Das blaue Fenster: Novellen

Chapter 3

Chapter 33,711 wordsPublic domain

Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« – Er hatte in der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin.........

›Nur jetzt nicht sterben!‹ dachte er, ›nur jetzt nicht! Ich muß erst mit Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie mich elend gemacht hat!‹

So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den Worten des Meisters: ›Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas übergehen und die Seele rein werden!‹ Und er wollte dann Berta sagen, sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er versprochen, ob er gleich selber ....

»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz zerbrochen!«

Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.

»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!«

Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« .....

Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......, meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!«

Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr:

»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan? Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es zu spät ist!«

Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst, denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor den Dienern und seiner ...., vor ›ihr‹ mit einem häßlichen Schimpfwort geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber, lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!«

»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für eine Bewandtnis es mit dem Glase habe.

»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme, »ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht, dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« – Und mit der letzten Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ...

Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes Gesicht ...

Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon, ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war, emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen, und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht kannte.

»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte, daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf, Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch nichts mehr in diesem Leben!«

Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen Rechten.

»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!«

Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand ....

Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren Teil haben!«

Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten, warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und zogen zu Tale.

* * * * *

Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter. Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.

Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber. Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern verborgen.

Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote, indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen.

Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod Bertas zu melden.

Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten.

* * * * *

Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt.

Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der Schlummernden zaubert....

Der Rächer

I.

Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler, über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum ›das Schloß‹ genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.

Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt, der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes, das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen dankte.

»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen, wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!«

»Vielleicht liegt’s an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!«

Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte seinem Herrn näher zu kommen.

So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber, als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem »Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden.

Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte! Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als aber dann – endlich – die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo, mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«, wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen.

Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit hinausschieben.

Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete, so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der Zukunft starren mußte.

Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben, keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme seiner Mutter.

So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz und Glück hätten schreiten sollen.

Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte, schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren, in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt: Rache an dem Verführer ....

II.

Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag, und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken; dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr.