Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 23
Der Graber-Schorsch war seit jenem Sonntage in der Gegend nicht mehr gesehen worden, doch hörte man, er zöge mit allerlei Strolchen und werbe eine Bande. Andere wollten wissen, er sei schon wieder eingefangen worden und man werde ihn ehbaldigst hängen. Am Frauentage im September auf dem Kirchplatze ging der Gerichtsbote auf den Leeshofer zu und fragte, ob in seinem Hause nicht eine sichere Viktoria Zimmermann wohne? Dieselbe habe unverzüglich in die Residenz zu fahren und sich in der Schloßgasse Nummer Eins zu melden. So stand es auch in der gerichtlichen Zuschrift, die der Bote übergab.
„Ah so?“ meinte der Leeshofer, „jetzt kann ich mir denken, um was es sich handelt. Ein Zeugenverhör, gewiß des Graber-Schorsch wegen. Ei ja, Viktel, da mußt Du freilich gehen, da bleibt nichts Anderes übrig.“
Das Mädchen war innerlich tief enttäuscht. Also nur zu Gericht sollte sie und aussagen, wie der Schorsch den Fremden führen wollte und auf sie geschossen hat. -- Und wenn man sie auch des Ringes wegen verhören wollte? Der geht nimmer vom Finger.
Man wünschte ihr viel „Glück und Gesund“, sie fuhr in die Residenz. Sie hatte in ihrem Leben noch keine Stadt gesehen, und als sie auf dem großen Bahnhofe ausstieg und die schwere Pracht um sich sah, und die Menge von Menschen und Wagen, und den Lärm hörte, da blieb sie stehen wie eine Bildsäule, schloß die Augen und dachte: „Jetzt, Viktel, jetzt nimm Dich zusammen.“
Die Schloßstraße erfragte sie leicht, es war die vornehmste Straße, die mit ihrer Herrlichkeit und mit ihrem bunten Leben mitten durch die Stadt zog.
„Jetzt möchte ich nur wissen,“ sagte der Mann, den sie sich als Führer gedungen hatte, „was das schön’ Dirndl in Numro Eins zu thun hat? Gewißlich den Liebsten aufsuchen, der etwan dort auf der Wacht steht?“
„Ich muß zum Gericht,“ beschied das Viktel, das mit dem rothen Handbündelchen neben ihm herging.
„Zum Gericht? Ei so, so. Da wirst Dich aber im Weg irren, Dirndl; in Numro Eins weiß ich kein Gericht.“
„Was ~denn~?“
„Numro Eins ist das Schloß, wo der Prinz drinnen wohnt.“
„Na, sei so gut!“ rief das Mädchen und blieb stehen. Als jedoch der Führer die Vorladung las, sagte er: „Es ist richtig, Du mußt in’s Schloß!“
Sie gingen weiter -- das Viktel stets mitten auf der Straße, so daß es fortweg in Gefahr war, von den Wagen niedergefahren zu werden. Sie sah und hörte kaum, was um sie vorging; sie dachte nur an das Schloß und an den Prinzen und an ein Märchen vom Prinzen und der Schäferin, welches sie von ihrer Mutter gehört hatte. Und sie seufzte auf: „Wer weiß, wie das mit mir ausgeht!“
Plötzlich weitete es sich und der Führer geleitete das Landmädchen über einen großen Platz, der mit viereckigen Steinplatten gepflastert war. Vor ihnen erhob sich ein Palast mit hundert Fenstern und gemeißelten Figuren an den Wänden und Zinnen. Sie schritten durch das weit offene Flügelthor eines hohen, vergoldeten Gitters in den innern Hof, wo an der Pforte die Wache mit aufgepflanzten Gewehren stand, so daß das Viktel davor erschrak und anfangs glaubte, diese Soldaten stünden da, um Jeden niederzumachen, der in das Schloß treten wolle. Sie bedankte sich beim Führer und bezahlte ihn; dann nahm sie ihre Vorladung in die Hand und hielt dieselbe, langsam vorschreitend, der Wache entgegen. Die Männer standen da, wie von Holz geschnitzt. Im inneren Thorbogen erschien jetzt etwas, bei welchem dem Viktel zum Erschrecken und zum Lachen zugleich war. Ein Mann, der das Gesicht voll Bart hatte und einen versilberten Pelz trug und einen goldenen Stab mit einem mächtig funkelnden Knopf in der Hand hielt. Dieser Mann -- das Mädchen war ungewiß darüber, ob es nicht schon der Prinz wäre, daher machte es einen tiefen Knix -- besah das Papier und wies das Mädchen über eine breite Treppe hinauf, die mit einem buntfarbigen Teppich belegt war. Die junge Dienstmagd aus dem Leeshofe wußte nicht recht, wo man da gehe, einestheils that ihr der weiche Teppich leid, darauf zu treten, anderntheils waren an beiden Seiten die Steinstufen so glatt, daß man ausgleiten konnte. So stieg sie mit einem Fuß auf den Teppich und mit dem andern auf den nackten Marmor. Ihr Herz pochte heftig, aber sie war entschlossen, sich durch nichts irre machen zu lassen und aufrichtig zu sein. Wenn der Mensch -- so dachte sie -- nichts Schlechtes auf dem Gewissen hat, so kann ihm auch im Prinzenschloß nichts geschehen.
