Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 4
Die Schwabh. konnte nicht stehn, vielweniger gehen. Ihr ganzes Wesen hat nicht eine Spur von der Leichtigkeit und Elegance die das Lustspiel erfordert. Ich machte also nur im Tragischen Versuche mit ihr, Studirte ihr die Tecla ein und mußte ihr zugleich die Füße setzen zu jedem Schritt und iedem Abgang. Es gelang aber zu meiner besondern Zufriedenheit, und gab mir den Muth gleich auf Maria Stuart überzugehen, eine Rolle in welcher sie mich nicht nur nach Verhältniß zufrieden stellte; sondern in einzelnen Stellungen in Ausdruck des Gesichts oft überraschte, und ich bin überzeugt, würde sie dieße Rolle so spielen, wie sie hier bey mir gethan; sie würde auf iedem Theater Glück damit machen. Eben so mit Griseldis, welches die dritte Rolle war, die sie bey mir einstudirt: Sie hatte noch die Catharine in Guttenberg gelernt, indeß dieße Rolle verlangt schon mehr Gewandtheit als die hochtragischen, und ich war mit ihr einverstanden, daß sie dießelbe erst besser würde spielen können, wenn sie etwas festen Fuß auf der Bühne würde gefaßt haben. Die Jungf. v. Orleans kann im Zimmer gar nicht einstudirt werden, denn immer tritt einem der Mangel an der Scenerie störend in den Weg, und selbst die größern Reden und Monologe gelingen vielleicht nur einer geübten Künstlerinn im Zimmer ohne die gehörigen Umgebungen einzulernen und auf die unbekannten Verhältniße der Bühne zu übertragen. Die Jeanne d’arc ist die einzige Rolle, in die auch ich mich niemals habe finden können. Es ist zu wenig darinnen Künstlerisches zu leisten. Warum aber die Schwabh. niemals hat erlangen können, sich wenigstens durch kleine Rollen auf der hießigen Bühne einige Routine zu verschaffen, das hat verschiedne Ursachen, die ich Ihnen mündlich lieber erzählen möchte. Ich bin billig genug zu vermuthen, daß H. v. Spiegel gefürchtet hat, sich durch die Protection theils der meinigen, theils derer des Publicums eine Last aufzuladen, wenn er die Schwabhaussen auch nur in kleinen Rollen hätte auftreten lassen, dieß ist gewiß _eins_ der Dinge, die sie des Glücks sich auf der Bühne bewegen zu können nicht theilhaft werden ließen. Nun aber geht sie nach Dresden, und anstatt sich in den Rollen zu zeigen, in denen sie _zum wenigsten_ Aufmerksamkeit erregen mußte; stellt sie sich dar in denen von denen sie selber weiß sie gelingen ihr für iezt noch nicht. -- Ich konnte nun weiter nichts für sie thun, als Ihnen theuerster Herr Hoffrath meine Meynung über ihre Fähigkeiten mittheilen, im Fall daß dieß ihr von Nutzen seyn könnte. Meine Meynung aber ist, daß sie nur für das hochtragische sich eignet. Ich würde eine gute Iphigenie, L. Macbeth, Sappho auch Elisabeth aus ihr zu machen mich getrauen. -- Noch einmal bitte ich Sie liebster Herr Hoffrath mir meinen langen langen Brief zu verzeyhen. Sie selbst aber sind so gut, daß Sie zum besten andrer, wohl auch etwas wagen würden. In dießer Zuversicht hoffe Sie erhalten mir Ihr Wohlwollen; und nehmen die Versicherung gütig auf das ich mit größter Hochachtung bin
Ihre
Ergebenste Dienerin
_C. v. Heygendorf_.
_Weimar_, d. 2ten Aug. 1842.
Iffland, August Wilhelm.
Geb. am 19. April 1759 zu Hannover, gest. am 22. Sept. 1814, als Generaldirektor der Königl. Schauspiele.
Wie hart in seinen Urtheilen Tieck über diesen Mann gewesen; wie er erst spät, in reiferem Alter, die Gerechtigkeit dem Verstorbenen erwies, deren der _Lebende_ weder als Schauspieler, noch als Theaterdichter, noch als gewissenhafter Führer der Bühnenleitung, als treuer Diener seines Königes sich zu erfreuen gehabt,... das ist bekannt.
In dem kleinen Briefchen vom 21. December 1799 liegt vielleicht der _Keim_ zu dem giftigen Unkraut, welches ein Jahr nachher schon üppig aufgeschossen war zwischen zwei edlen Gemüthern, die sich sonst leicht verständiget hätten.
Sprach doch der _alte_ Tieck ungleich milder und wohlmeinender von Ifflands Verdiensten, wie einst der _junge_ Tieck darüber geschrieben! --
Die zwei nachfolgenden Zuschriften sind, wie wir vernehmen, bereits in Teichmann’s Berliner Theatergeschichte abgedruckt. Sie liegen uns in der Original-Handschrift vor. Wahrscheinlich hatte Iffland, bevor er sie an Tieck sendete, Abschriften für die Kanzelei-Akten vorsichtigerweise zurückbehalten.
Dem sey wie ihm wolle; wir haben darin keinen Grund gesehen, sie hier auszulassen.
I.
_Berlin_, am 21. Xbr. 99.
Haben Sie das Vertrauen in mich, mir auf _drei_ Tage nur Ihre Arbeit zu senden. Ich will dann mit Gradheit[3], sogleich Ihnen dieselbe zurücksenden und sagen, was wir können, was wir nicht können. Ich hoffe alles für uns davon.
Von Herzen der Ihre.
_Iffland_.
II.
_Berlin_, den 14. Novbr. 1800.
Euer Wohlgeboren haben bey Ihrem neulichen Besuch lebhafte Empfindlichkeit über eine Karikatur, ein Lustspiel Kamäleon geäußert, welches die Wirkung eines Hörensagens war, das Ihnen Verdruß gemacht hat und mir sehr leid war.
Ich habe wahre Achtung für Sie und Ihr Verdienst empfunden und stets so gut ich konnte zu beweisen gesucht, deshalb fragte ich auf der Stelle bei Ihnen an, ob Sie das Stück ausgesezt verlangten.
Sie bestimmten Sich damals nicht darüber, verlangen es iezt nicht, wünschen das Stück wiederhohlt, woran Sie Recht haben, auch durfte ich es nicht füglich zurücknehmen.
Ich wiederhole Ihnen, daß ich mich völlig überzeugt hatte, wie weder auf Sie, noch irgend Jemand, der durch die Würde welche den Gelehrten ankündet Sich bewährt, mit dieser flachen Karikatur hat können gedeutet werden sollen, daher sehe ich auch nicht ein, weshalb -- wie Sie mir schreiben -- von Ihrer Seite etwas gesagt werden müßte. Vielmehr glaube ich, daß Mißverstand, den, wie Sie sagen, Einzelne genommen haben sollen, durch jede öffentliche Erklärung allgemeines Mißverständniß geben kann.
Das von Ihnen neulich und gestern wiederhohlt zur Durchsicht verlangte Manuscript, ward von mir einzig in der Rücksicht verwilligt, damit Sie Sich überzeugen möchten, daß keine Beziehung darin vorkomme, die ein Gelehrter von gutem Bewußtsein, auf sich zu deuten Ursach habe.
Pflichten gegen den Dichter, welcher der hiesigen Schaubühne ein Manuscript anvertraut, versagen mir jede Veranlaßung, daß sein Stück, an welchem er vor dem Druck ja noch ändern kann was ihm beliebt, und wovon bis er diesen Druck veranstaltet, durch das Sehen der Vorstellung nur, nicht durch kaltes Lesen geurtheilt werden soll, einer Prüfung unterworfen werde, für welche es noch der Dichter selbst nicht reif hält.
Ihr Billet an mich, droht ausdrücklich mit einer solchen Untersuchung.
Indeß will ich zur Ehre des Ihnen unbefangen und nicht zu einem solchen Zwecke gegebnen Wortes, mich mit meinem ältern Freunde abzufinden suchen und Ihnen das Stück übersenden aber auch nur Ihnen und in der gerechten Erwartung, daß Sie solches so bald zurückschicken als Ihre Durchsicht geendet ist und mit der unerläßlichen Bedingung, daß es in keine andern Hände komme, als in die Ihrigen. Denn Ihnen brauche ich ja nicht erst hinzuzusetzen, was sich von selbst versteht, daß die gedruckte Bekanntmachung einzelner Szenen, dieses von dem Dichter noch bloß für die Vorstellung bestimmten Lustspiels, von mir pflichtvergeßen sein würde und daß ich solche daher auch keinem andern verstatten darf.
Mit Achtung
Ihr ergebner
_Iffland_.
III.
_Berlin_, den 22. Novbr. 1800.
_Hochgeehrter Herr!_
Die Thorheiten und Laster, welche durch gelungene Darstellungen auf der Bühne lächerlich und abscheulich gemacht werden, sind überall zu Hause. Einzelne Züge eines treffend geschilderten Charakters, müßen bei einzelnen Menschen zutreffen, wenn gleich diese Menschen dem Dichter und dem Künstler unbekannt waren, welche beide nicht individualisiren, sondern besonders ihre komischen Personen als Representanten einer Gattung Narren angesehen wißen wollen. Unerhört ist es daher, einen Geitzigen, einen Verläumder, einen Intriganten auftreten zu sehen, der dem Dichter und Künstler zuruft: haltet ein mit der Darstellung des Geitzes, der Verläumdung, der Intrigue: sie paßt auf mich! Nur Molierens Tartüffe soll eine ähnliche Wirkung hervorgebracht haben.
Urtheilen Sie folglich was ich empfinden mußte, als ein Mann Ihrer Art zu mir kam, und mir klagte, der elende Schulberg werde auf ihn gedeutet. Ich konnte Sie in diesem Augenblicke nur für krank halten und wünschen, man hätte Sie lieber an einen Arzt als an mich gewiesen. Indeßen behandelte ich Sie wie einen achtungswürdigen Kranken, deßen man schont, wenn man ihn nicht zu heilen versteht. Ich fürchtete Sie durch Widerspruch ohne Noth zu reizen, ich gab Ihrer wiederhohlten Zudringlichkeit so viel nach, daß, wenn man etwas gewaltsam zu deuten entschloßen sei, gewiße übertriebne Ausdrücke Schulbergs die Sprache Friedrich Schlegels nachahmen zu wollen scheinen könnten; ich überließ es sogar Ihrem Ermeßen, ein Stück von der hiesigen Bühne auf einige Zeit zu entfernen, das freilich nur dann auf Sie angewendet werden kann, wenn man es nicht kennt. Ich sezte natürlicher Weise dabei zum voraus, daß Ihre beßere Besinnung zurückkehren, und Ihnen selbst in Kurzem sagen würde, was eigne Vernunft wohlthätiger als fremde geltend zu machen weiß.
Sie haben mich mißverstanden und Ihr lezter Brief beweiset mir, daß Sie mehr als jemals von der Stimmung entfernt sind, auf welche Nachsicht und Mäßigung heilsam wirken. Aber was ich Ihnen vielleicht nicht mehr schuldig bin, kann ich doch meiner selbstwegen nicht aus den Augen setzen.
Nein mein Herr! Sie sind nicht Schulberg und keiner Ihrer Freunde ist es. Keiner von Ihnen schmeichelt Sich für adlich zu gelten, ohne geadelt zu sein; keiner von Ihnen kriecht, schmarozt und borgt von kleinen Großen; keiner macht einem thörichten alten Weibe den Hof, um sich vor Pfändungen der Juden zu sichern, keiner von Ihnen verlebt seine Nächte in leeren Schilderhäusern und Portechaisen. Gott verhüte, daß es unmöglich werden sollte, einen pöbelhaften Schmierer und seine Rotte aufzustellen, ohne das Ideal dazu von Ihnen und Ihren Freunden zu entlehnen!
