell in die Abenddämmerung hinein. Drei Priester im Ornat standen an dem Grabe und schwangen Sprengwedel und Weihrauchgefäße.
„Morgen kommt der Jude dran, oder was er ist,“ flüsterte ein Weib der Nachbarin zu, „hast Du die Grube hinter der Mauer schon gesehen?“
Die Antwort wurde abgeschnitten durch das Rollen des Sarges, der in die Tiefe glitt. Der Sarg war bunt bemalt. Jetzt gossen sie Weihwasser darauf hinab, da die Thränen mangelten. Der Verstorbene hatte weder Weib noch Kind hinterlassen; und fremde Erben weinen nicht. Der Pfarrer nahm die Schaufel, streute Erde hinab und rief in seiner todten Sprache die Worte:
„Ruhe Deiner Asche!“
Der Spruch war einem Anderen nachgerufen.
In demselben Augenblicke ging ein Getöse durch die Menge und Feuerrufe wurden laut. An der Wand des Kirchthurmes und auf den Dächern der Häuser lag ein mattzitternder Schein. Das Haus auf der Bergeshöhe stand in Flammen.
Die Leute drängten aus dem Gottesacker; an der finsteren Grube gab es nun für sie nichts mehr zu thun und zu schauen. Einsam steht der Sarg im tiefen Grabe, der Verwesung harrend, die nun naht mit ihrem jahrelangen Grauen.
Durch die hell erleuchteten Dorfgassen wogten die Menschen; einige eilten den Berg hinan.
Das Haus auf der Höhe war zu einer herrlichen Flammensäule geworden; senkrecht stieg sie in den Abendhimmel auf und die anstrebenden Funken schienen sich mit den Sternen des Himmels zu vereinen.
Aladar stand unter der Eiche und sah dem brennenden Hause zu. Seine Seele loderte vor Begeisterung mit den Flammen um die Wette.
Ein halb Stündlein früher war es gewesen, da hatte Aladar den brennenden Span in eine Spalte der Heliosstatue gesteckt. Er hatte gesehen, wie die glühende Zunge aufflackerte zu dem Bilde des Lichtgottes, wie die hellen Flüglein emporflatterten zu den übrigen Kunstgestalten und an der Wand hin, mit Begier wachsend und sprühend. Bald war die Werkstatt zu einem Flammentempel geworden und nur einzelne Häupter der hellenischen Mythe ragten aus dem wogenden Feuerbrodem. Gar bald brachen die Flammen zu den Fenstern heraus und flutheten die sonnengebrannte Holzwand hinan und züngelten gegen die Erker des Söllers. Das Feuer krachte, brüllte, durchbrandete das Haus nach allen Ecken hin, und von allen Seiten kam es nun mit wilder Gewalt gegen den Söller gebrochen, wo der alte todte Mann saß, wo vor dem Bildnisse der Eos ein Häufchen Friedhofsknochen lag. Aladar blickte durch Rauch und Flammen noch hin auf des Vaters Angesicht. Mit einer blühenden Röthe hatte dieses des Feuers Widerschein übergossen. Da sprühten von dem Haupte des Todten plötzlich Strahlen aus -- wie Regenbogenstrahlen -- und es loderten die Locken, ein Gluthmantel schleuderte sich über den Leichnam, über den Söller, über das ganze Haus.
Wie versteinert, aber mit leuchtenden Augen stand der Jüngling unter der Eiche und sah den Opfertisch seines Erbes in unbeschreiblicher Herrlichkeit verlodern.
Leute aus dem Dorfe waren herangeschlichen, aber als sie den Leichnam verbrennen, als sie im rothen Scheine die Bildsäule unter dem Baume sahen, da zogen sie sich mit Entsetzen zurück.
Als der Mond aufging, war das Haus auf der Höhe bereits in sich zusammengebrochen. Aus den einstürzenden Bränden sprühten noch die Funkenschwärme, entfachte sich noch ein letztes Aufleuchten, und als der Morgen dämmerte und dort auf den Wipfeln des Tanns die Vögel zwitscherten, war Alles und auch der letzte Strunk zu Asche verzehrt.
Aladar suchte am Rande der Brandstätte, wo der Söller niedergebrochen war, nach Knochen. Er fand keine. Der Morgenwind fachte und wirbelte in der weißen Asche und trug manches Stäubchen hin über die Häupter der Tannen zum Aether empor.
Und als die Sonne aufging, blickte Aladar noch einmal in die Runde des Waldlandes, in das Wiesenthal mit den Weidenbüschen und dem Dörfchen. Und noch einmal richtete er sein überthautes Auge auf die Aschenstätte -- dann wendete er sich und zog davon.
Er zog durch schattige Wälder, er zog über Berg und Thal, er zog über Meere. Er zog gegen den sonnigen Mittag, um den Boden der Hellenen zu küssen.
Der Geldfeind.
Zwei Untergäuer.
An der Thorschranke, wo das Untergäu aufhört und das Obergäu beginnt, standen zwei wunderliche Gesellen. Der eine war ein behäbiger schrötiger Mann, der bis an die stämmigen blaubestrumpften Waden hinab einen grünen Rock trug und eine ziegelrothe Weste anhatte, an welcher mitten herab wohl über dreißig haselnußgroße Silberknöpfe funkelten. Um den Bauch spannte sich ein breiter Ledergurt, in welchem mit weißem Geschnüre allerlei Zierat und die zwei Worte „hohe Weid“ gestickt waren.
Unter dem niederen, aber breitdachigen Hut des Mannes hingen Strähne schon ein wenig grauender Locken über den steifen Rockkragen; die Nase sprang wie ein mächtiger Keil aus der derben Stirn herab, die sorgfältig rasirten Backen standen kräftig vor; alle Züge waren rauh, aber ausdrucksvoll, etwa wie die Gesichtsformen eines Marmorbildes, bevor sie der Künstler glättet.
Der zweite Geselle war ein schwarzer, etwa vierjähriger Stier mit massigen Gliedern, einem ungeheueren Haupte, an dessen beiden Ecken zwei kurze Hörnchen hervorstanden. Um diese Hörner war ein Strick geschlungen, den der Mann mehrfach um seine rechte Hand gewunden hatte, während die Linke einen tüchtigen Haselstock hielt.
So standen sie da und sahen einander an. Die großen pechschwarzen Augen des Stieres glotzten voll Trotz, die ungeheueren Nüstern pusteten stoßweise. Der Mann streichelte dem Rinde den steifen Nacken und die mächtige Fahne, die von dem Unterkinn bis zum Brustblatt zurückging; „sei gescheidt, Schwarzer, sei gescheidt und geh,“ sagte er gelassen, während er bei sich murmelte: „Hätte ich dich nur erst daheim in meinem Hof, du stetiges Rindvieh, ich wollt’ dich schon lehren, wer dein Herr ist!“
Aber als er nun den Strick anzog und mit dem Stock sachte an des Thieres Hinterbeine klopfte, um doch endlich durch die Wegschranke zu kommen, da zog der Stier sein Haupt ein und stieß ein dumpfes Gebrüll aus.
Auf diese Aeußerung verhielt sich der Mann wieder eine Weile ruhig, knirschte aber vor Zorn mit den Zähnen; eine solche Widerspenstigkeit war er nicht gewohnt. Er sah aber auch die Gefahr ein, die ein wildgewordener Stier bringen kann. So blickte er rathlos in die Runde.
Nichts als Heidekraut, Erlsträuche und Föhrenbäume.
Als jedoch die Beiden eine lange Weile vor der Wegschranke so gestanden waren, da kam die Richtung aus dem Untergäu ein Bursche des Weges. Die Kleidung desselben war ärmlich, aus blaugefärbter Grobleinwand; über den rothbraunen Locken trug er eine bunt gestreifte Zipfelmütze. Das runde Gesicht war noch bartlos, aber stark geröthet. Das Haupt tief nach vorn gesenkt, so daß die Zipfelmütze gerade emporstand, die beiden Hände in den Hosentaschen, so schlenderte der Bursche heran.
„He, Du!“ rief ihm der Mann im grünen Rocke zu, „geh’ her, hilf’ mir den Stier treiben!“
Der Zipfelmützenkopf hob sich empor.