Im Saale trat ihr ein dickes, schwarz gekleidetes Herrchen entgegen, das eine sehr hohe Glatze und einen kurzgeschnittenen weißen Vollbart hatte. Sein Gesicht war roth und blatternarbig, seine Nase weidlich kupfern, aber seine grauen Aeuglein blickten klug und sanft. Er blieb vor dem Mädchen stehen, setzte die Füße mit den funkelnden Stiefeln ein wenig auseinander, legte die Arme auf den Rücken und sagte mit freundlicher, aber immerhin etwas schnarrender Stimme: „Also Sie sind die Lebensretterin! Die Viktoria Zimmermann aus Breitegg!“
„Ich heiße so und bin aus der Breitegger Pfarr’,“ antwortete das Viktel, „aber wenn der Herr Du zu mir wollt’ sagen, so wär’s mir lieber.“
„Kann gern’ geschehen, Du fein’ Mädel,“ lächelte das Herrchen, „und jetzt komme einmal mit mir da herein; kannst ein wenig Toilette machen, wenn Du willst, ich werde Dich hernach zu Seiner Hoheit führen.“
„~Was~ soll ich da machen?“ fragte sie, als sie mit ihm in ein schönes, lichtes Zimmer trat. Plötzlich blieb sie mitten auf dem Boden stehen und starrte auf ein Gemälde hin, das an der Wand hing. Es stellte in Lebensgröße das Haupt jenes Mannes dar, der ihr vor ein paar Wochen den Ring an den Finger gesteckt hatte.
„Meiner Tag!“ hauchte sie, „jetzt was ich derschrocken bin! G’rad wie lebig! G’rad wie lebig! -- ~Wer ist er denn?~“
„Der da auf dem Bildniß? Den sollst Du ja kennen; hast ihm doch das Leben gerettet. Deshalb ließ er Dich kommen. Es ist der Prinz.“
„Jesus, Maria und Josef!“ rief sie, „’leicht will er mich heiraten gar!“ -- Es war ein Aufschrei. Aber der kleine Herr schmunzelte und streichelte ihre bebende Hand, mit der sie sich an einer Stuhllehne stützte. --
Eine Viertelstunde später stand das junge Bauernmädchen auf dem Teppiche des fürstlichen Gemaches. Wohin sie blickte, goldene Pracht, dazwischen Vasen mit üppigen Rosen und aufrankendem Laubwerk und in allen Wänden, aus Goldrahmen schauend, sah sie ihr ärmliches Bild. Ihr war angst und bang. Da erschien der Prinz. Er war in Militäruniform und hatte an der Brust ein Sternchen. Das sah sie nicht, sie sah nur sein Angesicht -- es war dasselbe mit dem süßen Blitz des Auges, mit dem tiefen und weichen Laut des Mundes. Er schritt rasch auf sie zu, faßte ihre Hand und sagte: „Willkommen! Wir sind ja alte Bekannte, aber Sie müssen nicht übel von mir denken, mein Kind, daß ich Sie amtlich holen ließ, sonst wären Sie ja nicht erschienen und ich bin doch so sehr Ihr Schuldner geworden.“
Sie entgegnete nichts, schlug das Auge zu Boden und nur einmal zuckte es glühend zu ihm auf.
„Nun erzählen Sie mir einmal,“ sagte der Prinz und machte eine leichte Geste mit der Hand, wobei er die ihre losließ, „erzählen Sie mir, Viktoria, wie geht es Ihnen, ist die Wunde am Arm schon ganz heil? Habt Ihr noch so gutes Wetter zu Breitegg? Ich hoffe, jener Mensch wird doch wieder in Gewahrsam sein.“
Sie sah ihn fragend an, worüber sie ihm eigentlich zuerst Antwort geben solle. Aber ohne eine solche abzuwarten, bat er, daß sie in ein Nebengemach trete, und begleitete sie. Im Nebengemache rauschte eine junge, schlanke Dame in rosaseidenem Kleide.
„Hier, meine Theure,“ sagte der Prinz zur Dame, „stelle ich Dir das Bauernmädchen, den Schutzengel Deines Emerich vor!“
„Grüß’ Sie Gott, meine Liebe!“ sagte die Dame mit einem glockenreinen Stimmchen, warf einen flüchtigen Blick auf die rauhe Hand des Mädchens, an welcher der Ring funkelte, schritt, die beiden Arme vorstreckend, auf das Viktel zu, und neigte ihr Haupt leicht gegen deren Wange, daß es von Ferne aussah wie ein Kuß. „Ich habe Ihnen viel, sehr, sehr viel zu danken. O, nehmen Sie Platz.“
Blaß, wie eine Sterbende, sank das Mädchen auf einen rothen Sammtsitz; das hohe Paar richtete die freundlichsten Worte an sie; plötzlich aber stand sie auf; „ich hab’ da nichts zu suchen,“ hauchte sie und wollte davon.
Die Dame hielt sie zurück. Dem Prinzen wurde ein Besuch gemeldet. „Ich sehe Sie noch, meine Gute!“ sagte er, drückte ihr rasch und fest die Hand und ging aus dem Gemache.
Das arme Mädchen hätte ihm mögen nachrufen: Bleib’, laß’ mich hier nicht allein! --
„Das, was ich Ihnen schulde, wackeres Kind, ist nicht mit Gold zu bezahlen,“ sprach nun die Dame, „Sie sind wohl arm, wie Alle Ihres Standes; Sie haben von mir eine sorglose Zukunft zugute; dieselbe ist Ihnen durch eine für Sie hinterlegte Summe bereits gesichert. Vor allem bin ich bewogen, Ihnen den Ring abzulösen, den Ihnen mein dankbarer Gemahl als Pfand gegeben hat. Nehmen Sie als erstes und heiligstes Zeichen meiner Erkenntlichkeit dieses Kreuz.“ --
Sie wollte dem Mädchen ein goldenes Kreuzchen um den Hals hängen, dieses wehrte mit beiden Händen ab und rief: „O Gott, nein! Was brauch’ ich noch voran ein Kreuz, hab’ eh hinten eins.“
Die Dame machte ein Lächeln, weil sie glaubte, die Bauernmagd rede im Spaß; bei dieser jedoch war es harter Ernst. „Ich bin kein Prälat nicht,“ sagte sie trotzig, „ich bin eine dienende Dirn und weiß es gleichwohl, daß es nicht kann sein, aber den Ring, den er mir einmal hat angesteckt, den geb’ ich nimmer her.“
„Ich bitte zu bedenken, meine Liebe,“ hauchte die Dame, „daß mir gar viel an dem Kleinode liegt!“
„Mir auch,“ stieß das Mädchen heraus und biß die Lippen zusammen.
„Daß es der Verlobungsring ist, den mein Emerich von mir erhalten hat.“
„Das kann schon sein,“ versetzte das Viktel, „aber Euer Mann ist er nicht. Ich weiß es recht gut, daß unser Prinz noch nicht geheiratet hat.“
„Ich muß bitten!“ sagte die Dame und erhob sich. Das Mädchen blieb sitzen, richtete sein Gesichtchen ernst und traurig zu dem blassen Antlitze der Fürstin und sprach: „Es ist nicht recht, daß ich es sage, aber es ist auch nicht recht, daß Ihr unverheirateter Weise so beisammen lebt. So gut wie Ihr, kann ich ihn jetzt auch lieb haben, und --“
Die Dame strich rauschend durch das Gemach; dem Mädchen knickte sein Haupt ein, es verdeckte das Gesicht mit beiden Händen und rief: „Es kann nicht sein! Ich hab’ ihn so viel lieb!“ und schluchzte laut.
