Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 2
Schenks Belisar hat ja in Weimar sehr viel Glück gemacht? -- Ich höre Adam Müller spitze gewaltig die Feder zu jesuitischer Polemik? -- Daß doch die Leute geschwiegen haben, wo sie hätten reden sollen, und nun reden, wo sie lieber schweigen sollten. -- Es ist nichts hübscher, als die Frau seines Gastfreundes zu entführen, zu heirathen, dabey hyperkatholisch zu seyn, und Bonald über die =Unauflösbarkeit= der katholischen Ehen, im Geiste des Trientner Conciliums zu übersetzen. -- Wellingtons und Huskissons Erklärungen sind ein neuer Beweis, wie eitel die Hoffnung sey, die Welt rückwärts zu drehen.
Die Familie Salm empfiehlt sich hochachtungsvoll Ihrem Andenken, und hofft, _Sie_ doch einmal wieder in Wien oder in den böhmischen Bädern oder bey sich auf dem Schlosse Raitz zu begrüssen.
Ist denn um Gotteswillen gar keine Hoffnung auf die Fortsetzung der Cevennen? -- War Raumer zufrieden mit Paris?
Mein brüderlicher Freund Schenk war entzückt über Ihre Bemerkungen zum Belisar. -- Solche Reflexionen müssen es freilich seyn, um nur einigermassen zu trösten über die erbärmliche Gehaltlosigkeit fast aller mimischen und dramaturgischen Critiken. --
Der König Ludwig gedenkt Ihrer stets mit dem ausgezeichnetsten Wohlwollen. Ich umarme Sie herzlichst mit der innigsten Verehrung und mit der alten freundschaftlichen Ergebenheit.
Ganz der Ihrige
_Hormayr_.
VI.
_München_, am 15. Oktober 1830.
Nur um wenige Minuten, mein unvergeßlicher, theurer Freund, habe ich Sie bey Ihrer Abreise von München verfehlt und wie ich höre, ist es der Frau Ministerin von Schenk in Regensburg auch nicht viel besser ergangen. -- Mit mir gab es aber noch einen komischen Zufall. Ich fuhr Ihnen auf der Stelle nach in die Schleißheimer Allee, in der Gewißheit, Sie noch einzuholen und Ihnen noch einmal zum Abschiede die Hand zu drücken. Auch erreichte ich glücklich binnen einer halben Viertelstunde einen Wagen, der nach der Beschreibung dem Ihrigen glich, aber um des Regens willen ganz zugeknöpft war, sprang aus, hielt den Wagen an und bat, das Leder aufzuknüpfen, weil ich mich noch gerne von Ihnen beurlauben wolle; statt dessen aber sah gar bald ein kupferrothes und grimmiges Gesicht zum Wagen heraus, versichernd, der Inhaber dieser Schnautze sey kein Hofrath Tieck, sondern ein Bierbräuer von Erding, der es mir keineswegs gut aufnahm, daß ich ihn aufgehalten hatte. -- Ich fuhr also voll Ärger unverrichteter Dinge wieder zurück und drücke Ihnen jetzt noch einmal meine Freude aus, Sie so wohl und so heiter gesehen und von Ihnen selbst die langersehnte, ernstliche Fortsetzung der Cevennen erhalten zu haben. -- Jetzt ist wohl auch Raumer glücklich bei Ihnen angekommen, den ich tausendmal umarme. -- Er möge sich den Kronprinzen von Bayern, den ich voriges Jahr in der Historie unterrichtete, beßtens empfohlen seyn lassen und ihn so oft als möglich sehen. -- Der schöne und hoffnungsvolle junge Herr hegt eine ungemeine Vorliebe für Geschichte und Dramaturgie. -- Welcher Umgang sollte ihm daher lieber seyn, als Raumers? -- Dieser erwirbt sich dadurch ein großes Verdienst, nicht nur um den liebenswürdigen Prinzen, um Preußen und Bayern, die sich nie enge genug verbinden können, sondern auch um ganz Deutschland. -- Sootzmann wird ihm einen Brief von mir übergeben. Ich weiß es längst, daß man eher vom Fürsten Metternich einen _liberalen_ Rathschlag, als von Ihnen einen _Brief_ herauszwingt, doch könnten Sie irgend einem fahrenden Schüler auftragen, Ihre Gesinnung mit ein Paar Worten hinzuschreiben und alsdann blos Ihren Namen darunter setzen? -- Die Fortsetzung des _Dichterlebens_ war mir ein hoher Genuß und in den Wundersichtigen mußte ich mich unwillkürlich an die Erscheinung der heiligen Cäcilia und an die übrigen Mirakel erinnern, die Friedrich Schlegel und seine Jünger, der Gräfin L. und andern, in der Jugend liederlichen, im Alter devoten Wiener Damen gewirkt haben. Es ist nöthig, solche Thorheiten der Zeit zu geißeln. Sie hängen nur allzugerne den Mantel der Hypocrisie um, -- und gewinnen in Berlin immermehr Boden. -- Ich fürchte sehr den Einfluß A’s. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Doch sein Genius wird ihn wohl davor bewahren, wie er auch seinen Vater bewahrt hat. -- Tausend Glück und Seegen! Rufen Sie mich doch Ihrer Fräulein Tochter und der Frau Gräfin von Finkenstein in geneigtes Andenken zurück. Ich umarme Sie von ganzem Herzen!
