Chapter 2
Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt. Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge Gräfin erwarte.
* * * * *
Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete, da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte, weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.
Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe sich vorgenommen habe, beim Worte ›Mutter‹ im Vaterunser immer an Bertas Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er tief atmen mußte, um es zu meistern.
Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas Mutter im Turme oben fragen solle.
Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.«
»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!«
Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich bin!«
»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir, was macht Euch unglücklich?«
Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...«
Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!«
Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten, und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!«
Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein Tränentröpflein Mitleid!«
Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz, wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte.
»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?«
»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie.
Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten......
Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete, als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache Melodie.
Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare, er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß ihm auch fürder Schutz und Unterstützung.
Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt, wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand, was er mit den Worten ›mein Rößlein in Pelzstiefeln!‹ meinte, so mußte es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille.
* * * * *
Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung, weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher, Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen, ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer sein, was sie so schmerzlich erregte.
Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan, der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel, wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte.
»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über ihres Vaters Land schweifen zu lassen.«
Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter ....« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und half Berta aus dem Sattel.
»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten; so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen.
»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes, als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen – »der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht! Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!«
Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren senkte.
Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden mußten.
* * * * *
Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!« wiederholte er. Und so kam er zu Hause an.
Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen, die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen.
Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne. Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die Hände in den Schoß fallen.
»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel Ausdauer brauchen!«
»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig.
»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen! Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie wohl ein Brieflein dabei finden!«
Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte, gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher.
Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen. Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien.
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Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut, wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren mochten.
Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei, als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne.
Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war.
»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat. Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir, es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein! Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und kräftigen!«
Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor Augen hatte.
So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden. Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat.
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Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße, viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg, jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die Hochzeit sei.
»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons.
»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt.
»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe. Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen, die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut, meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen; wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war.
So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen.
»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und verstand ihn nicht.
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Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am Abend in den Dörfern singen:
Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus, Kam just der Hochzeitszug heraus, Feinsliebchen unter dem Schleier.«
Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei, der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt? Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich ihr ins Gesicht ...«
Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich freue – Tränen liefen ihm in seine Zeilen –, wie er sich freue, daß er noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten.
Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn, ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu halten.
»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied:
»Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus, Kam just der Hochzeitszug heraus, Feinsliebchen unterm Schleier.«