Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 12
Solcher Sinn gefiel dem Bauer von der hohen Weid. Er hätte aber nicht geglaubt, daß dieser Junge, dem er manchen Vagabunden an den Kopf geworfen hatte, so denken und seine Worte so gesetzt und rechtschaffen vorbringen konnte. Er hätte ihm mögen die beiden Hände fest drücken, doch besann er sich noch früh genug, er sei der Bauer von der hohen Weid, und so sagte er nur: „Melchi, bist ein wackerer Bursch; aber was Du mir da erzählt hast, das weiß ich schon seit drei Stunden. Ich hab’ vom Müller im untern Gäu Deine Siebensachen und Deine Papiere holen lassen und da ist mir gesagt worden, wie’s mit Dir und den Deinigen steht. Der Müller hat mir freilich berichten lassen, daß einem Menschen, der eine solche Verwandtschaft weist --“
„Nicht zu trauen ist!“ ergänzte der Melchior. „Ja, das wird er gesagt haben, ich kenne den Müller. Will’s Euch nur noch erzählen, Bauer, warum ich ihm aus dem Haus gegangen bin, ~das~ hat er Euch sicher nicht berichten lassen. Gestern in aller Frühe, weit ehe noch die Sonne auf ist, kommt er in die Kleienkammer, wo mein Bett steht. Ich will gleich aufspringen, ’s giebt viel Arbeit im Tag. -- Nu, nu, Melchior, sagt der Müller, was wirst denn schon jetzt aus dem Nest steigen, ’s ist ja Zeit, schläft noch das ganze Haus. Hab’ Dir nur was sagen wollen, Melchior. Wirst es wissen, vor ein paar Wochen, in der Mariaheimsuchungnacht, ist dem Gutsverwalter unten der Fischbehälter ausgeplündert worden. Und jetzt ist die Sach’ so angestellt, daß ich auch in die Schmier hineinkommen soll. Ich will die vielen Laufereien zu Gericht nicht haben und deswegen, Melchior, ’s kann sein, daß Du gefragt wirst -- weißt Melchior, ich muß einen Zeugen haben, daß ich in der Mariaheimsuchungnacht zu Haus gewesen bin. -- Den Zeugen muß halt die Frau Müllerin machen, sag’ ich. -- Geht nicht, sagt der Müller, Eheweiber werden nicht angenommen. Aber bei Dir ist’s was Anders, Du wirst es ja wohl wissen, daß ich in derselben Nacht daheim gewesen bin. Du brauchst ein neues Paar Stiefel, Melchior, soll gar keinen Umstand haben, und es bleibt jetzt dabei, Du bist mein Zeug’, daß ich in der Heimsuchungnacht in der Mühl’ gewesen bin. -- Ich kann der Zeug’ nicht sein, Müller, sag’ ich, ich weiß ja gar nicht, ob Ihr daheim gewesen seid, ich hab’ fest geschlafen. -- Bist sieben Jahr’ in meinem Haus gewesen, sagt drauf der Müller, hab’ Dich als armen Waisen aufgenommen, wie Dein Vater im Arrest gestorben ist; hab’ Dich allerweil wie mein eigen Kind lieb gehabt, wirst mir nicht undankbar sein, Melchior. -- Ein falsches Zeugniß geb’ ich nicht! schrei ich auf. Da thut der Müller einen Lacher: -- Schau das Galgenbandl! will den Gewissenhaften spielen! -- Hochweider, wie ich das gehört -- hell mutternackt bin ich aus dem Bett gesprungen. -- Weil sich die Meinen vergangen haben, so willst ~mich~ auch zum Schurken machen, Müller! ruf’ ich aus. -- Marsch aus meinem Haus! schreit er aufgebracht. -- Heut’ lieber wie morgen, sag’ ich, werf’ meine Kleider über und lauf davon. Er ruft mir noch viele gute Worte nach, ich sollt’ nur bleiben, ’s wär Alles vergessen. Hab’ davon nichts mehr verstehen mögen; bin fortgesprungen, bin herumgegangen auf der Haid, Hochweider, dann habt Ihr mich angerufen.“
Der Bauer hatte längst nicht mehr am Holze geschnitten.
„Melchi,“ sagte er jetzt, „’s hat Alles den rechten Schick, wenn Du von Deinem alten Dienstherrn noch was wissen willst: den Müller haben heut’ die Gendarmen geholt.“
„Der Müller geht mich nichts mehr an,“ sagte der Bursche trotzig, „hab’ mit mir selber zu thun. Jetzt sagt es, Bauer, wollt Ihr mich in Dienst nehmen oder nicht?“
„Wie Du bist,“ versetzte der Bauer, „so wirst Du Dienstplätze überall finden. Willst auf der hohen Weid verbleiben, so ist’s abgemacht, bin ich mit meinem Knecht zufrieden, so soll’s auch er mit mir sein; da hast dieweilen Dein Angeld.“
„Bauer! ich leiste was ich kann und Ihr gebt mir, was ich brauch!“
Nicht einen einzigen Blick warf er auf das ihm vorgehaltene Geld, der Hochweidhofer mußte es wieder einstecken.
Hierauf ging der Melchior in die Gesindestube, um sein Mittagsmahl zu verzehren.
Der Bauer kam ihm nach: „Noch was will ich Dir sagen, Melchi, meine Leut’ wissen es nicht, daß Du der Bruder vom Forstadjuncten bist, sie brauchen es auch nicht zu wissen.“
In demselben Augenblick wankte draußen vor den Fenstern die geknickte Gestalt des Remini Dreihand vorüber. Unter der rechten Achsel, wie man sonst die Regenschirme trägt, trug er heute ein Schießgewehr bei sich. Der Bauer lachte laut über diese Figur, da krächzte der Remini durch ein Fenster: „Hab mich bezahlt gemacht. Vom Forstadjuncten ist’s; ein feiner Doppelstutzen! Ist mehr werth als der falsche Zehner!“
„Ha, das glaube ich!“ rief der Bauer, „Mancherlei wiederum ist keinen Schuß Pulver werth. Gieb acht, Remini, daß der Stutzen auf Dich selber nicht losgeht!“
Die Wirthschaft auf der hohen Weid wird hier nicht näher beschrieben. Die Thiere pflegen und hüten, die Ställe in Stand halten, die Scheunen mit Heu und Streu füllen, die Milch, Butter und Käse bereiten, das waren die Hauptbeschäftigungen der Leute, die daran jahraus jahrein übergenug zu thun hatten.
Es ist eine seltsame Stimmung im Hirtenhause. Lustigkeit, Leichtlebigkeit, Uebermuth, Trotz, Unbändigkeit und Ungezwungenheit allerwärts -- wie’s eben geht, wo Mensch und Vieh zusammen sich des Lebens freuen. Den Hochweidbauer ficht das nicht an; wenn nur die Wirthschaft ihren guten Lauf hat und Jeder seine Arbeit thut, alles Andere mag gehen, wie Gott es will. Der Herr Pfarrer im Untergäu hat freilich einmal zu verstehen gegeben, er, der Bauer auf der hohen Weid, wie überhaupt jeder Hausvater, sei nicht allein für das leibliche Wohl seiner Hausgenossen, sondern auch für deren Seelenheil verantwortlich. Darauf hatte aber der Bauer in seiner vollen Ungeschlachtheit geantwortet: „Ja, sakra! wenn jeder Hausherr selber Seelsorger sein soll, wozu brauchen wir dann die Pfaffen! -- Ich laß meine Leut’ in die Kirche und zur Beicht’ gehen, so oft das vorgeschrieben ist, das Weitere geht mich nichts an.“ Gleichwohl that der Mann in seiner Gewissenhaftigkeit ein Uebriges, er sah immer darauf, daß die Mannspersonen seines Hofes stets um fünfundzwanzig Jahre älter waren, als die Weibsleute. Dadurch regelte sich Vieles. Ferner hatte der Mann von der hohen Weid auch die Vorsicht, des Nachts stets einen oder zwei Rundgänge durch und um das Gebäude zu machen, schon des Feuers, der Diebe, der Ordnung in den Stallungen wegen. Auch wurden zur Nachtszeit die zwei großen Kettenhunde losgelassen.
Ob der Bauer, als er den noch nicht neunzehnjährigen Melchior Ehrlich in’s Haus genommen, seine Regel vergessen hatte, oder sie absichtlich umging, läßt sich nicht bestimmen. Er fand eben Gefallen an dem kernigen Burschen und dachte, es könne nicht schaden, daß in sein schläfriges oder leichtfertiges Gesinde einmal ein wenig Sauerteig käme.
Dem Melchior jedoch, dem ging es ganz eigen. In den Geschäften, denen er zu obliegen hatte, stellte er seinen Mann, mitunter sogar seinen doppelten; auch war er sich bewußt, daß er stets gute Courage in der Brust fand, wollte er was durchsetzen. Und trotzdem -- und dennoch -- er war nun schon drei Wochen im Hof auf der Weid und er wußte noch immer nicht, was die kleine Buttertoni eigentlich für ein Gesicht hatte. Wenn sie an ihm vorüberlief, oder er an ihr hinstreifte, oder wenn sie sich von einer Futterkammer in die andere irgend einmal ein paar schalkhafte Worte zuriefen, so glitt sein Blick wohl an ihren stets sauber gehaltenen Barfüßchen hin, an den Waden, am rothen Kittelchen empor, bis wo die Masche des Schürzenbandes ist, kam aber nicht höher, als bis zum obersten Busenhäklein, wo zuweilen auch eine kleine, wilde Rose stak, mit sammt den Dörnchen aber, so daß der alte Ochsenwart, wenn er, anmaßender als der Melchior, mit seinen kartoffelbraunen Knochenfingern nach derselben langen wollte, sich allemal recht tüchtig stach.
Und von dieser Unkenntniß ihres Angesichtes stammten die unsinnigen Träume, die den jungen Untergäuer fast jede Nacht umgaukelten. Er sah die glatten, runden Füßchen, das schmiegsame Kittelchen, die strammgespannten Busenhäklein, das gelbe Lockenhaar, welches gern in wilden Strähnen niederhing über den Nacken -- sah das Alles fein und genau, aber das Gesicht hatte eine ellenlange Nase, auf welcher graue, kurzgeschnittene Haare standen, wie auf dem Haupte des Sennermägdle.
Als nun aber der Melchi, wie er im Hofe stets genannt wurde, an der Butterkammerthür ein Bohrloch entdeckt hatte, und mehrmals des Tages, wenn ihn sein Weg just vorüberführte, davor stehen blieb und durch dasselbe die junge Butterin betrachtete, auch vom Busenhäklein aufwärts betrachtete, da gestalteten sich die Träume freundlicher.
Die kleine Buttertoni, die Rothkitteldirn, hatte ein gar nettes Lärvchen. Die frischrothen Lippen legten sich nach oben und unten ein wenig heraus, wie die Blättchen einer Rose anfangs thun, ehe sie sich erschließen; sie waren immer ein bischen offen, und wenn das Mädchen kicherte, da sah man, was es für frische Zähne hatte. Das Näschen war hübsch aufgeschweift, die Augensterne duckten sich halb unter den langen Brauen, als wollten sie mit wem Verstecken spielen. Wenn die Brauen aber doch mitunter emporgezogen wurden, so zitterte ein ganz seltsamer Thauglanz über den blaugrauen Augen, vor dem der Melchi erschrak. Die kleine Toni verhielt sich selbstverständlich durchaus ungenirt in ihrer Butterkammer, das Kübeltreiben macht warm; da that sie das Jöppchen mehrmals so weit auseinander, daß der Melchi durch das Bohrloch alle Flicken ihres Pfaidleins gesehen hätte, wäre er nicht rechtzeitig mit einem Stöpsel aus Fichtenmoos in das Loch gefahren, um dieses seinen und auch anderen Augen gründlich zu verstopfen.
Daß der Bursche unter so ängstlichen Stimmungen bisher nicht dazu gekommen war, der kleinen Toni als Gegengabe für das Lebkuchenherz den föhrenrindenen Vogel anzubieten, ist erklärlich. Oft genug wollte er’s thun, hatte aber nicht die Schneid dazu. Da fiel es ihm eines Tages ein: die Rothkitteldirn solle sich den Vogel selber nehmen, wenn er ihr gefiele. Er stellte ihn auf ihr Kammerfensterchen; aber da blieb er stehen und sie sah ihn nicht. Hingegen bemerkte ihn der kleine Nickerl und dieser verband sich mit dem Fritz, dem jüngern Sohn des Hauses, um den possirlichen Vogel vom Fenster abzunehmen. Noch rechtzeitig kam der Melchi der Verschwörung dahinter, steckte den föhrenrindenen Vogel wieder in seinen Hosensack und trug ihn herum wie vor und eh.
