Part 21
»Dann keinen Pfennig,« sagte er rauh. »Ihm nichts mehr -- nichts!« Und plötzlich strömte wieder seine Liebe zu dem Mädchen, dessen Seele er in allen ihren Schwingungen zu kennen glaubte, in warmen Wellen durch sein Herz. »Hedda,« rief er, »wie konnten Sie vergessen, was Sie mir versprochen hatten -- schon vor zwei Jahren --, dieser Ihrer unwürdigen Liebe ein Ende zu machen!? Ja, unwürdig, denn Klaus ist schlimmer gewesen als leichtsinnig! Fragen Sie ihn einmal, wo die Papiere seines verstorbenen Vaters geblieben sind! Ich war der beste Freund des Alten und habe gewußt, welch reiches Material an Briefschaften und Tagebüchern und geheimen Mappen er hinterlassen hat. Aber als nach seinem Tode die Regierung kam, um diese Papiere einzufordern, da fand sich nur Unwichtiges und Gleichgültiges vor. Ihr Vater, Hedda, war gerade so erstaunt darüber als ich, -- und als dann Klaus auf einmal, mitten im Zusammenkrachen, auf Wochen verschwand, um mit den Taschen voller Geld wieder heimzukehren, da dämmerte ein furchtbarer Verdacht in uns beiden auf ... Hedda, wenn Sie noch einmal mit Klaus Auge in Auge stehen sollten, dann fragen Sie ihn einmal, ob er nicht mit den Papieren seines Vaters einen ehrlosen Schacher getrieben habe!«
Sie wagte den Sprechenden nicht anzuschauen; sie nickte mit abgewandtem Kopfe.
»Er hat es,« erwiderte sie dumpf. »Er hat es mir selbst anvertraut -- und ich soll ihm über die Grenze helfen.«
Sie nestelte das Billet Zernins aus ihrer Tasche und reichte es Eycken.
Der Pastor überflog es. »Er fürchtet, daß man seine Schande entdeckt habe?«
»Er sagt, man verfolge ihn bereits.«
Eycken pfiff durch die Zähne. »Und wer soll ihm das Geld bringen und wohin?«
»Er wartet bis Mitternacht in dem verfallenen Jägerhaus -- unten, in der Döbbernitzer Schlucht. Ich wollte Kopfschmerzen vorschützen und dem Vater früher gute Nacht sagen als sonst, und dann wollte ich mich selbst hinausschleichen zum Jägerhaus -- wen sollte ich denn schicken, ohne daß es aufgefallen wäre?!«
Eycken hatte seinen Entschluß gefaßt. »Gehen Sie nach Hause, Hedda,« sagte er. »Sie sollen ihn nicht mehr zu sehen bekommen -- nie wieder! Kämpfen Sie tapfer nieder, was noch für ihn in Ihnen lebt --, er ist fürderhin tot für Sie!«
Hedda sank an des Greises Brust. »Für ewig,« schluchzte sie, »ich weiß es --, aber beweinen kann man doch seine Toten!«
»Ja, Hedda -- weinen Sie sich aus. Daheim, in stillen Stunden -- Sie werden schon solche finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie mit Ihrem Gott. Er wird Sie stärken, unser Gott der Liebe, und Ihnen überwinden helfen!«
Er drängte sie sanft zur Tür.
