Das Buch der Novellen. Erster Band
Part 15
Das ehemalige Schuhmacherhäuslein auf der Sterzen mit den dazu gehörigen Grundstücken heißt jetzt das Ehrengut, nach dem Namen des Besitzers Melchior Ehrlich. ’s geht fröhlich drin zu; ein kleiner Melchi und ein kleines Tonerle purzeln auf dem Boden herum und schlagen johlend die Beinchen in die Luft und streiten wohl auch zuweilen mit Händen und Füßen um des Vaters bunte Zipfelmütze. Das Lebkuchenherz und das föhrenrindene Rothkröpfchen möchten sie auch wohl gern haben; aber diese Dinge hängen hoch oben im Winkel des Hausaltars, und die Mutter sagt: „Kinder, das kriegt Ihr erst, wenn Ihr groß seid!“
Die Toni weiß das Geld, welches ihr der Mann stets redlich in’s Haus schickt, prächtig zu handhaben und damit für die Familie allerhand Gutes und Liebes zu stiften. Da kommt der Melchior wohl auch zur Ueberzeugung, das Geld kann nur auf zweierlei Weise Unheil stiften: erstens, wenn es in die Hand des Boshaften und des Leichtfertigen geräth, zweitens -- wenn es der Brave nicht hat.
Eines Tages -- ’s ist noch nicht lange her -- hat der Melchior eine sehr überraschende Nachricht aus der Hauptstadt erhalten. Der Sohn des Hochweidbauers, den er einst auf dem Hofe kennen gelernt hatte, theilt ihm mit, daß die Strafzeit des vormaligen Forstadjuncten Kilian Ehrlich zu Ende gehe und daß beschlossen worden sei, den talentvollen Mann in „des Kaisers Geldwerkstätte“ aufzunehmen.
„Juchhe!“ jauchzt der Melchior, „jetzt ist’s gut. Mein Bruder selber macht echte Banknoten. Her damit, ich kann sie brauchen!“
Das Holzknechthaus.
Wahrhaftig, wenn um die Hütte nicht einzelne, gelbe geringelte Ahornblätter herumgelegen wären, man hätte gemeint, es sei ein Juni-Abend.
Dieser Flechten- und Moosteppich, der sich über Erde und Gestein hinzog und sich an alle Glieder des Waldes schmiegte, mußte von den fleißigen Rosenfingern des Mai gewoben sein. Die hohen Fichten und Tannen hatten noch keine einzige ihrer Millionen Schmucknadeln, die sie vom Frühling erhalten, weggeworfen; sie standen gar stolz da in ihren dunkelgrünen Mänteln, jede hatte eine Krone auf, und sie standen so nahe beisammen, daß sie ihre Arme in einander verschlingen konnten. Selbst die kahlen Stämme hatten bis zu den ersten Aesten hinauf ihren Schmuck; ihre grauen und braunen Rinden waren so nett und verschiedenartig gezeichnet und geschnitzt, daß man meinte, die ganze Weltgeschichte sei in Holzschnitt da. Die kleine Wiese zwischen den hohen Bäumen, die rechts am Bache liegt und bis zur Hütte herausgeht, wollte auch noch Gutes thun; sie trieb mehr des jungen Grases, als die zwei weidenden Ziegen verzehren konnten, und am Rande des Wassers hatte sie einen zierlichen Wald von Farrnkräutern. Wie war denn dem kleinen Acker jenseits am Rain, den der Mirtl (Martin) durch Axt und Brand der Wildniß abgerungen, bis er, sorglich gepflegt, statt wilden Gesträuches volle Garben gab? Ihm war, als habe er noch zu wenig gespendet, und er trieb neue Keime.
Es war, wie an einem Juni-Abend, nur viel stiller und feierlicher; man konnte es weithin hören, wenn ein Ast seufzte. -- Ein alter Ahorn stand auch im Gebirgsthal, aber der hielt sich hinter den drei Tannen, welche die Hütte, Mirtl’s Daheim, beschützten, verborgen, weil er keine grünen Blätter mehr hatte; diese waren ihm gestorben und abgefallen und nun hüpften sie in allen Farben und Ringelformen herren- und obdachlos im Thale aus und ein. Es kam heute dann und wann ein leiser Windstoß in das Thal, die Wolken waren weiß und „lämmerlich“ und gingen über das kleine, von hohen Bergen begrenzte Stück Himmel dahin, und vom Hochwald hernieder rauschte es.
Im Thale begann es bereits zu dämmern und der Mirtl saß auf dem Bänklein vor der Hütte und schärfte seine Axt mit einem Schiefer und befestigte sie dann an der Kraxen (Trage von Holz), auf welche bereits Mehlsack, Schmalzbutte, Hafen, Pfanne und verschiedene andere Gegenstände, wie sie der Holzknecht die Woche hindurch auf dem „Schlag“ benöthigt, gebunden waren. Mit dieser Beschäftigung fertig, stellt Mirtl die Kraxe in die Hütte, setzt sich behaglich auf die Bank und schlägt Feuer für sein Abendpfeifchen.
Mittlerweile hat sein Weib die Ziegen, die schon lange um die Hütte herum und sogar rückwärts auf das schiefe Rindendach gestiegen waren, in den Stall gethan, und war eben beim Melken für Abendsuppe und Frühstück, wenn der Mirtl morgen fortgehe. Dabei sang es einen „Almer“, den der Holzknecht vor dem Häuschen mit einer nicht unebenen Baßstimme schmunzelnd begleitete, bis ihm derweil sein Pfeifchen ausging.
Plötzlich klopfte es von innen an das kleine Fenster und hinter dem Glas wurde das gemüthliche Gesicht eines alten Mütterchens sichtbar: „He, Mirtl, wo sind denn heut’ die Kinder so lang’; geh’ schau ein wenig und bring sie heim; ’s geht auf einmal der Wind rechtschaffen kühl.“
„Nun, wird Euch schon zeitlang, Mutterl?“ entgegnete der Angesprochene, indem er aufstand, die Finger in den Mund steckte und pfiff. Nur der Wald gab Antwort, sonst blieb es still, bis Mirtl den Ruf wiederholte.
„Was hast denn, Mirtl, sind ’leicht die Kinder noch nit da?“ schrie die Melkerin vom Stall hervor; aber der Mann war schon auf und fort, er erinnerte sich, daß die Kleinen seit frühem Nachmittag nicht mehr um die Hütte waren. Es war schon dunkel. Auf der Wiese stand er still und blickte umher und horchte. Vom Lahmkogel hörte er das Bellen eines Rehes und im Hochwald rauschte der Wind. Sonst war Alles ruhig.
Dem Mann wurde bang, er pfiff noch einmal, dann rief er: „Hansl! -- Julerl!“
Ach, der Wald, wie er immer höhnend nachsprach und wie er so schwarz und finster dalag, als berge er Unglück in sich.
Mirtl eilte weiter, er lief gegen die Schlucht und rief in Einem fort die zwei Namen. Vergebens. Es wurde finster. Der Holzknecht betete: „Jesus Maria!“ in seinen Gedanken, und dann wurde ihm leichter und er dachte, es werde doch nicht sein. Aus der Schlucht hörte er das Rauschen des Bächleins, das dort einen Wasserfall bildete.
Und mit dem Wasserrauschen schlug plötzlich der Laut einer Kinderstimme an sein Ohr. Dann horchte er und pfiff und schrie und hörte nichts als Wind- und Wasserrauschen. Mirtl eilte in die Schlucht, und auf einmal -- o, welch’ freudiges Aufwallen! -- ganz nahe hörte er die wohlbekannten, fröhlichen Kinderstimmen. Sie saßen am Bach, waren beschäftigt, aus den Steinchen und Holzstückchen ein Häuslein zu bauen und eine Mühle, wie sie der Anbauer weit draußen im Dorfe hatte, bei dem sie schon einmal waren mit dem Vater, als er Korn hinaus- und Mehl hereintrug. Jetzt wollte der Knabe auch noch das Wasser in die Mühle leiten, er war ja Müller und das Schwesterchen, das war der Vater, der das Korn brachte -- „He da!“ rief er, da stand er vor ihnen. „Wart’ ich werd’ Euch helfen, wenn Ihr nit heimgehen wollt; marsch, gleich auf der Stell’; wißt Ihr nit, wann es Zeit ist und wo Ihr hin g’hört -- ich möcht’ gleich die Ruthen nehmen!“
So zürnte der Vater und die Kinder rafften sich erschrocken auf. Sie hatten früher seine Stimme ja nicht gehört, weil das Wasser rauschte, und jetzt sahen sie es erst, daß es bereits dunkel war. Sie hatten ~ihn~ böse gemacht, wußten sich keinen Rath und schluchzten. Aber der Mann hob jetzt die Kleinen an seine Brust, und ohne ein Wort mehr zu sprechen, hielt er sie fest -- fest. -- Sie waren ja sein Alles -- sie waren sein Alles auf Erden!
So trug er sie nach Hause, und daheim am Herdfeuer wurden die nassen Kleider der Kleinen und das Auge des Mannes bald wieder trocken.
Der Wind rüttelte am Fenster, und bei der Abendsuppe, die den Kleinen heute doppelt schmeckte, weil ja auch der Vater wieder gut war, meinte nun Mirtl, es würde schlecht Wetter machen, dann werde es diese Woche zum Holzen.
„Das ist mir schon allemal zuwider, wenn es zum Holzen ist!“ sagte das Weib halb wehmüthig, halb unmuthig, „man muß sich die ganze Woche grämen; ’s vergeht halt doch kein Jahr, daß nit ein Unglück geschieht.“
„Geh, geh, Waberl (Barbara), denk auf den Oberen!“
„Vergiß das Zellerkreuzl (ein Kreuzchen aus Maria-Zell) nit, Mirtl!“ mahnte die Großmutter, während sie die Kinder auszog und dieselben dann in’s gemeinsame Bettchen an der Ofenbank brachte.
„Und sonst fehlt nichts daheim?“ fragte der Holzknecht, indem er die braune Schwarzwälderuhr aufzog; -- „daß ich nichts vergeß, morgen muß ich zeitlich auf -- ein Salz ist noch?“
„Na, das werd’ ich schon machen, Mirtl; schau, daß Dir nichts abgeht. Nimm den Lodenrock und ein wenig Branntwein mit. Da steck’ ich Dir einen englischen Balsam und eine Kräutersalben ein, daß Du zum Fall doch was nehmen kannst. Den Tabak hast?“
„Bei Leib, den vergiß ich nit. Wenn ich nur einen Tabak hab’, um’s Andere frag’ ich nit viel. Eines muß ich Dir noch sagen, Waberl: gieb auf die Kinder acht -- schau, ich bin heut so sterbens erschrocken, wie ich sie nit gleich gefunden hab’, ’s kann bald was sein! Und noch was, diese Wochen ist ~Niklo~, draußen im Kasten unter’m Korn hab’ ich Aepfel und ein paar Lebzelten, die steckst den Kindern in die Schuh, und der Mutter hab’ ich ein Kopftuch gekauft, das legst ihr auf’s Fenster neben ihrem Bett. -- Und Du, Waberl, kriegst zum Niklo erst Samstag was, wenn ich heimkomm’,“ setzte der Mann schelmisch hinzu und strich seinen Schnurrbart.
Bald darauf war der Kienspan im Holzknechthäusel verloschen. --
Julerl wurde zuerst wach. Sie sah, wie es so licht war in der Stub’ und draußen, und Alles so weiß. Sie wußte es gleich, sie sah es ja, wie sie noch immer herabfielen die weißen Vögelchen. Sie hüpfte vor Freude im Bettchen und zwickte den Hansl, daß er auch erwache, und flüsterte ihm in’s Ohr: „A Schneewerl hat’s g’schneibt, a Schneewerl hat’s g’schneibt!“
Und als die Kinder angezogen waren -- Julerl durfte heute das neue Lodenjöppel, das sie von der Pathin im Dorf erhalten hatte, tragen -- warteten sie gar die Suppe nicht ab, so eilten sie in den schneienden frostigen Tag hinaus. Der Knabe wollte des Vaters Griesbeil nehmen, weil es spitzig war, und mit demselben allerhand Dinge auf den feinen Schneegrund zeichnen; aber das war schon in aller Früh mit dem Vater fort, weit hinaus in den großen Raitschlag, wo heuer der Baron Wald schlagen ließ und dreißig Holzknechte beschäftigte. Das war ein wahres Vergnügen für die Kleinen, wie sich ihre Fußtrittchen und Finger so rein und nett in den weichen Schnee eindrückten und wie sich aus demselben allerlei Männlein formen ließen, die sie auf die Bank stellten, wo sonst der Vater so gerne saß. Viel Spaß machten die großen Flocken, die langsam um die dunklen Tannen tanzten, und von denen Julerl kaum erwarten konnte, bis sie herabkamen. Dann langte sie mit den Händen nach denselben oder hielt wohl gar das Gesicht so, daß die kalten, wunderlichen Blättchen auf ihre rothen, warmen Wangen fallen konnten, bis Großmutter sagte, daß das gar nicht gesund wäre. „Mußt die Flankerln in Ehren halten, Kind,“ sagte sie dann, „das sind Brieflein, die der liebe Herrgott im Himmel oben schreibt und zu den Menschen herabfallen läßt, daß sie auf ihn nit vergessen!“
Das fand nun das Mädchen so merkwürdig und lieb, daß sie es gleich dem Hansl sagen ging, worauf dieser nach einer recht großen Flocke haschte, um einmal ordentlich zu untersuchen, was denn darauf stünde; aber sie zerging ihm in der Hand, und er hatte nur einen hellen Wassertropfen.
Als die Mutter auf den Mittag Feuer anmachte und über das Dach des Häuschens blauer Rauch stieg, dachte sich Julerl, daß das eigentlich nicht sein sollte, weil ja die Himmelsbrieflein schwarz würden.
Das Schneien hielt an und die Kinder waren schon ganz naß, als sie die Großmutter zu Mittag in die Hütte brachte. Sie selbst fühlte Frost und bat die Waberl, ihr die Suppe heute an ihr Ofenbänklein zu bringen.
Nach dem Essen, als Waberl im Stall und am Herd fertig war, brachte sie einen Strohschaub und einen Bund Weidenruthen in die Stube. Daraus flocht sie Brot-, Zeug-, Näh- und Strickkörbe, die sie recht geschickt und zierlich zu formen verstand und welche für den Winter ihren Erwerb bildeten. Weit draußen, wo die hohen Berge aufhören und die Mürz fließt, wachsen die Weiden, und Mirtl brachte, wenn er von der „Rait“ kam, immer einen Bund davon mit.
Die Kinder mußten Späne klieben und das Mädchen versuchte sich mitunter auch im Flechten, was aber immer viel zu locker wurde, weil seine Finger noch zu schwach waren. Der Hansl machte sich an die Großmutter; sie sollte wieder Märchen erzählen, oder sonst was, sie konnte so schön, daß man sich gar nicht satt hörte, und die Kinder aufjubelten oder sich nach Umständen wohl gar zu fürchten anfingen.
Die Großmutter wußte Sachen, die sich in der Gegend zugetragen hatten.
Wie’s ~draußen~ aussah, das wußte sie freilich nicht; sie war ihr ganzes Leben in diesem Thale und kam nie weiter, als in’s Dorf und zur Kirche hinaus. Nur einmal, als sie noch jung war und in Zell eine „Ehrmesse“ (Primiz) gehalten wurde, war sie mit ihrem Manne dort. Das war so weit, daß sie unterwegs einmal bei fremden Leuten über Nacht bleiben mußten. Sonst hatte Großmutter von der Welt nichts gesehen und meinte, es werde auch nirgends so schön und gut sein als daheim im kleinen Thal bei den hohen Bergen. -- Ihr Vater soll das kleine Haus vor der Schlucht, deren Felsen vor Wind und Wetter schützten, erbaut und sich von Wurzelgraben ernährt haben. Als er starb, erhielt sie das Häusl und heiratete einen jungen Mann, der oft in die Gegend kam, allerlei Kräuter sammelte und aus den Ameishaufen den „Waldrauch“ herauszog; mit letzterem trieb er Hausirhandel und setzte dieses Geschäft fort bis zu seinem Tod. Es war schon manches Jahr um, seitdem man ihn aus der Hütte fortgetragen hatte, da übernahm der einzige Sohn, der Mirtl, die Wirthschaft.
Aber der Mirtl befaßte sich nicht mehr mit den Wurzeln und Kräutern, sondern machte ein Flecklein Wald urbar, worauf Korn und Erdäpfel wuchsen. Am Bache, wo Wachholder- und Hagebuttensträuche wucherten, haute er diese aus und verbrannte sie an der Stelle, damit durch das Feuer auch die Wurzel getödtet werde. Darauf grub er den schwarzen Grund um und legte Gras- und Kräutersamen hinein, so daß in zwei Jahren fußhohes Futter wuchs. Jetzt brauchte er die Ziegen nicht erst in den Wald fortgehen zu lassen und sie den Gefahren vor Jägern und wilden Thieren oder eines Absturzes auszusetzen.
Wie Mirtl nun seine kleine Wirthschaft im Gedeihen sah, heiratete er ein armes Mädchen von Marwänden herüber, und die junge Hausfrau legte auch noch einen Gemüsegarten an und putzte das Häuschen heraus, daß es eine Freude war.
Da kam eines Tages der herrschaftliche Förster in das Thal und sah sich die Sache an und fragte den Mirtl, wer ihm denn erlaubt habe, hier auf fremdem Grund und Boden so zu wirthschaften. Der Wald und das Thal und Alles gehöre dem Baron von Scharfenthal und die Hütte stände nur aus Duldung da. Wolle er, der Mirtl, hier anbauen, so habe zwar der Baron nichts dagegen, nur müsse er sich zu Robot in den herrschaftlichen Waldungen verpflichten. Das hatte Mirtl zusagen müssen, sonst wäre ihm Alles weggenommen und zerstört worden.
Da nun aber draußen an der Mürz, wo der Baron Werke und Hämmer hatte, viel Holzkohlen verbraucht wurden, nahm der Waldherr Holzleute auf und schickte sie mit glänzenden Aexten in seine Hochwälder.
So hatte auch Mirtl -- der nun nicht mehr gezwungen war, bei der alten Mutter zu Hause zu bleiben, weil sie und auch das Hauswesen die arbeitsame Waberl versorgte -- im „Schlag“ Arbeit erhalten und erhielt Taglohn. Es that den Leuten daheim in der Hütte recht weh, wenn sie an den Hausvater dachten, der mit Schweiß und Lebensgefahr bei karger Kost die langen Tage draußen waltete und sich opferte für die wenigen Groschen, die er seinem Daheim brauchte, und zum Vortheile eines reichen Mannes, der mit dem abgekargten Lohn des Arbeiters seine Hunde fütterte.
Waberl blickte trüb in den schneienden Nachmittag hinaus. Sie ließ ihr Flechtwerk ruhen, sie flocht und wob ihre Gedanken in den Winter, in die traurige Zeit, die heuer so lang’ ausgeblieben und doch gekommen war.
„An was denkt Ihr denn, Mutter? denkt Ihr, daß der Winter viel schöner ist, wie der Sommer?“ Das sinnende Weib gab dem Knaben, der so fragte, keine Antwort. Es ging nun, der Großmutter ein Strohpolster unter das Haupt zu legen, weil diese bei ihrer Ofenbank eingeschlafen war.
Nun mußten die Kinder mäuschenstill sein, und sie schlichen auf den Zehenspitzen in das Vorhaus, wo sie wieder laut plaudern und scherzen durften.
Am nächsten Tag blieb die Großmutter im Bett, weil sie in Folge einer kleinen Verkühlung ein wenig unwohl war. Sie war aber recht heiter und unterhielt die Kleinen, die heute doch nicht mehr ausgehen konnten, denn der Schnee war schon so tief geworden.
Die langen Aeste der Tannen hingen schwer nieder und die Zaunstecken des Gärtchens hatten hohe Hauben auf. Nur zur Noth ließ sich der Schnee noch ausfassen, wenn Waberl vom Bächlein Wasser holen wollte. Das Bächlein war auch schon so verschneit, daß man es gar nicht sah und hörte, sondern es wie durch einen Kanal still dahin sickerte. Sonst war das Wetter nicht kalt, und es ging auch kein Wind, nur war der Himmel fortwährend grau und schwer.
„Aber die Knecht’ werden ja völlig nit arbeiten können,“ meinte Waberl zur Großmutter, indem sie mit einem Besen den Schnee von den Schuhen kehrte. „Dann kommt der Mirtl noch vor dem Samstag heim,“ entgegnete diese, „das Holzen geht doch nit.“
Großmutter blieb im Bett, es wäre ihr nur ein bischen kühl und schwach, und versäumen thäte sie ja nichts. --
So verging der erste Theil der Woche, und als es Donnerstag Morgens wurde, war eine große Freude in der Hütte.
Die Kinder konnten in die Schuhe nicht hinein.
Oh, sie hatten gar nicht daran gedacht, oder hatten geglaubt, er könne in diesem Wetter doch nicht kommen. Es war Niklo, und der heilige Bischof war in der Nacht da gewesen und hatte Aepfel und Lebzelten in die Schuhe gethan und der Großmutter ein schönes, buntes Kopftuch auf das Fenster gelegt. Julerl getraute sich die rothen Aepfel gar nicht zu essen, sie meinte, es sei schade, weil sie im Paradies gewachsen wären. --
Allein, so selige Freude heute auf den frischen Gesichtchen der Kleinen glänzte, so schwerer Kummer lag auf dem Herzen der Hausfrau. In Sorge stand sie mit der Schale Hollunderthee vor der kranken Großmutter und bot ihr zu trinken. Diese trank ein wenig und mußte immer wieder einschlafen, wenn sie geweckt wurde. Sie war so müde. Mitunter lispelte sie leise, daß ihr Sohn kommen möge, und daß ihr kühl sei. Dabei hatte sie eine glühende Stirne und heiße Hände. Waberl legte der Kranken Sauerteig auf, daß die Hitze vergehe. Die Großmutter ließ es geschehen, und einmal sagte sie, wie im Träumen, jetzt werde sie wieder jung und habe rothe Wangen wie vor vielen Jahren, als sie den Josl zum Mann genommen. Er sei zwar schon gestorben, aber sie werde ihn doch wieder nehmen.
Ueber Nacht war sie so geworden, und Waberl wußte sich vor Angst nicht zu helfen, und sie ging in den Ziegenstall und weinte und betete, daß ein Schreckliches doch nicht über ihr Haupt kommen möge. Mit Angst und Hoffnung sah sie dem Samstag entgegen. Wenn doch nur das Schneien aufhörte, daß nicht etwa alle Wege und Pfade -- sie wagte das Weitere gar nicht zu denken, -- und der Schneefall dauerte fort.
Es waren keine großen, breiten Flocken mehr, die da fielen, nein, es war wie ein dichter Nebel und Staub, was nun niederging, daß man selbst die nächsten Bäume kaum sehen konnte. Das Bänklein vor der Thür war längst unter Schnee, und Waberl meinte bei sich, jetzt müsse es doch bald aufhören, denn über das Bänklein sei der Schnee sonst auch in dem tiefsten Winter selten gegangen. Die zwei Nebenfensterchen in der Stube, die gegen die Schlucht sahen, waren bereits verschneit, und wenn man durch die anderen hinaussah, hatte man die gleiche Schneehöhe mit den Fenstern, so daß der Hansl einmal verwundert ausrief: „Mutter, unser Haus ist in die Erden gesunken!“
So war es Freitag Abend geworden und das Schneien hatte endlich aufgehört. Nun, da man wieder klaren Blick hatte, sah man erst die ungeheueren Schneemassen, die im Sonnenuntergehen gar rosig schimmerten. Fremde Vögel flatterten auf den Bäumen umher, wie man sie sonst nie in der Gegend sah, und sie hatten ein gar eigenes Gezwitscher.
Später wurde es ruhig und es ging der Mond auf. Auch die Sterne sah man; es war eine heitere Nacht.
Waberl saß am Bette der Kranken und blickte traurig auf die abgespannten Züge. Sie schlummerte, nur als jetzt der Mondschein langsam auf ihre Wangen rückte, erwachte sie und lächelte. -- „Er sieht mich schon an,“ lispelte sie, „aber er hat ein bleiches Gesicht. -- Die Sonne, die möcht’ ich wohl auch noch einmal sehen!“Die Großmutter sagte dieses mit einem Ton, der die arme Waberl schier zum Tode erschreckte. Waberl verhüllte darauf das Fenster mit einem blauen Tuche, daß der Mond nicht so hereinscheinen konnte.
„Gelt, die Kinder schlafen schon?“ fragte dann die Kranke vollständig wach.
Sie ruhten neben in ihrem Bettchen, wie zwei Engelchen hold, und hielten sich umschlungen.
Die Großmutter griff nach der Hand ihrer Schwiegertochter: „Waberl, sei nit traurig; ’s geht Alles gut aus. Noch verlaßt Euch die alte Mutter nit, schau, ich hab Euch ja Alle gern. Bleibt nur so und schaut auf die Kinder, das bitt’ ich Euch! --“
Waberl schluchzte, die Kranke blickte ihr starr in’s Gesicht, dann lispelte sie: „Trinken!“
Die Tochter reichte ihr das Preißelbeerwasser, das kühlend und stärkend wirkt, und die Greisin nahm ein paar gierige Züge. „Jetzt ist mir besser, viel besser,“ hauchte sie, auf das Polster zurücksinkend -- „geh, leg’ Dich nieder, Waberl, bist auch müd; ich werd’s schon sagen, wenn ich was will.“
Bald darauf schlief sie ruhig ein.
Waberl horchte dem Athem, er war viel ruhiger und geregelter. ’s wird doch wohl, dachte sich das besorgte Weib, mich deucht’, ’s wird ein wenig besser, -- nein, da wär ich aber froh! ’s wird doch wohl; und morgen kommt ja der Mirtl. -- Sie besprengte nun die Schlafenden mit Weihwasser und machte ein Kreuz über alle Drei. Bald darauf war der Kienspan im Holzknechthäusel verloschen.
Wie sie nun ruhten die vier Menschenherzen und träumten freudig und bang -- und die Wanduhr tickte und der Mond strahlte still durch die Fensterlein; da zog ein Engel durch die Stube, drückte einen Kuß auf die Lippen der schlummernden Greisin und verhüllte das Antlitz. --
Ein leiser Windstoß, der am Fenster klirrte, weckte Waberl auf. Sie machte Licht, um nach der Kranken zu sehen. Diese schlummerte.
In der Stube war’s kühl geworden und Waberl wollte der Großmutter ihre Decke bringen. Die Großmutter hatte jetzt einen leichten Schlaf, keine Beschwerde im Athemholen.
So süß hatte sie schon lange nicht geruht, nie in ihrem Leben. Sie war eingegangen zur großen Ruhe.
Der Kienspan flackerte roth und düster, als wollte er ein bleich gewordenes Antlitz wieder färben....
Julerl lächelte im Traum und schmiegte sich an den Hals des Brüderleins. Und Waberl war hingesunken auf den Lehnstuhl und verbarg ihr Gesicht. Ihre Lippen zuckten, sie hatten keinen Laut, ihr Auge hatte keine Thräne -- Alles, Alles im Herzen! --
Der Kienspan verlosch, aber die Kohle glimmte noch lange wie das Gedenken der Liebe an ein verblichenes Herz. --
* * * * *
An den Fenstern blühten wundervolle Eisblumen und durch dieselben schimmerte die Morgenröthe.
Waberl ging und machte Feuer in dem Ofen und molk die Ziegen zur Suppe für die Kinder. Die Ziegen gaben heute weniger Milch als sonst; vielleicht weil Waberl nicht sang? Als die Kinder erwachten, sagte sie, sie sollten heute still sein und beten, es sei die Großmutter gestorben. Darauf durften sie die Leiche ansehen und Hansl sagte, sie sei nicht gestorben, sie sei ja noch da und schlafe nur. Dann küßte Waberl ihre Kinder und konnte endlich weinen.