Das Buch der Novellen. Erster Band

Part 11

Chapter 113,816 wordsPublic domain

„Gott vergelt es, ich bin satt,“ sagte er und stand auf, „aber ich wollt fragen, Bauer, könnt Ihr mich in Euren Dienst nehmen?“

Der Hochweidhofer maß den Burschen vom Kopf bis zum Fuß, und zwar mit einer hochfahrenden Kälte, als wäre er ein alter Recrutenrevisor. -- Gefällt mir übrigens von Dir! -- tauglich! wollte er schon sagen, anstatt dessen entgegnete er langsam und trocken: „Der Bauer auf der hohen Weid nimmt Keinen in seinen Dienst, den er nicht so gut kennt, wie seinen Thürstock da, Keinen!“

„Mein Tauf- und Heimatschein liegt beim Müller im Untergäu,“ sagte der Andere, „ich bin die Zeit her beim Müller gewesen.“

„Wird beim Müller im Untergäu das Dienstjahr zu Jakobi aus?“ fragte der Bauer scharf.

„Beim Müller nicht, aber bei mir,“ antwortete der Bursche, „der Müller hat mich an der Ehre beleidigt, da bin ich ihm davongegangen. Ich bin ein ~ehrlicher~ Mensch, und wenn Ihr mich aufnehmt, Bauer, so mögt Ihr mir die schwersten Arbeiten schaffen, mögt mich scharf behandeln wie Ihr wollt, aber das merkt Euch, ~ich bin ein ehrlicher Mensch~!“

Mit gehobener Stimme, fast drohend waren diese Worte gesprochen worden; der Sprecher hatte dabei die Fäuste geballt.

„Hm, hm,“ meinte der Bauer kleinlaut, „das laß ich ja wohl gelten. Mußt ihn nicht gleich so aufnehmen, meinen Landstreicher.“

„Der bin ich auch, und bin es so lang’, bis ich Arbeit gefunden hab’. Zum Müller bringen mich vier Rösser nicht mehr zurück.“

Der Hochweidhofer ging langsam in der Stube auf und ab und hielt die Hände am Rücken. Er trat fest auf, daß die Dielen knarrten. Dieser fremde Junge wollte Recht behalten vor ihm, dem Mann von der hohen Weid! Konnte er so Einen in seinem Hause dulden? Aber der Mensch schien einen Kern in sich zu haben; und lauter Hundsfötter im Gesinde, das thut auch kein gut.

„Weißt Du was, Melchior,“ sagte der Bauer und blieb vor dem Burschen stehen, „wir machen dieweilen noch nichts aus. Bleib’ Du ein paar Tage auf der hohen Weid. Gefall’ ich Dir und gefällst Du mir, dann spannen wir auf weiteres an. -- Ist Dir das recht, so paß jetzt auf. Du und der neue Stier, Ihr seid zwei Bekannte, Du sollst den Schwarzen heut’ noch auf die Hinteralm führen. Der kleine Bub wird Dir treiben. Bei dem Sennermägdle auf der Hinteralm wirst Du über Nacht bleiben. Morgen wirst Du den Stier an die Heerde lassen und so lang dabei bleiben, bis Du siehst, er ist angewohnt. Nachher kommst wieder heim.“

Kommst wieder heim! Das Wort hat dem Melchior wohlgethan.

Das Andenken in der Zipfelmütze und das Sennermägdle.

Der Schwarze hatte dieweilen auch sein Willkommbrot genossen. Als hierauf die kleine Karawane gerüstet war, schoß noch die flinke Butter-Toni herbei und steckte dem Melchior kichernd ein weißes Päckchen in die Hand. Seine Zipfelmütze war’s, die er bereits vermißt hatte; sie war vorhin im Kampfe mit dem Rind in den Wust gefallen und mußte gewaschen werden. Als sie der Bursche nun über den Kopf ziehen wollte, fand er ganz hinten im Zipfel ein schwammiges Dingelchen. Was kann denn da drin stecken? Ein niedliches Lebkuchenherz und ein papiernes Bildchen darauf, und auf dem Bildchen ein goldenes Körblein, und im Körblein ein Nest von rothen Rosen und in den rothen Rosen ein Liebespärchen, das sich die Hand reicht, und darüber die Worte gedruckt:

„Zu einem treuen Angedenken Will ich Dir mein Herzlein schenken.“

Da wollte sich des Burschen Gesicht schier zu einem Lächeln ziehen; er blickte um sich, sah kein Mägdlein, hörte aber Kichern im Gestalle.

Der kleine Bub, der als Treiber ging, war gewiß noch nicht zehn Jahre alt, aber er hatte einen so großen Filzhut auf dem Haupte, daß er das kleine Gesicht sehr hoch empor halten mußte, wollte er aus der ungeheueren Krempe hervor den schwarzen Stier und den blauen Knecht mit der Zipfelmütze noch sehen.

So zogen sie die Höhe hinan, über die Steinhalden und Grasblößen dahin, die schönen Matten des Hochboden entlang bis gegen die Hütten der Hinteralm. Der Kleine war Wegweiser. Sie hatten unterwegs manchen Strauß zu bestehen.

Dort und da waren in einem Schocke Rinder beisammen, die sich sehr für den vorüberziehenden Blutsfreund interessirten. Der Schwarze selbst wollte mit den Standesgenossen anbinden, und besonders, wo er Kühe und Kalben wahrnahm, da wollte er zu ihnen, oder er war kaum vom Flecke zu bringen. Die kräftige Hand Melchior’s gehörte dazu, um ihn zu bändigen, und der kleine Junge schlug stets einen solchen Lärm sowohl mit seiner Riemenpeitsche als auch mit seiner hellen Stimme, daß das Rindvieh ordentlich Respect davor bekam.

Endlich sahen sie die Hütte, aus welcher dünner Rauch in die Abendluft aufstieg und in welcher Melchior bei dem Sennermägdle übernachten sollte.

Es wurde dem Burschen ganz seltsam auf dieser Höhe; da war’s so still, so weit, so frei. Seine Glieder waren munter, sein Herz war andächtig und übermüthig zugleich.

Vor der Hütte weideten einige Schweinchen; am Brunnen trank eine betagte Kuh, im Hollerstrauch daneben schäkerten ein paar Ziegen. Die Hüttenthür war offen, aber die untere Hälfte derselben war durch einen Gadern gesperrt, auf daß die vorerwähnten Thiere nicht freien Eintritt hatten in die menschliche Behausung, in welcher das Sennermägdle wirthete.

Der Melchior lugte schon von weitem auf die Thür. Er sah innerhalb derselben in der Dunkelheit und dem Rauch des Herdfeuers eine Gestalt stehen, die gemächlich den Stab eines Butterrührkübels auf- und niederzog und dabei ein Pfeifchen schmauchte. Das Gesicht war runzelig und gar verdorrt, die kurzgeschorenen Haare waren dünn und grau. Die Dreie nun bemerkend, ließ diese Gestalt den Rührstab ruhen und machte einen langen Hals, der rechtschaffen gebräunt und an dem die Adern wie ein Knäuel rauher Stricke ineinandergingen.

„Gelt, Nickerl, es wohnen mehr Leute in der Hütten als Einer?“ fragte Melchior den Knaben.

„Nein,“ antwortete dieser.

„Wer ist denn nachher das, was dort Butter rührt?“

„Das ist das Sennermägdle.“

Der Bursche schwieg, that aber einen so heftigen Ruck an dem Strick, daß ihn der Schwarze fragend anglotzte, was er doch schon wieder mißgangen haben könne?

„Mägdle, der neue Stier ist da!“ rief der Nickerl. Da kam denn die Gestalt mit den kurzgeschorenen Haaren und dem Tabakspfeifchen sofort herangetrippelt, und ihr Anzug, ein grauer, schwarzgestreifter Wiflingkittel mit der gleichfarbigen Schürze und dem einmal blau gewesenen Busentuch ließ keinen Zweifel mehr übrig: es war ein Weib, es war das Sennermägdle.

Der Stier wurde in eine bereitete Klause gethan und mit Bocksbart und Süßklee gefüttert. Der Nickerl war wieder davongehüpft, und man hörte ihn über die Almen hinaus lange noch lärmen; der Kleine suchte die Gespenster, vor welchen er sich in der Nacht fürchtete, durch helles Geschrei zu vertreiben.

Der Melchior saß völlig schwermüthig vor dem dürftigen Herd, auf welchem ihm das „Mägdle“ das Abendbrot kochte. Als sie die „Mehlspatzen“, die sehr fett waren, verzehrt hatten, ging die Alte den Burschen an um ein Pfeifchen Tabak.

„Weibel,“ entgegnete Melchior treuherzig, „ich hab’ meiner Tag nicht geraucht.“ Er redete weiters nicht viel, aber Eines ging ihm nicht aus dem Sinn; das Ding war auch ganz unerklärlich, es war gar nicht zu lachen darüber, es war geradezu ein Unding, ein neues Unding in seiner Welt. Das kleine Köpflein sah ja schier kahl und gerupft aus. Er war sonst nicht neugierig, aber nun that er doch den Mund auf: „Ist es des Herdfeuers wegen, daß Ihr Euch die Haare habt schneiden lassen?“

„Was brauch ich denn die Fetzen!“ fuhr sie ihn an; bald aber setzte sie, wie selbstgefällig, grinsend bei: „Ich verkaufe mein Haar!“

„Verkaufen!“

Der Melchior war von seinem umgestülpten Milchzuber aufgesprungen. „Geld und wieder Geld!“ rief er, und im Munde kaute er die Worte herum: „Herr je, was muß die nicht schon Alles verkauft haben, wenn die paar armseligen Haarweben nicht mehr sicher sind auf ihrem Schädel!“

„Wie sagst?“ fragte die Alte.

„Ist schon recht,“ sagte der Bursche.

„Mein Gott, wo nähm’ unsereins sonst das Tabakgeld?“

„Ist schon wieder recht!“ rief der Melchior, „Sennin, ich möcht schlafen gehen!“

Auf dem Dachgeschoß der Klause, in welcher der Stier seine Nachtruhe hielt, lag frisches Heu; da hinein warf sich der Bursche aus dem Untergäu und streckte die Glieder weit von sich.

Geld! im Untergäu das Gift, im Obergäu das Gift -- überall! -- Mich bringst du nicht um, ich bin ehrlich, so steht’s in meinem Taufschein -- und ich will’s verbleiben. Du kleines Ledertäschlein da, von meinem Pathen hab’ ich dich, für Geld wärest du gemacht. Nicht einen Pfennig kriegst mir hinein. Wart einmal, sollst nicht leer bleiben -- sollst es gut haben -- so!

Das Lebzeltenherz steckte er in den Geldbeutel. Dann barg er diesen tief in seinen Hosensack, dehnte sich noch einmal im weichen Heu und schlief ein.

Das Gegröhle der Schweine war es am andern Morgen, das unsern Melchior zu dem herrlichsten Alpensommertag erweckte. Der Bursche hatte nur einige Rispenhälmchen aus seinen Hosen und Haupthaaren wegzuzupfen, dann war er angekleidet und herausgeputzt. Kaltes Brunnenwasser goß er sich noch in das Gesicht und eine warme Molkensuppe in den Magen, dann war er bereit.

Er ging mit der Heerde auf die Weide. Es waren lustige Kühe und flinke Kalben da, und der Schwarze war Lebemann. Melchior sah es gleich, daß sich der Untergäuer hier nicht langweilen werde; er hätte denn sofort in das Gehöfte zurückkehren können. Allein auf der sonnigen Matte war es so wohlig zu liegen, die Augen zu schließen und dem Glockengeschelle zuzuhören. Er that’s und dachte dabei an das Lebkuchenherz, das er in seiner Geldtasche trug, dachte an die kleine Magd, die ihm das Ding zugesteckt hatte. Sie hatte ein kurzes rothes Kittelchen an und gelbe Haare auf dem Kopfe, das war Alles, was er von ihr wußte. Und es war genug, häufig genug. Er riß die Augen auf und sah in die Heerde hinein.

Dort nicht weit stand ein Wassertrog, der war aus Föhrenholz, es klebte noch die dicke, gefurchte Rinde daran. Melchior ging zum Troge, trat mit der Schuhferse ein Stück Rinde davon und begann mit seinem Taschenmesser an diesem Stücke zu schnitzen.

