Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 16
Nun holte sie ihren Wachsstock aus dem Kasten hervor, und als sie die Leiche mit einem Linnen überdeckt hatte, zündete sie den Wachsstock an und stellte das kleine Crucifix dazu, das sonst auf dem Hausaltar stand. Dann that sie ihre Arbeiten, wie sonst jeden Tag, und dachte fortwährend an den Abend, wenn er kommen und es sehen werde.
Draußen ging ein kalter Wind und fegte an den Schneemassen und wehte ihn in alle Fugen und an die Fenster, daß es ganz dunkel wurde im Häuschen und das Wachslicht einen gar eigenen Schein an die Wand warf.
Die Kinder fürchteten sich und gingen zur Mutter in die kleine Küche. Dort kauerte sie am Herdfeuer und betete, und die lustig flackernde Flamme heimelte sie an und erleichterte ihr Herz.
So erwartete sie den Abend. Er kam, aber -- Mirtl kam nicht. -- Lange war die Stunde schon vorüber, um welche er sonst an die Thür klopfte, sein Weib und sein Mütterlein begrüßte und die Kleinen an den Schnurrbart drückte. Heute war diese Stunde schon längst vorüber. Er konnte ja nicht kommen, es war unmöglich; der Schnee lag klaftertief und vom Schlag bis zur Hütte hatte man im Sommer gute drei Stunden.
Vielleicht hatte er’s versucht, und er ist weiter gewatet und weiter, bis er immer mehr einsank, ermüdet ein wenig ausruhen wollte und einschlief und -- verweht wurde. -- --
Sie todt, und begraben mit ihr im Schnee, getrennt von ~ihm~ und von aller Hilfe und von allem menschlichen Trost!
Solche Gedanken folterten das arme Weibesherz. Waberl stürzte zum Fenster, riß es auf, als wollte sie zu Hilfe rufen die Bäume, den ganzen Wald und Erde und Himmel! Dann schwankte sie wieder zur Herdlehne und zog die Kinder an die stürmende Brust, als seien sie nunmehr ihr Einziges und Allereinzigstes, an dem sie Gattentreue und Mutterverehrung, in unendlicher Kindesliebe vereinigt, zu verschwenden habe! --
Die Herdflamme war ausgegangen. Sie sah es nicht, sie hielt die Kinder in den Armen und barg ihr Gesicht in die jungen Locken. -- Da klopfte es an der Thür.
Waberl sprang auf: „Da ist er, Gott sei Lob und Dank!“
Sie zündete einen Span an und ging zu öffnen. Die Thüre wollte nicht aus den Riegeln; von außen drückte eine zu große Schneelast an dieselbe. Jetzt wich sie: „Endlich bist Du da, Mirtl, grüß Dich zu tausendmal Gott!“ jubelte sie dem Eintretenden klagend entgegen. Dann stieß sie einen Schrei aus und der Span entfiel ihrer zitternden Hand.
Es war nicht Mirtl; es war ein fremder Mann.
Dieser sagte: „Beruhigt Euch, gute Frau; ich bitt’ Euch nur um ein Lager für diese gräßliche Nacht.“
„Ja, bleibt, aber mein Mann, -- kommt er auch? Habt ihn nit gesehen; wißt nichts von ihm? Ich bitt’ Euch!“ jammerte Waberl.
„Ich kenn’ ihn nicht.“
„Ihr kennt ihn nit, meinen Mann, den Holzknecht Mirtl; ja, seid Ihr nit vom Dorf herein?“
„Mirtl! der Holzknecht Mirtl ist Euer Mann?“
„Nit wahr, ’s hat ihn nit verschneit! -- oder hat’s ihn? sagt es nur gleich heraus, ich ertrag’ es schon -- ich ertrag’ Alles! -- Alles!“
Die Kinder weinten. Der Fremde suchte das aufgeregte Weib zu beruhigen und sagte, daß Mirtl nicht todt sei, daß er kommen werde, er habe ihn gesehen, auch gesprochen -- im Schloß -- im Dorf draußen, aber heute könne er nicht mehr kommen, heute nicht mehr. Grüßen ließ’ er sie. -- Dabei war der Mann selbst aufgeregt und schüttelte mißmuthig den Schnee von den Kleidern, lehnte den Stock und ein Gewehr an die Wand und warf den Hut mit seinem hohen Federbusch auf die Bank, die ihm das nun etwas beruhigte Weib zum Niedersitzen hinstellte.
Der Fremde war ein großer, schöner Mann in eleganter Jagdkleidung und mit langem Knebelbart, an dem noch Eis hing. Die Kleinen fürchteten sich vor ihm, bis er jedem ein freundliches Wort gab.
Waberl stand am Herd und blies die Glut an. „Mögt Ihr doch eine Suppe?“
„Dank Euch; hab ein bischen Schnaps bei mir. Aber das ist Euch eine verdammte Geschichte, hab’s noch nicht erlebt so. Soll der Teufel alle Jägerei holen! -- ’s war aber nicht so arg heut’ Morgens, und neuer Schnee, sagt man, ist des Hasen Weh’; ’s ging auch ganz vortrefflich bis in den Mittag hinein -- schieß’ sogar ein Thier. Verlier’ ich Euch mein Gefolge und finde in diesem Höllengestöber die Spur von keinem Teufel. Meint Ihr, der Hund käm’ mir nach, oder ich hört’ wenigstens ’nen Schuß? -- Nein. Ich geb’ Nothschüsse und verpuff mein Pulver bis auf den letzten Kern. Umsonst! Als ob sie alle die Erd’ verschlungen hätt’, die Sakramenter. Gab Euch ein gut Stück Arbeit, bis ich da vom Kamm ’rab komm! Ist doch der Schnee bald mannstief! Fall ein Dutzendmal bis unter die Arme ein und wie’s nun gar finster wird -- mein’ schon, ’s ist aus mit mir -- seh’ ich zum Glück das Licht Eurer Hütte. -- Wie weit rechnet Ihr bis da zur Schlucht ’nein, Frau?“
„Mein Gott, hat unsere alte Mutter nit mehr braucht, als eine kleine Viertelstund. --“
„Und ich wat’ Euch gute zwei Stunden da ’raus. Sakra! Ich spür’ ja gar keinen Finger und keine Zehe mehr!“
„Zieht Euere Schuh aus und setzt Euch auf den Herd da -- ich bring Euch Schnee herein, der zieht die Gefrür aus -- so! Aber zieht doch den Rock aus, er ist ja pritschlnaß. ich geb’ Euch eine Joppen von mein’ Mann. -- Mich deucht, wann der Mirtl doch nur auch da wär!“
„Kommt morgen! Ein paar Schneereif’, Frau, sind gewiß im Haus? sonst könnt ich kaum fort; es werden aber schon meine Leut’ kommen.“
So wurde geholfen und gesprochen und berathen. Hernach aßen die Drei ihre Suppe und beteten laut ihr Tisch- und Abendgebet. Dem Fremden kam das recht eigen vor, und wie die Kleinen so unschuldig aufblickten und noch ein Vaterunser für die Großmutter, die gestorben, und für den Vater, der nicht gekommen sei, beteten, bekam’s ihn wie ein Zittern im ganzen Leib, und als müsse er fort, in der Nacht noch, augenblicklich, und befehlen und erlösen. --
Nach dem Gebet fragte Waberl den Fremden, ob er gleich schlafen zu gehen wünsche, sie trage ihm Stroh in die Küche; oder ob er mit in die Stube gehen wolle, sie und die Kinder würden heute durch die Nacht aufbleiben, weil sie einen Todten hätten.
Das war eine neue Ueberraschung für den Mann und er wollte den Todten sehen.
Der Mann stand, fern von seinen Prachtgemächern und seinem Ueberfluß, in der Wildniß, mitten in einer Hütte voll Armuth und Noth und Grauen, und starrte in das stumme Todtenantlitz der Greisin und in die abgehärmten Züge seiner Wirthin und in die frommen Engelsgesichtchen der beiden Kinder.
Es war ein tiefes Schweigen, ein allgewaltiger Augenblick -- der Mann sank wie gebrochen auf einen Stuhl und verdeckte mit den Händen seine Augen, daß er nichts, gar nichts mehr sehe.
Aber draußen um die Hütte herrschte ein fürchterlicher Sturm, ähnlich dem in seinem Herzen. Das Rauschen der Tannen, das Tosen an den Pfählen und Wänden der schutzlosen Hütte drang schauerlich an ein ungewohntes Ohr.
Aber Waberl hörte von all’ dem nichts. „Gelt, guter Herr,“ sagte sie, als sie die Erregung des Fremden gemerkt hatte, „gelt? Mein lieber Gott, er hat sie noch so gesund und wohlauf verlassen und im Fortgehen noch gesagt: Werdet mir nit älter derweil, Mutterl, und bleibt alleweil lustig! -- Und jetzt ist ’s so. Nein, der wird aber hausen (sich grämen)!“
Hansl war auf dem Stuhl eingeschlafen und Waberl brachte die Kinder in’s Bett.
Der Fremde kauerte im Winkel hinter dem Ofen und horchte dem nächtlichen Sturm. Die Fenster waren verweht und verfroren. Waberl bat den Mann, daß er schlafen gehe und nicht etwa auch noch krank werde, er sehe so unwohl aus. Aber der Fremde sagte, daß er doch nicht schlafen könne.
Nach Mitternacht ließ der Sturm nach und man hörte ihn nur mehr von der Ferne wie ein dumpfes Nachdonnern nach einem Gewitter.
Dem Manne waren endlich die Augen zugefallen; aber Waberl saß bei der Leiche und betete. Die Lider waren ihr schwer -- sie verlor sich und träumte unzusammenhängende Bilder aus heiteren Zeiten. Da hörte sie aus Fernem gleichmäßige Schritte, die immer näher und näher kamen. Waberl fuhr plötzlich auf. Sie hörte nichts sonst, als das Ticken der Uhr.
Das Weib schaute auf die schlummernden Kleinen und drückte auf die Wangen einen Kuß, in welchem alle Freude und aller Schmerz des Mutterherzens aufgelöst waren.
Der Fremde mußte schwere Träume haben, er war sehr unruhig und seufzte. Waberl war besorgt um ihn und dachte bei sich, wie es doch gut sei, daß er gekommen. Er war ihr ein Trost in diesen Schrecknissen, die sie allein wohl kaum zu ertragen vermeint. War es wer immer, er werde das ja endlich wohl sagen, er sei nun Hausfreund und müsse helfen, helfen, bis Mirtl da und Alles wieder besser wäre.
Es mußten dicke Wolken am Himmel hangen, es wollte in solchem Wetter nicht recht Tag werden.
Der fremde Mann erwachte auf seiner Bank, rieb sich die Augen und entsann sich seiner Lage. „Will denn diese gottverdammte Nacht kein Ende nehmen?“ murmelte er aufspringend und auf seine Uhr sehend. Sie mußte von der Nässe gelitten haben und stand. Die Wanduhr zeigte im düsteren Schimmer des Wachslichtes die achte Morgenstunde.
Waberl, die an der Wand herum gegangen war und die Fenster geprüft hatte, rang sprachlos die Hände.
„Was habt Ihr denn schon wieder?“ fuhr sie der Fremde an, „ob’s nicht licht wird in diesem Loch, frag’ ich Euch!“
Da wankte das trostlose Weib auf ihn zu: „Flucht nit, wir sind verschneit und verweht.“
„Verschneit? Was habt Ihr da gesagt! Verschneit und verweht?“
Er rannte wie wahnsinnig zu den Fenstern. Verschneit und verweht! Abgeschlossen von aller Menschenhilfe, gehüllt in ewige Nacht -- lebendig begraben, -- verhungernd -- zerschmettert, wenn das Dach seiner unberechenbaren Last weicht und einstürzt. Verschneit und verweht! --
Und es blieb Nacht in der Hütte.
Der Fremde hatte sich ausgetobt. Jetzt saß er am kleinen Tisch und starrte sprachlos in die Flamme des Kienspans. Waberl mußte ihn trösten. Sie sagte, daß man durch den Rauchfang Tag schimmern sehe, und daß Mirtl schon kommen werde, um sie Alle zu erretten.
Da lachte der Mann auf. Es war fürchterlich, wie er auflachte und das Weib und die Kinder erschreckte. „Heute noch nicht,“ murmelte er dann.
Nun machten sie Versuche, ob denn nirgends ein Ausweg. Sie öffneten die Thür; eine Schneemasse stürzte in das Haus, aber es blieb dunkel über derselben. Sie mußten tief liegen. -- Durch den engen Rauchfang hinauszukommen, war unmöglich. Alles Rathen und Anstrengen vergebens.
Die Kinder hatten zuerst ihren Spaß, daß es heute finster bleibe; sie löschten in der Küche den Span aus und spielten „blinde Kuh“. Als aber die Mutter sagte, daß sie beten sollten zum lieben Gott um Hilfe und Errettung, sonst müßten sie Alle mitsammen sterben, da wurden sie denn doch ein wenig traurig.
Waberl war ein starkes Weib und hatte sich Fassung errungen. Sie ordnete Alles neu an und dachte nach, wie es jetzt werden müsse. Lebensmittel waren im Hause, sie müsse nur sehr sparsam damit umgehen. Die Ziegen geben ja täglich Milch, und wenn’s darauf ankäme, auf ein paar Wochen Fleisch. Brennholz lag im Vorhaus, und wenn dieses verbraucht, wolle sie die Wand zwischen Stall und Futterkammer angreifen. Und endlich müsse doch ihr Mann und Hilfe vom Dorfe kommen.
Vor allem beschloß Waberl, die Leiche der Großmutter mit Hilfe des Fremden auf den kühlen Vorboden zu schaffen.
Nach alldem schmeckte bei Tisch die Erdäpfelsuppe recht gut, aber der Fremde aß nichts, sondern versuchte nur einmal aus seiner Pfeife, welche reich und zierlich beschlagen war, zu rauchen. Dabei hing er seinen Gedanken nach. -- Wird er wohl kommen? Nein, vor drei Tagen gewiß nicht. O Hohn des Schicksals! Das ist zu viel! Laß’ mich doch nicht so elendiglich verderben. -- Wird man mich nicht suchen? Hunderte werden es, aber sie werden mich in diesem Schneegrabe nicht finden.
Den andern Tag war der Fremde endlich heiter und spielte mit den Kindern und sagte, sie sollen ihn den Vetter Franz nennen; zu Hansl sagte er besonders, er werde noch sein Firmpathe werden. Waberl versicherte er, daß Mirtl in einigen Tagen ganz gewiß kommen werde und sie möge in der Weile nur auf das Feuer Acht geben und wohl nachsehen, daß das Wachslicht am Vorboden nicht Schaden thue.
Der Mann aß nun auch, wenngleich wenig, von der Milchsuppe und den Kartoffeln und trank zu Durst mit den Anderen Wasser von aufgelöstem Schnee. Dabei lächelte er wehmüthig und sagte, die Kinder streichelnd, sie würden mitsammen schon noch einmal was Anderes bekommen. Fluchen hörte man ihn nicht mehr.
So ging wieder ein Tag dahin und die Bewohner der Hütte gewannen den „Vetter Franz“ recht lieb. Er wußte Geschichten zu erzählen und wie es draußen in der Welt und bei den reichen Menschen zugehe. Er zeigte ihnen seine Sackuhr und sagte, daß das, woraus das Gehäuse gemacht, Gold wäre. Sein Gewehr mußte er ihnen auch zeigen und erklären, und er fragte, ob denn der Vater keines habe. Die Kinder sagten Nein, aber Waberl erzählte, daß Mirtl wohl einmal eines gehabt habe, als noch Wölfe im Gebirge waren und böse Leute in der Gegend herumstrichen. Da sei aber der herrschaftliche Förster gekommen und der habe es mit fortgetragen, weil Unsereins, der mit der Jagd nichts zu thun, kein Gewehr haben dürfe. Zwar aufrichtig: Der Mirtl hätte wohl noch eins.
„Es giebt ja eine solche Unmasse von Wild in diesen Bergen herum; Euer Mann wird doch die Gelegenheit so dann und wann benützen?“ fragte der „Vetter“.
„Zu brauchen hätten wir schon was,“ meinte das Weib.
Der Fremde sah dem Span zu, dessen Kohle sich so merkwürdig ringelte. Hansl war noch im Anschauen und Untersuchen der Uhr begriffen und fragte, „ob’s denn mehr solche Sachen in der Welt gäbe?“
„Bei allen reichen Leuten, mein Kind,“ gab der Mann lächelnd über diese junge Einfalt zur Antwort.
„Ei, so sag’ mir einmal, Vetter Franz, wie wird man denn ein reicher Mann?“
Was sollte der Fremde wohl darauf antworten? Aber Julerl that’s für ihn. „Ein reicher Mann, Hansl?“ meinte sie, „wenn man ein Schloß nimmt und braucht die Leut’ zum Roboten.“
Der „Vetter“ war ernst und nahm die Kinder auf seinen Schoß. Er küßte sie und that im Herzen ein heiliges Gelöbniß.
Seitdem es Nacht in der Hütte war, hatte der Zeiger der Wanduhr zehnmal seine Runde gemacht. Das Stückchen Himmel, das durch den Rauchfang hereinlugte, war trüb, so trüb wie die Gemüther der Hüttenbewohner, deren letzte Hoffnung im Erlöschen war. Aber sie waren ruhig und ergeben. Nur der „Vetter“ war wieder einmal wie rasend, er müsse fort, er ~könne~ hier nicht umkommen.
Und am sechsten Tag, als der Himmel blau durch den Rauchfang blickte, wurde es anders.
Waberl hatte es zuerst gehört und athemlos in der Stube verkündet. Dann waren sie Alle in’s Vorhaus gelaufen und hatten es wieder gehört. Dann wurde der Schnee vor der offenen Thür, der früher schwarz war wie die Wand, grau und licht und lebendig, eine Gestalt brach aus demselben hervor und im rosigen Tag stand ~Er~ da und fiel seinem Weibe um den Hals. -- --
Es war ein freudiges Tagen! -- bis Mirtl’s Blick bang umher zu irren begann. -- Oben im Vorboden lag sie und vom Wachsstock brannte das letzte Stümpfchen. -- Todt schon seit acht Tagen.
Der Holzknecht kniete an der Bahre und hielt die harte, kalte Hand fest umfaßt und starrte lange in das weiße Antlitz: „Mutterl! Das Wildpret war Euch vermeint gewesen, das ich in voriger Woche geschossen; hab’ Euch so lieb gehabt, und jetzt seid’s mir gestorben!“
Und wie der holde Tag durch die Thür strahlte und das harte Weh im Herzen sich aufgelöst hatte in Thränen, gedachte Waberl auch des Fremden. Der stand im Winkel hinter dem Herd. Als ihn der Mirtl sah und wieder ansah und sich die Augen rieb, hat sich das ereignet, was im Schlosse draußen noch heute durch ein großes Gemälde dargestellt wird.
Im Gemälde kniet der reiche und hochedle Baron Franz von Scharfenthal vor einem braunen, bärtigen Holzknecht und umfaßt dessen Kniee und blickt flehend auf in’s rauhe, treue Gesicht.
So hat es der Künstler dargestellt.
Auf der Rückseite des Gemäldes ist ein Fach und in demselben liegt die Urkunde. Sie lautet:
„Im Jahre des Heiles 1846, als der strenge Winter war, hat sich der Freiherr Franz von Scharfenthal auf der Jagd verirrt und sechs Tage und sechs Nächte in einer Holzknechthütte des Hochgebirges bei einer armen Familie, mit welcher er förmlich eingeschneit wurde, zugebracht. Er wäre alldort Todes gestorben, wenn nicht noch zu rechter Zeit der Vater der Familie und Besitzer der Hütte, vulgo Holzknecht-Mirtl, den der Baron einige Tage früher, als dies geschehen, ~wegen einer kleinen Wilderei auf zehn Tage einsperren ließ~, von seiner Haft frei geworden wäre und mit anderen Gebirgsleuten die Bewohner der Hütte gerettet hätte.“
So hatte es der Baron aufschreiben lassen und das ist die Geschichte von dem Holzknechthaus. --
Draußen im schönen Thal, wo auf einem Hügel das prächtige Schloß steht, liegt heute zwischen wohlbearbeiteten und fruchtbaren Feldern ein stattlicher Bauernhof, und Knechte und Mägde schaffen in und um denselben. Der Bauer trägt einen tüchtigen Schnurrbart und arbeitet wacker mit, obwohl er’s nicht Noth hätte. Wenn er Abends heimkommt, halst er sein Weib und sagt: „Waberl, Du Herztausendschatz, grüß Dich Gott!“
Den Bauernhof hat der Baron dem Mirtl gekauft, und dieser braucht keine Robot mehr zu entrichten. Julerl, die Tochter hat einen Gutsbesitzer geheiratet und Hans ist Oberförster.
Für den Hof daheim sind schon noch Jüngere.
Der Baron hat viele graue Haare. Man sagt, er habe die ersten vom Holzknechthaus mitgebracht. Er ist auch sonst seit jenem Ereignisse anders geworden. Wenn er irgendwo eine arme Familie weiß, so hilft er und erkundigt sich, wie tief um ihre Hütte im Winter der Schnee liege. Und wenn er am Sonntagmorgen bei den Seinen auf dem Söller steht und den Mirtl und seine Gattin und Kinder festlich gekleidet mit den zwei Hengsten thaleinwärts fahren sieht, so grüßt er sie schon von weitem.
Wo fahren sie hin?
D’rin im Gebirg ist ein Dorf und eine Kirche und ein kleiner Gottesacker dabei, dort halten sie und pflanzen Blumen auf ein Grab und geben einem alten mühseligen Weiblein Geld, damit es dieselben ferner pflege. Dann setzt sich Mirtl mit den Seinen wieder auf das Gefährte und läßt’s weiter gehen -- tiefer hinein in das Hochgebirge. Der Weg ist holperig und neben demselben rauscht und schäumt der Waldbach. Endlich kommen sie in ein enges Thal, wo das Wasser ruhig durch eine kleine Wiese läuft und zwischen den Tannen ein Stück graues Gemäuer steht.
Auf dem Gemäuer wächst wunderschöner blauer Enzian und anderes medicinisches Kraut. Davon pflückt sich der Mirtl ab und nimmt mit in’s große Thal hinaus. Es soll gut sein. Auch der Baron Franz von Scharfenthal braucht davon. Er kennt nunmehr in seinen alten Tagen kein heilsameres Kraut, als diesen blauen Enzian von der Stätte des Holzknechthauses.
Das Reich Gottes.
Dort auf dem Hochpaß, wo der Waldweg vom freien, sonnigen Hügelland hinüber und abwärts in schattige Schluchten des Hochlandes führt, steht unter einer grauen, zerklüfteten Felswand ein hundertjähriger Lärchbaum.
Er steht einzeln auf einer kleinen umwaldeten Rasenweide. Sein knorriges Geäste strebt nach allen Seiten weit hinaus, als sei es in Wettstreit mit den sich unter dem Rasen hinschlängelnden hundertfältigen Wurzeln.
An der rauhen, vielfach zerklüfteten, harzigen Rinde des Stammes ist ein verwittertes Crucifix angebracht; es wächst schon Moos an den Armen und an der Brust des Gekreuzigten.
Auf dieses Crucifix richten sich die Augen eines Mannes, der im Baumschatten auf dem Rücken liegt, die rechte Hand als Kopfkissen gelegt, mit der linken einen Rosmarinstamm zerknitternd. Die Augen des Mannes sind groß und dunkel, auf seinen bleichen Wangen und Lippen liegt es wie ein schweres Leid. Der junge, schwarze Bart ist ungepflegt -- über die langen Haare kriecht eine Kreuzspinne.
Der Mann gewahrt es, er hält den Rosmarinstamm gegen die Stirne und das Thier kriecht über denselben auf seine linke Hand. Diese zittert, es entfällt ihr die Pflanze. Das Thier krabbelt gegen den Elbogen und endlich auf die Brust.
„Ein großes Glück kommt zu mir, denn eine Kreuzspinne sitzt mir am Herzen!“ murmelt der Mann und seine Brust wogt hoch auf.
Aber die Spinne krabbelte darüber hinaus und verkroch sich wieder im Grase.
Der Mann richtete sich etwas empor, strich sich die Locken aus der Stirne und that einen Blick gegen die Himmelsbläue und abwärts gegen das heitere Hügelland, wie es da lag im lichten Spätherbsttag.
Dort über die bewaldeten Anhöhen herauf und über die Felder und die Wiesenau war er gegangen. Hinter jenem bläulichen Waldstrich ragt eine funkelnde Nadel empor -- die Thurmspitze des Städtchens.
Dort war der Wurzelgraber ~Martin~ heute gewesen, dort hatte er seine Wurzeln und Kräuter verkauft und einen guten Erlös eingezogen. Dort war heute Kirchweih und auf dem Kirchhof waren am Vormittag viele Menschen versammelt, an der Mauer des Pfarrhofes hatte ein junger Priester gepredigt. Er predigte von dem Frieden und von der Liebe -- von dem Reiche Gottes auf Erden. Und dort im Städtchen war Lust und Musik an allen Ecken und Enden und beim „goldenen Rößl“ hatte Martin die Nothburga zum Tanze geführt, und dort hatten sie heute den Wegmacher Niklas erschlagen.
Niklas ging gestern mit Martin über das Gebirge, auf daß er heute im lustigen Städtchen seinen zwanzigsten Geburtstag feiere; -- jetzt liegt er starr und einsam beim Wirth in der Scheune und hat über der Stirne eine lange Wunde. Vom Tanzboden klingen Pfeifen und Geigen und Jauchzer und Jodler herüber, dort winden und flechten sich die Reigen, Herzen an Herzen -- sie leben und sind fröhlich.
Es möge klingen und schallen und freudig sein -- der junge Priester predigte vom Reiche Gottes auf Erden. --
All’ das ist für den Mann unter dem Lärchbaume nun vorbei und versunken, nur die funkelnde Nadel der Thurmspitze ragt noch empor über dem fernen, bläulichen Wald.
Niklas war Martin’s Freund und Nothburga’s Bruder; Nothburga war Martin’s -- Freud und Leid.
Die Sonne sank hinter die Felsen, auf der Hochweide war es schattig, nur draußen auf dem Hügellande war es noch goldig und auf den weißen Straßen zogen Wagen und festlich geschmückte Menschen. Ueber einzelnen Gehöften wehten Fahnen des abendlichen Rauches und die Thurmspitze funkelte und funkelte, als wäre sie ein lebendiges Flämmlein, und weit draußen hinter all dem zog sich das bläulichgraue Band der Hochebene hin.
Viel Leben wogte und athmete da unten, aber kein Ton und kein Schall drang herauf zum einsamen Hochpaß. Nur ein gezogenes, gleichmäßiges Ticken zitterte in der Luft, das kam von der hölzernen Uhr der Waldkapelle, welche in der nahen, von jungem Dickicht bedeckten Schlucht stand. Die Uhr hatte vor zehn Jahren Martin’s Vater, der alte Veit, geschnitzt; es war sein letztes Werk.
Das erzähle ich, weil Martin wohl daran gedacht hatte, als er so da lag unter dem Lärchbaum und sein trübes Auge zum Kreuzbild wendete.
Jetzt erhob er sich, griff nach seinem grünen Filzhut und dann machte er einige rasche Bewegungen mit den Händen, daß er die Trägheit abschüttle.
Martin war ein schöner junger Mann in Alpentracht. Aber -- wie die Natur schon oft spielt -- er war ein Anderer als Andere. Es lag eine besondere Kraft in ihm -- in seiner Seele. Er fühlte diese Kraft, aber er wußte nicht, wie sie in ihm entstanden war und was sie wollte. „Aus mir wär’ was geworden, wenn mich mein Vater in die Schul’ geschickt hätt’!“ Das sagte er oft und mit Bitterkeit. So wie er heute dalag unter dem Baum, so lag er oft, und da hatte er schwere tiefe Gedanken, wie sie sonst der Alpensohn nicht hat; er suchte nach der Kraft, die irgendwo in seiner Seele lag, wie nach einem Schatz, und er wollte sie heben. Sie lag drückend auf ihm, er rang mit ihr, aber er konnte sie nicht fassen, nicht lenken und leiten. -- Dann hielt er oft seine beiden Hände lange vor die Stirne und rief aus: „Ich werde noch wahnsinnig!“