Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band

Part 1

Chapter 13,079 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1864 erschienenen Buchausgabe möglichst originalgetreu wiedergegeben. Die Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert. Aufgrund der Vielfalt der persönlichern Schreibstile der verschiedenen Autoren wurden ungewöhnliche und inkonsistente Schreibweisen aber beibehalten.

Der Schmutztitel sowie die Buchwerbung vor der Titelseite wurden hier nicht wieder mit aufgenommen. Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Textes verschoben.

Die folgenden offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert:

S. 23: ‚theure Freund‘ → ‚theurer Freund‘ S. 35: ‚die Wohnung‘ → ‚in die Wohnung schreiben‘ S. 56: ‚vorkommend könnte‘ → ‚vorkommen könnte‘ S. 106: ‚entgegeu‘ → ‚entgegen‘ S. 116: ‚möge es Ihnen recht recht wohl ergehen‘: doppeltes ‚recht‘ als Steigerungsform beibehalten S. 126: ‚von ihm erschienen Buche‘ → ‚von ihm erschienenen Buche‘ S. 129: ‚ich weiß nich‘ → ‚ich weiß nicht‘ S. 131: ‚Wie oft traume ich‘ → ‚Wie oft traume ich‘ S. 154: ‚langage‘ → ‚language‘ S. 163: ‚be brought unter‘ → ‚be brought under‘ S. 165: ‚ververzeih‘ → ‚verzeih‘ S. 181: ‚Schulpforte‘ → ‚Schulpforta‘ S. 184: ‚Mühlenfelschen‘ → ‚Mühlenfelsschen‘ S. 204: ‚Hoffnung mochten.‘ → ‚Hoffnung machten.‘ S. 217: ‚jenen kleine Wunden‘ → ‚jenen kleine Wunden‘ S. 231: ‚den Chevalier‘ → ‚dem Chevalier‘ S. 269: ‚meiner Natur noch‘ → ‚meiner Natur nach‘ S. 280: ‚Mai 836‘ → ‚Mai 1836‘ S. 326: ‚Ihres Herzens‘ → ‚ihres Herzens‘ S. 342: ‚ohne zutäppisch zu werden‘ → ‚ohne zu täppisch zu werden‘ S. 359: ‚Varnhagens‘ → ‚Varnhagen’s‘

Der Text in der Originalausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt; dies wird hier durch normale Schrift dargestellt; _Unterstriche_ stehen für gesperrten Text, ~Tilden~ für Antiquaschrift. Fettgedruckte Passagen werden durch =Gleichheitszeichen= hervorgehoben.

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Briefe

an

Ludwig Tieck.

Ausgewählt und herausgegeben

von

Karl von Holtei.

Zweiter Band.

Breslau, Verlag von Eduard Trewendt. 1864.

Inhalt des zweiten Bandes.

Seite.

Hormayr, Joseph Freiherr von 1

Humboldt, Alexander Freiherr von 18

Jacobi, Friedr. Heinrich 36

Jacobs, Christian Friedr. Wilhelm 37

Jagemann, Caroline 39

Iffland, August Wilhelm 43

Immermann, Karl 47

Immermann, Marianne 106

Ingemann, Bernh. Severin 129

Julius, Nik. Henrich 134

Kadach 136

Kaufmann, Alexander 140

Kerner, Justinus 149

Killinger, K. A. Freiherr von 154

Kleist, Maria 172

Koberstein, A. 181

Köchy, Karl 189

Koenig, Heinrich 196

Körber, Gottfried Wilhelm 198

Körner, Christ. Gottfr. 203

Koester, Hans 208

Koreff 212

Kratter, Franz 212

Krause, Karl Christ. Friedr. 216

Krickeberg, Friederike, geb. Koch 219

Küstner, Karl Theodor von 226

Laube, Heinrich 227

Lebrün, Karl 235

Lenz, J. R. von 238

Loebell, Johann Wilhelm 240

Loeben, Otto Heinr., Graf 264

Löwe, Ludwig 279

Ludwig, Otto 281

Lüdemann, Georg Wilhelm von 283

Mahlmann, Siegfr. August 285

Malsburg, Ernst Friedrich Georg Otto, Freiherr von 289

Maltitz, Apollonius, Freiherr von 325

Marbach, Gotthard Oswald 327

Marmier, Xavier 331

Martin, Henri und S. 333

Mendelssohn-Bartholdy, Felix 336

Menzel, Wolfgang 340

Meyerbeer, J. 348

Minckwitz, ~Dr.~ Johannes 351

Mnioch, Johann Jacob 359

Mörike, Eduard 365

Hormayr, Joseph Freiherr von.

