Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege

Part 4

Chapter 43,684 wordsPublic domain

Die Lawine riß auch Camus mit. Der kleine Bureauchef ging ganz in ihr auf, und zwar ohne irgendwelche Leidenschaft, ohne Gewalttätigkeit. Er fühlte plötzlich eine große Kraft, eine große Ruhe, er fühlte sich „wohl“, körperlich wohl, seelisch wohl. Seine Schlaflosigkeit war verschwunden. Zum erstenmal seit Jahren quälte ihn nicht mehr sein Magenleiden, vielleicht weil er es vergessen hatte, er verbrachte den ganzen Winter — ein nie dagewesener Fall — ohne Schnupfen, man hörte ihn nicht mehr das und jenes bekritteln und beklagen, er schimpfte nicht über alles, was geschah oder nicht geschehen war. Irgendeine heilige Ehrfurcht überkam ihn vor dem ganzen sozialen Organismus, vor diesem Wesen, das das seine war, nur noch stärker, schöner und besser, er fühlte sich brüderlich mit allen jenen, die durch ihren Zusammenhang dieses Wesen bildeten wie ein Bienenschwarm, der an einem Ast hängt. Er beneidete die jungen Menschen, die zur Front reisten, sein Vaterland zu verteidigen, er betrachtete mit zärtlichen Augen seinen Neffen Maxime, der sich heiter rüstete, und am Bahnhof, als der Zug die jungen Menschen wegführte, umarmte er Clerambault, drückte unbekannten Eltern, die ihre Söhne begleiteten, die Hand, Tränen der Verzweiflung und von Glück zugleich standen in seinen Augen. In diesen Stunden hätte Camus alles hingegeben. Es waren seine Flitterwochen mit dem Leben. Die einsame Seele, die es sich immer versagt hatte, sieht plötzlich das geliebte Leben nahekommen und umfaßt es... Doch das Leben geht weiter. Das Wohlbefinden eines Camus war nicht angetan, zu dauern. Aber wer einmal das Leben in einer solchen Stunde gekannt, lebt einzig nur mehr von dieser Erinnerung und um sich immer wieder diesen Augenblick zu beleben. Er dankte den seinen dem Kriege. So war der Friede sein Feind, und Feinde alle, die den Frieden wollten.

§

Clerambault und Camus tauschten ihre Gedanken aus. Sie tauschten sie so vollkommen aus, daß Clerambault am Ende gar nicht mehr wußte, wohin die seinen gekommen waren. Und je mehr er sich selber verlor, um so zwingender empfand er das Bedürfnis, etwas zu tun. Das war für ihn die beste Form, sich zu betätigen... Sich zu betätigen...? Verhängnisvollerweise war es Camus, den er betätigte. Trotz seiner Überzeugung und seiner gewohnten Leidenschaft war er doch nur ein Echo geworden, und ein Echo welch’ erbärmlicher Stimmen!

Er begann Kriegsdithyramben zu schreiben. Darin wetteiferten ja damals die Dichter hinter der Front. Ihre Schöpfungen laufen allerdings nicht Gefahr, das Gedächtnis der Zukunft allzusehr zu belästigen. Nichts in ihrer früheren künstlerischen Laufbahn bestimmte diese armen Gesellen zu solcher Aufgabe, und, ob sie auch das möglichste taten, um ihre Stimmen aufzublähen und alle Register der Rhetorik spielen zu lassen, die Soldaten im Schützengraben zuckten doch darüber die Achseln. Aber den Leuten des Hinterlandes gefiel ihr Pathos viel besser als jene lichtlosen und gleichsam schmutzfarbenen Erzählungen, die aus dem Schützengraben kamen. Die klare Vision eines Barbusse hatte damals noch nicht diesen schattenhaften Schwätzern ihre Wahrheit aufgezwungen. Für Clerambault bedeutete es keine große Anstrengung, in diesem Wettkampf der Beredsamkeit die Palme zu erringen. Er hatte die verhängnisvolle Gabe jener rhythmischen und wortreichen Beredsamkeit, die die Dichter von der Wirklichkeit trennt, indem sie sie mit ihrem Spinnennetz umhüllt. In Friedenszeiten hing dieses unschuldige Netz an Busch und Baum, der Wind klang durch, und die sanfte Arachne suchte in ihren Maschen nichts anderes einzufangen als das Licht. Jetzt aber, da die Dichter in sich ihre blutgierigen (glücklicherweise schon zahnlosen) Instinkte aufzüchteten, sah man in der Mitte ihres Netzes ein bösartiges Tier eingefangen, dessen Auge auf eine Beute lauerte. Sie sangen den Haß und die heilige Schlächterei. Clerambault tat wie die anderen, sogar besser als die anderen, denn seine Stimme war besser als die der anderen, und vor lauter Schreien kam dieser brave Mensch schließlich dazu, selbst Leidenschaften zu fühlen, die er gar nicht hatte. Den Haß „endlich zu kennen“ (es war das „erkennen“ im biblischen Sinn), dieses neue Gefühl hatte etwas vom Kitzel niedrigen Stolzes, den ein Gymnasiast empfindet, wenn er zum erstenmal aus einem zweifelhaften Hause herauskommt. Denn jetzt erst fühlte er sich als ein ganzer Mann. Und wirklich, es fehlte ihm nichts mehr, um der Niedrigkeit der anderen ähnlich zu sein.

Die ersten intimen Vorlesungen jedes seiner Gedichte waren Camus vorbehalten, dem er sie ja verdankte. Und Camus wieherte vor Begeisterung, denn er erkannte sich selbst darin. Clerambault fühlte sich geschmeichelt, weil er jetzt hoffte, in einem Rhythmus mit dem Volke zu fühlen und ganz in sein Blut zu dringen. Die beiden Schwäger verbrachten die Abende zusammen. Clerambault las vor, Camus trank die Verse in sich ein. Er wußte sie auswendig, er erzählte jedem, der es hören wollte, Victor Hugo sei auferstanden und jedes dieser Gedichte bedeute einen Sieg. Seine lärmende Bewunderung enthob die anderen Mitglieder der Familie davon, ein Urteil aussprechen zu müssen. Rosine suchte immer nach einem Vorwande, aus dem Zimmer hinauszuschlüpfen, wenn die Vorlesung zu Ende war, was der Eigenliebe Clerambaults nicht entging. Er hätte gern den Eindruck auf seine Tochter gewußt, fand es aber klüger, sie nicht darum zu befragen, und redete sich lieber selbst ein, daß dieses Zurückziehen ein Zeichen von Bewegung und Scheu sei. Aber doch, es verstimmte ihn. — Bald aber ließ ihn die Zustimmung des Publikums diese kleine Peinlichkeit vergessen. Seine Gedichte waren in den großen bürgerlichen Blättern erschienen und wurden für Clerambault der glänzendste Triumph seiner ganzen künstlerischen Laufbahn. Keines seiner Werke hatte einen so einhelligen Enthusiasmus hervorgerufen. Ein Dichter ist ja immer geneigt, seinem letzten Werk den Titel seines besten zugebilligt zu hören und ist es in noch höherem Maße, wenn er selbst weiß, daß es das wertloseste ist. Clerambault war sich darüber vollkommen im klaren, und eben darum genoß er mit einer fast kindlichen Eitelkeit die Speichelleckereien der Presse. Abends ließ er sie laut von Camus im Familienkreise vorlesen. Er strahlte vor Vergnügen. Am liebsten hätte er gesagt, sobald Camus fertig war: „Noch einmal.“

Der einzige leise Mißton in diesem Konzert der Lobeshymnen kam von Perrotin. (Natürlich redete sich Clerambault ein, er hätte sich in ihm getäuscht, er sei kein rechter Freund.) Der alte Gelehrte hatte allerdings Clerambault, der ihm den Band seiner Kriegsgedichte zugeschickt hatte, in höflicher Weise beglückwünscht. Er lobte sein großes Talent, sagte aber durchaus nicht, daß dieses Buch sein schönstes Werk sei. Ja er riet ihm sogar, „nun, nachdem er der kriegerischen Muse seinen Tribut gebracht hätte, ein Werk des reinen Traumes, losgelöst von der Gegenwart, zu schreiben“. Was wollte er damit sagen? Gehört sich das, daß, wenn ein Künstler ein Werk vorlegt und Zustimmung fordert, man ihm antwortet: „ich möchte ein anderes lesen, das diesem nicht gleicht?“ — Clerambault sah darin ein neues Zeichen für die bedauerliche Lauheit des Patriotismus, die er schon vorher bei Perrotin bemerkt hatte, und dieser Mangel an Verständnis für seine Verse erkältete gänzlich sein Gefühl für den alten Freund. Er sagte sich, der Krieg sei die Goldprobe der Charaktere, eine Umwertung der Werte, wo man auch die Freundschaft neu prüfen müsse, und gab sich nicht Rechenschaft darüber, daß der Verlust eines Perrotin nur unzulänglich ersetzt sei durch die Erwerbung eines Camus und so vieler neuer Freunde, die geistig freilich minderwertiger waren, aber jedenfalls schlichten und warmen Herzens...

Und doch, oft in der Nacht hatte Clerambault Minuten der Bedrängnis und Angst. Er wachte plötzlich unruhig, erschreckt und gedemütigt auf. Er fühlte sich unzufrieden und beschämt... Aber weshalb denn? Tat er denn nicht seine Pflicht?

§

Die ersten Briefe Maximes waren ein Trost, ein Herzstärkungsmittel, von dem ein Tropfen genügte, um alle Mutlosigkeit entschwinden zu lassen. Man lebte ganz in ihnen während der langen Zwischenräume, in denen seine Nachrichten eintrafen. Und trotz der Unruhe während dieser Pausen, wo eine jede einzelne Sekunde dem geliebten Wesen verhängnisvoll werden konnte, teilte sich doch diese seine Zuversicht (die er vielleicht aus Liebe zu den Seinen oder aus einem Aberglauben übertrieb) allen mit. Seine Briefe strömten über von Jugend und einer begeisterten Freude, die ihren höchsten Gipfel in den Tagen erreichte, die dem Sieg an der Marne folgten. Die ganze Familie war gleichsam gegen ihn hingestreckt, ein einziger Körper, eine Pflanze, deren Blüte in Licht getaucht ist und zu der der Schaft zitternd in mystischer Verehrung emporsteigt...

Wie erstaunlich war auch dieses Licht, das jene Seelen badete, die gestern noch verzärtelt und erschlafft gewesen waren und die nun das Schicksal in den teuflischen Feuerkreis des Krieges warf! Es war das Licht des Todes oder des Spiels mit dem Tode! Maxime, dieses große, zarte, verzärtelte und gelangweilte Kind, das in der Friedenszeit sich wie eine kleine Mätresse aufputzte, fand einen unerwarteten Genuß in den Entbehrungen und harten Anforderungen seines neuen Lebens. Begeistert von sich selbst, kehrte er dieses Gefühl in seinen ein wenig großsprecherischen Briefen hervor, die das Herz seiner Eltern entzückten. Nun war weder seine Mutter eine Heldin Corneilles, noch sein Vater ein Römer, und der Gedanke, ihr Kind einer barbarischen Idee hinzuopfern, wäre ihnen entsetzlich gewesen. Aber die plötzliche Verwandlung ihres Kleinen in einen Helden gab ihnen eine Fülle nie gefühlter Zärtlichkeit. Und trotz ihrer Unruhe erfüllte sie die Extase ihres Maxime beide mit einer neuen Trunkenheit, die sie undankbar machte für das Leben von einst, das gute, friedliche, stille Leben, das zärtliche, mit seinen langen, eintönigen Tagen. Maxime hatte für jene Zeit eine amüsante Verachtung. Sie schien ihm eng, klein, lächerlich, wenn man einmal gesehen hatte, was „da draußen“ vorging... „Da draußen“ war man zufrieden, drei Stunden jede Nacht auf der harten Erde zu schlafen oder auf einem Bündel Stroh, zufrieden, sich um drei Uhr früh auf die Beine zu machen und sie mit dreißig Kilometer Marsch zu erwärmen, mit dem Tornister auf dem Rücken ein Schwitzbad von acht bis zehn Stunden zu nehmen, und zufrieden vor allem, endlich einmal den Feind zu erwischen und aus der gedeckten Stellung auf den Boche hinzupfeffern... Der kleine Cyrano erzählte, daß der Kampf geradezu eine Erholung nach dem Marschieren sei, und er schrieb über ein Scharmützel wie über ein Konzert oder ein Kinostück. Der Rhythmus der Geschosse, der Krach ihres Abschusses und ihre Explosion erinnerten ihn an die Paukenschläge im göttlichen Scherzo der Neunten Symphonie, und wenn diese stählernen Fliegen mutwillig, wild, heimtückisch, bösartig oder bloß mit einer liebenswürdigen Ungezwungenheit über ihren Köpfen ihre Luftmusik machten, hatte er das Gefühl eines Pariser Lausbuben, der aus dem Hause stürzt, um eine schöne Feuersbrunst anzuschauen. Es gab keine Müdigkeit mehr, der Geist und der Körper waren frisch. Wenn endlich das lang erwartete „Vorwärts, marsch“ ertönte, sprang man mit einem Ruck leicht wie eine Feder auf zur nächsten Deckung, quer durch den Eisenschauer, mit einer wilden Freude am Aufspüren, wie ein Hund, der das Wild wittert. Man kroch auf allen Vieren, man schlängelte sich auf dem Bauch nach vorwärts, man lief gekrümmt geradeaus, machte schwedische Gymnastik durch die Verhaue, und das ließ einen vergessen, daß man nicht mehr marschieren konnte. Kam dann die Nacht, so sagte man sich: Was, es ist schon Abend? Was haben wir denn heute gemacht? „Langweilig ist im Kriege nur“, so beschloß der kleine gallische Hahn seine Erzählung, „das, was man auch im Frieden macht, nämlich das Marschieren auf der Landstraße.“

So sprachen die jungen Leute in den ersten Monaten des Feldzuges, die Soldaten der Marneschlacht, des Bewegungskrieges. Hätte er weiter angedauert, so wäre vielleicht die Rasse der Sansculotten der Revolution neu erstanden, die, sobald sie einmal für die Eroberung der Welt ausgezogen waren, nicht mehr haltmachen konnten.

Aber sie mußten doch haltmachen. Und vom Augenblicke an, wo sie in den Schützengräben eingepökelt waren, änderte sich der Ton. Er verlor seinen Schwung, seine knabenhafte Sorglosigkeit, er wurde von Tag zu Tag männlicher, stoischer, zurückhaltender, beherrschter; Maxime fuhr fort, seine Überzeugung vom Endsieg zu betonen. Schließlich sprach er nicht einmal davon mehr, er sprach nur noch von der notwendigen Pflicht, und bald hörte er auch davon zu sprechen auf, seine Briefe wurden trocken, grau, müde.

Im Hinterland aber verminderte sich die Begeisterung durchaus nicht. Clerambault ließ nicht nach, wie ein Orgelbalg weiterzudröhnen. Aber von Maxime klang nicht mehr das erwartete und erhoffte Echo.

§

Plötzlich kam er auf einige Tage Urlaub zurück. Er hatte niemanden zuvor verständigt. Auf der Treppe blieb er stehen, seine Füße waren ihm schwer. Obwohl er kräftiger aussah, wurde er rascher müde, und dann: er war erregt. Aber er faßte wieder Atem und stieg die Treppe vollends empor. Seine Mutter öffnete auf sein Klingeln, sie schrie auf vor Überraschung. Clerambault, der in der Wohnung in ewiger Langeweile und Erwartung hin und her trottete, lief lärmend herbei. Es gab ein lautes Wiedersehen. Nach einigen Minuten ließen die Umarmungen und das zusammenhanglose Reden nach, Maxime mußte zum Fenster, sich ins Licht hinsetzen und sich von ihren entzückten Blicken betrachten lassen. Sie waren begeistert über seine braune Hautfarbe, seine vollen Wangen, sein gutes Aussehen; sein Vater tat die Arme auf und rief ihn an: „Mein Held!“ — Und Maxime, mit zusammengeballten Händen, fühlte plötzlich, daß es ihm unmöglich sei, etwas zu sagen.

Bei Tisch verzehrte man ihn mit den Blicken, man trank seine Worte. Aber er sprach beinahe nichts. Die übertriebene Begeisterung der Seinen hatte sein erstes leidenschaftliches Gefühl irgendwie gebrochen. Glücklicherweise merkten sie es nicht. Sie schoben sein Schweigen der Müdigkeit und dem Hunger zu. Übrigens sprach Clerambault für zwei, er erzählte Maxime, wie es in den Schützengräben zugehe, und die gute Frau Pauline wurde in seinen Worten die Cornelia des Plutarch. Maxime sah sie an, aß, sah sie von neuem an: ein Abgrund war zwischen ihnen.

Zu Ende der Mahlzeit, als er im Zimmer seines Vaters in einem Fauteuil saß und seine Zigarre rauchte, konnte er nicht anders, als endlich die Erwartung der guten Leute zufriedenzustellen. Er begann also, in ruhiger, sachlicher Weise seine Tageseinteilung zu schildern, und in einer besonderen Schamhaftigkeit war er darauf bedacht, in seinen Erzählungen jedes übertriebene Wort und vor allem die tragischen Bilder zu vermeiden. Sie hörten zu, zitternd vor Erwartung, und sie warteten noch immer, als er schon zu Ende war. Dann gab es ihrerseits einen ganzen Sturm von Fragen, Maxime antwortete darauf mit wenigen Worten, hastig und ohne Feuer. Schließlich versuchte Clerambault, „seinen lustigen Jungen“ aufzumuntern und gab ihm jovial einige Stöße.

„Na also, erzähl’ ein bißchen... so von einem Gefecht bei euch..., das muß aber schön sein..., was für eine schöne Sache doch dieser heilige Glaube ist... bei Gott, das möchte ich einmal sehen, ich möchte gern an deiner Stelle sein.“

Maxime antwortete:

„Alle diese schönen Dinge siehst du besser von hier aus.“

Seit er im Schützengraben war, hatte er keinen Kampf mehr und kaum irgendeinen Deutschen gesehen. Einzig den Dreck und das Wasser. — Aber sie glaubten es ihm nicht, sie dachten, er rede so aus dem Widerspruchsgeist, den sie bei ihm von Kind an kannten.

„Du Spaßvogel“, sagte Clerambault lachend. „Also was macht ihr denn den ganzen Tag da in euren Gräben?“

„Man verkriecht sich und schlägt die Zeit tot, die ist unser größter Feind.“

Clerambault stieß mit dem Ellenbogen Maxime in die Seite.

„Aber was, andere schlagt ihr doch auch tot!“

Maxime wendete sich zur Seite, sah den guten, neugierigen Blick seines Vaters und seiner Mutter und sagte:

„Nein, reden wir über andere Dinge.“

Und nach einem Augenblick:

„Wollt ihr mir ein Vergnügen machen, dann fragt mich heute nichts mehr.“

Erstaunt gaben sie ihm nach und redeten sich ein, er sei erschöpft und bedürfe der Ruhe. Sie erwiesen ihm alle möglichen kleinen Aufmerksamkeiten, aber dennoch brach Clerambault jeden Augenblick gegen seinen eigenen Willen in begeisterte Ansprachen aus, die eine Antwort oder eine Zustimmung erforderten. Das Wort „Freiheit“ war der Kehrreim aller dieser Tiraden. Maxime lächelte blaß und beobachtete Rosine, deren Benehmen seltsam schien. Als ihr Bruder eingetreten war, hatte sie sich ihm in die Arme geworfen, aber dann hielt sie sich zurück, fast in einer gewissen Distanz. Sie nahm nicht teil an den Fragen ihrer Eltern, und statt die Mitteilungen Maximes zu provozieren, schien sie sie eher zu fürchten. Die Zudringlichkeit ihres Vaters war ihr peinlich, und die Furcht vor dem, was ihr Bruder hätte sagen können, verriet sich in unmerklichen Bewegungen oder flüchtigen Blicken, die einzig Maxime erfaßte. Er wieder fühlte die gleiche Scheu und vermied es, mit ihr allein zu bleiben, und doch waren sie einander nie im Geiste so nahe gewesen. Nur wagten sie sich nicht einzugestehen, warum.

Maxime mußte es sich gefallen lassen, allen Bekannten des Vaters vorgeführt zu werden. Man schleppte ihn in Paris zu seiner Zerstreuung herum. Trotz ihrer Trauerkleider zeigte die Stadt wieder ihr lachendes Antlitz. Das Unglück und die Sorgen verbargen sich zu Hause oder in der Tiefe der stolzen Herzen, der ewige Jahrmarkt aber breitete in den Straßen, in den Zeitungen seine zufriedene Maske aus. Das Publikum der Kaffeehäuser und der Teesalons war bereit, zwanzig Jahre durchzuhalten, wenn es not tat. Maxime, der mit den Seinen an einem kleinen Tischchen in der Konditorei inmitten des heiteren Geschwätzes und dem Duft der Frauen saß, sah plötzlich den Unterstand, wo sie sechsundzwanzig Tage mit Geschossen bombardiert worden waren, ohne aus dem glitschigen Graben heraus zu können, in dem ihnen die Leichen als Schutzwand dienten... Die Hand seiner Mutter legte sich auf die seine. Er wachte auf, sah die zärtlichen Augen der Seinen, die nach seiner Sorge fragten, sofort machte er sich Vorwürfe, die armen Leute zu beunruhigen, lachte, schaute herum, und zwang sich, lustig zu sprechen. Seine übermütig knabenhafte Leichtigkeit kam wieder, und das Antlitz Clerambaults, das sich für einen Augenblick verdüstert hatte, wurde hell, sein Blick dankte unbewußt Maxime.

Aber er mußte noch weiter auf der Hut sein. Als sie aus der Konditorei herauskamen (Clerambault stützte sich auf den Arm seines Sohnes), begegneten sie auf der Straße einem Militärbegräbnis. Es gab Kränze, Uniformen, irgendeinen Alten von der Akademie, seinen Säbel zwischen den Beinen, und eine Blechmusik, die ihre heroische Klage anstimmte. Die Menge bildete ernste Reihen. Clerambault blieb stehen und nahm mit großer Geste den Hut ab. Seine linke Hand drückte den Arm Maximes fester. Da fühlte er ihn zittern und sah seinen Sohn an. Er sah, daß er eine seltsame Miene machte, glaubte, daß Maxime erschüttert sei und wollte ihn wegziehen. Aber Maxime rührte sich nicht. Maxime war nur erstaunt:

„Ein Toter“, dachte er, „so viel Getue für einen Toten... dort draußen trampelt man darüber hinweg... fünfhundert Tote in der Tagesmeldung, das ist unser Durchschnitt...“

Ein kleines böses Lachen fuhr ihm über die Lippen. Erschrocken zog ihn Clerambault am Arme fort.

„Komm!“ sagte er.

Sie gingen weiter.

„Wenn sie sehen würden“, dachte sich Maxime, „wenn diese Leute einmal wirklich sehen würden... die ganze Gesellschaft würde zusammenbrechen... aber sie werden es ja nie einsehen, denn sie wollen ja nicht sehen.“

Und seine plötzlich schmerzhaft scharf sehenden Augen sahen mit einem Male rings um sich... den Feind: die Gleichgültigkeit der Welt, die Dummheit, den Egoismus, den Wucher, die Wurstigkeit, den Kriegsgewinn, den Kriegsgenuß, die Lüge bis zu ihren letzten Wurzeln, die in Sicherheit Sitzenden, die Drückeberger, die Polizeiknechte, die Munitionsfabrikanten mit ihren frech fahrenden Autos, die Kanonen glichen, sahen deren Frauen mit den hohen Schuhen und den knallroten Lippen, diese gierigen Leckermäuler... ah, sie sind zufrieden, alles geht gut... das kann noch lange dauern... Eine Hälfte der Menschheit frißt die andere auf.

Sie kehrten heim. Am Abend nach dem Essen war Clerambault schon ganz ungeduldig, Maxime sein letztes Gedicht vorzulesen. Die Absicht, aus der er es geschrieben, war rührend und ein wenig lächerlich, denn aus Liebe zu seinem Sohn versuchte er wenigstens im Geiste, sein Gefährte im Ruhm und in der Qual zu sein. Von ferne beschrieb er darin „das Morgenrot im Schützengraben“. Zweimal stand er auf, um das Manuskript zu holen. Aber immer, wenn er die Blätter schon hielt, hinderte ihn eine Scham. Er setzte sich mit leeren Händen wieder hin.

Die Tage gingen rasch vorbei. Sie fühlten sich körperlich nahe, aber ihre Seelen berührten einander nicht. Keiner von ihnen wollte es eingestehen, und jeder wußte es. Traurigkeit stand zwischen ihnen, und sie zwangen sich, ihre wirkliche Ursache nicht zu sehen, und zogen vor, sie der nahen Rückreise zuzuschieben. Von Zeit zu Zeit machte der Vater oder die Mutter einen neuen Versuch, die alte Intimität wiederherzustellen. Jedesmal war es die gleiche Enttäuschung, Maxime fühlte, daß er sich mit ihnen und mit keinem vom Hinterland verständlich machen könne, daß seine und ihre Welt zwei verschiedene geworden waren. Würden sie einander niemals wiederfinden?... Und doch verstand er sie nur zu gut! War er doch selbst dem gefährlichen Einfluß, der auf ihnen lastete, früher unterlegen und erst dort draußen wach geworden an der Berührung mit den Leiden und dem wirklichen Tode. Aber gerade weil er selbst ein Opfer gewesen war, wußte er, daß es unmöglich sei, die anderen mit Worten zu heilen. So schwieg er, ließ die anderen reden, lächelte, nickte, ohne zuzuhören. Was das Hinterland beschäftigte, das Gebrüll der Zeitungen, die persönlichen Streitigkeiten (und welcher Persönlichkeiten, der alten Hanswurste und gierigen Politiker!), das patriotische Geschwätz der Schreibtischstrategen, die Aufregung über das schlechte Brot und die Zuckerkarte, oder über die Tage, an denen die Konditoreien geschlossen waren — all das erfüllte ihn mit einem Ekel der Langeweile, einem unendlichen Mitleid mit diesem Volk des Hinterlandes, dem er sich bis ins Tiefste fremd fühlte.

So schloß er sich immer mehr in ein rätselhaftes, dumpfes Schweigen ein. Nur für Augenblicke zwang er sich heraus, wenn er an die kurze Zeit dachte, die er noch mit den guten Menschen zu teilen hatte, die ihn so sehr liebten. Dann begann er plötzlich belebt zu sprechen, gleichgültig worüber. Das Wichtigste war ja doch, daß man Worte machte, wenn man schon seine Gedanken nicht sagen durfte. Natürlich fiel man immer wieder auf die Gemeinplätze des Tages zurück, die politischen, militärischen, die allgemeinen Fragen, alle die Dinge, die sie ebenso gut in ihrer Zeitung hätten lesen können. „Die Zerschmetterung der Barbaren“, der „Triumph des Rechtes“ füllten die Reden, die Gedanken Clerambaults aus. Maxime hörte seine Predigten gläubig an und sagte, wenn die Messe zu Ende war, sein „_cum spirito tuo_“. Aber beide warteten nur auf eines: d a ß d e r a n d e r e e n d l i c h a n f a n g e n w ü r d e z u s p r e c h e n.

Sie warteten so lange, bis schließlich der Tag der Trennung kam. Kurz vor seiner Abreise trat Maxime in das Zimmer seines Vaters. Er war entschlossen, sich mit ihm auseinanderzusetzen:

„Papa, bist du eigentlich ganz sicher?...“