Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 25
Eine Einzige jedoch insonderheit; Gudwella hieß sie, die hatte kaum fünfzehnmal gesehen, wie die Kirschen blühen; die war auch noch gar nicht eingemummt in den dunklen Habit der Genossinnen, war erst kurze Zeit als Novize im Kloster Taubenzell. Sie trug ihr luftiges, lichtbuntes Kleidchen, in dem sie wie ein kleiner Schmetterling neben den grauen Puppen flatterte. Sie hüpfte über jede Hecke, stieg auf jeden Stein, predigte, äffte hierin den alten Klosterkaplan, so daß die Genossinnen in die Händchen klatschten. Dann wieder beugte sie sich zu einem Waldmeisterblümchen, hob davor den Finger und sprach: „Ich könnt’ es wohl, aber merk’, ich brech’ dir nicht den Hals. Wachse brav, bist du groß, so wirst mein Mann, will einen Waldmeister han!“ Auch spielte die Kleine Versteckens und wußte wie ein Rehlein hinter jegliches Laubwerk zu schlüpfen, und während sie die Anderen etwa unter dem Erlbusch suchten, war sie längst hinter dem Hagebuttenstrauch, oder in den Haselstauden, oder hinter den Johannisbeerblüthen. Plötzlich rief sie aus einer Bachweide her: „Schwester Natalia lobesam, komm’ mal her und hol’ Dir diesen schönen Blattpilz!“ -- Und als die Schwester herbeieilte, um sich nach der Gabe Gottes zu bücken, da that sie jählings einen kreischenden Schrei und huschte hintan. Der Blattpilz war ein junger Laubfrosch gewesen, und der wäre dem tugendsamen Mägdlein schier mit allen Vieren in das Antlitz gesprungen. Die Genossinnen lachten laut und Gudwella kicherte hinter den Weiden.
So kamen sie immer tiefer in den schattendunkeln Wald hinein, und zu allem rieselte der laue Sommerhauch in den Blättern, die in Millionen Scheibchen und Herzchen auf dem Gezweige wiegten, da und dort ein übermüthiger Falter, ein schalkhaft Vöglein darunter. Das Haidekraut mit seinen lieblichen Blüthenkrönchen und winzigen Staubgefäßen wurde auch immer höher und die Nonnen mußten mit ihren weißen Händchen die grauen Kutten baß emporheben, wollten sie nicht hängen bleiben im Gestrüppe. Gudwella, welche in solchen Fällen immer die Anschicksamste war, hatte ihr ohnehin nicht sehr langes Kleidchen ein- für allemal mit einem buchenzweig’nen Gürtel so hoch hinangeschnallt, daß nachgerade jegliche Gefahr für den Saum beseitigt war. Bald thaten ihr das auch die Anderen nach, und nun hatte jede ihren flatternden Laubkranz um die Hüften, und manch’ Eidechslein unter dem Kraut stand verwundert still, die neue handsame Tracht der Nonnen von Taubenzell betrachtend.
Der Schwämme wollten sich nur wenige finden und so hüpften die Nönnlein immer weiter waldeinwärts und kamen endlich gegen eine Schlucht, in der ein Wasser rauschte, und in der es so finster war, daß die paar Sonnenpunkte, die sich doch durch die dichten Laubkronen Bahn gebrochen hatten, auf dem braunen Moosboden dalagen wie blinkende Dukatlein.
Gudwella, der sich in der Hitze der lustigen Waldwanderung das Gesichtchen geröthet und das goldfarbige Haar gelöst hatte, war immer die Erste voran. Jetzt aber stand sie plötzlich vor einem blühenden Dornstrauch still, legte ein Händchen an den Mund und winkte mit der anderen Hand ihren nachfolgenden Gefährtinnen, daß sie leise herankommen und keinen Laut von sich geben sollten. Das hielten sie denn auch so und schlichen ganz behutsam gegen den Dornenstrauch, begierig auf ein Vogelnestchen, das sie darin zu sehen hofften.
Indeß meinte Gudwella ganz etwas Anderes. Sie guckte in den Strauch, und zwischen den Blättern und Rosen desselben auf der anderen Seite wieder hinaus, sie sah in die Schlucht hinab, in der das Wasser rauschte. Und dort war zwischen bemoostem Gestein, welches in Wänden den schattigen Raum umfriedete, eine Stelle, an der das Wasser ganz ruhig stand, und sehr klar und tief zu sein schien. Und in diesem versteckten Wasser war etwas, weswegen Gudwella so angelegentlich in den wilden Rosenstrauch lugte.
In dem Wasser, das zwischen dem Gestein ruhig stand, plätscherten die schlanken weißen Glieder eines schönen Knaben, der sich badete. Die Mädchenschaar riß ihr ganzes Dutzend Augen auf und spähte in die Schlucht und ergötzte sich höchlich an dem schönen Haupte mit den kohlschwarzen Augen, in denen etwas ganz Unbeschreibbares, fast wie Thau und Feuer lag, ergötzten sich an den dunkeln Lockenschlangen, die sich völlig bis zu den breiten Schultern hinabschlängelten, ergötzten sich an den ein bischen aufgeworfenen kirschrothen Lippen, hinter welchen zuweilen das Schneeweiß der Zähne hervorblinkte, an dem feinen Kinne, an den zarten, schier fraulichen Wangen, an der kühnen weißen Stirne; ergötzten sich endlich an den behendigen Armen, an der hohen, ebenmäßig schönen Brust, über die ein dunkles Schattchen ging. Jählings aber plätscherte es heftig im Wasser und die Jungfrauen stoben zurück.
Wie eine erschreckte Taubenschaar waren sie auseinander gefahren und drehten sich jetzt schier verwirrt im Kreise und wußten nicht, wohin mit den Augen. Keine brachte ein Wort hervor. Jede hub eilig an, Schwämme zu suchen im Gebüsche, wo seit der Welt Erschaffung kein einziger noch gewachsen. Vor jedem grünen Heupferdchen und vor jedem Käfer im Grase schraken sie zurück. Hernach huben sie selbander an zu kichern und schließlich schlichen sie wieder gegen den Dornstrauch, um doch die schönen lichten Röslein zu betrachten, und die gelben klebrigen Fädchen, die inmitten derselben hervorstanden und im Lufthauche gar leise wiegten. Auch waren die kleinen länglichen Blätter so frisch grün und hatten so fein gezackte Ränder, und am holdseligsten waren doch noch die Knöspchen, aus denen schon ein wenig das Roth der Blüthe guckte. -- Ja, so ein Dornstrauch ist eigentlich ganz wunderbar schön, wer ihn recht mag besehen! Und die braunen schlanken Zweige, und die scharfen, halb verborgenen Dörnchen daran -- man muß sich ja nicht immer davon stechen lassen! --
Der Edelknabe Rodam hatte wohl nicht geahnt, daß Liebhaberinnen des Dornstrauches so nahe waren; er hatte sich in aller Behaglichkeit und Lust im Wasser gewiegt, gerenkt, gehoben, hatte seine geschmeidigen Glieder gestreckt nach allen Seiten, hatte selbst ein paar prächtige Purzelbäume geschlagen in der krystall’nen Fluth -- bis er endlich, des Vergnügens satt, auf den Moosteppich des Ufers sprang und dort noch unterschiedliche Kurzweil trieb, ehevor er in seine schmucken Kleider schlüpfte.
Und als er nun so in seinem grauen, stets knapp geschnittenen Tuche, das kirschrothe Seidenwamms und das blaue Mäntelchen um sich geworfen, das Sammtbaretlein keck in die Stirne gedrückt und selbst einen zierlichen Degen schon an den Lenden, dahin sprang über Gestein und Gebüsch, wie ein junger Hirsch, der sich an der Quelle gelabt hat -- da gab es nichts Besonderes mehr am Dornenstrauch, da blickten die Nönnchen dem flinken und heiteren Jungen nach, bis er, im Dickichte verschwunden, dem Schlosse der Ritter von Kernguld zueilte.
Und da sonach nichts mehr zu sehen war ringsum, als das aufquellende und webende Leben der Wildniß und das dunkle Wasser in der Schlucht, da schrie Gudwella: „Jetzt weiß ich’s, jetzt geh’ ich in’s Wasser und lern’ das Schwimmen!“ Da jauchzten ihr alle Anderen zu und sagten dasselbe; allein das Mädchen war bereits davon gehüpft, hatte flugs sein Röcklein hingeworfen und war mit einem hellen Juhschrei in den Dumpf gesprungen, in welchem kurz vorhin der Edelknabe geplätschert hatte. Sie wogte lustig hin und wieder, streckte die zarten Arme nach den Wellen aus, die sie selbst geschlagen hatte, und goß diese Wellen über ihr Haupt. Nun kamen auch die Genossinnen herbei, da schrie Gudwella: „Nichts, da ist nur Platz für Eins, geht ihr dort unten!“ Und sie schlug so heftig um sich, daß die Anderen dem Gischten nicht nahen konnten, wollten sie nicht mit pudelnassem Habit in’s Kloster zurückkehren.
Das hat die fünf Jungfrauen gewaltiglich verdrossen, denn just hier in diesem Dumpfe hätten sie sich an der weichen Kühle zu erquicken gewünscht.
„Wißt Ihr was, Schwestern“, sagte nun Natalia, die Jungfrau mit dem Härchen, „jetzt wollen wir Anderen gar nicht baden. Und es schickt sich auch nicht, und wir wollen es der Oberin sagen, was diese Gudwella für ein ungesittig Mädchen ist. Jetzt aber eilen wir fürweg, sie mag allein sehen, wie sie ihre Schwämme findet.“
Deß waren die Uebrigen einverstanden. Sie waren nicht sonderliche Freundinnen der toll-heiteren Gudwella, die Jeder gern ein Schnippchen schlug und trotzdem vor der Oberin der Hahn im Korbe war, gleichwohl sie noch ein Küchlein im Ei und lange noch nicht genug Fähigkeit hatte, ja vielleicht niemals haben würde, wie solche von einer tugendsamen Schwester im Kloster Taubenzell wohl verlangt wird.
Die Nonnen von Taubenzell hatten keine Obliegenheiten, die sie noch mit der Welt verbunden hätten, sie lehrten nicht etwa verwahrlosten Bettelkindern das Lesen und Schreiben, noch weniger drängten sie sich an die Betten verwundeter Krieger oder anderer Kranken, trieben auch nicht Ackerbau, noch anderes Gewerbe, wie solche Dinge so gerne den Geist vom Himmlischen ablenken. Das Kloster war von einem frommen Könige gestiftet worden, der selbst zuweilen nicht ungerne durch die neu angelegten Gärten und Lauben schritt und die sittsamen Jungfrauen mit väterlichem Wohlgefallen betrachtete, Gott dankend, daß er nicht in jener heidnischen Religion geboren war, in welcher die Könige ihren wohlgearteten Frauen nicht Klöster, sondern Harems anlegen. -- Es war eine hohe Grundsumme für die Anstalt hinterlegt worden; außerdem mußte jede eintretende Novize ihr gutes Schärflein mitbringen, und nebstbei waren alle Güter und Höfe in weiter Runde dem Kloster gabpflichtig, alljährlich gingen der älteren Schwestern dreie mit großen Körben und Säcken hausiren, um die Gaben einzuheimsen. Was ferner Gott in den Gärten und im Hirschwalde wild wachsen ließ, das sammelten die in so vieler Hinsicht bienenfleißigen Nonnen auch ein -- und so ließ sich auf bequeme Weise ein recht frommes Leben führen und mit Gebet, Gesang und erbaulichen Betrachtungen dem Himmel zustreben.
Es waren wohl auch strenge Satzungen aufgeschrieben, um die Sittsamkeit, sonderlich die Keuschheit zu hüten, die indeß, wie jedes Meistergesetz, nach Bedarf und Umständen gewendet werden konnten. Das Bedenkliche dabei war nur, daß zu Sittenrichtern und Vollstreckern der Strafurtheile stets die älteren Jungfrauen, die Patriarchinnen sozusagen, bestimmt waren. Die irdische Gerechtigkeit kennt keine strengeren und unerbittlicheren Richter, als derlei gottselige Matronen, die niemals gefallen zu sein glauben, oder den Fall zu verheimlichen wissen, oder desselben selbst vergessen haben.
Es lebten an die dreißig Jungfrauen in den Mauern zu Taubenzell, die der Sage nach thatsächlich so unschuldig wie die Tauben gewesen sein sollen.
Doch hatte sich einmal -- es war etwa sechzehn Jahre vor den hier erzählten Begebenheiten -- etwas sehr Besonderes ereignet. Der Wolf im Hag genannt, das war der Besitzer der Hageburg, eines großen Gehöftes jenseits des Berges, ein kräftiger herrischer Mann, hatte eine Nonne aus Taubenzell entführt. Es war dabei keine Vermummung und keine Strickleiter und kein Mauerdurchbruch in Anwendung gekommen, denn die Nonne ging gern, ging von selbst, kam ihm schon auf dem halben Wege entgegen. Sie hatte es bei Zeiten eingesehen, daß ihr jung’ Fleisch und Blut nicht just ausschließlich für’s Beten und Singen gemacht, sondern auch für Gottes liebe Geschöpfe tauglich war; und da war es ihr einmal in den Sinn gekommen, unseren Herrgott könnte es leichtlich verdrießen, wenn sie ihre Talente vergrabe und nicht anwende und ausnütze, wie andere Leute die ihren. Ließ sie sich denn von dem Wolf im Hag gern entführen, und bald war auch die Hochzeit vorbei. Als aber das erste Kind, ein Mädchen, zur Welt kam, da starb das Weib; und als dieses Kind gegen das jungfräuliche Alter schritt, da erfaßte den Mann und Vater jählings der Geist der Frömmigkeit. Er war einer langwierigen Krankheit verfallen, und da er in derselben die Nächte hindurch oft schlaflos in seinem einsamen Bette lag, gleichwohl von jeglichem Ungeziefer verschont, hub doch das Gewissen an, ihn zu beißen. Er kam sich gar entsetzlich lasterhaft vor. Insonderheit quälte ihn der Gedanke, daß er sein verstorbenes Weib dem Kloster entlockt und es dergestalt leichtlich der ewigen Verdammniß zugeführt habe. Und wenn der Kranke doch in einen Schlummer fiel, so war er in demselben sehr unruhig und es erschien ihm im Traume sein Weib in einer Gestalt, welche die Muthmaßung von der Verdammniß nur bestätigte. Darüber fragte der Wolf im Hag einen Priester, und dieser gab ihm zu verstehen, zu Beider, seines und seines Weibes Seelenheil und Sicherheit sei es allerdings räthlich, daß etwas gethan, daß nämlich dem lieben Gott ein ihm geraubtes Schäflein wieder zurückgegeben werde. Das verstand der Wolf und er entschloß sich, sein einzig Kind, sein Töchterlein Gudwella in jenes Kloster zu stellen, aus welchem er sein Weib gezogen hatte. Das heitere, tollwitzige Kind, das trotz einem Knaben den Finken und Goldamseln nachstöberte, die Forellen und Krebse mit bloßen Händen aus dem Waldbache fing, dem kein Graben zu tief und keine Hecke zu hoch war, das mit allen Wesen der Erde seinen Schabernack trieb, sich selbst dabei zum Pfande einsetzte und in allen Lagen seine unbändige Lebhaftigkeit und gutmüthige Lustigkeit bewahrte -- dieses Weltkind sollte nun in’s Kloster gehen. Doch war es beschlossen, und daraus machte sich Niemand weniger etwas, als Gudwella selber. Das Mädchen freute sich ordentlich auf das viele Beten und Singen, weil es mit seiner schallenden Stimme alle anderen Klosterfrauen leichtlich zu überschreien hoffte. Das Mädchen nahm sich vor, im Kloster mit beiden Händen fromm zu sein, und zeitweilig auch noch mit den Füßen nachzuhelfen, kurz, in den Mauern zu Taubenzell ein recht lustiges Leben zu führen.
Hat’s auch so gehalten, die kleine Jungfrau Gudwella, und gleichwohl in Zucht und Strenge gehalten, zu ernsten Betrachtungen und trübseligen Dingen angeleitet, war doch nichts, wovor Gudwella zurückschreckte; sie war in Allem dabei und mitten d’rin, und sie verstand Allem die leichte und heitere Seite abzugewinnen, und war immer vergnügt, oft ausgelassen, während sie sonst Jegliches zur Zufriedenheit der Oberin verrichtete.
Wir haben ihre Art heute auf dem Waldwege bereits ein wenig kennen gelernt.
Als Gudwella sich nun einsam in dem dunklen stillen Wasser sah, in welchem vorhin der Edelknabe geschwommen war, da trat sie etwas Eigenes an, sie wußte nicht, wie ihr war, was sie sollte; es kam ihr vor, als müsse sie in dem Gewässer noch die Wärme empfinden, die der Knabe in ihm zurückgelassen hatte. -- Ihr Uebermuth war völlig geschwunden, es ging ihr durch’s Mark, schier als ob ein seltsam Gift in den Tropfen wäre. Sie rang mit den Wellen, an ihren Busen wollten diese sich legen wie Blei und Glut. Sie war in Gefahr unterzusinken, da schrie sie plötzlich: „Dieses Wasser ist verhext!“ und schwang sich an das Ufer.
Zitternd zog sie die Linnen an, die vom Gischten naß geworden waren, so daß dieselben sich nun glatt und weich um die Formen ihrer Glieder schmiegten und dermaßen wohl auch das Wandeln erschwerten.
Sie irrte im Walde umher und war in sich verloren; sie horchte dem Wasserrauschen und erschrak wieder vor demselben. Ein weißes, verlaufenes Kaninchen fing sie ein, setzte sich damit auf das Gras und hub es auf ihren Schoß. Das Thierchen glotzte sie mit seinen rothen Augen treuherzig an und zog fortwährend sein Näschen aus und ein. Dann erhob sie sich, stellte das Kaninchen auf ihre linke Achsel und sagte: „Pst, da oben bleibst jetzt hocken und muckst dich nicht!“ Darauf fand sie reife Erdbeeren, pflückte dieselben in ihr Körbchen, und das Thierchen saß wirklich ganz ruhig auf ihrer Schulter, nur daß es ein klein wenig an dem feuchten Lockenhaar nagte und zupfte und dabei recht aufgeweckt seine langen Ohren spitzte.
Als Gudwella endlich dem Thale des Klosters zuhüpfte, hatte sie ihre tollwitzige Laune vollständig wieder gewonnen und versuchte, ob das Kaninchen zur Feier ihres Einzuges in die geweihten Mauern denn nicht auf dem Scheitel ihres Hauptes hocken wolle. Und richtig, mit solch’ lebendigem Haarschmucke schritt nun das Mädchen schalkhaft bedächtig in das Refectorium ein, in welchem die graue Gemeinde der Nonnen bereits beim Mahle zusammen saß.
Jetzt aber erhob sich eine ältere Schwester von ihrem hochlehnigen Sessel, winkte, ohne auch nur ein einziges Wörtchen zu sagen, dem Mädchen zu, umzukehren, und trieb dieses in wahrer Form zur Thür hinaus.
Einige Stunden später saß Gudwella auf dem Sünderbänklein in der grauen Halle; und alle Schwestern waren in diesem Raum versammelt, aber jede hielt sich fern von der weltlustvollen Tochter des Wolf im Hag, über die nun das Gottesgericht hereinbrechen sollte.
Bald kam die Oberin herangeschwebt; sie hielt ihr betagtes Haupt aufrechter, als sonst; ihre linke Hand legte sie an die Brust, über welche ein goldenes Kreuz hing, die Rechte hielt sie etwas gehoben, um mit derselben den Gruß zu winken. Gemessen und streng stand sie nun da. Noch hatte sie keinen Blick auf das Mädchen geworfen, das auf der Sünderbank saß und nicht recht wußte, was es heute für ein Gesichtchen ziehen, ob es ausnahmsweise einmal ganz ruhig und feierlich sitzen bleiben, oder ob es sich behendig erheben und der Aebtissin ihre heiteren und zierlichen Grüße machen sollte.
Die Oberin wendete sich an die Reihen der Nonnen und hub an so zu reden: „Liebwerthe Schwestern! Wir hatten gehofft, eher in das Grab steigen zu dürfen, als ein Unglück zu erleben, wie ein solches über unser gottgeweihtes Haus hereingebrochen ist. Wohl war uns seit geraumer Zeit schon bekannt, daß ein Weltkind in unseren Mauern weile, für dessen Heil wir stets den Segen des Himmels erflehten; aber wir haben nicht gewußt, daß eine gefährliche Sünderin in unserer Mitte lebe, die, weil mit mancher bestechenden Eigenschaft ausgestattet, leichtlich Verderben und das schrecklichste Unheil über unsere theuere Gemeinschaft bringen könnte. Gottes Rathschluß hat uns aber die Gefahr gnädigst aufgedeckt, freilich durch ein Vorkommniß, das wir tief bedauern, durch ein Aergerniß, das uns erschüttert hat. Möge das gedachte Wesen Gott danken, daß es noch nicht die ewige, sondern vormal nur die irdische Strafe ist, der es anheimgefallen. Die Satzungen unseres heiligen Ordens haben für eine so gröbliche Uebertretung der Tugend kaum eine Sühne, sondern den unmittelbaren Ausstoß aus unserem Hause. Da wir aber zu Gott hoffen, daß er das so junge, leichtfertige Weltgeschöpf noch erleuchten werde, so wollen wir demselben Gelegenheit geben, sein schweres Fehl in unseren Mauern zu büßen. Wir ordnen zu Recht, daß die Novize, Gudwella genannt, die Tochter des Wolf im Gehage, vom Feste der Apostelfürsten Petrus und Paulus an drei Tage und drei Nächte hinter zweifachen Thüren in die stille Herberge verschlossen werde.“
Ein Schauern ging durch den Kreis der Schwestern, und selbst Natalia, die Jungfrau mit dem Härchen, erblaßte.
Die stille Herberge, das war kein trauter Ort, das war eine Kammer unten im alten, verlassenen Meierhofe, der am Rande des Gottesackers stand, in dem die alten Rüst- und Folterwerkzeuge aufbewahrt lagen, in dem das Beinhaus und auch die Wohnung des Todtengräbers war. Die stille Herberge, die zudem noch mit gar seltsamen Geräthen ausgestattet war, diente dem Kloster Taubenzell zur Bußkammer. Der Meierhof stand eine Strecke abseits vom Kloster in einem verwilderten Hain von Erlen, Birken und blassen Weiden.
Als Gudwella gemerkt, daß sie der Gegenstand der Versammlung im grauen Saale war, hatte sie sofort sehr aufmerksam der Rede der Oberin zugehört, und war wirklich ein wenig erschrocken, als von einer Sünderin verlautet wurde, die in die stille Herberge müsse. Sie kannte die stille Herberge vom Vorübergehen; da hatte sie einmal durch das Gitterfensterchen hineingeguckt und aus Vorwitz laut gefragt, ob Niemand daheim sei, bis sie einen offenen Sarg gesehen, der für die Büßerinnen als Bettstatt bestimmt war.
„Je, dies Bett wär’ mir viel zu klein!“ hatte sie hierauf hell gerufen und war davongehüpft. --
„Ist das, weil ich mich oben im Wald gebadet habe?“ fragte jetzt die verurtheilte Novize eine Nebenstehende, die aber sogleich zurückwich und keine Antwort gab.
„Ehrwürdige Frau Oberin“, sagte Gudwella hernach zur Aebtissin, die auf ihrem Platze noch stehen geblieben war, „warum zu Peter und Pauli erst? Muß es schon sein, so will ich gleich in den Kotter hinein, daß ich bald wieder herauskommen kann.“
Ueber diese Bemerkung war ein großer Theil der Schwestern entrüstet. Die Oberin richtete sich noch höher auf. Sie hatte erwartet, daß das Weltkind einen Fußfall thun und um Gnade flehen werde, die sie denn vielleicht bereit war, auch zu geben. Nun ihr aber diese neuerliche Leichtfertigkeit, dieser schier gotteslästerliche Trotz entgegentrat, war sie sofort fest entschlossen, das strenge Urtheil, wie es noch selten zu Taubenzell gefällt worden, an Gudwella auszuführen.
Nun vergingen noch der Tage sechs, da war Peter und Paul. Von den betagtesten drei Schwestern wurde die Tochter des Wolf im Hag zum Meierhof geleitet, von dem nur das finstergraue Giebeldach über das hochwuchernde Baum- und Buschwerk emporragte.
Der Todtengräber, ein alter, vierschrötiger Mann, mit Knochen so knorrig und wuchtig, als hätte er dieselben im alten Beinhause eigens für sich herausgemustert, hatte bereits von Allem Kenntniß, über Alles Auftrag. Der nahm nun die Jungfrau an der Hand, blickte ihr mit seinen grauen, alterstrüben Aeuglein in das Antlitz und murmelte: „Beim Kreuz, das ist einmal eine Sünderin, die sich gewaschen hat!“ Und er führte sie durch einen niedrigen Thorbogen, an dem der Epheu rankte, führte sie durch einen öden Hof, in welchem dort und da ein Fensterlein mit eisernen Balken war, aus dessen weiten Fugen aber nichts als graue Heuhalme hingen. Dann führte er das Mädchen einen finsteren Gang entlang, schloß ein Thor auf und hinter sich wieder zu, führte das Mädchen durch einen zweiten Gang, in welchem Holzmodergeruch wehte, schloß endlich wieder ein Thor auf und sagte: „Nichts für ungut, ich hab’ das Stüblein recht gelüftet; da sind die Bücher, da ist der Betschemmel, da ist das Lager, da ist das Brot; das Wasser werde ich noch bringen.“
Die Flügelfenster mit den kleinen, sechseckigen Scheibchen standen offen; vor dem Eisengitter fächelten die thauigen Zweige einer Birke, zwischen denselben war die Aussicht auf begraste Hügel, über welchen braune und graue Holzkreuzlein ragten. Die Bücher, welche auf einem altarartigen Tischchen lagen, bestanden aus Erbauungsschriften, geziert mit Kupfern aus der Leidensgeschichte der Heiligen. Der Betschemmel war ein eckiger Stein, der aus dem Boden ragte. Als Bettstatt diente ein Sarg, der so grau und wurmstichig war, daß man auf die Vermuthung kommen konnte, er habe schon drei Jahre lang unter der Erde gestanden. Das braune Laibchen des Brotes war das Einzige, was freundlich an das Leben gemahnte. Der irdene Wasserkrug war nun auch herbeigeschafft worden; der Todtengräber sagte: „Drei Tage werden vergehen, wie die siebenundvierzig Jahre vergangen sind, die ich in diesem Hause verlebe. Hab’ manch’ Andere hier hereingeführt, in deren Haut nicht Jede stecken möchte; Ihr ergötzt Euch leichtlich mit Euch selber, luget in den Wasserkrug.“ Sagte es, verschloß die Pforte und schlich durch den hallenden Gang davon.