Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege
Part 7
Die Philosophen herrschten im Reiche der abstrakten Konstruktion. Sie exzellierten in der Kunst, das Konkrete durch Abstraktion, das Wirkliche durch seinen Schatten zu erklären, einige rasch und parteiisch gewählte Beobachtungen zum System zu erheben und dank ihrer Tüftelei aus diesen Systemen wieder Gesetze herauszuschwindeln, nach denen das Weltall wandeln sollte. Ihre ganze Mühe erschöpfte sich darin, das vielfältige und wandlungsvolle Leben der Einheit des Geistes fügsam zu machen — natürlich nur der Einheit ihres eigenen Geistes. Dieser Imperialismus der Vernunft stützte sich auf die willfährige Büberei jahrelang geübter Sophistik, die gewohnt war, mit Ideen zu spielen. Sie verstanden nur zu gut, sie auseinander- und wieder zusammenzuziehen, sie zu formen und zu pressen wie Knetgummi, für sie wäre es nicht schwer gewesen, ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen zu lassen. Sie wußten ebensogut das Weiße wie das Schwarze zu beweisen, und fanden, ganz wie es ihnen beliebte, in Immanuel Kant bald die Freiheit der Welt, bald den preußischen Militarismus.
Die Historiker wieder waren als bewährte Schriftführer, Notare und Rechtsanwälte des Staates zum Schutz seiner Verträge und Rechte beigestellt und bis an die Zähne bewaffnet für zukünftige Schikanen.... Die Geschichte! Was ist denn die Geschichte? Einzig die Geschichte des Erfolges, die Darstellung der vollzogenen Tatsachen, gleichgültig, ob sie gerecht oder ungerecht waren. An den Besiegten geht die Geschichte vorbei. Sie hat nur Schweigen für euch, ihr Perser von Salamis, ihr Sklaven des Spartakus, ihr Gallier, ihr Araber von Poitiers, ihr Albingenser, Irländer, Indier von West und Ost und ihr Eingebornen der Kolonien!... Wenn ein ehrlich denkender Mann, der Ungerechtigkeit seiner Zeit ausgesetzt, zu seinem eigenen Troste seine Hoffnung auf die Nachwelt setzt, so verschließt er die Augen vor den geringen Möglichkeiten, die jene Nachwelt hat, sich wahrhaft über die Vergangenheit Rechenschaft zu geben. Die Nachwelt erfährt immer nur das, was die Sachwalter der offiziellen Geschichte als vorteilhaft für die Sache ihres Klienten, des Staates, empfanden, es sei denn, daß der Rechtsanwalt der Gegenpartei, entweder der einer anderen Nation oder der einer sozialen oder religiösen unterdrückten Gruppe, seinen Einwand machte. Aber dafür besteht wenig Aussicht: das Geheimnis ist gut gewahrt.
Schönredner, Sophisten und Winkeladvokaten, das waren die drei Korporationen der staatlich patentierten philosophischen Fakultät.
Die „Wissenschaftler“ wären durch die Art ihrer Forschung ein wenig besser in der Lage gewesen, außerhalb der Beeinflussung und Berührung der Umwelt zu bleiben — vorausgesetzt, daß sie in ihrer Studienwelt verharrt hätten. Aber man hatte sie daraus vertrieben. Die praktische Anwendung der Wissenschaft hat eine so ungemeine Ausdehnung in der lebendigen Wirklichkeit eingenommen, daß die Gelehrten in die erste Reihe des Kampfes geschleudert wurden, wo sie unausweichlich der ansteckenden Berührung der öffentlichen Meinung ausgesetzt waren. Ihre Eigenliebe fand sich ganz unmittelbar an dem Siege der Allgemeinheit interessiert, denn diese benötigte ebenso den Heroismus der Soldaten wie die törichten Ansichten und die Lügen der Presse. Nur ganz wenige unter ihnen hatten die Kraft sich freizumachen, die meisten aber brachten die ganze Strenge, Härte und Unerbittlichkeit des geometrischen Geistes mit sich, dazu noch die professionellen Eifersüchteleien, die ja zwischen den verschiedenen Gelehrtengruppen der verschiedenen Länder immer sehr scharfe sind.
Die Schriftsteller schlechtweg, die Dichter, Romanciers, die Schaffenden ohne staatliche Bindung hätten den Vorteil ihrer Unabhängigkeit ausnützen können. Leider aber sind nur ganz wenige unter ihnen imstande, von sich selbst aus Ereignisse zu beurteilen, die die Grenzen ihrer gewöhnlichen ästhetischen oder geschäftlichen Betätigung überschreiten. Die meisten unter ihnen, und oft gerade die berühmtesten, sind ungebildet wie Karpfen. Das Beste wäre nun natürlich für sie gewesen, sie wären in ihrem beschränkten Gesichtskreise verblieben, wozu sie ihr natürlicher Instinkt eigentlich hätte leiten sollen. Aber ihre Eitelkeit fühlte sich törichterweise angestachelt, sich in die öffentlichen Geschehnisse einzumengen und auch ihrerseits ihr Wort über das Weltall zu sprechen. Da sie nun selbst nichts darüber zu sagen wußten als Verkehrtheiten, so inspirierten sie sich mangels persönlicher Meinung an Gemeinplätzen. Ihre Äußerungen sind bei einem solchen gewaltsamen Anlaß natürlich ungemein lebhaft, denn sie sind überempfindlich und von einer krankhaften Eitelkeit, die, da sie keine eigenen Gedanken auszudrücken vermag, diejenigen der anderen maßlos übertreibt. Dies ist ihre einzige Originalität, und Gott weiß, wie reichlich sie davon Gebrauch gemacht haben.
Wer bleibt also? Die Diener der Kirche? Gerade sie handhabten das schwere Geschütz: die Idee der Gerechtigkeit, der Wahrheit, des Guten und Gottes, auch sie hatten diese Artillerie in den Dienst ihrer Leidenschaften gestellt. Ihre unsinnige Anmaßung, die ihnen selbst nicht mehr bewußt ist, hat von Gott einfach Besitz ergriffen und sich das Privileg zugeschrieben, ihn _en gros_ oder _en détail_ zu verschleißen. Es fehlt ihnen dabei nicht so sehr an Aufrichtigkeit, an Tugend und selbst an Güte wie an Demut; gerade die Demut, die sie verkündigen, haben sie am wenigsten. Sie besteht für sie einzig darin, ihren Nabel zu betrachten, wie er sich im Talmud, der Bibel oder dem Evangelium spiegelt. In ihrem unmäßigen Stolz sind sie nicht weit von jenem mythischen Narren, der sich selbst für Gottvater hielt. Ist es wirklich um so viel weniger närrisch und um so viel weniger gefährlich, sich für seinen Stellvertreter oder seinen Schriftführer zu halten?
Clerambault fühlte entsetzt den krankhaften und fast hinfälligen Zustand der intellektuellen Klüngel. Das Übermaß der Organisation und der Gedankenübermittlung in der bürgerlichen Klasse hat etwas Verzerrtes und Mißgeburthaftes an sich. Das lebendige Gleichmaß ist zerstört, eine Bureaukratie des Geistes dünkt sich dem einfachen Arbeiter ungemein überlegen. Sicherlich ist sie nützlich — wer denkt daran das zu leugnen! Sie rafft ja Gedanken zusammen und ordnet sie in Register, sie verwandelt und verwendet sie im vielfältigsten Aufbau. Aber wie selten kommt es ihr in den Sinn, die Substanz, die sie zu ihrem Werk verwendet, zu prüfen und ihren Ideeninhalt zu erneuern. So bleibt sie die eifersüchtige Hüterin eines wertlos gewordenen Schatzes.
