Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 26
Kaum war Gudwella allein, so streckte sie die Hand aus dem Fenster, riß einige Birkenzweige ab und schmückte damit ihr Haar sowohl, als auch ihre unheimliche Lagerstatt. Dann blickte sie im Gemache umher, fand aber nichts als die grauen Wände; auf dem bestaubten Ofen lag ein bestaubter Todtenschädel, den schlug sie mit einem Birkenzweig herab, daß er über den Boden kollerte, dann rief sie: „Oho! Hast dir weh gethan!“ Sie wollte den Schädel zum Fenster hinauswerfen, allein das eng geflochtene Gitter ließ ihn nicht durch; da sagte Gudwella: „Siehst du, jetzt haben sie dich auch eingesperrt, und jetzt halten wir zusammen.“
So hatte das Mädchen in der stillen Herberge die erste Bekanntschaft gemacht. Ihr natürlicher Humor, der gute Geselle, war mit ihr in das Gefängniß gegangen; freilich hatte er eine etwas andere Farbe und Tonart, wie da draußen im freien Wald; aber der Schalk war es doch noch immer. -- Schließlich wand Gudwella dem Knochenschädel ein Birkenkränzlein um die Stirne: „Könntest ja mein Bräutigam geworden sein, wenn du nicht wahrscheinlich eine tugendsame Klosterfrau gewesen wärest....“
Aber für die Länge unterhält sich’s mit einem Todtenkopf nicht recht possirlich, und als der Tag vorüberging und von der reichen, heiteren Welt draußen nicht einmal eine Mücke zum Fenster hereingeflogen war, dachte Gudwella an das Wort des Todtengräbers: „Ihr ergötzt Euch leichtlich mit Euch selber, luget in den Wasserkrug!“ -- Im Wasserkrug war Wasser: sie lugte doch hinein, ob der gute Mann nicht etwa süßen Meth in denselben gethan habe. Es war Wasser, jedoch, im dunklen Spiegel desselben war ein rosig’ Köpfchen gezeichnet und gemalt -- ihr eigen’ Angesicht lächelte ihr entgegen und zeigte die weißen Zähnchen und die hellen Aeuglein und das zierliche Näschen, das glatt und sauber war über und über, und auf dem kein böses Haar stand. -- Das machte ihr vielen Spaß, und sie blies in den Wasserspiegel, daß alle Theile des Gesichtchens wie Quecksilber zitterten, und darüber lachte sie hell und ergötzte sich.
So war der erste Tag vergangen. Aber die erste Nacht? Im Sarge lag Stroh: Gudwella warf es nicht heraus, um sich auf dem kalten Boden ein Lager zu bereiten. „Vor dir fürchte ich mich schon lange nicht“, hatte sie zum Sarge gesagt, „du bist auch im grünen Walde gewachsen, wie ich.“
In der Abenddämmerung blickte sie noch hinaus in das Freie, wo Fledermäuse flatterten und Johanniswürmchen schimmerten. Zwischen den Kreuzen huschte es wie eine dunkle Gestalt dahin....
Gudwella schloß das Fenster.
* * * * *
Der Edelknabe hieß Rodam. Er war ein Sohn der ritterlichen Krimburger und hatte sich bislang im Kerngulder Schlosse als Page der Jugend erfreut. Er hatte hier die Feinheit und Sittigkeit der Frauen und die Tapferkeit und den Edelmuth der Männer gesehen. Er hatte der schönen Schloßfrau den Becher goldbraunen Methes kredenzt, er hatte dem Herrn das funkelnde Schwert an die Seite geschnallt. Er hatte die Armbrust im Walde geführt, er hatte gelernt, das feurige Roß zu zähmen. So hatte es sein Herr Vater gewollt und freute sich seines kräftigen und wohlgestalteten Sohnes, der nun im Kerngulder Schlosse zum Ritter geschlagen in die heimatliche Burg zurückkehren sollte.
Inzwischen jedoch ereignete sich die Geschichte, die hier erzählt wird.
Am Vortage seiner Ritterweihe zog Rodam noch durch den Wald, durch den er so oft gewandelt und geritten war, und von dem er nun Abschied nehmen sollte. So kam er auch zur schattigen Schlucht und zur Wassertiefe, in die er seinen Leib so oft getaucht hatte. Das wollte er auch heute noch einmal thun: die Knabenschaft soll weggeschwemmt, der junge Ritter soll getauft sein in den kalten Fluthen des Waldes.
Am andern Tage aber, kaum eine Stunde danach, als das breite Schwert auf seine Schulter niedergesunken war, vernahm es Rodam bei festlichem Mahle wie eine Mär’, daß im Kloster Taubenzell eine wunderholde Jungfrau zur Gefangenschaft im Todtenhause, die stille Herberge genannt, verurtheilt worden, weil sie sich im Walde gebadet habe an der Stelle, wo vor ihr ein Jüngling im Wasser geschwommen sei.
Als Rodam diesen Bericht vernommen hatte, setzte er seinen silbernen Humpen an den Mund und trank ihn aus.
Und ehe er noch zurückkehrte in seiner Väter Burg, durchstreifte er die Gegend, um die Wahrheit des Gerüchtes zu erproben, umkreiste das Kloster, um die Jungfrau, wie sie ihm beschrieben war, zu sehen. Er sah sie nur von ferne, aber er erfuhr genau die Tage und Nächte ihrer Gefangenschaft. Da sagte er zu sich: „Minnedienst ist Ritterthat! Die Jungfrau, die vielleicht meinetwegen duldet, soll nicht verlassen sein.“
Er faßte der Pläne mehrere. Vor dem Fenster stehen und Lautenspielen zur nächtlichen Weile war ihm zu knabenhaft. Den alten Wart bestechen, wollte ihm nicht recht möglich scheinen; denn der Alte war ein ehrlicher Klotz, der brachte selbst die goldenen Ringlein, so an den ausgegrabenen Gebeinen hingen, den Erben zurück. Aber ehrliche Leute sind ja leichtgläubig, und weil sie nicht betrügen, so müssen sie betrogen werden, damit auch an ihnen des Lebens Gleichgewicht zur Geltung komme. --
Als jedoch am Peter- und Paulitag der Abend nahte, für den Rodam schon so Manches vorbereitet hatte, da stieg eine Nonne nieder vom Klosterhügel und begehrte bei dem alten Gräber Einlaß zur Büßerin, um dem jungen Blute die nächtlichen Stunden zu mildern und ihm Litaneien und Psalmen vorzubeten, so wie es die Oberin befohlen habe.
„Ist einmal ein vernünftig Gebaren das“, brummte der Alte, „sollte es ihr schon nach dem Psalm nicht verlangen, so wird ihr gewiß ein Plauderstündchen willkommen sein.“ Und er geleitete die Schwester durch die Gänge und Pforten in die Zelle der Jungfrau. Dann drehte er knarrend wieder die beiden rostigen Schlösser ein und schritt langsam und schier erleichterten Herzens in sein Stübchen am Haupteingange zurück.
Gudwella, die am Fenster saß, war eben beschäftigt gewesen, aus Brotkrümelchen einen Edelknaben zu kneten; nun hatte sie das Gebilde sofort zwischen sich und der Mauer hinabsinken lassen und blickte verwundert auf die eingetretene Nonne, die im Dunkeln stand und sich kaum regte.
„Ei,“ fragte Gudwella endlich, „habt Ihr auch die Tugend verletzt, daß Ihr hier seid?“
„Ich habe mich auch im Waldwasser geatzt,“ versetzte die Schwester, „und darum bin ich hier.“
Gudwella stutzte. Was war das für eine Stimme? Die kannte sie nicht, die hatte sie im Kloster nie gehört; ein solcher Ton geht nicht aus Frauenmund.
„Jungfrau, ich bitt’ Euch, woll’t mich nicht verdammen,“ sagte jetzt die fremde Gestalt, „wenn es so ist, daß Ihr meinetwegen hier schmachtet, so will ich Euch zur Gesellschaft sein an diesem rüchigen Ort, der für ein so junges und schönes Frauenbild nicht will geschaffen sein. Ich bin Rodam, der Sohn der ritterlichen Krimburger, und selbst zum Ritter geschlagen vor wenigen Tagen im Schlosse der Kerngulder. Ich bin der Knab’, den Ihr in der Bergschlucht mögt gesehen haben, dem Ihr nachgefolgt seid und dessentweg’ Ihr der Freiheit beraubt worden. Jungfrau, ich bitt’ Euch um die Gunst, lasset mich Euer Wächter sein.“
Bei diesen Worten war der Nonnenhabit von der Gestalt niedergesunken und ein junger Rittersmann stand da in herrlicher Schönheit des Leibes und im stolzen Schmucke seiner Würde.
Die Jungfrau saß unbeweglich am Fenster. Es war in der Dunkelheit nicht zu sehen, wie sie erblaßte, wie sie zitterte und wie ihr Aug’ im Zorne glühte. Sie wollte den kühnen Eindringling von sich weisen, sie wollte um Hilfe schreien, allein in ihrer Brust wüthete ein Kampf, den sie bisher noch nie empfunden, und ihre Zunge war wie gelähmt. Endlich sank ihr Haupt und sie hub heftig zu schluchzen an.
Da sank der Ritter auf sein Knie und sagte: „Jungfrau, was soll das bedeuten? Ich versteh’ es nimmer. Ich habe mich verleiten lassen, vielleicht durch Uebermuth, vielleicht durch Eitelkeit, die dem Ritter nicht geziemt; vielleicht wohl auch, weil ich Euere holdsame Gestalt im Garten erblickt. Wie sehr Ihr angelegen mir seid -- daß ich um Euretwillen der Ritterehr’ vergessen, zur List gegriffen hab’, das mag’s Euch weisen. Nun bin ich da; am Morgen, wenn der erste Fink wird singen und die Grasmücke zirpen, wird nach der Verabredung der Pförtner wieder erscheinen und die Nonne von dannen geleiten. Rodam aber wird hier auf seinem Knie ruhen die ganze Nacht und Euch anflehen um Verzeihung.“
So sprach der Jüngling. Gudwella aber hatte sich erhoben und das Lichtlein angezündet auf der rostigen Lampe. Rodam hatte eine Kohle aus der Ofennische genommen. „Jungfrau,“ sagte er, „hier mit diesem Griffel ziehe ich einen Kreis auf dem Boden um mich herum; und wenn ich einen Schritt aus diesem Kreise trete, bevor der Pförtner erscheint, so soll mich der große Gott verdammen auf Erden und bei seinem letzten Gerichte!“ Und er zog mit der Kohle einen schwarzen Ring um sich.
Das Mädchen sah ihm dabei zu, dann sagte es leise: „Ist schon recht, das ist der Zauberkreis, und wenn Ihr über denselben hinausspringt, so holt Euch auf der Stell’ der Andere mit den schwarzen Hörnern und mit der glühenden Kette!“
Es war schon wieder die Schalkheit in ihr.
So lebten sie nun; Gudwella saß am Fenster und blickte in die Nacht hinaus auf den stillen Friedhof, der von den hohen Weiden und Birken des Haines umgeben war, und über den die Sternlein des Himmels funkelten. Rodam stand in seinem Kreise wie eine Statue aus Erz; die Linke hatte er an seinen Gürtel gestemmt, in der Rechten hielt er das entblößte Schwert, das er auf den Boden stützte. Die Locken wallten ihm wild um das jugendzarte Gesicht; seine Lippen, über welchen kaum noch der schattende Hauch der Männlichkeit zu verspüren war, hielt er fest geschlossen, sein großes Auge wendete er nicht von dem Mädchen, das zu hüten und zu schützen er gekommen war.
Endlich wollte Gudwella ein wenig ruhen, und als sie sich in den Sarg niederließ, rief sie lustig wie einst durch das Fenster herein: „Je, dies Bett ist mir viel zu eng!“
Das Licht wurde nicht ausgelöscht; da könnte, schloß das Mädchen, der Rittersmann ja seinen Kreis nicht sehen und möchte leichtlich aus Zufall die Grenze überschreiten.
Draußen stand nun der Mond über den schwarzen Wipfeln des Haines, und die Kreuze warfen ihre Schatten über die thaublassen Grashügel, und es war, als ging ein silbernes Spinnengewebe über Alles.
„Geht,“ rief die Jungfrau plötzlich aus ihrem Schreine hervor, „geht, Herr Ritter, laßt Eure schauerliche Weis’ und legt das Schwert aus der Hand, das kann ich nicht leiden.“
Gelassen lehnte Rodam das Schwert an die Mauer, stand aber nichts destoweniger nach wie vor bewegungslos auf seiner Stelle.
Als es aber gegen den Morgen ging und Rodam merkte, daß Gudwella nicht schlummere, sagte er: „Jungfrau, habt Ihr Euch in dieser Nacht gefürchtet?“
„Wovor hätte ich mich fürchten sollen?“ entgegnete das Mädchen, „nicht vor den Todten habe ich mich gefürchtet, weil ~Ihr~ dagewesen; und nicht vor Euch habe ich mich gefürchtet, weil die Todten nahe sind.“
„So werde ich in der nächsten Nacht wiederum kommen, um bei Euch zu wachen.“
Auf dieses Wort hatte das Mädchen nichts entgegnet.
Nun mußte draußen schon der Fink singen und die Grasmücke zirpen, im Gange hallten die Schritte des Thorwarts. Rodam hüllte rasch den grauen Habit um, that die dazugehörige Kapuze über das Haupt, und als der Schlüssel im Schlosse knarrte, stieg er aus seinem Kreise und machte eine schier minnesame Verneigung vor der Jungfrau, die sich in ihrem leichten Kleidchen halb auf dem Lager erhoben hatte.
Der schlaftrunkene Alte führte hierauf die Nonne hinaus, schloß die Pforten; und als die letzten Schritte in den Gängen verhallt waren, da fand es Gudwella gar einsam und öd in der Kammer, genannt die stille Herberg.
* * * * *
Am zweiten Tag versuchte es die junge Büßerin, einen großen, roth und blaugefleckten Schmetterling durch das Fenster zu locken, was ihr aber nicht gelang; der schöne Falter setzte sich wohl an ein Birkenreis und lugte ein wenig in das Gemach; der goldlockige Mädchenkopf mochte ihm gefallen, aber die Kammer war ihm zu dunkel und so flatterte er wieder davon. Bald darauf sah Gudwella auf einem Birkenblatte eine schwarze Puppe mit hellrothen Sternchen kleben. „Wart,“ sagte sie freudig, „jetzt bekomme ich aber doch noch einen herein!“ Sie löste das Blatt behutsam ab und legte es in der Kammer auf das Tischchen. Sie legte auch noch andere Blätter dazu, deren sie vom Fenster aus habhaft werden konnte; und sie verwahrte das Püppchen sorgfältig zwischen all’ dem Grünen, und wartete nun, bis das Ding flügge werden sollte.
Es verging der Tag, es kam frisches Brot und frisches Wasser; es ließ sich die Oberin erkundigen, ob die Novize ein besonderes Bedürfniß oder ein Seelenanliegen habe; sie sandte bei dieser Gelegenheit ein Fläschchen erfrischenden Getränkes, welches die Büßerin aber mit einer etwas störrigen Bemerkung zurückschickte. Es kam auch sonst der Alte noch mehrmals in die Kammer, aber der Schmetterling schlüpfte nicht aus.
Und zur späten Abenddämmerung meldete sich wieder die Schwester bei dem Pförtner und verlangte Einlaß zur Büßerin, um dem jungen Blut die nächtlichen Stunden zu mildern und ihm Litaneien und Psalmen vorzubeten, wie es die Oberin befohlen habe.
Der Eintritt war ganz wie in der ersten Nacht, nur daß Gudwella diesmal den Ritter schon erwartet zu haben schien. Sie hatte ein Schnürchen in Bereitschaft, das sie vom Henkel des Fensters bis an die gegenüberliegende Wand so ziehen wollte, daß es die Kammer in zwei Theile schnitt, den einen für Gudwella, den andern für den feinen Rittersmann. Der Kohlenkreis, meinte sie bei sich, sei doch zu eng gezogen und könne gar so leicht übersehen werden in der nächtlichen Dunkelheit, wenn etwa das Oel der Lampe ausginge und das Licht verlösche.
Rodam hatte nichts dagegen einzuwenden. Er legte die Vermummung ab und konnte sich nun in dem ihm angewiesenen Raume etwas freier bewegen, als in der vorigen Nacht.
Gudwella blickte wieder zum Fenster hinaus und sagte auf einmal: „Ei, das ist doch schön, jetzt steigen aus den Gräbern die Funken auf.“
Rodam eilte, um zu sehen. Glühende Johanniswürmchen schwebten über den Hügeln. Gudwella lachte, daß sie durch ihren bildlichen Ausdruck den Ritter an’s Fenster gelockt habe. Der Jüngling, dem Mädchen einmal so nahe gekommen, wahrte seinen Vortheil, ohne jedoch im Geringsten an die Grenzschnur zu streifen.
Das Mädchen hub an zu schwätzen, erzählte vom Walde, vom heimatlichen Hofe, mischte allerlei kleine Schwänke darunter; dann aber begann es auch an den jungen Rittersmann in recht zierlicher Art unterschiedliche Fragen zu stellen, die er mit Freundlichkeit und Minne beantwortete. Dann sagte sie, wie ihm doch das schwarze, weite Wamms mit den hellrothen Schlitzen über der Brust so gut lasse, aber die obere Schleife, achte sie, müsse er etwas knapper ziehen. Rodam stellte sich an die Schnur und sagte: „Jungfrau Gudwella, ich kann es mit meinen Augen nicht sehen, wie mir die Schleife am Halse steht; ich bitt’ Euch daher, daß Ihr mir sie nach Eurem Ermessen zurechtrücken wolltet.“
Da hob das Mädchen die zarten Hände bis gegen das Kinn seines jungen Hüters, zog die Sammtschleife knapper, ließ sie wieder locker, daß der weiße schlanke Hals ein wenig herauslugte, und band sie dann um so fester und enger zusammen. Rodam versäumte nicht den Augenblick, als nach vollbrachtem Werke die Händchen sanken, um dieselben mit den seinen aufzufangen und minniglich zu küssen. -- Dabei nun strich er freilich ein wenig an die Schnur, daß dieselbe bis an ihre Enden hin erzitterte.
Ueber den Wipfeln des Haines stand wieder der Mond und goß, trotz des trübflackernden Lämpchens das weiße Bild des Fensters mit seinen dunklen Rahmen und Gittergewinden auf den Boden der Kammer.
„O nein, Mond“, sagte da Gudwella, „mit dem bloßen Schein bin ich nicht zufrieden, ich will dein ganzes kugelrundes Leiblein bei mir im Kämmerl haben.“
Sofort stellte sie den vollen Wasserkrug an’s Fenster. „Gucket, Herr Ritter,“ rief sie, „da d’rin hockt er jetzt, der Schelm; nur zum Trinken muß man ihm was vorsetzen, gleich ist er da.“
Die ganze Mondscheibe blinkte aus dem schwarzen Grunde des Wassers.
„Ja, der hat’s gut,“ entgegnete Rodam, „der braucht nicht erst die Kleider abzulegen, wenn er badet.“
Gudwella schwieg diesmal. Sie entfernte sich ein wenig von der Schnur, und der Jüngling wog erst jetzt das ausgesprochene Wort, und es war ihm weh’, das reizende Kind verscheucht zu haben. Es war ihm jählings gar schwül in seiner Brust, er schlug den Fensterflügel auf und lehnte sich an die Brüstung.
„Warum thut Ihr das?“ sagte Gudwella, „Ihr müßt das Tuch über’s Haupt legen, wenn Ihr zum Fenster geht.“
„Es schreit der Nachtvogel so stark,“ sagte der Jüngling.
„Der Nachtvogel? Herr Ritter, vielleicht fliegt er herein, daß wir ihn füttern könnten,“ versetzte das Mädchen, welches alles Gethier und selbst die Nachteule um sich versammelt haben wollte. Sie eilte an das Fenster, um zu horchen; und jetzt waren da die beiden Häupter so nahe beisammen, daß Gudwella fühlte, der Rittersmann habe eine heiße Wange, daß Rodam vernahm, wie der Jungfrau das Herzchen schlug. Und da war es plötzlich dem jungen Edelmann, der rechts stand, als ob er den Vogel nur mit seinem linken Ohre höre, dem Mädchen hinwiederum schien es, als ob derselbe zur Rechten schreie -- sie wendeten ihre Köpfe, und so fügte es sich, daß jählings die zwei Paar Lippen aneinander glitten....
In demselben Augenblicke hallten draußen im Gange die Schritte eines Nahenden. Es sang noch nicht der Fink, es war erst Mitternacht. Rodam schlüpfte nicht in seine Vermummung, er griff nach dem Schwerte. Gudwella aber erhaschte ein Psalmenbuch, schlug es auf und betete laut im gewohnten Litaneienton:
„Mein Leben wollten sie vertilgen in der Grube, sie legten einen Stein auf mich. Schon schlug das Wasser über meinem Haupte zusammen, ich dachte, es ist aus mit mir. Da rief ich aus des Abgrundes Tiefe, Jehova, Deinen Namen. Du nahtest Dich am Tage, als ich Dich um Hilfe flehte, und sprachst: Fürchte Dich nicht! Du, Herr, führtest die Sache meiner Seele, Du rettetest mein Leben!....“
Als der alte wachsame Todtengräber vor der Thür hörte, daß die Büßerin so bete, und also Alles seine Ordnung haben werde, ging er wieder davon. Gudwella aber erschrak baß über das Klagelied des Jeremias, durch welches sie zufällig ihre eigene Herzensstimmung dem Rittersmanne vorgesungen hatte. -- Ihre Seele zitterte, ihr Gemüth war schwer. Ohne noch ein Wort zu sagen, legte sie sich in ihren Schrein.
Rodam stand an der Markschnur, die von der Bewegung bei dem vorigen Ereignisse kaum noch zur Ruhe gekommen war, und seine Gestalt sah wieder einer ehernen Statue gleich; nur sein offenes Antlitz war geröthet, und sein großes, dunkles Auge glühte und wollte sich von der lieblichen Schläferin nimmer wenden.
Draußen jauchzte noch zweimal die Nachteule; des Mondes blasse Tafel auf dem Boden hatte sich gar seltsam gegen den Sarg hin verschoben. Das matte Licht der Lampe war verloschen.
Endlich sang der Fink, zirpte die Grasmücke; der alte Wart kam und geleitete die fromme Schwester von dannen. Und als Gudwella erwachte, war sie allein.
* * * * *
Am dritten Tage ließ die Aebtissin der jungen Novize sagen, sie und alle ehrwürdigen Schwestern seien erfreut, daß Gudwella so geduldig und standhaft in ihrer Buße verharre, und man bete für sie, daß sie auch noch den letzten Tag und die letzte Nacht in christlicher Ergebenheit zubringe, auf daß sie rein und gerechtfertigt in die heiligen Mauern des Klosters zurückkehren könne.
Es war dem Stifte viel gelegen an diesem Weltkinde, welches, wenn auch launig, übermüthig und ausgelassen, doch sein irdisch’ Gut der himmlischen Gemeinde zum Opfer brachte. Die bösen Begierden erachtete man durch die stille Herberge wohl als gebrochen; und so wurde erwartet, daß Gudwella, die in dieser Sache weder an ihrem strengen, gottesfürchtigen Vater, noch an einem anderen Freund oder Verwandten eine Zuflucht hatte, nach Verlauf des Probejahres den bindenden Segen, der sie bis zum Tode an das Haus des Friedens fesseln soll, dankbar annehmen werde.
Darum wurden dem Mädchen am dritten Tage seiner Gefangenschaft die obigen gütigen Worte gesagt. -- Zwei Schwestern hatten sie gebracht, waren aber bald wieder aus dem unheimlichen Gemache davongegangen. -- Die haben es eiliger, als die brave Nonne, die zur Nachtzeit kommt, um der armen Büßerin christliche Beistandschaft zu leisten -- hatte sich der Pförtner gedacht.
Dann hatte der Alte der Gefangenen wieder die nöthigen Dinge gebracht, und hatte schließlich gefragt, ob noch Oel in der Lampe, worauf Gudwella „ja“ geantwortet, und hatte die Zelle verlassen.
An diesem Tage waren zwei Hummeln in das Kämmerlein geflogen, hatten um das Haupt des Mädchens eine Weile herumgeläutet, hatten hierauf Hochzeit mit einander gehalten.
Der Schmetterling unter den Birkenblättern aber hatte sich noch immer nicht entpuppt, und das Mädchen blickte sehnsüchtig in den sonnigen, blühenden Tag hinaus, in welchem überall das Leben spann und klang. Die Hügelchen schienen sich nach und nach zu ebnen, selbst die hölzernen Kreuze morschten und sanken der Erde zu, während aus dieser Halm um Halm, Blüthe um Blüthe in reicher Fülle sproßte.
Endlich kam auch des dritten Tages Abend und mit ihm die Nacht. Bei dem Pförtner meldete sich wieder die Klosterfrau, im Kämmerlein erschien der Ritter.
Er grüßte minniglich, sie dankte fein. Er hob ihre weiche Hand zu seinen Lippen, sie lächelte mild. Sie war heute nicht übermüthig und sie war nicht verzagt; sie war der Jungfrauen holdeste -- sie dankte süß, daß er gekommen.
Sie hatte heute keine Schnur gezogen, und auch der Kohlenkreis war verwischt. Als sie die Lampe wollte anzünden, war kein Oel darin. Also bat sie den jungen Rittersmann, daß er auch in dieser Nacht, wie in den vorhergehenden Nächten, ihr tugendsamer und treuer Hort verbleiben möge.
„Meine liebholde Jungfrau,“ antwortete der Jüngling, „Rodam hätte Euch Folgendes zu sagen: Seines Vaters Landgüter sind groß, aber sie haben ihre Grenzen ringsum, und diese Grenzen sind mit Marksteinen besetzt, auf daß der Landmann und der Hirt und der Jäger weiß, wie weit sich das Reich erstrecke. Und so muß auch, schöne Jungfrau Gudwella, Rodam’s Reich in Euerem Gemache eine sichtbare Schranke haben, über die er nicht greifen darf, innerhalb derselben er aber schalten und walten mag nach Lieb’ und Lust. -- Ihr seht, mildreiche Maid, dort über den Weiden steht der Mond; er legt seine lichte Tafel auf den Boden dieses Kämmerleins; wollet Ihr es erlauben, daß ich Besitz nehme von diesem hellen Viereck und darin verbleibe die ganze Nacht, und darin schalte und walte nach meinem Belieben?“
„Das will ich Euch gerne gestatten, mein höflicher Rittersmann,“ versetzte Gudwella gemessen, „die Zelle ist nicht groß, und es mag mich daher sehr freuen, daß Euere Ansprüche so bescheiden sind.“
Sie hatte erwartet, daß sich wieder Gelegenheit bieten würde, an seiner vielleicht etwas lockeren Bekleidung Einiges zu ordnen. Nun er dort am Ofen wie eine Bildsäule stand und stehen sollte, war an derlei nicht zu denken.
Gudwella hatte von seiner und ihrer Tugendlichkeit einen hohen Begriff, und dachte an nichts, und wußte von nichts, was es außer derselben etwa noch geben könnte. Aber darin war ihre Weltanschauung im Klaren, daß allzu große Bescheidenheit den Rittersmann nicht ziere. Sie that schweigend ihr Oberkleid ab und legte sich in das bereits völlig traulich gewordene Bettlein. Sie löste ihr Haar, sie legte ihren Arm unter das Haupt; dann rührte sie sich nicht mehr, betete still, träumte, schlief endlich ein. --
Rodam aber stand, stets seines Ritterwortes eingedenk, auf dem silberig schimmernden Viereck. Gar still war es im Kämmerlein und draußen, und das freundliche Rund des Mondes zog so langsam über den Wipfel des Haines dahin.