Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 3
Da ich von Paretz nach Berlin muß zu einer Hochzeit bei dem Geh. Leg. R. Borck, so benuze ich die wenigen Augenblicke der Durchreise, um Ihnen zu sagen, theurer Freund, wie dankbar der König für „Ihren schönen herzlichen Brief“ ist. Er trägt mir auf, es Ihnen zu sagen, auch hat er mir gedankt, daß ich Sie abgehalten zu erscheinen da „Ihre Gesundheit ihm und der Königin über alles theuer sei.“ Wir waren im langweiligen Paretz 130 Personen zu Mittag, mit den Leuten an 300 Personen!
Ihr
_A. H._
Der König kommt heute Morgen und geht Sonnabend auf 1 Tag nach Berlin.
XIII.
Sonnabend.
Ob Sie mich werden lesen können?
Ich will Ihnen Reue einflößen, mein theurer, edler Freund: ich will die geistreiche Gräfin zu Hülfe rufen, damit Sie mich beschüze. Während ~Dr.~ Ruthenberg, den die Polizei verfolgt, in der polytechnischen Gesellschaft meinen Kosmos, als eine „_Naturbibel_ und als ein _inspirirtes_ Erbauungsbuch“ vorliest, versagen Sie mir die Hülfe, um die ich flehe. Ich flehte um Bezeichnung durch einen symbolischen Seidenfaden, ohne allen schriftlichen Commentar (Schriftsteller schreiben bekanntlich ungern) von zwei Stellen des _Calderon_ und eines gewissen _Shakespeare_, den Sie vielleicht auf dem Tische haben, in denen sich _Naturgefühl_ und ein Hang zu _Naturbeschreibung_ finden. Im Calderon soll dergleichen wunderschön, ~en boca de Segismundo, en la Vida es sueño~ stehen: „~Los peces y las aves que gozan de la libertad son come rayos de un astro oscurecido etc.~“ Das alles weiß man in der Oranienburger Straße, aber mein Flehen wiederholend, will ich kommen, Ihnen dehmütigst zu danken, wenn Sie den Zauber lösen wollen[1].
Mit alter Verehrung
Oranienburger Str. Nr. 67.
der wüthende
_A. v. Humboldt_.
Meine Verehrung der theuren Gräfin.
Meine Unterhaltungen sind jetzt: _zu begraben_; du armer Wach! -- und zu christnen (?) in Charlottenburg (2 Stunden Ehrenberg!). Da ist der Kampf der beiden Hofprediger in der Athalie, ~veuve Soram~, doch unterhaltender.
Ein Prediger T., einst Pfarrer bei Chemnitz, der den Heiland in meinem Kosmos sucht und ihn vermißt, mir aber doch viel langweiliges über die Kartoffel-Seuche schreibt (Dresden, Lange Gasse Nr. 10 vier Treppen) trägt mir auf Sie innigst zu grüßen. Ich thue es um mich für Ihr Stillschweigen zu rächen.
XIV.
_Potsdam_, Sonnabend.
Der König und auch die Königin fragen immer so ängstlich und so liebevoll nach dem Tage, wo wir endlich Sie hier besizen können, daß ich wohl das Stillschweigen brechen und Sie, hochverehrter Freund und College, bitten muß, mir einige vertrauliche Worte zu schreiben. Sie wissen, daß die leiseste Furcht, die Übersiedelung könne Ihrer theuren Gesundheit oder der der Gräfin nachtheilig werden, jeder Anfrage ein Ende machen wird. Das Wetter ist warm und schön, viel schöner wird es ja in dem Scythen Lande nie. Der Hof ist freilich nicht so allein, als Sie und ich es wünschen möchten, aber Sie wissen ja, daß Sie nicht alle Tage bei Tische zu erscheinen brauchen, ja daß der Tyrann allen Freiheit läßt und Freiheit ehrt! Der König sagte heute „er glaube, Sie müßten nach Töpliz gehen.“ Könnten Sie denn nicht vorher einen kleinen Aufenthalt in Syracus machen? Die Kaiserin kann sich erst am 26. Juni entscheiden, es ist wahrscheinlicher, daß sie gar nicht kommt. Mit inniger Verehrung und Liebe
Ihr
_A. v. Humboldt_.
In dem heute angekommenen ~Journal des Debats~ steht ein Artikel von Jules Janin (?) über die Antigone voll Freundlichkeit für Sie.
XV.
Montag früh.
Ich gebe Ihnen, theurer Freund die frechen, unverständlichen, unehrlichen Aphorismen Schellings zurück. Um den „Jug“ (?) (-- _unlesbar_ --) den er gemacht zu haben sich rühmt, beneide ich ihn nicht. S. XLIV lesen Sie die verruchtesten Säze über das Recht der Staatsgewalt, auch giebt es S. XLII „ein Christenthum vor dem Christenthum.“ Zwischen den Citationen von Luthers Tischreden und der Kirchenzeitung bin ich auch ~p.~ X citirt und des „Zurücknehmens“ beschuldigt. Empfangen Sie noch meinen freundlichsten Dank für lange Geduld, die Sie mir gestern geschenkt.
Ihr
_A. v. Humboldt_.
XVI.
Sonntag Nacht.
Herr Tholuck, religiöse Dinge, Family Prayers, oder gar Thierquälerei, mein edler Freund, sind Dinge die _von mir_ kommend, bei dem König und der Königin nur Lächeln erregen müssen. Sie können denken, wie gern ich Sie von dergleichen gern befreien möchte, aber da Briefe die nicht an den König oder die Königin gerichtet sind, ungelesen bleiben, da alles was man darüber mündlich vorbringt, spurlos verhallet, so giebt es für Sie und mich nur ein Mittel der Befreiung von solchen theologischen und thierischen Anmuthungen; das Mittel ist: Briefe zu fordern, die man _versiegelt_ und _unterzeichnet_ übergeben wird.
Ich lebe mit den Toten, erst B. und die Pflichten, die eine Familie von 5 Kindern mir auflegt: heute hab’ ich wieder eine Leiche: Der junge talentvolle spanische Litterator, Enrique Gil, Verf. des Romans ~el Sr. de~[2]....., ist heute morgen 29 Jahr alt an der Schwindsucht hier gestorben. Ich bin morgen mit seinem Begräbniß beschäftigt. Das sind _meine_ Beschäftigungen. Bülow’s Dedication wird gewiß dem König angenehm sein. Der König und die Königin sind immerdar mit _Ihnen_ liebevoll beschäftigt wie
Ihr
unverbrüchlich
treuer
_A. v. Humboldt_.
Zürnen Sie mir heute nicht. Meine Verehrung der theuren Gräfinn.
XVII.
Montag Nacht.
Verzeihen Sie die Unvorsicht der verkehrt angefangenen Seite!
Mein verehrter Freund!
Ich habe den König heute in Bellevue, wo man neben dem blühenden Treibhause speiste, an die „Novellen des Hrn. v. Bülow“ erinnert. Er trägt kein Bedenken, die angebotene Dedication anzunehmen. König und Königinn haben mir bestimmt aufgetragen, Ihnen das innigste Bedauern auszudrücken, wieder des ganzen Wertes Ihres Umganges beraubt gewesen zu sein. Beide bitten Sie inständigst, doch ja fortzufahren, troz der Frühlingslüfte Ihre Gesundheit schonend zu pflegen. Ich arbeite trübe an dem zweiten Theil des Kosmos, von dem ich nächtlichst (denn die gesellschaftlichen, deprimirenden Störungen sind endlos gewesen) doch die Hälfte fast schon gedruckt sehe. Das tragische Unglück meiner Familie, der Tod des armen Spaniers Enrique Gil den ich pflegte, ein 4tägiger Blutsturz von H. Ackermann, der lungenkrank Berlin und die Werke Friedrichs II. auf immer verlassen muß, die trostlosen, Unglück bereitenden Polnischen Zustände... haben mich so wenig aufheitern können, als der heutige litterarische Artikel der Staatszeitung, in dem man durch 16 Verse, die unter den 1660 Versen des Agamemnon ausgewählt werden, meinen Bruder zu züchtigen hofft. Die Spener’sche (?) Zeitung wird morgen meine Antwort enthalten. Ich handle nach dem Princip der Polnischen Insurgenten, die zeigen wollen, daß sie noch existiren. Mit alter Anhänglichkeit
Ihr
gehorsamster
_A. v. Humboldt_.
XVIII.
_Potsdam_, 10. Mai 1848.
Wenn ich Ihnen, mein theurer, verehrtester Freund und College so spät auf Ihre freundlichen Zeilen antworte, so ist es nur weil ich erst gestern Abend von Illaire die sichere Nachricht empfangen habe, daß der so vielbegabte, sprachgelehrte L. wirklich den erbetenen Geldvorschuß vom König erhalten wird. Das Gelingen, so elend klein auch die Summe noch ist, war wie ein Wunder, da seit dem Erd- und Staatsbeben vom 18ten Merz im Geh. Cab. alles abgeschlagen wird und der Minister keiner die Schwachheit hat zu glauben daß Kunst und Wissenschaft etwas noch die constitutionelle Monarchie veredelndes haben. In einem eigenen schriftlichen Berichte über L. hatte ich mich neben Grimm und dem hier heilig glänzenden Namen Beckedorf ganz besonders auf Ihre Gunst gestützt, auch wieder aus Joh. Damascenus _etwas_ vorgelesen. Ich sage etwas, denn außer der nüchternen neuen Staatszeitung und den langweiligen meerumflossenen Schleswiger Berichten (~parturiunt montes!~) ist in dem zahlreichen Familienkreise, in dem allbewohnten Cellulargebäude, das man das Schloß nennt, an eigentliches litterarisches Vorlesen nicht zu denken! Über Sich Selbst mein theurer Freund, und die Gesinnungen, die für Sie hier herrschen, müssen Sie nicht irren. Ihr Name wird bei König und Königin immer mit Zärtlichkeit genannt. Wie die Wohnungsangelegenheit durch Andere behandelt worden ist, weiß ich leider! nicht, aber bei König und Königin habe ich ununterbrochen die freundlichsten Äußerungen über Sie vernommen. Der König, den ich nach dem unbeantworteten Gedichte zum Geburtstag befragt, war tief betrübt darüber: er ist aber wirklich ohne Schuld, weder er, noch die Königin, noch Illaire haben je das Gedicht gesehen. Alle antworten: wie können Sie voraussezen, „man würde sich nicht eines Gedichtes von Ludwig Tieck erinnern?“ Wer, theurer Freund, soll es übergeben haben? Schicken Sie mir ja eine Abschrift davon für die Königin: sie legt großen Werth darauf, auch der König, dessen _heiterste_, _sorgenlose_ Liebenswürdigkeit dieselbe geblieben ist. Wie -- -- -- (?) elende Wahlen! auch unser Friedrich Raumer nicht! Dazu das _erbliche_ Kunstwerk von Dahlmann und den 50 Dilettanten in Frankfurth, die unberufen den Bundestag regieren und Preußen mediatisiren! Könnten Sie denn nicht einmal hier bei dem Könige speisen? Es würde große Freude machen. Man _wagt_ es nicht, Sie einzuladen, in der Furcht die ich auch theile, Ihnen zu schaden.
Mit alter Liebe und Verehrung
Ihr
_A. v. Humboldt_.
Meine Gesundheit ist nur erträglich, aber ich habe mich eifrigst in die Arbeit geworfen. Kosmos Th. III. und eine neue (3te) sehr vermehrte Auflage der Ansichten der Natur. Ich möchte auch als _Arbeiter_ Geld gewinnen, da uns noch einige unsanfte Blutungen bevorstehen mögen.
XIX.
Sonntags.
Mein theurer, verehrter Freund! Eine starke Erkältung, die mir die nothwendigen und häufigen Eisenbahnreisen zuziehen, hindert mich heute wieder, Ihnen das „Hohe Lied“ selbst zu bringen. Ich habe heute wieder auf _mehrere_ Briefe und Zusendungen des vortreflichen ~Dr.~ Böttcher freundlichst geantwortet. Der Mann träumt poetische Vorlesungen, da, wo es sich um „Sein und Nicht Sein“ handelt -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ich gehe unter. Sie rettet geistig Ihre Einsamkeit. Mit alter unverbrüchlicher Verehrung
Ihr
_A. v. H._
Rückert’s Festgedicht ist wenigstens _durch mich_ nicht an die Königin gelangt.
XX.
Dienstag.
