Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege

Part 5

Chapter 53,668 wordsPublic domain

Die Verwirrung auf dem Antlitz seines Vaters hinderte ihn weiterzusprechen. Ein plötzliches Mitleid überkam ihn. Und er fragte nur, ob sein Vater wirklich sicher sei über die Stunde der Abfahrt. Clerambault nahm das Ende dieser Frage mit allzu sichtlicher Erleichterung auf, und kaum daß er nochmals die Auskunft gegeben hatte — auf die Maxime gar nicht hörte — begann er von neuem, seinen Redestrom loszulassen und sich in den gewöhnlichen idealistischen Deklamationen zu ergehen. Maxime schwieg enttäuscht. Während der letzten Stunde sagten sie sich nur Oberflächlichkeiten. Alle, außer der Mutter, fühlten, daß sie das Wirkliche verschwiegen. Äußerlich hatten sie alle heitere und vertrauensvolle Worte, sichtliche Erregung, im Herzen den ewigen Seufzer: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Schließlich ging Maxime. Im tiefsten Herzen war er erleichtert, wieder an die Front zurückzukehren. Der Abgrund, den er zwischen der Front und dem Hinterlande fühlte, schien ihm tiefer zu sein als alle Schützengräben, und er wußte, daß das Mörderischste nicht die Kanonen waren, sondern die Ideen. Wie er am Fenster des wegrollenden Waggons die erschütterten Gesichter entschwinden sah, dachte er:

„Arme Leute! Ihr seid ihre Opfer! Und wir sind die euren!...“

§

Am Tage nach seiner Rückkehr an die Front brach die große Frühlingsoffensive los, die dem Feind von den redseligen Zeitungen bereits seit längeren Wochen angedroht worden war. Mit ihr hatte man die Hoffnung der ganzen Nation während des dumpfen Winters der Erwartung und der totenähnlichen Starre unablässig genährt. Ein Schauer ungeduldiger Freude erhob sich im ganzen Volke, man war des Sieges sicher und rief ihm das „endlich!“ zu.

Die erste Nachricht schien dieser Hoffnung recht zu geben. Sie erzählte, wie es der Brauch ist, natürlich nur von den Verlusten des Feindes. Alle Gesichter strahlten. Die Eltern, deren Kinder, die Frauen, deren Männer draußen waren, fühlten sich erhoben bei dem Gedanken, daß ihre Schöpfung und ihre Liebe teil hatte am blutigen Liebesmahl. In ihrer Begeisterung kamen sie kaum auf den Gedanken, daß der Ihre auch ein Opfer sein konnte. Dieser Fieberzustand war derartig, daß Clerambault, der doch ein zärtlicher, liebevoller und für die Seinen besorgter Vater war, nur fürchtete, sein Sohn sei vielleicht noch nicht rechtzeitig zurück gewesen, um an dem „glorreichen Tag“ teilzunehmen. Sein ganzer Gedanke war, er möchte dabei gewesen sein, seine glühendsten Wünsche warfen ihn in den Abgrund hinein. Er opferte ihn auf, er gab ihn und sein Leben hin, ohne sich zu fragen, ob der Wille seines Kindes selbst damit einverstanden war. Da er, Clerambault, sich selbst nicht mehr gehörte, konnte er es einfach nicht mehr verstehen, daß ein anderer seiner Nächsten sich noch selbst gehörte. Die dunkle Gewalt des Masseninstinkts hatte alles aufgezehrt.

Und doch, manchmal ließ ihn irgendein Rest von Selbstanalyse einige Spuren seiner früheren Natur wiederfinden. Es war immer, wie wenn man einen empfindlichen Nerv berührt — ein dumpfer Schlag, ein Schatten von Schmerz. Aber er geht vorbei, und man leugnet ihn dann.

Nach drei Wochen stapfte die erschöpfte Offensive noch immer auf den blutgedüngten Kilometern herum. Die Zeitungen begannen die Aufmerksamkeit abzulenken, indem sie das Interesse auf irgendein anderes Thema lockten. Maxime hatte seit seiner Abreise nicht mehr geschrieben. Man suchte, um sich zu gedulden, irgendeinen jener Vorwände, wie sie die Vernunft ja so gefällig gibt, aber das Herz glaubt nicht an sie. Wieder gingen acht Tage vorbei. Untereinander tat jeder der drei so, als ob er zuversichtlich wäre. Aber in der Nacht, wenn jeder allein in seinem Zimmer war, schrie die Seele in ihrer Angst auf. Ganze Stunden lang war das Ohr auf der Lauer, horchte, die Nerven zum Zerreißen angespannt auf jeden Schritt, der die Treppe emporkam, lauschte auf die Klingel oder die Berührung einer Hand, die an die Tür streifte.

Allmählich kamen die ersten offiziellen Nachrichten über die Verluste. In mehreren befreundeten Familien zählte man schon einige Tote und Verwundete. Jene, die alles verloren hatten, beneideten diejenigen, denen ihre Lieben vielleicht blutend und verstümmelt, doch wenigstens würden wiedergegeben werden. Einige hüllten sich in ihre Toten ein wie in die Nacht, für sie war der Krieg zu Ende, das Leben zu Ende. Bei anderen aber blieb in erstaunlicher Weise die ursprüngliche Exaltation beharrlich: Clerambault sah eine Mutter, die ihr Patriotismus und ihre Trauer so fieberig entflammten, daß man fast das Gefühl hatte, sie freue sich am Tod ihres Sohnes. Sie sagte mit fanatischer und leidenschaftlich zusammengeballter Freude: „Ich habe alles gegeben, ich habe alles hingegeben“, so wie eine, die im Taumel der letzten Sekunden spricht, ehe sie sich mit ihrem Geliebten ins Wasser stürzt. Aber Clerambault, schwächeren Wesens oder schon aus seinem Taumel erwachend, dachte immer nur:

„Auch ich habe alles gegeben — sogar das, was mir nicht mehr gehörte.“

Er wandte sich an die militärische Behörde. Man wußte noch nichts. Acht Tage später kam die Nachricht, daß der Sergeant Clerambault Maxime als „vermißt“ seit der Nacht vom 27./28. des vergangenen Monats verzeichnet war. In den Pariser Büros konnte Clerambault keine weiteren Einzelheiten erfahren. Er fuhr nach Genf, suchte das Rote Kreuz, das Büro der Gefangenen auf, erfuhr nichts, stürzte sich auf jede Fährte, erhielt die Erlaubnis, in den Hospitälern und Etappendepots die Kameraden seines Sohnes befragen zu dürfen, die ganz entgegengesetzte Auskünfte gaben. (Die einen sagten, er sei gefangen, die anderen hatten ihn tot gesehen — am nächsten Tage gaben beide zu, daß sie sich geirrt hatten... o Qual... Gott, was für ein Henker bist du!...) Und nach zehn Tagen kam er endlich von diesem Passionsweg gealtert, gebrochen, erschöpft heim.

Er fand seine Frau in einem Paroxismus lauten Schmerzes, der sich bei diesem gutmütigen Wesen in einen rasenden Haß gegen den Feind verwandelt hatte. Sie schrie nur Rache und Rache. Zum erstenmal antwortete ihr Clerambault nicht. Es blieb ihm keine Kraft mehr zu hassen — er verbrauchte seine ganze im Leiden.

