Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege
Part 8
In einem anderen Sinn merkwürdig war Alexander Mignon, ein Vorkriegspazifist, ein alter Freund Clerambaults, ungefähr im gleichen Alter mit ihm, Bourgeois, Intellektueller und Hochschullehrer, von würdiger Haltung, die mit Recht Respekt einflößte. Man durfte ihn nicht verwechseln mit jenen ordensgeschmückten Bankettpazifisten, die Dekorationen aus allen Ländern haben und denen der Schwatz vom Frieden in windstillen Jahren ein sorgloses Dasein sichert. Mignon hatte durch dreißig Jahre aufrecht die gefährlichen Quertreibereien der Politiker und die verdächtigen Spekulanten seines Landes bekämpft, er gehörte der Liga der Menschenrechte an und hatte das unwiderstehliche Gelüst, für jeden, der da kam und im Unglück war, eilig das Wort zu nehmen. Ihm genügte es schon, wenn einer sich unterdrückt nannte, er fragte sich nie, ob der sogenannte Unterdrückte nicht bloß einer war, dem bisher nur die Gelegenheit gefehlt hatte, selbst zu unterdrücken. Seine unruhige Gutmütigkeit hatte ihn bei aller Hochachtung ein wenig lächerlich gemacht, und er war darüber nicht böse. Sogar ein wenig Unpopularität hätte ihn durchaus nicht erschreckt, vorausgesetzt freilich, daß er sich von seiner Gruppe gedeckt fühlte, deren warme Zustimmung ihm aber unbedingt nötig war. Er war durchaus kein Unabhängiger, wie er glaubte, sondern nur das Mitglied einer Gruppe, die sich so lange unabhängig fühlte, als alle ihre Mitglieder zusammenhielten. Die Gemeinschaft macht die Kraft, sagt man, das ist wahr. Aber sie gewöhnt einen auch daran, der Gemeinschaft nicht mehr entbehren zu können. Und das mußte Alexander Mignon an sich erfahren.
Der Hingang Jaurès’ hatte die ganze Gruppe in Verwirrung gebracht. Sobald die eine Stimme fehlte, die immer als erste das Wort nahm, verstummten auch alle anderen, denn sie warteten auf das Stichwort, und keiner wagte es zu geben. Unsicher im Augenblick, wo der Sturm einbrach, wurden diese hochherzigen und schwachen Menschen durch den Wirbel der ersten Tage mitgerissen. Sie verstanden die Begeisterung nicht, sie rechtfertigten sie nicht, aber sie hatten ihr nichts entgegenzustellen. Schon die erste Stunde riß einige Lücken in ihre Reihen, es zeigten sich Desertionen, die verschuldet waren durch die schrecklichen Redner, die den Staat beherrschten, durch jene demagogischen Advokaten, die mit allen Sophismen der republikanischen Ideologie geschmiert waren, „Krieg für den Frieden“, „der Weltfriede als Ziel“ (_requiescat!_), und diese armen Pazifisten sahen in diesen Verdrehungen eine einzige Gelegenheit — allerdings keine rühmliche, keine, auf die sie sehr stolz waren — aus der Sackgasse zu kommen. Sie redeten sich ein, durch einen kleinen Kunstgriff, dessen verbrecherische Größe sie nicht merkten, ihre Friedensideen mit der Tatsache der Gewalt glücklich in Einklang gebracht zu haben. Widerstand hätte bedeutet, sich den Kriegsbestien auszuliefern, die sie mitleidslos zerrissen hätten.
Alexander Mignon hätte wohl den Mut gehabt, diesen blutigen Mäulern entgegenzutreten, hätte er nur seine kleine Gemeinschaft um sich gesehen. Aber allein zu kämpfen, das war über seine Kraft. Ohne sich zuerst offen auszusprechen, ließ er doch alles geschehen. Er litt, er war verstört und machte eine ähnliche geistige Krise durch wie Clerambault, aber er konnte sich nicht wie Clerambault ihr entringen. Er war weniger leidenschaftlich, aber intellektueller; um seine letzten Bedenken wegzutilgen, umkleidete er sich mit einem Netz logischer Vernunftgründe. Mit Hilfe seiner Kameraden bewies er mühselig nach der Methode _a + b_, daß der Krieg eine Pflicht für den zielbewußten Pazifismus sei. Seine Liga hatte leichte Arbeit, die verbrecherischen Akte des Feindes aufzudecken; freilich verlor sie keine Zeit damit, auf jene im eigenen Lager hinzuweisen. In manchen Augenblicken sah Alexander Mignon deutlich die Unaufrichtigkeit auf allen Seiten. Unerträglicher Anblick ..... er schloß rasch seine Läden....
Und je blinder er sich in seine Kriegslogik verstrickte, um so schwerer war es für ihn, sich daraus zu befreien. So verbrannte er seine Schiffe hinter sich, eins nach dem andern. Er wurde böse wie ein Kind, das durch einen unbedachten Akt ungeschickter Nervosität einem Insekt den Flügel ausgerissen hat. Das Insekt ist nun verloren, und das Kind, beschämt über seine Handlung, rächt sein Leid und seine Scham an dem Tier, das es nun ganz in Stücke reißt.
So war es leicht vorauszusehen, mit welcher Freude er Clerambault sein „_mea culpa_“ vortragen hörte. Die Wirkung war überraschend. Mignon, innerlich ganz unsicher, wurde wütend gegen Clerambault, denn Clerambault schien ihn anzuklagen, indem er sich beschuldigte. Von dieser Stunde an wurde er sein erbitterter Feind, und keiner bekämpfte später gehässiger als Mignon dieses sein lebendiges schlechtes Gewissen.
§
Clerambault hätte mehr Verständnis bei einigen Politikern finden können, denn die wußten von diesen Dingen ebensoviel, wie er selbst wußte, und sogar noch einiges mehr, aber das störte durchaus nicht ihren guten Schlaf. Seit ihrem ersten Sündenfall praktizierten sie munter die Technik der _combinazioni_, der Gedankenschwindeleien, sie gaben sich mit Recht der Täuschung hin, ihrer Partei zu dienen auf Kosten von ein paar Kompromissen. Eins weniger, eins mehr, was macht das aus?... Geradeaus zu gehen, geradeaus zu denken, war das einzig Unmögliche für diese Mollusken, die immer krumme Wege nahmen, sich schlangenhaft vorwärtsschoben, gleichsam nach rückwärts vorrückten, die, um den Triumph ihres Banners sicher zu machen, es durch den Schmutz schleiften und bäuchlings zum Kapitol emporgerutscht wären.
§
Schließlich gab es auch da und dort unterirdisch einige Klarblickende. Aber sie waren mehr zu ahnen als zu sehen. Diese melancholischen Glühwürmchen löschten vorsichtig ihre Laternen aus, sie hatten Todesangst, daß man einen Schimmer wahrnehmen könnte. Zwar waren sie frei von dem Wahn des Krieges, aber sie waren nicht gläubig genug zur Tat wider den Krieg, sie blieben bloß Fatalisten und Pessimisten.
Clerambault erkannte, daß auch die höchsten Fähigkeiten des Herzens und des Geistes nur die öffentliche Knechtschaft verstärken, wenn sie nicht mit persönlicher Energie gepaart sind. Der Stoizismus, der sich den Gesetzen des Weltalls unterwirft, ist ein Hemmnis im Kampf gegen die Grausamkeit einzelner Gesetze. Statt zum Schicksal zu sagen: „Nein, hier ist kein Weg für dich“ (man wird ja sehen, ob es doch hindurchgeht), tritt der Stoiker höflich zurück und sagt: „Bitte, treten Sie ein!“
Der kultivierte Heroismus, die Neigung für das Übermenschliche, für das Unmenschliche, macht die Seele durch die Opfer trunken, und je toller sie sind, um so herrlicher erscheinen sie. Die Christen von heute, großmütiger als ihr Meister, geben a l l e s dem Cäsar hin. Sobald er geruht, sie für irgendeinen Anlaß hinzuopfern, erklären sie diesen Anlaß schon für heilig. Fromm geben sie der Schande des Krieges die Glut ihres Glaubens hin und ihre Körper dem Scheiterhaufen. Die duldende, nachgiebige Resignation der Völker macht den Rücken krumm und läßt sich die Last aufladen: „Mach’ dir nichts draus!“ Zweifellos sind Jahrhunderte des Elends über diesen Stein dahingerollt. Aber auch der Stein verbraucht sich schließlich und wird Schlamm.
