Part 19
»Sehr, sehr gern würde ich es sehen, wenn Hedda sich einmal die Schloßeinrichtung ansehen wollte. Eine Masse hübscher Möbel habe ich unterwegs kaufen können, auch hier in der Umgegend, auf alten Bauerngehöften und in den Kleinstädten noch mancherlei Nettes und Interessantes gefunden. Aber die weibliche Beihilfe fehlt mir doch. Und dann weiß ich nicht, wie die Berliner Dekorateure die Sache arrangiert haben. Ich werde wohl alles wieder 'umkrempeln' -- sagt Ihr nicht immer 'umkrempeln'? --, wenn ich erst in Döbbernitz bin. Hedda, dabei mußt Du mir aber zur Hand gehen! Das kann ich als Vetter verlangen. Ein paar Zimmer werden so wie so für Euch beide eingerichtet, denn ich hoffe, Ihr werdet öfters, nein recht oft, sehr oft, bei mir zu Gast sein. Die moosgrün bezogenen Möbel sind speziell für Dein Zimmer bestimmt, Hedda. Ich fand die Formen so hübsch, edel und schön in den Proportionen, nicht so spielerisch und gesucht originell, wie der moderne englische Geschmack sie liebt. Der Renaissanceschrank und das große Himmelbett stammen aus dem Palazzo Formosa in Bologna.
»Siehst du, Hedda, und da freue ich mich jetzt schon darauf, mit Dir zusammen im Schlosse von Döbbernitz Ordnung und Behaglichkeit schaffen zu können. Wir gehn zimmerweise vor, und für jedes Zimmer lasse ich dich extra vom Baronshofe holen, damit das Vergnügen länger dauert. Und dann freue ich mich auch auf unsre Spaziergänge im Walde, unten am See, wo die Eichen stehen und der große Felsblock liegt. Ich sagte es Dir ja: bei Euch werde ich wieder ganz gesund und auch noch einmal jung werden, denn es weht Heimatluft bei Euch, und die war's, die mir fehlte. Ich bin ganz krank vor Sehnsucht. Das ist mir noch nie passiert.
»Ende Oktober denke ich zurück zu sein. Fröhlichen und herzlichen Gruß Dir, Onkel, und Dir, liebe Base, von
Euerm getreuen Neffen und Vetter Axel.«
Bedächtig steckte Hedda den Brief wieder in das Couvert.
»Er klingt wirklich sehnsüchtig, der Brief,« sagte Hellstern mit Betonung. »Weißt du, Hedda, ich mache mir so meine Gedanken.«
Sie hatte sich tief über das Lexikon gebeugt, das auf ihren Knieen lag, und in dem sie mechanisch blätterte. Als sie den Kopf hob, sah der Alte, daß sie auffällig blaß war.
* * * * *
An diesem Tage gedachte Fritz Möller, sich mit der Dörthe endgültig auszusprechen. Es mußte einmal geschehen. Die Eltern drängten, Albert und Bertold nicht minder. Grödecke aus Frankfurt hatte eines Tages seinen Freund Albert Möller in Oberlemmingen besucht. Er brachte seine Tochter Frida mit, ein großes, starkes, sehr brünettes Mädchen mit energischen Zügen. Fritz sollte sich mit ihr »anvettern«, und das geschah denn auch. Er fand sie nicht so übel, obwohl ihr stechender Blick und ihr rasch zugreifendes Wesen, auch ihre Erscheinung ihm einen ausgewachsenen Pantoffel prophezeiten. Noch wurde nicht vom Heiraten gesprochen, doch Frida wußte bereits Bescheid. Sie ließ sich das ganze Haus zeigen, vom Dach bis hinab zum Weinkeller; sie nahm es schon in Besitz. Auch die Angelegenheit mit der Engrosschlächterei, die den Badeort, das Kinderhospiz und die Güter in der Umgegend versorgen sollte, war zur Reife gediehen. Wieder hatte einer der Bauern sein Gehöft verkauft -- Thielemann, dessen Besitz den Möllers am bequemsten lag. Dorthin sollte das Schlachthaus kommen.
Gegen Abend hatte der Wind sich gelegt. Fritz hatte Dörthe gebeten, sich mit ihm an der Quelle zu treffen; er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen. Sie hatte sich auf dem Baronshof auch freimachen können und war pünktlich zur Stelle, in ihrem Arbeitskleide, aber ein neues dreieckiges Tuch um die Schultern geschlagen, mit bloßem Kopfe.
Fritz war noch nicht da. Dörthe wanderte in den schweigenden Anlagen auf und ab. Das falbe Laub rauschte unter ihren Füßen. Ein letztes Sonnenflackern glitt durch die Baumkronen, fahlgelb, ein erlöschendes Licht.
Das Mädchen war nicht in Sorgen. Im Gegenteil -- ein Zug heiterer Zufriedenheit lag auf dem hübschen, braunen Gesichtchen. Sicher handelte es sich um eine Besprechung wegen der Hochzeit. Vielleicht sollte sie schon vor Weihnachten sein. Wie schlug der Dörthe das Herz!
Sie hatte sich auf eine der Sandsteinstufen an der Quelle gesetzt. Das Wasser sprudelte nicht, aber man hörte sein Rauschen unterhalb der Einfassung, ein leises Gemurmel wie von fernen Stimmen. Die Rosen in den Bosketts waren abgeblüht, der wilde Wein, der sich um die Eisenträger der Wandelhalle schlang, schimmerte feuerrot. Überallhin hatte der Herbst seine Farbenflecke gestreut.
Als Dörthe ihren Bräutigam kommen sah, sprang sie auf, lief ihm entgegen und fiel ihm in die Arme. Er umschlang sie, ohne sie zu küssen, und schritt mit ihr den Weg hinab. »Komm unter die Buchen,« sagte er, »die Liese spürt mir wieder mal nach.«
Jetzt durchzitterte sie eine Ahnung aufkeimenden Leids. »Gott, Fritz, was gibt's denn?« fragte sie.
Er wartete mit der Antwort, bis sie tiefer im Buchenhain waren, den die Badedirektion mit dem Kurpark verbunden hatte. Aber auch hier blieb er nicht stehen, sondern schritt weiter mit ihr, während er rasch, als wolle er es von der Seele haben, und mit kurzen Unterbrechungen sprach.
»Also, Dörthe, es geht nicht mit unsrer Heirat. Die ganze Familie ist dagegen -- ich habe mich mit allen herumgezankt, weil ich es durchsetzen wollte; aber überwerfen kann ich mich mit den Eltern nicht und auch nicht mit den Brüdern. Es steht zu viel auf dem Spiel -- gerade jetzt ... Du mußt mir nicht böse sein, Dörthe -- ich habe es immer gut gemeint und dich lieb gehabt -- und wir hätten ja auch so gut zusammengepaßt -- aber -- du hättest bloß einmal Vatern sehen sollen, als ich ihm sagte: nein, ich wollte fest bleiben, denn ich hätte dir die Hochzeit versprochen. Mit beiden Fäusten ist er da auf mich losgefahren und mit Augen wie Teller so groß -- Dörthe, an mir liegt es ja nicht -- es liegt nicht an mir ...«
Seine Stimme wurde leiser; es ging ihm doch zu Herzen, dieses Abschiednehmen. Aber er war noch nicht zu Ende; er hatte das Bestreben, sich gänzlich zu entlasten, und fing immer wieder von vorn an, von der Gegnerschaft der Eltern und den wütenden Augen des Vaters und dem ewigen Schimpfen; er wisse sich nicht mehr zu helfen; er sei abhängig von dem Alten sowohl wie auch von Albert, der jetzt das große Wort in der Familie führe, und alles Bitten und Jammern habe ihm nichts genützt. Und dann kamen wieder die wütenden Augen des Vaters an die Reihe -- »wie Teller so groß«.
Dörthe hatte kein Wort entgegnet. Sie war wie vom Schlage getroffen. Aus ihrem Gesicht war alle Farbe geschwunden; schwer schleppte Fritz sie an seiner Seite weiter. Sie hatte keine Ahnung von den gegen sie und ihr Glück gerichteten heimlichen Treibereien, und in der Engigkeit ihres dummen, kleinen Bauernhirns hatte sie auch gar nicht einmal gemerkt, wie man sie mit kluger Politik in letzter Zeit vom Gasthause fernzuhalten suchte. Anfänglich fand sie nicht einmal Tränen unter der Wucht des auf sie herabsausenden Unglücks. Sie war so starr, daß ihre Augen trocken blieben und ihre Lippen schwiegen. Aber als Fritz, um das Herzweh und die Verlegenheit des Augenblicks zu überwinden, weiter und weiter sprach, immer mit den gleichen Phrasen, sich zwanzigmal wiederholend, da schäumte ganz plötzlich die Wut über den ihr zugefügten Betrug und über die Treulosigkeit und Schwäche des Geliebten in ihr auf; sie riß sich von ihm los und schrie:
»Nu sei doch man still! Ich hör' ja schon! Ich weiß ja schon alles! Pfui, bist du gemein! Du hast's gar nicht ernst gemeint! Du hast bloß drauf gewartet, daß --«
Und dann brachen die Tränen hervor, in Strömen und unaufhaltsam. Sie warf sich auf die Erde, in das taufeuchte Laub, und schluchzte und wimmerte ununterbrochen. Als er sich zu ihr hinabbeugte, um sie mit einigen schlecht angebrachten Trostworten aufzuheben, schlug sie nach ihm und schrie von neuem los: er solle sie nicht mehr anrühren, er sei ein elender Lump, er möge heiraten, wen er wolle, oder wen seine Eltern für ihn aussuchten -- er ließe sich ja doch nur am Gängelbande führen wie ein kleines Kind.... Sie gebärdete sich wie unsinnig und blieb auf der feuchten Erde liegen, während ihr Körper konvulsivisch zuckte.
Fritz wußte nicht, was er machen sollte. Am liebsten wäre er davongelaufen -- nach Hause, zu Vater und Mutter und Albert; die hätten vielleicht Rat schaffen können. Er hatte seine Mütze auf das rechte Ohr geschoben, kraute sich den blonden Wirrkopf und blickte hilflos umher. Es war allgemach dunkel geworden. Am Himmel flammten schon die Sterne auf. Ein Käuzchen schrie in der Nähe.
»Dörthe,« sagte Fritz endlich in beklommenem Tone, »Dörthchen -- hör doch man zu -- ich bin ja nicht so ... ich würde ja gern, wenn's bloß auf mich ankäme --«
Jetzt sprang sie mit einem Satze empor. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verändert. Der Schmerz verzerrte es und grub seine Linien in das niedliche Oval; die Augen blitzten.
»Ist's wahr, Fritz -- bist du mir immer noch gut?«
»O Gott!« erwiderte er und versuchte, sie zu umfassen.
Aber sie entglitt ihm.
»So wirst du noch einmal mit den Alten und mit Albert sprechen,« fuhr sie energisch fort, und doch klapperten dabei ihre Zähne in fröstelnder Angst. »Verstehst du? Sagst ihnen, daß du nicht mehr zurückkönntest, daß du kein Lump sein wolltest, daß du darauf beständest, dein Wort zu halten, und wenn's auch zu wer weiß was käme! Wirst du das tun? Fritz, bist du denn nicht ein Mann?!«
Die Verzweiflung beflügelte ihre Worte. Sie stieß mit ihren beiden Händen nach seinen Schultern, als wollte sie auf seine Kraft und Stärke pochen, drängte sich dicht an ihn heran und krallte dann wie eine Wahnsinnige ihre Finger in seine Arme ein.
»Bist du nicht ein Mann?!« schrie sie abermals. »Und fürchtest dich vor Vatern und vor seinen großen Augen! Und vor Albert, den du mit einer Hand aufheben kannst! -- Was ist denn, wenn du ihnen nicht gehorchst? Bist du nicht ausgewachsen und mündig? Aber du zitterst ja schon, wenn Vater nur spricht -- du Feigling, du Bangebüchse!«
Sie begann wieder zu schimpfen und dann von neuem zu weinen. Ihre Energie war verraucht. Aber die Verächtlichkeit, mit der sie ihn behandelte, entzündete doch seinen Stolz. O -- eine »Bangebüchse« war er nicht! Um des lieben Friedens willen hatte er nachgegeben, aber noch war nicht aller Tage Abend. Schön also -- er würde nochmals mit dem Alten sprechen, »ganz verflucht« würde er mit dem Alten sprechen. Was konnten sie ihm denn tun? War er nicht ausgewachsen und mündig?
Und als er sah und spürte, wie Dörthe an allen Gliedern zitterte, nahm er sie mit raschem Entschlusse auf seine Arme und trug sie so durch den Wald zurück, damit sie sich an seiner Brust erwärme, wie ein kleines Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist, und das ein barmherziger Junge unter die Weste geknöpft hat, um es mit nach Hause zu nehmen. Und wirklich -- ihr wurde auch warm. Ihr Ohr lag an seinem Leinenkittel, und sie hörte sein Herz hämmern. Ein Wonneschauer durchrieselte sie, und frisches Hoffen ließ sie selig lächeln. Das war die letzte Stunde Glücks der Dörthe, da er sie heimtrug durch den Wald, über den die Finsternis immer tiefer hinabsank.
Am nächsten Vormittag gab es eine entsetzliche Szene bei den Möllers. Vater und Sohn waren handgemein geworden. Und da hatte die alte Möllern die Flinte aus der Ecke gerissen und sie, den Kolben gegen den Leib gedrückt, auf Fritz angelegt. Albert war dazwischengesprungen.
Das Ende war, daß Fritz sich kraftlos ergab. Er saß mit blassem Gesicht, das Haar in die Stirn hängend, am Tisch und schrieb den Brief, den Albert ihm diktierte:
»Liebe Dörthe!
Es geht nicht mit uns. Das erkläre ich Dir hiermit zum letztenmal, und damit Du auch weißt, warum nicht, will ich es Dir sagen: nämlich wegen der Quelle. Die Quelle stellt höhere Anforderungen an mich, liebe Dörthe, denen ich nachkommen muß. Willst Du noch mehr darüber wissen, so wende Dich an Albert, der Dir in Ruhe und Freundschaft alles auseinandersetzen wird, liebe Dörthe. Jetzt wollen wir uns beide geduldig unserm Schicksal fügen und uns möglichst wenig zu sehen kriegen. Das ist das beste, und mit der Zeit wirst Du mir auch nicht mehr böse sein, liebe Dörthe, denn Du wirst sicher einen andern guten und lieben Mann bekommen, den Dir von Herzen wünscht
Dein Fritz.«
Die verschiedenfachen »liebe Dörthe« hatte der Schreiber aus eigner Machtvollkommenheit eingefügt. Gern hätte er am Schlusse gesagt: »Dein Dich immer noch lieb habender Fritz« --; aber Albert schaute ihm auf die Finger, auf denen die ungewohnte Federarbeit schwarze Tintenstreifen hinterließ.
Ein Junge brachte den Brief zu Klempt. Man wußte, daß Dörthe allabendlich ihren Vater besuchte, und wollte auf dem Baronshof keinen Skandal erregen.
Das Mädchen war noch nicht da, als der Brief abgegeben wurde. Tante Pauline nahm ihn in Empfang und betrachtete ihn mißtrauisch. Dann holte sie ihr Punktierbuch aus der Truhe und setzte sich damit an das Fenster, durch das der letzte Schein des Abendrots fiel. Sie war doch neugierig, was das zu bedeuten hatte: ein Brief gerade am Neumond.
Klempt legte soeben in der Werkstatt sein Arbeitszeug beiseite, reinigte den Hobel, mit dem er hantiert hatte, und fegte dann die Späne zusammen. Er war im Begriff, seine Schürze abzubinden, als es an die Fensterscheiben klopfte und die fröhliche Stimme Dörthes ihm zurief:
»Feierabend machen, Vater!«
Im nächsten Augenblick hörte er den Widerhall ihrer Pantoffeln auf den Steinen des Hausflurs und dann eine Tür schlagen. Dörthe ging in die Wohnstube.
Doch was war das? Der Alte lauschte. Schrie da nicht jemand?
Er stürzte hinüber. Nur der schmale Flurgang trennte die Werkstatt von der Wohnstube, in der Tante Pauline bereits die Lampe angezündet hatte.
Dörthe saß am Tisch und hielt den Kopf mit den Armen umschlungen. Schweigend deutete Tante Pauline auf den erbrochenen Brief; ein bitteres Lächeln zuckte um ihre scharfen Lippen.
»Lies mal,« sagte sie; »vor fünfundvierzig Jahren -- da hat mich der alte Möller grad' so sitzen lassen.«
Das ganze Herz voll schluchzenden Grams, gebrochen und zerschmettert, trat Klempt unter die Haustür. Er konnte den Schmerz der Tochter nicht sehen, tausend Wunden bluteten in ihm.
Lind und fast sommerlich verrann dieser Herbsttag. Golddurchflimmerte Dämmergewebe umspannen das Dorf, und noch leuchtete der Himmel im Westen in duftigem Rosa. Von den Wiesen stiegen ganz feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um die Häuserfirste und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag schon völlig im Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer.
»Wegen der Quelle!«
Und in seinem furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wütend machte, ballte Klempt die Hände und erhob sie drohend und schüttelte sie nach der Richtung des weißen Nebelsees, in dem der Kurpark versank: »Verfluchte Quelle!«
Zwölftes Kapitel
Ende Oktober ereignete sich ein tragisches Vorkommnis, das viel besprochen wurde und Aufsehen erregte. Braumüller, der sich das Trinken angewöhnt, seit er nichts mehr zu tun hatte, war eines Nachts wieder einmal in vollem Rausche nach Hause getorkelt, hatte den Weg verfehlt und war in eine Kalkgrube gestürzt, die zu Bauzwecken benutzt wurde, und die man am Abend vorher unglücklicherweise vergessen hatte mit Brettern zu bedecken, wie es sonst geschah. Erstickt und verbrannt wurde der Unglückliche am nächsten Morgen aus der Grube gezogen; vielleicht hatte ihn auch schon beim Sturze ein Schlagfluß getroffen.
Für Hellstern war der arme Braumüller ein »neues Opfer der Kulturmission von Oberlemmingen«. Braumüllers Untergang war seiner Ansicht nach die logische Folge der industriellen Hetzjagd, die von Schellheim und den Möllers in Szene gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als möglich herauszuschlagen. Er war ein tüchtiger und arbeitsamer Bauer gewesen; aber dann erfaßte ihn die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte sein Anwesen, um nun allmählich in lässiger Faulheit der Trunksucht anheimzufallen.
Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung und Verbissenheit einseitig und ungerecht. Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die bei ähnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend, daß das unerwartet rasche Emporschnellen der Erwerbsverhältnisse von ungünstiger Rückwirkung auf die Bauern war. Man ernährte sich recht und schlecht auf seinem kleinen Besitz; man legte in guten Jahren ein paar Taler zurück und verbrauchte sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war dabei fröhlichen Muts. Und nun sah man plötzlich, daß es ein viel bequemeres Verdienen gab als das, was man erlernt, was der Sohn vom Vater und der Vater vom Großvater übernommen hatte. Die Möllers machten es den andern vor. Die hatten den Bauernkittel abgelegt und waren Geschäftsleute geworden, und sie wurden reich dabei. Warum sollte man ihnen nicht folgen? War es nicht ein kümmerliches Leben, das man bis dahin geführt hatte? -- Thielemann, der Krämer, hatte für sein Gehöft ein hübsches Stück Geld eingesackt; nun war er nach Züllichau gezogen und eröffnete dort eine Materialwarenhandlung. Das war _auch_ ein leichterer Verdienst, und vor allem: hatte man nicht dabei ein viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man mit Sonnenaufgang aus den Federn mußte und des Abends todmüde ins Bett sank?
Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen Töchter, die sich der revolutionären Bewegung in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen. Sie steckten sich hinter die Männer und redeten in sie hinein: warum verkaufte man nicht? Die Möllers zahlten gute Preise -- mit dem gewonnenen Gelde ließ sich schon etwas anfangen! ... In der Tat kauften die Möllers auf, was sich ihnen anbot. Sie hatten es um so eiliger, als einige der reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen zu befassen begannen. Auch sie wollten Logierhäuser bauen: sie legten den Pflug beiseite und wurden »Unternehmer«. Das füllte besser die Kassen. Aber die Möllers ärgerten sich darüber. In kluger Berechnung wollte Albert nach und nach das ganze Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des Kommerzienrats zu schwächen. Wenn den Möllers das Terrain rings um die Quelle gehörte, wenn sie das goldspendende Heilwasser gewissermaßen zernierten, von allen Seiten umschlossen und mit einem Villenkranze umgaben, dann mußten sie trotz der Millionen Schellheims doch schließlich die Sieger bleiben. Und das war die heimliche Sehnsucht Alberts: den Kommerzienrat zu übertrumpfen und bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine des Unternehmens in die Hände der Familie zu bringen. Das war ein schwieriger Kampf, aber Albert schreckte nicht vor ihm zurück. Sein Kredit war gestiegen; das Bad verhieß eine blühende Zukunft; selbst die größeren Banken verhielten sich Albert gegenüber nicht mehr so abwehrend wie früher. Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten; er kaufte, was zu kaufen möglich war, und baute unverdrossen darauf los. In seiner geschäftigen Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs eine prächtige Villenstadt erstanden, in der es keine Bauern mehr gab, sondern nur noch »Gäste«, die das Tal überströmten und Gold in Massen zurückließen. Er trug sich auch immer noch mit der Absicht, den Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte das Sanatorium kommen, und er spekulierte auch nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der Parkeinfahrt war der Anfang; man wollte Hellstern das Leben schwer machen, man kannte seine Schwächen; der Rauch der Fabrikschlote und der Spektakel der Maschinen sollten ihn forttreiben.
Um all diese Ideen und Machenschaften der Möllers kümmerte sich der Kommerzienrat wenig. Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine Logierhäuser bauen und sie an die Badegäste vermieten. Aber die Brauerei hätte er gern in die Hand genommen; er ärgerte sich, daß Albert ihm zuvorgekommen war. Er hatte viel Verdruß in dieser letzten Zeit. Eines Tages traf Hagen auf dem Auberge ein -- unerbeten und unerwartet -- und brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter vorstellen.
Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen natürlichen Takt, und das erleichterte ein wenig die Schwierigkeiten der Annäherung. Sie war auch lernbegierig und anpassungsfähig; man hatte ihr im Pensionat schon beigebracht, sich zu benehmen und die Sitten der sogenannten guten Gesellschaft zu respektieren. Nur merkte man ihr noch allzusehr an, daß sie sich mit einer beständigen inneren Angst abmühte, korrekt zu sein und sich nichts zu vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig zu den künftigen Schwiegereltern hinüber, hantierte nach bester Etikette mit Messer und Gabel und ließ die Serviette zusammengefaltet neben sich liegen. Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung, und wenn sie angeredet wurde, zuckte sie empor und rückte auf ihrem Stuhle hin und her, als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor Verlegenheit beständig ein rotes Köpfchen und wußte nie, wo sie ihre Hände lassen sollte. Aber das waren Kleinigkeiten. Im allgemeinen war der Eindruck, den sie hinterließ, kein übler. Auch die Rätin schien weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen Tagen mehrfache Unterredungen mit ihrem Gatten, der während der Konferenzen stets aufgeregt im Zimmer umhermarschierte.
»Es ist nichts zu machen,« sagte die Rätin sanft; »Hagen bleibt fest. Und vielleicht ist es wirklich sein Glück; sollen wir es ihm zerstören?«
»Trotzdem ist es schrecklich,« antwortete Schellheim grollend. »Wenn nur der Vater nicht Straßenbahnschaffner wäre! Ausgesucht Straßenbahnschaffner!« ...
Das ging wirklich nicht. Er vergaß, daß sein eigner Großahn noch mit dem Packen auf dem Rücken die Schenken und Jahrmärkte besucht hatte. Der Sohn eines Königlichen Kommerzienrats konnte unmöglich einen Straßenbahnschaffner als Schwiegervater haben. Der Mann mußte aus Berlin fortgeschafft werden; es war angebracht, wenn man möglichst wenig mit ihm in Berührung kam. Er sollte mit seiner Familie nach Manchester übersiedeln. Das war ein guter Gedanke. Dort konnte man ihm in der Fabrik eine auskömmliche Stellung geben; er hatte da auch einen bequemeren Dienst als bei der Berliner Straßenbahn ...
Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er hatte seine Dozentenstelle aufgegeben, um sich in größerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu können. Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen glänzenden Sieg errungen. In der wissenschaftlichen Welt war sein Name nunmehr bekannt, sein Ruf gefestigt. Das gab ihm auch ein größeres Selbstvertrauen. Er war nicht mehr nur der Sohn eines reichen Mannes; der Ruhm zog vor ihm her. Wußte das Hedda? War auch auf den Baronshof die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen?
Der Verkehr zwischen Auschloß und Baronshof war wieder aufgenommen worden, aber er blieb in höflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim verstanden sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen. Sie sprachen wie in fremden Zungen miteinander. Aber Gunther hatte es einzurichten gewußt, daß er öfters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzählte er ihr auch von seinem Siege. Sie freute sich darüber und beglückwünschte ihn. Das klang herzlich, aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewünscht hätte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr auf, und seine Sehnsucht, dies stolze Mädchen zu erringen, war die alte geblieben. Und immer noch ängstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen dessen alten Namen er nur seinen jungen Ruhm in die Wagschale legen konnte.