Er schloß sich in sein Zimmer ein. Während dieser ganzen furchtbaren zehntägigen Pilgerfahrt hatte er sich kaum ein einziges Mal seinen Gedanken gegenübergestellt. Nur eine Idee hatte ihn Tag und Nacht hypnotisiert, so wie einen Hund auf der Fährte: nur schneller, nur rascher vorwärts kommen. Die Langsamkeit der Wagen und Züge hatte ihn verzehrt. Es war vorgekommen, daß er ein Zimmer für die Nacht bestellte und doch noch am selben Abend wieder abreiste, ohne sich Zeit zur Erholung zu lassen, und dieses Fieber der Hast und Erwartung hatte alles aufgeschluckt. Es machte ihn unfähigen (zu seinem Glück), irgendwie im Zusammenhang zu denken. Aber jetzt war die Hetzjagd zu Ende, die Vernunft fand sich wieder, atemlos und röchelnd. Clerambault war jetzt gewiß, daß Maxime tot sei. Er hatte es seiner Frau nicht gesagt und ihr einige Mitteilungen verschwiegen, die ihm jede Hoffnung raubten, denn sie war eine jener Naturen, für die es ein Lebensbedürfnis ist, sich selbst gegen alle Vernunft einen Schein von Lüge zu bewahren, der sie so lange noch aufrecht hält, bis die große Flut des Schmerzes ein wenig verebbt ist. Vielleicht wäre Clerambault vordem auch einer dieser Menschen gewesen, aber jetzt erkannte er schon zu gut, wohin dieser Selbstbetrug geführt hatte. Er wagte noch nicht zu richten, versuchte überhaupt noch kein Urteil, er lag nur da in seiner Nacht, zu schwach, sich aufzurichten, rings um sich zu tasten, lag wie einer, der nach einem Sturz seinen zerschmetterten Körper regt und erst an seinem Schmerze gewahr wird, daß er noch lebt und sich bemüht, zu verstehen, was ihm eigentlich zugestoßen sei. Der weit aufgerissene tiefe Abgrund dieses Todes starrte ihn an und bezauberte ihn. Dieses schöne Kind, das man mit so viel Lust, mit so viel Mühe erzogen hatte, dieser Reichtum an blühender Hoffnung, das kleine, unvergleichliche Weltall, das ein junger Mensch bedeutet, dieser Baum von Jesse, dieses kommende Jahrhundert... all das zerstört in einer Stunde... und wofür? Wofür?

Er versuchte sich wenigstens zu überreden, daß es für etwas sehr Großes und Notwendiges geschehen sei. Mit Verzweiflung klammerte sich Clerambault in den folgenden Tagen und Nächten an diese Boje, er wußte, wenn seine Finger sie losließen, müsse er ertrinken. Noch gewaltsamer suchte er die Heiligkeit der Sache zu betonen, obwohl er es vermied, darüber zu diskutieren. Aber seine Finger klammerten sich immer schwächer an, bei jeder Bewegung sank er mehr hinab in die Tiefe, bei jeder neuen Bekräftigung des Rechtes und der Gerechtigkeit erhob sich aus seinem Gewissen wie ein finsterer Donner eine Stimme, die sagte:

„Und wenn ihr auch zwanzigtausendmal mehr Recht hättet in eurem Kampf, kauft dies, daß eure Vernunft recht behält, das entsetzliche Unglück darum schon zurück, mit dem es bezahlt ist? Wiegt euer Recht die Millionen Unschuldigen auf, die als Pfand des Unrechts und des Irrtums der andern fallen? Wäscht ein Verbrechen das andere rein, ein Mord den andern? War es wirklich nötig, daß eure Söhne nicht nur Opfer, sondern auch Mitschuldige waren, nicht nur Ermordete, sondern auch Mörder?“

Er sah im Geiste noch einmal den letzten Besuch seines Sohnes, hörte ihre letzten Gespräche, und alles wiederholte sich in seinem Herzen. Wieviel Dinge verstand er jetzt, die er damals nicht verstanden hatte! All das oftmalige Schweigen Maximes, die Vorwürfe seiner Augen... Aber das Schlimmste von allem für ihn kam, als er sich darüber klar wurde, daß er sie schon damals verstanden hatte, damals, als sein Sohn noch da war, und daß er sie nur nicht hatte verstehen wollen.

Und diese Entdeckung, die er schon seit einigen Wochen wie eine finstere Drohung über sich schweben fühlte — diese Entdeckung seiner inneren Lüge erdrückte ihn.

§

Rosine Clerambault war bis zum gegenwärtigen kritischen Augenblick gleichsam verloschen gewesen. Die anderen, und beinahe sie selbst, wußten nichts von ihrem Innenleben, kaum ihr Vater hatte davon eine deutliche Ahnung. Ohne Freundinnen oder gleichalterige Kameradinnen hatte sie die ganze Zeit unter dem Schutzmantel der Wärme selbstsüchtiger und erstickender Familienzärtlichkeit dahingelebt. Die Eltern standen zwischen ihr und der äußeren Welt, sie war schon daran gewöhnt, in ihrem Schatten dahinzuleben; sehnte sie sich dann, als sie herangewachsen war, aus dieser Sphäre herauszukommen, so wagte sie es nicht, wußte auch gar nicht, was mit sich anfangen. Denn kaum, daß sie aus dem Familienkreise heraustrat, fühlte sie sich gehemmt, ihre Bewegungen wurden ungelenk, sie konnte kaum sprechen, und das allgemeine Urteil fand sie unbedeutend. Sie wußte das und litt daran, denn sie war nicht ohne Selbstgefühl. So ging sie so wenig als möglich aus, blieb in ihrem Kreise, still, einfach und natürlich, und diese Stille war nicht die Folge einer Trägheit des Denkens, sondern der Geschwätzigkeit der anderen. Der Vater, die Mutter, der Bruder waren alle überschwänglich, so schloß sich dieses kleine Wesen aus Gegensätzlichkeit in sich selbst ein. Aber sie hielt Zwiesprache mit sich in ihrem Herzen.

Sie war blond, groß und schmal, hatte die Formen eines Knaben, hübsches Haar, dessen Locken leicht über die Wangen spielten, einen großen und ernsten Mund. Die untere Lippe war gegen die Mundwinkel zu etwas voll, sie hatte große, stille, träumerische Augen, fein und zart gezogene Brauen und ein hübsches Kinn. Auch ihr Hals war hübsch, ihre Brust zart und ebenso die Hüfte, nur die Hände etwas rot und groß mit vollen Adern. Ein Nichts konnte sie erröten machen. Der Reiz ihrer Jugend lag in der Stirn und im Kinn, die Augen fragten nur herum, träumten, aber verrieten nichts.

Ihr Vater hatte eine Vorliebe für sie, ebenso wie die Mutter für den Sohn: es gab zwischen ihnen geheime Beziehungen. Ohne es zu wollen, hatte Clerambault unaufhörlich sich des Mädchens seit dessen Kindheit mit seiner Zärtlichkeit bemächtigt und hielt es unablässig darin gefangen. Er hatte zum Teil selbst Rosinens Erziehung geleitet und sie mit der oft ein wenig aufdringlichen Naivität des Künstlers zu seiner Vertrauten gemacht. Dazu verführte ihn sein überströmendes Wesen, sein Bedürfnis, sich mitzuteilen, und das geringe Echo, das er bei seiner Frau fand: dieser guten Frau, die vor ihm auf den Knien lag und dort gewissermaßen liegen geblieben war. Sie sagte „ja“ zu allem, was er sagte, bewunderte ihn voll Vertrauen, aber sie verstand ihn nicht und merkte es nicht einmal, daß sie ihn nicht verstand. Das Wichtigste waren für sie nicht die Ideen ihres Mannes, sondern er selbst, seine Gesundheit, seine Zufriedenheit, seine Bequemlichkeit, seine Kleidung und Nahrung. Clerambault als dankbare Natur fällte kein Urteil über seine Frau, ebensowenig wie Rosine über ihre Mutter, aber beider Instinkt wußte wohl, was von ihr zu halten war, und dies war ein geheimes Band, das sie einte. Clerambault bemerkte gar nicht, daß er allmählich aus seiner Tochter seine wahre geistige Gattin und Gefährtin gemacht hatte; erst in der letzten Zeit wurde er dessen ahnend gewahr, als die politische Krise zwischen ihnen die stillschweigende Übereinstimmung löste und ihm plötzlich die Zustimmung, die geheime Neigung Rosinens fehlte. Rosine wußte all die Dinge längst vor ihm, sie vermied nur, ihr Geheimnis näher zu untersuchen. Das Herz braucht für sein Wissen nicht den Appell an den Verstand.