§
Clerambault versuchte mit dem einen oder dem andern zu sprechen. Überall aber stieß er auf denselben Mechanismus unterirdischen, halb unbewußten Widerstandes. Sie waren alle mit dem Willen, nicht zu verstehen, oder eigentlich mit einem beharrlichen Gegenwillen ehern umgürtet. Von Gegenargumenten wurde ihre Vernunft so wenig berührt, wie eine Ente vom Wasser. Im allgemeinen sind die Menschen zum Zweck ihrer Bequemlichkeit mit einer ganz unschätzbaren Eigenschaft ausgerüstet, sie können sich nämlich auf Wunsch blind und taub machen, wenn sie etwas nicht sehen oder hören wollen. Und haben sie schon durch irgendeinen peinlichen Zufall irgend etwas bemerkt, was ihnen lästig ist, so verstehen sie die Kunst, es sofort wieder zu vergessen. Wieviele Bürger gab es doch in allen Vaterländern, die genau wußten, wie es um die beiderseitige Verantwortlichkeit im Kriege stand, die genau die verhängnisvolle Rolle ihrer politischen Führer kannten, aber sie zogen vor, sich selbst zu betrügen und sich so zu stellen, als wüßten sie nichts davon. Schließlich gelang es ihnen sogar, das genaue Gegenteil zu glauben.
Wenn nun schon jeder, so rasch er konnte, vor sich selber auswich, kann man sich vorstellen, wie hastig sie erst vor jenen flohen, die wie Clerambault ihnen behilflich sein wollten, sich selber zu erwischen. Um sich davonzumachen, schämten sich diese klugen, ernsten und ehrenwerten Männer nicht, alle jene kleinen Schliche und unredlichen Kniffe anzuwenden, deren sich sonst nur rechthaberische Frauen und Kinder bedienen. Aus Angst vor der Diskussion, die sie beunruhigen könnte, sprangen sie beim ersten ungeschickten Worte Clerambaults auf, rissen es aus dem Zusammenhange, fälschten es, wie es ihnen paßte, um sich darüber dann künstlich aufzuregen, laut mit aufgerissenen Augen zu schreien, sich entrüstet zu stellen und es schließlich wirklich im höchsten Maße zu werden. Sie schrien Zetermordio, und wenn man ihnen das Gegenteil bewies und sie zur Richtigstellung zwang, sprangen sie auf, schlugen die Türen zu: „Jetzt habe ich genug“. Um dann zwei Tage oder zehn nachher die breitgeschlagenen Themen aufzunehmen, als ob nichts vorgefallen wäre.
Andere wieder, die noch heimtückischer waren, forderten in bewußter Absicht die Unvorsichtigkeit Clerambaults heraus, sie reizten ihn durch freundliches Entgegenkommen, mehr zu sagen, als er eigentlich wollte, um dann plötzlich loszubrechen. Die Wohlwollendsten beschuldigten ihn, daß es ihm an gesundem Menschenverstand fehlte. („Gesund“ sollte natürlich heißen: an „meinem“, an „unserem“.)
Andere wieder waren Schönredner, die vor einem Wortturnier keine Angst hatten und gern die Diskussion aufnahmen in der Hoffnung, das verirrte Schaf wieder zur Herde heim zu führen. Sie diskutierten nicht die Anschauung Clerambaults selbst, sondern nur, ob sie zeitgemäß sei, und appellierten an seine gute Gesinnung.
„Gewiß, gewiß. Sie haben im Grunde recht, im Grunde denke ich ganz so wie Sie, fast so wie Sie. O, ich verstehe Sie, lieber Freund... Aber, lieber Freund, seien Sie vorsichtig, vermeiden Sie es doch, die Gewissen der Kämpfer zu beunruhigen... Schwächen wir doch nicht ihre Kraft. Man darf nicht jede Wahrheit aussprechen, wenigstens nicht sofort. Die Ihre wird sehr schön sein... in fünfzig Jahren. Man darf nicht hastiger sein wollen als die Natur, man muß warten..., warten bis die Zeit für sie reif sein wird...“
„Abwarten? Was abwarten? Bis der Appetit der Ausbeuter oder die Dummheit der Ausgebeuteten müde geworden ist? Können Sie denn nicht verstehen, daß die klaren und durchdringenden Gedanken der Besseren, wenn sie zugunsten der Blinden und der Denkungsart niedriger Menschen auf das Wort verzichten, geradewegs dem Lauf der Natur widerstreben, der sie zu dienen vorgeben, daß sie gegen den Sinn der Geschichte handeln, unter den sich zu beugen sie als ihre eigenste Ehre empfinden? Heißt das die Absichten der Natur in Ergebenheit anerkennen, wenn man einen Teil, und gerade den besten ihres Sinnes, zum Schweigen bringt? Diese Auffassung, die dem Leben seine kühnste Kraft entzieht und sie den Leidenschaften der Masse unterordnet, würde dahin führen, die Vorhut zu vernichten, die große Masse der Armee ohne Führung zu lassen.... Wenn ein Kahn sich nach einer Seite neigt, wollt ihr mich hindern, mich auf die andere zu setzen, um ein Gegengewicht zu schaffen? Oder soll sich die ganze Besatzung auf die Seite setzen, wo er schon überneigt? Die fortgeschrittenen Ideen sind das von der Natur gewollte Gegengewicht gegen die schwere Vergangenheit, die ihnen entgegenwirkt. Ohne sie geht der Kahn unter. — Wie man diese Ideen aufnimmt, das ist für mich nebensächlich. Wer sie ausspricht, muß sich darauf gefaßt machen, gesteinigt zu werden, wer sie aber nicht ausspricht, macht sich ehrlos. Er ist gleichsam ein Soldat, der mit gefährlicher Botschaft während der Schlacht ausgesandt wird. Hat er das Recht, sich solchem Auftrag zu entziehen?“
Sobald sie sahen, daß ihr Zureden ohne Wirkung auf Clerambault blieb, demaskierten sie ihre Batterien und beschuldigten ihn erbittert einer lächerlichen und gefährlichen Eitelkeit. Sie fragten ihn, ob er sich klüger dünke als alle anderen, weil er seine Meinung der der Nation entgegensetze, und worauf er denn eigentlich sein ungeheuerliches Selbstgefühl stütze. Es sei Pflicht, demütig zu sein, bescheiden an seinem Platze inmitten der Gemeinschaft zu verharren, sich zu beugen, wo sie gesprochen habe, und — ob man sie für nützlich halte oder nicht — sich ihren Befehlen zu unterwerfen. Wehe dem Aufrührer gegen die Seele seines Volkes! Gegen sie recht behalten wollen, heißt unrecht haben. Und das Unrecht wird zum Verbrechen, in der Stunde der Tat. Die Republik verlangt, daß ihre Kinder ihr gehorchen.
