Das Buch der Novellen. Erster Band

Part 17

Chapter 173,934 wordsPublic domain

Oft war er schon ausgelacht und ausgespottet worden, und wenn er von Zeit zu Zeit gar Einen fragte: „Sag’, hast Du denn noch nie darüber nachgedacht, wie das ist, da sind so viele Millionen Menschen in der Welt und keiner ist glücklich? Ein klein wenig glücklich ist Mancher, aber Keiner ganz; bei Manchem fehlt gar nicht viel, aber es fehlt.“ Wenn er so fragte, so erhielt er die Antwort: „Narr, so schlaf’!“ oder: „Narr, so sauf’ Dir einen Rausch!“ -- Und die so antworteten, waren noch nicht die Dümmsten.

Indeß, Martin schlief nur wenig und einen Rausch hatte er sich noch gar nie getrunken. Er zog nur im Gebirge umher und grub Wurzeln und Kräuter. Und wenn er sich auf einen Stein setzte, um auszuruhen, so kamen ihm immer wieder die Gedanken und er murmelte: „Es liegt wo -- es muß wo liegen!“

Als sein Vater auf dem Todbett schwer danieder lag, stand er an demselben Tag und Nacht und that Alles, um ihn zu trösten und zu erquicken. Er war betrübt, aber er sagte: „Es muß einmal so sein und da kann Niemand dafür.“

Und als sich Martin einst einen Splitter in den Arm gestoßen hatte und sich in Schmerzen wand Tag und Nacht, und als die Leute sagten: „Ach, der arme Wurzelgraber Martin, ’s ist zum Todterbarmen, wie der leiden muß!“ rief er aus: „Wer kann dafür? Deswegen fällt die Welt ja nicht zusammen und Euch hindert gar nichts, daß Ihr lustig seid!“

Später aber, als von einem blutigen Krieg, der draußen gewüthet hatte, die Krüppel heimhinkten, da stieß Martin einen Fluch aus: „... du Gotteskreuz in der Mörderhöhle! Dafür, daß diese jetzt ein unglückseliges Leben tragen müssen, die Bettler -- dafür kann wohl Jemand! Das haben die Menschen angestiftet! -- -- Wo liegt denn das Mittel, daß sie Alle in Fried’ und Freud’ zusammen leben? Die Erde wäre doch groß und schön genug dazu und Liebe ist auch da, es käme nur darauf an, sie auf das Rechte zu lenken.“

Der Wurzelgraber ging einsame Wege.

Als Martin einmal an einem Sonntagsmorgen der Nothburga begegnete, die, das Gebetbuch und einen Blumenstrauß in der Hand, zur Kirche ging und ihn im Vorübergehen mit ihren blauen Augen heiter anblickte, da blieb er stehen, sah dem Mädchen nach und sagte zu sich: „In ~der~ könnte es liegen, in der!“

Seitdem sah er Nothburga oft, bis er einmal zu ihr hintrat und sie fragte: „Nothburga, hast Du mich so lieb wie alle anderen Menschen?“

Darauf sagte das Mädchen: „Du einfältiger Wurzelgraber, ich hätte Dich gar lieber, wenn...“

In diesem Augenblick flog hinter dem Gebüsch ein Wildhuhn auf und die Rede der Nothburga kam nicht zu Ende. --

Heute zur Kirchweih waren sie unten im Städtchen und zusammen beim Tanz. Als Martin das Mädchen an die Brust drückend sich durch den Tanzboden wand, dachte er bei sich: Ich hätte es, jetzt mögen auch die Anderen schauen, daß sie fertig werden!

Da entstand im Vorhaus ein Streit zwischen mehreren Burschen wegen einer Tänzerin, er wuchs und wuchs, Wein und Eifersucht waren auch im Spiele, -- ein schwerer Keil sauste hin und der Wegmacher Niklas, der Bruder Nothburga’s, taumelte und stürzte an der Treppe nieder. Sein Schwesterlein rief er noch, aber als dieses kam und seinen blutströmenden Kopf in die Arme faßte, da starrten es seine Augen wohl noch an, aber diese waren steif und bewegten sich nicht mehr.

Nothburga hatte einen frischen Rosmarinstamm an der Brust, den gab sie nun ihrem Tänzer Martin: „Da, nimm ihn, er ist nicht für mich -- sie haben meinen Bruder erschlagen!“

Und Martin nahm ihn, ging fort aus dem Haus und aus dem Städtchen und über Thal und Hügel -- immer aufwärts gegen den Hochpaß. Er war verwirrt.

Dort, unter dem Lärchbaum brach er erschöpft zusammen, als ob auch ihn ein Keil getroffen hätte, dann starrte er zum bemoosten, verwitterten Crucifix auf und flehte im Herzen: „Vater unser, zu uns komm’ Dein Reich!“

Dann zerknitterte er den Rosmarinstamm und dann kroch die Kreuzspinne über sein Haupt und zu seinem Herzen.

* * * * *

Es begann bereits zu dunkeln und vom Hügelland herauf zogen verlorene Klänge einer Gebetglocke.

Martin brach sich vom Lärchgeäste einen Stock, schritt über den Paß und langsam abwärts gegen die Waldschlucht. Plötzlich stand er still und horchte. Ein Uhu krächzte. Der junge Mann schauerte und eilte schnell weiter durch den Hohlweg. Wieder blieb er stehen und that einen gebrochenen Aufschrei. Unten in der Schlucht sah er Lichter flimmern und diese bewegten sich und kamen des Weges entlang ihm entgegen.

Martin verbarg sich unter dem Hang, er zitterte und betete leise.

Und die Lichter kamen näher -- ein Gemurmel zitterte durch die Abendstille. Menschen zogen den Hohlweg heran und einer unter ihnen trug auf dem Arm einen kleinen Sarg. Sie sprachen mit gedämpften Stimmen ein Gebet.

Den Letzten, der vorüber kam, fragte Martin, wer die kleine Leiche sei?

Sie war das Kind einer fremden Bettlerin, vor wenigen Stunden erst in einer Waldhütte geboren. Weil der Wurm starb, bevor man ihm Wasser auf das Haupt gegossen, hatte es kein ander’ Begräbniß.

Sie gruben nun in weichem Moosgrund ein Gräblein und legten das Kind der Bettlerin hinein. --

Martin eilte hinaus durch die Schlucht.

Das war heute ein wunderlicher Tag! -- Wenn je ein Mensch das Reich Gottes auf Erden entdecken wollte, so müßte er so suchen und sehnen und forschen und verlangen wie der bleiche Bursche, der durch die dunkle Waldschlucht wandelt.

-- Ein großes Glück kommt zu ihm -- das Glück für ~alle~ Menschen, sonst ist es auch kein’s für den Einzigen, der es mit Allen gut meint.

Nie noch rang Martin so mit seinen Gedanken und Gefühlen, als heute; in seinem Herzen glühte es, in seinem Kopfe glühte es. Heim eilte er in seine Hütte und als er die Thür fest hinter sich verschlossen hatte, zündete er einen Kienspan an.

Unter dem Tische der Hütte lagen ein paar Ballen von getrockneten Wurzeln und Kräutern. Diese hatte Martin gesammelt, untersucht und ausgeforscht, aber das, was er suchte und immer suchte, er fand es nicht unter den Gewächsen. Und doch soll ein Kräutlein wachsen auf Erden, in dem es ruht, tief verwahrt und verschlossen, das Heiligthum -- denn es ist ja für Alles, für Alles ein Kräutlein gewachsen, nur nicht für den Tod. Unmittelbar neben dem Tisch war ein verworrenes Strohlager, fast zu breit und weit für einen einzigen Müden; es hat auch schon Nächte gegeben, wo dem Burschen auf demselben einsam war. Ueber diesem Bett hingen Heiligenbilder unter Glas und daneben war eine Bretterstelle, auf welcher große, dickbändige Bücher lagen und lehnten -- Bücher mit seltsamen Worten und Zeichen aus alten Zeiten.

Martin war in stillen Sommertagen und in wüsten Winternächten oft stundenlang vor diesen Bänden gesessen und hatte geblättert und nachgesonnen über die Zeichen und Geheimnisse, doch keine Lösung und Erlösung hatte er gefunden.

Martin kannte ja keinen einzigen Buchstaben, das s ausgenommen, welches aussieht wie eine Ringelnatter unter den Tannen- und Fichtennadeln des Waldbodens.

Martin hatte gehört, daß ein Buch geschrieben worden sei auf Erden, in dem es ruhe, was er suchte.

Martin legte den Arm auf ein Buch, sein Kopf sank auf denselben nieder und er begann bitter zu weinen.

So weint der ringende Menschengeist, dem das Wissen verschlossen und das Forschen verboten ist!

Endlich stieß Martin das vergilbte Buch in die Ecke, sprang auf, raffte nach Hut und Stab und verließ die Hütte.

Es war der Mond aufgegangen und im dunklen Waldesgrund lagen silberne Tafeln und Fäden und Punkte. Martin schritt darüber hinweg -- in diesen bleichen Strahlen lag es doch nicht, was er suchte. Er hatte sie schon gefragt in stiller Mitternacht; er hatte die Sterne angerufen; hatte am Tag der Sonnwende aus dem Windröschen und dem Sesamkraut ein Feuer gemacht und durch den aufsteigenden Rauch in die Sonne geblickt -- aber verschlossen blieben die Himmel. Und doch träumte ihm einmal, es gäbe ein Lichtlein im Weltenraum, und das Licht führe zum Heiligthum, das er suchte. --

Und siehe, als der Bursche so durch Wald und Hag dahinschritt, da sah er auf der Haide ein Lichtlein.

Er eilte ihm träumend zu. Eine Hütte stand dort; Martin sehnte sich nach Menschen.

Und als er zur Hütte kam, da fand er in derselben ein Weib einsam und verlassen auf einem Strohbund liegen; das schluchzte gar sehr, weil man ihm sein Kind fortgetragen hatte hinaus in ein fremdes Grab.

Martin setzte sich an die Thürschwelle.

Der Kranken that es wohl, daß ein Mensch bei ihr war, zu dem sie reden und klagen konnte.

Sie war ein armes Weib, war an der Seite ihres Mannes herumgezogen fast schon in der halben Welt; das Volk gab Brot und die Lebensluft dazu gab Gott. Vor einundzwanzig Jahre hatte sie ihrem Manne das erste Kind geboren und in zwei Jahren darauf auf geheimnißvolle Weise verloren. Der Knabe spielte am Wiesenraine, als sie vor dem Schloßthore eines reichen Mannes Lieder sang, und als sie ihn rief, kam er nicht, und als sie ihn suchte auf der Wiese, auf dem Felde, im Walde -- in der halben Welt suchte, fand sie ihn nicht.

Er blieb verschollen bis auf den heutigen Tag; wer ihn fände, am linken Fuß fehlt ihm eine Zehe, das wäre das Wahrzeichen.

Ihr Mann war auch schon zur Ruhe gegangen. Aber bald nach dem Begräbniß des Gatten merkte sie das neue Leben unter dem Herzen; bangend und hoffend zog sie weiter und bettelte sich durch mancher Herren Länder. Hier in der Waldhütte übernachtend, kam die Stunde, das Weib gebar und verlor wieder, und Holz- und Köhlerleute trugen das Kind in den Wald und legten es in ein Grab.

„Und jetzt geh’ ich,“ schloß das Weib ihr Erzählen, „und singe, wo ich Witwen und Waisen finde, meine Gesänge.“

„Gutes Weib,“ entgegnete Martin, „wenn ich singen könnte, ich ging’ mit Euch, vielleicht läge das, was ich suche, im Singen.“

„Im Singen, lieber Mann, liegt Lust und Noth! -- Ihr sucht ein glückliches Leben, ein Weib, eine Kinderschaar, ein friedliches Alter; o, bleibt daheim, das Alles liegt in Euren Bergen, bleibt daheim!“

„Daß Ihr mich versteht, Weib, ich suche nicht mein Glück, ich suche das Glück der ganzen Welt -- das Reich Gottes auf Erden!“

