Das Buch der Novellen. Erster Band

Part 24

Chapter 243,711 wordsPublic domain

Das ist mir gerade recht, dachte das Viktel, der Klee gehört zwar nicht mein, aber ich werde ihn auch nicht fressen, ich werde nur darin liegen, bis es Tag wird. -- Sie zerstörte den Schober mit kundiger Hand und machte sich ein Bett, legte sich auf Klee und hüllte sich mit Klee ein und sagte: „So, in Gottesnam’!“

Allein nach solchem Tage ging das Einschlafen nicht so leicht wie daheim nach dem Heuen oder Kornschneiden. -- Morgen, so dachte sie, hab’ ich ja wieder mein gutes Bett. Aber eine närrische Fragerei wird das sein von den Leuten. Was ich Neues thät’ wissen? Zu was sie mich gebraucht hätten? Ob ich was kriegt hätt’? Nichts werde ich erzählen; braucht’s kein Mensch zu wissen, daß sie mir den Ring wieder haben wegnehmen wollen. -- Geld, weiß Gott, wie viel Geld, hat sie mir geben wollen. Ich brauch’ kein’s, ich verdien’ mir meine Sach’ schon selber, und jetzt schlaf’ ich. --

Der Schlaf läßt sich nicht befehlen. Das Mädchen drückte die Augen fest zu, aber sie gingen immer wieder auf und schauten in den Sternenhimmel hinein. Eine Sternschnuppe um die andere flog hinab. „Gott tröst’ alle Sterbenden!“ sagte die Ruhende. -- Im Grase zirpten noch Heimchen. Hunderte von Thierchen waren auf der Wiese und umkreisten das Mädchen; das Viktel ahnte nichts von dem, was für diese Nacht in den Mauern des Prinzenpalastes ihretwegen geplant worden war. -- Da fiel ihr jetzt ein: Wenn schlechte Leute des Weges kämen und sie mich hier gewahrten im Klee! In der Nähe einer solchen Stadt giebt es gewiß allerlei Gesindel. Wenn der Graber-Schorsch daherginge! .... Sie faltete ihre Hände über die Brust und flüsterte das Gebetchen, welches sie als Kind von ihrer Mutter gelernt hatte: „In Gottesnam’ schlafen, sechs Engel werden mir wachen, zwei zu Haupten, zwei zu Füßen, zwei zur Seiten, Unsere liebe Frau wird ihren Schutzmantel ausbreiten. Amen.“

Bald nachher erschraken die Heimchen vor ihrem Schnarchen.

* * * * *

Der Peter fuhr früh in der Morgendämmerung aus, um Klee einzuheimsen. Schon von weitem sah er die kahle Stange ragen und fluchte über das Gestrolche, welches ihm schon wieder einen Schober auseinandergeworfen habe. Als er dem Haufen in die Nähe kam, wurde es in demselben lebendig und ein bildhübsches Dirndl sprang aus dem Klee hervor und lief davon.

Der Peter sprang ihr nach, erwischte sie, und das Viktel hatte glühende Augen und rief: „Wann Du nicht auslaßt, so kratz’ ich!“

„Kratz’ zu, kleine Hex’! Was hast Du denn in meinem Klee gemacht?“

„Geschlafen.“

„Weißt Du’s, daß der Peter in seinem Klee nicht umsonst schlafen läßt? Komm! Wir wollen zu zweit suchen, ob ein vierblätteriger dabei ist!“

„Laß aus, sag’ ich, Du großmäuliger Dingling, Du! Ist denn in dieser Gegend jedes Mannsbild vom Teufel besessen! Auslaß’!“

Der Peter hatte einen Biß in der Hand; eine so ungemüthliche Dirn ließ er laufen.

Als er den Klee auf den Leiterwagen faßte und wahrnahm, wie derselbe noch warm war, wollte er dem Mädchen neuerdings nachlaufen; zum Glück war es schon weit davon.

Sie blickte rings um und sah von Ferne die Thürme der Stadt. Sie fragte an Häusern nach dem Wege in ihre Gegend und fand sich bald zurecht.

Als es schon Mittagszeit war und ihr Schuhwerk schneeweiß vor Staub, sah sie vor sich auf der Straße einen Mann am Stocke mühsam dahinschreiten. Er war in bäuerlicher Kleidung, trug aber eine Soldatenmütze, hinter welcher das dunkle Haar kurz und glatt geschnitten und der Nacken frisch rasirt war. Bald sah sie: ein noch junger Mann mit falbem Schnurrbärtchen, aber abgehärmt und blaß im Gesichte.

„Kein gutes Wandern, wenn’s so heiß ist!“ redete sie ihn an. „Wie weit denn?“

„Bis Wernsdorf, wenn’s geht,“ war seine Antwort.

„So, da gehen wir ja eine Weil’ miteinander.“

„Werde wohl nicht mitkommen können,“ sagte er, sein blaues Auge blickte sie gar offen und traurig an.

„Ich gehe ja auch gerne langsam, wenn ich einen Kameraden habe,“ meinte sie, „hat Er im Fuß was?“

„Jetzt nicht mehr,“ antwortete er, „ist aber eine Bleikugel drinnen gesteckt, vom Feldzug her -- und das thut Einen höllisch geniren.“

Sie sagte nichts darauf, ging still und langsam neben ihm her und dachte allerhand.

-- So ist’s, wenn der Mensch großen Herren dient, der Eine geht mit Schand und Spott aus, der Andere mit einer Blessur.

Sie mußte so laut gedacht haben, daß es der Invalide hören konnte, denn er sagte nun: „Welcher hohe Herr hätte denn einen Nutzen an meinem durchschossenen Fuß? Ich bin freiwillig gegangen, wie ich gesehen hab’, der Feind wollt’ in unser Land einbrechen. Und wenn ich ein Bettelmann sollt’ bleiben mein Lebtag lang, so wird’s mich nicht gereuen, daß ich gegangen bin.“

Sie blieb stehen, schaute ihn an -- es war ein schöner Kopf, seine Augen brannten nicht, wie der Blitz, sondern wärmten, wie Sonnenschein.

„Narrheiten,“ sagte sie, „wer wird denn ein Bettelmann bleiben! Wo ist Er denn daheim?“

„Ja,“ antwortete er, „daß weiß ich selber nicht recht. Gebürtig bin ich in Wernsdorf, und seit neun Jahren habe ich in Oberkirwald als Holzknecht und auch sonst herum gearbeitet, und da hab’ ich gehört, wollten mich die Wernsdorfer nicht mehr gern behalten, weil sie sagen, das Heimatsrecht wäre verjährt.“

Das gab ihr wieder zu simuliren, denn, wie wir schon bemerkt haben mögen, das Viktel war kein Weibsbild, welches blos sprechen, sondern welches auch denken konnte. Schau, dachte sie, das ist auch spaßig, der hat keine Heimat und hat sich doch für seine Heimat anschießen lassen.

„Geh,“ versetzte sie jetzt, „bist schon nicht bös’, wenn ich ~Du~ sag’ -- geh’, häng’ Dich ein in meinen Arm, thust Dich gleich leichter.“

„Wenn Du schon so gut bist,“ sagte er und hing sich ein wenig an ihren Arm, „mich lust’s zwar gar nicht nach Wernsdorf, aber Deinetwegen gehe ich gern mit Dir, weil wir schon so Bekanntschaft machen. Wie heißt denn, Dirndl?“

„Viktoria Zimmermann heiß’ ich und bin Dienstmagd auf dem Leeshof in Breitegg, wenn Du’s weißt.“

„Recht gut weiß ich’s, bin letzt Jahr dort im Pfarrhof Knecht gewesen. Wenn Du etwan vom Johann Schmied einmal was gehört hast.“

„Ja Du, vom Sehen aus kommst mir eh bekannt vor,“ versetzte sie, „und sind des Pfarrer-Hansels wegen nicht einmal zwei Weibsbilder raufend worden?“

„Hast auch gehört davon? Na, Dummheiten waren es. Ich hab’ von all zweien gar keine mögen. Und jetzt, denk’ ich, werden sie meinetwegen nicht mehr viel raufen. Den Krüppel mag Keine.“

„Na, das wär’ nicht schlecht!“ rief das Viktel und war recht roth im Gesicht, dann setzte sie leiser bei: „Du kriegst leicht Eine.“

„Sapperlot,“ sagte er jetzt, „was Du für einen vornehmen Ring am Finger hast! Da ist ja gar ein Edelstein drinnen!“

„Ist mir nichts drum,“ antwortete das Viktel, „wenn er Dir gefällt, Hans, so zieh’ ihn herab...“

* * * * *

Was doch die Menschen thöricht sind, gerade oft, wenn ihnen das schönste Glück lacht.

Ein junger Prinz zu sein, dem man alsbald die Krone aufsetzen will, eine schöne maienfeine, liebesglühende fürstliche Braut zu haben -- ich wollte mir nicht viel Besseres wünschen. Prinz Emerich wollte es eigentlich auch nicht, aber eben, weil der Mensch nicht Herr seiner Wünsche ist, so ist er nicht Herr seines Glückes. Prinz Emerich war sich’s vielleicht gar nicht bewußt, was er wollte, oder gestand sich’s nicht ein. Das half ihm aber nichts, er fühlte sich unbehaglich, unzufrieden.

Mit erneuter, erzwungener Lebhaftigkeit wandte er sich zu Angela, der Eifersüchtigen, Leidenschaftlichen, dem Weibe mit diesen zwei Fehlern, die sonst den liebenden Mann zu entzücken pflegen.

Ihre Eifersucht hatte zuerst das Gespenst genannt, das seither nicht mehr ganz von ihm gewichen war. Es neckte und ängstigte ihn mit lieblichen Träumen. Er sagte es laut und sagte es still, er habe nur die Fürstin lieb, aber sein Herz loderte an ihrer Glut nicht auf, wie sonst, er dachte an --

Ja wohl, er dachte an jenes Wort seiner Braut, der hingegebene Ring hätte kein gutes Bedeuten. Jenes einfältige Kind -- es ist ja doch noch ein Kind -- kennt nicht einmal den Geldeswerth des Ringes, der ihr an Gold zehnmal aufgewogen wird, und es giebt ihn nicht vom Finger. Sie denkt nicht an den Mann, aber sie will seinen Ring, und ahnt es nicht, was von ihm an diesem Ringe hängen geblieben ist...

Als der Winter vorbei war mit seinen glänzenden Festen und glänzenden Qualen, mit dem starren goldenen Joche des höfischen Lebens, unter welchem Mancher seufzt, aber Alle lächeln müssen -- jene in Rosen maskirte Last, welche der Menschheit ewiger Dämon, der Keinen wahrhaftig glücklich sein läßt, tückisch dem Reichen aufgebürdet hat -- als die „Saison“ vorbei war und der Frühling hereinlächelte über die Mauern der Stadt, da fühlte Prinz Emerich in sich die Sehnsucht erwachen nach den Bergen. Hinaus in die stille, einfache, große Natur und zu jenen schlichten Menschen, deren Tugenden größer sind, als die der Vornehmen, weil sie selbstloser sind; deren Fehler und Laster unschädlicher sind, als die der Großen, weil es ihnen an Macht gebricht.

Und eines Tages bestieg er sein Roß und ritt incognito davon. Warum er gerade die Richtung nach Breitegg einschlug? War es die von Ferne blauende Höhe des Wockenberges, die ihn reizte? Als er unterwegs auf den Fluren die jungen, anspruchslosen Blümlein sah, da dachte er wieder an das Viktel. Das war jenes von Eifersucht erweckte, liebliche Gespenst. Aber sie hatte für ihn geblutet. -- Die Zeit her nicht allzu selten, wenn sein Sinnen unbewacht war und er sich dem stillen Hinschwärmen übergab, war ihm das Bauernkind eingefallen, das seinen Ring trug. Allmählich hatte seine dichterische Seele ihr anmuthiges Bild umgestaltet und vervollkommnet zu einer jener reizenden Schäferinnen, von denen die alten Sänger erzählt haben, und für die er schon als Knabe eine wunderliche Zuneigung gefühlt hatte.

Das schwarze Hengstlein trabte flink dahin, als wüßte es den Weg, den sein Herr meinte. Die Hügel erhöhten und bewaldeten sich und der Wockenberg kam immer näher; das Blau seiner Wälder bräunte sich und seine Felsenzinnen wurden schärfer und schärfer. -- Oft sehnte sich Prinz Emerich nach einsamen Höhen. Die gesellschaftliche Höhe, auf der er stand, wollte ihn nicht befriedigen; es schien ihm, als wäre von ihr aus der Blick auf das Leben ein gar umnebelter und verschobener. Ihm verlangte nach freier, reiner Höhe, um mit dem klaren Auge des Denkers und dem warmen Herzen des Menschen die Welt zu betrachten. Er kannte den hohen Werth der Kunstblume: Civilisation, aber er suchte und liebte auch das verborgene Veilchen und das Dornröschen in der Wildniß.

Hinter der mit jungen Buchen besetzten Schlucht, welche aus der Hügelgegend in das Bergthal von Breitegg führt, sah unser Reiter neben dem Wege einen Mann, der auf dem Feldhange mit einer Haue emsig in die Erde Löcher schlug und in jede dieser Vertiefungen etwas hineingleiten ließ. Der Mann trug eine Soldatenmütze.

„He,“ rief der Reiter dem Arbeiter zu, „was macht Ihr da?“

Der Andere zog seine Mütze und antwortete: „Ackerbohnen setzen.“

„Gehört der Acker Euch?“

„Das nicht. Hab’ ihn in Pacht, bis die Bohnen zeitig sind.“

„Und seid Ihr ein Freund von Bohnen?“

„O, das wohl, wenn sie nicht von Blei sind.“

Das Pferd war ungeduldig, aber der Reiter zähmte es, daß es stand, und er sagte zum Arbeiter: „So scheint, daß Ihr auch mit Bleibohnen Bekanntschaft gemacht habt?“

„Mag wohl sein, Herr. Da drinnen“ -- er deutete auf den Schenkel -- „hat eine gesteckt. Habe den letzten Feldzug mitgemacht.“

„Ei, da sind wir ja Waffenbrüder!“

„So! Auch dabei gewesen? Gewiß bei den Dragonern. Na, das freut mich. Wollt’ der Kamerad nicht ein wenig Rast halten? Da, wie die Straße um den Berg biegt, steht gleich mein Häusel. Meine Alte kann Ihm mit Buttermilch aufwarten und der Rapp -- ei ja, ein sauberes Thier! -- mag ’leicht einen Schippel Heu; ich komme bald nach, will voreh just mit der Handvoll fertig werden.“

Der Reiter nahm die Einladung an, bog um den Berg, hielt vor dem Häuschen und sprang vom Pferde. Als er sich bückte, um durch die niedrige Thür einzutreten, stand das Viktel vor ihm. Er erschrak, sie nicht.

„Herr Hochheit,“ redete sie ihn an, „das gefreut mich, daß Er uns auch einmal heimsucht.“

„Wie!“ rief der Prinz, „da finde ich ja meinen Schutzgeist!“ Sein erster Blick war auf ihre Hand, sie trug ein Ringlein, aber nicht das seine.

„Ist vorbei,“ entgegnete sie, „wer wird denn von so Sachen so lang’ reden! Wenn der Herr Hochheit niedersitzen möcht’! Ist halt Alles so viel ungeräumt bei uns. Jetzt muß ich aber geschwind meinen Mann herheißen.“

„Wenn es der Bohnensetzer ist,“ sagte er, „der kommt bald nach, hab’ schon mit ihm gesprochen. -- Also, verheiratet, Viktel!“ Er sagte das Wort leise und weich und blickte ihr in’s Auge. Aber jetzt that ihr sein Blick nichts mehr.

„Ich hab’ einen braven Mann kriegt,“ entgegnete sie, „von Wernsdorf ist er gebürtig. -- Ja, und jetzt fällt mir was ein.“

Sie eilte in eine Nebenkammer, kehrte bald wieder zurück und hielt zwischen den Fingern einen in weißes Papier gewickelten Gegenstand.

„Das gehört dem Herrn,“ sagte sie, „ich brauch’ es nicht.“

Er nahm den Gegenstand und schälte ihn aus dem Papier, es war der Brillantring. -- Er verbarg seine innere Bewegung und sagte ganz gelassen: „Sie giebt mir das zurück und denkt nicht daran, daß es mich kränken könnte?“

„Bitt’ halt um Verzeihung,“ antwortete das Viktel, „ich red’, wie ich’s versteh’, aber ich sag’, auf’s Kränken darf man nicht allemal schauen. Es ist recht närrisch von mir gewesen und ich will es dem Herrn Hochheit seiner Frau Braut tausendmal abbitten, daß ich dazumal den Ring nicht hergegeben hab’. Wenn Ihr Euch miteinander einmal versprochen habt, so gehört der Ring dem Herrn und der Herr gehört ihr und da hilft Alles nichts. -- Thu’ ihn jetzt der Herr Hochheit nur einstecken, daß Er ihn nicht verliert, und ich bedank’ mich für den guten Willen.“

Bei Hofe lernt man ein gutes Benehmen für allerlei Gelegenheiten und Verhältnisse. Aber in dieser Sache wußte der Prinz nicht, was er sagen und thun sollte. Er hielt den Ring lange in seiner Hand und betrachtete das Viktel. Nun aber war’s seltsam. Ein unsichtbarer Faden, der sich so allmählich gesponnen, der bisher sein Herz so eigenartig beunruhigt und ihn in diese Gegend gezogen hatte, war nun plötzlich wie abgeschnitten. Er begriff nicht, wie er an dieses Bauernmädchen so oft hatte denken müssen. Es war, wie alle anderen hübschen Dirnchen auch sind. -- Aber -- und das fiel ihm nun ein -- die ~Eitelkeit~! Wie maßlos muß die Eitelkeit eines Mannes sein, wenn sie selbst einem Fürsten gefährlich werden kann, welcher weiß oder zu wissen glaubt, daß eine Bauerndirne in ihn verliebt ist! -- Ob denn nicht doch die Eitelkeit ein gutes Theil zur wirklichen Liebe beiträgt? -- Nun sie einen Andern nahm, ist’s in ihm kühl. Er sah sie an und gestand sich nur noch das Eine: Konnte sie auch nicht so schön sein, als sie in ihrer Abwesenheit ihm die Phantasie gestaltet hatte, so war sie doch eigentlich schöner als vor einem Jahre. Die Farbe ihres Gesichtes war zarter und ein wenig weißer, ihr Auge schien größer und noch milder, ihre Lippen lächelten weicher und ihre Locken schmiegten sich noch ungezwungener um das Köpfchen, wie damals. Auch waren die Formen ihres Körpers gerundeter.

Dann betrachtete der Prinz das ärmliche, aber reinlich gehaltene Häuschen und sagte nun: „Warum habt Ihr nur keinen größeren Hof gekauft?“

„Das Kaufen ist leicht gesagt,“ meinte sie.

„Ihr zieht es vor, das Geld auf Zinsen liegen zu lassen.“

„Wir haben keins.“

„Es ist doch bekannt, daß bei Eurem Gerichtsamte eine Summe für Dich hinterlegt wurde?“

„Ich bedank’ mich recht,“ sagte sie, „aber für den Rath, daß der Herr nicht mit dem Schorsch auf den Berg gehen sollt’, will ich nichts nehmen. Unsereins braucht auch oftmals guten Rath und kann ihn nicht zahlen.“

„Doch für den Blutstropfen.“

„Ist lang’ verheilt. Gießen ja auch die Soldaten ihr Blut aus und kriegen nichts dafür.“

„Also für den Ring, den Du hier zurückgiebst.“

„Schon gar nicht,“ rief sie und ging einige Schritte von ihm weg, „für den Ring schon gar nicht.“

Nun trat mit seinem steifen Fuß der Hans ein, der Bohnensetzer.

„Das Roß steht draußen in der Sonn’ und hat nichts zu fressen,“ verwies er, „das hätt’ beim Militär nicht sein dürfen! -- Na, Herr Kamerad, thu’ Er sich kamod machen, den Rappen will ich schon besorgen. Hast keinen Wachholdernen mehr daheim, Viktel?“

Er meinte Branntwein, sie aber war erschrocken über seine Rede und sagte leise: „Kennen wirst ihn doch, den Herrn! Nicht! Jesus und Josef, das ist ja der Herr Hochheit, der Prinz!“

Jetzt starrte der Hans auf den Reitersmann, dabei zog er langsam seine Mütze ab.

„Laßt das,“ versetzte der Prinz, „wir haben Anderes zu besprechen.“

„Ist mir eh gleich so rar gewesen!“ rief nun der Hans drein, „hab’ ja beim Tambach-Defilé die hohe Ehr’ gehabt; haben sich aber Eure Hochheit seither den Bart weggeschnitten! Na, bitt’ gehorsamst.“

Sie redeten noch ein Weilchen hin und her. Der Prinz genoß eine Schale Ziegenmilch. „Besseres,“ meinte das Viktel, „können wir nicht aufwarten.“

„Ihr beschämt mich tief, wenn ich mich erinnere, welche Gastfreundschaft der Viktoria in meinem Hause zu Theil geworden ist. Ein bischen ist sie jedoch selbst daran Schuld, sie lief auch so davon.“

„O heilige Maria, wie bin ich froh gewesen, als ich vom Schloß draußen war!“

„Ich hatte die Absicht, Dich zu bewirthen --“

„Um’s gute Essen ist mir nicht viel.“

„Und Dich den Herrschaften vorzustellen.“

„Na, na, die Schloßherrschaften, die kenn’ ich schon,“ eiferte das Viktel, „den Herrn Hochheit nehm’ ich aus, aber die andern Männer sind all’ nicht viel werth.“

Es ist hierauf Einiges angedeutet worden, wobei Prinz Emerich Mühe hatte, seinen Zorn zu unterdrücken. Dann aber sagte er, das junge Weib an der Hand fassend: „Du bist eine vernünftige Frau, so wirst Du den Hof nicht nach seinen niedrigen Elementen beurtheilen. Es giebt auch im Palaste gute Menschen, die Euch schlichten Landleuten näher stehen, als Ihr glaubt, weil sie ganz wie Ihr streiten und leiden, weil auch dort, trotz aller goldenen Pracht, nur zwei Dinge sind, die glücklich machen können, das gute Gewissen und die Liebe. -- Euch, Ihr lieben Menschen, ist wohl Beides beschieden; ein Drittes ist wünschenswerth, und ich wünsche daher, daß Ihr es annehmt. Will diese hübsche und stolze Frau ihre gute That nicht für Geld gethan haben, so wird es der Mann, der wacker für sein Vaterland stritt und davon ein Wundmal durch sein Leben trägt, nicht hindern dürfen, wenn ihm sein Fürst eine Ehrengabe reicht. Freut Euch die Landwirthschaft, so hoffe ich, daß ich im nächsten Jahre auf meiner Wanderung in Euern Großbauernhof einkehren kann.“

Der Hans sagte zum Viktel: „Wenn er es uns schon so gut meint, warum sollen wir es nicht dankbar annehmen? Brauchen wir es nicht, so wird’s unserem Bübel taugen, wenn es ein Großbauernsohn ist.“

Sie nahmen es an. Der Prinz schüttelte Beiden wacker die Hände, bestieg sein Roß, ritt heimwärts und liebte seine Fürstin.

Das Leben siegt.

In den schattenfrischen Thalgründen des oberen Jiller steht so manches alte Mauerwerk, an dem bedächtige Geschichtsforscher, magere Sagensammler und langhaarige Maler hin und her klettern wie Steinböcke und Gemsen im Gefelse, nur daß sie nicht ganz so behendig sind. Ritterburgen und Räubernester! ’s ist ein gar so dankbarer Stoff allerwege, zumal, da diese Dinge heutzutage nicht mehr so herrisch und gefährlich sind, wie voreinst in der guten alten Zeit -- Gott habe sie selig!

Da giebt es aber doch in den schattenfrischen Gründen des oberen Jiller eine Ruine, die völlig unbekannt und verlassen ist. Sehr viel Haselnußgebüsch umwuchert das graue, zerklüftete und zerbröckelnde Mauerwerk, und wenn die Haselnüsse reifen, so sind zumeist die Spechte und anderen Knacker schon davon und die Dingelchen fallen nieder durch das gilbende Blätterwerk und kollern auf das Gestein und bleiben liegen im Schutt und in den Rissen: „Ist Niemand da, der Haselnüsse mag?“

-- ’s ist Niemand da. Die schönen jungen Frauen, die voreinstmal, als hier noch der große stolze Bau stand, darin gelebt haben, hätten gerne bisweilen ein wenig so Nüsse geknackt, aber da sind solche noch nicht gewachsen an den Wänden, in den Höfen, in der Kapelle und in den Zellen des Nonnenklosters Taubenzell. Und wollten die gottseligen Jungfrauen dergleichen wilde, aber deswegen doch süße Früchte nagen, so durften sie sich den kleinen Gang hinaus in den Hirschwald nicht verdrießen lassen. Da oben war Haselnußgesträuche so dicht und voll als man es nur wünschen konnte, und der Thierlein gab es auch so manche, die im Moose krochen, im Strauchwerk raschelten, in den Lüften flogen und den gottseligen Jungfrauen zur Kurzweil waren.

So war es auch einmal am Tage der heiligen Edeltrudis; die Haselnußbüsche setzten erst ihre kleinen Knösplein an, denn es war der Rosenmonat und zum Reifen lange noch Zeit. Aus dem Engthale, in dem das Kloster stand, stieg ein halb Dutzend Nönnlein hinan gegen den Hirschwald; -- jede hatte ihren dunkelgrauen Habit mit der weißen Busenbinde und dem braunen Rosenkranz; jede hatte ihren Capuchon, den sie aber heute über den Nacken hinabhängen ließen oder gar als Sack für die Sammelfrüchte benutzten. Und jede hatte auch einen recht zierlich geflochtenen Korb an die Seite gebunden, denn sie gingen aus, um Schwämme zu suchen und Erdbeeren zu finden. Sie hatten von der Oberin die Grenze vorgeschrieben, über die sie nicht hinaus durften, um nicht etwa in das Revier der Ritter von Karnguld, oder in ein Bereich zu gelangen, dessen Schwämme und Erdbeeren nicht mehr zum Kloster Taubenzell gehörten. Es waren derlei Maßregeln gar nicht überflüssig, denn die Früchtesammlerinnen waren lauter unerfahrenes Blut, jung, lebendig und wohl auch hübsch. Nur eine war dabei, die einen ganz kleinen Schaden hatte. Dieser Schaden bestand in einem winzigen Härchen; das Härchen stand mitten aus einem Wärzchen hervor, das Wärzchen hinwiederum stand zuhöchst auf der Spitze des Näschens, das sehr anmuthig gewesen wäre, wenn es nicht ein wenig allzu kühn in die Welt hineingeragt hätte, der die junge Nonne doch in Form Rechtens entsagt hatte. -- Es steht zwar nicht in den Kloster-Annalen zu lesen, daß dieses Härchen aus dem Nasenwärzlein der hochehrsamen Jungfrau Natalia vormals den jungen Männern so sehr in die Augen gestochen habe, daß sich diese sofort geschlossen, oder anderen Dingen zugestrebt, bis Natalia sich von dem Irdischen zu dem Himmlischen wendete und in die friedsamen Mauern von Taubenzell flüchtete; -- aber von der boshaften Welt war derlei thatsächlich behauptet worden. Sei dem wie immer, hoffen wir, daß desweg’ der Jungfrau Lohn im Himmel nicht geschmälert ist.

Wir könnten nun auch noch von den übrigen Früchtesammlerinnen manch’ Erbauliches erzählen, doch möge sich der Leser zumal mit der Versicherung begnügen, daß sie allsämmtlich sehr hübsch und heiter waren.