Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege

Part 3

Chapter 33,515 wordsPublic domain

Aber auch die alten Männer, die zurückgeblieben waren, meinten, ihr Denken ausnützen zu müssen. Freilich nicht, um die Wahrheit zu ergründen, sondern um den Sieg zu sichern. In den Kriegen von heute, die ganze Völker mitreißen, ist auch der Gedanke dienstpflichtig geworden. Er tötet ebenso wie die Kanonen, er tötet die Seele, er tötet über Land und Meere hin, über Zeit und Jahrhunderte: er ist gewissermaßen die schwere Artillerie, die auf weite Distanzen hin arbeitet. Selbstverständlich richtete auch Clerambault seine Geschütze. Für ihn war es längst nicht mehr wichtig, klar zu sehen, weit zu sehen, den ganzen Horizont zu umfassen, sondern einzig: den Feind zu treffen. Er war vom Wahn befangen, seinem Sohn im Kampfe beistehen zu müssen.

Mit einer unbewußten und fieberhaften bösen Absicht, die im letzten aus einem zärtlichen Gefühl stammte, suchte Clerambault in allem, was er sah, hörte oder las, Argumente, um seinen festen Entschluß, an die Heiligkeit der nationalen Sache zu glauben, noch stärker und stählerner zu machen. Er suchte alles zusammen, was beweisen konnte, daß allein der Feind den Krieg gewollt hätte und Feind des Friedens war, daß demnach den Feind zu bekriegen gleichbedeutend mit dem Wunsch nach Frieden sei. Die Beweise dafür fehlten ihm nicht. Sie fehlen ja niemals. Man muß nur die Augen immer an rechter Stelle zu öffnen und immer an rechter Stelle zu schließen wissen, dann sieht man alles, was man sehen will. — Aber dennoch: Clerambault war im letzten Grunde nicht ganz befriedigt. Nur fand das geheime Unbehagen seines im tiefsten rechtlichen Gewissens an allen diesen halben Wahrheiten und Wahrheiten mit Lügenschwänzen keinen andern Ausweg als in einer immer leidenschaftlicheren Erregung gegen den Feind. Gleichzeitig aber — so wie von den beiden Eimern eines Brunnens der eine steigt, wenn der andere hinabgeht — wuchs auch sein patriotischer Enthusiasmus, der schließlich in einer wohltätigen Trunkenheit seine letzten moralischen Bedenken wegschwemmte.

Von nun an war er in beständiger Jagd auf neue Fakten in den Zeitungen, die ihm seine neuen Thesen bekräftigen könnten. Obwohl er doch eigentlich genau wußte, wie unzuverlässig die Wahrhaftigkeit dieser Zeitungen war, so bezweifelte er doch nie irgendeine Behauptung, sobald sie seiner gierigen und unruhigen Leidenschaft als Argument dienen konnte. Dem Feind gegenüber hatte er das Prinzip angenommen: „Das Schlechte ist eben das Rechte.“ In gewissem Sinne wurde er Deutschland geradezu dankbar, wenn es ihm durch Akte der Grausamkeit und wiederholte Verstöße gegen das Völkerrecht eine offenkundige Bestätigung für die Behauptungen gab, die er auf jeden Fall schon im voraus ausgesprochen hatte.

Und Deutschland kam ihm darin wirklich zu Hilfe. Noch nie hatte ein Staat im Kriege es eiliger gehabt, die Meinung der ganzen Welt gegen sich zu entfesseln. Diese blutübervolle Nation, die an ihrer Kraft erstickte, hatte sich in einem Delirium von Stolz, Zorn und Furcht auf den Gegner gestürzt, die Bestie im Menschen, kaum losgelassen, zog gleich mit den ersten Schritten einen Kreis methodischen Schreckens um sich. Alle Brutalität des Instinkts und des Glaubens war bewußt von jenen aufgestachelt worden, die das Volk am Zügel hielten, von seinen Führern, seinem Generalstab, den einberufenen Professoren und Militärgeistlichen. Krieg war und wird immer eins mit dem Verbrechen sein. Aber Deutschland organisierte es, so wie alles, es erhob den Totschlag und das Niederbrennen zum Kriegsgesetz. Ein zorniger Mystizismus aus Bismarck, Nietzsche und der Bibel gemengt, goß sein Öl ins Feuer, der Übermensch und Christus wurden mobilisiert, um die Welt zu vernichten und zu erneuern. — Die Erneuerung begann in Belgien, und in tausend Jahren wird man noch davon sprechen. Die entsetzte Welt erlebte das höllische Schauspiel, wie die alte, mehr als zweitausendjährige Zivilisation Europas unter den brutalen und berechneten Schlägen der großen Nation hinbrach, die eine ihrer Führerinnen war — Deutschlands, das so reich an Intelligenz, Wissenschaft und geistiger Macht gewesen und das in fünfzehn Kriegstagen sich dienstfertig erniedrigt hatte. Aber was die Organisatoren der deutschen Tollheit nicht voraussahen, war, daß sie, so wie Cholera von einer Armee zur andern, nun ins andere Lager übergehen und, in den Feindesländern einmal heimisch, nicht mehr zu entfernen sein würde, ehe nicht ganz Europa davon angesteckt und für Jahrhunderte unbewohnbar geworden war. Für alle Tollheiten und Gewalttätigkeiten dieses erbitterten Krieges gab Deutschland das Beispiel, sein kräftiger, besser genährter Körper bot der Epidemie ein weiteres Wirkungsfeld, und sie wütete furchtbar; und als das Gift sich in Deutschland abzuschwächen begann, war es schon in die anderen Nationen in Form eines langsamen und zähen Fiebers eingedrungen, das von Woche zu Woche tiefer wühlte und bis in die Knochen hineinsickerte.

Den unsinnigen Reden der deutschen Denker antworteten unverzüglich die Übertreibungen der Schwätzer in Paris und überall. Wie homerische Helden waren sie, mit der einzigen Ausnahme, daß sie nicht kämpften, aber sie schrien dafür um so mehr. Man beschimpfte nicht nur den Gegner, sondern auch seinen Vater, seinen Großvater, den ganzen Ursprung, ja man leugnete sogar gegenseitig die vergangene Leistung. Der erbärmlichste Akademiker arbeitete wie ein Verzweifelter, um den Ruhm großer Menschen, die längst im Grabesfrieden schlummerten, zu beschmutzen und zu beschimpfen.

Clerambault hörte, hörte alles und trank es in sich ein... Und doch gehörte er zu den wenigen französischen Dichtern, die vor dem Kriege europäische Verbindungen gehabt und dessen Werke Sympathien in Deutschland gefunden hatten. Als rechtes, altes, verwöhntes französisches Kind, das sich ja nie die Mühe gibt, die anderen aufzusuchen, allzu gewiß, daß man zu ihm kommen würde, sprach er keine andere Sprache. Aber wenigstens nahm er die Fremden gut auf, wenn sie vom Auslande zu ihm kamen, sein Geist war frei von allen nationalen Vorurteilen, und die innere Intuition ersetzte genug die Lücken seiner Bildung, daß er hingebungsvoll ausländische große Geister bewundern konnte. Jetzt freilich, seit man ihn gelehrt hatte, daß man allem mißtrauen müsse („Schweig’, sei immer vorsichtig!“), seit er hörte, daß Kant nur eine Vorstufe für Krupp gewesen, wagte er nicht mehr ohne offizielle staatliche Garantie irgendetwas zu bewundern. Die sympathische Bescheidenheit, die ihn zur Friedenszeit wie einem Wort des Evangeliums allem vertrauen ließ, was gelehrte und geachtete Männer öffentlich mitteilten, nahm jetzt in der Kriegszeit die Formen einer unbegrenzten Leichtgläubigkeit an. Er verschlang, ohne mit den Augenwimpern zu zucken, die erstaunlichen Zeitungsentdeckungen der Intellektuellen seines Landes, die jetzt die Kunst, die Wissenschaft, den Geist und die Seele des andern Landes durch Jahrhunderte zurück durchwühlten und zu Boden stampften — die ganze Arbeit rasender Böswilligkeit, die dem Feind jede Größe absprach, in seinen erhabensten Erscheinungen nur Beweise seiner gegenwärtigen Infamie finden wollte, falls es ihm nicht überhaupt diese berühmten Männer wegnahm und sie irgendeiner anderen Nation zuwies.

Clerambault aber war davon ganz überwältigt, außer sich, und (freilich, dies gestand er sich nicht ein) im tiefsten Herzen jubelte er.

§

Um für seine Begeisterung einen Gefährten zu finden und sie mit neuen Argumenten zu nähren, beschloß Clerambault, seinen Freund Perrotin aufzusuchen.

Hippolyte Perrotin war eine jener Figuren, wie sie heute selten geworden sind und die einen Ruhmestitel der französischen Hochschule bildeten, einer jener großen Humanisten, deren weitblickendes und scharfes Wissensbedürfnis mit ruhigem Schritt den Garten der Jahrhunderte prüfend und klassierend, auslesend und pflückend durchwandert. Zu sehr beobachtende Natur, als daß ihm irgend etwas der Gegenwart entgangen wäre — die ihn eigentlich am wenigsten interessierte — wußte er jedem ihrer Geschehnisse seinen Rang im Gesamtbild zuzuweisen. Was anderen als das Wichtigste galt, war es keineswegs für ihn, und die politischen Bewegungen dünkten ihm Blattläuse auf einem großen Blatt. Da er aber nicht Gärtner, sondern nur wissenschaftlicher Beobachter war, glaubte er sich nicht verpflichtet, die Rosenblätter zu reinigen: einzig sie mit allen ihren Parasiten zu betrachten, war für ihn Gegenstand einer dauernden Entzückung. Er hatte den feinsten Sinn für literarische Schönheit und geistige Vollkommenheit, und seine Wissenschaft, weit entfernt, ihn dabei zu stören, belebte nur diese Neigung dadurch, daß sie seinen Gedanken ein festes und begrenztes Feld lebensvoller Vergleiche und Proben bot. Er gehörte zu jener französischen Tradition von Gelehrten, die gleichzeitig meisterliche Stilisten waren, jener Tradition, die von Buffon bis zu Renan und Gaston Paris reichte. Mitglied der Akademie und von zwei oder drei anderen Gesellschaften, hatte er durch die Weite seiner Kenntnisse über die bloßen Literaten und über seine wissenschaftlichen Kollegen nicht nur die Überlegenheit eines sichern und klassischen Geschmacks, sondern auch eines freieren und dem Neuen aufgetanen Geistes. Er dünkte sich nicht wie die meisten von ihnen, sobald sie über die Schwelle der heiligen Kuppelhalle getreten waren, schon aller Verpflichtung, weiter zu lernen, ledig: mitten in seiner gereiften Meisterschaft fühlte er sich noch immer als Schüler. Schon zur Zeit als Clerambault von den übrigen Unsterblichen gar nicht gekannt war, außer von ein oder zwei lyrischen Kollegen, die, wenn sie (was selten geschah) von ihm sprachen, es nur mit verächtlichem Lächeln taten — schon damals hatte er ihn sich entdeckt und in sein Herbarium eingegliedert. Einige Bilder hatten ihn stutzig gemacht, die Originalität mancher Wortwendung, der primitive und gewissermaßen nur naiv komplizierte Mechanismus seiner Phantasie zogen ihn an, schließlich interessierte ihn dann der Mann selbst. Clerambault, dem er ein glückwünschendes Wort hatte zukommen lassen, eilte, überströmend von Erkenntlichkeit, ihm zu danken, und zwischen den beiden Männern entspann sich allmählich eine Freundschaft.

Sie waren einander durchaus nicht ähnlich, Clerambault mit seiner lyrischen Gabe und seiner mittelmäßigen Intelligenz, die vom Herzen kam, und Perrotin, der durchdringende Geist, der sich niemals von der Leidenschaft der Phantasie verwirren ließ, aber beide verband die gemeinsame Würdigkeit der Lebensführung, eine intellektuelle Rechtschaffenheit sowie die reine Liebe zur Kunst und zur Wissenschaft, die ihre Freude aus sich selbst zog und nicht aus dem möglichen Erfolge, der ihr entspringen konnte. Freilich hatte das Perrotin niemals, wie man sehen konnte, gehindert, Karriere zu machen. Die Ehrenstellen waren gleichsam auf ihn zugekommen. Er suchte sie nicht, aber er wies sie auch nicht zurück und verabsäumte nichts.

Clerambault fand ihn gerade damit beschäftigt, die wirklichen Ideen eines chinesischen Philosophen von all den nachträglichen Umhüllungen rein loszulösen, unter denen sie die Lesarten und Erläuterungen von Jahrhunderten verborgen hatten. Bei diesem Spiel, das für ihn ein gewohntes war, kam er natürlich dazu, schließlich gerade das Gegenteil des bisher augenscheinlichen Sinnes zu finden: ein Ideal wird ja immer dunkler, wenn es von Hand zu Hand geht.

In dieser geistigen Verfassung empfing Perrotin zerstreut und sehr höflich Clerambault. Selbst wenn er in Salons anderen zuzuhören schien, trieb er immer Textkritik. Seine Ironie vergnügte sich dabei auf fremde Kosten.

Clerambault entlud gegen ihn seine ganze neue Erkenntnis. Sein Ausgangspunkt war die unbestreitbare Tatsache der offenkundigen moralischen Minderwertigkeit der feindlichen Nation, und es war eigentlich nur noch dies für ihn eine Frage, ob man darin den unheilbaren Niedergang eines großen Volkes erkennen sollte oder einfach ein Barbarentum feststellen, das von allem Anfang an bestanden, aber sich nur gut zu verschleiern gewußt hatte. Clerambault neigte zur letzten Auslegung. Noch ganz erfüllt von dem gerade Gelesenen, machte er Luther, Kant und Wagner für die gewalttätige Verletzung der belgischen Neutralität und für die Verbrechen der deutschen Armee verantwortlich. Wie man gemeinhin zu sagen pflegt: er hatte die Nase nicht selbst hineingesteckt, da er ja weder von Musik, noch von Theologie, noch von Metaphysik etwas verstand; ihm genügte die Autorität der Akademiker. Als Ausnahme ließ er einzig Beethoven gelten, weil er ein Flame war, und Goethe als Bürger einer Freistadt, die so eine Art Straßburg, also zur Hälfte französisch war, oder französisch und nur halb deutsch. Nun wartete er auf eine Zustimmung.

Aber zu seiner Überraschung stieß er bei Perrotin nicht auf eine Leidenschaftlichkeit, die der seinen entsprach. Perrotin lächelte, hörte zu, betrachtete Clerambault mit einer gutmütigen und neugierigen Aufmerksamkeit. Er sagte nicht nein und sagte nicht ja. Bei einigen Behauptungen machte er vorsichtige Einschränkungen, und als Clerambault ihm ganz hitzwütig die schriftlichen Aussagen zeigte, die von zwei oder drei berühmten Kollegen Perrotins unterschrieben waren, machte er nur eine kleine Gebärde, die sagen konnte:

„Ach, solche Dinge gibt’s in Menge.“

Clerambault wurde immer leidenschaftlicher, und nun veränderte auch Perrotin den Ton, bezeigte ein „lebhaftes Interesse“ für die „sehr interessanten“ Bemerkungen seines „verehrten Freundes“, nickte mit dem Kopf zustimmend zu allem, was er sagte, wich seinen direkten Fragen mit vagen Worten aus oder stimmte ihnen mit irgendeiner allgemeinen Höflichkeit zu, wie man eben jemandem antwortet, dem man nicht widersprechen will.