Geb. zu Innsbruck am 20ten Januar 1781, gestorben in München am 5ten Novemb. 1848, als Direktor des Reichsarchives. Fruchtbarer Schriftsteller: Der österreichische Plutarch, 20 Bd. (1807-20) -- Taschen-Buch für vaterländ. Geschichte, 37 Bd. von ihm redigirt (1811-1848) -- ebenso: Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst, 18 Bd. (1810-28) -- Geschichtswerke über Tyrol -- Geschichte der neueren Zeit. -- Anemonen -- &c.

I.

_Schloß Raitz_, am 15. August 1822.

_Wohlgeborner Herr Hofrath!_

Ich darf mir wohl kaum schmeicheln, daß Eurer Wohlgeboren mein Andenken und mein Name nicht schon längst aus dem Gedächtnisse entschwunden sein sollte, seit jenen Abenden des Spätsommers 1808, die ich bei meinem unvergeßlichen Freunde, Heinrich Collin und bei Ihrer Frau Schwester, Sophie von Knorring, damals Bernardi, sammt dem kurz zuvor in Wien angekommenen Friedrich Schlegel, mit Ihnen zuzubringen, die Ehre hatte. -- Hätte sich doch das biedere, lebensfreudige Wien öfters Ihres Besuches erfreuen dürfen!

Seit dieser Zeit sind Sie im strengsten Sinne mein Wohlthäter, der Urheber meiner liebsten Genüsse, der Erfrischer eines, mit manchem widrigen Geschick, mit vielen Mühen und Gefahren ringenden Lebensmuthes gewesen. -- In keiner wichtigen Unternehmung, noch in den himmelweit verschiedenen Studien kritischer Forschung, konnte ich Shakespeare und Tieck entbehren. -- Das „~nulla dies sine linea~“ übte ich buchstäblich an der Genofeva, am Octavian, am Blaubart, am Phantasus -- und der junge Freund, der Ihnen, verehrter Herr, diesen Brief überbringt, wiederholt es mir oft, daß er es mir als die größte Wohlthat verdanke, daß ich sein kräftiges, glühendes, aber etwas düsteres Gemüth, von seinem sechzehnten Jahre an, mit Ihren Werken erquickt und genährt habe, die ihm eine ganz neue Welt, einen in allen Farben und Tönen spielenden Zaubergarten der Romantik aufschlossen.

Dieses Briefes Überbringer ist der junge Graf Hugo von Salm-Reifferscheid, der einst seinem Großvater in der Fürstenwürde folgt, sich zum Staatsdienste vorbereitet, und bei großem Fleiße in seinen Berufsstudien, eine außerordentliche Liebe für redende und bildende Kunst hat, mein Schüler in der Historie und mittelbar wohl auch in manchen andern Dingen, da ich seinem Hause seit vielen Jahren in inniger Freundschaft verbunden bin. -- Sein Vater, der als Berg- und Hüttenmann, als rationeller Landwirth und als Naturhistoriker bekannte Altgraf Hugo von Salm-Reifferscheid führt ihn und seinen zweiten Sohn Robert auf Reisen, vorerst in Ihr deutsches Florenz und nach Leipzig. -- Wärmere Verehrer als diesen jungen Mann hatten Sie wohl nie in dem großen Kreise derer, die in Ihnen mit Recht einen der größten Dichter aller Zeiten und aller Nationen bewundern und lieben, und nichts erhebt so sehr, als jene freudige Begierde jugendlicher Gemüther: den Mann von Angesicht zu Angesicht zu schauen, dessen Thaten oder Werke ihr Herz oder ihre Einbildungskraft beschäftiget haben. -- Nehmen Sie ihn freundlich auf.

Wie sehr freue auch ich mich, durch ihn Kunde zu erhalten von Ihrer Gesundheit, die leider öfters als leidend geschildert wird und von den Hoffnungen, die unsre Literatur auf Sie ihren festen Hort und in so Manchem einzig und unübertroffen, bauen darf? --

Sollten Sie in Wien Aufträge haben, (den großen Theil des Sommers verlebe ich auf dem Salm’schen Schlosse Raitz bei Brünn in Mähren) erlaube ich mir hier meine Addresse herzusetzen: Herrn Joseph Freiherrn von Hormayr zu Hortenburg, Ritter des Leopoldsordens, wirklichen Hofrath und Historiographen des kaiserlichen Hauses -- zu Wien No. 747 Untere Bäckerstraße. -- Es sei mir dagegen auch erlaubt, um Ihre Addresse und um den Namen jener Buchhandlung zu bitten, mit der Sie am füglichsten verkehren und durch die man Ihnen verläßlich Sendungen machen kann. -- Mein historisches Taschenbuch dürfte Ihrer Aufmerksamkeit nicht ganz unwerth sein. -- Seine drei Hauptrubriken: „_Ahnentafeln_,“ -- „_Burgen_,“ -- „_Sagen und Legenden, Zeichen und Wunder_“ sind das vorzüglichste Vehikel meiner Haupttendenz, der Popularisirung der Historie durch die redende und bildende Kunst und vorzugsweise Anwendung dieser Beiden auf _vaterländische_ Gegenstände. -- Die lezte Wiener Kunstausstellung gab wirklich schon Proben vorherrschenden nationalen Sinnes. Möchte er nur auch in die Balladen-Dichtung und in die Dramaturgie hinübergehen! -- Mein nun schon im XIV. Jahre bestehendes Archiv für Historie, Staats- und Kriegskunst hatte jahrelang gleichfalls eine eigene Rubrik poetischer Stoffe aus der Vaterlandsgeschichte und lieferte über hundert solcher Balladen, worunter freilich auch nicht wenig Mittelmäßiges, aber viel Gutes und einiges Vortreffliche war. -- Dürfte doch auch mein Journal oder mein Taschenbuch sich schmeicheln, mit Ihrem Namen prangen zu dürfen? -- Ich würde stolz darauf sein und gewärtige nur, daß Sie mir die Bedingungen vorschrieben! Wer weiß wie Sie die Leyer der Sage zu rühren und bei aller historischen Tendenz ist doch ganz und gar kein Zwang weder in der Wahl des Gegenstandes, noch in der Behandlung.

Hocherfreut über diese Gelegenheit, meinen Namen wieder in Ihr Gedächtniß zurückzurufen, erneuere ich angelegentlich den Ausdruck tiefgefühlter Verehrung und Ergebenheit

Euerer Wohlgeborn

gehorsamster Diener

Frhr. _v. Hormayr_.

Sie vergeben einer langjährigen Augenschwäche, den Übelstand, Alles fremder Hand zu diktiren.

II.

_Schloß Raitz_, 27. Juni 1825.

Obgleich Ihre eigene Aussage, theuerster Freund, bekräftigt, daß Sie es mit Ihrer Correspondenz, selbst gegen gekrönte oder zu krönende Häupter eben nicht allzu gewissenhaft zu nehmen pflegen, erlaube ich mir doch, Ihnen eine Briefetikette vorzuschlagen, die Ihnen weder viel Zeit, noch viel Mühe kosten wird und von der Etikette des alten französischen Hofes erborgt ist, wo man bekanntlich, nur mit einem einzigen Wort auf alle Fragen antworten durfte. -- Es sollte sie zwar auch in München ein Briefchen von mir ereilt haben, allein das thut nichts zur Sache. -- Schreiben Sie mir nur gütigst wenige Buchstaben und wenige Ziffern auf die rückwärts stehenden Fragen, durch den Überbringer dieses. -- Das ganze Salmische Haus grüßt Sie hochachtungsvoll und mit den allerbesten Wünschen. -- Anschütz empfiehlt sich voll Dank und Verehrung Ihrem Gedächtniß.

Ganz der Ihrige

_Hormayr_.

I.

Haben Sie den gütigst übernommenen Brief und Paquet richtig zu behändigen Gelegenheit gehabt?

Ja. Nein.

II.

Wie lange bleiben Sie in Dresden und wann gehen Sie nach Töplitz?

Datum.

III.

Wann ist es Zeit, gegen den Nachdruck Ihrer Werke, die gehörigen Schritte zu thun und Ihnen die diesfälligen Formulare zuzusenden?

Datum.

III.

_Wien_, am 20ten November 1826.

Wäre ich an Divinationsgabe nur einigermassen dem Pfarrer von S. Sulpice zu vergleichen, so würde ich aus der Stellung ihrer Beine und Knie augenblicklich errathen, daß es die Beine und Knie eines überaus geistreichen und liebenswürdigen Mannes sind, der aber zur Abbüßung schwerer Jugendsünden, ein heiliges Gelübde gethan hat, Niemandem eine Zeile Antwort zu geben.

Seit Sie Wien verließen, weis ich von Ihnen, zuerst durch einige höchst scharfblickende und liebevolle Zeilen des damaligen Kronprinzen, nunmehrigen Königs von Bayern, -- dann brachte mir der Schauspieler _Stein_ eine Karte, worauf zu meinem versteinernden Erstaunen sogar ihr Name und noch eine halbe Zeile eigenhändig standen, -- zuletzt hat mir die liebenswürdige _Sophie Müller_ recht umständliche, meiner Ungeduld halb und halb genügende Auskünfte von Ihnen, von Ihrem Befinden und von Ihrer Familie gegeben. Noch Näheres hoffe ich dieser Tage durch Grillparzer zu vernehmen.

Das Haus der Grafen Salm hat hieran den lebendigsten Antheil genommen. -- So wie ich selbst die tiefere Bekanntschaft Ihres Genius, (denn ich lese _alle_ Jahre _alle_ Ihre Werke einmal ganz durch,) der Gräfin Salm verdanke, so wünschte die ganze Familie nichts sehnlicher, als Sie einmal zu längerem Sommeraufenthalt auf ihrem Schlosse Raitz bei Brünn zu besitzen. -- Der älteste Sohn, Graf Hugo Salm, ist in Prag angestellt, Ihnen also recht nahe. -- Er hat seiner Mutter zu ihrem letzten Geburtsfeste, von dem talentvollen Prager Maler Führich, der jetzt nach Rom geht, einen Cyklus aus Ihren Elfen componiren laßen, den ich unendlich zart und genialisch finde. -- Von demselben Führich ist ein Cyklus aus Ihrer Genovefa, mir lieber, als alle Umrisse von Retzsch und Cornelius.

Sophie Müller erzählte mir, sie habe Ihnen bereits kundgegeben, wie mich Ihr „_Dichterleben_“ entzückte, wie ich durch ganz Wien, die Honneurs desselben gemacht, es den Leuten auf die Brust gesetzt und Mehreren, mit Gewalt vorgelesen habe. -- Hier und in der Vorrede zu Heinrichs von Kleist dramaturgischem Nachlaß, fand ich meine eigenen Ansichten und Wünsche hinsichtlich der Nationalität der Tragödie und des historischen Drama siegend ausgesprochen. -- Aber was soll ich Ihnen sagen von dem Krieg in den Cevennen, in dem ich beinahe jeden Tag wieder lese und über die einzelnen Partien desselben recht eigentliche Studien mache? -- In unserer deutschen Literatur hat dieses Meisterwerk nicht seines Gleichen und ich zweifle sehr, ob in irgend einer andern? Da ich selbst den Tyrolerkrieg von 1809 geleitet habe und den Gebirgskrieg und den Volkskrieg genau kenne, mögen Sie auch die Steigerung des Eindruckes ermessen, den die ungeheure, psychologische Wahrheit, die grandiose Anordnung des Ganzen, die präcise Charakteristik, die hohe Ruhe in der beständigen Unruhe, das Unbewegliche im ewig Beweglichen, auf mich gemacht haben. -- Ich weiß diesen Eindruck mit Nichts zu vergleichen, seit langen Jahren in unserer wahrlich verhängnißreichen Zeit.

Aber um des Himmelswillen, wie haben _Sie_ es über sich vermocht, den ersten Theil _allein_ herauszugeben. -- Das heißt, die Leute bei den Haaren aufhängen und die Schwachen mit aller Gewalt irre machen. -- Solche Reitze vertragen wenige, ohne endliche Befriedigung.

Ist aber doch ernstliche Hoffnung, daß der zweite Theil =bald= nachfolge? daß er nicht ~ad Calendas Graecas~ hinausgeschoben werde? -- Was Sie bereits gegeben haben, ist so bewundernswürdig, so zart und zugleich so groß, daß Sie die Gesundheit und die Nerven aller echten und rechten Leser zu verantworten haben und daß Sie meinen Kindern dafür responsabel sind, wenn auch über mich in allem Ernst der Geist des Herrn kömmt und ich mich auf ein Haar so gebärde wie der lange, blöde Michel! -- Was nur unser dicker Friedrich Schlegel dazu sagen wird? Ich denke, er macht eine bedenkliche Miene, darauf einen schlechten Witz und ärgert sich zuletzt, daß nichts anders heute Abends zum Souper kommen soll! So ist in der That sehr zu beklagen, daß ein _solches_ Talent _so_ endigt! daß es in all den mystischen Grimassen nicht einmal ~de bonne foi~ ist und daß ihm diese mühsame Hypokrisie noch obendrein schlecht genug bezahlt wird, ja, daß er gar keine Partei für sich hat, außer einige Mönche, einige junge Leute, die er noch ins Narrenhaus bringen wird und eine Dame, die er, wie die Leute sagen, auszieht, was ich eben nicht glauben will, die aber eine boshafte Thörin ist.

In der That, wenn Sie auch dem Gelübde nicht abtrünnig werden können noch wollen, Niemandem eine Zeile zu antworten, so könnten Sie mich doch durch dritte Hand wissen laßen, bis wann Hoffnung ist, daß der zweite Theil erscheinen werde? -- In den Almanachen, die mir bisher unter die Hände kamen, suchte ich vergebens nach einer Novelle von Ihnen, weiß auch kein Wort, was wir sonst hoffen dürfen? und wie es mit der Herausgabe Ihrer sämmtlichen Werke stehe?

Das Theater macht Ihnen wohl noch hübsch viel Galle? -- Das ist nun einmal nicht anders. -- Die Wiener und Berliner Direktionen wetteifern darin mit einander, das Problem zu lösen, wie man mit einem Verein der ausgezeichnetsten Kräfte so wenig als möglich leisten könne? -- Die Censur gibt den Herren freilich leider manche Entschuldigung an die Hand, allein nichts destoweniger könnten sie weit mehr thun, als sie wirklich leisten. -- Anschütz bezeigte Ihnen seine tiefe Verehrung. Das ist doch noch ein Mensch, mit dem es eine Freude ist, von Ihnen und von Ihren Werken zu sprechen und der eben so die Alten, wie den Shakespeare in der Ursprache zu lesen vermag. --

Genehmigen Sie mit gewohnter Güte den erneuerten Ausdruck der wärmsten Theilnahme des Salmischen Hauses und meiner unwandelbaren Bewunderung und Anhänglichkeit.

Ganz der Ihrige

_Hormayr_.

Meine Addresse ist: Nr. 707 am alten Fleischmarkt, dieselbe Wohnung, wo wir so glücklich waren, Sie zu sehen.

IV.

_Wien_, am 27. September 1827.

Ich benütze sehr gerne die Gelegenheit einer, die Dresdner Gallerie besuchenden Künstlerin Therese Eisl, Wittwe eines im Fache der Archäologie und der rationellen Landwirthschaft verdienten Schriftstellers, um Ihnen, verehrungswürdigster Freund! ein Zeichen des Lebens zu übersenden und die hochachtungsvollsten, freudig erneuerten Grüße von mir und von der gräflich Salm’schen Familie, die wir uns Alle in gleichem Maße der Anbetung nach Ihrem Wiedersehen sehnen, aber auch die bittern Vorwürfe des gesammten Deutschlandes theilen, über das nicht genug zu beklagende lange Ausbleiben des IIten Theiles Ihres unübertrefflichen Aufruhrs in den Cevennen. -- Das heißt doch wirklich dem Publikum mehr aufladen, als es zu tragen vermag -- und was wäre das für ein Publikum, das diese, je wildere, desto heiligere Ungeduld, nicht aus ganzer Seele theilte!?

Ranke hat mir Ihre theuren Zeilen übergeben, -- ich hoffe, ihm nützlich gewesen zu seyn, ich hoffe auch, daß er alle seine Zwecke gloriös erreichen wird.

Es freut mich unendlich, daß Raumer mit meiner Anzeige seiner Hohenstauffen zufrieden ist. -- Es ist jetzt in der deutschen Journalistik ein, nicht genug zu bekämpfender, abscheulicher Ton: nachsichtig gegen das Schlechte und Gemeine, verwöhnend gütig gegen das Mittelmäßige, aber unerbittlich gegen alles Gute und Treffliche.

Scheuten Sie nur das Clima nicht so sehr, Sie hätten müssen nach München gehen, wo so viele Schätze altdeutscher Dichtkunst, wo das Theater einer so kolossalen Reform bedarf und der König ein so feuriger Bewunderer von Ihnen ist.

Hochachtungsvoll umarmt Sie tausendmal

Ganz der Ihrige

_Hormayr_.

V.

_München_, den 21. Februar 1828.

Seit den letzten Dezembertagen befinde ich mich in München, in archivarischen Forschungen, sowohl um die Vorarbeiten zu meinem großen Werk über die vorzugsweise romantische Heldendynastie der _Babenberger_ zu vollenden, als auch, nach dem Wunsch und nach dem Rufe des Königs, eine _Geschichte Bayerns_ bis zum westphälischen Frieden zu schreiben. -- Wie diese Arbeiten auch immer ausfallen mögen, bleibt es doch gewiß ein großer Gewinn für die Historie des ganzen südlichen und mittleren Deutschlands, daß ich, der die österreichischen, böhmischen und ungarischen Archive reorganisirte, und daher genau kennt, auch noch zu dem Überblick der bayerischen und fränkischen und zum Theil der schwäbischen komme. Beynebens trachte ich eifrig jene chinesische Mauer zwischen dem österreichischen und deutschen Buchhandel hie und da einzureissen, in der sichern Überzeugung, daß die Geschichte der süddeutschen Länder durchaus nicht isolirt, sondern nur im strengen Zusammenhang mit glücklichem Erfolge behandelt werden könne. -- Ich schmeichle mir auch, neues Leben in die hiesigen archivarischen Forschungen gebracht zu haben, da die historische Klasse der Akademie, ganz uneingedenk ihres alten Ruhmes, den Aufschwung des Königreichs nicht getheilt, sondern die letzten 25 Jahre in einem förmlichen Winterschlaf zugebracht hatte.

Professor Rauch aus Berlin ist gestern wieder dahin zurückgekehrt, nachdem er die Vorbereitungen zum künftigen Gusse seines sitzenden Bildes des verstorbenen Königs angeordnet hatte. Ich freute mich innig, Rauch so enge Ihrem geistreichen Bruder verbunden zu wissen. Er war erstaunt über die hiesigen Kunstschätze, sowohl aus dem griechischen und römischen Alterthum, als auch in der altitalienischen und altdeutschen Malerey, nicht minder über die Kunstschule, die sich hier bildet unter Cornelius, Julius Schnorr und Heinrich Heß. -- Wer München vor 20 Jahren gesehen hat, kann es unmöglich wieder erkennen. Es ist nicht allein eine ganz neue Stadt geworden, sondern auch eine Masse von Kenntnissen, Streiflichtern und heller Tagsbeleuchtung, die nur noch wenige Zuckungen und Nebel der altbayerischen Schlagschatten zu überwinden haben. -- Als 1799 König Max Joseph die Regierung antrat, wollte Niemand der Königin protestantischen Hofprediger Schmidt in eine Wohnung aufnehmen, und man war gezwungen, ihm bey Hof Quartier zu geben. -- Wie ganz und gar ist darin Alles umgestaltet und Alles anders -- und in noch wie vielen andern Dingen?! -- Mit Unrecht würde man den König einer katholischen Einseitigkeit beschuldigen. Er hat sich vielmehr stark und entschieden gegen die Jesuiten und gegen die Kongregation ausgesprochen, und wacht strenge über die Gleichheit der Rechte beyder Religionspartheyen. -- Was etwa in dieser Hinsicht früher zuviel geschehen ist, das hat die Wohldienerey dieses und jenen Werkzeugs verschuldet, das der König, so wie er es gewahr wurde, ernstlich gerügt und abgewiesen hat. -- In 10 Jahren hat München gewiß ein unerwartet großes, intellectuelles und künstlerisches Übergewicht, zumal je verblendeter und ärger Zensur und Geistesdruck ostwärts ihr lichtscheues Wesen treiben.

Witt-Döring, den ich übrigens gar nicht gesehen oder begegnet, desto mehr aber von ihm gehört, wollte seine (von Osten wie von Nordost her) inspirirte Jakobiner- und Demagogen-Riecherey auch in München fortsetzen, wo er binnen 7 Tagen Alles durcheinander hetzte und verwirrte, ein unglückliches Duell veranlaßte, und zum Federführer der Hoch-Torys gerufen schien. -- Der König hat ihn fortgejagt -- und wahrlich, die Epoche der jetzigen Ständeversammlung bedurfte keines neuen Brandlegers. -- Zugleich erschien in mehreren öffentlichen Blättern ein, hier mit allgemeinem Beifall gelesener Aufsatz über Witts niedrige Ausfälle und unaufhörliche Denuntiationen wider mehrere geehrte deutsche Dichternamen. Ich schicke denselben als ein pikantes ~Novissimum~.