„Das Reich Gottes auf Erden!“ rief die Bettlerin auflachend und sich emporrichtend, „ei, da sucht wieder einmal ein Blinder nach der Sonne, die ihn einst geblendet hat. -- Glaubt das einer armen Bettlerin: das Weltglück, wir wissen nicht, wie es aussieht, darum ist alles Suchen vergebens.“

„Aber ich hab’ einen Priester predigen gehört, der sagte von einem Reiche Gottes auf Erden.“

„Es ist auf Erden, ja, und ich weiß auch wo: es ist in dem Herzen eines Kindes, das schlummert.“ --

Wer jetzt den Mond betrachtet hätte! Langsam zog er hinter ein Wölklein und statt der lichten, freundlichen Scheibe sah man am Himmel ein dunkles Herz mit silbernen Rändern. Und das Herz wurde ein scharfes Dreieck und zackte sich aus, -- es wuchsen Arme und Glieder und diese streckten sich nach allen Seiten und -- jetzt kroch über das dunkle Himmelsgewölbe eine riesige Spinne dahin.

Und wer jetzt in Martin’s Herz geblickt hätte!

Dort wurde ein Märchen wach, wie es einst in einer stürmischen Herbstnacht die Großmutter erzählt hatte. -- Im Herzen des Kindes! -- Ja, hier liegt ein Geheimniß, eine Zaubermacht -- im Herzen des Kindes liegt Himmel und Glückseligkeit -- Alles. Und darum hat jener Zauberer, von dem die Großmutter erzählte, ein Kindesherz geraubt und verzehrt sammt dem Geheimniß und der Macht, und er ist allmächtig geworden bis auf Eines. -- Ei, dieses Eine -- seinen eigenen Namen hat er vergessen und nicht mehr gefunden -- er war namenlos. -- Vielleicht auch das nicht, wenn er das Geheimniß zu Nutz und Frommen der Menschheit angewendet hätte. -- --

Endlich, endlich gefunden, du bleicher Bursche -- im Herzen des Kindes!

Ach, Martin, das Märchen der Großmutter war lehrreich; der Zauberer war namenlos geworden, er hatte den Namen Mensch verloren, er hatte ja eine unmenschliche That begangen. Martin, und wie hast Du es so unglücklich falsch verstanden mit Deinem einfältigen Wesen!

Martin bebte, er hielt sich an dem Thürpfosten und wie im Lippenkampf preßte er die Worte hervor: „Auch im Herzen eines Kindes, das todt ist?“

„Auch in dem,“ sagte die Bettlerin.

Der Wurzelgraber erhob sich und ging über die Haide.

* * * * *

Der Mond stand wieder frei und klar am Himmel, als Martin mit einem kleinen Spaten, den er zum Ausgraben von Wurzeln und Kräutern zu verwenden pflegte, von dem Hochpaß, wo der Lärchbaum steht, niederstieg durch den jungen Wald gegen die Schlucht.

Es ist drückend zu erzählen, wie der Mann gekämpft hatte mit seiner Muthlosigkeit, mit seiner Gespensterfurcht, wie er die Stunde beschwor und sich einsegnete mit allen Kreuz- und Wunderzeichen.

Dort stand die Kapelle.

Der Mond war hinter die Felsen gezogen.

Behend und geräuschlos, wie sonst nie, eilte der Wurzelgraber. Plötzlich trat er auf lockeres Moos und sein Fuß stieß an ein Kreuzlein, das im Boden stak. „Hier!“ sagte er und kauerte sich nieder. Fester faßte er den Spaten in die Hand und noch einmal rief er alle guten Geister an. Aber in dem Augenblick, als er das Eisen in den Boden graben will, beginnt es auf dem Thurme der nahen Kapelle zu rasseln und zu klappern, als ob hundert Todtengerippe tanzten.

Martin sprang auf und floh in das Gebüsch.

Das Geräusch währte eine Zeit fort und wiederhallte seltsam im Walde. Endlich war es wieder still.

Vielleicht ist das Uhrwerk abgelaufen, -- kam es dem Wurzelgraber in den Sinn, aber er zitterte an allen Gliedern und die Kniee wollten ihm zusammenbrechen. Er beschloß nun, mit seinem Werk zu warten, bis der Tag anbreche.

So blieb er im Gebüsch versteckt, bis der erste Vogelsang wach wurde, bis es graute und sich lichtete und bis über den Ebenen das Morgenroth aufging.

Jetzt begab sich Martin wieder an die Stelle, wo das Kreuzlein stak. -- Hier liegt das Kind der Bettlerin begraben ... Das Herz eines Kindes, das schlummert, -- das Geheimniß, die Zaubermacht, das Reich Gottes.

Emsig warf Martin das Moos und die Erde aus, mit dem Spaten und mit allen Fingern grub er und endlich stieß er auf den kleinen Sarg.... Den scharfen Spaten stemmte er zwischen die Fugen -- es krachte und der Deckel sprang ab.

Da lag es nun, in Lumpen, winzig und bleich und steif, das Menschenkindlein, zusammengekauert, die Händchen über die Brust gekreuzt, wie im Mutterschoß.

Leise rauschte es in den Blättern und Nadeln, auf allen Wipfeln sang und klang es -- das Morgenroth strahlte in das Gräblein.

Martin’s Antlitz war fahl, seine großen Augen rollten unstet, zum erstenmal war es ihm, als sei das, was er nun begehen wolle, eine ungeheuerliche That.

Aber im Herzen des Kindes liegt es, und jener Zauberer nahm es heraus und wurde allmächtig! Und die Großmutter hatte die Geschichte so oft erzählt und im Gebirge wurde viel von derlei gesprochen.

Im Beinkleid, am rechten Oberschenkel hatte der Wurzelgraber seine Messerscheide stecken. Nach dieser griff er nun und zog ein schmales, langes Messer hervor, wie es die Gebirgsbewohner als Taschenklinge bei sich tragen.

Als Martin die zarten Händchen der Leiche von der Brust wegziehen wollte, fiel es ihm ein, daß auch die Finger eines neugebornen Kindes etwas Wunderbares an sich haben. Diebe brauchen das; wenn sie in irgend einem Hause, wo sie sich zur Nachtzeit zum Raube eingeschlichen, so ein Fingerchen anzünden, so brennt das wie ein Kerzlein, und so lange es brennt wird kein Mensch im ganzen Hause wach.

Aber nein und nein, Martin war kein Dieb, er schauerte vom bloßen Gedanken; er wollte ja nichts sonst von der armseligen Leiche als das Herz, in dem das Reich Gottes liegt.

Zu diesem Zwecke nun schiebt er die steifen Händchen zurück. -- --

Zwei Holzhauer, die von ihrer Hütte zum Tagewerk an der Kapelle vorüber kamen, fanden den Mann so.

Zuerst sahen sie ihm von der Ferne zu, wie er in der Grube kauerte und die Erde auswarf. Endlich erkannten sie den Martin und meinten, er grabe Wurzeln; aber so tief gräbt kein Wurzelgraber ein.

„Er hebt wohl gar einen Schatz!“ sagte Einer zum Andern.

„Wäre schon recht, dann müßte er mit uns theilen.“

Jetzt zog er das Messer aus der Scheide; die beiden Männer schlichen näher hinzu und da sahen sie neben dem Erdhaufen das Grabkreuzlein liegen.

„Heiliger Gott!“ lispelte einer der Holzknechte, „der scharrt ja ein Grab auf!“

„Dummes Zeug! Wer läg’ denn da begraben?“

„Wohl gar das Bettlerkind, das sie gestern bestattet haben. Ich hör’ sie trugen es in den Wald. Doch, was wollt’ er damit? -- Dieser Martin ist ein sonderbarer Mensch!“

„He, Martin!“ riefen sie laut, „was machst denn da?“

Dieser fuhr zusammen, lehnte sich dann über das Särglein und stotterte: „Ich? -- machen? -- Wurzelgraben.“

Aber die Holzhauer hatten es bemerkt, was hier vorging, und sie verständigten sich schnell, was nun zu thun sei.

Der Bursche wollte entfliehen, aber die Männer hielten ihn fest und sagten: „Martin, Du hast da was angestellt und jetzt kommst Du mit uns, wir treiben Dich in die Stadt.“

Da fiel Martin auf die Kniee und beschwor, daß er nichts Böses gewollt und gethan, er werde es schon sagen, warum er das Grab aufgescharrt -- es sei vielleicht verboten gewesen, das sei ihm selbst so vorgekommen, aber er meine es nicht schlecht und sie möchten ihn nur machen lassen, es geschehe zu Aller Nutz und Frommen.

Aber die Holzknechte sagten: „Du bist ein schlechter Mensch, Martin, oder ein Narr, und Du mußt mit uns.“

Einer löste einen Strick von der Trage, auf der er den Lebensunterhalt für die Woche gepackt hatte, und wollte damit dem Wurzelgraber die Hände binden, allein dieser bat weinend, daß man ihm das nicht anthue, er gehe schon auch so mit wenn er Strafe verdient habe, so leide er sie auch.

Und nun führten sie den bleichen Burschen abwärts gegen das Städtchen.

Das Grab im Walde blieb einsam; es ging die Sonne auf und erhob sich über die Wipfel, und als die Mittagsstunde kam, schien sie auf das Särglein.

* * * * *

Es war nach Tagen.

Martin saß traurig in einer Kammer und zählte die kleinen, sechseckigen Scheiben am Fenster. Die Kammer war wohl größer und wohnlicher wie seine Hütte daheim im Walde, aber die Thür war verschlossen.

Eine Kreuzspinne war ihm zum Herzen gekrochen -- und nun saß er im Gefängniß!

Er mußte einen großen Fehler begangen haben, das war ihm jetzt klar, aber, wenn er nur beweisen könnte, daß er kein schlechter Mensch sei! Wenn doch nur die Thür nicht versperrt wäre, damit er zeigen könnte, daß er auch freiwillig bliebe und seine Strafe leide.

Ein Mann brachte ihm täglich Suppe, Gemüse und Brot, machte ihm das reinliche Strohbett, und als es einmal draußen regnete und der Wind im Hollunderstrauch vor dem Fenster schwirrte, feuerte er gar in den kleinen Blechofen. Es kamen die ersten Wintertage, wüster und heftiger schlug der Wind an das Fensterchen und pfiff schrill durch die Fugen; endlich wurde es ganz grau vor den Scheiben und Flocken tanzten und der Schneestaub legte sich in die Fensterwinkel. Da kam der Wärter öfter und machte Feuer in dem Ofen. Das kam dem Burschen liebreich vor, so arg mußten es denn die Menschen doch nicht haben auf ihn.

Und dennoch schlug Martin seine rauhen Hände oft heftig vor die Stirne und stampfte in Verzweiflung mit dem Fuß. -- Wenn ein Mann im Gebirge arbeitet, tagtäglich von seiner Kindheit an arbeitet -- und mit einemmale muß er ruhen und unthätig sein, müßig bei gesunden Gliedern, muß dasitzen zwischen den Mauern, und draußen harret die Arbeit -- das ist eine Pein für den an Thätigkeit gewöhnten Mann.

Martin litt diese Folter.

Sein ganzes Wesen ging dahin, daß er wieder daheim auf seinen Höhen sei, dort wolle er arbeiten und graben und seine Hütte vergrößern, und Nothburga zum Weib nehmen. Alle Welt möge gehen, wie sie geht, sie sei des Glückes nicht werth.

Einmal bat Martin den Wärter, dieser möge ihm Stroh bringen, er wolle Strohschuhe flechten, aber der Wärter brachte ihm keinen Halm. Da weinte der Bursche und klagte: „Das thun sie mir zur Pein an; mir wär’ es tausendmal lieber, sie gäben mir nur Brot und Wasser, aber Arbeit dazu!“

Eines Tages wurde es anders. Ein Gerichtsdiener trat mit dem Gefangenenwärter ein und befahl dem Wurzelgraber, daß er folge. Martin that es freudig, denn nun durfte er wohl wieder heim in seine Wälder. Aber in der Vorhalle nahm der Gerichtsdiener ein Kettenschloß vom Gesimse und legte es dem armen Burschen an die Hände. So führte man ihn in das Freie, wo es so blendend weiß und licht war, und wo doch der düstere Winter lag. Sie führten ihn durch einige Gassen der Stadt und über den Marktplatz. Menschen drängten sich heran, daß schier der Weg versperrt wurde, aus allen Fenstern sahen Leute und Viele zeigten mit Fingern auf den Wurzelgraber und riefen: „Dort geht er, das ist der Leichenräuber!“

Leichenräuber! -- In seinem Leben war dem unglücklichen Aepler kein plötzliches Leid so zu Herzen gedrungen, als dieses schreckliche Wort. Jetzt erst ging ihm das Licht auf und sein Todesurtheil hatte er jetzt gehört. Nun war Martin überzeugt, daß dieser Gang in Ketten sonst nirgends hinführe, als hinaus vor die Stadt zum Hochgerichte.

Er wäre zusammengebrochen mitten auf dem Marktplatz -- aber der Gefängnißwärter stützte ihn.

Sie kamen am Hause vorüber, wo Martin vor wenigen Tagen mit Nothburga getanzt hatte, wo sie den Niklas erschlugen. Ach, das war ein unheilvoller Tag und eine unglückselige Nacht!

Ja wohl, unglückselig, wenn Einer das Reich Gottes sucht und er findet das Hochgericht!

Ein Wegweiser ist geschrieben und aufgerichtet, aber gar Mancher hat ihn übersehen und Mancher kann ihn nicht lesen und deuten und geht den Weg des Verderbens! --

Endlich führten sie den Wurzelgraber in ein Haus und über eine breite, steinerne Treppe in einen großen Saal. Der Saal war durch ein Eisengeländer in zwei Räume abgetheilt. In einem dieser Räume standen und drängten viele Menschen, in dem andern saßen an einem langen, grünen Tisch ernste Männer in dunkler Kleidung. Einige Fenster des Saales waren durch Vorhänge verhüllt. Auf dem grünen Tisch stand zwischen zwei brennenden Wachskerzen ein Crucifix. Vor dem Tisch war ein einzeln dastehender Stuhl ohne Lehne. Zu diesem Stuhle wurde Martin geführt und dort nahm ihm der Gerichtsdiener das Schloß von den Händen.

So stand er da, der bleiche Bursche mit den großen, dunklen Augen, den wirren Haaren und dem ungepflegten Bartanflug. Das Zittern seiner Mundwinkel verkündete einen unendlichen Schmerz und das Auge flehte die Männer in dunkler Kleidung an, daß sie diesen Schmerz von ihm nehmen möchten.

Aber die Richter blieben kalt, nur sagten sie zu einander: „Noch so jung, noch so jung!“

Da lag ein Stoß von Papierblättern und auf diesen stand Alles geschrieben. Der gerichtliche Befund der kleinen Leiche, die Aussage der beiden Holzhauer, wie sie ihn an jenem Morgen an der Waldkapelle neben der Leiche trafen, von dem Wahne des Mannes, das Reich Gottes zu suchen, und von noch Anderem stand auf den Blättern. Da wurde jetzt aus diesen vorgelesen, dann wurde gesprochen, und es sprachen Einzelne und sie sprachen durcheinander, laut und leise, und Martin stand da und verstand von Allem kaum ein Wort.

„Wie alt ist Er jetzt -- Er?“ fragte der Vorsitzende plötzlich, „hört Er nicht, ich frag’ wie alt?“

Der Wurzelgraber schrak aus seinem Brüten auf. „Wie alt,“ stotterte er, „das weiß ich gar nicht recht, ich soll in die Welt gekommen sein in dem Jahr, wie der große Sturmwind gewesen ist.“

„Hat Er noch Eltern?“

Martin schüttelte den Kopf.

„Nicht also?“

„Meine Mutter hab’ ich nicht gekannt und meinen Vater hat vor zehn Jahren der Brand umgebracht.“

„Was hat Er denn immer gemacht?“ fragte der Richter.

„Was wird Unsereiner auch machen! Mein Vater hat mir nichts lernen lassen können, nur die Wurzeln und Kräuter hat er mir angesagt, und sobald ich stark genug gewesen, bin ich das Wurzelgraben angegangen.“

„Kann Er davon leben?“

„Das just wohl!“

„Ist Er militärpflichtig? -- Ich meine, ob Er sich schon einmal hat stellen müssen?“