Das blaue Fenster: Novellen

Chapter 6

Chapter 63,617 wordsPublic domain

Aber Riccardo lachte auf, befriedigt, als ginge alles nach Wunsch, und dann schrie er Emilio in die Ohren: »Stoß zu, Emilio, stoß zu, ich habe deine Schwester verführt, aus Irrtum verführt, denn ich hatte es auf Francesca abgesehen, die Schwester Ermetes! Du weißt ja, wie ich mich schon gestern auf dem Ritte nach ihr erkundigt habe!«

Er lachte grausam und höhnend und schrie noch einmal: »Stoß zu!«

Aber Emilio hatte den Arm mit dem Degen sinken lassen, er sah entsetzt in das verzerrte Antlitz Riccardos und warf den Degen beiseite:

»Du bist von Sinnen, Riccardo,« sagte er schwer aufatmend, »du bist toll!« Und dann stand er aufrecht und stolz vor Riccardo, der ihn hilflos anblickte, und sagte mit verachtendem Munde: »Und meiner Schwester bin ich so sicher wie meiner Braut!«

»Deiner Braut?« schrie Riccardo.

»Meiner Braut,« erwiderte Emilio ruhig.

Da fielen die Arme Riccardos schlaff an seinem Körper herunter, er knickte zusammen, daß ihn die Hand seines Freundes, der immer noch sein Wams festhielt, nicht halten konnte; er sank in die Kniee und sagte mit bleichen Lippen: »Deiner Schwester bist du sicher! Das sagt jeder Bruder! Dann ist ja alles gut,« lispelte er vor sich hin, »alles gut.«

So sank er in den Staub des Weges.

Emilio aber, dem die vergangenen Stunden das lang ersehnte Glück gebracht hatten, beugte sich über ihn, ein inniges Mitleid mit dem Kameraden erfüllte ihn, er trocknete ihm den kalten Schweiß von der Stirne und dann erhob er sich und rief nach Beppino, er möge Wein bringen. Den flößten sie dem Kraftlosen ein, und langsam, langsam kehrte das Blut wieder in seine Wangen zurück. Er stützte sich auf seinen rechten Arm, er blickte Emilio lange an und dann schickte er Beppino wieder weg. Er schüttelte das Haupt, als müsse er sich erst langsam auf etwas besinnen, dann drückte er Emilio die Hand und sagte leise: »Francesca.« Dann umarmte er Emilio und ein schwergeborenes Schluchzen erschütterte seinen Körper: »Maria,« sagte er innig, »die reine, heilige Maria! Man muß auch zum Frevelnkönnen stark sein, Emilio, und ich bin ein Feigling! Stelle mich vor eine Gefahr und ich bin ein Held! Und doch bin ich ein Feigling! Ich wollte sterben, von dir wollte ich den Freundschaftsdienst erzwingen, aber es gelang mir nicht; weil du ein guter Mensch bist und ich ein schlechter. Ich bin ausgezogen, um meine entehrte Schwester zu rächen, an ihrem Verführer ...«

Er wollte ›Ermete‹ sagen, da besann er sich, daß Emilio die Schwester seines Todfeindes liebe und sie ihn, er fühlte eine unendliche Rücksicht für seinen Freund, für den Bruder Marias, die er liebte, und da schwieg er.

Aber Emilio hatte die letzten Worte Riccardos gehört, er erinnerte sich eines Gespräches mit einem Genueser Freunde kurz nach seiner Landung, da er sich nach Ermete Palma erkundigt hatte, wohl um vielleicht über Francesca etwas zu hören. Und er entsann sich einer Äußerung des Genuesen, daß Ermete in den Banden von Riccardos Schwester schmachte. Eine schmerzhafte Erkenntnis erleuchtete die Wirrnis seiner Gedanken, er umarmte Riccardo und küßte ihn auf das feuchte Haar:

»Was mußt du gelitten haben, armer Freund! Was mußt du für furchtbare Tage erlebt haben!«

Da löste sich in den Armen Emilios auch der Schmerz Riccardos und er sagte: »Ich schäme mich meiner Tränen nicht, sie tun mir wohl wie deine Güte. Aber ich habe in diesen Tagen wie ein Schuft handeln wollen, aus Schwäche und aus Verzweiflung, und ich bin um eine Erkenntnis reicher geworden. Ich bin nicht mehr wert, irgend einen Menschen zur Verantwortung zu ziehen, aber ich bin auch unwürdig einen Menschen zu lieben! Und wenn dein Schwager Ermete heimkehrt, Emilio, dann erzähle ihm von dieser Stunde, vielleicht macht sie ihn zum Manne! Und nun laß uns scheiden!«

Er erhob sich vom Boden und Emilio half ihm schweigend das Pferd besteigen. Er fühlte, daß Worte Worte bleiben müßten und so drückte er seinem Freunde, der bleich und ernst im Sattel saß, nur stumm die Hand.

»Grüße mir Maria!« sagte Riccardo zum Abschied, »grüß sie mir, wenn du mich noch für würdig hältst, die Reine grüßen zu dürfen. Und sei glücklich, Emilio, lebe wohl!«

›Lebe wohl!‹ wollte Emilio antworten, aber da fühlte er den Hohn dieses Abschiedsgrußes und er drückte dem Davonreitenden nur noch einmal fest und innig die Hand.

Der Wald schloß sich hinter Riccardo, nun verschwand auch Beppino seinen Blicken, und Emilio stand noch lange auf dem Wege und starrte seinem verschwundenen Freunde nach.

Er wußte, daß er ihn nie wiedersehen werde ...

Das Meerweibchen

I.

Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschönes Meerweibchen, das an der Küste von Grönland lebte und das von Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete, gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag ....

Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte von einem Lügner und Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen würden sie überhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine durchaus verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern der königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus, das zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweibchen, dem leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafür, daß es eine wunderschöne Seejungfrau gewesen sein muß, die dem Steinmetz als Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der schuppige, etwas schematisch gemeißelte Fischschwanz, der – in dem Lande des zweischwänzigen Löwen nicht auffällig – in zwei schön geringelten, stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken und Brust einem Wunderwesen angehört haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig verfallen und sieht altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es paßt gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen Alt-Prag, in dem man weniger zufügender als abblendender Phantasie bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; man muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, die Fahrräder und elektrischen Glühlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und verwegenen Dächern dahinzuwandeln und verwundert zum Frühlingshimmel emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach oben abschließt.

Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische Erzählung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird, das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit gebracht haben, gehören schon längst nicht mehr in die Neuzeit des sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu aufgeklärt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug der Einleitung! Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten, umsomehr als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und endigt.

Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde. Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Bürger und Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, für seinen Sohn und dessen einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein bodenständiger Bürger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister zu Bedeutung und immer größerer Würde verhelfe. Denn er selbst war aus bescheidenen Anfängen zu einem begüterten Kaufmann geworden und liebte auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen zu einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller, bescheidener Jüngling, schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen, wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine empfindsame und träumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, was sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschäft anlangt, sondern auch von den freien Wissenschaften und Künsten, und er hätte wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht. Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht sonderlich, er war ein Leser und Träumer und freute sich tagsüber auf den Abend, da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das wehrte ihm der Vater auch nicht, da Karolus im Geschäfte still und sicher seine Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war.

Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblüt auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleißig unter den Bürgertöchtern um, welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er eine bestimmte Wahl getroffen zu haben.

Nun waren aber Karolus’ Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die Frauen mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen, ohne doch je eine innere Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres, über dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen; ihre Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, ihr Gang war wie das Hüpfen der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß man die Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, daß man die zierliche Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu, aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen.

Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefühlt; das war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte und plötzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: große Rasenflächen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen plätscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die grandiose Königsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische Krönung des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide eine schlanke, biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der Marmorgöttinnen, die im Garten in den grünen Gebüschen standen, von ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Büschen verschwunden war, und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. Erst als er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich. Und er glaubte sich’s später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er nur ein wunderschönes Märchen von einer lieblichen Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen von der weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten in den Händen durch die Auen schreitet. Einige Tage träumte er noch davon und war glücklich darüber, daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den schönen Traum erneuern konnte; er errötete, wenn er sich immer wieder dabei ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde Ringellöckchen über ihrem blühweißen Nacken gekräuselt.

In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des grönländischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage auf allen Plätzen und allen Straßenecken gestanden und hatten nach einem aufrührerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Bürgerschaft der königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder aufmerksam gemacht, das in den nächsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grönländische Meerjungfrau, das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten Tagen in Prag zu sehen sein. Große Bilder wurden in den Straßen herumgetragen, darauf Lalanda, die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, und überall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine beträchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schönheit der Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe unter den Lauben zu sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen, da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhörtes Gedächtnis besitze. Und sei schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen.

Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und Prag, die Stadt, die von Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer schädlichen Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für einige Jahre zu reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kämpfen und Bürgerzwisten, so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschäfte, die ihre überschüssige Lebhaftigkeit sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, benützten jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube führten die ausgiebigsten Gespräche über das Meerweibchen, und es gab keine Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst- und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Körperbau des Grönländischen Mirakels gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig in der Erfindung neuer Fragen: ›ob sie wohl auch‹ und ›wie mag bei ihr‹, nur mußten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl zu schonen eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister war. Der hatte natürlich auch die Trommler gehört und ihren Zettel gelesen. Aber er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden, nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein werde, beschäftigte ihn und er hatte beschlossen, sich gleich am nächsten Sonntage, dem ersten Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu überzeugen, wie weit den Ankündigungen zu glauben sei.

II.

Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn, seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen, das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme bedeutungsvoll gegen den Himmel.

Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur _das_ wunderbar erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als ihre trägen Vorstellungen.

Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern, Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten.

Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen, daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten, wurde eingelassen.

»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht, schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der ehrfürchtig Grüßenden.

»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie berichtet.«

Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von dannen.

In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte, ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz, der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames, unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken.

Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen Herzens von dannen.

»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz vorne am Ufer des Teiches stand.

»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!«

»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.«

»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!«

Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes zu.