Clerambault ging, ganz aus der Fassung gebracht und unzufrieden, fort.

Aber er versöhnte sich mit seinem Freunde und war wieder seiner sicher, als er einige Tage später den Namen Perrotins unter einem leidenschaftlichen Protest der Akademie gegen die Barbaren fand. Er nahm den Anlaß wahr, um ihn zu beglückwünschen, und Perrotin dankte ihm mit einigen vorsichtigen und sybillinischen Worten:

„Mein verehrter Herr — (er benutzte immer in seinen Briefen die zeremoniösen und gemessenen Formeln derer von Port-Royal) — ich bin immer bereit, den Wünschen des Vaterlandes zu gehorchen; sie sind Befehle für mich. Auch mein Gewissen steht ihm zur Verfügung, so wie es die Pflicht eines guten Bürgers ist...“

§

Eine der merkwürdigsten geistigen Wirkungen des Kriegs war, daß er neue Bindungen zwischen Menschen erzeugte. Leute, die nicht einen Gedanken gemeinsam hatten, entdeckten plötzlich, daß sie gleichen Sinnes waren; und sobald sie sich zusammenscharten, wurden sie einander wirklich ähnlich. So entstand, was man die _Union Sacrée_, die „heilige Eintracht“, nannte. Menschen aller Parteien und von verschiedenstem Temperament, Choleriker, Phlegmatiker, Monarchisten, Anarchisten, Klerikale, Calvinisten vergaßen plötzlich ihr wirkliches Ich, ihre Leidenschaften, Narrheiten und Feindseligkeiten. Sie wechselten die Haut, und man sah sich mit einemmal neuen Wesen gegenüber, die sich unerwartet wie ein Häufchen gefeilten Eisenstaubes um einen Magneten zusammenrotteten. Alle alten Beziehungen waren plötzlich verschwunden, und man staunte gar nicht darüber, sich plötzlich einem Fremden näher zu fühlen als den ältesten Freunden. Man hätte glauben mögen, daß die Seelen unterirdisch, mit weitverbreiteten Wurzeln, im Dunkel des Instinkts verbunden waren, jener allzuwenig bekannten Region, zu der die Beobachtung selten hinabsteigt. Unsere Psychologie beschäftigt sich ausschließlich mit jenem Teil unseres Ich, der aus dem Erdreich des Unbewußten herausragt, sie beschreibt sorgfältig dort jede Einzelheit, ohne auf alles das zu achten, was nicht gerade Schaft und Blüte der Pflanze ist. Aber neun Zehntel sind unsichtbar eingegraben und mit den Füßen anderer Pflanzen verschlungen. Diese ganze tiefe (oder niedere) Region der Seele ist für gewöhnlich unbewußt und für das Gefühl nicht merkbar, die Vernunft weiß nichts von ihr. Aber der Krieg ließ plötzlich, indem er diese unterirdische Welt weckte, moralische Bindungen zutage treten, die man nie vermutet hätte. So trat zum Beispiel bei Clerambault eine plötzliche Intimität mit einem Bruder seiner Frau zutage, den er bisher, und mit gutem Recht, als Typus eines echten Philisters betrachtet hatte.

