Chapter 4
Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders, zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter, rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma gewendet habe.
»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«
Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte. Dann ritten sie abends in Genua ein.
III.
Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem Kriegszuge teilzunehmen.
Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte.
Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen, seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte, als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte.
Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen, vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten.
Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt, da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause, durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu sprechen, niederstoßen.
Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er den Grafen Palma sprechen könne?«
»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.« Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen.
»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres heimkehren!«
»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere, daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?« wiederholte er.
»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze römische Adel versammelt ist.«
»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und zerschmettert.
IV.
Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort, von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und Verwandten des Papstes, in Rom weilte.
Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch. Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe, daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat.
»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du’s oder ist es dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt? Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!«
Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich, er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden, auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne. Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude des Wiedersehens zu deutlich leuchtete.
»Freilich bin ich’s, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.«
Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg müsse.
»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat gesehen hast!«
Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo schon im Palaste der Spada.
V.
Der große Palast seines Gastfreundes war wie ausgestorben, denn der Vater Emilios war nur für einige Tage zum Empfange seines Sohnes nach Rom gekommen; er hatte ihn in feierlicher Audienz beim Papste vorgeführt und war dann wieder auf sein Sommerschloß zurückgekehrt, indes Emilio noch in Rom seine Angelegenheiten ordnete. Das alles erfuhr Riccardo am Abend, da die beiden Kameraden, von einem aufmerksamen Kammerdiener trefflich bedient, bei einer Flasche edlen Weines ihr Abendmahl hielten und Erinnerungen auffrischten. Sie sprachen über gemeinsame Bekannte, über die Aussichten des nächsten Frühjahrs und seiner Unternehmungen, und Riccardo schien wieder der lebensfrohe und gute Offizier, wie ihn seine Kameraden liebten und schätzten. Er war angeregt und fast heiter, und als gar da Spada den Namen Palma erwähnte, der Riccardo plötzlich still gemacht hatte, und davon sprach, daß die Palma die Nachbarn seiner Eltern in Bosco rado seien, da wurde Riccardo fast übermütig in seiner Freude, er erhob das Glas und leerte es, er ließ sich von dem gern bereiten Emilio immer wieder von der Schönheit Francescas, der jungen Gräfin und Schwester Ermetes, vorschwärmen und war schon ganz bereit, mit seinem Kameraden und lieben Freunde Emilio gleich am zweitnächsten Tage in die Berge zu reiten. Denn der Wein war gut und rollte wie Feuer durch seine Adern.
»Schade, daß Ermete nicht zu Hause ist, bitterschade!« sagte Emilio, »jeder Tag wäre zu einem Feste geworden!«
»Ja, bitterschade!« wiederholte Riccardo; er war ernst geworden. »Den hätte ich gern gesehen! Sie haben in Genua viel von ihm gesprochen!«
»Und sicher nur Gutes!« rühmte Emilio. »Die Männer lieben ihn und mit den Weibern versteht es keiner wie er! Den müßtest du kennen lernen, Riccardo, und wenn das Glück es gut meint, kommt er früher heim, als seine Eltern glauben. Mit dem würdest du bald Freund sein, ihr paßt zusammen!«
Da war Riccardo von seinem Sessel aufgesprungen, er glaubte seinen Schwertgriff in den Händen zu halten und schwang doch das Weinglas, daß der rote Wein blutig über seine Hand spritzte. Er wollte etwas Furchtbares sagen, seine Augen funkelten, aber es gelang ihm nicht, und er sank hilflos und verloren lachend in seinen Sessel zurück.
Da brachte ihn Beppino zu Bette.
VI.
Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald erledigt hatte.
Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch sein Hirn geschossen war.
»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen, der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen, um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!«
Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je.
»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie einen Liebsten?«
Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen:
»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da Emilio schwieg.
Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte Antwort war:
»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!«
»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber er hemmte sich.
»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!«
Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel.
Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse, Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom blauen Himmel heben.«
Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und fast zärtlich:
»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob du Geschwister hast?«
»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine, liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.«
Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener Waldlichtung, sitzen die Palma.«
Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine Antwort von vorhin verstehen!«
»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo.
Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen.
VII.
Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses daraus erzeichnen konnten.
Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.
»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für meine unerwartete Heimkunft!«
Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu.
»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann im Lichte erkennen lassen.«
Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend, seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und seltsam genug darbot.