Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 13
Er ging und das Geld blieb liegen auf dem Tisch. Keinen Blick hatte der Bursche nach demselben geworfen.
„Seit die Welt steht, ist so ein Knecht noch nicht herumgegangen auf der hohen Weid!“ brummte der Bauer, „und früher sicherlich auch nicht. Wie der Will, das Geld werd’ ich ihm aufbewahren. Wart, Junge, ’s kommt eine Zeit, wo Du danach fragen wirst!“
Und der Melchior ging in den Stall zu den zwanzig Ochsen, die ihm anvertraut waren, und er redete in’s Heu hinein: „Geld? Geld hat er wollen geben. Und nicht einmal die fünfzig Gulden hätt’ er mir abgezogen, um die ihn die fünf falschen Zehner von meinem Bruder betrogen haben. Ich nehm’ ~gar~ nichts. Ich hab’ mein Essen und ich hab’ meine kleine Toni. Ich leb’ wie ein König, aber nicht so unruhig. Wenn ich mir schon was wünschen möcht’, eine neue Zipfelmütze.“
Und wie es schon manchem Menschen gegeben ist, daß jeder seiner Wünsche in Erfüllung geht: als der Dreikönigstag kam, hatte der Melchior seine neue Zipfelmütze. Es war ein Angebinde zum Namenstag von -- der Rothkitteldirn.
Wohl hatte dieselbe nicht immer dasselbe rothe Röcklein an, aber dadurch verlor sie natürlich nicht an Werth in Melchior’s Augen. Wäre in dem vielbelebten Hofe nur öfter Gelegenheit gewesen, mit ihr heimlich zu plaudern! Wohl löste sich zuweilen ein Knopf von Melchi’s Kleidern, den die kleine Toni anheftete; wohl kam beim Heuschütteln manchmal ein Splitterchen in des Mädchens Auge, das der Bursche sofort mit vielem Geschick herauszubekommen wußte, oder er zog ihr mit seiner Taschenveitelspitze ein eingetriebenes Holzspaltchen aus der Hand -- aber das wollte den Leutchen allweg noch zu wenig Unheil sein.
Nur gegen den April hinaus wußte die Toni den Burschen einmal unversehens in ihre Butterkammer zu bekommen. Sie wartete ihm sofort mit einem über und über bebutterten Brotschnitten auf. Da sah sie der Melchi groß an: „Toni, weiß es der Bauer?“
„Gut keine Red’,“ kicherte das Mädchen, „desweg magst ganz und gar ruhig sein.“
„Der Bauer weiß es nicht, daß wir da von seinem Brot und Butter naschen wollen? Dirn, Du mußt -- gescheidt sein!“ -- ehrlich hatte er eigentlich sagen wollen.
Die kleine Toni hub gewaltig an zu lachen, und als sie damit fertig war, aß sie das Butterbrot selber.
Eine nachhaltige Mißstimmung hatte diese kleine Meinungsverschiedenheit nicht zur Folge.
Der junge Knecht wußte wohl, daß die Toni sonst ein braves, fleißiges und auch sparsames Mädchen war, welches viel auf die Wirthschaft und den Erwerb hielt, so verzieh er gern das kleine Fehl. Und sie selber hatte ja ein Recht zum Verkosten; mußte doch wissen, wie ihre Butter schmeckte.
Mit den Veilchen, mit den Maaßliebchen, mit den ersten Schwalben kam den beiden jungen Leutchen neue Wärme in’s Herz. Sie waren sich gar sehr zugethan und Eins vertrat im Hofe die Vortheile des Andern; war es in der Arbeit, die sie theilten, oder bei Tische, wo sie einander die besten Bissen zuschmuggelten. -- Die Liebe solch’ armer Dienstboten hat einen gar seltsamen Reiz, sie wird durch das Beisammensein, durch das Mitsammenleiden, durch das heimliche Verlangen nach Gegenseitigkeit, durch das hingebende Vertrauen zu dem einen Menschen stets neu entfacht und muß sich doch im Verborgenen halten, sich vor dem Hausherrn, vor den Hausgenossen verleugnen, soll sie nicht Gefahr laufen, zerstört zu werden. „So warm ist kein Feuer, keine Gluth ist so heiß, als heimliche Liebe...“
Der Melchior war denn endlich auch recht zutraulich geworden, er lugte dem Mädchen längst nicht mehr durch das Bohrloch in die Augen. Und er hatte auch mehrmals sich schon erkundigt, ob der föhrenrindene Vogel das Eierchen noch nicht gelegt habe, worüber die kleine Butterdirn stets in ihren Lachkrampf verfiel.
Der Melchior war nun volle neunzehn Jahre alt geworden und er empfand es, was das für ein Unterschied ist, ob man achtzehn oder neunzehn zählt. Auch nahm er bereits den Schnurrbart wahr, was die Toni nicht recht glauben wollte, bis er sein Gesicht einmal recht tapfer an ihren rothen Wangen rieb.
Die kleine Buttertoni behauptete bei jeder Gelegenheit, daß sie auch schon gegen die Zwanzig ginge; doch zählte sie in Wahrheit erst über siebzehn ein halb Sommer, deßohngeachtet sprang im Laufe dieses Sommers ein Busenhäklein um’s andere auf.
Es kam der Mai. Die Heerden zogen mit frischgeputzten Schellen angethan wieder in’s Freie und mit ihnen die Halter und Halterinnen, die Kühjungen, die Ochsenwarte, die Senninnen.
Der Melchi trieb jeden Morgen seine Ochsen und Kälber zu den jungen Matten des Hochbodens hinan. In einer Thalung derselben stand ein Schachen mit sehr alten Fichtenbäumen und einigen Föhren, welche den Hirten in Zeiten böser Wetter als Schirmbäume dienten. An diese Baumgruppe schloß sich auch ein junges, grünes Wäldchen aus Tannen und Lärchen, das sehr dicht und dunkel war und auf dessen sanftem Moosboden der Melchi gern ein wenig ruhte, wenn ihm auf der freien Höhe zu sengend, oder auch der Wind zu scharf wurde. Nicht drei Schritte sah man von sich, wenn man in diesem Dickicht lag, sah auch nicht ein groschenbreites Scheibchen von dem blauen Himmel. Kohlschwarze Amseln schwirrten durch das Reisig und riefen: Tack, tack! zir, zir, hast was bei Dir?
Mitten d’rin in diesem jungen, dichten Gestämme fühlte sich unser braver Hirt wieder einmal ganz als sein eigener Herr. Da konnte er auf dem Rücken liegen, oder auf dem Bauch, auf den Füßen stehen oder auf dem Kopf, wen ging’s was an? Da zog er wohl auch mitunter sein Geldbeutelchen heraus und sah das lebkuchene Herz an und betrachtete das Bild mit dem Pärchen, das im Rosenkörbchen saß, und las die Ueberschrift, die längst überholt war, und schleckte endlich ein wenig an dem süßen Kuchen.
Die kleine Toni hatte es nicht so gut; sie mußte, wenn in der Butterkammer nichts zu schaffen war, unten auf der Heukehr die Ziegen weiden und hatte außer den paar Johannisbeersträuchen und Erlstauden gar keinen Schatten. Sie nähte, sie strickte für sich und für ihn. Aber die Sonne brannte heiß auf die Finger. Mehr als einmal sehnte sie sich nach dem Schirmschachen.
Was sich im Schirmschachen zugetragen.
Am Pfingstmorgen war’s. Alles, was aus dem Gehöft fortkonnte, war hinab in den untern Gäu zur Kirche gegangen. Der Melchi und die kleine Toni führten wie gewöhnlich ihre Heerden auf die Weide.
Auf dem Anger, bevor sie sich trennten, blieb der Bursche stehen, bohrte mit seinem Peitschenstock einen Grashalm in die Erde und sagte, stets auf den Grashalm blickend: „Toni, sind Deine Ziegen recht überschwenglich? Halten sie sich gern auf in der Heukehr?“
„Das ist gewiß,“ lachte das Mädchen, „sie suchen Dir alle Sträucher ab und es fangen die Sträucher erst an zu blühen.“
„So, sonst hätt’ ich gemeint, Toni, Du könntest sie heut’ ein wenig gegen den Hochboden hinauftreiben.“
„Du, das ist aber auch wahr,“ versetzte das Mädchen ernsthaft, „Du meinst der Hexen wegen? Nicht? Ja, hast Du noch nichts erzählen gehört, daß am Pfingstsonntag die Hexen auf die Weide kommen und die Kühe und die Ziegen ausmelken? Ja, das hab’ ich oft gehört und die Kühe und Ziegen thäten nachher das ganze Jahr eine blutige Milch geben. Ja, es ist gar kein Spaß und ich fürcht’ mich frei. Und dann sollt’ Eins heut’, kommt man schon nicht in die Kirche, einen Rosenkranz beten.“
„Freilich, und das können wir thun,“ sagte der Bursche, „und oben im Schirmschachen ist ein schöner Platz dazu. -- So um die Zeit, wenn’s Neun schlägt, wirst wohl beim Schachen sein können...“
Der Grashalm unter dem Peitschenstock war gründlich zerquetscht. Einen heißen, aber scheuen Blick noch gegen das Mädchen und der Melchi leitete seine Ochsen dem Hochboden zu.
Die Sonne stand erst einige Spannlängen hoch über den fernen Bergen, hinter denen sie hervorgekommen war. Sie schien so freundlich und warm und sog den Thau der jungen Gräser auf. Die Glocken der Heerde klangen hell und langsam die Höhe hinan. Die Ochsen schritten gar feierlich d’rein, die Kälber hüpften und scherzten.
Der neunzehnjährige Hirte ging hinterher und steckte seine Hände in die Hosentaschen. Er spitzte den Mund und wollte ein Liedchen pfeifen. Da versagte ihm heute der Athem dazu; in seiner Brust war ein heißes Regen und Bewegen. Er schritt hastig, aber mäuschenstill über den weichen Rasen, dann schüttelte er zuweilen das Haupt mit den aufquellenden Ringellocken und mit der Zipfelmütze, und dann riß er plötzlich seine Hand aus dem Sack, schlug sie dem nächsten Mannkalb auf den Rücken und rief: „Ja, mein lieber Scheck, so geht’s uns! Hätten wir Zwei Geld im Sack, ’leicht wär’ uns allerhand verboten.“
Als sie auf dem Hochboden angekommen waren, hub die Heerde sogleich an zu grasen. Der Melchior ging gegen den Schachen hin, an dessen Schattenlänge er merkte, daß es bereits acht Uhr vorüber. Langsam schlenderte er zwischen den alten Bäumen hin und her und lugte und spähte. Da roch er plötzlich Tabaksrauch und wie von einem Wipfel gefallen, wackelte das Sennermägdle daher.
„Was hat die Alte da zu suchen?“ fuhr sie der Bursche an.
„Ich? Einen Junggesellen,“ wisperte sie grinsend. „Kann mir’s denken, daß ich Dir unbequem bin -- da im Schachen.“
„Gar nit, gar nit,“ sagte der Melchior trotzig.
„Nit? nu, nachher kunnt’ ich ja helfen, Rosenkranz beten!“
Der Bursche sah sie wild an.
„Melchior!“ versetzte nun die Alte, in der einen Hand das Pfeifchen haltend, mit der andern den Arm des Burschen fassend, „Du hast mir im vorig’ Herbst eine Gutthat erwiesen. Hast mir meine drei Thaler behütet; das gedenk ich Dir; Du hast keine Mutter und keinen rechten Freund auf der Welt, und desweg möcht’ ich Dir gern was Rechtschaffenes erzeigen. -- Wär’ mir lieb, wenn Du Dich ein wenig da zu mir auf den Stock setzen wolltest.“
„Warum denn nit!“ sagte der Hirt, der durch den ernsten und weichen Ton der vorigen Worte völlig besänftigt war, „ich setz’ mich schon, aber Euren Stinktiegel müßt Ihr wegthun. Ein rauchendes Weibsbild kann mir gestohlen werden.“
„Hast schon Recht,“ antwortete die Alte, „aber bei mir ist’s halt was Anderes; ich darf das Feuer nicht ausgehen lassen! -- Und das muß ich Dir erzählen, Melchior; gelt, Du wirst mir deswegen nicht bös sein?“
„Wenn’s was Gescheidtes ist, so hör’ ich zu.“
„Wirst mir’s nit glauben: ich bin einmal jung und schön gewesen,“ hub sie an. „Das Wörtl: Sennermägdle ist mir noch davon geblieben, sonst gar nichts. Zu derselben Zeit und in derselben Gegend ist ein lustiger und sauberer Tirolerbursch gewesen, dem haben meine seidenen Haare so gefallen. Ja, die seidenen Haare und wohl auch, was daran gehangen ist. Haben uns leiden mögen. Zu mir auf die Sennerei ist er oftmals gekommen; vor der Hütte im Schatten sind wir gesessen die längste Zeit, und was haben wir gethan? Aus meinen Lockenhaaren hat er Bänder und Zöpfe geflochten. Allbeide haben wir gemeint, wir wären brav; aber einmal sind wir doch zu lang gesessen. -- Wie der Tiroler, was nenn’ ich seinen Namen! später wiederum in die Sennhütte kommt, sag’ ich zu ihm: Du, ich muß Dir was anvertrauen! und heb’ vor ihm zu weinen an. -- Hat’s verstanden. Eine gute Weile sitzt er da an der Bank, stopft seine Pfeife und schlägt Feuer, bläst an und raucht. Er raucht, daß ich sein Gesicht gar nicht seh’, und sagt nicht ein einzig Wörtl. Da steht er jählings auf und geht gegen die Thür. -- Wo willst hin? schrei ich auf. -- Ein wenig hinaus, sagt er, bleib Du da! -- Und wie er’s schon öfter so gemacht, wenn er was Eiliges zu thun gehabt hat, giebt er mir die Pfeife in die Hand: Froni, da, schau, daß mir dieweil das Feuer nit ausgeht. -- Ich will auch nicht die Verzagte sein, nehm’ die Pfeife und thu’ ein paar Züge, daß sie nicht auslischt, bis er wieder hereinkommt. -- Melchior,“ sie klopfte dem Hirten auf die Achsel, „Melchior, bis auf den heutigen Tag ist der brave Tiroler noch nicht hereingekommen, und so ist mir halt das Pfeiflein im Mund verblieben.“
„Ja,“ meinte jetzt der Bursche, „wie ist denn das gewesen?“
„Verlassen hat er mich!“ sprach das Sennermägdle; „damit ich ihm nicht nachlauf zur Thür hinaus, hat er das mit der Pfeife gethan. In sein Tirol wird er gegangen sein; ich hab’ ihn nicht mehr gesehen. In der größten Noth -- das kannst nimmer glauben -- hab’ ich das Kind geboren. In der Armuth, in der Verlassenheit, im Spott der Leute hab’ ich gelebt in einer Köhlerhütte; ich bin völlig allein, hab’ keine Hilf; mein Kind ist mir verdorben, und -- Gott Dank, Gott Dank! -- gestorben! -- Jetzt hab’ ich die Tabakspfeife noch gehabt vom Tiroler, und verrückt, wie ich gewesen bin, hab’ ich gesagt: Ich will mein Wort halten und das heiße Feuer soll in Deiner Pfeife brennen, bis Du mir wieder zurückkommst. -- Wär’ er gekommen, ich hätt’ ihm Alles verziehen; aber allein und unglücklich hat er mich gelassen. Mein schwarzes Haar, das mich zuerst in’s Unglück gezogen hat, das hab’ ich mir vom Haupte geschnitten, und alle Jahre hab’ ich das gethan zum traurigen Angedenken. Und auch er selber, gleichwohl er ehrlich und brav gewesen ist in seinen jungen Tagen, kann kein ruhiges Gewissen mehr gehabt haben. Einer einzigen Stunde wegen sind wir elend geworden Allbeide. -- Die Pfeife -- ja, es ist noch die seine -- die hab’ ich mir angewohnt, und wie ich den Tiroler nimmer vergessen kann, so soll auch, so lang’ ich leb’, das Feuer da d’rin nicht ganz verlöschen. Und vielleicht kommt er doch noch einmal zur Thür herein; meine größte Freud’ im Himmel und auf Erden, wenn ich ihm könnt’ sagen: Da, mein Herzallerliebster, da nimm Deine Pfeife, sie brennt noch!“
Der Melchior war aufgestanden. „Ihr seid brav,“ sagte er heiser, „aber ich bin ein schlechter Mensch, ich hab’ mich mehr als einmal lustig gemacht über Eure Pfeife und über Euer geschorenes Haupt.“
„Da hast ja Recht gehabt, Du Tropf!“ rief die Alte. „Ich lach’ mich selber aus, aber ich halt’s; ich kann meine Reu und Treu nicht besser beweisen.“
Nach diesen Worten faßte sie wieder des Burschen Hand: „Melchior, jetzt wird’s bald Neun schlagen unten auf der Kirchenuhr. Sei mir ja nicht bös, daß ich da bin, aber ich wollt’ Dich nicht verlassen; es ist Deine gefährliche Stund’. -- Hast mich nicht gesehen unten am Hof? Wie Du die Toni da zum Schachen her hast beschieden, bin ich nicht weit von Euch gestanden. -- Jetzt will ich aber wieder davongehen; Du bist Dein eigener Herr. Nur das sag’ ich Dir, Melchior, gieb Acht, daß Du das Unglück nicht aufweckst, für Dich und für sie; es geht dann nimmer schlafen! -- Und das ist der Dienst, den ich Dir erweisen kann; nimmst ihn, oder nicht. Jetzt behüt’ Dich Gott! Behüt’ Dich Gott!“
Sie hastete davon. Der Melchior Ehrlich stand allein im Schatten der alten Bäume.
Nicht lange hernach hörte er die Schellen der Ziegen. Die kleine Toni huschte dem Schachen zu.
„Hast Du sie auch gesehen, Melchi?“ rief sie dem jungen Hirten zu.
„Wen?“
„Die Hexe, die Pfingsthexe! Da über die Höhe ist sie hingelaufen, gegen die Hinteralm.“
„Das ist das -- Sennermägdle gewesen,“ antwortete der Bursche zerstreut.
Sie gingen eine Weile zwischen dem Gestämm hin und wußten nicht, was sie einander sagen sollten. Beide blickten auf das braune Moos des Bodens.
„Daß aber da keine Pilzlinge wachsen!“ bemerkte endlich das Mädchen.
„’s ist noch zu früh an der Zeit,“ entgegnete der Bursche.
„Vielleicht dort im jungen Anwachs d’rin,“ sagte die Butterdirn.
Aber der Melchi wandte sich hinaus gegen die Lichtung, zog langsam die Mütze vom Kopf: „Ich denk’, Toni, wir heben an mit dem Rosenkranz.“
Falsches Geld.
Pfingsten war glücklich vorbeigegangen.
„Brav sein, dieweil!“ sagte sich der Melchior, „sie kann arbeiten, ich kann arbeiten; ’s wird geheiratet.“
Da stand wenige Wochen nach Pfingsten an einem Samstag-Abend die kleine Toni am Brunnentrog und wusch ihr rothes Röcklein. Am andern Ende des Troges saß der Melchior und rieb mit kräftiger Hand Ochsenfett in seine Sonntagsschuhe. Kam der alte, bucklige Hans mit seinen Kühen heim und brummte, weil ihn der Feierabend lustig machte, das Liedchen:
„Ein Einser und ein Zweier, Die machen just ein’ Dreier, Und die Henne, die auf’s Feld geht, Die frißt gern der Geier.“
Man weiß nicht, ob es der alte Schalk mit diesem Vierzeiligen auf Jemanden abgesehen hatte, oder ob er thatsächlich an eine unvorsichtige Henne dachte. Die Buttertoni kicherte, plätscherte mit dem rothen Kittelchen, daß das Wasser bis zum Melchi hinspritzte, und sang:
„Und die Henne, die auf’s Feld geht, Die frißt gern der Geier; Und die föhrenrindenen Vögel Legen packfong’ne Eier.“
Der Melchi horchte auf. Er hatte es sofort verstanden, der hölzerne Rothkropf hatte das Ringlein endlich ausgebrütet, oder vielmehr, das Mädchen hatte es in dem Vogel entdeckt.
„Sollt’s -- nicht von Silber sein, Toni?“
„Hi, hi,“ lachte diese, „das Ringlein hat schauderlich die Gelbsucht.“
„Von Packfong?! O Du verdangelter Kapuziner, auch Du gehst um, Leut’ betrügen!“
„Ja, ja,“ rief die Toni und lachte nicht dabei, „was kann der Kapuziner dafür, wenn Du dummerweise seine Hergab’ für Silber hast gehalten. Du hättest aber auch so Einer werden sollen von der Gattung Kutten, die kein Geld im Sack haben dürfen, weil ihnen ohnehin all’ gut’ Sach’, die sie brauchen, zugesteckt wird.“
Sie ließ das Wasser gischten: der Bursche rieb doppelt heftig an seinem Schuh und war gar roth im Gesicht.
„Hätt’st mich nimmer gern, Toni?“ sagt er nun halblaut.
„Ei ja,“ sagte sie, „hast mir ja nichts gethan.“
Sie sah nicht mehr auf den Burschen hin, hub an, mit ihrem rothen Rock zu schwätzen, daß er ihr jetzt „weiß“ genug sei und daß sie ihn auf die Stange spannen werde.
Und als sie mit dem Waschkörbchen davon ging, schlug sie ihre Stimme über und sang:
„Im Beutel a Geld Und im Herzen an Schatz, Und a Schneid muaß da Bua hab’n, Sunst g’hört er der Katz.“
Nun war’s doch wahrhaftig deutlich genug, die Butterdirn war aufgebracht.
Worüber nur? Weil der Ring im Vogel nicht von Gold oder Silber gewesen? Weil der Melchi kein Geld in der Tasche trug und ihr kein Taffetschürzchen kaufen konnte? -- Nein, so klein denkt die kleine Toni nicht. Oder -- hätte sie doch der Rosenkranz am Pfingstsonntag verdrossen?
Es verging eine Woche um die andere, die Butterdirn gab sich mit dem Melchior nicht mehr und nicht weniger ab, wie mit den anderen Mannsleuten, sie war lustig und lachte wie immer, aber ihr Lachen -- wer ihm aufgepaßt hätte -- scholl lauter und härter als sonst.
Der Melchior befliß sich zu zeigen, daß er ganz so sei, wie immer, und brummte seinen Ochsen zuweilen auch wohl das Liedchen vor:
„Wegen oan Dirndl traurig sein, Däs follt ma gor nit ein, Brauch’ nit erst ’s Dutzend z’ zähl’n, Krieg’s nach der Ell’n.“
Aber dann guckte er doch wieder einmal durch das Bohrloch in die Butterkammer hinein.
An Sonntagen, wenn die Toni zur Kirche hinabgegangen war, kam sie nun häufig später nach Hause als sonst, und im Hof gingen allerhand Neckworte herum vom Leisten, von der Ahle, von Schmier und Pech u. s. w., die auf die Butterdirn gemünzt waren und die der gute Melchior Ehrlich nachgerade nicht begriff.
Da stand der Bursche in einer Nacht aus seinem Bette auf und schlich gegen das Kammerfenster der Toni.
„Mein Dirndl!“ flüsterte er und klopfte an die Scheibe.
Sie schlief.
„Toni, hast mich denn nimmer gern?“
Sie schlief fest.
„Hätt’ ich Dir was Leids gethan, Toni, thu mir’s nicht verschweigen. Schau, ich bin Dir von Herzen treu.“
Jetzt öffnete sich das Fensterchen, aber anstatt aller Antwort kam der föhrenrindene Vogel mit dem Ringlein heraus. Das war auch eine Antwort.
Der Melchior sagte kein Wort mehr; er steckte das kleine Schnitzwerk in seinen Hosensack und ging langsam seinem Bette zu.
Am nächstfolgenden Sonntag wurde in der Untergäuer Kirche von der Kanzel verkündet: „Der Bräutigam Mirtel Gegerle, Schuhmacher in der Gemeinde Sterzen; die Braut Antonia Schwanner, bisher Dienstmagd im Hof auf der hohen Weid im obern Gäu...“
Man beglückwünschte die Braut, die als einfache Dienstmagd eine so gute Partie mache. Der Schuster Gegerle hatte ja Geld. Jung und schön war er zwar nicht, der Meister, hatte auch schon drei Kinder von seiner ersten und zweiten Frau im Hause; aber er kaufte seiner zukünftigen Dritten ein grünes Seidenkleid und gab ihr obendrein ein Antraugeld, das mehr ausmachte als ein ganzer Jahrlohn auf der hohen Weid.
„Ist auch gut,“ meinte der Melchior, „sie heiratet das Geld! mein Weib muß mich heiraten.“ -- Einmal aber, als der Knecht die Sache so recht überdacht hatte, war er doch wild geworden, hatte sich in seinem Zorne die Zipfelmütze vom Haupt gerissen und sie mit den Füßen getreten. -- „Geld!“ schrie er laut, „Geld! Wiederum ist es dieses Best, das mich will zugrunde richten. Meinen Vater, meine Mutter, meinen Bruder, meine Herzliebste hat mir das Geld gefressen!“
Der Bauer hatte es gehört. „Geh, Melchi,“ sagte er, „sei kein Narr. Geld muß der Mensch mit Geld wett machen! Wirst auch noch einmal was anfangen können, Junge; Du weißt, was Du bei mir liegen hast.“
„Mag nichts hören davon!“ schrie der Bursche und stampfte den Fuß auf den dröhnenden Boden.
Bei der Hochzeit der Butterdirn war der halbe Hochweidhof mitgewesen, auch der geknickte Zaunpfahl hatte nicht gefehlt, war sogar auf einem Ehrenplatz gesessen und hatte unerhört viel Braten und Krapfen verzehrt. Der Remini Dreihand war ein guter Freund des Bräutigams.
Der Melchior war am Hochzeitstage auf der Alm wie ein wildes Thier herumgerannt. Ueber die Heukehr war er gelaufen, wo die kleine Toni so oft die Ziegen gefüttert hatte. Aber als er am Schachen des Hochbodens vorüberging, da lachte er hell auf und die Bäume lachten mit. Eilig ging er der Hütte auf der Hinteralm zu, nahm das Sennermägdle bei der welken Hand und sagte: „Vergelt’ Euch Gott den Pfingstsonntag!“
Die Liebe blutet.
Jetzt gingen der Jahre eines und zweie und etliche dahin.
Der Melchior blieb auf der hohen Weid und war fleißig und verläßlich und arbeitete für Zwei.
In den ermüdendsten Bewegungen, im Heumähen, im Streutragen, im Brennholzspalten ging er voran und war thätig vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Der junge Mann meinte, das, was ihn immer so sehr in seinem Herzen drücke, sei nichts als dickes Blut, und das Blut müsse durch Bewegung und Schweiß gereinigt werden.
Er war völlig anders als sonst, er war nicht mehr heiter und gesellig, er war still und oft traurig, hielt’s mit Niemandem; ganz allein ging er um.
Vor dem Soldatenleben, das dem frischen Burschen bevorstand, hatte er sich sonst gescheut, nun wollte er am liebsten „ziehen fort auf’s weite Feld und streiten mit dem Feind“, wie’s im Liede heißt.
Den Bauer respectirte er stets als seinen Dienstherrn, des Weiteren hielt er seine Selbstständigkeit aufrecht.
Nur bei dem Sennermägdle saß er zuweilen in der Hütte. Jetzt mochte er auch ihre Tabakspfeife leiden. Andere Leut’ rauchen und wissen nicht warum; aber beim Sennermägdle hat’s eine Bedeutung. Und wie sie sich seit vielen Jahren ihr Haar vom Haupte schnitt als Zeichen der Reue und Treue, so wollte auch er, der Melchior Ehrlich, an seiner Satzung halten: keinen Heller von dem verfluchten Gelde besitzen sein Lebtag lang’.
Was war mit dem Lebkuchenherz geschehen?
Das trug der Bursche stets noch in seinem Geldbeutel. Was konnte auch das Herz für die Butterdirn!
Auch den föhrenrindenen Vogel ließ er nicht mehr aus seinem Sack, so lange er die blauleinene Hose trug; später, als er vom Bauer eine grauleinene bekam, mußte mit dem Burschen freilich auch das hölzerne Rothkehlchen übersiedeln. Das Rothkehlchen mitsammt dem Lebkuchenherz, das bereits eingetrocknet war wie die Mumie eines lieben Abgestorbenen.
So lebte und so trieb es der Knecht aus dem untern Gäu. Der schwarze Stier, der einst mit ihm heraufgekommen war, erfreute sich längst schon einer zahlreichen Nachkommenschaft auf der hohen Weid. Der Melchior war Junggeselle.
War es und wollte es verbleiben.
Der Jude wird verbrannt.