Wer ist denn Der, daß er einem Fremden auf der Straße so mir nichts dir nichts Befehle giebt? Ich habe meines Wissens keinen Herrn, nunmehr gar keinen. -- Na, der Bauer von der hohen Weid! Ei, das ist was Anderes, der ist der reichste und angesehenste Mann im ganzen Gäu, und der höchste obendrein, denn der Hochweidhof steht auf dem Rochusberg und blickt hoch über alle Dachgiebel und über Berg und Thal hin in’s Land. So ein Mann kann freilich auf allen Wegen und Stegen sein herrisch „Geh’ her! pack’ an!“ sagen.
„Ja,“ rief nun der Bursche, „ich will schon helfen.“ Er brach einen Weidenzweig. „Mit dem Stock wird das Vieh nur wild, Hochweidhofer.“
Nun der Stier sah, es wären ihrer Zwei, änderte er sein Verhalten, ging ruhig durch die Thorschranke und zwischen den beiden Männern behäbig einher.
„Bist Du vom obern Gäu, daß Du mich kennst?“ fragte jetzt der Bauer.
„Nein,“ antwortete der Bursche, „den Hochweidhofer kennt man auch im untern Gäu.“
Da schmunzelte der Andere. Der Bauer von der hohen Weid war eigentlich ein Großhirt. An Feldfrüchten nur spärlich Halme wuchsen auf den Höhen des Rochusberges; aber ein paar hundert Stück Vieh hatten jahraus jahrein ihr gutes Fortkommen auf den fetten Weiden und sonnigen Almen. Nur wurde es, rein wirthschaftlich genommen -- und der Hochweidhofer nahm es immer so -- zuweilen nothwendig, daß Blut aus den unteren Gegenden in das Rindvieh kam, und darum war der Bauer auch heute herabgestiegen, um einen gesunden und kräftigen Zuchtstier heimzuführen. Er hatte einen solchen im Thale gekauft und dabei geglaubt, es würde auch so ein Rind vor dem Hochweidhofer etwas mehr Respect haben, als vor anderen Leuten; jedoch der Stier bedeutete nur zu bald, daß er weder auf Geld, noch auf Rang sehe; er benahm sich sehr störrig, und als sie an die Wegschranke kamen, die den untern Gäu von dem obern trennt, weigerte sich der Schwarze, wie wir sahen, entschieden, sein Vaterland zu verlassen.
Nun der Zweite da war, folgte er willig und den Bauern wurmte es nicht wenig, daß das Thier sich erst durch die Gegenwart eines stockfremden Jungen veranlaßt fand, zu gehorchen.
„Wo willst Du eigentlich hin und was willst Du verrichten?“ fragte der Bauer den neuen Gefährten.
„Ich helf’ dem Hochweidhofer den Stier treiben,“ war die Antwort.
Jener sah den Burschen näher an. Ein Junge von siebzehn oder achtzehn Jahren, gut gewachsen, frischen Aussehens, mit ein paar großen, nußbraunen Augen, die fest und treuherzig blickten; vielleicht verwahrlost ein wenig, aber sonst kein übler Bursche.
„Bist Du ein Knecht von irgendwo?“ fragte ihn der Bauer.
„Ich bin Herr.“
„Also ein Grundbesitzer?“
„Der Herr über mich selber.“
Der Bauer sah ihn noch fester an. Ist das Trotz, oder will er hänseln? Troll Dich davon, Du! wollte der Mann schon losfahren, aber er sah ein, er bedurfte des Jungen. Es war dem Herrischen nicht gar behaglich in Gesellschaft der beiden Trotzköpfe.
„Du -- wie muß man Dich heißen?“ sagte der Mann vom Rochusberge.
„Melchior.“
„Und -- Dein Schreibname?“
„Der gilt nichts mehr.“
„Jetzt möchte ich aber wissen, wo Du daheim bist!“
Ein wenig schwieg der Bursche auf diesen fast gebieterischen Ausruf. „Ist das schon das obere Gäu?“ fragte er hierauf.
„Seit der Schranke her.“
„So bin ich im obern Gäu daheim.“
Der Bauer wollte jetzt stillstehen, aber der Stier erlaubte es nicht, trottete seinen gleichen Schritt.
