Das blaue Fenster: Novellen

Chapter 9

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»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster schickt dies Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« sprach das Weiblein, »daß sie es als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht abzulenken und als Erprobung ihrer Stärke gegen die Anfechtung der Neubegier wünscht sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein, drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als bis der Mondschein durch ihr Fenster falle.« Sprach’s, und ehe die Pförtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden.

Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber machte sich auf und wandelte still ihres Weges.

Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte, sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an, da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung, als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor sich hin!

So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm, das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken, und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen.

Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.

II.

Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete, so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr ein neues Reis ansetzen werde.

Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen, trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte, und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen Grafen eigentlich recht genügend waren.

Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte, war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte, einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar auseinander: daß nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich, während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem Schlosse geschieden.

Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt, und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken sollte, kein großes Vertrauen empfand.

III.

Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte – mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis, als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter, sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht, daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte.

Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich, holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel, daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen: ›Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!‹

Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm, der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete. Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg.

Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen, da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte, ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke, bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide, und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im Schloßsaale landete.

Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung, hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend, so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle Kanne Weins überlief.

»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!«

Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an, die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte, die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß.

Weil er ja geheilt zurückkehren würde ....

IV.

So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schönen Begleiterin, des Weges.

Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall, wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe.