Das blaue Fenster: Novellen

Chapter 7

Chapter 73,905 wordsPublic domain

An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung; er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht, seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er ihm einen Namen hätte geben können.

Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme weckte ihn aus seinen Träumen:

»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!«

Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz, seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen.

Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war. Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare, hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen. Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!«

Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den Feldern vor der Stadt ruhelos umher........

III.

So war denn endlich für Karolus das große Wunder gekommen, es mußte ein wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seekönigin mußte nach Prag kommen, um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine Träume in den Tag hinein dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine Lider schloß, träumte er davon, wie er auf einer fernen Insel säße und auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin aus den Wellen auf sein Eiland zugeschwommen komme.

Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite, schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre Harfe in Händen; und schon erklang ihr Lied: ›Lalanda, Lalanda.‹ Aber er schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm vom Mondenscheine, und ihr Busen, weißer als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als ›Lalanda‹, und doch verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm liebreich zu und ihre Hände lagen still in den seinen. Und als die Sonne fern-fernher ihre Strahlen über die Wellen schickte, da glitt sie sanft vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je eine Rose aus dem Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Händen und mußte in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus der Seerose entgegen und glückselig lächelte er vor sich hin.

»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater, der zu Häupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn blickte, der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. O, wie errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte am liebsten geweint, denn er wußte nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschäften, die heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich rasch fertig. Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das Gewölbe.

Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle empfing ihn und eine Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den Bänken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wämsern ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner näselnden Stimme angesprochen und aus den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, lauernden Blicken an, ein häßliches Lächeln war um seine Lippen, da er die Blumen in der Hand des Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen Verbeugung die Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung an eine Erzählung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dänenreiche vor einer sagenhaften Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hieß, ›als ob er erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.‹ Nun störte ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, höhnische Mann, der ihm gegenüber stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang zur Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn. Endlich aber besann er sich und übergab ihm die Blumen.

»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd.

»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von dem, der ihre Seerose bewahrt.«

Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche Verbeugung, es lag viel Spott und Hohn in der Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewölbe zu treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin schöner und poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür im Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen.

Sie sprach einige unverständliche und doch wie ein seltsames Deutsch klingende Worte zu ihrem Behüter, der ihr demütig die Blumen übergab und dann aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete Lalanda am Ufer des Teiches, daß Karolus sich ihr nähere.

Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin, denn das Herz hämmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen, daß er nun mit der Wunderbaren allein sei, daß er mit dieser Auserlesenen, Königlichen sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewöhnlich war, indes sie, eine Königin des Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen noch in Händen gehabt hätte, daß er sie ihr mit einer stummen Verbeugung hätte darreichen können! So trat er zögernd an den Rand des Teiches, seine Augen hatten sich schüchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Da blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin, indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und, da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer freundlichsten, sanftesten Stimme:

»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, weil sie naß und kühl vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren Händen haltet!«

Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als ob er jetzt ›den Ritterschlag der Liebe‹ empfangen solle, und seine Seele ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen hörte. Und es schien ihm ein neues Wunder zu sein, daß die Herrliche, die wohl seit ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er küßte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert:

»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich hätte nie geglaubt, daß ich Worte finden würde, um Euch für Eure Schönheit zu danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, daß ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt hätten, und nehmet heute diese schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich, wenn Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen bringen, die zu finden sind!«

Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als ob sie sich erst darüber klar werden müßte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder nicht. Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll zurückwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu winden. Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an und fragte:

»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?«

Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle Hand sein Herz presse, ihm ward ganz eng in der Brust und er wußte keine andere Antwort auf ihre Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch eben sein Herz fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie aber blitzte ihn verführerisch aus den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken mußte. Dann sprach sie – und legte dabei den triefenden Fischschweif näher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berühren:

»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich träumen soll, wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in der Nähe muß ein großer, gewaltiger Dom stehen, mit mächtigen Glocken, das fühle ich, und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem Klange ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme mein Spiel zur Hand und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem Liede haben!«

O, das war der richtige Ton für Karolus! Er schnappte nur so nach Luft bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde Seele in seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward feierlich und zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vöglein im warmen Käfig. Er sagte ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heiße, wie er sich in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus wirkliche Freude bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glücke sprach, daß er sie nun endlich gefunden habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich an seine Schulter und sah ihn von unten her so verheißend und gewährend an, daß er sich beinahe ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat es nicht, er vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin war und er nur der einfache, nichtssagende Kaufmannssohn, und küßte sie nicht. Er schaute sie nur dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken und seine Lippen wurden trocken. Und er fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm die Frage einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ ihr Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzählte sie, wie sie oft an deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen Schiffern gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mären erzählten oder ihre schwermütigen Lieder sangen.

»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches Lied nachsang, so klang es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah sie droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen Spiegel niederschauen; und manch einen faßte das Heimweh so mächtig, wenn er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines Schiffes nicht länger litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie, das schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir kommen will, der muß freiwillig kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr, lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich über den Rand des Bootes neigte, ich würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit Euch kein Leids geschehe!«

Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden Augen an, innig und lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume heraus sagte:

»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr müßtet mich in Euren weißen Armen auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!«

»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, ein Schauer des Glücks schien ihren Leib zu erschüttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da trat aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit lauten Schritten, die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu und weckte sie.

»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig!« Da glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen heute abend!«

Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die Tür schloß sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre Instrumente umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und fassungslos den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn über den Altstädter Ring und höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese entfernt war.

IV.

Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Märchen; die Stunden im Geschäfte zählten für ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gäste aus dem Gewölbe auf dem Altstädter Ring geschieden waren und Lalanda nur für ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel, Karolus mußte sich’s in seinem zitternden Herzen selbst gestehen, Lalanda, die Meerkönigin, die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend selbst gesagt, daß sie die Minuten zähle, bis er wieder zu ihr kommen könne, daß ihr das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er nicht mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen könne.

»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« sagte sie, »pocht mein Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es schlagen, Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder von dannen ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den häßlichen Menschen mich darbieten! Ich bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlösen!«

Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weißen schimmernden Busen das Herz klopfen gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja trotz ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und ein unendliches Mitleid mit der armen, gefangenen Seekönigin füllte seine Augen.

»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, »flieh mit mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!«

Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine Hoffnungen zerrannen.

»Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Häuschen für uns bauen, dann sollst du in deinem Wasser leben können und doch in meiner Nähe sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts –« Er schwieg, er errötete.

»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht vom Herzen!«

Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und fühlte, wie auch ihre Lippen heiß wurden, heißer als er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend heiß von ihrem Kusse. Und als sie gar ihre weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang und ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da schloß er die Augen, er umarmte sie und drückte sie noch fester an sich und vermeinte sterben zu müssen.

»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« sagte er, tief Atem schöpfend, »mein für immer!«

Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln über ihr Gesicht, sie wiederholte ihre heißen Umarmungen, dann schlüpfte sie rasch ins Wasser, denn der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore zu schließen.

»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand auf dem Altstädter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den sternenbesäeten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: »Ich schwöre!«

In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schloß, träumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine große, phantastische Blume aus dem bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und näher und nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich hörte er ihre Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette mich!« Er aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein schrecklicher Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!« sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer lauter, er schrie es Lalanda zu: »Ich kann nicht schwimmen!«

Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden war.

Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß stand auf seiner Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus hatte ihn geweckt.

»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« fragte er.

»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein Sohn. »Ich habe einen schrecklichen Traum gehabt!«

Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da übermannte ihn plötzlich sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu sprechen an und sagte: »Vater!...«

Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er wußte nicht, wie er dem Vater auch hätte sagen sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn eine Meerkönigin erwählt habe!

»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute, da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Röte färbte seine Wangen und seine Lider senkten sich.

»Was willst du von mir?« fragte der Vater und alle Güte seines Herzens, alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: »Was gäbe es, was ich dir nicht gewähren könnte?«

Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute für Sekunden ängstlich den Vater an, aber er fand keine Worte.

»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater.

Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der Vater möge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen könne, wofür.

Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem Sohne unbedingt zu vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas Entführung Geld, viel Geld brauchen, und damit wollte er nicht sparen. ›Ich will arbeiten wie ein Knecht,‹ sagte er zu sich, ›ich will mir die Hände blutig arbeiten; aber erst muß ich sie erretten!‹

Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, brachte er Lalanden nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und küßte ihn stürmisch, noch heißer als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit einer Stimme, die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher als früher klang, sagte sie zu ihm: