Das blaue Fenster: Novellen

Chapter 5

Chapter 53,862 wordsPublic domain

Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln, indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten. Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken, riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert, aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne.

»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.«

Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor, den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele.

Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst, welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse.

»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so, du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm nicht wehren konntest!«

Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er, als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende.

Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten mußte.

So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne gedacht zu haben.

VIII.

Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das begehrenswerte Wesen _lieben_ lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er schämt sich vor sich selber.

So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen Worte: ›Sie ist eine Palma!‹ beantwortet hatte. Sein heiteres Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins, an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache.

»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt nicht auch sie vielleicht eine Schuld?

Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken seiner Einsamkeit zu entfliehen.

IX.

Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft vermisse.

»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«

»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili, der dessen acht hatte, sagte spottend:

»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!«

»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges begegnen.«

»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur mein Pferd satteln lassen.«

»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.«

Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und sprengte davon.

»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer – bei aller Liebe zu Emilio – heute wohl nicht so leicht aufs Pferd gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut hätte!«

Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios getroffen war.

›Ich muß sie einholen,‹ sagte er sich, ›ich muß sie noch einmal sehen!‹

Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte.

›Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,‹ dachte er, ›und doch hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.‹

Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte.

Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und, vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen.

Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein, weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie nur noch lauter lachen mußte.

»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« – um mich zu erwarten, wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht hinübergehuscht.

»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?«

»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...«

»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum, daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt, Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist. Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge Enttäuschung bereiten müssen!«

Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte.

Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner Rache vorgelogen hast.

Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser Reinen angetan hatte, war so groß, daß er – als müßte die Heitere da vor ihm seine ganze Schuld kennen – vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte:

»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den Irrtum begangen habe.

Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie nicht, und darum sagte sie:

»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet, verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder halten würde?«

Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur: »Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich getan habe oder tun wollte!«

Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor: »Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen, wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie allein mich retten könnte!«

Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte, so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:

»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch so recht?«

Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen solle. Und er begann ihr zu erzählen:

»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun nach Hause kam ...«

Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach einer langen Unterbrechung:

»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,« wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist – und zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld, wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!«

Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie seine Rechte in ihrer Hand hielt:

»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß, denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt. Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen. Lebet wohl!«

Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand. Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück, Emilio zu erwarten.

X.

Es war spät am Nachmittage, als Emilio des Weges daherkam. Beppino hatte indessen das Pferd Riccardos und seinen Mantelsack gebracht und einen Korb mit Speis und Trank, den Maria geschickt hatte; und der Bursch, der ihn geleitet hatte, war mit dem Pferde da Spadas wieder heimgeritten. Beppino saß unmutig bei den Rossen, es hatte ihm in Bosco rado gut gefallen und er hatte gehofft, sich nun endlich ordentlich ausfaulenzen zu können. Sein Herr aber saß schwermütig an der Straße, seufzte oft, ballte die Fäuste oder fuhr mit der Rechten durch die Luft und schaute dann wieder sehnsüchtig in der Richtung von Selva nera, ob Emilio noch nicht kommen wolle.

»Endlich, endlich!« rief er nun, als sein Freund heiter dahergesprengt kam, »du hast lange auf dich warten lassen!«

Emilio sah erstaunt in das verstörte Gesicht Riccardos, er sah verwundert Beppino mit den bepackten Pferden und sprang neugierig aus dem Sattel.

»Hast du lange auf mich gewartet?« fragte er. »Hast du denn Maria nicht getroffen, die doch schon Mittag zurückgeritten ist?«

Er übergab Beppino auch sein Pferd und trat zu Riccardo, der ihn bei der Hand nahm und seinem Diener winkte, sich zurückzuziehen.

»Ich habe mit deiner Schwester gesprochen, Emilio; sie weiß, daß ich hier auf dich warte, um mich von dir zu verabschieden; denn ich muß noch heute fort von hier.«

Er sagte dies so seltsam, daß Emilio auffuhr:

»Hat man dich im Schlosse beleidigt? Was ist geschehen?«

»Man hat mich nicht beleidigt,« lächelte Riccardo trüb, »aber ich habe mich schuldig gemacht, Emilio!«

»So sprich doch klar, ich verstehe dich nicht! Womit und wen hast du gekränkt? Es ist ja nicht möglich! Foltere mich doch nicht, gerade heute nicht!«

Da senkte Riccardo den Blick und sprach mit erregter Stimme: »Emilio, hast du in deinem Leben schon ein reines Mädchen verführt? Wir sind jung und heiß, und ich bin nicht anders als du und die anderen jungen Nobili. Hast du ein Mädchen verführt und dabei jemals an den Jammer der Betörten, an das Elend ihrer Mutter, an das Unglück ihrer Geschwister gedacht? Niemals kam dir der Gedanke daran, das weiß ich. Ich kenne uns. Aber was würdest du sagen, Emilio« – in den Augen Riccardos war ein Lauern, und seine kalte Stimme bewies, daß er diese Worte den ganzen Nachmittag über vorbereitet hatte – »was würdest du sagen, was würdest du tun, wenn du erführest, daß deine – Schwester verführt worden ist?«

Da faßte ihn Emilio an der Brust, er hatte seinen Degen gezogen und hielt ihn stoßbereit erhoben: »Du bist wahnsinnig, Riccardo, was sprichst du für rasende Tollheiten? Du bist von Sinnen! Rede, oder du erlebst den nächsten Augenblick nicht!«