Seltsames und wundervolles Geheimnis der Liebe, die die Seelen verbindet! Sie weiß unabhängig zu bleiben von den Gesetzen der Gesellschaft und selbst der Natur, aber nur wenige Menschen werden dessen gewahr, und noch wenigere wagen es, sich es einzugestehen, aus Furcht vor der Plumpheit der Welt, die immer nur Gesamturteile hören will und sich an den engen Sinn der Gewohnheitssprache hält. Aber in dieser konventionell abgeschliffenen Sprache, die aus gesellschaftlicher Vereinfachung mit Absicht ungenau bleibt, sind die Worte weit davon entfernt, die lebendigen Nuancen der vielfältigen Wirklichkeit zu offenbaren und aufzuschließen, im Gegenteil, sie fesseln, uniformieren, versteinern sie und stoßen sie in den Dienst der selbst an die Kette gelegten Vernunft — jener Vernunft, die nicht aus den Tiefen des Geistes entspringt sondern — wie eine Fontäne in Versailles — aus weiten, in das Gefüge der zivilisierten Gesellschaft eingemauerten Wasserflächen. In diesem gleichsam juristischen Vokabular ist die Liebe an das Geschlecht, an das Alter, an gewisse gesellschaftliche Klassen gebunden, und je nachdem, ob sie sich den geltenden Umständen fügt, entweder als natürlich oder nicht, als legitim oder nicht anerkannt.

Aber was diese Worte erhaschen, ist nur ein dünnes Rinnsal aus den tiefen Quellen der Liebe. Die unendliche Liebe, gleichsam das Schwergewichtsgesetz, das die Welten bewegt, kümmert sich nicht um den Rahmen, den wir um ihr Wesen ziehen. Sie geschieht zwischen Seelen, die alles innerhalb Raum und Zeit voneinander zu entfernen scheint, über Jahrhunderte hinweg eint sie die Gedanken von Lebenden und Toten, sie schlingt enge und keusche Bindung zwischen Alten und Jungen, bringt den Freund dem Freunde und oft die Seele des Kindes der eines Greises näher, als sie beide, Mann oder Frau, jemals vielleicht in ihrem Leben Gefährtin oder Gefährten finden werden. Zwischen Vater und Kind gibt es oft solche Bindungen, ohne daß beide ihrer gewahr würden. Und „des Menschen Geschlechte“ (wie unsere Vorväter sagten) zählen so wenig im ewigen Antlitz der Liebe, daß zwischen Vätern und Kindern die Beziehungen vertauscht sind und die Kinder oft nicht die Jüngeren sind von beiden, sondern der Vater das wahre Kind ist. Wieviel Söhne empfinden fromm eine väterliche Liebe für ihre alte Mutter! Und geschieht es nicht wieder auch uns, daß wir uns ganz demütig und klein vor den Augen eines Kindes fühlen? Das Bambino Botticellis läßt auf der reinen Jungfrau seinen Blick voll einer unbewußten schmerzlichen Erfahrung ruhen, die so alt ist wie die Welt.

Auch die Zuneigung Clerambaults und Rosinens war von solcher erhabenen und frommen Wesensart, wie sie Vernunft allein nicht zu erklären vermag. Und deshalb begann in den Tiefen des bewegten Meeres tief unterhalb jener Schwankungen und Gewissenskämpfe, die der Krieg entfesselte, zwischen diesen beiden Seelen, die durch solche heilige Liebe verbunden waren, ohne Gesten, fast ohne Wort, ein geheimes Drama. Aus diesem unbewußten Gefühl erklärte sich auch die Zartheit ihres beiderseitigen Spürens. Zuerst war es das stumme Sichzurückziehen Rosinens, die, in ihrer Zärtlichkeit enttäuscht, in ihrem geheimen Ehrfurchtskult durch die Haltung ihres vom Krieg verführten Vaters ernüchtert, sich leise von ihm weghielt wie eine kleine antike, keusch verhüllte Statue; schon aber empfand die Unruhe Clerambaults, dessen Feinfühligkeit durch sein zärtliches Gefühl geschärft war, dieses „_Noli me tangere_“. Es gab zwischen dem Vater und der Tochter in jener Zeit kurz vor dem Tode Maximes eine unausgesprochene Entfremdung, die man vielleicht (wenn die Worte nicht zu grobschlächtig wären) einen Liebeskummer im reinsten Sinne des Wortes hätte nennen können. Dieser geheime Zwiespalt, der nie zu einem Wort zwischen ihnen aufschwebte, war für beide eine Kränkung, er verwirrte das junge Mädchen und reizte Clerambault, denn dieser kannte wohl die Ursache, nur sein Stolz weigerte sich, sie anzuerkennen. Aber bald kam er soweit, sich eingestehen zu müssen, daß Rosine im Recht war, und gern hätte er sich gedemütigt, aber er blieb in falscher Scham verschlossen. So verschärften sich die Mißverständnisse noch im Geiste, indes schon das Herz zur Nachgiebigkeit aufforderte.