„Mich däucht, Du bist ein Vagabund!“ rief der Hochweidhofer dem Burschen zu.
„Mich däucht auch,“ war die Antwort. Hierauf fuhr der Nirgendsdaheim mit seiner Hand streichelnd über den Rücken des Thieres, über den ein hellgrauer Streifen ging. „Der Schwarze wird weiß,“ sagte er halblaut, „ist er nur erst ein Ochse geworden.“
„Ja, verstehst Du denn vom Vieh was?“
Das Gespräch wurde unterbrochen. Zwei Gerichtsdiener mit bespießten Gewehren führten einen jungen Mann vom Berge herab und an unseren Dreien vorüber. Der Gefangene war in guter und geschmackvoller Gebirgstracht und eine schwere, silberne Uhrkette gängelte an der Weste. Die Arme hielt er über der Brust gekreuzt, durch ein Stahlkettchen aneinander geschlossen. Den grünen Hut, auf welchem keck Gemsbart und Hahnenfedern prangten, hatte er vorn schier bis zur Nase herabgedrückt; das Gesicht war etwas blaß und hatte ein leichtes Schnurrbärtchen.
Der Gefangene hatte bei der Begegnung seinen Kopf sogleich beiseite gewendet, aber Melchior war stehen geblieben, hatte ihn angestarrt, bis er vorüber war. Ein wunderliches Gröhlen stieß der Bursche aus, dann stand er noch eine Weile still und blickte der Gruppe nach.
„Der Forstadjunct Kilian, kennst Du ihn?“ sprach der Hochweidhofer.
Der Bursche nickte mit dem Haupte, auf seinem Gesichte spielten Todtenblässe und Dunkelröthe.
„Der hat sich sicherlich ein paar schwere Rehböcke zu Schulden kommen lassen,“ meinte der Bauer, „war aber sonst ein ordentlicher Mensch.“
„O du verfluchtes, o du vermaledeites Geld!“ stöhnte der Melchior, dann ging er wieder hinter dem Stiere her und sagte kein Wort mehr, was der Bauer vom Rochusberge auch fragen mochte.
So waren sie einige Stunden mitsammen gegangen, waren durch Gesträuche und Wälder gekommen und endlich auf einer Hochblöße angelangt, von der aus man den ersten freien Blick in’s Land hatte. Die Gegend ist zumeist Wald- und Haideland; nur selten steht an den sonnigen Hängen oder in den Wiesenthälern ein Haus, dann aber liegt ein Kornäckerchen und ein Krautgarten dabei. Der Blick geht so weit, bis die Waldhöhen blau werden und endlich an sonnigen Tagen die Berge und die Wölklein nicht mehr von einander zu unterscheiden sind.
„Sooh, mein Schwarzer!“ rief der Hochweidhofer gedehnt, „wir sind daheim! das ist schon meine Wiese -- wenn’s gefällig!“
Der Stier ließ sich’s nicht zweimal sagen und hub an zu grasen.
„Halte den Strick dieweilen!“ sagte der Bauer zum Burschen, dann zog er eine große, rothlederne Brieftasche hervor, faltete sie langsam auseinander, blätterte in den Banknoten, während er in halb singendem, höhnischem Tone folgende Sprache führte: „Nu, wollen sehen -- mein vornehmer Herr Stromer, was sich findet --; sollst dem Bauer von der hohen Weid -- nicht umsonst -- nachgelaufen sein --.“
„Nachgelaufen bin ich nicht!“ sagte der Melchior.