Ganz der Ihrige
_Hormayr_.
VII.
_Hannover_, am 10. May 1833.
Seit langer Zeit, verehrter Herr und theuerster Freund, haben Sie Nichts von mir gehört, -- Ich (wie übrigens gewöhnlich,) noch weniger von Ihnen. Inzwischen sind meine Bewunderung und meine Liebe für Sie stets dieselben geblieben, und nie vermag ich an Sie zu denken, ohne die innigsten Wünsche für Ihr Wohlergehen und für die dem gesammten deutschen Volke wichtige Heiterkeit und Fruchtbarkeit Ihres Geistes. -- Wie ergeht es mir denn mit Raumer, den ich doch stets so sehr geachtet und gegen alle Angriffe rüstig vertheidiget hatte? -- Ich bekomme auf keinen Brief mehr Antwort und weiß mir dieses in keiner Art zu erklären. -- Leider sah ich Raumer in Göttingen kaum eine Viertelstunde, als er eben nach Cassel abfuhr. -- Dringen Sie ihm doch ein wenig auf’s Gewissen.
Diese Zeilen haben übrigens einen höchst interessirten Anlaß, -- nämlich Ihnen eine überaus werthe Freundin dringendst zu empfehlen, die (überhaupt sehr geistreich und liebenswürdig) an Begeisterung für Tieck’s Muse mit mir wetteifert und viele seiner Meisterwerke, insonderheit den, trotz aller Versprechungen noch immer nicht fortgesetzten Aufruhr in den Cevennen, aus meinem Munde gehört hat. -- Es ist die Bankierswittwe Madam Philipp aus Hannover mit ihren trefflichen Töchtern. Sie ist die Schwester des um das Königliche Haus sehr verdienten Münchner Hofbanquiers und Ritters der bayerischen Krone Baron Eichthal, der sich jetzt wegen der griechischen Anleihe bald in London, bald in Paris befindet. -- Sie besucht ihre Familie in Prag, München, Augsburg, St. Blasien auf dem Schwarzwald und kehrt dann wieder nach Hannover zurück. -- Ludwig Tieck von Angesicht zu Angesicht zu sehen, gehört zu den lange gehegten Herzenswünschen dieser drei hochgebildeten und interessanten Damen. -- Von Ihnen, theuerer Freund, bin ich der gütigsten Aufnahme dieser meiner intimen Freunde gewiß, die mir den Anbeginn meiner Mission in Hannover hindurch ein unentbehrliches und unschätzbares Kleinod gewesen sind. -- Etwas shakespearisiren müssen Sie mit ihnen. Es ist bei Gott gut angewendet und ich sehne mich, einmal wieder von Augenzeugen Nachrichten und ~ipsissima~, ~suprema verba~ von Ihnen zu hören.