Wäre wenigstens dieser Irrtum ein ungefährlicher! Aber Ideen, die man nicht unablässig mit der Wirklichkeit vergleicht, die sich nicht in jeder Stunde im Strom der lebendigen Erfahrung baden, trocknen ein und werden dann giftige Substanzen. Sie werfen über das neue Leben ihre schweren Schatten, die Nacht verbreiten und Fieberschauer ausstreuen.
Wie stupide ist doch diese Behexung durch abstrakte Worte! Was hat es denn für einen Sinn, die Könige abzusetzen und diejenigen zu verlachen, die für ihre Gebieter sterben, wenn man an ihre Stelle nur tyrannische Wesenheiten setzt, die man mit den Flittern jener anderen bekleidet? Besser ein Monarch mit Fleisch und Knochen, den man sieht, den man fassen und unterdrücken kann, als diese Abstraktionen, diese Despoten, die keiner kennt und keiner jemals gekannt hat.... Denn wir haben mit den großen Eunuchen, mit den Priestern des „verborgenen Krokodils“, wie Taine es nannte, mit den ränkeschmiedenden Ministern zu tun, die das Götzenbild sprechen lassen. Ah, wenn diese Schleier doch endlich zerreißen und wir die Bestie kennen würden, die sich in uns versteckt! Es wäre weniger Gefahr für den Menschen darin, offenkundig eine Bestie zu sein, als die Brutalität hinter einem lügnerischen, kranken Idealismus zu verstecken, der die tierischen Instinkte nicht vernichtet, sondern sie vergöttlicht. Er idealisiert sie, um sie später zu rechtfertigen, und da er dies nicht vermag, ohne sie künstlich auf das Äußerste zu vereinfachen (dies ist ein Gesetz seiner geistigen Natur, die, um zu verstehen, ebensoviel zerstört als sie aufnimmt), so nimmt er ihnen, indem er sie nach einer einzigen Richtung hin verstärkt, ihre wahre Natur. Alles, was sich dann von dieser vorgeschriebenen Linie entfernt, was die enge Logik seiner geistigen Konstruktion stört, das leugnet er nicht bloß, sondern schafft es einfach zur Seite und befiehlt seine Vernichtung im Namen der geheiligten Prinzipien. So richtet er in der lebendigen Unendlichkeit der Natur riesige Verwüstungen an, damit nur einzig jene Gedanken stehen bleiben, die er sich ausgewählt hat und die sich dann in der Wüste und zwischen den Ruinen grauenhaft groß und einsam entwickeln, wie zum Beispiel die bedrückende Macht der despotischen Begriffsformen der Familie, des Vaterlandes und der beschränkten, blinden, tyrannischen Moral, die man in deren Dienst stellte. Der Unglückliche ist dann noch darauf stolz, obwohl er doch ihr Opfer ist. Längst würde es die Menschheit nicht mehr wagen, zuzugeben, daß sie sich für ihren bloßen Vorteil hinschlachtet. Ihres Vorteils, ihrer Geschäfte, ihrer Interessen rühmen sie sich längst nicht mehr, sie rühmen sich nur ihrer Ideen, die tausendmal mörderischer sind. Denn der Mensch sieht in den Ideen, für die er kämpft, seine menschliche Überlegenheit. Ich sehe seine Narrheit darin. Der kriegerische Idealismus ist eine Krankheit, die ihm allein vorbehalten ist, und seine Resultate sind denen des Alkoholismus ähnlich. Er schafft Einlaß für tausendmal so viel Schlechtigkeit und Verbrechen, halluziniert das geschwächte Denken mit Wahnbildern, denen er dann die Lebendigen aufopfert.
Welch ein tolles Schauspiel, wenn man sich in die Menschenschädel hinein versetzt denkt! Eine wilde Jagd von Gespenstern, die aus fiebernden Gehirnen aufsteigen: Gerechtigkeit, Freiheit, Recht und Vaterland... Und alle diese armen Gehirne sind gleich aufrichtig und klagen alle anderen an, es nicht zu sein. Und von diesem phantastischen Kampf zwischen mythischen Schatten sieht man von außen nichts als die Zuckungen und die Schreie der menschlichen Wesen, die von diesen Dämonenscharen besessen sind.... Und unter diesen blitzgeladenen Wolken, wo diese großen wütenden Vögel kämpfen, wimmeln und schieben sich die Wirklichkeitsmenschen, die Geschäftsleute, wie Ungeziefer in einem Pelz — offene Mäuler, gierige Hände — und hetzen heimtückisch zu dem Wahn, den sie ausbeuten, ohne ihn zu teilen.
O Gedanke, du furchtbare und schöne Blume, die aus dem Erdreich jahrhundertealter Instinkte aufwächst, welch ein Element bist du! Du dringst in den Menschen ein, du durchdringst ihn, aber du stammst nicht aus ihm, dein Ursprung ist ihm fremd und deine Kraft geht über ihn hinaus. Die Sinne des Menschen sind ihrem täglichen Gebrauch so ziemlich angepaßt, der Gedanke aber ist es nicht, er strömt über den Menschen hinaus. Er bringt ihn zur Verzweiflung. Eine unendlich kleine Zahl von Menschen vermag es, in diesem Strom ihre eigene Richtung beizubehalten, die große Masse aber wird ins Zufällige hingeschwemmt. Die ungeheure Kraft des Gedankens steht nicht im Dienst des Menschen; er versucht bloß, sich seiner zu bedienen, und die größte Gefahr ist, daß er vermeint, er sei sein Herr. In Wirklichkeit ist er wie ein Kind, das mit Explosivkörpern spielt. Es ist ein Mißverhältnis zwischen diesen gewaltigen Sprengmitteln und dem Zweck, für den sie die schwachen Hände des Menschen verwerten. Und manchmal sprengen sie eben alles in die Luft...
Wie dieser Gefahr begegnen? Den Gedanken ersticken? Die trunkenen Ideen ausroden? Das hieße, den Menschengeist entmannen, ihn des stärksten Anreizes zum Leben berauben. Und doch ist der Alkohol des Gedankens ein um so gefährlicheres Gift, als es den Massen meist in gefälschten Drogen eingegeben wird.... Mensch, werde nüchtern! Schau um dich, reiße dich los von den fremden Ideen, werde unabhängig von deinen eigenen Gedanken. Lerne den Riesenkampf dieser rasenden Phantome, die sich untereinander zerreißen, beherrschen. Vaterland, Recht, Freiheit, ihr großen Göttinnen, wir wollen euch vor allem eures Nimbusses entkleiden. Steigt nieder aus dem Olymp, kommt herab in eine Krippe wie Jesus, ohne Schmuck und ohne Waffen, reich nur durch eure Schönheit und unsere Liebe!... Ich kenne keine Götter namens Gerechtigkeit und Freiheit! Ich kenne nur meine Menschenbrüder und ihre Taten, die bald gerecht, bald ungerecht sind. Und ich kenne die Völker, die alle der wahren Freiheit beraubt sind, die alle sich nach der Freiheit sehnen und die doch alle sich mehr oder minder unterdrücken lassen.
§
Der Anblick dieser Welt inmitten ihres hitzigen Fiebers hätte einem Weisen das Verlangen eingeflößt, sich in irgendeinen Winkel zurückzuziehen und den Anfall vorübergehen zu lassen. Aber Clerambault war kein Weiser. Er wußte nur, daß er es nicht war. Er wußte, daß Sprechen nutzlos sei, und wußte doch zugleich, daß man sprechen müsse, wußte, daß er sprechen werde. Er trachtete nur, so lange als möglich den gefährlichen Augenblick zu verzögern, und seine Ängstlichkeit, die es sich noch nicht ausdenken konnte, allein im Kampfe gegen alle zu stehen, suchte rings um sich einen Gedankengefährten. Wäre man nur zu zweit oder dritt, so wäre es doch schon weniger hart, den Kampf zu beginnen.
Die ersten, deren Sympathie er vorsichtig zu suchen begann, waren arme Menschen, die, wie er, einen Sohn verloren hatten. Der Vater, ein bekannter Maler, hatte ein Atelier in der Rue Notre-Dame des Champs. Seit Jahren waren die Omer-Calvilles den Clerambaults liebe Nachbarn, ein gutes altes Ehepaar, sehr bürgerlich und sehr zärtlich vereint. Sie hatten jene Milde des Denkens, wie sie einer ganzen Reihe von Künstlern jener Zeit gemeinsam war, die Carrière nahegestanden und von der Lehre Tolstois von fern berührt worden waren. Ihre Schlichtheit, obwohl ein wenig künstlich, kam doch aus einer natürlichen Gutmütigkeit: die Tagesmode hatte sie nur ein wenig zu sehr unterstrichen. Niemand ist unfähiger, die Leidenschaften des Krieges zu verstehen, als Künstler dieser Art, die aufrichtig die religiöse Hochachtung vor allem Lebendigen zu ihrem Bekenntnis gemacht haben. Selbst in den ersten Kriegsmonaten hatten sich die Calvilles außerhalb der leidenschaftlichen Strömung gehalten, sie protestierten nicht dagegen, sie nahmen sie traurig, würdig hin, wie man eben Krankheit, Tod und die Schlechtigkeit der Menschheit hinnimmt. Die glühenden Gedichte Clerambaults, die er ihnen vorlas, hatten sie höflich angehört, doch sie fanden kein Echo bei ihnen... Aber seltsam, in der gleichen Stunde, wo Clerambault, ernüchtert vom kriegerischen Wahn, daran dachte, sich mit ihnen zu vereinen, entfernten sie sich von ihm, denn nun rückten sie an jene Stelle, die er eben verlassen hatte. Der Tod ihres Kindes hatte auf sie gerade die gegenteilige Wirkung von jener, die Clerambault verwandelt hatte: jetzt traten sie linkisch in den Kampf, gleichsam, um den Verlorenen zu ersetzen; Clerambault fand sie mitten in ihrem Elend, ganz beglückt durch die Nachricht, Amerika sei bereit, den Krieg zwanzig Jahre lang zu führen. Er versuchte zu sagen:
„Was bleibt denn noch in zwanzig Jahren von Frankreich, von Europa übrig?“
Aber mit einer hastigen Erregung schoben jene diesen Gedanken sofort zur Seite. Es schien, als sei es ihnen unbequem, daran zu denken oder davon zu sprechen. Jetzt handelte es sich einzig darum, zu siegen. Um welchen Preis? Das würde man nachher berechnen. — Siegen! — Wenn es dann in Frankreich keine Sieger mehr gäbe? Gleichgültig! Wenn nur die anderen, die da drüben, besiegt würden. Nein, das Blut ihres toten Kindes durfte nicht vergebens vergossen sein!
Und Clerambault dachte:
„Ist es nötig, daß zur Rache für ihn noch andere unschuldige Opfer hingeschlachtet werden?“
Und im Grunde dieser Seelen, dieser sonst wirklich guten Menschen las er:
„Warum denn nicht?“
Und er las es bei allen jenen, die wie die Calvilles im Kriege das Teuerste verloren hatten, einen Sohn, einen Gatten, einen Bruder:
„Mögen die anderen auch leiden! Wir haben auch gelitten! Wir haben nichts mehr zu verlieren.“
Wirklich nichts mehr? Doch! Eine einzige Sache, die der eifersüchtige Egoismus verbarg: ihren Glauben an den Nutzen ihres Opfers. Und diesen Glauben wollten sie sich nicht erschüttern lassen, um keinen Preis. Sie verboten es sich, daran zu zweifeln, daß es eine heilige Sache sei, für die ihre Toten gefallen waren. Und das wußten die Herren des Krieges wohl und verstanden es auf das beste, dieses Lockmittel auszunützen! — Nein, in diesen Trauerhäusern war kein Raum für den Zweifel Clerambaults und für sein Mitleid!
„Wer hat Mitleid mit uns gehabt?“ dachten diese Unglücklichen. „Und warum sollen dann wir welches haben?“
Es gab unter ihnen einige, die weniger hart getroffen waren. Aber was alle diese Leute der Bourgeoisie charakterisierte, war die Hypnose der großen Worte der Vergangenheit, unter der sie lebten, „der Wohlfahrtsausschuß... das Vaterland in Gefahr... Plutarchs Biographien... der alte Horaz“. Es war für sie unmöglich, die Gegenwart mit den Augen von heute zu sehen. Aber hatten sie denn überhaupt noch Augen, um zu sehen? Wieviele innerhalb der Bürgerwelt unserer Tage haben denn außerhalb des engen Kreises ihrer Geschäfte in den letzten dreißig Jahren die Kraft und den Willen gehabt, aus Eigenem denken zu wollen? Das fiel ihnen nicht einmal im Traume ein. So wie ihr Essen, servierte man ihnen ihre Gedanken fertig und gar gekocht und sogar noch bedeutend billiger. Für ein Geringes fanden sie sie täglich in der Zeitung. Die Begabteren, die sie in den Büchern suchten, gaben sich nicht die nötige Mühe, sie im Leben zu suchen, und behaupteten, daß sich das Leben in den Büchern spiegle. Wie bei Greisen verkalkten ihre Gliedmaßen, versteinerte ihr Geist.
In der breiten Herde dieser Wiederkäuerseelen, die ihr Futter von den Weiden der Vergangenheit nahmen, zeichneten sich damals besonders die Gruppen der strenggläubigen französischen Revolutionäre aus. Zur Zeit des 16. Mai und lange nachher noch, hatten sie als Brandstifter in der immer rückständigen Bourgeoisie gegolten. Nun aber, als gesetzte und wohlbestallte Fünfzigjährige, erinnerten sie sich mit Stolz, wie Erwachsene eben auf ihre Jungenstreiche stolz sind, an das Entsetzen, das ihre einstige, längst vergangene Kühnheit verursacht hatte. Vor ihrem eigenen Spiegel hatten sie sich nicht verändert, aber die Welt um sie war eine andere geworden, ohne daß sie dessen gewahr wurden, denn sie blickten ja immer nur auf die abgelebten Modelle, deren Gedanken sie nachbeteten. Es gibt einen merkwürdigen Nachahmungsinstinkt, ein Knechtschaftsbedürfnis des Denkens, das von einem losgelösten Stück Weltgeschichte nicht mehr loskommt. Statt Proteus, das ewige wandelhafte Leben, in seinem Fortgange zu verfolgen, rafft es die alte Haut auf, aus der die junge Schlange längst ausgebrochen ist, und versucht sie wieder darin einzunähen. Diese fanatischen Pedanten verblichener Revolutionen behaupten, daß alle zukünftigen Umwälzungen notwendig nach dem Modell der alten, toten Formen zurechtgeschnitten werden müssen, und vor allem dulden sie nicht, daß irgendeine neue Freiheit ein anderes Tempo einschlage und die Grenzen überschreite, an denen jene großmütterliche von 1793 erschöpft haltgemacht hatte. Ihr Zorn richtet sich darum weit mehr gegen die Respektlosigkeit der Jugend, die über sie hinaus will, als gegen das Gekläff der Greise, über die sie selbst hinausgekommen sind. Und das hat seinen guten Grund, denn an der Existenz dieser Jungen erkennen sie, daß sie selbst alt geworden sind. Und darum kläffen sie gegen sie.
In diesen Dingen wird sich nichts ändern. Ganz selten nur gestatten einige seltene Geister, wenn sie altern, dem Leben, daß es über sie hinaus seinen Lauf weiter nehme, und genießen großmütig, wenn ihre eigenen Augen erlöschen, die Zukunft mit den Augen ihrer Nachfolger. Aber die meisten von jenen, die als Junge die Freiheit geliebt hatten, wollen aus ihr einen Käfig für die neue Brut machen, sobald sie selber nicht mehr fliegen können.
Der Internationalismus von heute fand keine erbitterteren Gegner als jene Diener des national-revolutionären Kultes im Sinne Dantons oder Robespierres. Sie selber verstanden sich nicht untereinander, die Anhänger Dantons und Robespierres, zwischen denen sich noch immer der Schatten der Guillotine aufrichtet, sie beschimpften sich gegenseitig drohend als Ketzer. Aber in einem waren sie ganz einig: alle jene der äußersten Bestrafung zuzuführen, die nicht glauben wollten, daß man die Freiheit mit Kanonenmündungen verbreiten kann, die jede Gewalt gleicherweise verwarfen, ob sie nun von Cäsar oder von Demos und seinen Lederzurichtern kam, gleichgültig, ob sie im Namen des „alten Gottes“ gepredigt wurde oder des „jungen“, der Freiheit und des Rechts. Die Masken ändern sich, aber das blutige Maul unter der Maske bleibt immer dasselbe.
Clerambault kannte eine ganze Reihe solcher Fanatiker, aber es war ebenso wenig möglich, sich mit ihnen darüber auszusprechen, ob sich das Gerade und das Krumme nicht vielleicht doch auf beiden Seiten fände, wie für einen Manichäer, mit der heiligen Inquisition zu streiten. Auch die sozialen, die bürgerlichen Religionen haben ihre großen Seminare und geheimen Gesellschaften, in denen das Beweismaterial der Lehre sorgfältig aufgestapelt wird. Wer sich davon ausschließt, wird exkommuniziert, so lange wenigstens, bis er selbst der Vergangenheit angehört. Dann winkt ihm die Möglichkeit, selbst vergöttlicht und zur Exkommunizierung Späterer mißbraucht zu werden.
§
Aber wenn Clerambault sich nicht versucht fühlte, diese harten Intellektuellen, die hinter ihrer engen Wahrheit verschanzt waren, zu einer Änderung ihrer Gesinnung zu bewegen, so kannte er doch andere, die diesen Sicherheitsdünkel durchaus nicht hatten. Ganz im Gegenteil: Ihr Fehler war wiederum allzu große Wandlungsfähigkeit und dilettantische Nachgiebigkeit. Arsène Asselin war einer dieser Art, ein liebenswürdiger Pariser Junggeselle aus der guten Gesellschaft, klug und skeptisch zugleich. Jeder Verstoß im Geschmack oder im Ausdruck beleidigte sein Empfinden. Wie hätte ihm also diese Übertriebenheit des Denkens gefallen sollen, diese Treibhaushitze, in der der Krieg hochgezüchtet wurde. Seine kritische Vernunft, seine Ironie mußten dem Zweifel geneigt sein. So gab es also keinen rechten Grund, daß er die Ansichten Clerambaults nicht teilen sollte.... Und wirklich, im Anfang hatte nur ein Haar gefehlt, daß er so dachte wie Clerambault, seine Entscheidung war nur ganz zufällig anders gefallen. Aber sobald er einmal den Fuß in die eine Richtung gesetzt hatte, schien es ihm unmöglich umzukehren, und je mehr er hineintrieb, um so trotziger wurde er. Die französische Eigenliebe wird nie einen Irrtum eingestehen, sondern eher sich für ihn töten lassen. Aber überhaupt, Franzose oder nicht, wie viele Menschen gibt es denn in der Welt, die den Mut haben zu sagen:
„Ich habe mich getäuscht, jetzt heißt es von vorn anfangen.“ Nein, lieber die Tatsachen leugnen... Bis ans Ende durch!... Und krepieren.