Aus tiefem Schacht

Part 15

Chapter 153,543 wordsPublic domain

Und Schellheim begann zu erklären. Den Anfängen nach zu urteilen, mußte man mit großen Mitteln wirtschaften. Der Quellenbau bestand aus Marmor und Schmiedeeisen; ein bekannter Berliner Architekt hatte den Entwurf geliefert. Auch die Wandelhalle war eine elegante und luftige Eisenkonstruktion. Hier und da wurden zwischen den Bosketts Statuen und an den Endpunkten der Laubengänge Ruhesitze errichtet. Künstliche Felspartien wurden geschaffen und ein ganzes Parterre hochstämmiger Rosen. Vom Brunnen aus zog sich eine Art Boulevard quer durch den Park. Hier waren zwei Reihen Buchen stehen geblieben, eine prächtige Allee bildend. Die ehemalige Klemptsche Wiese sollte die Spielplätze hergeben, für Lawn Tennis, Croquet und Golf, auch an eine Radfahrbahn dachte man. Die Chaussee war belebt. Wagen auf Wagen rollte heran, mit Bauholz, Eisen und Steinquadern bepackt, dazwischen ganze Fuhren von gelbem Kies. Für die Arbeiter waren in den sogenannten »Sandkuhlen« der Grauen Lehne Baracken errichtet worden; Fritz und die alten Möllers hatten die Verpflegung der Leute übernommen. Neben dem Kommerzienrat sah man überall die schlanke Gestalt Alberts. Er war der erste auf dem Platze und verließ ihn als letzter. Seine Tätigkeit war erstaunlich; es zeigte sich, daß er ein ganzer Geschäftsmann war und trotz seiner Halbbildung ein Organisationstalent erster Ordnung. Gegen Schellheim war er von kriechender Unterwürfigkeit, und wenn er mit den Seinen allein war, schimpfte er auf ihn. Anfänglich hatte er viel schlaflose Nächte gehabt; der Gedanke, daß der Kommerzienrat ihn übervorteilen könne, beunruhigte ihn maßlos. Und dann hatte er wieder darüber gegrübelt, wie man sich Schellheims am bequemsten entledigen könne, wenn alles »fertig sei«. Schließlich aber hatte er sich gefügt. Es ging nicht anders. Schellheim war nicht mehr los zu werden, war auch nicht zu entbehren. Die Gesellschaft war gegründet; an ein gegenseitiges Betrügen war nicht zu denken. Dennoch betrachteten sich beide mit einem gewissen Mißtrauen.

Hedda erschien das rastlose Leben und Treiben in und um Oberlemmingen wie ein Traumbild. Sie dachte an die Prophezeiungen ihres Vaters. Es sah wirklich so aus, als werde das Dorf vom Erdboden verschwinden. Die Einrichtungen, die man traf, berücksichtigten Tausende von Badegästen. Wo sollten diese Menschen wohnen? -- Die Wohnungsfrage war in der Tat erst in der Lösung. Man wollte sich damit nicht übereilen. Auf dem Möllerschen Terrain ließ sich eine ganze Reihe von Logierhäusern errichten. Spekulanten aus Frankfurt hatten bereits Bauplätze gekauft, auch der Getreidehändler Ring aus Zielenberg, der Schwiegervater Bertolds, begann zu bauen. Und dann unterhandelte man noch mit Raupach und Thielemann, deren Gehöfte in der Nähe der großen Landstraße lagen. Am wichtigsten war freilich Braumüller, doch der hatte bisher jedweder Lockung widerstanden. Er war ein schlauer Patron; die Preise mußten noch ganz anders in die Höhe gehen. An seinem Zaun stand ein alter Akazienbaum, der den Kommerzienrat ärgerte, weil er die Aussicht auf den Boulevard störte. Schellheim beauftragte Albert, den Baum zu kaufen und fällen zu lassen. Braumüller forderte fünfzig Taler. Albert erklärte das für eine Gemeinheit; das Holz sei nicht fünf Taler wert. Dann solle der Baum stehen bleiben, gab Braumüller zurück. Die beiden handelten auf Tod und Leben, vier Wochen hindurch. Jeden Abend erstattete Albert dem Kommerzienrat Bericht. Braumüller blieb lachend bei seiner Forderung, und schließlich sagte Schellheim wütend zu Albert: »Zahlen Sie dem Kerl die fünfzig Taler -- der Teufel soll ihn holen, den Gauner!« Braumüller strich die fünfzig Taler ein, ohne daß ihn der Teufel holte, und betrank sich am Abend, so daß ihn zwei Knechte nach Hause tragen mußten.