Die Fürstin eilte auf sie zu, legte ihr weiches Händchen auf die Schulter der Weinenden und sagte mit Beklommenheit: „Thörichtes Kind!“
In ihren Augen selbst glänzte eine Thräne. Wie fand sie die Liebe zu dem Manne, der ~ihr~ Glück war, begreiflich, verzeihlich! Hier liebte nicht das Bauernmädchen den Prinzen, sondern das Weib den Mann. Die Fürstin haßt ja alle Nebenbuhlerinnen, wie es jedes Weib thut und nicht anders kann -- aber das kindliche Geständniß dieses armen, jungen Wesens, das unter seinem Schmerze zusammenschauert, rührte sie.
„Viktoria,“ sagte sie sanft, aber im Tone, wie man zu einem Kinde oder zu einem Irrsinnigen spricht: „Du hast einen schönen Namen, Du wirst siegen über eine Leidenschaft, die Dich zugrunde richten müßte. Du wirst einen braven Mann finden, der Dich glücklich macht, wie Du es verdienest.“
„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn es ungeschickt war,“ versetzte das Mädchen und wischte sich die Thränen aus den Augen, „bin gleichwohl so gescheidt, daß ich weiß, ein armes Dienstbot kunnt nicht taugen für so einen Herrn. Nur den Ring geb’ ich nimmer.“
„Aber, meine Gute --“
„Wenn ich ihn nur nicht wieder gesehen hätt’! Ich bin in Euer Haus gekommen zu meinem Verderben!“
„Ich sage Dir noch einmal, Du sollst von heute an ein sorgenfreies Leben haben, sollst nicht mehr in den harten Bauerndienst, sollst selbst eine wohlhabende Bäuerin sein. Nur denke nicht, mein Kind, und vergesse für alle Zeit -- ich wünsche es -- und streife das fremde Gold von Deinem Finger, dann wirst Du froh sein.“
„Nein!“ schrie das Mädchen, „den Ring gebe ich nicht mehr. Der Ring ist verwachsen mit meinem Fleisch und Blut.“
Die Fürstin, ihrer kaum mehr mächtig, hastete bebend nach der Linken des Mädchens. Dieses riß aus und rief: „Und wenn Ihr mir den Finger abschneidet, ich kann ihn nicht lassen!“ Da trat der Prinz wieder ein und traf beide Frauen weinend. Das Viktel aber sprang auf, wies mit dem Finger auf den Eintretenden und sagte: „Den hätten Sie gefunden ermordet auf dem Wockenberg, wenn ~ich~ nicht wär’ gewesen. Aber dafür verlang’ ich nichts; daß ich ihn abgehalten, ist Christenpflicht gewesen. Nur der Ring ist’s! Weil ~er~ mir ~den~ gegeben hat, gehört er mein. Ich kann mir nicht helfen!“ -- Mit diesen Worten stürzte sie dem Ausgange zu.
Die Fürstin sank auf einen Fauteuil und hauchte: „Das ist mein Unglück.“
„Was ist vorgefallen?“ fragte er.
„Sie giebt ihn nicht zurück!“
„Lasse sie, Angela, lasse sie,“ beschwichtigte der Prinz, „es ist ein albernes Wesen.“
„So sprichst Du heute, Emerich. Weiß ich aber, was war und was kommen kann? Ach, der Verlust dieses Ringes ist mir eine böse Bedeutung.“
„Was war, meine Einzige, das habe ich Dir schon zur Genüge mitgetheilt,“ versetzte er.
„Ich finde es nicht gut für einen Fürsten, sich allzu harmlos unter das Volk zu begeben,“ sagte sie.