„Je, nur nicht gleich so hitzig, Junge! -- sollst es nicht umsonst gethan haben -- wird morgen zwar -- vertrunken -- verspielt sein. -- Nichtsnutzig Volk, das! -- Lauft am hellen Werktag in der Lunger herum -- stiehlt dem Herrgott seinen Tag. -- Seh, da hast, das gehört Dein, Du Vagabund Du!“
Er hatte sich schon lange den Berg heran gefreut, wie er, des Burschen nicht mehr bedürftig, seine Meinung würde sagen können. Nun war’s heraus; aber auch eine noch nagelneue Zweiguldennote war heraus: „Seh, das gehört Dein!“
Der Bursche hatte dem Bauer gleichgiltig zugehört, ihn aber mißtrauisch angesehen. Als er nun die Banknote vor sich flattern sah, wendete er sich hastig weg und rief: „Nein, ich rühr’s nicht an, mein Lebtag nicht. Mein heiliger Gott wird mich hüten.“
Der Mann von der hohen Weid stutzte. „Nun, ist es vielleicht zu wenig?“
„Ich sag’ vergelt’s Gott!“ sagte darauf der junge Mann, „aber Geld nehm’ ich nicht. -- Hunger hätt’ ich!“
„Ei, das ist was Anderes. ’s ist keine halbe Stunde mehr bis zu meinem Haus, komm halt mit, und jetzt mach Dein Geld weg!“ Des Bauers Stimme war ein weniges milder geworden.
„Habt Ihr’s denn nicht gesehen, wie sie ihn davon getrieben?“ hastete der Bursche heraus, „ich nehm’s nicht! bei meiner Seel, ich nehm’s nicht!“
„Also, Du Bettelbub,“ versetzte der Bauer und stemmte seine Arme in die Seiten und streckte seinen Hals vor: „Du willst dem Hochweidhofer ein Almosen geben?“
Jetzt haschte der Andere nach der Geldnote und mit bebenden Händen zerfetzte er sie in viele Stücke.
Der Bauer starrte wunderlich drein und sagte kein Wort. Als er hierauf den Strick wieder in die Hand nahm, murmelte er: „Ja, wenn es so mit ihm steht, dann ist er freilich ein armer Teufel!“ Hierauf hob er seine Stimme zum Befehl: „Du kommst mit!“
Falsches Geld.
Der Hof auf der hohen Weid ist eine Almerei im Großen. Die silberweißen Schindeldächer des vielfältigen Gebäudes leuchten weit hinaus in die Gegend, sie sind von keinem Schutzbaume beschattet, sie liegen frei in einer sonnseitigen Mulde des Rochusberges. Im Hofe giebt es Schellengeklingel, Rindergebrüll und Ziegengeblök zu allen Tageszeiten. Wenn auch im Sommer große Heerden auf dem Hochboden und den Hinteralmen weiden, in Gegenden, die noch ein gut Stück höher liegen, als der Hof, so sind auch in diesem immer noch Kühe, Ochsen, Ziegen, Schafe und Schweine zur Genüge vorhanden, und ein prickelnder Duft, wie er zum Entsetzen der Recensenten häufig in Dorfgeschichten zu spüren sein soll, verleiht der großen Almwirthschaft erst den rechten Nimbus. Ein zahlreiches Gesinde, theils schläfrig, theils lustig, ist dem Viehstande beigemengt. Hinkende und bekropfte Schafhirten, alte, träge Ochsenwarte, aber auch flinke und ewig jodelnde Käserinnen, Buttermädchen, stets barfuß und hochgeschürzt und stets mit ihren Kühen und Kalben plaudernd, weil ihnen das Mannsvolk zu langweilig. Schuhe und Strümpfe tragen zur Sommerszeit nur die Großbäuerin und der Bauer und ihre zwei Söhne. Diese zwei Söhne sind junges, lustiges Blut; aber der Aeltere war so hoffärtig, daß er in die Stadt studiren ging; und der Jüngere ist seiner Schulzeit noch so nahe, daß er kaum erst den Katechismus wieder vergessen hat. Er beschäftigt sich viel mit Forellenfischen und Spatzenfangen, reitet den Ziegenbock, neckt die alten Kühe, bis sie ausschlagen, und ist somit dem Weibervolke auf der hohen Weid ein Gräuel.
Kein Wunder, die Langweile auf so einem Almhof, an dem keine Straße vorüberführt, auf dem man des Jahres außer den Viehhändlern kaum drei Fremde sieht. Gar kein Wunder, daß an diesem Tage, von dem wir erzählen, eine gewisse Stimmung des Hangens und Erwartens auf den Gemüthern lag. Der Stier kommt! Gestern ist der Bauer in das Untergäu gegangen, heute, längstens bis zum Nachmittagsbrot kommt der neue „Jodel“.
Die Stalldirnen fegten alle Spinnweben von den Winkeln, den Kehricht vor den Thüren weg, striegelten die Rinder glatt und sauber, und die Oberkäserin ging mit dem Gedanken um, zu Ehren des Ankömmlings einen Schottenkuchen zu beizen, der so groß wäre, wie ein Melkzuber.
Endlich, zur Stunde, als die Giebel des Gehöftes schon lange Schatten legten über die frischgemähte Wiese hinab, erhob sich eine lebhafte Bewegung, und Alles rief oder flüsterte: „Er kommt!“
Dröhnend und mit heftig hin- und herschlagender Halsfahne trottete der Stier raschen Schrittes in den Hof. Daß der Bauer mit dabei war, verstand sich von selber, aber daß auch noch ein Anderer -- -- ein junger, hübscher Bursche, manierlich über und über! -- Mit der Zunge hat er geschnalzt, als sie zum Thore hereinkamen. Jetzt hält er den Stier an den Hörnern, während der Bauer Anordnungen trifft. Will sich’s aber nicht recht gefallen lassen, der Schwarze, schnaubt und pustert und plötzlich macht er einen Sprung. „Laß aus, laß aus!“ rief man dem Burschen zu, aber dieser läßt nicht ab von den Hörnern, wird mit fortgeschleift. Das Weibervolk kreischt auf, ruft den Namen Jesu an; da läßt der Bursche mit der Rechten los, ballt sie zur Faust und versetzt dem wilden Rinde einen Schlag hinter dem Auge. Der Schlag war weit zu hören, der Stier stand still, wendete langsam das Haupt; es war ihm nicht wohlgemuth. Sie standen wieder ruhig beisammen. Das Heer der Knechte nahte. Die Butter-Toni war gar ein weichherzig Mägdlein, die wäre für ihr Leben gern dem jungen Menschen zugesprungen, um ihn zu fragen, ob er sich wohl nirgends weh gethan; aber ihre Scheu vor dem Schwarzen war doch zu groß. Erst als der Stier in seinem Stalle war, kam sie mit Nadel und Zwirn herbeigerannt, um dem Fremdling das Beinkleid zu schlichten, das am Knie einen großen Riß bekommen hatte. Der so freundlich erwartete Stier aus dem untern Gäu hatte die Zuneigung der Bewohnerschaft von der hohen Weid verscherzt; hingegen war dieselbe im vollen Maße dem tapfern Fremden zugefallen, der nun in die Gesindestube geführt wurde, wo ihm der Hausvater reichlich zu essen auftragen ließ.
Durch die Thürfugen, durch die Fenster guckten die Mägde in die Stube, um den jungen Mann sitzen und essen zu sehen, bis der Bauer plötzlich den Ruf that: „Sakra! heißt das arbeiten?“ Da zogen sich die Augen zurück.
Jetzt ging die Thür auf, ein langer, hagerer Mann trat ein und sagte mit heiserer Stimme: „Glück herein, Unglück hinaus, der Herrgott beschütze dieses Haus!“
„Dank’ schön, dank’ schön,“ versetzte der Hochweidhofer und wendete seinen Kopf zum Fenster hinaus. Den alten Hirtengruß hörte er gern, aber den Mann, der ihn jetzt gesprochen hatte, mochte er nicht recht leiden.
Der Eintretende sah aber auch nicht just danach aus. Er hatte mattgraue Tuchkleider am Leibe, die aber schon recht abgetragen und an allen Enden zu kurz und schlottrig waren. Der obere Theil der Gestalt war stark nach links geneigt, so daß der dünne, schlanke Mann aussah wie ein geknickter Zaunpfahl. Die rechte Achsel war emporgezogen und auf derselben lehnte der kleine Kopf, der mit seiner niedern, breiten Stirn und dem scharfspitzigen Kinn eine dreieckige Form hatte. In diesem Dreiecke waren für’s Erste zwei wassergraue schielende Aeuglein, eine scharfe, aber zu kurz gerathene Nase mit weiten Nüstern, und ein erklecklich breiter Mund, an dem die Oberzähne so weit hervorstanden, daß sich die Unterlippe bequem hinter denselben bergen konnte. Zuckend hob der Mann den Arm, um seine braune Pelzmütze abzuziehen, denn artig war der Remini Dreihand immer, und die braune Pelzmütze trug er auch immer; diese war so zu formen, daß sie entweder ein Sonnendächelchen für das Auge, oder zur Winterszeit ein paar Schutzlappen für die Ohren gab.