„Die Republik oder der Tod“, sagte Clerambault ironisch. „Schönes Land der Freiheit. Frei! Ja, es ist frei, aber nur deshalb, weil es dort immer Seelen wie die meine gegeben hat und geben wird, Seelen, die sich weigern, ein Joch zu tragen, gegen das sich ihr Gewissen wehrt. Aber welche Nation von Tyrannen auch! Wir haben nichts damit gewonnen, daß wir die Bastille eroberten. Einst gebot man ewige Gefängnishaft, wenn sich einer gestattete, anders zu denken als sein Fürst, und fand den Scheiterhaufen ganz am Platze für den, der anders dachte als die Kirche. Heute muß man genau so denken wie vierzig Millionen Menschen, ihnen nachlaufen in ihren leidenschaftlichen Widersprüchen, heute brüllen „Nieder mit England!“, dann morgen wieder „Nieder mit Deutschland!“, übermorgen vielleicht „Nieder mit Italien!“, jede Woche etwas anderes, heute einem Mann oder einem Gedanken zujubeln, den man morgen wird beschimpfen müssen. Und wenn man sich weigert, so setzt man sich der Unehre oder einem Revolverschuß aus. Was für eine erbärmliche Knechtschaft, die erbärmlichste von allen!... Was für ein Recht haben denn hundert Seelen, tausend Seelen oder vierzig Millionen Seelen, von mir zu verlangen, daß ich meine Seele verleugne? Jeder von Ihnen hat doch wie ich selbst nur eine. Vierzig Millionen Seelen zusammen bilden allzu oft nur eine Seele, die sich vierzigmillionenmal verleugnet... Ich denke, was ich denke, so denkt auch ihr, was ihr denkt!
Die lebendige Wahrheit kann nur aus dem Gleichgewicht entgegengesetzter Ideen entstehen. Damit alle Bürger den Staat ehren können, tut es not, daß der Staat auch seine Bürger ehre. Jeder von Ihnen hat seine Seele und hat sein Recht darauf, und seine erste Pflicht ist, sie nicht zu verraten, niemals den Zusammenhang mit seinem Gewissen zu verlieren.... Ich gebe mich keinem Wahn hin, ich maße meinem Gewissen keine übertriebene Bedeutung in einem stürzenden Weltall bei. Aber so wenig wir auch sein mögen, so wenig wir auch tun mögen, das, was man ist, muß man schlicht und stark sein, das, was man tut, schlicht und stark tun. Jeder kann sich täuschen, aber ob er sich täuscht oder nicht, er muß aufrichtig sein. Ein aufrichtiger Irrtum ist keine Lüge, er ist nur ein Schritt auf die Wahrheit zu. Lüge ist, vor der Wahrheit Angst haben und sie ersticken wollen. Wenn ihr tausendmal recht habt gegen einen aufrichtigen Irrtum — im Augenblick, wo ihr zur Gewalt greift, um ihn zu vernichten, begeht ihr das niedrigste Verbrechen gegen die Vernunft selbst. Wo die Vernunft verfolgt und der Irrtum verfolgt wird, bin ich für den Verfolgten, denn der Irrtum ist ebenso ein Recht wie die Wahrheit... Wahrheit? Wahrheit?... Wahrheit ist das ewige Suchen nach der Wahrheit. Achtet die Anstrengungen jener, die sich mühen, sie zu finden. Wenn man einen Menschen, der sich mühsam auf einem anderen Wege durchringt, verfolgt, weil er eine für den menschlichen Fortschritt weniger unmenschliche Bahn finden will — und sie vielleicht niemals findet —, so macht man aus ihm einen Märtyrer. Ihr sagt, euer Weg sei der bessere, der einzig gute? So geht ihn doch und laßt mich den meinen gehen! Ich zwinge euch ja nicht, mir zu folgen. Was regt ihr euch so auf? Habt ihr am Ende Angst, ich könnte recht haben?“
§
Clerambault beschloß, noch einmal Perrotin aufzusuchen. Trotz des Gefühls traurigen Mitleids, das jene letzte Begegnung in ihm hervorgerufen hatte, verstand er nun Perrotins ironische und kluge Haltung gegenüber der Welt besser. Und so sehr auch seine Achtung für den Charakter des alten Gelehrten nachgelassen hatte, seine Bewunderung für die hohe geistige Kraft desselben blieb doch unversehrt: noch immer betrachtete er ihn als einen Führer, der ihm helfen könnte, sich selbst zu erleuchten.
