Aus tiefem Schacht

Part 20

Chapter 203,603 wordsPublic domain

An einem der letzten Oktobertage war Axel auf Döbbernitz eingetroffen. Irgend eine Botenfrau hatte es auf dem Baronshofe erzählt. Es dauerte auch nicht lange, so fand sich Axel persönlich ein. Ein eleganter Parkwagen, prächtig bespannt, hielt eines Vormittags vor der Veranda. Elastisch und sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und rief nach dem Onkel und Hedda. Hedda kam auch, aber den Alten bannte wieder die Ischias an den Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute sich über das Wohlbefinden des Neffen. Noch war ja nicht alles in Ordnung, denn bei der leisesten Erkältung stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder ein -- aber ein Fortschritt war da. Axel fragte, ob er Hedda mit nach Döbbernitz nehmen könne. Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse gewesen, doch in Tagen, an denen noch eine chaotische Unordnung in allen Zimmern geherrscht hatte. Nun aber sollte sie bewundern und staunen; Axel selbst wollte sie am Nachmittag wieder zurückbringen und »in bester Emballage abliefern, wie ein kostbares Püppchen aus #vieux Saxe#«.

Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wäre lächerlich gewesen, wenn er sich um Hedda hätte sorgen wollen; die Obhut Axels genügte ihm. Ja -- wenn Klaus Zernin noch Herr auf Döbbernitz gewesen wäre! Nicht um alle Schätze der Welt würde der Alte seine Hedda dem auch nur für eine Stunde anvertraut haben!

So fuhr man denn wieder einmal durch den Wald. Ach, dieser Wald, wie kannte er Heddas Seele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm hatte sie sich anvertraut in Freude und Leid und Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren Jubel hatte sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel getragen. Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte sie seine Stimme: sein kosendes Flüstern und lindes Säuseln, sein Ächzen und Stöhnen, wenn der Sturm anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen, wenn der Wind durch die Wipfel tanzte. Und wie lieb war er ihr! In der knospenden Frühlingspracht, bei dem mailichen Rüsten der Natur, dem lichtgrünen Brautschmuck, den jeder Baum, jeder Strauch anlegte, und selbst der Moosgrund mit seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und Krokus; im glühenden Prangen des Sommers, wenn das dichte Laubwerk den Sonnenstrahlen wehrte und unter den Buchen und Eichen ein köstliches Dämmerlicht herrschte -- im Winter, beim Flimmern der Eiskristalle und der Weihnachtsstimmung in der weiten, schweigenden Runde, und endlich zur Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten Kleide und bald melancholisch, wenn die Nebel ihn umschlichen und die Regenschauer ihn durchpeitschten. Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ...

Nun tat er sich auf. Die Bäume traten zurück -- da sah man Döbbernitz liegen! Vom Schloßturm herab flatterte eine Doppelfahne, die preußische und die schwedische -- »dir zu Ehren, Hedda,« sagte Axel und nahm den Hut ab.

Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete kaum darauf. Es beschwerte etwas ihr Herz -- sie wußte selbst nicht so recht, was es war. Vielleicht der Gedanke an Klaus. Es war nur natürlich, daß sie an ihn dachte, da sie Döbbernitz vor sich auftauchen sah. Die Leute sagten, er säße noch immer in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren für sie ...

Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schloßhof. Diener sprangen herzu; unter dem Portal erschien ein älterer Mann in einfachem Livreerock: der Schloßverwalter. Man merkte sofort, daß hier wieder Ordnung und Reichtum herrschten.

Axel bot Hedda zunächst Frühstück an, doch sie dankte. Nun begann der Rundgang durch das Schloß. Der westliche Flügel stand noch leer; aber Mittelbau und Ostflügel enthielten allein schon über dreißig Zimmer und Säle. Und Hedda erstaunte und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen Mitteln ließ sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem ein gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack die Führung übernommen. Er sprach aus jedem Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda unfaßlich, daß Axel dies alles ohne persönliches Eingreifen, lediglich auf dem Wege des Briefwechsels hatte nach seiner Wahl schaffen und entstehen lassen können. Er lachte über ihre Verwunderung. Ganz leicht war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte seinen Sekretär, einen kundigen und tüchtigen Menschen, bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm hatte er stoßweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen und Musterbücher, Photographieen und Proben durchgesehen und nach diesen seine Bestellungen gemacht. Auch durfte Hedda nicht vergessen, daß die gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls nach Döbbernitz geschafft war, außerdem gar vieles, das in den letzten Jahren hie und da zusammengekauft und inzwischen auf Speichern untergebracht worden war.... »Ich habe sonst keinerlei Passionen,« sagte Axel, »wirklich gar keine, aber meine Vorliebe für künstlerischen Schmuck, schöne Möbel, Antiken, Bibelots und so weiter würde ich ungern aufgeben. Meine Freunde behaupten immer, ich hätte den 'kunstgewerblichen Pips' -- das sei eine ausgesprochene Modekrankheit. Ich glaube eher, daß diese Vorliebe auf mein einsames Leben in den letzten Jahren zurückzuführen ist, das mir eine ernsthaftere Beschäftigung nahelegte, und da warf ich mich denn so ein bißchen auf die Kunst. Übrigens siehst du, daß noch überall Lücken sind. Und das paßt mir gerade, denn das Ausfüllen, Glätten und Harmonisieren macht mir am meisten Spaß; es erfordert nämlich dann und wann sogar eine gewisse Überlegung ... Sage mal, Hedda« -- und Axel blieb stehen --, »fällt dir denn gar nichts an mir auf? Ich meine, an meiner Sprache?«

Sie schüttelte zuerst den Kopf, und dann nickte sie lebhaft, unter herzlichem Lachen.

»Ach ja -- das ei! Du sprichst das ei jetzt ganz menschlich aus! Wer hat dich das gelehrt?!«

»Auch mein Sekretär -- das ist ein kundiger Thebaner. Er hat mir jeden Morgen eine halbe Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr unangenehm, daß du in mir immer den Ausländer merktest! ... Siehst du, das ist der große Saal! Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der Eindruck ist immerhin schon ein ganz hübscher -- nicht wahr?«

Und wieder begann Axel zu erklären. Die hochlehnigen Chorstühle waren florentinische Arbeit; er hatte sie schon vor Jahren einem Hotelier in Venedig abgekauft, weil er sie so schön fand, und zweifellos paßten sie mit ihren massiven und doch auch schlank und edel wirkenden Formen ausgezeichnet in den großen Raum dieses alten Rittersaals. Die Fenster hatten wieder buntes Glas erhalten; die Gardinen bestanden aus geschorenem rotem Burgundersamt mit Bordüren aus gelbem Seidendamast. An einer Wand sah Hedda einen riesigen, zweitürigen Aufsatzschrank, auf dem ein paar köstlich gearbeitete Zunfthumpen aus Zinn standen. Überall auf Stühlen und Tischen lagen noch Stoffe, die zur Dekoration verwandt werden sollten, Brokate und Samtdecken, alte Kaseln, Stücke von Meßgewändern mit geometrisch geordneten Goldstickereien; vor dem Kamin war ein Dutzend orientalischer Gebetteppiche mit herrlichen Musterungen übereinandergeschichtet worden, daneben häufte sich ein Wirrwarr alter Seidenfransen, Silberspitzen und schwerer Quasten auf. So sah es in den meisten Zimmern aus; die ganzen Sammlungen Axels waren hierher geschafft worden und sollten Verwendung finden.

Axel sprach rasch und begeisterungsfreudig. Es machte ihm sichtlich Spaß, Hedda seine Schätze zu zeigen; er wußte auch gut Bescheid, erinnerte sich genau, wo er dies und jenes Stück erworben hatte, erzählte viel, schob Anekdotisches ein und war sehr aufgeräumt.

Schließlich ermüdete Hedda ein wenig vom Sehen und Umherwandern.

»Du sollst dich ausruhen,« sagte Axel, »aber in deinen Zimmern. Ich schrieb es dir ja; ich habe für dich und den Onkel ein paar Räume einrichten lassen. Lieber Gott, Platz ist genug im Schlosse, und ich bin froh, daß ich meinen alten Plunder unterbringen konnte.«

Er führte sie in den nach dem Parke hinausführenden Flügel. Dort lagen die vier Gemächer seiner »Ehrengäste«, wie er sich ausdrückte: ein Empiresalon mit anstoßendem Schlafkabinett für Hedda, und ein Wohn- und Schlafzimmer für den Onkel.

Hedda war überrascht, als sie den Salon betrat. Die wunderschöne alte Empiregarnitur, die hier aufgestellt worden war -- die Sessel aus Palisander mit reichen Intarsien und ihrem grünlichen Damastbezug, der Schreibschrank mit den Wedgewoodvasen und seinem zwischen Alabastersäulen hineingebauten Gewirr zahlloser kleiner Schubladen, die Vitrinen und schön gestickten Paravents -- all dies entzückte sie nicht so sehr wie der wundervolle Duft, der ihr entgegenschlug, und der Blumenflor, der sich vor ihr auftat. Überall standen in Vasen und Gläsern frische Rosen. Man begriff kaum, wie Axel zur Herbstzeit diese Blütenfülle herbeigeschafft hatte. Aus einem hohen Kelchglas mit gedrehtem Schaft quollen voll aufgeblühte Gloires de Dijon: in einer großen Kristallschale badeten sich blaßrosa Röschen; aus einer Vase von Meißener Porzellan blühte es flammend rot empor, aus einer andern burgunderfarbig und wie Atlas schimmernd, und wieder aus einer ganz weiß, gleich frisch gefallenem Schnee. Es war zauberhaft.

Hedda war mitten im Zimmer stehen geblieben und hatte die Hände über der Brust gefaltet. Ihr Auge strahlte.

»O wie schön -- wie schön!« sagte sie flüsternd.

Er lächelte glücklich.

»Es macht mich stolz, daß ich dir eine Freude bereiten konnte,« antwortete er. »Das Zimmer kam mir noch so kahl vor -- so unbewohnt --, und ich weiß, du liebst die Rosen ...«

Rührung überkam sie. Diese zarte und sinnige Aufmerksamkeit stimmte sie weich. Sie streckte ihm beide Hände entgegen.

»Lieber Axel« -- und nochmals wiederholte sie: »Lieber Axel!«

Vielleicht war es der zärtliche Ton ihrer Stimme, vielleicht der weiche Ausdruck ihres Auges, der ihm Mut gab. Er lag plötzlich zu ihren Füßen und bedeckte ihre Hände mit Küssen.

»Hedda,« stammelte er, »sei meine Herrin! In der Hoffnung auf dich erwarb ich diesen Besitz. Schau dich um -- alles sei dein! Es sind nur irdische Güter, aber du wirst ihnen Geist und Seele geben. Es sollte meine Heimat werden, doch ich fühle es, ich habe keine ohne dich. Woran lag es, daß ich so einsam war? Nun weiß ich es: weil mein Herz liebeleer war! Ich habe mein halbes Leben hinter mir und -- o Gott, wie war es öde und frostig! Ja, Hedda -- jetzt bin ich erst meines Lebens froh geworden und erst meine Liebe zu dir hat die Einsamkeit verjagt, und erst deine Liebe wird mir die Heimat schaffen!«

Sie war sehr blaß geworden und zitterte. Er sah es, sprang auf, umschlang sie und führte sie an den nächsten Sessel.

»Ich war stürmisch,« fuhr er fort, »vergib mir! Ich wollte noch warten und langsam um dich werben, mir Schritt für Schritt deine Liebe zu gewinnen suchen, aber -- es kam so plötzlich über mich, als du mich 'lieber Axel' nanntest! Und es ist auch ganz gut -- ich hatte Furcht vor dieser Stunde --, ja, ich gestehe es -- nun hab' ich es hinter mir.« ... Er setzte sich zu ihren Füßen.... »Du sollst Zeit haben, Hedda, sollst prüfen und überlegen --, ich will keine Antwort von heute zu morgen.... Ich kann ja auch nicht verlangen, daß du mich so liebst wie ich dich -- aber vielleicht lernst du mich lieben. Ich bin schon zufrieden, wenn du mir nur Hoffnung gibst.... Und passen wir denn nicht auch zu einander, Hedda? Aus gleichem Stamme, mit gleichen Neigungen? Lockt dich nicht auch das Ziel, diesen alten Hellsternschen Besitz wieder zu Frucht und Blüte zu bringen?«

Er sprach noch weiter. Es mußte alles von seinem Herzen, was er an Hoffnungen und frohen Erwartungen aufgespeichert hatte. Hedda sah, wie dieser Glücksrausch, den die Zukunftsbilder in ihm entfachten, seine guten und treuen Augen erstrahlen ließ, wie es gleich Frühlingssonnenschein über sein hübsches und vornehmes, schmales Gesicht flutete. Der Duft der Rosen betäubte sie. Sie atmete schwer.

»Ich danke dir, Axel, daß du mir Bedenkzeit gibst,« antwortete sie. »Ich bedarf ihrer; es kam mir alles zu unerwartet.... Und -- und -- die Rosen duften so stark ...«

Sie erhob sich schwankend. Er stützte sie und riß dann ein Fenster auf. Unten dehnte der weite Park sich aus, im Schmucke des Spätherbstes -- eine tausendfach gefleckte Palette: bunte Baumwipfel, noch grüne Rasenflächen, schillernde Teppichbeete, rotes Weinlaub. Darüber hinweg sah man auf breite Streifen Acker und Feld; die Herbstbestellung war in vollem Gange. Vom Wirtschaftshofe herüber erscholl der Lärm der Arbeit.

O ja -- das alles lockte!

* * * * *

Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurück. Sie hatte Axel gebeten, sie nicht zu begleiten; es wäre nicht nötig. In Wahrheit fürchtete sie sich vor dieser Fahrt durch den Wald -- zu zweien. Sie mußte Ruhe haben, um zu sich selbst zu kommen, um überlegen und nachdenken zu können.

Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht erwartet hätte. Schon bei seinem ersten Besuche im Frühjahr hatte sie den Eindruck empfangen, als hätte sie ihn nicht gleichgültig gelassen. Er war der dritte! Erst Klaus, dann Gunther, nun er. Aber wenn sie ihr Herz durchforschte -- ach, einer nur hatte es zu entflammen gewußt, ein Verlorener! Konnte sie Axel ihr Jawort geben, da doch das Bild des andern noch immer lebendig in ihr war? Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden? Er hatte sie rufen und holen wollen, wenn er sich in der Fremde eine Stellung geschaffen haben würde; mit diesem Versprechen war er von ihr geschieden. Darüber waren Monde vergangen. Die Leute sagten, er verspiele seinen Erlös aus dem Verkaufe von Döbbernitz am grünen Tische Monacos. Aber wer wußte, ob das wahr sei? Konnten die Leute nicht irren? Hatte nicht vielleicht wirklich schon drüben in Amerika der »Fron« für ihn begonnen, der ihn läutern und entsündigen sollte?

Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres Vaters. Hedda hörte schon den Jubel des alten Herrn.... Und warum sollte sie nicht glücklich werden an der Seite dieses Mannes? Er war eine durch und durch noble Natur, von seltener Herzensgüte und feinem Empfinden, ein Edelmann im besten Sinne des Worts. Und ganz zweifellos -- auch sein Reichtum sprach mit ...

Hedda drückte sich tief in die Wagenecke. Würde sie in Döbbernitz nicht täglich und stündlich an Klaus erinnert werden? Würde es nicht eine ewige Qual sein!? Warum ließ sich diese unselige Liebe nicht ausreißen -- warum mußte sie fortleben und immer neue Schmerzen erzeugen!?

Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab August ihr mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Ein Kind hätte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage stand: »An Baronesse Hedda Hellstern. Persönlich zu erbrechen«, so glaubte August sehr klug gehandelt zu haben, daß er ihn nicht erst in die Hände des Herrn Barons gelangen ließ.

Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die Aufschrift sah. Sie erkannte Zernins Hand, seine elegante und zierliche, charakterlose Schrift. Hastig stürmte sie auf ihr Zimmer und riß das Kuvert auseinander.

»Ich muß dich sprechen,« schrieb Klaus, »es handelt sich um meine Zukunft, vielleicht um mein Leben. Sei, bitte, um fünf Uhr an der alten Stelle am See. K.«

Um fünf Uhr -- da war keine Zeit zu verlieren. Sie schwankte keinen Augenblick. Sie überlegte auch nicht, warum Klaus wieder zurückgekehrt sei; sein Leben stand auf dem Spiel -- was gab es da noch zu überlegen!

In aller Eile begrüßte sie ihren Vater. Es sei wunderschön geworden auf Döbbernitz, erzählte sie in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausführlich sein, aber jetzt habe sie unleidliche Migräne und wolle daher noch auf ein halbes Stündchen in den Wald. Und ehe der Alte noch so recht zu Wort kommen konnte, war sie schon fort.

Als sie den Waldrand erreicht hatte, nahm sie ihre Uhr in die Hand. Es fehlten nur noch zehn Minuten zu fünf. Sie stürmte vorwärts -- gedankenlos, in fieberischer Aufregung. Wieder war der Wind erwacht und rauschte im Gezweige. Große Massen falber Blätter rieselten auf sie herab. Vier Rehe jagten in langen Sprüngen quer über den Weg.

Gottlob -- da war der See! Blaugrau, mit Gischt übergossen und stark bewegt, tauchte er zwischen den Stämmen auf. Und da war auch Klaus!

Er schritt im Ufergrase auf und ab. Schon aus der Entfernung fiel es Hedda auf, daß sich sein Reiseanzug in arg vernachlässigtem Zustande befand. Sein Gesicht war schmal geworden, bleich, verwüstet; tiefe Schattenringe umgaben die Augen.

Er stürzte ihr entgegen.

»O Hedda -- Gott sei gelobt!«

Er haschte nach ihren Händen und wollte sie küssen, doch sie entzog sie ihm. Es stürmte gewaltig in ihr, aber sie wollte wenigstens Ruhe heucheln.

»Guten Tag, Klaus! Wo kommst du her?«

»Aus dem Süden, Hedda, von der Riviera. Es war eine Verrücktheit. Ich hätte unten bleiben oder gleich weiter reisen sollen. Aber ich wollte dich noch einmal sehen --, noch einmal -- das letzte Mal -- ich verging fast vor Sehnsucht!«

»Klaus -- warum lügst du?«

Sie sagte das in so herbem Tone, daß er zusammenzuckte. Alle Nerven in ihm schienen bis zum Übermaß angespannt zu sein. Die Muskeln blitzten in seinem Gesicht, seine Hände flogen.

»Lügen -- nein, ich lüge nicht,« stieß er hervor. »Ich -- ich muß auch wahr sein! Also ich kehrte zurück --, die Torheit ist einmal geschehen. Ich hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, daß -- daß ich verfolgt werde -- daß man mich sucht --«

Hedda starrte ihn mit großen Augen an.

»Verfolgt -- aber von wem?«

»Von den Behörden ...« Nun hatte er doch ihre Hände ergriffen und hielt sie mit seinen heißen Fingern fest, während seine Augen sich mit unheimlichem Ausdruck in die ihren bohrten ... »Hedda, ich habe mich zu einer schmachvollen Tat verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe mich -- aber rette mich -- hilf mir!« ... Und stöhnend brachte er die furchtbare Selbstanklage heraus: »Ich habe die hinterlassenen Papiere meines Vaters nach dem Auslande verkauft.«

Anfänglich begriff sie ihn nicht. Aber dann brach blitzschnell das Verständnis für die Schändlichkeit in ihr durch ... Beim Tode des alten Ministerpräsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht gebracht, daß sich in der Hinterlassenschaft des Freiherrn von Zernin so gut wie nichts von politischer Bedeutung vorgefunden hätte. Klaus hatte die wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei Gelegenheit an eine ausländische Regierung verkauft ... Und plötzlich glaubte Hedda auch den Grund des wütenden Hasses ihres Vaters und Eyckens gegen Klaus gefunden zu haben. Die beiden wußten um die verschwundenen Papiere und mochten ahnen, wohin sie gebracht worden waren ...

O Schmach -- Schmach!

Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsäule, vor dem verkommenen Mann. Es war ihr, als hätte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe zu zerdrücken und zu vernichten. Eisig durchströmte es sie. Ihre Finger krampften sich zusammen, und in den äußersten Spitzen hatte sie das nervöse Gefühl heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete und dröhnte in ihrem Kopf, und dabei hatte sie doch das Bewußtsein, daß sie gefaßt und kaltblütig bleiben müsse. Um ihre Hände zu beschäftigen und sich bei mechanischer Spielerei allmählich zu beruhigen, riß sie ein paar Gräser aus und zerpflückte sie.

Und dann brachte sie mühselig hervor: »Ich will nicht rechten mit dir. Wie kann ich dir helfen?«

Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen. Nun hob ein tiefer Atemzug seine Brust.

»Ich muß morgen über die Grenze sein,« sagte er schnell und halblaut, als fürchte er, auch hier belauscht zu werden. »Aber ich habe kein Geld. Ich habe verdammtes Pech gehabt -- da unten. Geh zu Schellheim und laß dir ein paar tausend Mark für mich geben -- fünf, sechs genügen --, er wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke mir das Geld nach dem alten Jagdhause in der Döbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis Mitternacht.«

Sie nickte nur. Ihr Blick hatte etwas Erloschenes, wie auch in ihrem Herzen alles erloschen war: der ganze Sonnenschein ihrer Jugend.

»Gut,« sagte sie tonlos, »du erhältst das Geld.« Und ohne Lebewohl wandte sie sich um und ging.

Er sprang ihr nach. »Hedda,« keuchte er, »kein Abschiedswort, kein --«

Unter ihrem Flammenblick brach er ab. Ja -- jetzt kam wieder Leben in das tote Auge; es sprühte und loderte vor Verachtung und Empörung. Hoch und groß stand sie vor ihm.

»Nein,« antwortete sie hart. »Kein Abschiedswort! Daß du den großen Namen deines Vaters entehrtest, daß du dein Wappen beflecktest, daß du deine Liebe niedertratst -- alles hätte ich dir verzeihen können. Denn meine Liebe ist stärker als deine. Aber für den Schuft, der um feiles Geld sein Vaterland verrät --«

Sie sah, wie er sich duckte, wie ein Hund den die Peitsche trifft. Und da sprach sie nicht weiter. Sie ging.

Hoch und groß ging sie, solange sie fürchtete, daß sein Blick ihr noch folgte. Aber dann, als Eichen und Buchen sie dichter umscharten und der See längst hinten liegen mußte, brach sie zusammen. Geknickt, keuchend und nur mit Mühe schleppte sie sich vorwärts. Und der Herbststurm brauste stärker durch den Wald und rüttelte und schüttelte die Wipfel.

* * * * *

Pastor von Eycken freute sich, als er Hedda bei sich eintreten sah. Aber ihm entging nicht ihr erregtes Wesen, ihr umdüsterter Blick und der bittere Zug in ihrem Gesicht.

»Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Pastor,« begann Hedda, dankend den Stuhl ablehnend, den er ihr zugeschoben hatte.

»Sie ist schon gewährt, liebes Kind -- wenn nämlich ihre Erfüllung in meiner Macht steht.«

»Ich hoffe es. Ich weiß, Sie haben größere Kapitalien liegen, Sie bedürfen ihrer für Ihren Bau. Wollen Sie mir sechstausend Mark leihen? Aber es muß auf der Stelle sein; wenn ich die Summe bei Ihnen nicht erhalte, würde ich auf das Auschloß gehen.«

Eycken war erstaunt zurückgefahren. Das war das einzige, was er nicht erwartet hatte.

»Allerdings,« erwiderte er, »ich habe das Geld liegen. Und ich gebe es Ihnen auch, aber ich muß Ihnen gestehen --«

Mit flehend erhobenen Händen stürzte sie ihm entgegen und erfaßte seine Arme. Sie lag fast an seiner Brust.

»Kein Aber, lieber, lieber Herr Pastor!« rief sie, während ihr ganzer Körper bebte und ihr Auge voll Angst und Verzweiflung an seinem Antlitz hing. »Fragen Sie auch nicht, wozu ich die Summe brauche! Ich gebe Ihnen mein Wort -- ich schwöre Ihnen, daß ich sie Ihnen in drei, vier Monaten zurückerstatte -- vielleicht schon früher --«

Er schloß sie in seine Arme und küßte sie mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Stirn.

»Mein liebes Herz -- was gilt mir das Geld, und was sind mir diese paar tausend Mark!« sagte er und strich mit der Rechten liebkosend über ihren Scheitel. »Was mich beunruhigt, ist lediglich die Tatsache, daß Sie es erbitten -- und sicher doch nicht für sich selbst --«

Er stockte. Eine Ahnung überkam ihn. Sein Gesicht wurde sehr ernst; er schaute Hedda forschend in die Augen.

»Hedda -- ist Klaus wieder zurück?«

Und da sie den Kopf neigte, ließ er sie los und trat zurück.