Während der inneren Verwirrung nach dem Tode Maximes lastete diese Bitte dringlicher auf ihren schon mehr zur Nachgiebigkeit bereiten Seelen. Eines Tages, als die drei sich zum Abendessen zusammenfanden — es war dies die einzige Stunde, die sie verband, denn jeder lebte für sich, Clerambault ganz seiner Trauer hingegeben, Frau Clerambault immer ziellos beschäftigt und Rosine den ganzen Tag abwesend bei ihren Hilfsaktionen — hörte Clerambault seine Frau heftig Rosinen Vorwürfe machen. Rosine sprach von ihrer Absicht, die Pflege von feindlichen Verwundeten zu übernehmen, und Frau Clerambault, die dies als Verbrechen empfand, regte sich darüber auf.

Sie rief ihren Mann als Richter an. Clerambault, dessen müde, dunkle und leidende Augen zu verstehen begannen, sah Rosine an, die schweigend und mit gesenkter Stirn seine Antwort erwartete. Dann sagte er:

„Meine Kleine hat recht.“

Rosine errötete vor plötzlicher Erregung, denn das hatte sie nicht erwartet. Dankend hob sie die Augen zu ihm auf; ihr Blick schien zu sagen:

„Endlich habe ich dich wiedergefunden.“

Nach der kurzen Abendmahlzeit trennten sich alle drei, jeder blieb für sich. Clerambault, vor seinem Arbeitstisch, weinte, das Antlitz in den Händen. Der Blick seiner Tochter hatte sein von Schmerz erstarrtes Herz aufgelöst. Es war seine verlorene Seele, die seit Monaten erstickte, dieselbe Seele, die er vor dem Kriege besessen und nun wiedergefunden hatte. Und sie blickte ihn an....

Er trocknete seine Tränen und lauschte an der Tür... Seine Frau ordnete wie allabendlich in dem doppelt verschlossenen Zimmer Maximes wieder und wieder und wieder die Wäsche und die Gegenstände des Toten... Er trat in das Zimmer seiner Tochter, wo Rosine allein nahe beim Fenster saß und nähte. Sie war ganz in ihre Gedanken verloren und hörte sein Kommen erst, als er schon dicht neben ihr stand.

Er neigte seinen ergrauten Kopf gegen sie und sagte:

„Mein kleines Mädchen.“

Da zerschmolz auch ihr Herz, sie ließ ihre Arbeit fallen, nahm das alte Haupt mit den wirren Haaren zwischen ihre Hände und sagte, während ihre Tränen sich mit jenen, die sie hinströmen sah, vermengten:

„Lieber, lieber Vater!“

Aber weder der eine noch der andere bedurfte einer Erklärung, weshalb sie zueinander gekommen waren. Nach einem langen Schweigen, als er seine Ruhe wiedergefunden, sagte er mit einem Blick auf sie:

„Mir ist, als ob ich aus einem furchtbaren Wahn erwachte.“

Sie streichelte ihm das Haar, ohne zu sprechen.

„Aber du hast über mir gewacht, nicht wahr? Ich habe es gefühlt, immer bemerkt... hat es dir sehr weh getan?“

Sie nickte mit dem Kopfe, ohne ihn anzusehen. Er küßte ihr die Hände, richtete sich auf und sagte:

„Mein guter Engel, du hast mich gerettet.“

§

Er kehrte in sein Zimmer zurück.

Sie blieb allein, ohne sich zu rühren, ganz durchdrungen von Erregung. Lange verharrte sie so gesenkten Hauptes, die Hände über ihren Knien gefaltet. Die Flut der Gefühle, die wild aus ihr aufquollen, ließen ihren Atem stocken, ihr Herz war schwer von Liebe, Glück und Beschämung. Die Demut ihres Vaters verwirrte sie... Plötzlich riß sie ein Schwall von Zärtlichkeit und leidenschaftlichem Mitleid aus der Starre, die ihre Glieder und ihre Seele umfing, sie streckte die Arme gegen den Fernen aus, warf sich verwirrt vor ihrem Bett nieder, dankte Gott und bat ihn im Gebete, er möge alle Schmerzen auf sie häufen und das Glück ihm schenken, den sie liebte.

Aber der Gott, den sie beschworen, hatte nicht acht auf ihren Wunsch. Auf die Augen des Mädchens senkte er den guten Schlaf des Vergessens; Clerambault indes mußte noch den Gipfel seines Kalvarienberges erklimmen.

§

In der Nacht seines Zimmers, bei erloschener Lampe, blickte Clerambault in sich hinein. Er war entschlossen, bis in die letzte Tiefe seiner verlogenen und ängstlichen Seele, die der Wahrheit entflohen, hinabzuforschen. Die Hand seiner Tochter, deren Kühle er noch auf seiner Stirn fühlte, hatte das letzte Zögern weggestreift. Er war entschlossen, dem Ungeheuer Wahrheit ins Auge zu sehen, auch auf die Gefahr hin, von seinen Tatzen, die keinen mehr loslassen, den sie einmal erfaßt haben, zerfleischt zu werden.

Mit Angst, aber mit entschlossener Hand begann er in blutigen Stücken die Haut der irdischen Vorurteile, der Leidenschaften und fremden Ideen, die seine Seele ganz umwachsen hatte, von ihr loszulösen.

Zuerst das dicke Fell des tausendköpfigen Tieres, der gemeinsamen Herdenseele. Aus Angst und aus Schwäche hatte er sich in sie hineingeflüchtet, denn sie hält warm, fast zum Ersticken warm, man ruht gut darin, und doch ist sie ein schmutziges Kissen. Aber ist man einmal drinnen in dieser weichen Masse, so ist es vorbei mit jedem Versuch, aus ihr herauszukommen, und man will es auch gar nicht mehr. Man braucht nicht mehr zu denken, zu wollen, man ist geschützt vor der kalten Zugluft der Verantwortlichkeit. Trägheit und Feigheit... Fort! Weg damit!... Sogleich stürzt durch die offenen Ritzen der eisige Wind! Man schauert zurück — aber schon ist durch diesen kalten Stoß die Schläfrigkeit abgeschüttelt. Die umnebelte Energie richtet sich wankend wieder auf. Was wird sie draußen finden? Sei es, was es wolle, sie muß es sehen.

Er sah zuerst, das Herz von Ekel geschüttelt, was er nie geglaubt hätte — wie tief dieses fettige Fell schon mit seinem Fleische verwachsen war. Er witterte darinnen gleichsam eine späte faule Ausdünstung der Urbestie, alle die wilden uneingestandenen Instinkte des Krieges, des Mordes, des vergossenen Blutes, des von gierigen Kinnladen zerrissenen Fleisches. Er fühlte die ganze Urkraft des Todes über das Leben, er fühlte in der Tiefe des menschlichen Seins die Grube des Schlachthauses, die die Zivilisation, statt sie zuzuschütten, nur mit dem Schwall ihrer Lüge verhüllt und über der der dumpfe Dunst vergossenen Blutes schwelt... Dieser widrige Geruch ernüchterte Clerambault vollständig. Mit Grauen riß er die Haut der Bestie von sich ab, deren Beute er geworden war.