»Ich will mich beeilen. Ich geh' selbst zum Jägerhause und werde Klaus das Geld bringen. Es ist nicht das erste. Und dann soll er ein letztes Wort von mir hören« -- er hob dräuend die Rechte und reckte sich -- »als Prediger des Wortes Gottes, als sein Seelsorger, und als Edelmann will ich ihm sagen, wie ich über ihn denke!«
Das war eine schlummerlose Nacht für Hedda. Draußen umbrauste der Sturm das Haus, wie damals im Winter, als der Vater ihr am Abend vorher von der Werbung Gunthers erzählt hatte, und als sie im Auschlosse nach länger als Jahresfrist wieder einmal mit Klaus zusammengetroffen war. Und wie damals wälzte sie sich auch heute wieder ruhelos im Bette, und eine wilde Flut von Gedanken stürmte auf sie ein. Jetzt mußte Klaus bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer Leichtsinn verschloß ihm für immer die Rückkehr in die Heimat. Eycken hatte recht, wenn er sagte: Klaus ist tot. Und unwillkürlich drängte sich Hedda die Frage auf: Wär' es nicht besser gewesen, sie hätte ihn bei seinem Entschlusse belassen, als er im Sommer schon im Begriffe stand, zu den Pistolen zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten? Freilich -- vielleicht war auch das nur Pose und Rederei gewesen, nur eine Lüge. Durch sein ganzes Leben ging der Fluch der Lüge -- selbst seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lüge. Denn sonst hätte er sich aufraffen und zu besserem Leben durchringen müssen, hätte nicht so erbärmlich tief sinken können. Wo spürte man an ihm etwas von der reinigenden Kraft einer großen Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt, sich um ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten, dessen morastige Wellen ihn höher und höher umschlugen?
Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von dem Empfinden nicht frei machen, als seien auch an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben, als müsse sie nach einem Läuterungsbade suchen, nach Sühne und Entsündigung. Bot Axel ihr die Befreiung von dem Gefühl der Erniedrigung, das in ihr aufquoll? -- Die stille Vornehmheit seines Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zügellosigkeit Zernins. Vielleicht war es wirklich ein Reinwaschen und ein Sühnen der Vergangenheit, wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann glücklich zu machen.
Draußen stürmte und wetterte es weiter. Mit Ungestüm brauste der Wind durch den Park und fauchte und heulte -- fauchte und heulte auch um das verfallene, kleine Jagdhaus in der Döbbernitzer Schlucht, in dem sich zu dieser Stunde zwei Männer mit blitzenden Augen und zorngeröteten Gesichtern gegenüberstanden.
Dreizehntes Kapitel
Am andern Morgen hatte der Sturm zwar etwas nachgelassen, aber dafür hatte sich der Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt, und jeden Augenblick drohte der Regen zu fließen. Eine mürrische Stimmung lag über der Natur.
Im Kamin neben dem Frühstückstische brannte schon das Feuer. Der Baron saß in seinem großen, dicht an den Tisch herangeschobenen Lehnstuhl und rührte in seiner Teetasse. Das blasse Gesicht seiner Tochter gefiel ihm nicht.
»Hast schlecht geschlafen, Hedda -- he?« fragte er.
»Ja, Papa -- der Sturm war arg --«
»War arg, hast recht -- ich konnte auch keine Ruhe finden. Und heute früh um sechs Uhr ging schon wieder das Hämmern und Pumpen und Schnauben in der Brauerei los. Auf das Wetter scheint der Halunke, der Möller, keine Rücksichten zu nehmen.«
»Der Bau soll noch vor Frostbeginn unter Dach sein. Die Arbeiter haben einen schweren Stand. Die eine Wand hat sich gesenkt; ich glaube, das Fundament ist auf dieser Seite vom Wasser unterspült worden.«
Der Baron lachte höhnisch auf.
»Gute Vorbedeutung -- haha! Aber ich habe mir vorgenommen, ich will mich nicht mehr ärgern. Mögen sie bauen, was sie wollen! -- Erzähle von gestern, Hedda!«
Hedda schaute starr vor sich hin. Und dann wandte sie sich, wie unter der Eingebung eines raschen Entschlusses, an ihren Vater.
»Ich habe gestern absichtlich nicht mit dir sprechen wollen, Papa,« sagte sie, mit ihren Fingern in nervösem Spiel ein Stück Brot zerkrümelnd, »weil ich mir noch einige Stunden ruhiger Überlegung gönnen wollte. Aber es muß doch einmal gesagt sein. Axel hat mir bei Gelegenheit meines Besuches in Döbbernitz einen Antrag gemacht.«
Dem Alten fiel der Teelöffel aus der Hand. Aber er ärgerte sich über sein Erstaunen und tat kaltblütig.
»Also doch,« antwortete er. »Ich sah es eigentlich kommen.« Dann schaute er Hedda abwartend an, und als sie schwieg, hämmerte er ungeduldig mit der Faust auf den Tisch, daß Tassen und Teller klirrten. »Na und?! Herr des Himmels, so sprich doch! Spann mich nicht auf die Folter! Hast du -- hast du ja gesagt?«
»Ich habe um Bedenkzeit gebeten, aber ich bin über Nacht zu dem Entschluß gekommen, ihm keinen Korb zu geben.«
Ein unterdrückter Jubellaut antwortete ihr. Hellstern hatte sich erheben wollen, doch fiel er wieder schwer in seinen Sessel zurück.
»Komm her,« rief er, »ich alter Elefant kann mich kaum noch rühren! Aber ich muß dich umarmen! Meine Hedda -- mein Liebling!«
Sie kniete ihm zur Seite und er küßte sie auf Stirn und Haar und streichelte ihre Wangen. Die Tränen rannen ihm in den struppigen Bart. Auch sie war bewegt, doch sie weinte nicht; sie nahm seine Hand und führte sie an ihre Lippen.
»O, wenn das die selige Mutter doch noch erlebt hätte!« stammelte er. Und dann wurde er ruhiger. Seine Neugier siegte. Er wollte wissen, wie sich die Liebeserklärung abgespielt habe. Er fragte Hedda nach allen Einzelheiten. Sie erzählte in gelassener Weise, ziemlich trocken, als ob sie einen Bericht erstatte. Aber das fiel ihm nicht auf, er war an ihre »ruhige Vernunft« gewöhnt. Er war glückselig. Über sein altes Gesicht blitzte und leuchtete es vor Freude. Gott sei gelobt, nun kam noch einmal Sonnenschein in den Abend seiner Tage! Konnte er sich für seine Einzige ein besseres Los wünschen? Axel war reich, unabhängig, ein Ehrenmann und ein Prachtmensch -- im übrigen schien er ja auch wieder gesund geworden zu sein. Und dazu Döbbernitz, der alte Hellsternsche Sitz, die unmittelbare Nähe! Er schob seine Tasse mitten auf den Tisch.
»Wir müssen Axel Nachricht geben,« sagte er. »Ich selbst werde ihm schreiben -- das scheint mir das richtigste zu sein. Ich schreibe in deinem Namen und gebe als Vater meine Zustimmung. Ich lade ihn zum Mittagessen ein; was steht auf der Speisekarte?«
»Karbonade und Rotkraut,« antwortete Hedda. Unwillkürlich mußte sie lächeln. »Das wird Axel ziemlich gleichgültig sein.«
»Glaub' ich auch, wie ich ihn kenne. Trotzdem -- zur Feier des Tages müssen wir das Menü ändern. Sieh zu, daß du etwas Besseres auf den Tisch bringst. August soll anspannen und meinen Brief nach Döbbernitz bringen.« Er rührte gewaltig die Klingel.
August trat ein. Er kam soeben vom Reinigen der Lampen und wischte sich die öligen Finger an der Schürze ab.
Der Baron schmunzelte.
»August,« sagte er, »ich wünsche, daß du heute nicht dein gewöhnliches dummes Gesicht machst. Und weißt du, warum ich dies wünsche?«
»Nein, Herr Baron,« antwortete August und schüttelte heftig den Kopf.
»Dann hör zu, ich will es dir sagen. Weil heute ein Fest- und Ehrentag für den Baronshof ist. Wisch dir das Maul ab und küsse dem gnädigen Fräulein die Hand, denn das gnädige Fräulein hat sich mit dem Herrn Baron Axel von Hellstjern auf Döbbernitz verlobt.«
»Mit unserm Vetter aus Schweden!?« jubelte August auf. Und dann rubbelte er sich wirklich mit dem Handrücken den Mund ab und näherte sich Hedda mit feierlichen Schritten, räusperte sich und wollte ihr in wohlgefügten Worten gratulieren, denn es schien ihm passend, sich bei dieser Gelegenheit als Mann von Bildung zu zeigen. Doch Hedda kam ihm zuvor, erhob sich und schüttelte ihm die Hand.
»Schon gut, mein alter August,« sagte sie, »ich weiß, wie du es meinst, und danke dir von Herzen. Und nun hilf dem Herrn Baron und führe ihn in das Arbeitszimmer, und dann halte dich fertig, einen Brief nach Döbbernitz zu bringen.«
Aber August war das Herz viel zu voll, um sich schweigend verhalten zu können. Während er Hellstern unter dem Arm packte und nach der Arbeitsstube geleitete, begann er zu plaudern.
»Das hab' ich gewußt, Herr Baron,« sagte er, »so gewiß vier mal vier sechzehn ist -- das hab' ich gewußt. Ich habe doch meinen Blick! Gleich damals, wie der Herr Vetter das erste Mal hier war, da hat er das gnäd'ge Fräulein immer so angesehen, und da hab' ich schon mit Gusten drüber gesprochen. Sie können Gusten fragen, Herr Baron.«
»Auch noch,« brummte Hellstern; »ich werd' in die Küche gehen.... Knuff mich nicht so in den Arm! Daß du dir nachher ein reines Vorhemdchen umbindest, wenn du nach Döbbernitz fährst!«
»Fährst? Soll ich denn fahren?«
»Ja natürlich. Und du nimmst das gute Geschirr. Und in Döbbernitz wartest du auf Antwort. Es braucht aber noch nicht überall herumerzählt zu werden, das mit der Verlobung.«
»Gott bewahre! Ich weiß schon -- erst wenn das Offiziellum da ist.«
Aber noch vor dem »Offiziellum« wußte man im Souterrain bereits von der Verlobung. Zuerst gratulierte die Guste und dann Dörthe, die dabei in einen Tränenstrom ausbrach. Das blasse Gesicht Dörthes und ihr verändertes Wesen waren Hedda bereits aufgefallen.
»Aber Kind,« rief sie, »was hast du denn eigentlich?! Ich kenne dich gar nicht wieder. Wo sind deine roten Backen geblieben und deine lustigen Augen?!«
Dörthe hielt die Schürze vor das Gesicht und weinte noch immer; sie war in eine Ecke der Küche getreten und machte sich am Wasserzuber zu schaffen. An ihrer Stelle antwortete Guste halbleise:
»Ach Gott, gnäd'ges Fräulein, das arme Ding! Ihr Fritze hat sie sitzen lassen. Die Verlobung ist zurückgegangen. Da sind aber bloß die alten Möllers dran schuld -- und der Albert, das ist ein Kerl!«
Über Heddas Gesicht glitt ein Ausdruck aufrichtiger Anteilnahme. Das arme Mädchen tat ihr von Herzen leid. Sie rief Dörthe heran und sagte ihr ein paar tröstende Worte, aber die Kleine war nicht zu beruhigen.
»Ich überleb's nicht, gnädiges Fräulein,« jammerte sie; »er will eine andre heiraten -- eine Reiche aus Frankfurt --, und das überleb' ich nicht.«
Mißgestimmt und mit schwerem Herzen wartete Hedda auf ihren Verlobten.
Am Vormittage fand sich der Pastor ein. Er war auf seinem Bau gewesen und hatte August vorüberfahren sehen. Und trotz des Verbots hatte August den Mund nicht halten können. Dem Pastor konnte man es doch immerhin sagen -- so einem alten Freunde des Hauses.
Eycken glaubte die Plötzlichkeit des Entschlusses Heddas zu verstehen. Seelische Gründe sprachen dabei mit. Sie wollte gewaltsam mit jeder Erinnerung an die Vergangenheit brechen.
Es war Eycken lieb, daß er Hedda zunächst allein traf. In ruhigem und liebevollem Tone sagte er ihr seine Glückwünsche, und als er nach ihrem Dankwort ihren unruhig fragenden Blick bemerkte, zog er sie neben sich auf das Sofa.
»Ich habe Ihre Mission von gestern abend erfüllt, Hedda,« begann er von neuem, »und da mir daran liegt, Ihnen Beruhigung zu geben, will ich noch einmal den Namen dessen nennen, der auch für mich tot sein sollte. Es kam zu einer schlimmen Aussprache zwischen Klaus und mir; ich habe nicht mit starken Worten gespart, und -- nun, er gab sie mir zurück. Aber er nahm das Geld; heut ist er in Sicherheit. Die Woydczinska in Seelen hat ihm Pferde gestellt und ihm über die russische Grenze geholfen. Er will nach Amerika.«
Hedda atmete auf.
»Gottlob, er ist in Sicherheit,« sagte sie leise und lehnte ihr Haupt an die Brust des alten Freundes.
Wieder glitt des Pfarrers Hand lind und zärtlich über ihr Haar.
»Nun aber mutvoll in das neue Leben, Hedda,« antwortete er. »Sie haben sich frei gemacht und alles abgeschüttelt, was Sie noch an die alte Liebe band. Aber -- Sie haben eine neue Verantwortung übernommen. Werden Sie ihr gerecht!«
»Herr Pastor,« entgegnete Hedda fest, »was ich tat, geschah nach reiflicher Überlegung. Ich habe lange genug mit mir gekämpft. Ich wollte nicht an der Erinnerung zu Grunde gehen -- und ich wollte auch etwas Gutes tun. Ich lechzte nach einer Guttat, denn ich fühlte mich erniedrigt und von Scham erdrückt. Fragen Sie mich nicht, wie das möglich gewesen -- es war so! Ich empfand jenes Schande wie eine eigne. Und so kam ich zu meiner Entschließung. Sie macht zwei Menschen glücklich: meinen Vater und Axel. Sie kennen Axel noch nicht. Er ist vornehm und edel. Sie selbst mögen ihm in jüngeren Tagen geglichen haben. Alles, was an Gutem in mir ist, will ich ihm geben.«
Segnend legte Eycken seine Rechte auf Heddas Haupt.
»Gott sei mit Ihnen, liebes Kind,« sagte er.
* * * * *
Axel kam mit seinem neuen Viererzug von Döbbernitz, Kutscher und Diener in großer Livree, er selbst in Frack und weißer Halsbinde, als gehe es auf einen Ball. Es entsprach ganz seinem Wesen, der Feierlichkeit des Tages auch nach außen hin Ausdruck zu geben. Aber als Hedda ihm an der Seite ihres Vaters entgegentrat, verlor er sofort seine schöne Korrektheit, und er wurde bewegt und gerührt. Das Wasser schoß ihm in die Augen, als er seine blasse Braut umarmte; er vermochte kaum zu sprechen, drückte sie an sein Herz und fühlte wohl, wie sie zitterte. Und dann fiel der Alte Axel um den Hals, auch sehr gerührt, mit der ganzen Wucht seiner kolossalen Persönlichkeit, so daß es dem schmächtigen Axel Mühe kostete, unter diesen bärenhaften Liebkosungen nicht zusammenzubrechen.
Die leichte Verlegenheit der ersten Begrüßung war bald überwunden. Man ging zu Tisch, und ein fröhliches Plaudern begann. Die Hochzeit wurde auf den vierten Januar festgesetzt; das war zugleich der Geburtstag Axels. Hedda meinte, da müsse sie sich mit der Herstellung der Ausstattung beeilen; es war dies noch ein schwieriger Punkt, da Hellstern erklärte, er sei nicht imstande, Hedda nach Berlin zu begleiten. Schließlich wurde verabredet, Tante Jutta zu benachrichtigen. Dort sollte sich Hedda für ein paar Tage einquartieren und die Ausstattung mit ihr und Axel gemeinsam besorgen. Wenigstens das Nötigste; das übrige sollte während der Hochzeitsreise in Paris besorgt werden, denn Axel behauptete, es gäbe gewisse Dinge in der weiblichen Ausstattung, die man nur in Paris kaufen könne. Er war sehr aufgeräumt und trank sogar gegen seine Gewohnheit einige Gläser von dem vortrefflichen Johannisberger Hellsterns. Er wurde nicht müde, Pläne zu schmieden. Die Hochzeitsreise sollte ausgedehnt werden, um dem deutschen Winter zu entgehen; man wollte über Paris nach der Riviera und Süditalien, vielleicht bis Sizilien. Hedda kannte das alles noch nicht, und Axel behauptete, er freue sich jetzt schon darauf, ihr die tausend Schönheiten Italiens zeigen zu können. Und dann, im nächsten Sommer, mache man vielleicht einmal einen Ausflug nach dem Norden -- nach Jarlsberg, dem alten Stammschloß der Familie, das auch seine Reize habe -- die Schärenwelt, das gischtsprühende Meer, die ganze wildromantische Umgebung. Aber vor allen Dingen: wie behaglich wollte man es sich auf Döbbernitz einzurichten suchen und mit welcher Lust an die Arbeit gehen, diesen hübschen Besitz wieder in die Höhe zu bringen! Bei diesem Gedanken wurde auch Hedda lebhaft. Ach ja -- nach Arbeit, die ihres Zieles wert sei, sehnte sie sich! Und gerade eine große Wirtschaft lockte sie doppelt ...
Während des Kaffees hörte man einen Wagen vor die Rampe rollen. Landrat von Wessels ließ sich anmelden; er bat darum, den Baron Hellstern auf ein paar Minuten sprechen zu dürfen.
Hellstern war sehr erstaunt. Teufel, was wollte denn der Landrat bei ihm, der längst alle Beziehungen zu der Umgebung abgebrochen hatte? Wessels wurde in den sogenannten Salon geführt, indes Hedda und Axel noch im Eßzimmer verblieben.
Axel benutzte das Alleinsein mit seiner Braut, seinen Stuhl dicht neben den ihren zu rücken, liebkosend ihre Hand zu nehmen und an seine Lippen zu führen.
»Meine Hedda,« sagte er weich, »wie glücklich machst du mich. Ich habe einen bösen Tag und eine böse Nacht verlebt. Ich hatte Sorge, zu rasch und zu stürmisch gewesen zu sein. Ich habe auch keine so schnelle Antwort erwartet. Und als nun heute vormittag euer August mit dem Briefe des Onkels kam -- Hedda, da ist für fünf Minuten meine ganze Wohlerzogenheit in die Brüche gegangen, denn da bin ich meinem Kammerdiener -- auch so ein Faktotum wie euer August, ein alter Mensch, der mich von Kindesbeinen an kennt --, denke dir, dem bin ich vor unbändiger Freude um den Hals gefallen. Das war ihm noch nicht vorgekommen und deshalb wußte er auch gleich Bescheid. Wer sich so närrisch gebärdet, der muß unglaublich verliebt sein. Na -- und -- das bin ich allerdings -- und paß auf, Hedda, du wirst mich auch noch liebgewinnen! O, das weiß ich gewiß!« Und abermals küßte er ihre Hand.
Seine Worte waren ein Trost für sie. Daß er keine stürmische Leidenschaft von ihr forderte, sondern in heiterem Ton und trotz aller Verliebtheit mit dem Ausdruck eines gewissen Geklärtseins der Empfindungen von einem allmählichen Liebenlernen zu ihr sprach, beruhigte sie sichtlich.
Sie behielt mit warmem Druck seine Rechte in ihrer Hand.
»Lieber Axel,« entgegnete sie, »wüßte ich nicht, daß ich dir von Herzen gut bin, dann würde sich jede Fiber in mir dagegen gesträubt haben, die Deine zu werden. Die meisten von uns Mädchen treten ahnungslos in die Ehe, sie kennen den, dem sie für Lebenszeit angehören sollen, gewöhnlich nur aus der kurzen Zeit ihrer Brautschaft. Alles in ihnen beruht auf Vertrauen und seliger Hoffnung, und wie oft werden sie getäuscht! Sie glauben zu lieben, und es fehlt ihrer Liebe am festesten Fundament: an treuer und inniger Freundschaft. Und sieh -- gerade weil ich so viel Freundschaft für dich empfinde, deshalb werde ich dir auch eine gute Frau sein, alles mit dir teilend, deine Freuden und Sorgen -- ein Stück deiner selbst.«
Mit glänzenden Augen hatte er ihr zugehört.
»Was will ich mehr!« sagte er in leisem Jubel. »Ich danke dir, Hedda, ich danke dir! Was bot mir das Leben bisher, und für wen lebte ich? Nur für mich selbst, und wahrlich, ich bin kein Egoist. Das ist kein Lob für mich, weil ich im Egoismus nichts als die schalste Langweiligkeit gefunden habe. Ist es nicht ertötend, immer nur an sich selbst denken und für sich selbst sorgen zu müssen? Geht man nicht tausendmal freudiger an sein Tagewerk, wenn man weiß, für wen man schafft und tätig ist, wenn man Zwecke und Ziele vor Augen hat?! Tagewerk -- das klingt mir wie übertrieben. Mein Dienst war Spiel, war kaum eine Arbeit. Man hat mich immer auf recht bequeme Posten gestellt, -- ein bißchen Repräsentieren war alles. Das ist vorbei; jetzt kommt wirklich die Arbeit. Denn fürderhin ist es nicht mehr gleichgültig, ob ich jährlich ein paar tausend Taler mehr oder weniger ausgebe, ich habe ja auch für dich zu sorgen und deine Zukunft. Und das alles erfüllt mich mit unaussprechlichem Glück, Hedda, es gibt mir recht eigentlich erst Lebenskraft -- ich möchte sagen, es macht mich erst zum Manne.«
Der Eintritt Hellsterns unterbrach sein fröhliches Sprechen. Der Alte sah erregt aus und hatte einen roten Kopf.
»Ärger gehabt, Papa?« fragte Hedda.
»Ja -- allerdings,« und der Baron nickte und winkte zugleich August, an dessen Arm er eingetreten war, das Zimmer zu verlassen. Schwer ließ er sich in seinen großen Stuhl fallen. »Es wird euch auch interessieren -- es ist sozusagen eine Familienangelegenheit. Ich hoffte, Klaus Zernin würde nicht mehr zurückkehren. Aber es ist doch geschehen. Und nun das Schlimmste dazu: die Staatsanwaltschaft fahndet auf ihn. Wessels hat Ordre bekommen, ihn in aller Stille verhaften und nach Berlin schaffen zu lassen.«
»Aber mein Gott -- weshalb?« warf Axel ein.
Der Alte schnaufte gewaltig. Das Wort wollte ihm nicht von der Zunge.
»Eines -- eines infamen Bubenstreichs wegen,« sagte er endlich. »O -- auch in unsern Reihen gibt es räudige Schafe, gibt es --«
Sein Blick fiel auf Hedda. Sie war ganz blaß geworden, und ihr brennendes Auge hing an den Lippen des Vaters.
»Du hast ihn immer noch verteidigen wollen, Hedda!« schrie Hellstern, die Verfärbung des Mädchens falsch deutend. »Immer noch leiteten dich verwandtschaftliche Gefühle -- aber man zerreißt die Bande des Bluts, wenn man es mit einem Lumpen zu tun hat. Gebe der Himmel, daß er uns nun für immer fern bleiben möge.«
Eine kurze Pause entstand, und dann fragte Hedda tonlos: »Also er ist -- wieder -- fort?«
»Ja -- mit einem letzten Schandstreich entlaufen. Er trieb sich schon immer in Seelen herum, und man munkelte längst allerlei. Nun ist er mit der Woydczinska durchgebrannt. Wessels erzählte es mir. Vergangene Nacht haben sich die beiden auf die Socken gemacht. Die Woydczinska hat nichts mitgenommen als ihre Juwelen; aber zu guter Letzt noch eine hübsche Hypothek auf Seelen --«
Er brach plötzlich ab. Hedda war mit einem leisen Wehlaut vom Stuhl geglitten. Erschreckt sprang Axel hinzu und fing sie auf. Sie hatte sich bereits wieder gefaßt, mit aller Kraft gegen ihre Schwäche ankämpfend. Aber noch immer zitterte sie heftig, und krampfhaft biß sie die Zähne aufeinander, um nicht aufschreien zu müssen.
An den Lehnen seines Stuhls hatte sich mit schwerer Anstrengung auch Hellstern aufgerichtet. Entsetzt und drohend heftete sich sein Blick auf Hedda, und seine Rechte erhob sich bebend.