Ihre neuesten Novellen haben mich wie immer sehr angesprochen. Aber dennoch ist mein Wunsch nur um so heftiger, Ihre riesige Kraft wieder einmal an einem grossen und Ihrer würdigen Gegenstande bewährt zu sehen, vor Allem in der Beendigung des Aufruhrs in den Cevennen! Die poetischen Gassenjungen und Zwerge dürfen nicht glauben, Tieck habe die Kraft verlassen, den Zauberknoten zu lösen, den er geschürzt. -- Sehr wünschte ich, meine nun schon 30 Jahre bestehenden, historischen Taschenbücher und ihre stehenden Rubriken: _Sagen und Legenden_, -- _Ahnentafeln und Burgen_ wären Ihnen zur Hand und werth, Ihnen interessante Novellenstoffe zu bieten? -- Fast sollte ich es meinen.
Genehmigen Sie den erneuerten Ausdruck jener aufrichtigen Bewunderung, treuen Anhänglichkeit und Liebe, mit welchen unaufhörlich beharret
Ganz auf ewig Ihr alter,
treuester Verehrer
_Hormayr_.
VIII.
_München_, am 3. Juli 1845.
Ich erlaube Mir, Hochwohlgeborner Herr Geheimerrath, und seit so lange Hochverehrter Freund, zwei geringe Andenken zu überreichen an unsern seit vierzig Jahren, seit der großen antibonapartischen Rüstung 1808 in Wien, in so edelm Beisein, wie der Frau von Staël-Necker, der Nyß, der Frau von Knorring, der beiden Brüder Schlegel, so vieler jenseits der Alpen, der Apenninen und der Pyrenäen des Fremdlingsjoches Ungeduldigen, so vieler edeln, rachedurstigen Preußen, wie Rühle, Grollmann, Pfuel, Marwitz, Kleist, Arnim, Valentini u. v. A. geschlossenen Freundschaftsbund. -- 1825, zehn Jahre nachdem die Welt in Frieden und doch nirgend ein rechter Friede war, erneute sich dieser schöne Bund abermal in Wien, in dem herrlichen Hause Salm. Ich kann wohl sagen, daß die unvergleichliche Fürstin Salm 1815|1825 meine Erziehung (freilich etwas spät), gleichwohl aber mächtig vollendet hat, bloß durch die Lesung und das Durchstudiren Ihrer sämmtlichen Werke, aus denen insonderheit Genovefa den unauslöschlichsten Eindruck auf mich gemacht und mehrere Meisterwerke der Historienmalerei durch Führich, Fendi, Ruß und Petter hervorgerufen hat.
Sie erhalten hieneben die göttlichen Burgen des Tyrolischen Etschthales und meine, der erwünschten (alle österreichischen, fatalistischen Mißgeschicke entfernenden) Vermählungsfeier des Kronprinzen Maximilian geweihte goldne Chronik von Hohenschwangau, der Burg der Welfen, der Hohenstaufen und der Schyren-Wittelsbacher. -- Nehmen Sie die geringe Gabe freundlich auf. -- Der Himmel erhalte Sie für späte Zeiten, in denen Ihr üppig reicher Ruhmeskranz unverwelklich fortblühen wird. -- Ihr Genius hat auch auf alle werthvollen Schöpfungen meiner mehr als fünfzigjährigen und auf anderthalbhundert Bände betragenden Laufbahn den entscheidendsten und wohlthätigsten Einfluß geübt. -- Ich lege hier ein Verzeichniß derselben bei, wovon ich Sie, edelster Freund, bitte, auch an den wahrhaft großen Alexander Humboldt, auch an Raumer, -- Waagen, von der Hagen, Abdrücke gelangen zu lassen, die Ihnen vielleicht nicht unwillkommen und die längst von mehreren Gelehrten-Lexicis, von den Pariser Schmierern der ~biographies des contemporains~, der ~gallerie des hommes illustres etc.~ verlangt worden sind: -- eine wahrhafte Satyre auf das Horazische: -- _~multum non multa!~_ -- Indessen, wo es sich um Entdeckung und Veröffentlichung überreicher Materialien handelt, und um deren kritische Sichtung, immer noch zu rechtfertigen! -- Die in Berlin erfahrene, außerordentliche Nachsicht und Güte, (worin freilich _Sie_ mit dem liebenswürdigsten und unvergeßlichsten Beispiele vorangingen), hat in mir den festen Entschluß erweckt, jedes Jahr gegen Ende Mai, -- vier bis sechs Wochen dem Besuche Berlins zu widmen. -- Meine Frau dankt mit mir Ihnen und der edeln Frau Gräfinn von Finkenstein mit der innigsten Rührung und an die vielen schönen Stunden, namentlich an Romeo und Julie, das ihre gespanntesten Erwartungen noch weit übertraf, immer und ewig gedenkend.
Der Himmel erhalte uns in Ihnen lange noch eine der edelsten Zierden des deutschen Gesammtvaterlandes und der europäischen Dichterwelt. --
Mit ungemeiner Hochachtung und treuester Ergebenheit
Ew. Hochwohlgeboren
ganz der Ihrigste
_Hormayr_.
Humboldt, Alexander Freiherr v.
Mit zwei Ausnahmen vom 10. und 25. Juni 1846 und vom 10. Mai 1848 entbehren sämmtliche durch Tieck aufbewahrte Humboldt’sche Briefchen und Billete die Angabe einer Jahreszahl. Dieselben mit Bestimmtheit chronologisch zu ordnen, dünkte uns unmöglich, weil bei jedesmaligem Prüfen und Vergleichen des Inhalts immer einzelne Widersprüche hervortraten. Wir sind, um unsrerseits keinen Fehlgriff zu thun, endlich bei der Reihenfolge stehen geblieben, in welcher Tieck sie hintereinander zusammengeheftet seiner Sammlung einverleibt hatte, obgleich diese Anordnung kaum richtig sein kann, wie sich beim Lesen ergiebt.
Was den Inhalt anlangt, so _mußte_ Mancherlei weggestrichen werden. Es ist wohl noch Einiges stehen geblieben, und läßt sich Anderes aus den Lücken halb und halb errathen, was sich mit dem edlen Charakter des großen Mannes nicht gut verträgt. Doch war darauf um so weniger Bedacht zu nehmen, nachdem bereits ungleich schlimmere kleine Perfidieen weltkundig geworden. Auch hegen wir die feste Überzeugung, daß jene oft verletzenden Worte, welche hier und da Humboldts Munde und Feder entschlüpften, niemals aus seinem _Herzen_ kamen, sondern lediglich einer, allerdings nicht löblichen, Angewohnheit entsprangen. Er vermochte nicht, was ihm gerade Witziges, Spöttelndes einfiel, zu unterdrücken, ob es auch boshaft war. Diese Schwäche hat ihm den Ruf der Falschheit zugezogen, den er darum doch nicht verdient.
Räthselhaft bleibt es immer, wie zwei Brüder, die sich so nahe standen, die sich so innig geliebt und geachtet, dabei so verschieden sein konnten. _Wilhelm_, der Diplomat, der Staatsmann, dessen Laufbahn recht eigentlich durch alle Irrgewinde der Kabinets-Intrigue und unerläßlichen Verstellungskünste geführt, wird von Allen, die jemals mit ihm in Berührung kamen, als ein Muster aufrichtigster, geradester Wahrheitsliebe verehrt; als ein Edelstein vom reinsten Wasser; als ein Gelehrter, dessen Äußerungen, Silbe für Silbe, die Goldprobe bestanden.
_Alexander_, den sein selbst erwählter Lebensweg über Steppen und Prairieen, über himmelhohe Berghöhen und unermeßliche Meere, durch Urwälder und Palmenhaine geleitet; der ein langes Menschenalter an die Natur und deren Erforschung gesetzt; der bis zum Tode _Freiheit_ und _Wahrheit_ predigte; der rothe Revolutionaire als seine „theuren Freunde“ zu bezeichnen keinen Anstand nahm; -- Er gilt für falsch, und seinen fast schmeichlerischen Artigkeiten ließ sich durchaus nicht ablauschen, ob ihnen nicht, wenn sie in’s Gesicht ausgesprochen waren, hinter dem Rücken bitterer Hohn folgen dürfte? Wie wenig würde, was er auch hinter Tiecks Rücken von diesem gesprochen, übereinstimmen mit den Versicherungen, die er ihm hier so freigebig ertheilt!
Wodurch lassen sich solche Kontraste erklären?
I.
_Potsdam_, 10. Juni 1846.
Ich eile Ihnen, zu melden mein edler Freund, daß ich im Auftrag des Königs, (ich muß hinzusezen der Königinn, die vor Ihrer Abreise am 15. Juli noch gern Sich Ihrer Nähe zu erfreuen wünscht), 2 Conferenzen mit dem Schloßbaumeister H. gehabt, auch vor wenigen Stunden alle Zimmer Ihrer Wohnung unter Leitung der weinerlichen, allen Maurern und Staubmenschen feindlichen Hausfrau inspicirt habe. Es ist schlechterdings nichts im Inneren berührt worden, bloß in ihrem Schlafgemach ist die Wand übermalt: ich rathe daher vielleicht: in der ähnlichen Kammer rechts wo Schränke standen zu schlafen. Der Schloßbaumeister H. wünscht, daß Sie in 10, die Frau Kastellanin (item Hausfrau), daß Sie in 14 Tagen von heute an kommen. Die Meubles werden alle bis dahin hereingebracht, Graf Keller, der einen herzlichen Antheil an Ihrer Rückkehr nimmt, hat in meiner Gegenwart die nöthigen Befehle an den Hofstaatssecretär wegen der Meubles gegeben. Die Gerüste werden Sie abgerissen finden. Die Communication mit dem heidnischen Tempelsitze wird erst im Spätherbst hergestellt. Das Parquettiren der scheußlichen Fußböden scheint mir nothwendiger als die Dorischen canellirten Säulen, die man dem Hause gegeben. ~Povera e nuda va la Filosofia~ sagen wir beide, aber auch
Mit alter Verehrung
Ihr
_A. v. Humboldt_.
Die Königin von Sachsen kommt mit Carus in den lezten Tagen des Monats. Der Gemal holt sie ab, die Baiern werden auch wohl sich entfernen, nicht so die holländischen Medusenhäupter.
II.
_Potsdam_, den 25. Juni 1846.
Der König und besonders auch die Königin sehen nach Ihren Fenstern und betrüben sich. Beide möchten dem Sächsischen Hofe (Könige reisen vermummt, fast eisig verpuppt..) zeigen, daß wir stolz sind, Sie zu besizen. Geben Sie, theurer Freund, der Bitte aber nur nach, wenn Sie gewiß sind, daß die Reise Ihnen nicht schade.
Mit alter Verehrung
Ihr
_A. v. Humboldt_.
III.
_B._, Donnerstags.
Wie sehr bedaure ich, daß Sie mich, verehrter Freund, gestern in meiner transatlantischen Wohnung verfehlt haben. Diese Zeilen enthalten eine Bitte: schenken Sie einige Augenblicke einem sehr talentvollen jungen Manne, 21 Jahre alt, Übersezer eines wunderbar nüchternen allegorischen indischen Dramas, das man zur Erholung nach dem Saul und David aufführen könnte. Der junge Mann heißt Goldstücker und will in Paris über indische Philosophie arbeiten.
Mit alter Verehrung
Ihr
_A. v. Humboldt_.
IV.
Donnerstags.
Erlauben Sie, theurer Freund und College, daß ich Ihrem Schuze einen sehr angenehmen jungen spanischen Litteraten, Enrique Gil empfehle, der mir freundliche Briefe von dem Dichter -- Präsidenten und Minister Martinez de la Rosa gebracht. Herr Gil ist Legations-Secretär, aber hier bloß mit commerciellen und Zollsachen, nicht mit Diplomatie beschäftigt. Ich komme vor meiner nicht sehr nahen Abreise gewiß Sie, verehrter Freund, noch eingesponnen in Ihrer Winterheimath zu umarmen und der liebenswürdigen Gräfin meine herzliche Verehrung zu bezeigen.
Ihr
_A. v. Humboldt_.
V.
Sonntag.
Hier die wunderbare Neugier der Frau von Woltmann über die ~generatio spontanea p. 169~, über Göthe ~p. 36~, Planetenbildung ~p. 116~, Eva ~p. 160~ und Concentration im Christenthum! Malebranche ahndete die Natur-Philosophie, wenn er sagte: ~toute philosophie nait de ce que nous avons l’esprit curieux et la vue courte~.
Ich lege Ihnen bei: in der Staats-Zeitung ein Umlaufschreiben von Mnr. Rochow, der die _Physiognomie_ des Staats zu ergründen hofft, eine Redaction voll litterarischer Prätension, wie man sie wohl kaum je gesehen im Polizei-Amte!
Grimms Brief geben Sie mir, theurer hochverehrter Freund, bei Tische wieder, um den _teutschen_ König zu heilen.
Ihr
_A. v. Humboldt_.
VI.
_Potsdam_, Sonnabend.
Ich werde, mein theurer edler Freund, mir eine Freude daraus machen, dem Könige das romantische Drama des Herrn Eckardt selbst zu überreichen. Lieber würde Er es gewiß aus Ihrer Hand empfangen haben, wenn leider Ihr Unwohlsein Sie izt nicht von dem „historischen Hügel“ entfernt hielte. Der Dichter nennt das Publikum eine „geistreiche und gesellige Dame.“ Als solche zeigt es sich weniger, nördlich vom Thüringer Waldgebirge. Ich glaube mehr an einen geistreichen jedem geistigen Bestreben holden König. Mit alter Verehrung und Herzlichkeit
Ihr
_Al. Humboldt_.
VII.
_Donnerstag._
Hier, mein liber, haben Sie einige leere Phrasen wie man sie selbst deutsch schreiben kann.
Der König hat den Johanniter Ritter ser freundlich, lächelnd aufgenommen. „Wenn es Tiek gern sit, so thue ich es wohl, Sie mussen es im aber allein noch sagen.“
Da mich die Eckardtsche Schreibart etwas genirt, so sage ich in gewöhnlich christlicher Weise, daß König und Königin _unbändige_ Freude über Ihre so schön fortschreitende Besserung geäußert haben. Da ich es sehr nöthig halte, den König an den Ritter zu erinnern, und zwar schriftlich, so bitte ich Sie mir schreiben zu lassen: ob er nicht ein Bären-Kammerherr (nach Bettina, eine heraldische Bestie) von Anhalt-Dessau ist, ob Sie wissen wer der Vater sei oder war? Solche Probleme sind zu lösen, wenn man nicht das Glük hat, ein Ulahnen-Lieutenant von der Garde zu sein und nur altenglisches Schauspiel kennt. Die Albernheiten des Lebens bannt kein königlicher Geist.
Ihr
_A. v. Humboldt_.
VIII.
_Freitags_, Oranienburger Str. Nr. 67.
Ob Sie, Verehrter Freund, mir gleich nichts über den Vater unseres Bülow in Dresden geschrieben haben (eine Auskunft, die der König wünschte) so freut es mich doch unendlich, Ihnen zu sagen, was Sie vielleicht auf anderen Wegen bereits erfahren haben, daß Herrn von Bülows Ernennung zum Johanniter-Ritter ganz gewiß ist. Der König hat mir aber befohlen, den G. C. R. Müller daran zu erinnern, was ich auch schriftlich gethan. Ich muß Sie aber nun bitten, mir recht bald zu schreiben wegen der Bezeichnung:
1) wie sein Vornahme ist?
2) ob er Herz. Anhalt-Dessauer Kammerherr ist?
Mit alter Verehrung
Ihr
_A. v. Humboldt_.
IX.
_Potsdam_, 16t. Oct.
Ich habe vorgestern (14ten) mit tiefer Rührung theurer Freund, Ihren liebenswürdigen Brief erhalten und die Einlage am 15t. Morgens sogleich dem König eigenhändig im Marmorsaal übergeben. Der Brief ist hastig in meiner Gegenwart erbrochen und von _beiden_ Majestäten mit dem lebhaftesten Ausdruck schmerzlicher Theilnahme gelesen worden. Von der herzlichen Zuneigung _beider_ brauche ich Ihnen nichts zu sagen, es ist mehr als die Huldigung eines Geistes, der groß und wohlthätig auf sein Zeitalter gewirkt, es ist bei König und Königin das unverbrüchlichste unwandelbarste Anerkenntniß der Anmuth der Sitten, der tiefen Achtung des Charakters, der Zartheit der Gefühle, welche sich durch Gebehrde und Stimme verkündigen. Herrn Altmann _aus der Ferne_ des Hallischen Thores und den violett-sammtnen brieflosen Herrn Eckardt, der laut der Vorrede sich das Publikum als den „Salon einer geistreichen Dame“ denkt, vergesse ich auch nicht. Was mich aber neben dem so rein menschlichen Antheil des Königs und der Königin an Ihren Leiden im innersten bewegt sind die erhebenden, freundlichen Worte, die Sie an mich richten. Wie soll ich meinen Dank dafür aussprechen: er ist enthalten in den wärmsten Wünschen, die ich zum Himmel schicke. Meine _feste_ Hofnung ist Ihre herrliche kräftige Constitution.
_A. Hdt._
Meine Verehrung der vortreflichen Gräfin. _In Eile._
X.
Sonnabend früh.
Sie müssen nicht glauben, mein edler Freund, daß ich Sie verrätherisch in Sanssouci verlassen habe: ich werde vor meiner sehr ungewissen Abreise nach der großen Babel, wo die „Herrenkammer“ mordet und sticht, Sie gewiß noch umarmen. Eine plötzliche sehr heftige Erkältung und der große Camin mit Flammfeuer in den „Neuen Kammern“ hat mich plötzlich hineingejagt, um mich hier besser zu pflegen und meinen lezten Bogen, der angekommen ist, selbst noch zu corrigiren -- eine Tugend, die dem industriellen Weltgeiste sehr gleichgültig ist.
Diese Zeilen werden Ihnen von einem jungen Officier gebracht, den dieser Weltgeist so wenig ergriffen, daß er, bei einem gewiß viel Hofnung erregenden, dichterischen Talente, ganz würdig ist, Ihnen vorgestellt zu werden. Herr B. von L., verwandt mit dem Adjutanten des Pr. Heinrich in Rom, soll Ihnen, (darum flehe ich) eine Ode über das Weltall selbst vorlesen, die er mir zu meinem Geburtstag (14. Sept.) geschenkt. Die großen und einfachen Formen seiner Dichtung haben etwas sehr anziehendes. Ich hatte den jungen Mann, der schon in Sicilien an Platens Grabe stand, nie vorher gesehen und ich kann das Lob, das er mir gespendet ihm nicht schöner und wohlthuender remuneriren, als wenn ich ihm freundliche Aufnahme und Rath bei Ihnen verschaffe.
Empfangen Sie und die liebenswürdige Gräfinn, die erneuerte Versicherung meiner Verehrung und unverbrüchlichen Dankgefühle
Ihr
_A. v. Humboldt_.
Ich denke den König noch zu erwarten.
XI.
Sonnabend.
Ich komme, mein theurer Freund, wie ich versprach um von Ihnen Abschied zu nehmen. Ich reise morgen oder übermorgen nach der ewigen Babel nicht über Weimar, wo die Sphinxe am Wege liegen, sondern über Hannover, wo man uns beide hängen möchte. „Du hast doch niemand von die verfluchte Landstände vor Dich gelassen?“ So reden sich -- -- an. Ich bitte, daß Sie mir erlauben, nach 2 Uhr Sie bei erneuertem Sonnenlichte (auch eine Naturbegebenheit!) heute zu besuchen. Auf den Fall, daß der junge Mann aus der Caserne von Kaiser Franz, den Sie so freundlich empfangen (ohne Rache für die _Lange_weile des Überlangen Onkelgeschlechts) Ihnen das Gedicht, in dem er das Weltall und mich hat verherrlichen wollen, nicht vor seiner abermaligen gestrigen Abreise hat zu senden gewagt, biete ich Ihnen ein Exemplar dar. Härten der Sprache, fast gesuchte, und Schwierigkeit der Construction (der Relativa) abgerechnet ist doch nicht gewöhnliche dichterische Ader in so einem preußischen Exercierlieutenant! Werfen Sie doch auch einen Blick auf die ganz geognostische Mythe des Aufsteigens des Vulcans von Ischia.
Mit alter Verehrung und Anhänglichkeit
Ihr
_A. v. Humboldt_.
XII.
_Potsdam_, Donnerstag 9ten.