Das blaue Fenster: Novellen

Chapter 8

Chapter 83,784 wordsPublic domain

»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein für immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt, bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glück, ich beneide die anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer ......« Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden, und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an und nickte langsam mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie traurig, »was ich schon alles erdulden mußte, wieviel Schande und Elend, wie satt ich dieses Leben habe!«

Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl die Arme, er streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen Gedanken, daß dieser herrlichen, edlen, königlichen Seejungfrau das Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden müsse und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als ein Menschenkind. Und sein Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag.

»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda.

»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als wäre dieses ›ich verehre dich‹ noch zu kühn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im ›Unvergeßlichen Liebhaber‹ zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll von deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Königin!«

Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel der beiden Spielleute, grausam und empörend nahe, und schon stand auch der Zwerg im Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur rasch dem Zwerg ein Goldstück in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an ihrem Finger wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die ersten Besucher in das Gewölbe.

V.

Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: ›heute abend‹ hinaus, er wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein, er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen, um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen, aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause, um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich, zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie wach wären. ›Das ist das beste Mittel!‹ sagte er zu sich und dachte an eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte.

Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit welcher der Wind spielt.

Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige, Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde, hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach, jedenfalls in eine glückliche Zukunft.

»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches Abenteuer gilt’s zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!« Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu bestechen ist!«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach Hause.

»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und dann – Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen – dann ging auch der von dannen.

›Allein!‹ jubelte es in Karolus Seele, ›sie ist allein, sie wartet auf mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!‹ Er schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte in das Gewölbe.

Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.

»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du kämest nicht!«

Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?«

Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten, oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte. Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte wandern, bis wir ans Meer gelangen!«

Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf Karolus’ nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast geheimnisvoll noch einmal:

»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du mich liebst!«

Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst:

»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du mich liebst!«

»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig, »daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind liebte und glücklich machte!«

»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und wunderbar, so königlich und erhaben!«

»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« – ihre Stimme wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten – »wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen, glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück, ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir’s verraten soll, ob du würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich werden!«

Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach.

»Verschließe die Tür!« befahl sie.

Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht sterbe!«

»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke.

»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus, sieh mich an!«

Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück. Auf dem breiten Rande des Bottichs – stand Lalanda aufrecht, aufrecht auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an, aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend, mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut in der Hand, aus der sie geschlüpft war.

»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt glücklich?«

Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich, um den Fischschweif unterm Wasser – zum letzten Male – anzulegen.

Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die Lüfte.

»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui, nackt« .....

Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz, seine Augen waren trocken.

»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich.

Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen; denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit herausforderndem Lachen fragte sie:

»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!«

Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er stürzte zum Teiche.

»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos, so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich. »Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er.

Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den Armen und rief neckend und schelmisch:

»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!«

Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«, ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis, wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in das zweite Gemach.

Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe. Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und so fuhr er von dannen, der Moldau zu.

Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn, daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham, daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen hatte, die ihm winkten.

»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich das überleben!«

In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer höflichen Verbeugung:

»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die Brücke hinüber?«

Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich aussteigen will.«

Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie auf der einsamen Landstraße.

Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle, königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das Gewöhnliche, Schamlose – ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn schüttelte – das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O, ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!«

Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen.

* * * * *

Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht nichts mehr – in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber, daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik, daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr verlautete.

Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas angebracht und das Haus ›Zum Meerweibchen‹ genannt werde. In den alten Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses ›Zum Meerweibchen‹ und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch, Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden Namen eine Menge Kinder.

So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen, das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom Meerweibchen.

Der Spiegel

Eine Legende

I.

Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre Legenden verlegen dürfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes noch ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken – jungen Eltern gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet –, zu jener Zeit also stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde ein weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem, fern vom Lärm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und ihrem himmlischen Bräutigam ergebenes Leben führten. Die Stille in diesem Kloster war eine so große und die einschläfernde Macht der Gewohnheit, unterstützt durch das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine so überwältigende, daß die Geißel an der Wand verstaubte und die frommen Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, und daß eine Wolke der Heiligkeit über dem Kloster schwebte.

So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches Verlangen fühlte, in diesem Kloster seine Künste zu probieren, und daß er der Madonna, als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl auch nicht so uneinnehmbar, wie sie glaube.

Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen – wie sie der göttliche Raffael uns überliefert hat – durchdringend an und sprach: »An der Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich meiner Sache, daß ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich hier ein Vaterunser sage.«

Der Böse erschauerte, da er den Namen ›Vaterunser‹ sprechen hörte, aber er faßte sich gar bald und entgegnete:

»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du dein Sprüchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich meiner Tat erfreuen.«

Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore verschwand.

Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schöne Nonne Pförtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling an der Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverständlich und ohne Zweifel nachgekommen, daß die Oberin ihr den schweren Posten einer Pförtnerin übertragen hatte. Sie hieß also Schwester Clarissa und war blühender als je eine Nonne gewesen.

Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden Weibe ihr Schiebfenster und fragte nach seinem Begehr.