Er schnitzte, murmelte, pfiff, sang dabei Schelmenlieder aus dem Untergäu. Und endlich war das Ding fertig. Er hub es mit der rechten Hand ein paar Schuh weit von sich in die Luft hinaus, drückte ein Auge zu und mit dem andern lugte er so d’rauf hin. Gut gerathen war’s, ein Vögelchen spitzte die Stoßfedern, hob das Köpfchen, sperrte das Schnäbelchen auf. Ja, so schnitzen aus Föhrenrinden, das hat er schon als Knabe gelernt, das bringt Keiner so zu weg, wie der Melchior. Aber die kleine Magd mit dem gelben Haar, wird sie ihn schließlich nicht gar ausspotten, daß er ihr für das nette Lebkuchenherz nichts zu bieten weiß, als so ein hölzernes Dingelchen da? Sie kichert und lacht so gern, das hat er schon gesehen... Sie soll aber nicht kichern und lachen über ein Andenken, das ihr Melchior giebt, sie soll sehen, wie tief in’s Herz hinein ihn ihr Lebkuchen gefreut hat, sie soll merken, wie er das Lebkuchenherz verstanden hat, sie soll wissen --

Was nur soll sie wissen?

Der Melchior hat an seiner Halsschnur ein messing Marienbildchen und ein silbernes Ringlein hängen. Das Marienbildchen hat er von seiner Mutter -- Gott schenk’ ihr die himmlische Freud’. Das Ringlein hat er von einem frommen Kapuziner, der einmal mit einer großen Blechbüchse in’s Haus gekommen ist und dem die Mutter um Gotteswillen einen schweren Klumpen Rindschmalz in die Blechbüchse gelegt hat. Der Pater hatte mancherlei Schätze bei sich und aus Dankbarkeit für den Klumpen steckte er dem Knaben ein funkelndes Silberringlein an den Finger. Der Finger war bald zu groß gewachsen, da kam der Ring an die Halsschnur.

Der Melchior dachte daran, nahm seinen geschnitzten Vogel wieder zur Hand und schlitzte ihm den Bauch auf. Eine tiefe Spalte nämlich schnitt er in das hölzerne Thier; dann that er das Ringlein von der Schnur, rieb es ein Weilchen an der blauen Leinwandhose, bis es in der Sonne wie Gold funkelte, that es dann in den Spalt und verklebte diesen sorgsam mit Splitterchen.

„Jetzt, Rothkröpfel, ist auch ein Herz in dir!“ rief er lustig, „jetzt bist schon recht für die Rothkitteldirn!“

That das Vöglein in seinen Hosensack, rief der grasenden und scherzenden Heerde zu: „Viel Glück auf der Hinteralm und stoßt euch kein Hörndel ab und -- das Sennermägdle, das laß’ ich von weitem schön grüßen!“ und ging davon.

Ueber die stundenlange Schneide des Rochusberges ging er hinaus.

Hier auf der Höhe -- wo ihm nicht der geizige und nergelnde Müller mit seinem ewigen Brummen und Befehlen zur Seite war, wo er seine schlanken Beine einmal fest und sicher in den Boden setzen, seine hohe Brust einmal ordentlich hervorkehren, sein Haupt einmal keck in die Höhe heben konnte, wo er seinen klaren Augenblick einmal trotzig, lebensfreudig in’s Weite schießen lassen wollte, wo jeder Athemstoß ein Jauchzen wurde -- machte er Halt. „Es ist Platz für mich, und wenn ich einmal doppelt werde, Platz genug!“ -- da hätte man’s sehen können, was der ganze Bursche für ein prächtiger Kerl war.

Das dünne, weiche Leinenkleid that nichts dagegen, daß man seinen drallen, echt älplermäßigen Gliederbau durchaus kennen lernen konnte; zudem stand zu vermuthen, daß der Melchior gar kein Hemd anhatte. Die Hände hielt er stets in den Hosentaschen; in der rechten hielt er das Beutelchen mit dem Lebkuchenherz, in der linken den Vogel. So schlenderte er fürbaß und der weißrothe Haubenzipfel schlug am Nacken bei jedem Schritte wie ein Pendel hin und her.

Je näher der Bursche aber gegen den Hochweidhof kam, desto mehr verging ihm die Lustigkeit. Unter den Menschen war er wieder der arme Schelm. Und vielleicht hat es der Bauer schon erfahren, weß Stammes und Namens er, der Melchior, ist und wird ihn gleich aus dem Hause weisen. Die Menschen gehen alle nach dem Schein, alle! Der Bauer von der hohen Weid, sagt man zwar, der gehe schnurgerade der Nase nach und dem Kern zuleibe. Dann freilich wär’s gewonnen. -- Heute oder morgen muß der Melchior doch den Mund aufmachen, will er auf der hohen Weid verbleiben. Heute ist’s besser als morgen.

„Nu, Melchi, wie steht’s auf der Alm?“ fragte der Bauer sogleich, als der Bursche vor sein Auge trat.

„Könnt’ gar nicht besser stehen,“ antwortete der Melchior.

„Was schafft das Sennermägdle?“

„Nicht einmal scheu ist er worden,“ sagte der Bursche.

„Wer?“

„Der Stier.“

„Vor wem?“

„Vor der alten Vettel.“

Jetzt that der Bauer einen ganz gewaltigen Lacher. „Bist ein rechter Sakra, Du!“ rief er, dem Burschen die flache Hand auf die Achsel werfend, „ein Höllsakra übereinand! Und nun schau, daß Dir die Bäuerin Dein Mittagsmahl giebt, die Leut’ haben schon abgegessen. -- Hast denn noch was auszurichten?“

„Bauer,“ sagte nun der Untergäuer stockend, „meine Mutter hat fort gesagt, wenn das Herz voll ist, so hat im Magen nichts Platz. Mir gefällt’s schon auf der hohen Weid und ich möcht was reden mit Euch, aber ganz allein.“

„Mit mir was reden willst? Lug einmal, Junggesell, seit wir Zwei uns kennen, giebst Du mir ja einen Befehl um den andern! Willst Du was reden, so hast mich fein zu fragen, ob ich was hören will. Nu, für ein andermal. Kannst jetzt mit mir gehen.“

Er führte den Burschen über eine Stiege in eine rückseitige Kammer empor. Hier hingen, lehnten und lagen allerlei Werkzeuge, Messer, Hacken, Sägen, Feilen, Bohrer und andere Dinge, deren Zweck gar nicht zu errathen war. Des Bauers Werkstatt, in der er die Halsjöcher seiner Ochsen zimmerte, die Melkzuber und Milchbutten band, die Haarstriegel schärfte, die Messer schliff, mit denen den Rindern die Hörner und die Klauen beschnitten wurden, und allerlei andere Dinge schuf und verrichtete, die in der Wirthschaft nöthig waren.

Der Bauer setzte sich nun sofort auf die Hanselbank, zwängte einen Balken unter den hölzernen Haltkopf, begann mit einem Reifmesser daran zu schneiden und sagte: „Melchi, jetzt kannst was reden mit mir.“

Der Bursche setzte sich auf einen Ahornblock, schlug mit den Händen auf die Oberschenkel, daß es klatschte, zuckte die Achseln und stieß das Wortlein: „Ja!“ heraus. Dann schwieg er und trampelte mit den Schuhen.

Der Hochweider schnitt gelassen an seinem Balken.

„Bauer,“ sagte nun der Melchior kleinlaut, „möcht Euch sagen, wie’s mit mir steht. ’s ist eine schwere Sach’, weiß nicht, wo ich anfangen soll. Mein Vater, der ist im Gefängniß gestorben, weil er sich unredlich Gut zugelegt hat; meinen Bruder haben die Gendarmen weggeführt, weil er Banknoten gefälscht; mich hat der Müller im Untergäu verjagt, weil ich kein Schurke hab sein wollen; seht, das ist meine ganze Geschichte.“

Der Bauer hatte beim „Schurken“ sein Messer still gehalten. Nun schnitt er wieder; als er aber sah, der Bursche wollte nicht mehr weiter reden, blickte er mit scharfem Auge auf: „Der paar Worte wegen hast mich über die Stiegen herauf gehetzt?“

„Habt Ihr den Ehrlich-Schmied vom Untergäu gekannt, Bauer?“

„Den ~Alten~ noch, hat mir ja im Eismonat meine Ochsen beschlagen, wenn ich Fuhrwerk im Thal gehabt!“ sagte der Hochweider, „hat seinen Namen nicht umsonst getragen, ist ein Ehrenmann gewesen.“

Der Melchior stieß einen tiefen Athemzug aus der Brust. -- „Ah!“ sagte er sich aufrichtend, „jetzt Bauer, jetzt red’ ich mich leichter. Der Ehren-Schmied, der alte, von dem Ihr da sagt, der ist mein Großvater gewesen. Als so ein Bübel bin ich noch auf seinem Knie gesessen. Alle Leut’ haben mich den Ehren-Schmied-Buben geheißen, in der Schul’ bin ich der Ehren-Schmied-Melchi gewesen, wir haben uns ja auch Ehrlich geschrieben. D’rauf, wie mein Vater die Wirthschaft übernommen hat, ist’s abwärts gegangen. Meine Mutter, die ist gut gewesen, rechtschaffen gut, sie hat mehr an die Armen verschenkt, als es hätte sein sollen, und das hätt’ sie doch nicht thun sollen, daß sie von der Wirthschaft heimlich Korn und Speck und Fleisch verkauft hat. ’s ist bitter für mich, zu sagen, der paar Groschen wegen ist’s ihr zu thun gewesen. Wie das Sprüchel sagt: das Weib kann mit der Schürze mehr aus dem Haus tragen, als der Mann mit dem Erntewagen einfährt. Ganz und gar sind wir verarmt. Mein Vater ist mit traurigem Gesicht im Hause umhergegangen, die Arbeit hat ihm nicht mehr schlaunen wollen; wär’ sie schon umsonst, so hätt’ er keine Freud’ mehr zu ihr. Ein Terno in der Lotterie gewonnen, könnt’ wohl noch retten! Hat viel simulirt, mein Vater, wie er nur wieder zu Geld kommen könnt’. Da ist einmal ein mühseliger Hausirer in unserm Hause über Nacht geblieben, in derselben Nacht erkrankt und so hat mein Vater den armen Mann, um den sich sonst Niemand hat wollen annehmen, unter seinem Dach behalten und meine Mutter hat ihn wohl um Gotteswillen fleißig gewartet. Nach vier Monaten ist der alte Mann bei uns gestorben. In aller Still’ haben wir ihn auf den Kirchhof getragen, wie ein Bettelmann schon begraben wird. D’rauf, wie mein Vater das Sterbebett aus dem Stübel tragen will, findet er im Strohsack in ein blaues Tüchlein gewickelt -- Geld. Ich, der junge Bub, hab’s erst viel später erfahren, es sollen an die neunzig Gulden gewesen sein. Jetzt Hochweider, wenn Einen die Gnad’ Gottes jah verläßt!... Baargeld! Wer hätt’ so was beim Bettelmann gesucht? Wer frägt danach! Keine Schrift, kein einzig Wort ist laut. Und die Krankenpflege hat Müh’ gemacht und die Kost und die Medicin hat Geld gekostet, wie kann’s denn eine so große Sünd’ sein, die kleine Baarschaft da in aller Still’ für’s Haus zu verwenden! -- So wird’s meinem Vater halt in den Kopf gekommen sein. Auf das geht eine Weile hin, steigt der Gerichtsdiener in die Ehren-Schmiede. Ja, der ist wohl auch sonst zuweilen gekommen, aber diesmal wird mein Vater todtenblaß. Er muß vor’s Gericht, muß sich ausweisen, was es mit dem Gelde ist, das er im Strohsack des Hausirers gefunden! -- Eine Magd in unserm Haus, die dahinter gekommen, hat’s verrathen; mein Vater hat auf das erste Wort Alles gestanden, er hätt’ nicht vorgehabt, den Fund beim Amte anzuzeigen, hätt’ ihn für die Mühen und Auslagen im Haus behalten wollen. Jetzt, Hochweider, haben sie den Ehren-Schmied eingesperrt.“

Diese letzten Worte hatte der Melchior nur so vor sich hingemurmelt und hatte dabei stark mit den Schuhen auf den Fußboden geklopft. Seine Wangen waren hochroth, seine Augen blinzelten und richteten sich zu Boden. Der Bauer von der hohen Weid saß ruhig auf seiner Hanselbank und schnitt und hobelte und hielt den Balken wagrecht vor sein prüfend Auge hin, ob er wohl schon gleich und glatt genug sei.

„Mit dem Andern,“ sagte der Bursche jetzt, „will ich warten, bis Euer Holz fertig ist, Bauer.“

Da ließ dieser von seiner Arbeit ab und versetzte: „Wie Du siehst, bearbeite ich das Holz mit den Händen und nicht mit den Ohren.“

„Der Ehren-Schmied-Sohn muß es leiden, ~wie~ man ihm zuhört,“ sagte der Melchior und schlug wieder auf seine Schenkel. „Mein Vater, der ist nach wenigen Wochen im Gefängniß gestorben, nicht lange darauf auch meine Mutter. Die Schmiede ist in fremde Hände gekommen. Meinen älteren Bruder, viel gescheidter und anstelliger als andere junge Leut’, hat der Oberförster Tarnwald zu sich genommen. Der Kilian, hat es geheißen, hätt’ lieber studiren und ein Baumeister oder Maler werden sollen, er hat manchmal allerhand so Zeichnungen gemacht. Um mich, den einfältigen und noch kleinen Jungen hat sich Niemand kümmern wollen und Verwandte wissen wir in der ganzen Gegend keine aufzuweisen. Da hat mich der Müller genommen. Beim Müller hab ich gezogen wie ein Ochs, getragen wie ein Esel, sieben Jahr’ lang. Das ist auch in der Ordnung gewesen, ich hab’ meine geraden Glieder und ich will gern arbeiten. -- Da geht Euch vor etlichen Tagen auf einmal das Gerede, die neuen, falschen Banknoten, die in der Gegend umliefen, hätt’ der Forstjung Kilian Ehrlich gemacht! -- Keiner hat gefragt, ob’s wahr, Jeder hat’s geglaubt auf’s erste Wort. Ehrlich! haben sie geschrien und hell gelacht -- die braven Ehren-Schmiedleut! Das Weib hat den Mann bestohlen, der Mann hat den armen Hausirer ausgeraubt, der Sohn ist ein Fälscher geworden -- ist eine nette Bande. -- -- Die Ehrabschneider! die Teufelsleut’!“ Die Worte blieben dem Burschen im Halse stecken, seine Fäuste bebten auf den Knieen und der Hochweider, der nur so hinblinzelte auf sein Gesicht, sah das schäumende, knirschende Antlitz eines Rasenden.

„Und ganz recht haben sie,“ sagte später der Melchior scheinbar ruhig, „der Wahrheit kann man nicht auf den Mund schlagen. -- Nur daß Ihr’s wißt, Bauer, wie wir zugrunde gerichtet sind. -- Und --“ jetzt sprang er auf, „das verfluchte ~Geld~ ist Schuld an meiner Mutter, an meines Vaters, an meines Bruders Verderben. Und gestern, wie uns der Kilian zwischen den Gendarmen unten an der Leuten begegnet ist, da hab’ ich bei mir den Schwur gethan: ~mein Lebtag nicht einen Heller will ich haben von dem vermaledeiten Geld, das die braven Leut’ umbringt~!“

Der junge Mann schlug sich die beiden Hände in das Gesicht und kam in ein Schluchzen, das den ganzen Körper schüttelte.

Der Hochweidhofer erhob sich langsam und sagte, „Melchi, Du bist ein braver Bursch! Dich wird auch das Geld nicht verderben, wenn Du nur erst eins hast.“

„Wie der Will,“ fuhr der Melchior dazwischen, „den Geldleuten, den Rechtschaffenen, wie den Lumpen, allen will ich zeigen, wie man ohne einen einzigen Pfennig in der Tasch’ durch die Welt kommen und der Ehrlich bleiben kann. Und die Untergäuer sollen sehen, daß das Blut vom ~alten~ Ehren-Schmied noch lebt!“