Ich schreibe, mein theurer Freund, diese Zeilen unbequem und also noch schiefer, als gewöhnlich, in meinem Bette, an das ich seit einigen Tagen durch rheumatisches Unwohlsein gefesselt bin. Ihr Brief hat mich tief geschmerzt, es ist der erste Kummer den ich empfunden, seitdem ich in das Vaterland zurückgekehrt bin. Woher auf einmal ein solcher Argwohn gegen mich, der, seitdem wir das Glück haben, Sie den unsrigen zu nennen, nie abgelassen hat dieses Glück zu feiern, den nie etwas getrübt hat, auch nicht der alte Tragiker (?), der mir, mit einem Unrecht, das ich Ihnen und dem König zugleich anthat, wie eine verfinsternde Wolke erschien. Ich soll Ihnen aus den schon gedruckten Bogen freundlicheres vorgelesen haben, als der Kosmos bringt. Mein Gedächtniß giebt mir auch auf das Entfernste nichts wieder, die Correcturbogen (es waren nicht Aushängebogen; denn ich lasse immer 8-10 Bogen, wie es Cotta erlaubt, zugleich abziehen und ändere durch das, was auf dem Rand daneben geschrieben wird, bis zum lezten Augenblick) sind zerstöhrt und Professor Buschmann erinnert sich ebenfalls keiner Veränderung, er wird sehen ob er im ältern Manuscripte, ~variantes lectiones~, auffinden kann. Ich rühme mich Ihrer „edlen Freundschaft,“ ich rühme mich dessen was ich dem „tiefsten Forscher alter dramatischen Litteratur“ verdanke. Habe ich vielleicht durch an den Rand zugeschriebene Worte, die in der lezten Correctur vergessen worden sind, die Worte „tiefster“ und „edel“ verstärkt, das weiß nicht ich, der ich mein Leben mit Correctur zubringe und das Gefühl habe, daß man die drei Heroen unseres Vaterlandes, Göthe, Tieck und Schiller nicht zu rühmen, durch Epitheta zu rühmen unternehmen darf. Die zwei Bände des Cosmos sind deutsch stereotypirt, und es waren in der 6ten Woche vom 2ten Bande allein 10,000 Exemplare abgezogen, aber auch in dem schon Stereotypirten kann ich ändern lassen. Es kommt dazu mit dem dritten Bande eine 2te Auflage der ersten 2 Bände heraus. Wenn theuerster Freund Ihr Gedächtniß treuer, wie das meinige ist, so beschwöre ich Sie mir die fehlenden Worte recht einfach niederzuschreiben. Wir werden sie wieder aufglimmen sehen, aber bei Gott! Betrug oder Lieblosigkeit kann nicht im Spiele gewesen sein. Mir erscheint es beängstigend, wie ein verhängnißvoller Spuck, wie ein böses Traumgesicht, das sich zwischen Freunde drängt.
Ich will eine Wunde ganz anderer Art nicht berühren, den schmerzlichsten Verlust, den Sie erleiden konnten. Ich war in Paris ernsthaft um Sie, mein theurer Freund, besorgt. Wie vielen Dank bin ich Waagen schuldig, daß er mich so liebevoll beruhigt hat. Es war eine Frau von einem großen Sinn und Gemüthe.
Ich bitte innigst, daß Sie mir in die Wohnung von Fr. Lenz schreiben, damit ich Sie einladen kann, sobald ich das Bett verlasse. Mit alter Verehrung und Freundschaft
Ihr
_A. v. Humboldt_.
XXI.
Freitags.
Wie soll ich Ihnen lebhaft genug für Ihren freundlichen Brief danken. Ossa und Pelion bedecken längst den Spuck, dessen Lösungswort Sie, Böser, mir immer noch vorenthalten. Stand etwa in den Correcturbogen „der tiefste, geistreichste aller.....“ Das wäre immer noch schwach gewesen, gegen das, was die Welt empfindet. Ich schreibe noch aus’m Bette. Es ist ein kleines Schnupfenfieber, das wie eine Natter auf dem kalten Boden schleicht. Mit dankbarer Liebe,
Ihr
_A. v. Humboldt_.
Jacobi, Friedr. Heinrich.
Geb. zu Düsseldorf am 28. Januar 1743, gest. am 10. März 1819 in München. --
Der Philosoph hat wichtige Werke über Spinoza und David Hume geschrieben; der _Dichter_ sprach aus „Woldemar“ und Allwills Briefsammlung; der _Mensch_, der Beide: den Poeten und den Weisen in sich vereinte, ist von seinen Zeitgenossen als eine der liebenswerthesten Persönlichkeiten geschätzt worden. Tieck hat seinem Gedächtniß mit ehrfurchtsvoller Liebe gehuldiget.
I.
(Ohne Datum.)
Verzeihen Sie, verehrtester Freund, daß ich, gestört durch Aretin und Sömmerring, die letzten Zeilen Ihres Briefes übersah. Ich werde heute Abend nicht zu Hause seyn, der Beleuchtung wegen, die ich mit betreiben helfen muß. Morgen Abend bin ich höchst wahrscheinlich zu Hause: das Nähere darüber laße ich Ihnen in der Frühe sagen. Wir alle empfelen uns Ihnen und Ihrer Frau Schwester bestens.
_Jacobi_.
II.
_Mittewoche_, d. 14. Dec. 1809.
Wenn Sie, mein verehrtester Herr und Freund, wohl genug und dazu gestimmt sind, so lade ich Sie ein, gegen 12 Uhr zu mir zu kommen mit dem Niebelungen-Lied, damit ich Unglückseliger, nach so langer Unterbrechung, doch einmahl wieder etwas davon genieße. Sie theilen alsdann mein gewöhnliches Mittagseßen mit mir, zu dem ich auch Ihren Hrn. Bruder, wenn er vorlieb nehmen will, mit einlade. Der Gebrauch der anderen Hälfte des Tages wird sich finden.
_Jacobi_.
Jacobs, Christian Friedr. Wilhelm.
Geb. am 6. Oktob. 1764 zu Gotha, gest. daselbst als Oberbibliothekar am 30. März 1847.
Philologe und belletristischer Autor: -- Erzählungen, 3 Bände (1824-37). -- Schule für Frauen (1827-29). -- Vermischte Schriften, 8 Bde. (1823-44).
I.
_Gotha_, d. 20. Oct. 1807.
Da ich im Begriff bin, meine bisherige Stelle an der Bibliothek zu verlaßen, um einem Rufe nach München zu folgen, so nehme ich mir die Freyheit, Ew. Wohlgeb. zu bitten, die Codices, welche Sie noch in den Händen haben, nicht an mich, sondern an Herrn Rath Hamberger, zurückzusenden, etwa mit dem Zusatze auf der Adresse: _für Herzogl. Bibliothek_, wodurch sie für uns portofrey werden. Könnten Sie auch die Zurückgabe etwas beschleunigen, so würden Sie uns dadurch verbinden. Ein Bibliothekar schläft nie ohne Sorgen, wenn er die wenigen Schätze des ihm anvertrauten Vorraths in der Ferne weiß; auch ist gerade nach diesen Handschriften öfters Nachfrage gewesen.
Sollte ich an meinem künftigen Wohnort, in der Nähe einer der reichsten und mit der Beute so vieler Klöster angefüllten Bibliothek, Ihnen diesen oder jenen Dienst leisten können, so rechnen Sie auf meine Bereitwilligkeit, und seyn Sie versichert, daß ich es mir zur Freude mache, Ihnen Beweise der ausgezeichneten Hochachtung zu geben, mit der ich bin
Ew. Wohlgeb.
ergebenster
_Fr. Jacobs_.
II.
_Gotha_, d. 3ten Juli 1827.
_Verehrtester Freund_.
Soeben erhalte ich Ihre Zuschrift vom 30ten Jun. und eile darauf zu antworten, um, so viel an mir liegt, Ihren Wünschen zu entsprechen.
Herr † † † ist mir mehr durch Andre, als durch eigene Kenntniß bekannt. Nachdem er nothgedrungen geheirathet hatte, fing er an, bald in Göttingen, bald in Leipzig zu studiren, und machte bey vorkommenden Gelegenheiten mittelmäßige Verse, für die er einigemal durch fürstliche Munificenz kärglich genug, aber immer noch über Verdienst, belohnt worden ist. Jetzt hält er sich, wie ich höre, in Leipzig auf.
Der Gedanke B.’s Leben zu schreiben, kann wohl nicht in seinem Kopfe gekeimt seyn. Er ist aber ein Freund Ihres Neffen, des jungen B., der mit ihm vor etwa 6 Wochen hierher gekommen, und seine Wohnung zuerst bey † † † Frau genommen hat, um wie er mir sagte, die Bibliothek zu benutzen, die er auch in den ersten Wochen seines hiesigen Aufenthaltes fleißig besucht hat. Wahrscheinlich erhält † † † die Materialien zu B.’s Leben von diesem Freunde.
Ohne Zweifel wird diese Nachricht Sie in den Stand setzen, Maasregeln zu ergreifen, einem Ihnen unangenehmen Ereignisse vorzubeugen. Ich kann kaum zweifeln, daß das ganze Unternehmen eigentlich in den Händen Ihres Neffen liegt, ob er mir gleich nichts davon verrathen hat. Sobald dieser von Ihnen erfährt, daß Sie dem unbefugten Unternehmen Ihre Einwilligung versagen, wird er ja wohl Verzicht darauf thun. Kann ich Etwas dazu beytragen, diese Angelegenheit zu Ende zu bringen, so werde ich es mit Vergnügen thun.
Die Erinnerung an unser Zusammenseyn in München und an die schönen Abende, die Sie meinen Freunden und mir verschafften, ist mir immer gegenwärtig, und erneuert sich beym Lesen jeder Ihrer Schriften auf das lebhafteste. Werden Sie uns nicht bald mit der Vollendung Ihrer herrlichen Cevennen erfreuen? Sie sind hier aus einer Hand in die andre gegangen.
Erhalten Sie mir Ihr freundschaftliches Wohlwollen, und genehmigen die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung, mit der ich bin
Ihr
ergebenster
_Fr. Jacobs_.
Jagemann, Caroline.
Geb. zu Weimar 1778, gestorben zu Dresden 1847. Erste Schauspielerin des weimarischen Hoftheaters, durch ihren fürstlichen Freund zur „Frau von Heygendorf“ erhoben.
Ihr Brief wurde aufgenommen, theils weil sie, sowohl durch ihr intimes Verhältniß zu Karl August, als auch durch ihre Stellung zu jener ewig denkwürdigen Bühne eine historische Figur geworden ist; theils aber auch, weil er Kennern der Schauspielkunst tiefen Einblick gestattet in die leichtsinnige Zuversicht, womit wir in Deutschland die Vorstudien dramatischer Darstellung behandeln -- -- dürfen! Eine Künstlerin von anerkanntem Rufe, von _langer_ Praxis und Erfahrung, dressirt eine Anfängerin, welche „nicht gehen und nicht stehen kann,“ binnen kürzester Frist so vortrefflich, daß selbige Schiller’s Maria Stuart „auf jeder Bühne darstellen könnte!“ --
Man glaube nicht, daß dergleichen Wunderwerke Ausnahmen sind. Sie tragen sich alltäglich zu, werden von enthusiastischem Beifall belohnt. -- Deshalb stehts auch mit unserm Theater gar so gut!
_Brückenau_, d. 25t. Juli 42.
_Theuerster Herr Hofrath_.
Schon längst wollte ich mir die Freude machen, Ihnen zu schreiben, indem ich glaubte auf Ihre Verzeyhung rechnen zu dürfen, die Sie sich mir immer so gütig und freundlich bewießen haben und es sogar meine Pflicht ist, Ihnen für die menschenfreundliche Aufnahme, welche die Schwabhaussen von Ihnen erfahren, meinen wärmsten Dank auszusprechen. Nehmen Sie ihn Liebster Herr Hofrath gütig auf und erlauben mir über dieselbe meine Ideen und Ansichten Ihnen mitzutheilen. Sie kam neml. zu mir und indem sie mir ihre traurige Lage schilderte -- (sie hat eine kränkliche Mutter und die kleine Stadt bietet nur spärliche Erwerbsmittel), bat sie mich so dringend, ich möchte versuchen, ob sie nicht vielleicht so viel Talent hätte, um dadurch auf dem Theater ihr Fortkommen finden zu können; daß ich es für Härte gehalten haben würde, sie zurückzuweißen und ohne Prüfung ihre Hoffnungen zu vernichten. Sie laß mir die Leonore in dem Stükk gleichen Namens, und ich fand, sie laß mit Ausdruck und Verstand. Ob mehr aus ihr hervorzubringen seyn würde, mußte ich versuchen, indem ich ihr die Iphigenie in meiner Weiße vorlaß, und sie nun in der gehörigen Deutlichkeit, in steigen und Fallen der Töne mich imitiren mußte. Es gieng über Erwartung gut für eine _solche_ Anfängerin. Sie hatte mich neml. verstanden. Hieraus schöpfte ich die Hoffnung oder vielmehr den Schluß, es fehle ihr nicht an Auffassungsgabe, und da ich mir vorgenommen hatte, keine Mühe zu sparen, sie sich auch unverdrossen zeigte hundertmahl Wiederholungen dießer oder jener Stelle; so zweifelte ich nicht, es werde ein Resultat herauskommen was meinen Wünschen und meinen Bemühungen entspräche.
_Weimar_, d. 1ten Aug.
So lange mußte ich die Fortsetzung dießer Zeilen verschieben. Die Aufforderungen, die herrliche frische Luft zu genießen in dem wunderschönen Brückenau waren zu mächtig. Doch vorgestern hier angekommen, will ich vollenden, was ich vielleicht zum Besten meiner bisherigen Schützlingin unternommen, und hoffe Liebster Herr Hofrath auf Ihre gütige Verzeyhung.