Das Buch der Novellen. Erster Band

Part 22

Chapter 223,865 wordsPublic domain

Wanderer, die in das Walddorf kamen, erzählten, daß draußen in den weiten Thälern das Getreide schon hoch in Aehren schieße und die Apfelbäume blühten. Im Hochgebirge aber brausten die fahlgrauen, reißenden Fluthen des Wassers, und sie wälzten Eisstücke und Bäume und Steinblöcke aus den Schluchten. In den Schutthalden war es lebendiger als je; in die Mulden sickerten immermehr die Schneelasten der Kare und Schründe zusammen, und Wässerlein rieselten von allen Hängen in zitternden Schleierfällen, bis die ungeheuren Schneelasten in den Mulden in’s Schieben und Rutschen kamen und mit einem gewaltigen Donnern, Alles vor sich niederwerfend und mitwälzend, in die Tiefen fuhren.

Da hielten die Holzschläger draußen im Waldland ein bei ihrer Arbeit und horchten dem dumpfen Gedonner, das hier und dort durch die Felsschluchten brandete und an den hohen Wänden widerhallte.

Und an einem milden, leuchtenden Maitag war’s. Der Hans hatte am selbigen Morgen unter vermorschtem Gefälle das erste Vergißmeinnicht gesehen und es gleich auf seinen spitzigen Hut gesteckt. -- Es knatterte da, es donnerte dort, aber das Waldland war sicher, und die Vöglein haben nie fröhlicher gesungen als an diesem Maitag. Gegen die Mittagsstunde hin erhob sich im Gebirge ein Krachen und Dröhnen, von allen Mulden stürzten Schnee- und Erdlawinen nieder, manche Felszacke löste sich von ihrem Grund, manches Gemslein wurde begraben in Schnee und Schutt, und aufgeschreckt von dem wüsten Lärm flatterten grauschimmernde Habichte und Steinadler durch die Luft und schwammen dem ruhigeren Waldlande zu. Wie lichtgraue oder bläulich schmutzige Ströme, sich untergrabend und überstürzend, in breiten, wogenden Tüchern oder in schmalen, schlüpfenden Schlangen, glitten die Lawinen nieder. Kein Baumwall hielt sie auf, die hundertjährigen Stämme brachen, ehe die Lasten noch kamen, blos von dem Drucke des Sturmhauches; nur an mächtigen Felsnasen schäumten die Schneewogen empor, daß das ganze Kar in eine Staubwolke gehüllt war; aber weiter unten sammelten sie sich wieder und fuhren mit eherner Gewalt unter dem Beben der Vesten dem Abgrunde zu.

Da blieben im Waldlande die Wildbäche aus, aber nur für kurze Zeit, bald hatten sie die Hochwälle der Lawinen durchbrochen und überfluthet und kamen nun wie Ungeheuer herangewogt mit Schutt und Eisblöcken, und Holzstämmen und Felsmassen.

Die Holzhauer schüttelten die Köpfe; das ist ein schlimmer Tag! -- Etwan ist im Felsgebirge der Drache losgeworden!

Der Hans hatte lange ruhsam Scheiter gespalten und sich gedacht: ’s ist eben böse Auswärtszeit, aber über’s Jahr heb’ ich an in Gottesnamen, und im Dorfe ist keine Gefahr mehr, und bislang wird die liebe Frauen schon Hüterin sein. -- Als aber das Getöse ärger wurde, da lehnte er die Axt aus der Hand und horchte; und endlich, als die Erde zu beben anhub von den tobenden Gewalten im Gewände, da that der Hans plötzlich einen großen Sprung und eilte über Stock und Stein hin gegen sein Felsenthal.

Schuttwälle und Gießbäche schnitten ihm oft den Weg ab, dann starrte er zuweilen in die Fluthen und vermeinte in den heranwogenden Holzblöcken Theile von seiner Hütte zu erkennen. Das Donnern auf den Höhen und das Tosen in den Tiefen wollte ihn betäuben, aber die Hutkrempen tief über die Ohren gedrückt und mit halb geschlossenen Augen wand er sich ruhelos weiter bis zu dem schroffen Felsenthore, das in sein kleines Thal mündete. Er bog um die Wand, er sah in den Felskessel -- da wollten ihm plötzlich seine Füße und sein Athem versagen. Er sah am Hange das Frauenbild nicht mehr. Eine ungeheuere Sandriese ging nieder von den höchsten Gewänden und schnurgerade der Stelle des kleinen Hauses zu. Und das Haus stand nicht mehr da.

Der Hans stand, als wäre er selbst ein Steinbild geworden.

Erst nach einer Weile begann es wieder zu zucken und zu zittern in seiner Brust. Wie verloren wankte er dahin -- er suchte die zerschmetterten Leiber der Seinen, er suchte die Trümmerstätte seiner Heimat.

Auf dem Platze, wo das Häuschen gestanden, lag ein Berg aus Schnee und Schutt still und starr, als ob er in Ewigkeit so dagelegen wäre. Aus ihm hervor ragte das niedergebrochene, kantige Felshorn.

Daneben hüpften ein paar Ziegen auf und ab und meckerten. Aber an dem Schuttberg in der Tiefe nagte schon der Wildbach, und jenseits des Wildbaches -- der Hans fuhr sich mit beiden Händen über die Augen, er träumte doch nicht, er stand ja mit wunden Füßen im Gestein -- aber jenseits des Baches stand sein Häuschen.

O Gott, da dachte der Hans wohl an keine Gefahr, er setzte über Gefelse, er sprang durch die Fluthen, er stand vor seiner Hütte. Sie war ein wenig schief und verschoben und einige Balken waren geborsten, aber sonst war sie unversehrt. Die Thür war offen.

Den Athem an sich haltend, trat der Hans ein. Die Hütte hatte kein Flötz (hölzerner Fußboden) und keinen Herd, und keinen Ofen mehr, nur die in sich zusammengefügte Zimmerung stand da. Und siehe, an der Wand kleppte das Wiegenbettchen, und darin schlief, sorgsam verhüllt und eingeschichtet, das Kind. Es erwachte nun vor dem hellen Schrei, den der Mann ausstieß; da faßte der Hans den Knaben in wildem Ausbruche des Gefühles und preßte ihn derb an seine Brust; den Gewalten der Elemente entgangen, wäre der Kleine schier von der Liebe des Vaters erdrückt worden.

Bald aber ließ der Mann das Kind wieder auf das Bettchen sinken, und sein Auge starrte, und seine Wangen erblaßten. Dort hinter der Thür, sich noch fest an einen Balken klammernd, kauerte sein Weib. Hilda war unversehrt aber -- leblos.

So hatte es der arme Hans gefunden.

Hierauf kamen die Leute des Waldes zusammen, um das Wunderbare zu sehen. Jeder gab sein Erachten ab, wie das geschehen sein mochte. Viele meinten wieder, es sei der Drache endlich losgebrochen aus seiner Höhle und habe das Unheil angerichtet. Andere glaubten, daß das Häuschen und das Kind erhalten geblieben, sei ein Mirakel von dem steinernen Marienbilde, das jetzt im Lawinenschutte begraben lag. Ein alter Hirte sagte, nach seiner Meinung sei es so geschehen: Von den hohen Mulden sei eine große Lawine niedergegangen, habe das schon lockere Felshorn mit sich fortgerissen und sei ihre gerade Straße weitergefahren. Daraus habe sich nun ein mächtiger Luftdruck entwickelt, welcher der Lawine vorausgeströmt sei und das Häuschen durch einen plötzlichen Ruck an das jenseitige Ufer gesetzt habe. Das Kind sei wahrscheinlich durch die Wände geschützt gewesen, das Weib an der offenen Thür aber durch den Luftdruck erstickt worden. Es hätte sich bei Lawinenstürzen schon mehrmals auf ähnliche Weise zugetragen; der Luftdruck bei großen Abrutschungen vermöge ja ganze Urwälder vor sich niederzuwerfen und die größten Bäume und Felsklötze über tiefe Abgründe zu schleudern.

Die Leute sagten, es werde schon so gewesen sein, und gingen auseinander.

Der arme Hans blieb bei seinem todten Weibe und bei seinem lebendigen Kinde in der Hütte. Oft ging er vor die Thür hinaus und rief nach dem Jok. Die Ziegen kamen herbei und blickten ihn mit ihren eckigen Augen an: sie wüßten auch nicht, wo der Jok sei.

Wenn dann der Knabe schlief, saß der Hans still und einsam in der Hütte. Die erblindeten Glastäfelchen an den Fenstern waren nicht zerbrochen; der Hans betrachtete die dürftigen Zeichen der Vorfahren. Kreuze und Herzen, von sonst haben auch die Alten nichts gewußt, und dieses Erbe haben sie allen Nachkommen im Felsenthale hinterlassen.

Nach zwei Tagen kamen die Leute des Waldes wieder zusammen und trugen das Weib des Holzers fort aus dem Hause unter den Wänden und hinaus durch die Felsschluchten auf den kleinen Gottesacker des Walddorfes.

Hans stieg hierauf tagelang in dem Felsenthale umher und suchte seinen Bruder.

Er fand ihn nicht. Da schloß er sich einzig und ganz an seinen Knaben. Im Waldlande, in der Nähe der Holzgeschläge, in welchen der Hans arbeitete, haben sie sich aus dicken Baumrinden eine Klause gebaut.

In dem unwirthlichen Felsenthale hatten sie nichts mehr zu suchen. Drei Jahre nach dem Naturereignisse, im Hochsommer, verschmolzen und verschwemmten die letzten Reste der niedergestürzten Schneelawine, und da fanden sich neben dem zackigen Felshorn im Schutt halb begraben die Gebeine des armen Jok. Neben ihm lag noch die Axt und ein zugespitztes Scheit, und der Block, mit dem er in den letzten Tagen vor dem Unglücke an dem Hang Pfähle in den Boden getrieben hatte. Die treue Seele hatte das drohende Unheil geahnt und wollte durch solche Schutzpfähle das Haus des Bruders noch retten. Da sind die wilden Gewalten, die keine Lieb’ erkennen, über das Bruderherz hingefahren.

Im Felsenthale wächst heute kein einzig Hälmlein mehr -- Alles Schutt und Gestein. Von dem letzten und einzigen Hause haben tosende Gießströme längst die letzten Reste davongeschwemmt, und an den Hochmulden steigen immer tiefer und tiefer die Gletscher nieder.

So sind aus diesen verlorenen Schründen die letzten Menschen verdrängt worden. Im Waldland draußen lebt heute noch der Hans als alter Mann. Er lebt still in sich und ist ergeben; nur im Frühjahre, wenn im Hochgebirge die Lawinen stürzen, hebt er an zu zittern und umfaßt seinen Sohn mit beiden Händen.

Sein Sohn, nun, das ist ein hübscher kräftiger Bursche geworden; vom frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeitet er im Walde. Aber der Hausbau im Dorfe ist heute noch nicht begonnen. In der Dürftigkeit muß auch der junge Holzer sein Leben verbringen, darf vielleicht gar sein Herzenslieb nicht freien, weil er kein Daheim hat. Wen soll er darob anklagen? Etwa die hohen Berge? Er ging einmal von ihnen fort in’s Flachland hinaus, aber die bösen, die lieben Berge, sie zogen ihn zurück und grüßten ihn wieder mit ihrer Mühsal und Gefahr.

Wenn der Bursche daran denkt, wird es ihm manchmal schier krampfig im Herzen. Aber hinschleudert er den Gram, daß er in die Tiefe fährt wie eine Schneelawine, und hell aufjauchzt der Mann, daß es im grünen Walde und in den sonnigen Hochwänden des Gebirges vielfach widerhallt.

Das Viktel.

(Eine Hofgeschichte.)

Die Hofgeschichte beginnt mit demselben Hofe, auf welchem es an diesem Sonntage so geruhsam und still ist.

Man heißt ihn den Leeshof.

Die Musik klang nicht herüber vom Breitegger-Wirthshause, denn es lagen drei Berge dazwischen. Die Musik wurde dort im Thale aufgefangen von hundert leblustigen Menschen und frischweg vertanzt und verstrampft. Kirchweih- und Erntefest zugleich -- da waren Alle dabei, um Gott zu danken in Lust und Jubel, und der Wirth goß Wein dazu.

Im Leeshofe war es das Viktel, welches haushüten mußte. Das Viktel hatte nichts gesäet und nichts geerntet, was soll es beim Tanz? Sie war erst neunzehn Jahre alt, ein Waisenkind ohne Kalbslederschuhe und ohne Liebhaber -- was soll sie beim Tanz? Oder -- sie wird doch nicht etwa so verdorben sein und einen Liebsten haben wollen, und sich von ihm Wein und was Warmes zahlen lassen, und mit ihm walzen wollen bis tiefnächtig?! Also, was soll sie beim Tanz?

Sie sitzt im leeren Hause allein in der Meierstube auf einem Betschemel, und die Sitzbank ist ihr Tisch, da bessert sie säuberlich ihre Werktagskleider aus und denkt so dabei an die vergangenen Zeiten, und draußen rieselt der Brunnen. Auf den weiten Feldern um den Hof stehen in langen Reihen hin die Garbenschöberchen des geschnittenen Kornes, weiter hin stehen zwischen grünen Gründen weißstämmige Birkenwäldchen bis an den Wockenberg, der sich breit und waldig erhebt, sich in dunkle Schluchten faltet und hoch zu Häupten eine kahle Felsenzinne trägt, welche eine große Fernsicht bietet und von vielen Touristen bestiegen wird. Heute ragt der Berg still, denn Alles, was jodeln und jauchzen kann, ist im Wirthshause zu Breitegg. Die Sonne scheint warm und hold vom nachmittägigen Himmel herab und die Vögel haben Feierabend gemacht.

Und die Viktel saß mitten in der Welt und nähte. Den falben Hanfzwirn hatte sie mit Pfannenruß gefärbt, weil die Joppe grau war, und ihre nußbraunen Augen waren feucht geworden, weil sie an traurige Sachen sann. Sie dachte an ihrer Mutter Sterben. Es war ja heute derselbige Tag wie vor einem Jahre -- dazumal ist’s der Samstag gewesen. Die betagte Magd hatte noch die Garbe herausgeschnitten aus dem wallenden Korn. Dann setzte sie sich plötzlich auf die Garbe und rief: „Viktel, geh’ geschwind ein wenig her!“ Die Tochter steckte die Sichel in das Gehalme und kam herbei. -- „Viktel,“ sagte die Magd und nahm sie hastig bei der Hand, „Viktel, Dir mag nichts an auf der Welt, Du kannst arbeiten und bist leicht zufrieden. Nur eine Gefahr stellt Dir nach. Meine Mutter hat’s oft und oft gesagt, unser armer Stammen hätt’ so viel heißes Blut -- thät’ das Leben verbrennen und oftmalen auch die ewige Seligkeit. Viktel, das Mannerleut’ Gernhaben! hüte Dich und laß Dich nicht verführen. -- Jetzt wird’s mir ganz blau vor den Augen -- -- Kind! -- wo bist denn? -- Kind!“

Da schrie das Viktel schon nach Hilfe, bis die Schnitter alle zusammenliefen -- aber der ~ewige~ Schnitter hatte den Menschenhalm geknickt....

Das Mädchen ließ jetzt die Nadel ruhen, legte die Hände gefaltet in den Schoß und betete ein Vaterunser.

Und während diese Ruhe war, verstummte draußen plötzlich das Rieseln des Brunnens. Das Viktel blickte durch’s Fenster hinaus und erschrak. Am Brunnen lehnte, mit einer Hand den Ständer umarmend, mit der andern sich auf den Rand des Troges stützend, der Graber-Schorsch und trank an dem hervorsprudelnden Quell. Das Mädchen schlich auf den Zehenspitzen rasch zur Hausthür und schob den zweiten Riegel vor und duckte sich an den Fenstern, daß sie der Mann, der draußen war, nicht bemerken konnte. Vor dem Graber-Schorsch verschlossen sich die Häuser; er betrat nur solche, deren Thüren er erbrach. An die vierzig Jahre mochte er alt sein, an die zwanzig war er im Arrest gesessen. Diebstähle und Einbrüche leugnete er nicht, denn er war zu verkommen, um darin ein Unrecht zu erkennen. Auch der Mutter des Viktel hatte er aus dem Bettstroh einst das wenige Silbergeld fortgenommen, welches sie von ihrem Vater für das Kind überkommen hatte. Er leugnete es nicht, aber er gab es nicht zurück, weil er es verspielt und vertrunken hatte, er saß es ab, und das Land bezahlte sein Sitzen und die Dienstmagd hatte nichts. Nur eines einzigen Raubmordes konnte er überwiesen werden, und den entschuldigte sein Vertheidiger mit Hunger und Noth und mangelhafter Erziehung und mit Dingen, die sich in solchen Fällen eben gar so schön sagen lassen. So ging der Graber-Schorsch seit einigen Wochen wieder frei herum und suchte Brot und Unterstand, wurde aber überall abgewiesen. Wie er zu dem respektirlichen Anzug kam, den er trug und in welchem er einem Förster ähnlich sah, wurde von den Leuten wohl besprochen, aber nicht näher untersucht. Die Haare waren heute gut geschnitten, der Backen- und Kinnbart glatt rasirt, der Schnurrbart in Hörnchen aufgedreht. Es war ein großer, sehniger Mann, die lange Rast im Arreste hatte seine Glieder behender gemacht, als sie etwa in mühevoller Arbeit geworden wären.

Als er sich in einem langen Zuge satt getrunken hatte, schien er auch etwas zu Essen haben zu wollen. Er schritt zur Thüre und rüttelte. Dann schlich er spähend um’s Haus, lugte zu den Fenstern hinein und prüfte mit Kennerauge die Vergitterungen. Das Viktel hatte sich aus Angst in den dunkelsten Winkel gekauert und sann auf allerlei Mittel, dem Hause zu entkommen und in der entfernten Nachbarschaft Hilfe zu suchen. Denn, daß die Leute vor Abend vom Tanzfeste nicht nach Hause kehren würden, das wußte sie.

Als der Graber-Schorsch das Einsteigen in’s Haus aufgegeben zu haben schien, blickte er eine Weile in die Richtung gegen Breitegg hin, wo das Wirthshaus war. Dann zog er eine große Brieftasche aus dem inneren Rocksack, durchsuchte alle Fächer, und da er sie leer fand, schleuderte er die Tasche mit einem Fluch zu Boden. Hernach setzte er sich auf eine Bank und sah das Haus an. Als er eine Weile so gesessen war und wer weiß was ausgesonnen hatte, kam des Feldweges ein Fremder heran. Ein junger, schlanker Mann, im Anzuge des Aelplers, aber mit einem zarten Angesichte, auf welchem das Gebirgswetter nicht viel zu verspüren war. Die Brauen und Wimpern der großen, blauen Augen waren so scharf, daß es gar dem Viktel, welches an einer Fensterecke herauslugte, auffallen wollte. Das Haar wucherte in halbgeschnittenen Locken unter dem Jägershute hervor und verlor sich an den Backen herab in einen zarten Flaum. Ein dunkles Schnurrbärtchen umrahmte weich die vollen, rothen Lippen, und die Hände waren so fein und weiß wie die des Herrn Kaplan zu Breitegg, nur noch kleiner. Dieser hübsche „Jägersmann“, der aber kein Gewehr bei sich hatte, sondern ein leichtes Spazierstöckchen, ging rasch auf den Graber-Schorsch zu und fragte, ob hier nicht ein Führer zu haben sei auf den Wockenberg.

Der Schorsch stand auf, musterte den Fremden mit unstetem Auge und antwortete: „O ja.“

„Wie lange Zeit braucht man von hier bis zur Höhe?“

„Drei Stunden.“

„Gut,“ sagte der Fremde, „so kann man bis Sonnenuntergang bequem oben sein, und auf dem Rückweg leuchtet der Mond. Der Führer trägt mir das Seitentäschchen hier, dann wünsche ich einen Bergstock. Ich bin nur für einen Landritt eingerichtet und für die Partie etwas unvorbereitet. Allein, da ein so schöner Abend zu werden verspricht --“

„Werden das Nöthige schon finden,“ sagte der Schorsch und streckte seine Hand nach der Tasche aus, ohne dem Fremden in’s Gesicht zu sehen.

„Wollt Ihr selbst mit mir gehen?“

„Ja,“ murmelte der Schorsch.

„Ihr seid wohl der Besitzer dieses schönen Gehöftes?“

„Geht mich nichts an. Wenn der Herr wünscht.... den Stock schneide ich im Walde.“

Die Beiden gingen weiter -- der Graber-Schorsch voran, der junge Fremde hinten d’rein.

Das Viktel stand hinter dem Fenster und zitterte. Sie hatte jedes Wort vernommen, sie hatte dem Fremden in’s Gesicht geschaut so lange, bis derselbe plötzlich seinen Blick gegen das Fenster hin wandte; am schimmernden Glase prallte dieser Blick zurück, und doch schoß er wie ein Blitz in das Herz des Mädchens, dem es heiß bis in alle Finger- und Zehenspitzen fuhr...

Eine Weile war sie wie betäubt dagestanden, dann sprang sie hin, riß die Thür auf und eilte den beiden Männern nach. Erst draußen auf freiem Stoppelfelde holte sie dieselben ein. Der Schorsch schleuderte ihr einen wilden Blick zu, aber sie griff nach der Hand des Fremden, daß dieser still stand und fast erschrocken war vor dem schönen, blondlockigen Mädchen, das so plötzlich neben ihm stand.

„Halt’ mir’s der Herr nicht für übel,“ sprach sie heftig athmend, „kennt Ihr ihn nicht?“

„Wen, mein Kind?“

„Den da!“ sie streckte ihren Finger gegen den Schorsch aus und rief: „Zu tausend Gottes Willen, Herr, mit ~dem~ geht nicht auf den Berg!“

„Du Luder, Du verdammtes!“ knirschte der Schorsch und wollte über das Mädchen herfallen.

„Halt!“ rief der Fremde und stieß ihn zurück; da fuhr der Andere wuthentbrannt in sein Kleid, im nächsten Augenblicke knallte ein Pistolenschuß und der Graber-Schorsch floh in wilden Sprüngen hin gegen das Birkengehölze. -- Als der Rauch verflogen war, stand der Fremde todtenblaß, so daß das Mädchen aufschrie: „Heiliger Gott, hat er Euch was gethan?“

Er war heil, aber ihr war der Aermel zerrissen und sie blutete am Arm. Als der Fremde das sah, riß er sein Halstuch los, um die Wunde zu verbinden.

„Na freilich, als ob’s was wäre!“ rief das Mädchen, „laßt’s ein wenig bluten, ist gut für das Kopfweh. -- Aber so ein Lump da! Ja, gleichschauen thut’s ihm -- der hat schon Leut’ umbracht! Schaut, da ist eine Brieftasche, die hat er früher weggeworfen. Ich will was Schlechtes heißen, wenn das nicht ein Blutflecken ist da d’rauf!“

Selbstverständlich, die Partie auf den Wockenberg war aufgegeben. Der Fremde kehrte mit dem Mädchen zum Hofe zurück, dort setzte er sich an den Kopf des Brunnentroges und mußte trotz ihres Sträubens die Wunde sehen, und legte ein schneeweißes Taschentuch darüber, daß kein Tröpfchen mehr hervorfloß. Hierauf stellte er allerlei Fragen an das Viktel, das mit jeder Antwort verlegener wurde, bis es endlich tief zu Boden sah und schwieg.

Und als es so war, zog der Fremde ein Ringlein vom Finger, steckte es an ihre zitternde Hand und sagte: „Wir sehen uns heute nicht das letzte Mal. Einstweilen trage dieses Kleinod als Andenken an den Mann, dem Du aller Wahrscheinlichkeit nach das Leben gerettet hast. Ich habe heute sonst nichts, um es Dir zu lohnen, mein schönes Kind. Gott mit Dir!“

Rasch ging er davon, schritt zum Thale, bestieg sein Pferd und ritt fürbaß.

Die Leute kamen heim vom Tanze, waren schläfrig, suchten das Bett und begannen am andern Tag die Woche wie immer. Auch das Viktel arbeitete wieder auf dem Felde und war die Emsigste und war die Stillste. Zur großen Verwunderung des Hofes kam ein Arzt aus dem Bezirksstädtchen angefahren, der sich nach dem verwundeten Mädchen erkundigte und sich überzeugte, daß der Arm des Viktel fast heil war. Hingegen trug sie den Herzfinger der linken Hand in einer Binde.

Was ihr daran geschehen sei? fragte sie eine Genossin.

„In die Sichel hab ich närrischer Weise gegriffen,“ antwortete das Mädchen, „ist aber nichts.“

Da streifte sich beim Garbenbinden zufällig einmal die Hülle vom Finger und die Genossin sah daran keine Wunde, sondern ein goldenes Ringlein mit einem funkelnden Steine. So mußte es die Viktel nun wohl gestehen, daß ihr jener fremde Mann, welchen sie dem Schorsch abgejagt hatte, einen Ring an den Finger gesteckt, den sie nicht mehr herabbringe. Aber sie gestand nicht, daß sie fort und fort an den Fremden denken mußte. So gut und so lieb hatte noch kein Mensch mit ihr geredet, als dieser Mann. Er hatte mit einer so wunderlich weichen Stimme ihren Namen ausgesprochen und kein Mensch auf der Welt hat solche Augen wie er; seitdem sie in dieselben hineingesehen, kamen ihr alle anderen Augen vor wie von trübem Glase. Sie hatte keine ruhige Nacht; so lange sie wach war, dachte sie nur an ihn, und als sie schlief, sah sie ihn. Sie sah es, wie er von dem Graber-Schorsch den Wockenberg hinangeführt, beraubt und in den Abgrund gestürzt wurde; bei seinem Sturze zuckte sie auf und erwachte. Dann wieder legte er seinen Arm um ihre Gestalt und sie fühlte, wie er den Ring an ihren Finger schob.

Ein Knecht war im Hofe, der flüsterte dem Mädchen einmal zu, er habe gehört, sie bringe den fremden Ring nicht vom Finger. Er wolle ihr ihn herabziehen. Sie fragte scharf, was ihn ihr Ring kümmere?

„Ah, nichts,“ war die Antwort.

„So gehe weiter!“

Er war abgewiesen.

Da kam eines Tages an die Viktoria Zimmermann eine Zuschrift. In gar seltsam höflicher Weise, wie man etwa zu einer vornehmen Frau sprechen mag, wurde sie eingeladen, in die Residenz zu reisen und in der Schloßstraße Nummer Eins vorzusprechen und ihren Namen zu nennen. Reisegeld lag dabei, welches fünfmal so viel ausmachte, als was eine Hin- und Rückfahrt kosten konnte.

„Viktel, Viktel!“ sagten die Leute, „da steckt was dahinter. Du machst Dein Glück. Es wird vom fremden Mann sein, ganz gewiß. Das war kein gemeiner Mensch, der Ring ist vom feinsten Gold und hat einen Karfunkel, der auch in der finstern Nacht, wenn Du die Hand unter der Decke hast, glänzen muß wie ein Stern. -- Wann fährst denn schon in die Stadt?“

„Wer hat gesagt, daß ich fahre?“ antwortete sie. „Will wer mit mir reden, so hat er nicht weiter zu mir, als wie ich zu ihm. Ich geh’ Keinem nach; mir brennt das Geld in der Hand; thät’ ich nur seinen Namen wissen, daß ich es kunnt zurückschicken.“

„Hast schon recht, Viktel,“ sagte der Leeshofer, „hast ganz Recht, wie Du denkst. Der Mensch muß sich selber werth machen.“

Und sie ging nicht. Um so größer aber war in ihr die Unruhe; und es war, als ob jeder Tropfen Blut in ihr immer wieder dem linken Herzfinger zurieselte und am Ringlein neu erglüht zurücksprang.