Da trug es sich zu, daß der Bursche einmal beim Erlbuschhacken zur Stallstreu ein Loch in seine Hose riß, gerade über den Hüften. Er kam des Abends heim mit der Bitte: „Du, kleine Toni, gelt, Du bist so gut und heilst mir den Riß da mit Zwirn und Nadel zu?“
Sie lachte hell und kam sogleich mit dem Werkzeug herbei. „Na, Du mußt Dich auf die Kübelbank setzen, sonst wackelst mir allzuviel hin und her. So! und jetzt halt still und rühr’ Dich nit. Bübel weißt, die Nadel beißt.“
„Stich zu,“ sagte der Bursche, und jeder Stich ging ihm heiß durch Mark und Bein, es war ihm gerade, als nähe die Rothkitteldirn sein Herz an das ihrige fest.
„Wirst einmal ein sauberer Soldat, Du,“ sagte die Butterdirn.
„Mag keiner werden,“ versetzte er trotzig, „mir steht das Leutumbringen nicht an. Schau um, Leut’ sind zu wenig, Geld ist zu viel.“
„Grad verkehrt hast es gesagt,“ bemerkte die Butterdirn.
Der Melchior schwieg und gab sich der ganzen wohligen Empfindung des Zunadelns hin.
„Uh Jesses, mein Lebertag!“ rief das Mädchen plötzlich und brach in ein so heftiges Lachen aus, daß der Athem gar nicht mehr zurückkehren wollte und der gute Melchi mit beiden Fäusten auf ihrem Rücken trommelte, um sie vor dem Ersticken zu retten.
„Mein Lebertag!“ röchelte sie wiederholt und kam stets neuerdings in’s Lachen, „was ist denn das für ein spaßiger Brocken da drin?“
Sie hatte den föhrenrindenen Vogel entdeckt.
„Das da?“ entgegnete der Bursche, „das ist ein Rothkröpfel. Gefällt es Dir?“
Von Neuem ging das Röcheln des Lachens los und als sie endlich zu sich gekommen war, fragte sie ganz heiser: „Na, Du dalkerter Bub, das hast gewiß selber gemacht und kann mir’s wohl denken, das willst Du Deiner Schönen geben! ’leicht einer sauberen Untergäuerin! Na wart, das kriegst mir nimmer zurück!“
Den Vogel aus dem Sack hinter ihr Busentüchlein stecken war eine rasche That, dann kicherte und schäkerte sie noch eine Weile lustig fort.
Der Melchi war überglücklich.
„Der ist ja für Dich, Toni,“ flüsterte er und wußte dabei nicht, wohin mit seinen Augen, „für das schöne Lebzeltenherz, Toni, weißt? Und paß nur recht auf, ’leicht legt der Vogel einmal ein Ei, das soll auch Dein sein...“
Neuer Lachkrampf. Der hölzerne Vogel legt ein Ei! So was Possirliches hatte die Rothkitteldirn all ihr Lebtag nicht gehört.
„Melchi!“ rief jetzt der Bauer von draußen.
Die Beiden waren mäuschenstill. Der Bauer entfernte sich wieder.
„Ein dummes Hocken da!“ rief der Bursche plötzlich und sprang zornig auf. „Was ist denn Heimliches dran, wenn mir die Dirn das Loch zuflickt!“
Er eilte dem Hausherrn nach.
Schlechtes Geld.
Der Forstadjunct Kilian war nicht mehr zurückgekehrt. Es hieß, er sei auf lebenslang in einen tiefen Kerker geworfen worden.
Der Melchior war darüber sehr traurig, aber der Hochweidhofer tröstete ihn: „Ein junger, das erstemal ertappter Falschmünzer auf lebelang, das wäre unerhört, das ist gar nicht wahr.“
„Und ein zum zweitenmal Ertappter?“ rief der Bursche erregt; „mir ist hart um’s Herz, denk ich an meinen Bruder; aber sie sollen ihn nur im Kotter behalten; wenn er auskommt, der laßt’s nimmer.“
Dann wieder simulirte er, wie er seinem Bruder etwas Gutes thun könnte, unterdrückte aber den Gedanken und rief sich zu: „Melchior, halte dich an ehrliche Leut’!“
Zur Herbstzeit, als der Abtrieb von den Almen kam, war der warmblütige Bursche längst wieder bei Lust und Uebermuth.
Der Herbst bringt im Gebirge immer die schönsten Tage des Jahres. An einem solchen Tage war es, als sie herabkamen gegen den Hochweidhof, die braunen, weißbesprenkelten Rinder mit den Schellen und mit den Kränzen aus Rhododendronlaub, Enzian und Zirmgesträuche. Um die Stirn hatte Jedes seinen Strauß; die hoffnungsvolleren Kühe hatten auch Kränze um den Hals, grünes Gezweige um die Hüften geschlungen. Und der Stier aus dem Untergäu schon gar! Der mußte sich zu allseitiger Befriedigung aufgeführt haben, er sah schier aus wie ein wandelnder Rosenstrauch. Waren diese blauen, weißen und gelben Blumen und Rosen, die er um seinen Leib gewunden trug, denn alle auf der herbstlichen Alm erblüht?
Ein paar schäkernde Ziegen machten sich viel um ihn herum zu thun und erhaschten dann und wann ein Maul voll Bocksbartkraut und wilden Thymian, mit welchem der Stier geschmückt war.
Zahlreiche Senninnen, junge und minder junge aus der ganzen Gegend waren dabei und Jede hatte vorne ihre Schürze zu einem Sack aufgebunden und aus diesem Sacke vertheilten sie an die Mannsleute kleine Käsekuchen und Butterkrapfen. Mancher von den Mannsleuten war freilich so keck, sich mit ~eigener~ Hand das Kräpflein aus der Schürze zu holen, was aber nicht Jede ungestraft geschehen ließ. Auch einige der Almerinnen hatten freundliche Rosmarinkränzchen auf den Locken; blos das Sennermägdle von der Hinteralm hatte nichts als einen ungeheuren Strohhut auf ihrem geschorenen Haupte. Auch sie hatte Krapfen im Vortuch, doch wollte Keiner d’rum kommen, nur der alte Remini Dreihand fand sich ein und aß ihr den ganzen Schürzeninhalt auf. Die Alte ließ es geschehen und machte dieweilen Feuer mit Stein und Zunder und paffte aus ihrem Pfeifchen.
„Dieses Weib wär’ mir nicht halb so widrig, wenn es nicht das Sennermägdle heißen thät,“ vertraute der Melchior dem höckerigen und kropfigen Ochsenwart.
„Je!“ rief dieser, „der Name ist noch das Beste an ihr.“
„Das schon, aber probir’s nur Du und heiße das schöne Hänschen; Alles wird Dich auslachen und spotten; und so Du der alte, bucklige Hans bist, geht Jeder ernsthaft an Dir vorbei. Aber sag’ mir doch, wer hat denn der Alten den närrischen Namen gegeben?“
„So viel ich weiß,“ sagte der Ochsenwart, „hat sie den selber mit sich gebracht, als sie vor vierzig oder fünfundvierzig Jahren aus dem Kärntnerland zu uns auf die hohe Weid gekommen ist. Sie ist eine gar brave Almerin, Melchi! Du, die kann mit dem Vieh umgehen! Nicht drei Stückel sind ihr verdorben, so lang’ sie bei uns auf der Alm ist. Nu, das Sennermägdle ist ihr verblieben aus Gewohnheit. Vor drei oder vier Jahren hat sie der Bauer einmal die alte Froni genannt, so heißt sie. Hat auf das hin aber den Dienst wollen aufsagen auf der Stell’. Ist sie seitdem halt wieder das Sennermägdle.“
Als der Bauer von der hohen Weid an diesem Tage gesehen hatte, wie frisch, glatt und wohlgenährt seine Heerde von der Hinteralm zurückgekommen war, da hieß er das Sennermägdle zu sich in den Streuschupfen treten und drückte ihm drei funkelnagelneue Thaler in die Hand.
Der geknickte Zaunpfahl war nicht weit davon gestanden; und als das Mägdle hierauf in die Graskammer ging, und in das Milchgelaß, und endlich auf den Rübenacker hinaus, wo es in seiner Arbeitsamkeit überall Geschäfte fand, schlich ihr der Alte nach und sein dreieckiges Gesicht grinste süßlich d’rein.
Später stieg das Mägdle in die Krautgrube hinab, wie solche bei den meisten Alpenwirthschaften jener Gegend zur Aufbewahrung des Kohlkrautes als ein mehrere Klafter tiefer Schacht sich vorfindet. Die Alte war tief unten und trat mit ihren breiten Füßen die früher durch heißes Wasser eingeweichten Krautköpfe fest. Auch zu dieser Grube, die ein wenig abseits vom Hofe an einem Hagebuttenstrauche war, kam der alte Schleicher nach. Eine Weile lugte er, am Rande des Schachtes stehend, nach allen Richtungen um sich, dann zog er seine Pelzhaube an, duckte in die Tiefe hinab und sagte: „Sennermägdle!“ Seine Stimme war so schmiegsam und weich, als wäre sie über und über mit Fuchsschmalz geschmiert worden. „Sennermägdle,“ sagt er, „Du bist so viel fleißig und Dir schlaunts besser, wie drei anderen Weibsleuten im Hochweidhof zusammen. Bist erst von der Alm gekommen und machst Dir da schon wieder zu schaffen. Du, Sennermägdle!“
„Jetzt hab’ ich keine Zeit zum Schwätzen!“ rief die Alte von der Grube herauf und trat wacker auf die Köpfe los.
„Freilich nicht,“ entgegnete der Remini, „aber Deine guten Butterkrapfen vorhin, die haben mir frei so viel taugt. Gern, daß ich Dir auch einmal einen Gefallen thun möcht.“
„Ist schon recht,“ sagte das Mägdle.
„Ich hätt’ wohl noch ein Anliegen, Sennermägdle,“ schnürfelte der Alte, „ist aber nit schicksam, thät’s auch nit, hätt’ ich die Sach’ nit gar so nöthig.“
Die Magd stand still und blickte auf: „Wirst doch nit Noth leiden müssen, Remini!“
„Das dieweilen just nit, Gott sei Lob und Dank! gleichwohl man’s nit wissen kann, wie’s Einem in seinen alten Tagen noch gehen wird. Aber -- nu, siehst Du, Mägdle, wohlthätig sein will Einer doch auch ein wenig, wie man halt kann und mag. Und da hab’ ich im Untergäu ein Pathenkind, ein armes Waiserl, und dem möcht’ ich recht gern ein klein Ding schenken, so zum Andenken was, daß Unsereiner auch nit ganz vergessen ist, wenn so ein Mensch einmal in die Welt wachst. Ich hab’ gesehen, Sennermägdle, Dir hat heut’ Dein Bauer für Deine Bravheit drei Thaler zugesteckt; wenn Du nichts dagegen hättest, die möcht’ ich Dir zu gern auswechseln. Thät’ Dir frei einen Zehnerbanknoten geben.“
„Du meine Zeit!“ rief die Magd in der Grube und hüpfte beständig auf den platten Kohlköpfen umher, „meine drei Schimmel werden wohl so viel nicht werth sein; und herausgeben kann ich nicht.“
„Fünf Gulden mögen sie just decken,“ fiel der Alte rasch ein, „und die andern fünf will ich Dir gern bis auf Deinen Jahreslohn zu Weihnachten borgen. Mägdle, wir machen’s gleich ab.“
Noch einmal blickte der Remini mißtrauisch um sich. Dort auf dem Zaun sitzt eine Krähe! Na, kindisch, ’s ist doch nur eine Krähe. So kann er die Banknote schon hervorholen. Das Sennermägdle beginnt auch die Thaler aus der Joppe zu nesteln; ei, thut’s ja gern, wenn dem Alten damit gedient ist; bleibt eh kein Geld, ob’s von Silber ist, oder von Papier -- bleibt kein Geld bei einer Almerin.
„Vetter!“ rief in demselben Augenblick der Hagebuttenstrauch. Der Alte wäre vor Schreck schier in die Krautgrube gefallen.
Der Melchior kroch hervor: „Nicht als ob ich zu horchen gekommen wär’,“ sagte er, „ich hab’ dahinten dem kleinen Fritz ein paar Kranabetherschlingen aufgerichtet. -- Seid so gut, Remini!“ Er langte mit kecker Hand nach der Banknote und sah sie an. „Schau, noch ein falscher im Land! -- Remini, das ist derselbe, den Ihr vorig Sommer vom Forstadjuncten bekommen. Was habt Ihr denn das Papier gar so abgeknittert? ’s ist doch ein neuer. Geht, Remini, zerreißt den Fetzen; Ihr habt Euch ja schon entschädigt durch den Doppelstutzen.“
Der Bursche war so boshaft, zu diesen seinen Worten ein lächelndes Gesicht zu machen. Im Dreieck des Alten aber zuckte jede Muskel, und er zog seine scharfe Unterlippe weit hinter den schartigen Oberkiefer zurück.
„Anschmieren hat er mich wollen?“ zeterte die Alte im Loch, „Du Spitzbub, Du schlechter! -- Dank Dir Gott, Melchi! -- Wart, Du vertrackter Galgenstrick, Du! Dir will ich noch einmal Butterkrapfen schenken! -- Ein falsches Geld für meine guten Thaler! -- Dank Dir Gott, Melchi! -- Dein Glück, Du alter Schleicher, daß ich nicht oben bin, Dir wollten ein paar Tüchtige nicht schaden auf Dein Ohrfeigengesicht! -- Hell betrogen hätt’ er mich, der Kerl da! Na, schaut’s aber da her, schaut’s den Lumpen an! -- Vergelt’ Dir’s tausendmal Gott, Melchi!“
So zeterte das zornige und das dankbare Sennermägdle.
Der Alte trollte sich sachte davon und murmelte: „Nichts als Malheur! ’s ist des Teufels! Ach, hätt’ mich meine Mutter lieber in die neue Welt geschickt!“ Dann schoß er nur noch ein paar giftige Blicke auf Melchior zurück.
Jetzt erst kam diesem die Wuth. Die Banknote riß er mitten auseinander, dann ging er, ohne noch ein Wörtchen mit dem Sennermägdle zu wechseln, in den Hof zurück.
Der alte Dreihand schlich, doppelt geknickt, die Lehne hinab gegen seine Klause, die in einer Schlucht stak und in welcher wilde Früchte für den Winter, als dürre Beeren, Holzäpfel, Holzbirnen, Pilze u. s. w., in großen Haufen geschichtet lagen. Die Hütte war ganz erbärmlich und gar nichts Nennenswerthes darin, als etwa der Doppelstutzen, der hinter dem Bettstroh ruhte und in welchem immer noch die Ladung stak, mit der sie der Alte zur Hand bekommen hatte. Der Remini hätte manches Reh, das in der Schlucht lief, von Herzen gern damit niedergeschossen, aber er kam nicht dazu. „Am Ende,“ meinte er, „treff’ ich das tolle Thier nicht und dann ist auch das Pulver hin.“
Doch war dem Alten das Schußgewehr ein angenehmer Geselle in den langen, öden Nächten. Hieß es ja, der Remini Dreihand berge Geld in seiner Klause.
Die Liebe blüht.
Im Winter ging es auf dem Hofe noch lebhafter zu, als im Sommer. Da war Alles von den Almen beisammen auf der hohen Weid. Auch kamen die Viehhändler, die Fleischhauer von den Ortschaften herauf, und zur Weihnachtszeit kam mancher neue Dienstbote und mancher alte ging.
Zur Weihnachtszeit war es auch, als der Hochweider den Melchior mit in sein Stübchen nahm: „Bist mir zwar zu Jakobi erst in’s Haus gekommen, aber ist der Bauer von der hohen Weid mit Einem zufrieden, so giebt’s beim Auszahlen kein halbes Jahr. Haben nichts Festes ausgemacht, also siebzig Gulden für’s vergangene Jahr.“
Er zählte das Geld auf den Tisch.
„Ich frag’ nur Eins, Bauer,“ sagte der Melchior, „muß ich fort, oder soll ich dableiben?“
„Ich denk, Melchi, bis auf weiteres weißt, wo Du daheim bist. Und willst schon Deine besondere Ehr’ haben, auch recht, so sag ich: sei so gut, Melchior, und bleib mir noch für’s nächste Jahr auf meinem Hof.“
„Ist recht, Bauer. Habt Ihr sonst was anzuschaffen? Nicht, so geh ich wieder an meine Arbeit.“