Die Bibliothek der hiesigen Schaubühne würde in einen leeren Raum verwandelt werden, wenn jeder mißtrauische Mensch das Recht hätte, alle Schauspiele daraus zu entlehnen, in welchen etwa ein einzelner Zug vorkommt, wovon er einige entfernte Ähnlichkeit mit sich zu entdecken glaubt und die theatralischen Vorstellungen würden zulezt aufhören, wenn lauter solche Gebrechen dargestellt werden sollten, die im ganzen Lande nicht zu Hause sind.
Ihre litterarische und physische Existenz vielleicht sogar Ihr Name, ist dem Verfaßer des Kameleons gänzlich unbekannt.
Ich wohne iezt mit Ihnen an einem Orte und habe nichts von Ihnen gelesen, als Ihren Sternbald und Ihre beiden Briefe an mich. Die lezten hätte ich Ihnen gern erlaßen.
Gehen Sie mit Ihrer beßeren Seele zu Rathe. Sehen Sie zu, ob Sie es für Sich verantworten könnten, den Schulberg auf sich und Ihre Freunde zu deuten.
Ich werde es für mich nie verantworten noch veranlaßen.
_Iffland_.
Immermann, Karl.
Geb. am 24. April 1796 zu Magdeburg, gest. am 25. August 1840 als Landesgerichtsrath in Düsseldorf.
Im Laufe von zwanzig Jahren hat dieser gewaltige Geist zur Ehre und Freude deutscher Poesie unermüdlich geschaffen, seine eigensten Wege eingeschlagen, und manches hohe Ziel erreicht. Die Prinzen von Syrakus (1821) -- Das Thal von Ronceval -- Edwin -- Petrarca (1822) -- König Periander (1823) -- Das Auge der Liebe (1824) - Cardenio und Celinde (1826) -- Das Trauerspiel in Tyrol (1827) -- Ein Morgenscherz -- Die schelmische Gräfin -- Kaiser Friedrich II. (1828) -- Alexis (1832) - Merlin -- Die Opfer des Schweigens -- Die Verkleidungen -- Die Schule der Frommen - Gedichte (1830) -- Tulifäntchen -- Die Epigonen (1836) -- Münchhausen (1838) -- u. s. w. verkünden vielfache Erfolge in den Gebieten der Tragödie, des Drama’s, der Posse, des Epos, der Mythe, des Romanes, der Lyrik!
Seine Briefe an Tieck sind, jeder einzeln und für sich, so wie alle sechszehn insgesammt, gleichsam fortlaufende Belege für den heiteren Ernst seines Lebens und Strebens. Deshalb haben wir alle _unverändert_ aufgenommen; auch diejenigen worin er Verdammungsurtheile ausspricht, in welche viele seiner aufrichtigsten Verehrer schwerlich so unbedingt einstimmen möchten. Dafür war er denn eben der Immermann, und einem solchen verzeiht man wohl auch sein mitunter allzu sicheres Selbstgefühl. Wir haben nur wenige Zeilen unterdrückt, die noch lebende Personen möglicherweise hätten verletzen können. Auch diejenigen (drei?) Schriftstücke sind mitgetheilt worden, welche früher schon in dem von G. zu Puttlitz herausgegebenen Büchlein: „Immermann’s Theaterbriefe,“ mit Tiecks Zustimmung, erschienen waren.
Ein Brief, den Tieck ihm geschrieben, nach der Düsseldorffer Aufführung des „Blaubart“ wurde hier eingeschoben; die Kopie desselben, von Tieck’s Hand korrigirt, fand sich offenbar dazu bestimmt, unter mehreren ähnlichen Abschriften.
I.
_Düßeldorf_, 18. Julius 1831.
_Wohlgeborner Hochverehrter Herr Hofrath!_
Ich erlaube mir, Euer Wohlgeboren beifolgend ganz ergebenst ein dramatisches Gedicht mitzutheilen, von dem ich wohl wünschte, daß es vor dem Erscheinen im Druck dargestellt werden möchte. Insofern Sie glauben, daß es für die Bühne sich eigne, würde ich daher diesen Wunsch auch in Beziehung auf die dortige hiemit ausgesprochen haben. Nach dem, was mir durch öffentliche Nachrichten über Ew. Wohlgeboren Verhältniß zum Dresdner Theater bekannt ist, hoffe ich durch die unmittelbare Überreichung meiner Arbeit an Sie, mich nicht zu weit von der Ordnung des Geschäfts entfernt zu haben; jedenfalls wird man wohl den Verstoß entschuldigen, wenn ich hierin irrte. Es war natürlich, daß ich mein Gedicht am liebsten in die Hände des Dichters legen mochte.
Lassen Sie mich indessen, mein Hochverehrter Herr! diesen Worten sogleich hinzufügen, daß mich ein Gefühl der Ehrfurcht vor Ihrer höchst würdigen Stellung in der Literatur der Gegenwart mehr angetrieben hat, Ihnen mein Werk vorzulegen, als ein leidenschaftliches Verlangen, dasselbe auf den Brettern zu sehn. Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre müssen uns soweit belehrt haben, daß wir uns, selbst im glücklichsten Falle eines sogenannten Erfolges, einer ungetrübten Freude kaum überlassen dürfen, die doch nur gerechtfertigt wäre, wenn die scenische Wirkung uns den dramatischen Werth des Dargestellten noch verbürgen könnte.
Mein Wunsch bezieht sich ohnehin eigentlich nur auf die ersten beiden Theile. Obgleich ich auch den dritten dramatisch zu bilden, wenigstens beabsichtigt habe, so würden doch die Schauspieler, wie sie nun einmal jetzt sind, schon in der feierlichen Form und in den künstlichern Maaßen desselben unübersteigliche Schwierigkeiten finden. Mir ergab sich die Form aus der Natur des Stoffs.
Wenn in den ersten Theilen der Gegenstand mehr von der Seite der Abnormität gegriffen wurde, so war es die Sache des letzten, diese Anomalien unter die allgemeinen Gesetze des Daseins auch sichtlich zu ordnen, und das früherhin vorherrschende Charakteristische in die Schönheit aufzulösen. Die innere Öconomie sowohl, als die äußere Gestaltung mußte sich daher in gewissem Sinne der Antike annähern, in welcher diese Art der Behandlung hervorsticht. Von der Geschichte bin ich verschiedentlich abgewichen. Die sogenannte Verschwörung von Susdal, welche den ersten Theil bildet, gedieh nicht zu der abgeschloßenen Gestalt, wie sie bei mir bekommt; bei der Katastrophe des Alexis traten die Gegensätze wenigstens sichtbar nicht so schroff und seltsam auf, wie in meinem zweiten Stücke, und die Fabel des dritten Theils liegt, den Treubruch der Katharina und die Verzweiflung der letzten Lebenstage Peters abgerechnet, ganz im Gebiete des nur Mythischmöglichen.
Sie haben sich zuweilen gegen die Willkühr bei der Behandlung der Geschichte erklärt, auch der verewigte Solger äußerte sich, wenn ich nicht irre, gelegentlich auf dieselbe Weise. Ich muß gestehn, daß ich dem Dichter gern die höchste Freiheit bei der Behandlung des historisch Gegebenen bewahren möchte. Zeigt sich freilich in seinem Werke statt der lebenskräftigen Idee, ein hohles verblasenes Wesen, oder ist in Erzeugnissen höherer Art doch hie und da eine Schwäche fühlbar, dann muß es erlaubt sein, aus dem Gedichte hinaus in die Geschichte zu blicken, und die Befangenheit zu rügen, der vielleicht die größten und gründlichsten Motive nicht erkennbar würden. Immer aber wird, wie ich glaube, der Tadel von der Poesie auszugehn haben. Und so habe ich Sie auch nur verstanden, da Ihr Urtheil, wo es auf das Historische Bezug nahm, in der That immer sich an die Auffindung dichterischer Mängel knüpfte.
Macht man aber aus dem, was nur im einzelnen Falle Geltung hat, ein allgemeines Prinzip, tritt man, wie es jetzt wohl zu geschehen pflegt, von außen mit dem historischen Maaßstabe an das poetische Werk hinan, so scheinen noch die ersten Erfordernisse einer ästhetischen Erkenntniß zu fehlen. Wozu es der Poesie noch bedürfe, wenn die Geschichte schon Alles enthält, läßt sich nicht wohl absehen.
Der Stoff, welchen der Historiker darzureichen meint, möchte auch wohl für den Dichter erst dann zu existiren beginnen, wenn ihn die Phantasie nach ihren ganz eigenthümlichen Gesetzen bereits ergriffen, verknüpft und umgestaltet hat. In diesem neuen vornehmen Kleide zeigt sich dann nur wieder der alte antikünstlerische Geist der gemeinen Naturbetrachtung, der im 18. Jahrhundert sich als psychologische Anforderung, Verlangen nach Wahrscheinlichkeit u. s. w. gebärdete.
Was meinen Stoff betrifft, so wurde ich in meinem Innern davon nur berührt und erschüttert, insofern er mir das Schauspiel eines großen und ungeheuren Irrthums darbot.
Vielleicht hat nie ein Mensch tiefer das Unendliche, welches im Menschen liegt, gefühlt, als Peter der Große, und vielleicht war nie Einer durch die Schranken seines Wesens und durch eine feindliche Umgebung unglückseliger gefesselt. Aus Slaven, denen von jeher das geistig Zeugende fehlte, will er ein weltbestimmendes Volk machen; er bleibt selbst ein Slave, dem die Aufgabe auf Nachahmung und Aneignung hinausläuft -- die Muster aber muß er aus seiner Zeit nehmen, der schlechtesten, die es geben konnte, weil sie allen organischen Zusammenhang in Kirche, Staat und Lebensgestaltung verloren hatte.
So schafft das gewaltigste Wirken ein äußres Gehäuse von Macht und Größe, dem die Seele fehlt, und welches den Schöpfer selbst am Abend seines Lebens mit Widerwillen und Grausen erfüllt.
In diesen Gefühlen und Anschauungen ging mir der Gegenstand auf, und danach hat sich freilich alles Einzelne bei mir umgebildet. In den _Bojaren_ zeigte sich mir der Held, unwiderstehlich siegreich, so lange er es mit dem Elemente und der auch schon in sich zerfallenen Alt-Russischen Magnatenwelt zu thun hat, Kraft gegen Kraft zerstörend geht; wo es aber, wie im _Gericht von St. Petersburg_, einen lebendigen, sittlichen Act galt, da sank er mir immer tiefer in die lächerlich-fürchterlichen Widersprüche seines eigenen Machwerks. Der Sohn wird geopfert um etwas, dessen Nichtigkeit der Vater selbst zu ahnen beginnt, und die schlechteste Gestalt gängelt diesen am Faden eines armseligen dürren Begriffs, den er denn aber doch nicht entbehren kann, will er bleiben, was er ist. Die Harmonie dieser Dissonanzen fand ich endlich in dem völligen Zerfallen dessen, was zu einem Scheindasein zusammengefügt worden war, wie es der dritte Theil hinstellt.
Ich muß sehr um Verzeihung bitten, daß ich, ohne das Glück Ihrer nähern Bekanntschaft[4] zu genießen, gewagt habe, so weitläuftig zu sein. Indessen entsprang aus dem Muthe, Ihnen das Gedicht zu senden, auch nothwendig der, über den Gegenstand zu reden, der mich eine lange Zeit hindurch gefesselt hat. Ich hoffe, Sie werden mir die Ausführlichkeit meiner Bemerkungen vergeben, welche freilich gegen das Conventionelle streitet. Vor Allem wünsche ich, daß Sie in dem Gesagten keine eitle Meinung über meine Arbeit erblicken mögen. Daß ich mich lange und ernsthaft damit beschäftigt habe, weiß ich; wie aber das Resultat zu stehn gekommen ist, darüber bin ich ganz im Dunkeln. Ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen meinen aufrichtigsten Dank für den Genuß zu sagen, den mir der zweite Theil Ihres Dichterlebens gewährt hat. In den beiden Shakespeare-Novellen ist mir das geheimnißvolle Schaffen Ihrer wunderthätigen Phantasie am klarsten geworden, und ich kann den Eindruck, den sie auf mich gemacht haben, nicht anders bezeichnen, als indem ich sage, daß wenn es nicht so zugegangen ist, es doch nothwendig so hätte zugehen müssen. Mögen die Zeitereignisse und die dortigen Verwickelungen Ihnen Heiterkeit und Freiheit lassen, uns ferner zu erfreuen und zu belehren.
Ich werde vermuthlich im October Dresden auf einer Reise berühren, wo es mir dann eine höchst angenehme Pflicht sein wird, persönlich meine Verehrung zu bezeugen.
Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung
Ew. Wohlgeboren
ganz ergebenster
_Immermann_.
N. S. Der beigelegte Scherz wurde vor einigen Jahren geschrieben. In unsrer _großen_ Zeit konnte Däumchen wohl auch einmal ritterlich und heldenhaft auftreten.
II.
_Düßeldorff_, den 28. Novbr. 1831.
Halten Sie es nicht für Undank für genoßne Güte, wenn ich Ihnen, mein Hochverehrter, erst jetzt schreibe. Theils zögerte sich meine Rückreise hin, theils habe ich hier erst eine totale Unlust zu aller Äußrung und Mittheilung überwinden müssen. Ein Zustand, in den man wohl versinkt, wenn der Wechsel der Eindrücke mit einem stillren Lebensgange wieder zu vertauschen ist.
Leider habe ich Weimar nicht berühren dürfen, wollte ich mich nicht drei Wochen lang für die Sicherheit des westlichen Deutschlands auf der Heßischen Bergveste Arnstein zum Gesundheitspolizeilichen Opfer darbringen. Ich hätte Göthe sehr gern gesehn, mich dünkt, daß sein Wesen grade in diesem sonderbaren Momente eine eigenthümliche Anschauung gewähren mußte. Auf der andern Seite tröstet mich wieder die Betrachtung, daß ein persönliches Zusammentreffen mir wahrscheinlich denn doch die Figur meines Klingsor verrückt haben würde. Ich bestärke mich in der Stille immer mehr in meiner Ansicht über ihn, die Sie eine ketzerische nennen müßen. Indeßen würde ich, wäre mir ein längeres Zusammenseyn mit Ihnen gegönnt gewesen, meine Irrthümer wenigstens haben darlegen können. Mir ist der ganze Göthe, mit Einschluß seiner Fehler, auch in seinen größten und frühesten Werken schon vorhanden, und die nachherigen Schwächen und Verkehrtheiten ergreifen vielmehr das homogene italiänische und malerische Element, als daß sie durch dasselbe hervorgerufen würden. Überhaupt, was sind Einflüsse? Man könnte, wenn man mit Worten spielen wollte, sagen, es seyen eher Ausflüße unsrer selbst. Es mag wie Anmaaßung klingen, aber ich kann mir nicht helfen; mir scheint es zuweilen, als ob das Gebiet der eigentlichen Poesie im höchsten Sinne erst da beginne, wo Göthe -- mit wenigen Ausnahmen -- aufhört. Gewiß ist es wenigstens, daß von einer so eignen, aparten Behandlungsweise, wo das Individuum sich immer seine Rechte gegen den Stoff, und gegen die Gesetze der Gattung reservirt, bei Homer, Sophokles, Cervantes, Shakespeare keine Spur ist.
Meine nächste Zeit nach dem Dresdener Aufenthalte stand zu diesem in einem herben Kontraste. In Magdeburg, wo die Krankheit so gewaltsam auftrat, verlebte ich ängstliche Tage; das halb physische, halb imaginaire Übel, welches den Dunstkreis um die eigentliche Seuche bildet, ergriff auch mich, und zwang mich zu einer Art von Flucht. Ich hatte ein förmliches Prinz-Homburgs-Fieber zu überstehn, und ich will nur wünschen, daß ich für fernere Fälle der Noth mich nun zurechtgefunden haben mag, wie der zitternde Held.