Das zukünftige Hotel Möller war nicht mehr für die Bauern da. Fritz hatte den Stall, in dem die Schankstube provisorisch untergebracht worden war, ausbauen lassen; das war jetzt der Krug. Die Bilder von Friedrich Wilhelm IV. und der Königin Elisabeth waren mit herübergekommen. Es war wie eine Revolution. Die alte Möllern weinte zuweilen; sie sah nichts Gutes darin, daß alles so fein und so vornehm wurde. --

Hedda war mit Axel den Döbbernitzer Weg hinabgegangen. Auf Schritt und Tritt machte sich der Anbruch der neuen Ära bemerkbar. Auch drüben auf dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten die Leute. Man sah die ragende Gestalt des Pastors unter ihnen und seinen wehenden weißen Bart. Mitten in der Tannenschonung wurde ein großer Platz freigelegt; dorthin sollte das Kinderasyl Eyckens kommen. Ein hoher Mastbaum überragte das Schwarzgrün der Tannenwipfel, mit einer flatternden Fahne, die ein achtspitziges Kreuz trug, hinweisend auf die Protektion des Ordens von Sankt Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen Hut die neue Kinderheilstätte stehen würde.

Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang nicht anstrenge. Sie hatte ihn wieder zu öfterem husten hören. Aber er verneinte; er fühle sich sehr wohl und auch sehr glücklich.

»Ja -- sehr glücklich, Cousine,« wiederholte er. »Ist es der Reez des Neuen oder die frische Landluft oder die Freude, einmal mit lieben Verwandten zusammen sein zu können -- ich kann dir nur sagen: ich fühle förmlich, wie mir das Herz auftaut -- ich spüre selbst so etwas wie Frühling in meiner Brust! Das ist mir lange nicht passiert -- und ich danke dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafür, daß ihr mir gestattet habt, euch besuchen zu dürfen.«

»Aber ich bitte dich, Vetter,« wehrte Hedda den Dank unter hellem Erröten ab, »wir haben uns ja so gefreut, dich kennen zu lernen, und hoffen, es wird nicht das letzte Mal sein, daß du auf dem Baronshofe bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, daß es dir bei uns gefällt -- denke dir, ich habe eine Todesangst gehabt, du würdest ein furchtbar verwöhnter Prinz sein und nichts gut genug für dich finden! Mein Gott, es geht doch schrecklich einfach bei uns zu!«

»O Hedda, du mißverkennst mich völlig,« entgegnete Axel. »Ich bin verwöhnt -- allerdings -- das heeßt, ich richte mir das Leben, soweit es möglich ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das will noch nicht sagen, daß ich mich lediglich in der Bequemlichkeit wohl fühle. Ich habe einmal eine Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht, wo wir uns im Schneegestöber verirrten und dree Tage lang auf trockenen Schiffszwieback angewiesen waren -- es hat mir nicht wehe getan. Ich liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich entbehre ihn um so weniger, wenn ich mich sonst wohl fühle, Hedda. Und ich kann dir nur wiederholen: es weht mir hier bei euch so eine Art Glücksempfinden durch die Seele -- ich weiß nicht, woher es kommt -- so etwas wie Heematluft.... Ich bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwürdig genug: im tollsten Trubel hab' ich mich immer am eensamsten gefühlt. Nun hat man mir auch Jarlsberg verboten -- wegen der rauhen Luft und des verdamm -- o Pardon, meines Hustens wegen. Man hat mir die Heemat genommen. Das tut mir weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen -- und es ist mir, als hätte ich hier Ersatz gefunden ...«

Hedda rührte das Geständnis des langen Vetters, des armen »Heimatlosen«, der, mit Glücksgütern überhäuft, sich doch nicht glücklich zu fühlen schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern eine feine und zarte Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus -- einer, der immer einer linden, weichen und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon, daß er sich leicht einsam fühlte bei seinem Hange, abseits zu gehen, und der Notwendigkeit, in der großen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt, den er hart empfinden mußte.

»Weißt du, Vetter,« begann sie wieder, »daß ich deinen Entschluß, den Dienst zu quittieren, für sehr vernünftig halte?«

»Wirklich?« fragte er.

»Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein Beamtenmensch. Alles Gegliederte, Schematische und Bureaukratische ist dir zuwider.«

»Das ist es. Dabei bin ich aber merkwürdigerweise eine peinlich ordentliche Natur, Hedda.«

Sie lachte.

»Du bist sozusagen in keine Kategorie einzureihen --«

»Ach nein -- in keine des #genus homo#!«

»Es ist noch ein Glück, daß du nicht aufs Carrieremachen angewiesen bist,« fuhr Hedda, wieder ernster werdend, fort. »Und bei deinem lebhaften Geiste fürchte ich auch nicht, daß du untätig bleiben und dich langweilen wirst.«

»O du lieber Gott, Hedda -- ich kenne das Wort Langeweile überhaupt nicht! Ich habe so hunderterlei Interessen -- und wenn ich mich dazu entschloß, zur Diplomatie zu gehen, so geschah es nur -- gewissermaßen aus traditionellen Rücksichten; irgend einen Beruf mußte ich doch ergreifen, und der diplomatische gilt bei uns als der vornehmste. Alle Hellstjerns sind Diplomaten gewesen, aber ich glaube, es war nie ein besonders hervorragender darunter. Doch einer, Christiern Hellstjern -- der trank um 1500 Sten Sture unter den Tisch und soll dadurch den großen Adelsaufstand beigelegt haben -- doch ist es immerhin fraglich, ob man diese Leistung als diplomatische Heldentat betrachten darf ...«

Sie waren nun bereits mitten im Walde und schlugen den Weg nach dem See ein. Er lag in voller Bläue vor ihnen, mit anmutig geschwungenen Ufern, die auf allen Seiten zu Bergrücken aufstiegen. Unten erstreckte sich Laubwald und weiter oben dunklerer Tannenforst. Die Form des Sees erinnerte Axel an den Lago di Como und die eigentümliche Gestaltung einzelner hoher Kiefern an die Pinien Italiens. Aus der Ferne schimmerte wieder, in leichten Dunst gehüllt, der eckige Turm des Döbbernitzer Schlosses in verschwimmenden Umrissen herüber.

Axel fragte nach dem Besitzer des Schlosses. Aber Hedda beschränkte sich auf kurze Mitteilungen. Baron Zernin sei ein entfernter Verwandter; er habe abgewirtschaftet, ein Duell gehabt und sei noch auf der Festung; dieser Tage solle das Gut subhastiert werden -- man erzähle sich, Schellheim werde es kaufen.

Der Vetter wurde aufmerksam.

»Ist der Zernin ein Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten?« fragte er.

»Ja, Vetter, der einzige.«

»Und ist das Gut im Stande?«

»Nein, arg vernachlässigt. Aber der Boden soll nicht schlecht sein, und Schloß und Park sind herrlich.«

Axel nahm seinen Hut ab und strich sich mit dem Foulard über die Stirn. Dann suchte er sich einen Stein am Ufer aus, legte sein Taschentuch darüber und ließ sich nieder.

»Bist du nicht auch müde, Hedda?«

»Nicht die Spur; ich bin eine sehr forsche Fußgängerin.«

Er schaute sie ernst und lange an.

»Ach,« sagte er, »wie beneide ich dich um deine quellige Frische! Du bist ein echtes Germanenweib, Hedda --« und plötzlich brach er ab und winkte ihr. »Komm, setz dich zu mir, wenn du auch nicht müde bist -- es plaudert sich besser.«

Er rückte ein wenig zur Seite. Der Stein bot Platz für zwei. Hedda setzte sich zu ihm. Sie hätte gern die Röte zurückgedrängt, die sie plötzlich auf ihren Wangen fühlte. Eine leichte Unruhe überschlich sie. Ihr war genau so zu Mute, als müsse im nächsten Augenblick ein Antrag kommen.

Doch sie irrte sich. Axel starrte über den See, die schilfumbuschten Ränder und das Sonnenflirren im Wasser und sagte dann plötzlich:

»Vielleicht ist das etwas für _mich_ -- dies Döbbernitz da drüben.«

»Wie meinst du das?«

»Nun -- irgendwo muß ich mir doch wieder so eine Art Heimat schaffen, Hedda -- und hier in eurer Nähe gefällt mir's schon am besten. Immer unter fremden Menschen zu sein, ist auch schrecklich. Ich werd' mich nach den Verhältnissen in Döbbernitz erkundigen ...«

Hedda nickte nur zustimmend; sie antwortete nicht. Die Idee des Vetters, sich um das Nachbargut zu bewerben, kam ihr so plötzlich, daß sie nicht recht wußte, ob sie sich darüber freuen sollte. Axel schien ihr Schweigen unrichtig zu deuten; er schaute sie von der Seite an und sagte:

»Das heißt, Cousine, wenn es dir recht ist --«

Jetzt lachte Hedda.

»Aber, Vetter,« antwortete sie heiter, »warum soll es mir nicht recht sein? Es ist doch naturgemäß, daß ich Döbbernitz lieber in den Händen eines Verwandten als in denen eines Fremden weiß, zumal es früher einmal Hellsternscher Besitz gewesen ist --«

»Wirklich?« fiel Axel ein.

»Jawohl, der Große Kurfürst schenkte es dem Hellstern -- ich glaube, er hieß auch Axel --, der mit Sparre zusammen aus schwedischen Diensten in brandenburgische übertrat; dann kauften es die Rothenburgs und später die Zernins.«

»Es ist gut, daß ich dies weiß,« erwiderte Axel ernsthaft; »Familienerinnerungen muß man wert halten ...«

Und nun wurde er schweigsam, während man langsam den Heimweg antrat. Offenbar ging ihm seine Idee durch den Kopf. Er sprach übrigens tagsüber nicht mehr davon. Hedda wunderte sich, daß er nicht wenigstens ihren Vater zu Rate zog, aber es schien, als vermeide er mit Absicht, das Thema von neuem anzuregen.

Am nächsten Morgen trompetete abermals eine Extrapost auf dem Baronshof, die sich Axel in Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war böse darüber. Sein Wagen tät' es auch noch, meinte er, und seine dicken Füchse liefen ganz gut. Aber Axel wollte keinerlei Umstände verursachen. Er versprach, in Bälde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied. Sein Dank klang so warm, daß man fühlen konnte, wie ehrlich er es meinte. Er küßte den Alten auf beide Wangen und drückte Heddas Hände fest. »Ein merkwürdiger Mensch,« dachte sie, als sie sah, daß seine Augen feucht geworden waren.

August war voll hohen Lobes über den Herrn Vetter aus Schweden.

»Er hat jedem von uns ein Goldstück als Trinkgeld gegeben, gnädiges Fräulein,« erzählte er Hedda. »Mir zwanzig Mark und Dörthen und Gusten je zehne. Wenn man denkt, daß der junge Herr Baron kaum drei Tage bei uns war, so ist das eigentlich ein bißchen viel. Aber unsereiner kann das doch nicht zurückweisen -- wie würde das denn aussehen!«

Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel zurück.

»Ich werde nicht klug aus ihm,« sagte Hellstern. »Er ist mir zu weich, zu lasch, nicht männlich genug. Aber vielleicht liegt das an seiner Krankheit, vielleicht auch tatsächlich an dem Empfinden von Heimatlosigkeit, das ihn beherrscht.... Übrigens, was ich dir erzählen wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt worden -- man hat ihm den Rest seiner Festungshaft geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals Mittel und Wege finden, der drohenden Subhastation zu entgehen.«

»Und damit würde Axels Idee, Döbbernitz zu kaufen, ins Wasser fallen,« entgegnete Hedda.

»Es wäre im Grunde genommen ganz gut,« erwiderte der Alte; »so mal für ein paar Tage ist er sicher sehr nett, aber für den ständigen Verkehr -- ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu lasch ... Meinst du nicht auch?«

Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte in diesem Augenblick an Klaus und nicht an den schwedischen Vetter.

Zehntes Kapitel

Nun war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem die neue Quelle ihre feierliche Weihe empfangen sollte. Es war später geworden, als man anfänglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits mit heißem Prangen in das Land gezogen, und auf den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu färben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse an der Ernte wie sonst: die Quelle zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch offiziell erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten Badegäste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt an der Oder und auch einige Berliner, die sich für den ganzen Sommer in Oberlemmingen festsetzen wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet, aus weiterer Ferne, selbst aus Süddeutschland. Die Broschüre, die Professor Statius über die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte, war zu Hunderttausenden in alle Welt gegangen. Ein federgewandter Schriftsteller, den Schellheim ausfindig gemacht, hatte eine Beschreibung des neuen Badeortes angefügt und mit schönen Worten seine romantische Lage gerühmt, den Kranz grüner Wälder, der das freundliche Dorf umgab, die Reize des Kurparks, der Wiesen und Felder, und eine ganze Anzahl eingestreuter Illustrationen sorgte für noch bessere Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was die Hauptsache war: der Ton lag auf der Billigkeit von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie in Karlsbad und Kissingen und den sonstigen großen Bädern; die Kurtaxe war gering, die Lebensmittel bekam man fast umsonst, für Logis und Bedienung waren die denkbar niedrigsten Sätze aufgestellt worden. Bei der Lektüre der Broschüre konnte man den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnisse bei einem längeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen märkischen Paradies. Als der alte Möller sich eines Tages nach mancherlei Mühe durch die Broschüre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht sehr zufrieden. Die ewige Betonung der billigen Preise behagte ihm nicht. »Wie sollen wir denn dabei auf die Kosten kommen?« fragte er Albert. Doch der lächelte verschmitzt, steckte die Hände in die Hosentaschen und klimperte mit dem lockeren Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug. »Das ist einfach der Köder, Vater,« antwortete er; »erst müssen die Leute _kommen_ -- nachher wird sich's schon finden, wie wir sie drankriegen.«

Braumüller hatte wirklich verkauft. Das war ein harter Kampf gewesen. Wochenlang schacherte er mit Bertold. Er wollte nicht recht, hatte aber Frau und Tochter gegen sich, die der Gedanke an das viele Geld und an die Wahrscheinlichkeit, nach der Stadt überzusiedeln, verlockte. Namentlich Lise drängte es nach der Stadt. Seit sie wußte, daß Albert sie doch nicht nehmen würde, träumte sie von einer Partie mit einem fest angestellten Beamten. Sie wollte hoch hinaus; sie hatte Geld und dankte für die Bauernwirtschaft, für das Frühaufstehen, das Melken im schmutzigen Stall und das Abrackern auf dem Felde in glühender Sonnenhitze. Aber der Vater verbat sich das Gerede. Nun ja, er hatte verkauft und ein gutes Geschäft gemacht. Doch er wollte in Oberlemmingen bleiben, vorläufig wenigstens. Er war auch neugierig, was denn nun eigentlich aus Oberlemmingen werden würde. Und so hatte er sich beim Verkauf freies Wohnrecht in drei Zimmern seines alten Hauses für die nächsten beiden Jahre ausbedungen. Da er aber keine Arbeit mehr hatte, so lag er von früh bis spät in der Wirtsstube und kam Abend für Abend betrunken nach Hause.

Am Weihetage der Quelle ruhte selbstverständlich die Arbeit in ganz Oberlemmingen. Das kam selten genug vor, denn seit Monaten hatte im Dörfchen eine geradezu fieberhafte Tätigkeit geherrscht. Aber so vornehme Gäste wie heute hatte Oberlemmingen auch noch nicht gesehen. Aus allen Ortschaften der Umgegend, wo ein Gutssitz war, rollten die Equipagen heran. Man kannte sie alle: die große Glaskutsche des Döbbernitzer Oberförsters, in der auch das ABC in rosa Mullkleidchen dicht aneinandergedrängt Platz gefunden hatte, den Landauer des Landrats von Wessels, den Klapperkasten des Kreisphysikus Doktor Stramin, das elegante Gefährt der Woydczinska, die Wagen der Klitzingks, Nehringens und Schmiedows und der reichen Frau Necker und schließlich auch den gelben Korb Exzellenz Usens, dessen Kutscher inmitten der übrigen Galonnierten wie ein Fuhrknecht aussah. Nur die alte Viktoriachaise aus Grochau fehlte; Hauptmann Biese weilte noch in der Schweiz; die Kugel Zernins hatte ihn für lange auf das Krankenlager geworfen, und die Genesung war noch nicht vollständig.

Nach Zielenberg hatte Kommerzienrat Schellheim seine eigne Equipage geschickt, um die Vertreter der Regierung abzuholen, die aus Frankfurt gekommen waren. Er erwartete sie an der Spitze der Deputation, zu der außer einigen Häuptern des Kreises auch Albert Möller, Pfarrer von Eycken und der Lehnschulze gehörten. Baron Hellstern war vergeblich gebeten worden, sich anzuschließen. Er hatte mit Bestimmtheit abgelehnt und knurrte und brummte auf dem Baronshofe umher; auch Hedda und selbst August brummten, denn der Alte hatte ihnen zu verstehen gegeben, er wünsche nicht, daß sich irgend einer vom Baronshofe an dem Firlefanz da unten beteilige.

Es war heiß um diese Mittagstunde, und die ganze Empfangsdeputation schwitzte. Der Kommerzienrat trug etwas winziges Rotes im Knopfloch seines Fracks; er war Besitzer des Ordens von der Büste Bolivias, den man auch um den Hals tragen konnte, aber das Bändchen sah hübscher aus als die groteske »Büste«. Der Landrat war in der Reserveuniform des Kürassierregiments erschienen, bei dem er gedient; man wußte nicht recht, warum er sich so kriegerisch in Szene gesetzt hatte. Eycken trug Talar; obschon man auch den Superintendenten erwartete, sollte _er_ die Weiherede halten.

Endlich wirbelten Staubwolken auf der Chaussee empor. Gott sei Dank -- das war »die Regierung«! Sie kam zu Hauf! Voran der Präsident im Frack mit klingendem Ordensschmuck und dann eine ganze Masse seiner Beamten, die meisten in Uniform, weil sich selten einmal eine Gelegenheit bot, wo sie ihr schimmerndes Kostüm anlegen konnten. Nach kurzer Vorstellung und Begrüßung ging es sofort in den Kurpark, den Gendarmen abgesperrt hielten, da auch aus den Dörfern ringsum sich die Neugierigen zu vielen Hunderten eingefunden hatten. Es war ein ganz großstädtisches Leben und Treiben wie bei Gelegenheit einer Parade oder eines Kaiserbesuchs, ein buntes Gewühl und Gewimmel festlich gekleideter Menschen, die die Einweihung der Quelle als interessantes Schauspiel und willkommene Abwechslung betrachteten.

Im Kurpark vollzog sich inzwischen der feierliche Akt genau nach den vorher getroffenen Bestimmungen. Es war hier im Gegensatz zu der brennenden Mittagsglut auf der Chaussee wundervoll kühl und schattig. Ein grünlicher Dämmer spann seine Schleier zwischen den Stämmen der Buchen aus, und Sonnenflecken kreisten und zitterten überall auf dem gelben Kies der Wege. Der Superintendent eröffnete die Feier mit einem Gebet, dann hielt Eycken die Weiherede. Er stand vor dem Altar, den man vor dem Quellentempel errichtet hatte, und sein weißer Bart fiel lang und glänzend auf den schwarzen Talar herab. Für ihn war diese Quelle kein Objekt säckelfüllender Spekulation; sie sprang aus Sand und Felsgestein hervor an das Licht des Tages, um der Menschheit zu dienen, um die Tränen des Elends hinwegzuwaschen, um die Gebrechen der Welt zu heilen. Die heiße Liebe, die Eycken für die Kleinen und Armen erfüllte, schwoll in seinen Worten allumfassend an. Die Quelle sollte den Erdkreis überströmen, um mit ihrem wundertätigen Wasser alles Leid hinwegzuspülen. Sie war eine Gabe des Höchsten und deshalb auch sollte ihr Wohltun der ganzen Welt zugute kommen.

Nun fiel die Hülle von dem Tempelbau; Arbeiter zerbrachen die Verzimmerung, die den Quell bisher festgehalten hatte, und in vollem Strahl, springbrunnenähnlich, sprudelte das Wasser silberklar in die Höhe. Eycken tauchte seine Hände in das perlenwerfende Naß und schlug dann mit der Rechten, an der noch die Tropfen schimmerten, ein Kreuz über die Quellenöffnung.

»So weihe ich dich denn, im Namen Gottes, zum Besten der Menschen, zum Heile der Kranken und Siechen! Und in dankbarer Erinnerung an den, der unser deutsches Vaterland aus Not und Elend zu Kraft, Stärke und Gesundung zurückgeführt hat, taufe ich dich Bismarckquelle!«