Leo Camus war noch nicht fünfzig Jahre alt, groß, mager, ein wenig vorgekrümmt, hatte einen schwarzen Bart, fahle Farben, schütteres Haar (seine Kahlköpfigkeit war sogar schon sichtbar, wenn er den Hut noch auf hatte), sein Gesicht war voll kleiner Falten, die sich nach allen Richtungen überquerten, wie Maschen eines schlecht geflickten Netzes. Er hatte meist ein ungesundes, unfreundliches Aussehen und war beständig verschnupft. Seit dreißig Jahren war er Staatsbeamter, und seine ganze Karriere war im Schatten eines Hofes im Ministerialgebäude dahingegangen. Im Laufe der Jahre hatte er das Zimmer gewechselt, aber er war nie aus diesem Schatten herausgekommen, sein ganzer Fortschritt war immer im selben Hoftrakt. Für ihn gab es keine Möglichkeit mehr, diesem Leben zu entrinnen, und jetzt war er endlich Unterdirektor geworden, was ihm erlaubte, nun seinerseits Schatten zu verbreiten. Er hatte fast gar keinen Zusammenhang mit Menschen und verkehrte mit der äußeren Welt nur hinter einem Wall von Registraturen und aufgehäuften Papierstößen. Er war Junggeselle und hatte keinen Freund, denn sein Menschenhaß behauptete, es gäbe keine, außer solchen aus Interesse. Seine einzige Zuneigung galt der Familie der Schwester, und auch diese äußerte sich nur darin, daß er alles, was jene tat, für schlecht befand; denn er gehörte zu jenen Leuten, deren unruhige Besorgtheit diejenigen, die sie lieben, immer kritisiert, und wenn sie jene leiden sehen, nicht müde werden, ihnen zu beweisen, daß sie durch eigenes Verschulden unglücklich seien. Bei den Clerambaults machte er nicht sehr viel Effekt damit, ja es mißfiel Frau Clerambault, die ein wenig träge war, sogar nicht, ein bißchen gerüttelt zu werden. Was die Kinder betraf, so wußten sie, daß diese Vorwürfe meistens von kleinen Geschenken begleitet waren: so steckten sie die Geschenke ein und ließen das Übrige auf sich niederprasseln.

In bezug auf seinen Schwager hatte die Haltung Leo Camus’ im Laufe der Jahre einige Veränderungen durchgemacht. Als seine Schwester Clerambault heiratete, hielt Camus mit seiner Mißbilligung nicht zurück, ein unbekannter Dichter schien ihm nicht jemand „ernst zu Nehmender“. Dichter sein (ein unbekannter Dichter), das ist immer nur ein Vorwand, um nicht zu arbeiten..., natürlich, wenn man „bekannt“ ist, das ist dann etwas anderes! Camus verehrte sehr Victor Hugo, er kannte sogar Verse aus den Châtiments und einige von August Barbier auswendig, die aber waren „bekannt“, und „bekannt sein“ ist eben alles. Nun geschah es aber eines Tages, daß Clerambault „bekannt“ wurde. Camus erfuhr es durch seine eigene Zeitung. Von diesem Tag an hatte er sich endlich bewegen lassen, die Gedichte Clerambaults zu lesen. Er verstand sie nicht, aber er war darüber nicht ungehalten, denn so konnte er sich brüsten, noch von der „alten Schule“ zu sein und sich dadurch überlegen dünken. Es gibt ja viele dieser Art, die sich aus ihrer Verständnislosigkeit einen Stolz zu machen wissen. Aber ist es nicht recht so in der Welt, daß der eine auf das pocht, was er hat, und der andere auf das, was er nicht hat? Übrigens gab Camus zu, daß Clerambault „schreiben“ könne (er mußte es ja verstehen, da er auch vom Fach war). So hatte er im gleichen Maße, wie die Zeitung ihn zu schätzen begann, ein immer größeres Interesse an seinem Schwager und liebte es, mit ihm zu plaudern. Er hatte immer schon, ohne es je zu sagen, seine herzliche Güte geachtet, und was ihm besonders an diesem großen (denn jetzt nannte er ihn plötzlich so) Dichter gefiel, war seine offenkundige Unfähigkeit in Geschäftsdingen, seine praktische Ignoranz. Auf diesem Gebiete war Camus sein Meister, und er ließ es ihn deutlich fühlen. Clerambault hatte ein naives Vertrauen zu den Menschen und zu den Dingen, und nichts war Camus und seinem aggressiven Pessimismus willkommener als diese Eigenschaft. Dies hielt ihn immer in Atem. Die meiste Zeit seiner Besuche ging damit hin, Clerambaults Illusionen in tausend Stücke zu zerpflücken, aber sie hatten ein zähes Leben, und jedesmal mußte man anfangen, sie von neuem zu zerstören. Camus ärgerte sich darüber, aber mit einem geheimen Vergnügen. Er brauchte immer einen neuen Vorwand, um wieder beweisen zu können, daß die Welt schlecht und die Menschen dumm waren, vor allem aber fand kein Mann der Politik Gnade vor seinen Augen. Dieser Staatsbeamte haßte alle Regierungen, ohne eigentlich sagen zu können, wen oder was er an ihre Stelle gewünscht hätte. Die einzige Form der Politik, die ihm verständlich war, blieb die Opposition. Er litt eben daran, sein Leben verdorben, seine Natur unterdrückt zu haben. Als Bauernsohn war er dazu geschaffen, wie sein Vater Weingärten zu pflegen oder als Wächter über das kleine Landvolk seinen Autoritätsdrang auszuleben. Aber es war damals der Rost über die Weingegend gekommen, andererseits lockte der dumme Stolz zur Bureaukratie, so war die Familie in die Stadt übersiedelt. Jetzt hätte er zu seiner wirklichen Natur nicht mehr zurück können, ohne sich herabzuwürdigen, und hätte er es selbst vermocht, so wäre sie daran verkümmert. Weil er seinen Platz in der sozialen Gesellschaft nicht fand, machte er die Gesellschaft dafür verantwortlich, er diente wie tausend Beamte dem Staate als schlechter Diener, als heimlicher Feind.

Man hätte meinen sollen, ein Wesen dieser Art, ein so düsterer, verbitterter, menschenfeindlicher Geist müßte durch den Krieg ganz außer sich geraten sein, aber gerade das Gegenteil trat ein: der Krieg beruhigte ihn. Für die wenigen freien Geister, die auf das Weltall hinblicken, war die Zusammenrottung zu bewaffneten Horden gegen den Feind ein Zusammenbruch. Aber für die Menge all derer, die in der schöpferischen Unfähigkeit eines ziellosen Egoismus leben, ist der Krieg eine Erhebung, er trägt sie zur höheren Stufe des zielvollen, des organisierten Egoismus empor. Camus wachte eines Tages mit dem Gefühl auf, zum erstenmal nicht allein auf der Welt zu sein.

Der Instinkt des Vaterlandes ist vielleicht der einzige, der in den gegenwärtigen Zeitläuften dem Brandmal der Alltäglichkeit entgeht. Alle anderen Instinkte, alle natürlichen Triebe, das Verlangen zu lieben und zu handeln, werden in der Gesellschaft niedergehalten, erstickt oder gezwungen, durch das Joch der Entsagung und der Kompromisse zu gehen. Wenn ein Mann auf der Höhe seines Lebens sich zurückwendet, um seine einstigen Neigungen zu betrachten, und sieht auf ihnen die Brandmarken seiner Niederlage und seiner Nachgiebigkeit, dann schämt er sich ihrer und seiner selbst, Bitternis im Munde. Einzig der Instinkt des Vaterlandes bleibt in der gegenwärtigen Gesellschaft ausgeschaltet, er tritt nicht in Aktion und wird deshalb nicht beschmutzt. Wenn er aber einmal in Erscheinung tritt, so ist er unberührt, und die Seele, die sich ihm hingibt, wirft ihm zugleich die Glut aller ihrer niedergehaltenen und erniedrigten Instinkte, Liebe, Verlangen und Ehrgeiz entgegen, die das Leben verraten hat. Ein halbes Jahrhundert unterdrücktes Leben nimmt seine Rache, Millionen kleiner Zellen des sozialen Gefängnisses öffnen sich, endlich, endlich einmal... die alten Leidenschaften, die angeschmiedeten Instinkte recken ihre erstarrten Glieder, sie fühlen, daß sie das Recht haben, ins Freie zu stürzen und zu schreien. Das Recht? Sie haben jetzt die Pflicht, sich dahinstürmen zu lassen, als mächtige, stürzende Masse. So werden plötzlich die Millionen einzelner Schneeflocken zur Lawine.