So schlich der Remini nun durch die Stube, auf den Bauer zu, legte diesem eine Hand auf die Achsel und sagte gedämpft, aber hastig: „Hochweider! Hochweider! ’s ist schauderlich -- ’s ist gar zum Närrischwerden!“
„Was denn?“
„Ach, ’s ist schauderlich! -- Meine Mutter, wenn sie das gewußt, richtig, sie hätt’ mich mitgeschickt in die neue Welt hinüber. Und jetzt -- Hochweider! -- ist mir da in der alten herüben das passirt, ~Das~, und ~mir!~ mir, dem guten, armen Remini, der ohnehin nicht weiß, wovon er leben soll in seinen alten Tagen --“
„Ei, geh mir!“ unterbrach ihn der Bauer, „Du bist das alte Klageweib, heut, wie immer, Du hast zu leben genug.“
Der geknickte Zaunpfahl schwieg einen Augenblick. Dann kramte er mit zitternder Hast in seiner Brusttasche. -- „Hochweider,“ hub er wieder an und wickelte einen neuen Zehnguldenschein hervor, „Hochweider, hast schon einen falschen Zehner gesehen? -- Nicht? -- nu, da kann ich aufwarten; -- ist nett gemacht, nicht wahr? -- nett, fein --“; dann brach er los: „Fünf schwere Thaler hab ich ihm dafür gegeben, dem Lumpen, dem Schurken! -- Und ich verliere mein gutes Geld, der Wisch ist falsch! Schau einmal, Hochweider, was das für ein Wasserdruck ist; mit Sauschmer ist er gemacht. -- Aber heut’ haben sie den Fuchs aus dem Loch gezogen; weiß der Himmel, wie lange er’s schon getrieben!“
„Ja, wer denn? wer denn?“ rief der Bauer, „das ist ja ein ganz verrücktes Schwätzen!“
„Den Herrn Forstadjuncten Kilian Ehrlich haben heut’ die Schandarm’ abgeholt. Hochweider, einen Falschmünzer haben wir mitten unter uns gehabt. Aber ich sag’s, wenn er gehenkt wird, da laß ich mir was kosten, da muß ich dabei sein. Na ja, jetzt weiß man, wo die vielen nagelneuen Banknoten herkommen. Schau nach, Hochweider, ’leicht hast Du auch ein paar in Deinem Sack.“
Der Bauer fuhr gegen seine rothe Brieftasche, ließ sie aber im Rock stecken und murmelte: „Ich nicht. Der Bauer von der hohen Weid kennt sein Geld.“
Gut so, der Mann von der hohen Weid giebt sich nie eine Blöße, am wenigsten noch vor einem Menschen, wie dieser Remini Dreihand. Der Geizhals soll nicht die Freude haben, den Großmann des Berges auf der Stelle um ein paar Dutzend Gulden ärmer werden zu sehen.
Erst als der Geknickte mit weinerlichem Gesichte seine falsche Banknote mit derselben Sorgfalt wieder eingesteckt hatte, als wäre sie eine echte gewesen, und als er hierauf klagend wieder davongeschlottert war, ging der Bauer in die Stubenecke, in welcher neben dem letzten Fenster der braune Uhrkasten stand, und sichtete seine Banknoten. „Sakra, sakra!“ rief er plötzlich, „eine ganze Kuh ist hin! Fünf falsche Zehner!“
In zwei Minuten darauf war er wieder der Alte, schritt langsam gegen den Tisch und rief: „Nun, Herr Landstreicher, schmeckt’s nicht?“
Der Melchior hatte Messer und Gabel längst aus der Hand gelegt. Schon der falsche Zehner des Remini Dreihand hatte ihm den Appetit verdorben. Seitdem war er bewegungslos und blaß dagesessen.