Aus tiefem Schacht

Part 16

Chapter 163,529 wordsPublic domain

So war es verabredet worden. Der Kommerzienrat hatte die Anregung zu diesem Namen gegeben; man bedauerte nur, daß die Weihe nicht am ersten April, am Geburtstage Bismarcks, erfolgen konnte -- das wäre noch hübscher gewesen. Doch trotzdem -- der Moment war sehr feierlich. Es ging ein Rauschen und Flüstern durch die Wipfel der Buchen, wie ein Akkord der Zustimmung, den die Natur diesem Segenswerke zollen wollte. Aber die meisten achteten nicht auf dies geheimnisvolle Wehen. Albert Möller, der sich ziemlich bescheiden im Hintergrunde hielt, sah andre Zeichen. Über die Gestalt des Pfarrers, sein weißes Haar und seinen schwarzen Talar und auch über das springende Wasser und die Marmoreinfassung rieselte ein ganzer Regen von Sonnenfunken. Es sah wirklich so aus, als ströme das blanke Gold in Fülle vom Himmel herab -- und das war ein Anblick, der Albert wohltat. Er hörte nicht mehr auf den Segen, den Eycken sprach, und auch nicht auf die kurze Rede des Regierungspräsidenten, der mit einem Hoch auf den Kaiser schloß; der Goldregen lenkte seine Gedanken ab, zerstreute, verwirrte und blendete ihn. Erst als der Kommerzienrat das Wort ergriff, um den zu feiern, der der Quelle den Namen gegeben hatte, schreckte er aus seinen Träumereien empor, und ein haßerfüllter Blick streifte den Sprechenden. O, wie grimmte es ihn, daß er mit dem da teilen mußte!

Nach beendeter Feierlichkeit wurde der Kurpark dem Publikum freigegeben, und nun flutete die Menge durch die Gänge und Anlagen, während Schellheim im Auschlosse die Herren von der Regierung bewirtete. Auch die Mitglieder des Aufsichtsrats und Kurvorstands waren dazu geladen worden. In der großen Halle hatte man ein riesiges Büfett errichtet, aber auch auf der ersten Terrasse waren kleine Tische gedeckt worden. Es war ein heiteres und buntfarbiges Bild. Die neugebildete Kurkapelle konzertierte bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, denn es war selbstverständlich, daß die Dorfmusik mit dem ererbten Bombardon, das Fritz Möller so trefflich zu meistern verstand, nunmehr für immer in der Versenkung verschwinden mußte. Albert ärgerte sich, daß man nicht auch seinen Vater geladen hatte. Er war blaßgrün im Gesicht. Wäre es nicht passender gewesen, diese ganz offizielle Abfütterung unten im Hotel Möller zu veranstalten? -- Als der Regierungspräsident, das Champagnerglas in der Hand, mit seiner zarten, wispernden Stimme der großen Verdienste des Kommerzienrats gedachte und ein Hoch auf den intelligenten Zauberer ausbrachte, dessen Wunderstab auch »das Unmögliche möglich mache«, da glaubte Albert, an dem Bissen Gänseleberpastete, den er gerade genießen wollte, ersticken zu müssen. Das klang ja wirklich, als hätte Schellheim die Quelle entdeckt, als hätte ihm das Terrain gehört, als wäre er derjenige gewesen, der den ersten Anstoß zu der industriellen Ausbeutung des Heilwassers gegeben hätte! Wahrhaftig, es war zum Lachen; den Kommerzienrat feierte man, und ihn, den Albert Möller, den eigentlichen Urheber, den Gründer, beachtete man gar nicht!

Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm abgesandt, und der höfliche Alte von Friedrichsruh beeilte sich, umgehend telegraphisch zu danken und Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wünschen. Das brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz Usen, der in einer Ecke der Halle eingeschlafen war, wachte wieder auf, und Schellheims Gesicht glänzte vor Glück. Er brauchte es, denn er hatte am Tage vorher eine ihn stark erregende und tief erbitternde Mitteilung erhalten. Sein Sohn Hagen, der Älteste der Nibelungen, schrieb ihm, daß er sich zu verheiraten gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmädchen, einer gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber sehr braven und lieben Geschöpf, wie er versicherte. Er hoffe, die Eltern würden nichts dagegen einzuwenden haben. Schellheim war außer sich. Er entsann sich dieser niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei den Stepperinnen, und der Kommerzienrat hatte einmal durch Zufall gehört, daß zwischen Hagen und ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte er nichts, aber heiraten -- nein, das war eine Unmöglichkeit! Hagen war der Leiter des Weltgeschäfts, der Träger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich eine Gattin zu suchen, die zu repräsentieren verstand. Und auf der Stelle setzte sich Schellheim hin, um Hagen zu antworten. Er sagte ihm gründlich seine Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat sich energisch, den Namen dieser Anna Zell in seiner Gegenwart auch nur zu nennen. Auch die Rätin war bekümmert, aber sie sprach es nicht aus. Sie ließ ihren Gatten wettern und schimpfen, ging auf ihr Zimmer und schloß sich ein, um ungestört weinen zu können.

Gegen drei Uhr kehrte Albert Möller in das Hotel zurück. Er hatte seinen Bruder Bertold, der bereits nach Oberlemmingen übergesiedelt war, um den Umbau des Braumüllerschen Hauses zu überwachen, abgeholt. Es war wieder einmal eine Familienkonferenz nötig. Fritz, der -- eine große weiße Schürze um den Leib -- soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren, fragte verwundert, was es denn gebe.

»Wirst es schon hören,« antwortete der Bruder, »diesmal geht's dich an!«

In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen: Mutter Möller mürrisch wie immer, das Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, der Alte, Fritz, Albert und Bertold.

Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit los. »Ich möchte mit euch einmal wegen der Dörthe reden,« sagte er. »Der Sache muß ein Ende gemacht werden.«

»Wieso?« fragte der dicke Fritz aufgeregt, während die Mutter zustimmend nickte.

»Wieso?« wiederholte Albert mit strenger Stimme. »Kannst dir's wohl denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften, geht nicht.«

»Ich habe der Dörthe versprochen, daß zu Weihnachten Hochzeit sein soll,« entgegnete Fritz; »da wird's ja anders werden!«

»Und ich bin doch auch noch da,« fügte die Mutter hinzu.

Albert schüttelte den Kopf.

»Du bist nicht mehr die Jüngste, Mutter,« sagte er. »So einem großen Hotelwesen muß eine rüstige Kraft vorstehen.«

»Gottlob, das ist die Dörthe,« warf Fritz ein.

»Und wenn sie's auch zehnmal wäre,« fuhr Albert heftig auf; »wenn du dir hier in Oberlemmingen eine Stellung schaffen willst, kannst und darfst du kein Bauernmädel heiraten!« ... Er lenkte ein, als er das bestürzte und unglückliche Gesicht seines Bruders sah. »Du mußt Vernunft annehmen, Fritz,« fuhr er fort. »Ich konnte auch nicht vorher wissen, wie sich alles gestalten würde. Es scheint, als habe der Kommerzienrat Lust, die ganze Macht an sich zu reißen und uns auf dem Trockenen sitzen zu lassen. Dem müssen wir vorbeugen. Das können wir aber nur, wenn wir Brüder uns solidarisch erklären, das heißt also, wenn wir einer für alle stehen und uns gegenseitig aushelfen. Ich sage dir, auch ich werde heiraten, aber ich muß noch warten; die Rechte ist noch nicht da, und ich brauche viel Geld. Geld ist die Hauptsache.«

»Die Hauptsache,« bestätigte auch der Alte, und Bertold nickte dazu: »Man muß rechnen.«

»Also schlag dir die Dörthe aus dem Kopf, Fritz,« begann Albert von neuem. »Das gibt ein paar Tränen, und in einem Vierteljahr ist die Sache vergessen. Ich habe vorhin mit dem Landrat gesprochen. Er fragte, ob wir den Wittke wieder zum Schulzen wählen würden. Der scheint ihm nicht recht zu passen, und er hat auch recht. Wittke ist einer von den Alten, bäurisch durch und durch, immer in Schmierstiefeln und mit der Pfeife im Maule. So einen können wir nicht brauchen. Oberlemmingen wird wachsen und einen städtischen Anstrich bekommen. Der Schulze wird nicht mehr Schulze, sondern Bürgermeister sein. Er muß auch was vorstellen können -- wir wollen ja doch die vornehme Welt heranziehen! Und das sah auch der Landrat ein. Er hat mich gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen eignen würdest!«

Fritz schlug die Augen zu Boden. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Man wollte ihm die Dörthe nehmen; das stand fest. Und so gewaltig war das Ansehen Alberts in der Familie gewachsen, daß er gar nicht mehr zu widerstreben wagte. Im stillen hatte er längst gefürchtet, daß die Verlobung wieder auseinandergehen würde.

Vater Möller hatte sich neben Albert gesetzt und die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Sein schlaues Bauerngesicht sah hart aus, als sei es aus Stein gehauen.

»Hast du nun gehört, Fritz?« sagte er. »Der Landrat hat gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen eignen würdest?«

»Na, gewiß,« entgegnete Fritz etwas zaghaft, »warum denn nicht? Dazu gehört doch nicht so viel!«

»Mein' ich auch,« fügte Albert ein, »und daß du gewählt wirst, dafür laß mich nur sorgen. Das ist eine große Stütze für uns alle, wenn du der Ortsvorstand bist. Ich für meinen Teil werde mich darum bemühen, Amtsvorsteher zu werden; Hauptmann Biese will niederlegen -- es geht auch nicht, daß der Vertreter eines so wichtigen Postens in Grochau wohnt. Und nun zum Schluß: ich habe eine andre Partie für dich, Fritz.«

Fritz fuhr erschreckt in die Höhe.

»Aber, Albert -- ich bin ja noch nicht einmal auseinander mit der Dörthe,« wagte er einzuwerfen.

Jetzt nahm auch die Mutter das Wort. Sie begann sofort zu keifen und zu schimpfen. Wenn es nach ihr gegangen, wäre die Dörthe überhaupt nicht ins Haus gekommen. Es hätte ihr von vornherein nicht gepaßt. Und schließlich erging sie sich in allerhand Anspielungen, das Mädchen zu verdächtigen. Sie treibe sich herum; neulich habe man sie noch nach Mitternacht an der Seite von Anton Tengler durch das Dorf schleichen sehen ...

Der Alte schnitt ihr endlich mit drohender Handbewegung das Wort ab. »Was für 'ne Partie?« fragte er Albert; »rede!«

Albert legte seinen Plan dar. Ring, der Schwiegervater Bertolds, wolle die Sache machen. Es handle sich um die einzige Tochter Franz Grödeckes, Schlächtermeisters in Frankfurt. Der alte Möller nickte. Er kannte den Grödecke in der Richtstraße; ein schlauer Halunke, aber er hatte Geld gemacht. Also dessen Tochter?! -- Und Albert erzählte weiter. Das Mädchen sei nicht mehr ganz jung, etwa dreißigjährig, aber groß und ganz hübsch und nehme sich recht stattlich aus. Grödecke habe sich bereits einverstanden erklärt, wolle zwanzigtausend Taler Mitgift geben, stelle aber die Bedingung, daß ihm kontraktlich die gesamten Fleischlieferungen für Oberlemmingen verbürgt würden. Statt dessen wolle man ihm vorschlagen, in Verbindung mit dem Hotel eine Engrosschlächterei hier an Ort und Stelle zu errichten. In ausführlicher Weise legte Albert die Vorteile dieser Verbindung klar. Fritz wäre ein Narr, wenn er nicht mit beiden Händen zugriffe.

»Da gibt's nichts weiter zu reden,« sagte der Alte ruhig; »Fritz heiratet das Mädel.«

Noch einmal versuchte der arme Junge zu widersprechen. Er stand auf, reckte seine riesige Gestalt, zog die Schultern, gleichsam entschuldigend, hoch in die Höhe und stotterte: »Vater -- Vater, sei mir nicht böse; ich kann's nicht!«

Mit einem Sprung stand der Alte dicht vor ihm. Purpurrot färbte der jähe Zorn sein hartes Greisengesicht. Die Augen unter der vorspringenden, viereckigen Stirn loderten, die Fäuste hoben sich.

»So,« stieß er hervor, »du gehorchst nicht -- gehorchst nicht?!«

Fritz duckte sich wie ein Schuljunge, der das Lineal fürchtet. Aber er erwiderte kein Wort. Er zitterte am ganzen Leibe.

Albert und Bertold fielen dem wutkeuchenden Alten in den Arm. Die Mutter stand am Fenster und schaute wortlos zu.

So war es am besten; es mußte einmal zur Entscheidung kommen.

»Laß, Vater,« sagte Albert in beruhigendem Tone, »Fritz wird gehorchen. Er ist der Jüngste. Aber er soll seine Zeit haben. Es braucht nicht alles kopfunter, kopfüber zu gehen. Er kann die Dörthe langsam fallen lassen. Unterdes kommt die Frida Grödecke mal her sich vorzustellen -- es wird sich schon alles finden. Ich fahr' morgen sowieso nach Frankfurt, da sprech' ich mit Grödecke.«

Fritz ging hinaus. Aber in der Tür wendete er sich nochmals um. Er sah kreideweiß aus.

»Und der alte Klempt?« fragte er; »soll der auch betrogen werden?«

Albert schüttelte den Kopf. »Betrogen?« gab er zurück. »Und weshalb?«

»Na -- mit seiner Wiese.«

»Ah -- was hat das mit deiner Heirat zu tun? Wir haben ihm die Wiese bezahlt.«

»Aber er hätte sie nicht verkauft, wenn Dörthe nicht so zugeredet hätte, und wenn --«

»Still jetzt!« brüllte der Alte und wies auf die Tür. Krachend warf Fritz sie ins Schloß.

Er ging wieder an seine Arbeit. Aber während er die Etiketten mit der wechselnden Aufschrift »Trabener«, »Graacher« und »Moselblümchen« auf die schon gefüllten -- übrigens aus ein und demselben Fasse gefüllten -- Flaschen klebte, wanderten seine Gedanken ruhelos umher. Er sah immerwährend die Dörthe neben sich stehen und zermarterte sich das Hirn, wie er ihr wohl am besten beibringen könne, daß alles aus sei. Denn daß es nun kein Zurück mehr gab, war klar. Der Vater würde ihn zu Boden schlagen, wenn er noch einmal nein sagen wollte. Und vor dem Vater zitterte er. Der Riesenmensch, der es gelegentlich fertig bekommen hatte, mit jeder Hand einen Bauern hinten am Hosengurt zu packen und hoch emporzuheben, schlug vor dem Drohblick des Alten die Augen wie ein gestrafter Schuljunge zu Boden.

Er atmete, immer weiterarbeitend, mit schwer sich hebender und senkender Brust. Und plötzlich hielt er inne. Er mußte irgend etwas zerstören, zerbrechen, vernichten. Er holte aus, um die Flasche, die er in der Hand hielt, gegen die Wand zu schleudern. Aber er besann sich. Nein, das war Unsinn! Der »Trabener« stand mit einer Mark fünfzig Pfennig auf der neuen Weinkarte.

* * * * *

Für den folgenden Tag war in Zielenberg Termin zur Subhastation von Döbbernitz festgesetzt worden. Der Kommerzienrat hatte sich genau informiert. Zernin hatte seine Sache aufgegeben; er wollte dem Termin gar nicht beiwohnen. Auch sonst erwartete man wenig Reflektanten. Man glaubte überall, Herr von Zernin werde, wie schon dreimal, auch diesmal wieder im letzten Augenblick eine Hilfsquelle gefunden haben. Übrigens gab es in der Umgegend auch keine ernsthaften Käufer. Jeder hatte mit dem eignen Besitz zu tun. Es war keine günstige Zeit für die Landwirtschaft.

Trotzdem war das verräucherte Terminzimmer mit seinen kahlen, weiß getünchten Wänden und den grün schillernden Fensterscheiben ziemlich voll. Eine ganze Anzahl Neugieriger hatte sich eingefunden, unter ihnen auch der alte Usen, in dem der Kommerzienrat einen Nebenbuhler witterte. Man wußte nie so recht, was der Sonderling vorhatte; er platzte häufig einmal mit etwas ganz Unerwartetem heraus. Ferner sah man die meisten Fouragehändler aus der Gegend, einige Berliner Agenten und Hypothekengläubiger und ein paar Fremde, die von den Kreiseingesessenen mit einem gewissen Mißtrauen gemustert wurden.

Die einleitenden Formalitäten waren rasch erledigt. Man kannte das alles: den Grundsteuerreinertrag, die Hypothekenlast, die Rentenbeiträge und Servitute -- das war eine langweilige Sache.... Der Kommerzienrat stand am Fenster und sah einer Spinne zu, die sich von der Decke aus an einem langen Faden niedergelassen hatte und gerade über dem kahlen Kopfe des amtierenden Richters schwebte.

Schellheim begann damit, dreihunderttausend Mark zu bieten. Es erfolgte sofort ein Aufschlag von vierzigtausend Mark von seiten eines Berliner Agenten, der damit die Hypothek seines Auftraggebers retten wollte. Der Kommerzienrat setzte zehntausend Mark zu; er hatte die Absicht, bis auf vierhunderttausend Mark zu gehen. Schlug man ihm dann den Besitz zu, so hatte er ein gutes Geschäft gemacht, denn das war allein der Waldbestand trotz allen Raubbaues noch wert. Der anwesende Vertreter der Ritterschaftsbank saß im Hintergrunde und feilte an seinen Nägeln. Er war gedeckt; die Geschichte interessierte ihn nicht mehr.

Ein Fremder, ein alter Herr, der sich als Graf Isingen vorgestellt hatte und ein Verwandter Zernins war, ging bis auf dreihundertachtzigtausend Mark. Auch in diesem Falle galt es, eine Hypothek zu sichern. Schellheim bot jetzt von fünf- zu fünftausend Mark mehr. Plötzlich rief eine Stimme aus der Mitte der Anwesenden:

»Vierhunderttausend Mark!«

Alles schaute sich um. Schellheim reckte den Hals und wurde unruhig. Exzellenz Usen erhob sich und trat an die Wand.

»Den Namen bitte,« sagte der amtierende Richter.

»Rechtsanwalt Stroschein in Vollmacht des Herrn Baron von Hellstjern.«

Der Richter wiederholte dem Protokollführer den Namen. Ein Gemurmel wurde hörbar. »Schockschwerenot -- Hellstjern?!« rief Usen halblaut. Auch der Kommerzienrat war bestürzt. Er dachte gleichfalls an den knurrigen Alten auf dem Baronshof. Aber das war doch nicht denkbar. Und auf einmal tauchte das Bild Axels vor ihm auf. Ja -- der mußte es sein! Er wurde wütend. Die beiden Hellstjerns, der reiche und der arme, steckten zweifellos unter einer Decke. Man wollte ihm Döbbernitz nicht gönnen. Er hatte sich alles schon auf das genaueste zurechtgelegt. Zweihunderttausend Mark waren nötig, die Landwirtschaft auf Döbbernitz wieder in Gang zu bringen. Aber das genügte auch; und dann ... Die laute Stimme des Richters unterbrach seinen Gedankengang. »Vierhundertzehntausend!« rief der Kommerzienrat.

»Zwanzig,« ertönte die Stimme des Rechtsanwalts Stroschein.

»Fünfundzwanzig!«

»Dreißig!«

Jetzt drängte sich Schellheim zu dem Konkurrenten hindurch.

»Kommerzienrat Schellheim,« sagte er, sich vorstellend; »Sie bieten für den Baron Axel Hellstjern, den Schweden, wenn ich fragen darf?«

»Ganz richtig, Herr Kommerzienrat.«

»Und wollen Sie noch höher gehen?«

»So hoch es nötig sein wird.«

»Vierhundertdreißigtausend Mark -- zum ersten!« rief der Vorsitzende.

»Vierhundertvierzigtausend!« erscholl die Stimme des alten Usen.

Da verlor Schellheim völlig die Fassung. Er sah Usen hilflos an, der mit grinsendem Gesicht, die Augen mit den schweren, immer geröteten Tränensäcken ein wenig zusammengekniffen, an der Wand lehnte. Die Sonne beleuchtete ihn hell. Die Aufschläge seines schäbigen grauen Jagdrocks strotzten vor Fettflecken; an der Weste fehlte ein Knopf.

Es war ganz verrückt. Das war wieder einmal einer jener tollen Streiche des alten Paschas, mit denen er urplötzlich zutage zu treten pflegte, und immer dann, wenn man es am wenigsten erwartete. Was wollte er denn mit Döbbernitz?!

»Fünfundvierzig!« schrie Schellheim und biß die Zähne zusammen.

»Fünfzigtausend!« rief Rechtsanwalt Stroschein.

In seiner Aufregung packte der Kommerzienrat den Rechtsanwalt an der Schulter.

»Geh'n Sie noch weiter?« stieß er hervor.

»O ja,« versetzte dieser gemächlich.

»Wie hoch?«

»Sechzig -- siebzig -- ich werde abwarten.«

»Vierhundertfünfzigtausend Mark -- zum ersten!« erscholl wieder des Vorsitzenden Stimme.

Schellheim trat achselzuckend neben Usen.

»Ich höre auf,« flüsterte er diesem zu. »Das ist eine Verrücktheit.«

»Schad't ja nichts,« gab Usen zurück, »ein bißchen Verrücktheit versüßt das Leben -- fünfundfünfzig!«

»Sechzigtausend!«

»Hol' euch alle der Teufel,« brummte Schellheim, nahm seinen Hut und verließ das Zimmer. Er war sehr ärgerlich. Sein Wagen wartete vor dem Gerichtsgebäude, aber er stieg noch nicht ein. Er wollte wenigstens wissen, wie die Sache endgültig verlaufen würde.

Sie verlief einfach genug. In dem Augenblick, da der Kommerzienrat nicht mehr mitbot, hörte auch Usen auf. Er lehnte noch immer an der Wand, mit grinsendem Gesicht und zusammengekniffenen Äuglein, und der weiße Kalk des Mauerputzes blieb an seinem verschossenen grünen Jagdrock hängen.

Döbbernitz fiel Axel Hellstjern für vierhundertsechzigtausend Mark zu. Es verblieben somit für Zernin immer noch einige tausend Mark Reingewinn. Das hatte niemand erwartet.

Zernin selbst am allerwenigsten. Er war kurze Zeit vorher von Magdeburg eingetroffen, wo er eine langweilige Festungszeit verlebt hatte. Was aus ihm werden sollte, wußte er noch nicht. Vor Amerika graute ihm. Pfui Teufel, zum Kellner oder Hausknecht hatte er keine Anlagen!

Die Nacht vor dem Subhastationstermin schlief er schlecht. Er wachte zwanzigmal auf und wälzte sich von einer Seite zur andern. Alte Erinnerungen stürmten mächtig auf ihn ein -- an Vergangenes, an seine Kindheit, an die Eltern. Es dämmerte grau durch die Ritzen der Fensterläden, als er wütend aufsprang. Es hielt ihn nicht mehr im Bette.

Er zündete ein Licht an und suchte nach einer Flasche Wein. Aber er fand keine. »Lotterwirtschaft,« brummte er vor sich hin und stieg im Schlafrock und Morgenschuhen in das Souterrain hinab, um den Weinkeller zu durchstöbern.

Im Schlosse war es totenstill. Das ganze riesige Gebäude lag in tiefem Schlafe. Die Zimmer standen gähnend leer. Klaus hatte in seiner ewigen Geldnot verkauft, was loszuschlagen war; den Rest hatten die Gerichtsvollzieher geholt, während er in Magdeburg saß. Durch die öden Fenster glomm der trübe Morgen. Graue Schatten überall und noch nächtiges Dunkel in den Winkeln und Ecken. In dem großen Saale des Mittelbaues, in dem zur Johanniterzeit die Konvente abgehalten worden waren, stand kein Tisch und kein Stuhl mehr. Riesenhaft reckte sich an der einen Querwand der deckenhohe Sandsteinmantel des Kamins mit seinen schwarz gewordenen Wappenschildern. Selbst die alten Butzenscheiben waren ausgehoben und durch moderne Fensterflügel ersetzt worden ...

Klaus schloß den Weinkeller auf, einen riesigen, hochgewölbten Keller mit zahllosen Flaschenregalen an den Wänden, denn der alte Ministerpräsident hatte einen guten Tropfen geliebt. Aber auch hier sah es leer aus; Staub und Schmutz lagen zu Haufen umher, und Spinneweben bedeckten die Regale, in denen der Holzwurm tickte. Nur in einer Ecke waren dicht am Boden noch einige Reihen Flaschen aufgeschichtet, und aus diesen suchte Klaus sich eine aus. Er traf die richtige, einen vierundachtziger Pommery, von jenem wunderbaren Jahrgange, der sich bereits erschöpft hatte und selten zu werden begann. Und dann stieg er, die Flasche unter dem Arm, wieder die Treppen hinauf.

Sein in den Pantoffeln schlurrend wiederhallender Schritt war der einzige Laut, der sich hören ließ. An den Wänden des Treppenhauses zeigten sich große helle Flecken, von den alten Ölbildern herrührend, die hier einst gehangen hatten und von unbarmherzigen Gläubigern abgeholt worden waren. Nichts war geblieben. Die ganze Meute hatte die Festungszeit Zernins benutzt und sich in toller Hetzjagd auf Döbbernitz gestürzt. Selbst die letzten Andenken an den verstorbenen Ministerpräsidenten hatte man nicht verschont: Geschenke des alten Königs, des Kaisers Alexander von Rußland und andrer Potentaten. Die Bibliothek war entleert worden; man hatte Auktionen veranstaltet, und kostbare Widmungsexemplare, wie Lamartines Geschichte der Girondisten, die der Verfasser Friedrich von Zernin persönlich geschenkt, als dieser Gesandter in Paris gewesen, waren für wenige Groschen verschleudert worden. Das alte Schloß war wie ausgeraubt.

Klaus kehrte in sein Schlafzimmer zurück, entkorkte die Flasche, warf sich wieder auf das Bett und trank den Champagner aus dem Wasserglase, das auf seinem Nachttische stand. Auch eine Zigarre steckte er sich an, aber sie schmeckte ihm nicht. Er warf sie mitten in die teppichlose Stube.

Morgen kam Döbbernitz unter den Hammer. Übermorgen schon konnte ihn der neue Besitzer von Haus und Hof jagen. Wohin dann?! --

Ein ernster Zug glitt über das Gesicht Zernins. Er war wirklich am Ende; diesmal gab es keine Hilfe mehr -- es war aus. Und zum ersten Male legte er sich die Frage vor: hätte es nicht anders kommen können?