„Ich stimme Dir bei, Angela, nur dünkt es mich langweilig, immer und immer den Herrscher spielen zu sollen. Ich sehne mich zuweilen, Mensch zu sein draußen in der Natur. Ach, warum soll der Fürst immer gefangen sein, umringt und bewacht! Die Krone, die sie mir in kurzer Zeit auf’s Haupt drücken wollen -- ich gebe sie wohlfeil!“
Unmuthig sprach er diese Worte; die Fürstin streichelte ihn: „Du bist so gut, Emerich, aber Du bist ein Schwärmer. Blicke mir doch wieder einmal in’s Auge!“
Er that’s mit einem hastigen Blick und sagte: „Warum soll ich Dir nicht in’s Auge sehen können, meine Liebe! Ich hoffe, daß ich Alles, was ich persönlich thue oder lasse, jederzeit werde verantworten können.“
„Warum siehst Du so eilig wieder in die leere Luft hinein, Emerich? Genirt Dich mein Blick?“
„Ja, Angela, ja! Wenn ich in Dein schönes Auge schaue, so kann ich nicht denken und sprechen; der Gedanke ertrinkt in diesem See, verbrennt in dieser Sonne.“
„Galanter Mann! Indeß würde ich von Deiner Liebe noch tiefer überzeugt sein, wenn Du an meiner Seite bliebest, anstatt wie ein Waldmann im Gebirge herumzustreifen und Dich verschiedenerlei Gefahren auszusetzen.“
„O laß’ mir doch meine Freude an den Bergen, oder theile sie mit mir, mein Kind.“
„Ich begreife das Vergnügen nicht, zwischen den Bergen zu sein und auf Mörderhände zu warten.“
Der Prinz lächelte und versetzte nicht ohne Schalkheit: „Diesmal macht weniger der Mörder, als der Schutzengel meiner Theuersten bange. -- Nein, nein, jener Landritt war nicht der erste und wird nicht der letzte sein. Daß ich einmal in Gefahr war, Verbrecherhänden anheimzufallen, wird mich nicht ängstlich machen. Wenn der Mann wirklich eine böse Absicht hatte -- was allerdings unstreitig ist -- so hatte er sie nicht gegen den Fürsten, sondern einfach gegen die Geldtasche.“
„Ich begreife, mein Herz, das Gefühl der Dankbarkeit, das Du zu jener Stunde der Befreierin aus der Gefahr entgegengebracht hast, auch ich werde der Vorsehung mein lebelang danken, jedoch bedauere ich, daß Du der Magd den Ring verpfändet.“
„Mein süßer Engel,“ versetzte nun der Prinz und legte ihr Händchen zwischen die seinen, „Du weißt nicht, wie mir damals zu Muthe war. Hätte ich Der, die mich dem Leben, die mich Dir erhielt und die für mich blutete, Geld geben sollen oder die Taschenuhr? Nein, nein. Nur das Theuerste, was ich bei mir trug, war gut genug.“
„Du solltest nicht belehrt werden dürfen darüber, was es bedeutet, wenn ein Mann einem Weibe den Ring an den Finger steckt. Nun belehrt Dich die Bauernmagd.“
„Angela!“ sagte der Prinz sehr leise, aber ernst.
Sie sah ihn scheinbar ruhig an und entgegnete: „Welch’ ein vorwurfsvoller Ton! -- Ich begehre von ihr den Ring zurück.“
Sie verließ das Gemach. Er stand und blickte ihr nach und murmelte: „Ich liebe die eifersüchtige Frau; aber ~Deine~ Eifersucht, Angela, ist niedrig. -- Wäre es möglich! Wäre es denkbar, daß Du recht hättest? So wärest Du es selbst, die meinen Sinn nach dem armen Mädchen wendet. -- Sieh Dich vor, Angela, Ringe sind zu ersetzen, Herzen nicht! -- Ich gab ihr den Reifen, so sei und bleibe er ihr Eigenthum.“
* * * * *
Das kleine blatternarbige Herrchen, mit welchem das Viktel bei der Ankunft im Schlosse gesprochen hatte, war Geheimsecretär des Prinzen und hieß Magister Flaus. Er war Meister in Welt- und Hofkünsten, die rechte Hand des Prinzen, die linke der Fürstin, und die Schnürchen der meisten beweglichen Puppen ringsum gingen in seiner Faust zusammen.
Bei Magister Flaus sprach nun so höflich und unterthänig, als in der Eile möglich, der Leibkutscher des Prinzen vor, ein strammer, kräftiger Kerl, der eben erst von den Uhlanen für den fürstlichen Privatdienst ausgehoben worden war.
„Was soll mit ihr geschehen?“ fragte dieser.
„Mit wem?“ fragte der Magister.
„Mit der Bauerndirn. Vor etlichen Minuten ist eine Bauerndirne die Treppe herabgelaufen; sie muß in den Gemächern der Hoheiten gewesen sein. Sie that gar absonderlich und kam mir nicht recht richtig vor.“
„Sie soll angehalten werden.“
„Habe ich gethan.“
„Warum Er?“
„Ist mir gerade angesprungen.“
„Wo ist sie jetzt?“
„In der Wachtstube.“
Magister Flaus gab Befehl, daß die junge Bauernmagd einstweilen bewacht werde; er würde dann die Sache untersuchen.
Und eine Stunde später trat der Magister aus den Appartements der Fürstin, wohin er gerufen worden war, und beschied den Kutscher zu sich.
„Er heißt Jonas Strigel?“ fragte der kleine Herr.
„Allemal,“ antwortete der Bursche und pflanzte seinen Schnurrbart auf.
„Sag’ Er mir einmal, Jonas Strigel, wieso hat Er die fliehende Bauerndirne abgefangen?“
„Ist mir eingefallen, sie könnte ’leicht was gestohlen haben.“
„War das der einzige Grund? Weiß Er nicht, daß dafür die Wache am Thore steht?“
„Das Mädel hat ganz getaumelt, wär’ arg zu Boden gestürzt, wenn ich sie nicht hätte gehalten.“
Aber der Herr Magister war auch mit dieser Begründung nicht zufrieden; er lugte so schief und zwinkernd in das Gesicht des Kutschers und sagte schmunzelnd: „Die Kleine ist nicht übel!“
„Sauber ist sie!“ stimmte der Bursche hastig bei.
„Das wär’ Eine --“
„Ja!“ rief der Kutscher.
„Zum heiraten.“
„Wohl, wohl, Herr Magister. Sie nähme mich, ich sah ihr’s an.“
„Der tausend, da seid Ihr ja schon im Reinen. Na, gratulir’! Hat auch Geld, das Mädel. Hat Er an ihrer Hand den Brillantenring gesehen, Jonas?“
„Der Teufel hol’ mich, nein. Ich hab’ nur alleweil in die Larve ’glotzt.“
„Ganz vernünftig,“ gab der Magister bei, „der Ring ist auch nicht ihr Eigenthum; sie erhielt ihn als Pfand von einem Herrn. Aber nicht so, wie Er denkt, Er schlechter Junge, Er! Wird’s schon noch erfahren, wie das war. Nun will die Landschöne den Ring nicht mehr vom Finger lassen, während dem Verpfänder daran liegt, ihn zurück zu erhalten. -- Jonas,“ das Herrchen klopfte dem stattlichen Burschen, so gut er gelangen konnte, auf die Achsel. „Er ist ein gescheidter Mann und genießt unser Vertrauen. Wollt’ Er’s übernehmen, dem Mädel den Ring vom Finger zu kriegen?“
Der Kutscher drehte an seinem Barthörnchen, lugte mit halb geschlossenen Augen so vor sich hin und antwortete endlich: „Warum nicht!“
„Bis morgen müßte es geschehen sein und hat Er mir den Ring persönlich zu übergeben. Begriffen?“
„Ganz wohl, Herr Magister!“
„Und reinen Mund gehalten!“
„Verstatte mir, ist sie noch in der Wachtstuben?“
„Ei, Närrchen, wer wird so ein laubfrisch Ding in der Wachtstube lassen! Sie befindet sich im Untergebäude in den Kammern der Küchenmädchen.“
„Die weiß ich!“ Der Kutscher machte seinen militärischen Gruß und ging.
„Apropos, Jonas!“ rief ihm der Magister Flaus nach, „aber ~nur~ den Ring.“
* * * * *
Das arme Viktel, die junge Magd aus dem Leeshofe, saß in einem kahlen Zimmer des fürstlichen Schlosses, stützte die Ellbogen auf ihr Handbündel und starrte wie verloren auf den Boden hin. Kaum wußte sie, wie sie aus der Wohnung der schönen jungen Frau hierhergekommen war. Ihr wirbelten vor den Augen alle Farben, sie erinnerte sich nur dunkel, daß sie unterwegs auf der Treppe von einem baumlangen Menschen angehalten und gekost worden war, und daß sie in der Soldatenstube Einem die Faust in’s Gesicht geschlagen habe. Was es in einem solchen Schloß für sündhafte Leute giebt! -- Dann war sie in dieses Zimmer gebracht worden. Ein Tisch stand da; sollte sie heute hier essen? Sie hat keinen Hunger. Ein Bett war hier; sollte sie die heutige Nacht darin schlafen? Das Fenster ging in einen Hof hinaus, ringsum lauter Mauern. Schon dämmerte der Abend.
Sie kam sich vor wie eine Gefangene. Was wollte man mit ihr? War der Fremde, den sie damals am Leeshofe gesehen hatte, also der Prinz? Und er hat eine Geliebte und diese will den Ring von ihr zurück haben? -- Auch der Trotz ist jetzt da. Und wenn sie ihr den Kopf abschneiden, so macht sie die Hand zur Faust, daß der Ring nicht herabgeht. -- Was hat diese Frau für ein giftiges Auge! Und er hat sie, das Viktel, wieder so freundlich angesehen und schier so lieb mit ihr gesprochen wie dazumal. Sie verlangt, sie mag von ihm nichts, als den Ring. --
So waren ihre Gedanken. Dann kam ihr zu Sinn, es warte in diesem Palaste nichts Gutes und sie solle trachten, hinauszukommen. Am Thore stehen Soldaten mit langen Messern. Wenn sie nur ein einziges Wort mit dem Prinzen sprechen könnte, sie glaubt es nicht, daß er ihr Böses anthun lassen will. Ihre Brust strebt lebhaft nach Athem; die Luft ist hier gerade so wie laues, faules Wasser -- man erstickt.
Als es finster geworden, wurde das Zimmer von der Laterne beleuchtet, die zum Fenster hineinschien. Um diese Zeit war’s, daß das Viktel sein Bündelchen fester band und leise das Zimmer verließ.
Am dunklen Gange begegnete ihr Jemand, der sie fragte: „Wer ist das?“
„Ka Mensch braucht Spinat! mannig’s Tag’s ist’s just, wie wann’s verhext wär’!“ rief das schlaue Mädchen und fand als Gemüseverkäuferin richtig den Weg in’s Freie.
Sie lief weit die Straße hin und sie athmete auf. Die zahllosen Lichter wollten sie blenden, hier stieß sie an eine Mauer, dort an einen Laternenpfahl oder an einen der ruhelos hin- und herwogenden Menschen. So taumelte sie hin. Sie fragte nicht, nach welcher Richtung, nach einer Seite mußte die Straße doch aus der Stadt führen -- und sonst wollte sie nichts. Je öder und dunkler die Gassen wurden, desto freier fühlte sie sich; endlich lief sie zwischen langen Gartenmauern hin, hier noch ein Haus und dort noch eines, hier noch eine Laterne, dort noch ein Fensterschein, hier noch ein Fußgänger, dort noch ein Wagen, dann von all’ dem nichts mehr, und sie stand auf freier nächtiger Heide, über sich den weiten Himmel mit Mond und Sternen.
Sie setzte sich auf einen Stein, um zu rasten, und sagte: „So, jetzt weiß ich’s, wie’s in der Stadt ausschaut.“
Sie nahm Brot aus ihrem Bündel und aß es; es war noch Brot von daheim. Im Steine des Ringleins glühte das Mondlicht, fast funkelte er lebhafter als das Gestirn des Himmels.
„Wie finde ich jetzt heim?“ fragte sie sich.
Dann stand sie wieder auf und ging und ging. Nur weit weg von der Stadt, wohin sie kam, deß fragte sie sich nicht. Plötzlich sah sie neben der Straße eine hohe schwarze Gestalt. Sie blieb stehen und blickte d’rauf hin; auch die Gestalt schien gegen sie gerichtet zu sein, regte sich aber nicht. So lange standen Beide, bis es dem Mädchen endlich einfiel: Gespenst, du bist zuletzt gar nicht lebendig! Sie nahm sich ein Herz und trat auf die Wiese hinaus und stand vor einem Schober getrockneten Klees, wie solcher an Stangen aufgespießt zu werden pflegt.