Man kann sich leicht denken, daß Perrotin sich nicht übermäßig entzückt zeigte, Clerambault wiederzusehen. Er war doch zu fein veranlagt, um nicht eine unangenehme Erinnerung an die kleine Feigheit bewahrt zu haben, die er damals nicht nur begangen (denn daraus machte er sich längst nichts mehr, daran war er zu gewöhnt), sondern die er stillschweigend vor dem Blicke eines makellosen Zeugen hatte bekennen müssen. Er sah eine Auseinandersetzung voraus, und Auseinandersetzungen mit Menschen von feststehender Überzeugung waren ihm ein Greuel. (Es gibt ja dann gar kein Amusement mehr, solche Leute nehmen alles ganz ernst.) Aber als höflicher, eigentlich gutmütiger und schwacher Mensch war er unfähig sich zu wehren, wenn man ihn geradeaus anpackte. Er versuchte zuerst, alle ernsten Gespräche auszuschalten. Als er aber merkte, daß Clerambault wirklich seiner bedurfte, und er ihn vielleicht von irgendeiner Unbedachtheit zurückhalten könnte, entschloß er sich mit einem Seufzer, ihm seinen Vormittag zu opfern.
Clerambault entwickelte ihm das Resultat seiner Bemühungen. Er war nun vollkommen klar darüber, daß die gegenwärtige Welt sich einem andern Ideal als dem seinen unterwarf. Er selbst hatte ja früher gleichfalls dies Ideal geteilt, ihm gedient und es gefeiert, und noch heute war er gerecht genug, ihm eine gewisse Schönheit zuzuerkennen. Bei den letzten Prüfungen war er aber auch des Sinnlosen und Widrigen dieses Ideals bewußt geworden und er fühlte, da er sich von ihm losgelöst hatte, sich nun genötigt, sich zu einem andern zu bekennen, das verhängnisvollerweise ihn mit dem früheren in Konflikt brachte. In kurzen und leidenschaftlichen Ausdrücken entwickelte Clerambault dieses neue Ideal und bat Perrotin, ihm klar und offen mit Hintansetzung jeder Höflichkeit und jeder Schonung zu sagen, ob er es richtig fände oder falsch. Perrotin nun, betroffen von Clerambaults tragischem Ernst, änderte sofort seinen Ton und stimmte ihm zu.
„Habe ich also unrecht?“ fragte Clerambault ganz voll Angst, „ich sehe gut, daß ich allein bin, aber ich kann nicht anders. Sagen Sie also, ohne mich zu schonen: ist es ein Unrecht von mir, daß ich das denke, was ich denke?“
Perrotin antwortete mit Ernst:
„Nein, mein Freund, Sie haben vollkommen recht.“
„Also ist es meine Pflicht, den mörderischen Irrtum der andern zu bekämpfen?“
„Das ist wieder eine andere Sache.“
„Habe ich also die Wahrheit nur dazu, um sie zu verraten?“
„Die Wahrheit, mein Freund... (nein, sehen Sie mich nicht so an!) Sie glauben jetzt, daß ich so wie jener andere sagen werde: „Was ist Wahrheit?“ Nein.... Ich liebe sie ebenso wie Sie und vielleicht länger als Sie.... Aber die Wahrheit, mein Freund, ist höher, weiter als Sie, als wir, als alle, die jemals lebten, leben und leben werden.... Immer wenn wir meinen, dieser großen Göttin zu dienen, dienen wir nur den _Di minores_, den Heiligen der Seitenkapellen, die von der großen Masse abwechselnd vergöttert und verlassen werden. Gewiß kann das nicht unsere, nicht Ihre und nicht meine Wahrheit sein, zu deren Ehre sich die heutige Welt mit korybantischer Leidenschaft hinschlachtet und verstümmelt. Das Ideal des Vaterlandes ist das eines großen grausamen Gottes, das der Zukunft im mythischen Bilde eines Chronos als Schreckgespenst, oder seines olympischen Sohnes, den Christus entthronte, erscheinen wird. Ihr Menschheitsideal ist auf einer höheren Stufe und kündigt einen neuen Gott an. Aber auch dieser Gott wird später von einem anderen entthront werden, der noch höher steht und noch mehr vom Weltall umfängt. Das Ideal wie das Leben hören nicht auf, sich zu entwickeln, und dieses unablässige Werden ist für einen freien Geist der wirkliche Inhalt der Welt. — Aber wenn es auch dem Geist gegeben ist, die Stufen dieser Entwicklung ungestraft im Fluge zu überspringen, so kommt man doch in dieser Welt der Tatsachen nur Schritt für Schritt vorwärts. In einem ganzen Leben dringt man vielleicht nur um ein paar Zoll vor.
Die Menschheit hat lahme Beine und Ihr ganzes Unrecht, Ihr einziges Unrecht ist, daß Sie ihr voraus sind um einen oder mehrere Tagemärsche. Aber gerade dieses Unrecht verzeiht man einem Menschen am wenigsten.... Und das geschieht vielleicht nicht ohne Grund. Denn wenn ein Ideal, wie jetzt jenes des Vaterlandes, gleichzeitig mit der Gesellschaftsform, von der es getragen wird, altert, so wird es bösartig und speit sein gefährlichstes Feuer aus. Der kleinste Zweifel an seiner Berechtigung macht es toll, denn der Zweifel steckt schon in ihm selbst. Täuschen wir uns nicht darüber: Die Millionen Menschen, die sich heute im Namen des Vaterlandes hinschlachten lassen, haben nicht mehr das junge gläubige Vertrauen von 1792 oder 1813, obwohl heute viel größere Ruinen und Trümmer aufrufen. Viele derer, die sterben, und selbst die, die sich bewußt töten lassen, fühlen im tiefsten Grunde ihrer Seele das furchtbare Nagen des Zweifels. Aber einmal in die Falle gegangen, zu schwach, aus ihr auszubrechen oder sich einen Ausweg zu erdenken, verbinden sie sich die Augen und werfen sich in den Abgrund, während sie gleichzeitig voll Verzweiflung ihren schon erloschenen Glauben bekennen. Aber vor allem schleudern sie in der Erbitterung einer uneingestandenen Rache diejenigen hinein, die durch ihre Worte oder ihre Haltung den Zweifel in ihnen erweckt haben. Denjenigen, die für einen Wahn sterben, diesen Wahn nehmen wollen, heißt, sie zweimal sterben lassen.“
Clerambault faßte ihn bei der Hand, damit er nicht weiterspräche. „O, Sie brauchen mir das nicht zu sagen, was mich ohnehin quält! Glauben Sie denn, daß ich nicht selbst die Angst fühle, diese Unglücklichen noch mehr zu verwirren? Ja, ich möchte den Glauben dieser armen Jungen schonen, nicht einen einzigen dieser Armen unglücklich machen, aber, mein Gott, was soll ich tun? Helfen Sie mir, aus diesem Zwiespalt herauszukommen, ob man das Böse ruhig geschehen lassen soll, die andern ruhig sich vernichten lassen, oder es wagen, ihnen noch mehr wehe zu tun, sie in ihrem Glauben zu verletzen und sich ihrem Haß auszuliefern eben dadurch, daß man sie retten will. Welches ist das richtige Gebot?“
„Sich selbst zu retten!“
„Mich selbst retten, heißt mich vernichten, wenn ich etwas auf Kosten der andern tue. Wenn wir nichts für sie tun — Sie, ich, denn wenn wir uns auch alle verbinden, sind wir doch noch immer zu wenige — dann geht Europa, dann geht die Welt zugrunde....“
Perrotin, die Ellbogen auf die Lehne gestützt, die Hände über seinem Buddhabauch gefaltet und die Daumen drehend, sah Clerambault auf das gutmütigste an, hob den Kopf und sagte: