Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege
Part 9
„Ihre Menschengüte, Ihre künstlerische Empfindsamkeit täuschen Sie glücklicherweise, mein Freund. Die Welt ist noch nicht am Ende, die hat schon andere Dinge gesehen und wird noch andere sehen. Das, was heute geschieht, ist sicherlich sehr schmerzlich, aber keineswegs abnormal. Niemals noch hat ein Krieg die Erde gehindert sich weiter zu drehen, noch das Leben sich weiter zu entwickeln, ja, er ist sogar selbst eine Form dieser Entwicklung. Erlauben Sie einem alten, gelehrten Philosophen, Ihrem Heiligen Schmerzensmanne die ruhige Inhumanität seines Gedankens entgegenzustellen. Vielleicht finden Sie trotz allem sogar eine Erleichterung. — Diese Krise, die Sie so erschreckt, dieser Wirrwarr ist im Grunde eigentlich nichts als ein Zusammenziehungsphänomen, eine kosmische, lärmende, aber doch gesetzmäßige Kontraktion, ähnlich jenen Faltungen bei der Zusammenziehung der Erdkruste, die ja auch immer von zerstörenden Erdbeben begleitet sind. Die Menschheit zieht sich zusammen. Und der Krieg ist die eine solche Kontraktion begleitende Erschütterung. Gestern waren es noch in jeder Nation die Provinzen, die einander bekriegten, vorgestern in jeder Provinz die Städte, und heute, da die völkische Einheit schon ausgestaltet ist, bereitet sich eine viel umfassendere Einheit vor. Es ist natürlich sehr bedauerlich, daß diese Entwicklung durch Gewalt geschieht, aber Gewalt ist eben das natürliche Mittel in diesem Prozeß. Aus dem Explosivgemenge der zusammenstoßenden Elemente wird sich ein neuer chemischer Körper entwickeln. Wird es das einige Abendland, wird es Europa sein? — ich weiß es nicht. Aber sicher wird die neue Zusammensetzung neue Eigenschaften haben und viel reichere als die der einzelnen zusammensetzenden Elemente. Und dies ist noch nicht die letzte Etappe. So schön der gegenwärtige Krieg ist (ich bitte Sie um Entschuldigung, ich meine „schön“ im Hinblick auf den Geist, für den das Leiden nicht existiert), so werden noch schönere, noch großzügigere sich entfalten. Diese armen Kinder von Völkern, die sich einbilden, sie erbauten schon mit ihrem Kanonendonner den ewigen Frieden — sie werden noch warten müssen, bis das ganze Weltall durch diese Retorte hindurchgegangen ist. Der Krieg der beiden Amerika, der des neuen Kontinents und des gelben Kontinents, dann jener des Siegers mit der übrigen Erde — das wird uns noch ein paar Jahrhunderte zu schaffen machen. Und dabei sehe ich nicht einmal weit genug, ahne ich noch nicht einmal alles. Außerdem wird natürlich noch jeder dieser Zusammenstöße ausgiebige soziale Kriege zur Folge haben. Und erst dann, wenn dies alles erledigt ist, vielleicht in zehn Jahrhunderten (obwohl ich glaube, daß es vielleicht rascher geschehen könnte, als man meint, wenn man die Gegenwart mit der Vergangenheit in Vergleich setzt, weil sich im Fall die Geschwindigkeit beschleunigt), erst dann werden wir zu einer ein wenig ärmeren Synthese gelangen, denn von den Elementen der Zusammensetzung werden die besten und die schlechtesten unterwegs vernichtet worden sein; die ersten, weil sie zu zart waren, um den Unbilden zu widerstehen, die zweiten, weil sie zu widersetzlich waren und sich zu stark gegen die Amalgamierung wehrten. Dann werden jene sagenhaften Vereinigten Staaten der Erde erstehen, und ihr Bündnis wird um so dauerhafter sein, je mehr sich dann die Menschheit wahrscheinlich von gemeinsamen Gefahren bedroht sehen wird; die Marskanäle, die Eintrocknung der Planeten, die Erkaltung der Erdkruste, die geheimnisvollen Erkrankungen, die Pendeluhr Edgar Poes, die Vision des endgültigen Erlöschens der irdischen Geschlechter.... Ach, was für schöne Dinge wird es zu betrachten geben. In jenen letzten Ängsten wird das Genie der Rasse überreizt sein. Freilich, Freiheit wird’s wenig geben. Die menschliche Vielfalt muß gerade im Verschwinden notwendig zur Einheit des Gedankens und des Willens drängen (eine Richtung, in die sie übrigens auch heute schon ganz deutlich zielt); so wird sich ohne plötzliche Umkehr das Verschiedene in das Eine wieder zurückverwandeln, der Haß in die Liebe des alten Empedokles.“
„Und dann?“
„Dann? Dann wird wahrscheinlich alles nach einem Weltzeitraum von neuem anfangen. Ein anderer Kreis, eine andere Kalpa. Die Welt wird sich auf einem frisch geschmiedeten Rad wieder zu drehen beginnen.“
„Und des Rätsels Lösung?“
„Ein Hindu würde darauf antworten: Schiwa, der Zerstörer und der Schaffer, der Schaffer und der Zerstörer.“
„Welch ein entsetzliches Traumbild!“
„Das ist Auffassungssache. Die Weisheit macht einen immer frei. Für den Hindu ist Buddha der Befreier, mir für meinen Teil hilft schon die Neugierde über alles hinweg.“
„Aber nicht mir: ich kann mich nicht bescheiden mit der Weisheit des selbstsüchtigen Buddha, der nur sich frei macht und die anderen im Stiche läßt. Ich kenne wie Sie die Hindus und ich liebe sie. Aber auch bei ihnen hat Buddha nicht das letzte Wort der Weisheit gesprochen. Erinnern Sie sich an jenen Bodhisattva, den Meister des Mitleids, der den Eid geleistet, nicht früher Buddha zu werden, nicht früher sich ins Nirwana zurückzuflüchten, ehe er nicht alle Übel geheilt, alles Unrecht gesühnt, alle Seelen getröstet hätte.“
Perrotin neigte sich mit einem sanften Lächeln zu Clerambaults schmerzlichem Gesicht, streichelte ihm zärtlich die Hand und sagte:
„Mein lieber Bodhisattva, was wollen Sie also tun? Wen wollen Sie also retten? Was wollen Sie also retten?“
„Ja, ich weiß wohl“, sagte Clerambault und senkte den Kopf, „ich weiß wohl, wie wenig ich bin, wie wenig ich vermag. Ich kenne die Nichtigkeit meiner Wünsche und meines Protestes. Halten Sie mich nicht für eingebildet, aber was kann ich dagegen tun, wenn meine Pflicht mir zu sprechen gebietet?“
„Ihre Pflicht ist, etwas zu tun, was nützlich und vernünftig ist, nicht aber, sich vergeblich zu opfern.“
„Was ist das, was Sie „vergeblich“ nennen? Können Sie im vorhinein bei Samenkörnern dasjenige unterscheiden, das gedeihen wird, und jenes, das zugrunde geht? Und ist dies ein Grund, den Samen nicht auszuwerfen? Welcher Fortschritt wäre jemals geschehen, wenn der, in dessen Brust das Samenkorn wuchs, zurückgeschreckt wäre vor dem ungeheuren Block der gewohnheitsträgen Vergangenheit, der ihn zu zerschmettern droht?“
„Ich verstehe, daß der Gelehrte die Wahrheit verteidigt, die er gefunden hat. Aber ist diese soziale Betätigung denn Ihre Mission? Dichter, bleibe deinen Träumen treu, auf daß deine Träume dir treu bleiben.“
„Ich bin zuerst Mensch, und dann erst Dichter. Jeder anständige Mensch hat eine Mission.“
„Aber Sie tragen geistige Werte in sich, die zu kostbar sind, und es wäre Mord, sie hinzuopfern.“
„Ja, nicht wahr, man soll also nur den kleinen Leuten das Opfer überlassen, die nicht viel zu verlieren haben?“
Er schwieg einen Augenblick und sagte dann:
„Perrotin, es ist mir oft in den Sinn gekommen, daß wir alle nicht unsere Pflicht tun, wir geistigen Menschen und Künstler alle.... Nicht nur heute sondern seit langem schon, seit immer. Wir haben bei uns einen Teil Wahrheit und Erleuchtung, die wir aus Vorsicht in uns zurückbehalten. Mehr als einmal habe ich das mit dunkeln Gewissensbissen gefühlt. Aber damals hatte ich noch Angst, in mich hineinzuschauen. Erst die Prüfung hat mich sehen gelehrt. Wir sind Bevorzugte, wir sind eine privilegierte Klasse, das gibt uns auch Pflichten, Pflichten, die wir nicht erfüllen, denn wir haben Angst, uns zu kompromittieren. Die Elite des Geistes ist eine Aristokratie, die vorgibt, jener des Blutes nachzufolgen; aber sie vergißt, daß jene im Anfang die Privilegien mit ihrem Blute bezahlte. Seit Jahrhunderten hört die Menschheit viele Worte von weisen Männern, aber nur selten sieht sie einen dieser Weisen sich hinopfern. Und das würde der Welt ganz gut tun, wenn sie hie und da einmal einen sehen würde, der sein Leben für seinen Gedanken hingibt. Nichts wahrhaft Fruchtbares kann ohne das Opfer geschaffen werden. Um die anderen glauben zu machen, muß man selbst gläubig sein, muß beweisen, daß man gläubig ist. Es genügt nicht das bloße Dasein einer Wahrheit, damit der Mensch zu ihr aufblicke, es ist nötig, daß dieses Dasein ein lebendiges Leben habe. Und dieses Leben können, dieses Leben müssen wir ihr geben — das unsere! Sonst sind all unsere Gedanken nur Dilettantenspiele, eine Theaterspielerei, die einzig auf Theaterapplaus ein Anrecht hat. Nur solche Menschen haben die Menschheit vorwärtsgebracht, die ihr eigenes Leben zur Stufe machten. Dieses ist es auch, was den Zimmermannssohn von Galiläa über alle unsere großen Männer erhoben hat. Die Menschheit wußte wohl einen Unterschied zu machen zwischen den anderen und dem Heiland.“
„Und der Heiland? Hat er sie gerettet?.... ‚Wenn Gott Zebaoth so beschlossen hat, so schaffen die Völker für das Feuer.‘“
„Ihr Feuerkreis ist das letzte Schreckbild. Der Mensch ist nur dazu da, um ihn zu zerbrechen, um zu versuchen, sich ihm zu entringen, frei zu sein.“
„Frei?“, sagte Perrotin mit seinem ruhigen Lächeln.
„Ja, frei! Freiheit ist das höchste Gut, ein ebenso seltenes, wie ihr Name ein abgebrauchter ist, so selten wie das wahre Schöne, wie das wahre Gute. Frei nenne ich den, der sich von sich selbst, von seinen Leidenschaften, seinen blinden Instinkten, von jenen der Umgebung und des Augenblickes loslösen kann, zwar nicht um seiner Vernunft zu gehorchen, wie man meist sagt (denn die Vernunft in dem Sinne, wie Sie sie verstehen, ist ja nur ein anderes Wahnbild, eine andere verhärtete, vergeistigte und darum fanatisierte Leidenschaft), sondern um zu versuchen, über die Staubwolken hinauszusehen, die sich von den Menschenherden auf den Straßen der Gegenwart erheben, um zu versuchen, den Horizont zu umfassen und alles Geschehen in der Gesamtheit der Dinge und der Weltordnung zu begreifen.“
„Und sich dann“, unterbrach ihn Perrotin, „den Weltgesetzen zu unterwerfen und anzupassen.“
„Nein“, erwiderte Clerambault, „um sich ihnen mit vollem Bewußtsein entgegenzustellen, sobald sie dem Glück und dem wahrhaft Guten nachteilig sind. Denn darin besteht ja die Freiheit, daß der freie Mensch in sich selbst ein Weltgesetz ist, ein bewußtes Gesetz, dessen einzige Aufgabe es ist, das Gegengewicht für die zerschmetternde Maschine, für den Automaten Spittelers, die eherne Ananke zu bilden. Ich sehe das Weltwesen noch zu drei Vierteilen in der Scholle, in der Rinde, im Stein gebunden, den unbarmherzigen Gesetzen der Materie unterworfen, in die es eingebannt ist. Nur der Blick und der Atem sind frei. „Ich hoffe“, sagt der Blick. „Ich will“, sagt der Atem. Mit diesen beiden sucht es sich loszuringen. Der Blick, der Atem, das sind wir, das ist der freie Mensch.“
„Mir genügt der Blick“, sagte sanft Perrotin.
Clerambault erwiderte:
„Habe ich keinen Atem, so gehe ich zugrunde.“
§
Beim geistigen Menschen bedarf es immer einiger Zeit vom Wort bis zur Tat, und selbst wenn er schon zu handeln beschlossen hat, findet er noch immer verschiedene Vorwände, um die Ausführung auf den nächsten Tag zu verschieben. Er sieht zu deutlich alles, was kommen wird, sieht die Kämpfe und Mühen voraus, und bezweifelt von vornherein den Erfolg. Um sich aber selbst über seine Unruhe hinwegzutäuschen, verausgabt er sich in Kraftreden entweder mit sich allein oder im engsten Freundeskreise, und verschafft sich so die billige Illusion, schon tätig zu sein. Im tiefsten Grunde seines Wesens glaubt er jedoch selbst nicht daran, er wartet wie Hamlet auf die Gelegenheit, die ihn zur Tat zwingen soll.
So tapfer auch Clerambault in seinem Gespräche mit dem nachgiebigen Perrotin gewesen war, fand er doch, kaum heimgekehrt, alle seine Bedenken wieder. Seine durch das Unglück geschärfte Feinfühligkeit spürte nur zu gut die Erregung der Seinen rings um ihn und ließ ihn den Zwiespalt vorausahnen, den seine einmal ausgesprochenen Worte zwischen seiner Frau und ihm hervorrufen würden. Und noch mehr: er fühlte sich der Zustimmung seiner Tochter nicht mehr sicher, er hätte nicht sagen können, weshalb, aber er fürchtete die Probe zu machen. Für ein zärtliches Gemüt wie das seine war schon der Versuch eine Qual....
Inzwischen schrieb ihm ein befreundeter Arzt, er hätte in seinem Hospital einen Schwerverwundeten, der an der Offensive in der Champagne teilgenommen und Maxime gekannt hatte. Clerambault eilte sofort hin, um ihn zu sehen.
Er fand auf einem Bett einen Mann unbestimmbaren Alters auf dem Rücken liegend, unbeweglich ausgestreckt, umschnürt wie eine Mumie. Aus den weißen Bandagen starrte das magere Gesicht eines Bauern, gegerbt, zerfaltet, mit großer Nase und grauem Bart. Der freie rechte Unterarm stützte eine massige und entstellte Hand auf die Decke, vom Mittelfinger fehlte ein Glied, aber das zählte nicht, das war eine Friedenswunde. Unter den buschigen Brauen sahen die Augen ruhig und klar: man hätte ein so mildes graues Licht in dem verbrannten Antlitz nicht erwartet.
Clerambault trat an ihn heran, erkundigte sich nach seinem Zustande, der Mann dankte höflich, aber ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, gleichsam als ob es nicht nötig wäre, von sich zu sprechen.
„Ich danke Ihnen, mein Herr, es geht gut, es geht ganz gut.“
Aber Clerambault erneuerte liebevoll seine Fragen und es dauerte nicht lange, so fühlten die grauen Augen, daß in den blauen Augen, die sich zu ihnen niederneigten, mehr als Neugier sich regte.
„Wo sind Sie denn verwundet“, fragte Clerambault.
„Ach! Das wäre zu lang zu erzählen, mein Herr! Eigentlich ein wenig überall.“
Und als jener weiterfragte:
„Ich habe es hier und da abgekriegt, überall wo gerade ein Platz war — und dabei bin ich nicht einmal besonders dick. Ich hätte nie gedacht, daß es in einem Körper soviel Platz dafür gibt.“
Schließlich erfuhr Clerambault, daß jener ungefähr zwanzig — oder genauer gesagt siebzehn — Verwundungen hatte. Er war buchstäblich von einem Schrapnell überschüttet (oder wie er sagte „gespickt“) worden.
„Siebzehn Verwundungen!“, schrie Clerambault.
Der Mann berichtigte:
„Um der Wahrheit völlig die Ehre zu geben: ich habe jetzt nur mehr etwa zehn.“
„Sind die anderen schon geheilt?“
„Man hat mir die Füße abgeschnitten.“
Clerambault war so erschüttert, daß er fast den Zweck seines Besuches vergaß. O, diese Fülle von Unglück! Mein Gott! Was ist da das unsere, dieser Tropfen im Meer! Er legte seine Hand auf die harte Hand des Mannes und drückte sie. Die ruhigen Augen des Verwundeten betrachteten Clerambault von oben bis unten, bemerkten das Trauerband am Hute und er sagte: „Sie haben auch Unglück gehabt?“
Clerambault raffte sich auf.
„Ja“, sagte er, „nicht wahr, Sie haben ihn gekannt, den Sergeanten Clerambault?“
„Natürlich habe ich ihn gekannt.“
„Das war mein Sohn.“
Ein Bedauern kam in den Blick.
„Ach, Sie armer Herr... Natürlich habe ich ihn gekannt, Ihren tapferen kleinen Jungen! Wir waren fast ein ganzes Jahr zusammen, und das zählt, dieses Jahr! Durch Tage und Tage wie die Maulwürfe im selben Loch... Ach, man hat zusammen viel Elend erlebt.“
„Hat er viel gelitten?“
„Na, mein Herr, manchmal war es hart. Den Kleinen hat es manchmal fest gepackt, besonders im Anfang. Er war es eben nicht gewöhnt; wir, wir kennen das.“
„Sie sind vom Lande?“
„Ich war Gutsknecht, da lebt man das Leben mit den Tieren, lebt ein wenig wie sie selbst... Obwohl, mein Herr, um es offen zu sagen, der Mensch heutzutage von den Menschen schlechter als das Vieh behandelt wird... „Seid gut zu den Tieren“, diese amtliche Mahnung hatte irgendein Spaßvogel in unserem Schützengraben aufgehängt. Aber was für sie nicht gut ist, war noch immer gut genug für uns... Tut nichts!... Ich beklage mich ja nicht. Es ist nun einmal so. Und wenn es sein muß, muß es eben sein. Aber der kleine Sergeant, bei dem merkte man’s, daß er nicht gewöhnt war an all das. An den Regen und an den Schlamm und die Niedertracht und vor allem an den Schmutz. Was immer man anrührte, was man aß, und dann auf einem selbst: das Ungeziefer... Im Anfang, da sah ich’s, da war er ein paarmal ganz nahe daran zu weinen. Da versuchte ich ihm ein bißchen zu helfen. Mich lustig zu machen über die Sachen, um ihm zu helfen — aber so, daß er nicht merkte, daß man ihm helfen wolle, denn er war stolz, der Kleine, und wollte nicht, daß man ihm helfe — aber er war doch froh, wenn man’s tat. Und ich war es auch. Dort hat man ja nötig, zueinander zu rücken und sich zu helfen. Schließlich war er soweit und so abgehärtet wie ich, hat mir seinerseits auch geholfen. Hat nie geklagt, wir lachten sogar zusammen, denn man muß doch lachen: Es gibt ja kein Unglück, das ewig dauert, und das hilft einem über das Elend hinweg.“
Clerambault hörte bedrückt zu. Er fragte:
„So war er also weniger traurig am Ende?“
„Ja, mein Herr, er hatte sich abgefunden, wie schließlich wir alle. Man weiß nicht, wieso das kommt, man steht jeden Tag, fast jeder mit demselben Fuß auf, man ist einander nicht ähnlich, aber schließlich ist man schon mehr die andern als man selbst. Und das ist besser so, man leidet nicht mehr so viel, man fühlt sich selbst weniger, man wird eine einzige Masse. Außer, wenn es Urlaub gibt — dann wird es schlecht für die, die zurückkommen — und so war’s auch gerade bei dem kleinen Sergeanten, als er zum letztenmal wiederkam... da geht es dann nicht mehr gut....“
Clerambault sagte hastig aus gepreßtem Herzen: „Wie, damals, als er zurückkam...?“
„Ja, da war er sehr niedergedrückt. Niemals hatte ich ihn so kleinmütig gesehen wie in jenen Tagen.“
Ein schmerzlicher Ausdruck malte sich in Clerambaults Gesicht. Bei einer Bewegung, die er machte, wendete sich der Verwundete, der, bisher die Augen zur Zimmerdecke gerichtet, gesprochen hatte, mit dem Blick gegen ihn, sah und verstand offenbar alles, denn er fügte hinzu:
„Aber er hat sich schon wieder herausgerappelt nachher.“
Clerambault faßte von neuem die Hand des Kranken.
„Sagen Sie mir, was er Ihnen erzählte, sagen Sie mir alles.“
Der Mann zögerte, dann sagte er:
„Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau.“
Er schloß die Augen und blieb unbeweglich. Clerambault, über ihn gebeugt, suchte zu sehen, was diese Augen unter ihren geschlossenen Lidern in sich erblickten.
* * * * *
Mondlose Nacht. Eisige Luft. Aus der Tiefe des gehöhlten Grabens sieht man den kalten Himmel und die starren Sterne. Geschosse schlagen in dem harten Boden auf. Im Schützengraben zusammengeknäuelt, die Knie unter dem Kinn, rauchen Maxime und sein Gefährte Seite an Seite. Der Kleine war eben an diesem Tage von Paris zurückgekommen.
Er war bedrückt und gab auf Fragen keine Antwort, er verschloß sich in einem bösen Schweigen. Der andere hatte ihn den ganzen Nachmittag mit Absicht allein gelassen, damit er mit seiner Qual fertig werde; aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er ihn, und als er dann im Dunkeln den Augenblick gekommen sah, näherte er sich ihm. Er wußte, der Kleine würde jetzt von selbst mit ihm sprechen. Der Anschlag einer Kugel, die über ihre Köpfe fuhr, ließ eine vereiste Scholle Erde sich loslösen.
„Heda, du Totenvogel“, sagte der andere, „du hast es eilig.“
„Wenn es nur schon vorüber wäre“, sagte Maxime, „sie wollen es ja alle.“
„Was, um den Boches eine Freude zu machen, ließest du dich umbringen? Du bist wirklich ein guter Kerl.“
„Es sind nicht nur die Boches allein, alle schaufeln sie zusammen an unserem Grab...“
„Wer denn?“
„Alle! Die von dort hinten, von wo ich komme, die von Paris, die Freunde, die Verwandten, die Lebendigen, die vom anderen Ufer. Wir, wir sind ja schon tot.“
Ein Schweigen. Der Flug eines Projektils heulte durch den Himmel. Der Kamerad tat einen tiefen Zug aus der Pfeife.
„Also, es hat dir hinten nicht gefallen, mein Kleiner? Ich habe es mir gleich gedacht.“
„Warum denn?“
„Weil, wenn der eine schuftet und der andere nicht, so haben die beiden einander nichts zu sagen.“
„Aber sie leiden ja auch....“
„Ja, aber es ist nicht dasselbe Brot. Du kannst noch so geschickt sein, du wirst niemals einem, der ihn nicht kennt, den Zahnschmerz erklären können. So versuche mal denen da hinten, die in ihren Betten liegen, begreiflich zu machen, was hier vorgeht. Für mich ist es nicht neu, ich habe den Krieg nicht nötig gehabt... Ich habe das mein ganzes Leben gekannt. Aber glaubst du, wenn ich mich auf der Erde abrackerte und mir das Mark aus den Knochen schwitzte, daß andere sich darüber beunruhigt haben? Ich sage damit nicht, daß sie deshalb schlecht sind. Sie sind nicht gut, sind nicht schlecht, sind eben wie fast alle Welt ist. Können’s halt nicht auffassen. Um etwas zu verstehen, muß man’s selber spüren, die Sache auf sich nehmen, die ganze Qual auf sich nehmen. Wenn nicht — und man tut es ja nicht, mein Junge — da muß man eben das Kreuz darüber machen, versuch’s nicht zu erklären. Die Welt ist eben so wie sie ist. Da ist nichts zu ändern.“
„Das wäre zu furchtbar. Dann lohnte es ja nicht mehr zu leben.“
„Warum denn nicht, zum Teufel? Ich habe es ganz gut ertragen, und du bist nicht weniger wert als ich. Du bist klüger, du kannst lernen, man lernt alles ertragen. Alles. Und dann — etwas zusammen zu ertragen, ist zwar noch keine Freude, aber es ist nicht mehr ganz eine Qual. Allein zu sein, das ist das härteste. Du bist nicht allein, mein Kleiner.“ Maxime sah ihm ins Gesicht und sagte:
„Dort hinten war ich’s, hier bin ich es nicht mehr...“
* * * * *
Aber der Mann, der mit geschlossenen Augen auf seinem Bette hingestreckt lag, sagte nichts von dem, was er in sich sah. Als er jetzt wieder ruhig die Augen aufschlug, fand er den verängstigten Blick des Vaters auf sich gerichtet, der ihn anflehte, zu sprechen.
Und da versuchte er mit einer linkischen und zärtlichen Gutmütigkeit zu erklären, daß der Kleine offenbar deshalb traurig gewesen war, weil er die Seinen hatte verlassen müssen, aber daß „man“ ihn schon wieder aufgerichtet hätte. „Man“ verstand ja seine Not.... Er selbst, der Krüppel, hätte ja nie einen Vater gekannt, aber als Kind hätte er davon geträumt, welches Glück es für die, die einen haben, sein müsse.
„So habe ich mir erlaubt... und habe zu ihm gesprochen, mein Herr, so, als ob ich Sie wäre... und der Kleine hat sich beruhigt. Er sagte mir, daß man doch eine Sache diesem verfluchten Krieg danke, nämlich daß er einem gezeigt habe, es gäbe viel arme Teufel auf der Erde, die sich nicht kennen und die aus demselben Holz geschnitzt sind. Man hört es oft genug, daß wir Brüder seien, von den Anschlagzetteln oder aus den Predigten, nur glaubt man’s eben nicht. Um es wirklich zu wissen, muß man einmal miteinander geschuftet haben... und da hat er mich umarmt.“
Clerambault stand auf, neigte sich über das umwickelte Gesicht des Verwundeten und küßte ihn auf die rauhe Wange.
„Sagen Sie, was ich für Sie tun kann“, fragte er.
„Sie sind sehr gut, mein Herr, aber viel ist nicht mehr zu tun. Ich bin sozusagen fertig. Ohne Beine, mit einem gebrochenen Arm, mit fast nichts Gesundem mehr, wozu wäre ich noch gut? Übrigens ist ja noch gar nicht gesagt, daß ich überhaupt davonkomme. Na, es wird eben gehen, wie es geht. Fahre ich ab, dann gute Reise, und bleibe ich, so wird man schon sehen. Man muß warten, es gibt ja immer Züge.“
Clerambault bewunderte seine Geduld. Der andere wiederholte immer seinen Refrain: „Ich bin halt eben daran gewöhnt, es ist kein großes Verdienst, geduldig zu sein, wenn man nicht anders kann... und dann, wir kennen das ja schon, ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger... für uns dauert der Krieg das ganze Leben lang.“
Clerambault bemerkte, daß er in seinem Egoismus noch gar nicht nach Einzelheiten aus dem Leben des andern gefragt hatte, ja nicht einmal seinen Namen wußte.