Part 14
Er ließ das Papier sinken. »Was sagst du dazu? -- Sonnabend -- das ist morgen.«
Hedda hatte einen roten Kopf bekommen.
»Aber, Papa, das ist ja ganz unmöglich,« antwortete sie. »Morgen schon -- und es ist nichts in Ordnung! Telegraphiere zurück, er möchte erst in acht Tagen kommen.«
»Ja, aber wohin denn?! Axel hat vergessen, seine Adresse anzugeben.«
»An die schwedische Gesandtschaft in Berlin.«
»Ach nein, Hedda, das geht nicht. Ich meine, das wäre unliebenswürdig. Ich bin Axel in gewisser Weise Dank schuldig. Lassen wir es nur bei morgen. Er muß sich sagen, daß er bei uns keinen weltstädtischen Komfort findet. Das Dach ist ja repariert -- es regnet im Fremdenzimmer nicht mehr durch. Bringe die Stube in Ordnung und sorge für etwas opulentere Mahlzeiten in den nächsten Tagen. Wein ist noch genug da. Komm her, mein Kind, und gib mir einen Kuß! So -- und nun sei verständig!«
Das war leicht gesagt: verständig sein. Herrgott, was war nicht noch alles zu tun bis morgen mittag! Aber Hedda behielt den Kopf oben; sie entwarf einen Feldzugsplan. Zunächst mußte Dörthe die Tante Pauline zum Helfen holen. Dann wurde im Fremdenzimmer »groß rein gemacht« -- das heißt in dem einzigen der sogenannten Fremdenzimmer, das leidlich möbliert war. Es lag im ersten Stock, nach Süden hinaus, und war ein großer, freundlicher Raum. Ströme von Wasser flossen über die Dielen; Dörthe und Tante Pauline schrubberten und scheuerten, daß ihnen der Schweiß von der Stirn floß. Währenddessen beschäftigte sich Hedda damit, frische Gardinen anzustecken. Sie opferte auch ihr eignes Waschservice, das sehr hübsch war: weiß mit rosa Streublümchen und rotem Rande. Gottlob, daß das Bett gut war -- ein altes, ungeheuer großes Bett, noch aus dem Anfang des Jahrhunderts stammend, mit geschweiften Beinen und naiver Schnitzerei. Zuletzt ging es an das Wohnlichmachen des Zimmers. Die Tische erhielten saubere Decken, das Sofa wurde mit einer Schlummerrolle geschmückt. Nur mit der Bilderzier war es eine schlimme Sache. Die eine Wand war noch ganz leer. Da entsann sich Hedda, daß in der früheren Räucherkammer, in der man allerhand altes Gerümpel aufzubewahren pflegte, noch ein Ölbild stand. Es schien dorthin zu gehören, denn es sah wirklich ganz verräuchert aus und stellte, soweit es erkennbar war, einen Herrn in ritterlicher Tracht dar. Der Papa glaubte, es sei irgend ein Vorfahre; das hatte gewiß Interesse für Axel. Das Bild wurde hervorgesucht, abgestaubt, gewaschen und geseift und an die leere Wand gehängt. Trotz aller Reinigungskünste sah es so dunkel wie vordem aus, aber es machte sich dennoch ganz hübsch. Nur Tante Pauline meinte, es sei ein »greuliches Gesicht«; sie würde in diesem Zimmer nicht schlafen können. Hedda war jedenfalls zufrieden; morgen früh kamen noch Veilchen, ein paar blühende Pirus- und Pfirsichzweige und etwas Grün in die Vasen und Gläser -- dann war das Zimmer behaglich und traulich.
Nachdem dies getan war, kam die Rücksprache mit der Köchin an die Reihe. Das war schon verwickelter. August mußte am Nachmittag noch nach Zielenberg zum Schlächter fahren; außerdem mußten zwei Hennen und eine Ente ihr Leben lassen -- die letztere wurde in Aspik gelegt. Die Konserven und das Eingemachte wurden revidiert und auch der Weinkeller einer Prüfung unterzogen. Er war noch am besten assortiert. In einer Ecke lagen aus früheren Tagen her sogar noch ein paar Dutzend Flaschen vortrefflichen Johannisbergers, auch eine Flasche Champagner war noch da, aber der fehlte das Etikett. Der Baron konnte Hedda keinen Aufschluß darüber geben, welche Marke sie enthalte, doch neigte er der Ansicht zu, es werde wohl Grüneberger Landkarte sein, und es sei auch fraglich, ob der Wein noch moussiere, denn seiner Erinnerung nach rühre die vergessene Flasche noch von Heddas Taufe her.
So war denn alles in Ordnung, und man konnte der Ankunft des Vetters aus Schweden mit einer gewissen Ruhe entgegensehen. Axel brachte schönes Wetter mit. Es war ein wonniger Frühlingstag, sonnig und linde, mit einem zarten, weißen Wolkenschleier am Himmel, der die Sonne wie ein Spitzenschal umgab. Im Parke war schon alles grün; der Rasen glänzte smaragden, und die Junirosen hatten ihre großen Blätter bereits voll entfaltet.
Hedda sah unaufhörlich nach der Uhr. Sie war etwas in Unruhe und zweifelhaft geworden, ob es dem fremden Vetter auch auf dem Baronshofe gefallen werde. Seit einer halben Stunde ging sie vor der Veranda auf und ab, den Wagen erwartend, denn da der Zug wenige Minuten nach zwölf in Zielenberg eintraf, so konnte die Post jeden Augenblick durch den geöffneten Torweg einfahren.
August teilte die Unruhe seiner Herrin. Hedda hatte auf seinen blauen Livreerock einen neuen roten Kragen gesetzt und ihm anbefohlen, beim Servieren weiße Handschuhe anzuziehen. Und davor ängstigte sich August. An das Servieren mit Handschuhen war er nicht gewöhnt. Er hatte es ein paarmal probiert, aber auf der glatten Wolle rutschten die Teller immer aus. Das Herz zitterte ihm, wenn er an das Diner dachte.
In der Ferne ließ sich -- ein seltener Klang -- das fröhliche Schmettern eines Posthorns vernehmen. Das war er! Hedda stürmte in das Haus zurück, den Alten zu rufen.
»Schnell, schnell, Vater -- er kommt!«
Der Baron, in seinem langschößigen Rock und in der schwarzen Halsbinde wie ein Veteran von 1806 aussehend, hinkte an seinen Krückstöcken auf die Veranda -- in dem Augenblick, da der Postwagen vorfuhr.
Es war eine sogenannte Beichaise, ein geschlossenes Coupé, und hinter dem hochgezogenen Fenster des Wagens sah Hedda ein schmales, blasses, freundliches Gesicht und eine ihr zuwinkende Hand in braunem Wildleder.
August riß den Schlag auf, und Baron Axel stieg vorsichtig aus, mit dem Fuße nach dem Trittbrett angelnd.
»Tag, Cousine!« rief er ihr dabei entgegen, mit leicht fremdartiger Betonung des Deutschen, »Tag, Onkel Frederic! Kinder, wie ist das hübsch bei euch! Kinder, wie freu' ich mich!«
Seine Begrüßung war sehr warmherzig. Hedda hatte sie steifer und formeller erwartet, sich überhaupt, trotzdem sie eine Photographie des Vetters kannte, ein ganz andres Bild von Axel entworfen. Er war sehr groß, größer als der Vater, aber schmalschulterig und ging leicht vornüber geneigt. Das bleiche Gesicht zeigte vornehme Züge, sah jedoch ein wenig abgespannt und müde aus. Auf der rechten Wange zeichnete sich eine feine Hiebnarbe blutrot ab. Ein langer, weißblonder Schnurrbart sproßte auf der Oberlippe; auch das Haar war weißblond und dünn, aber geschickt gescheitelt und über den Kopf verteilt. Aus den hellen blauen Augen blickte viel Gutmütigkeit. Axel trug ein Monocle ohne Band, ein großes, rundes Glas, ständig in die linke Augenhöhle geklemmt. Seine Kleidung war ausgewählt elegant, besonders fiel Hedda der Sitz der Stiefel auf den sehr kleinen Füßen auf.
August führte den Gast zunächst auf sein Zimmer, und dann ging man sofort zu Tische. Axel fand alles »reezend« (er sprach das ei gern als e aus), besonders das verräucherte Ahnenbild interessierte ihn sehr.
»Aber irgend eine Ähnlichkeit mit den Porträts in Jarlsberg kann ich beim besten Willen nicht herausfinden,« sagte er. »Freelich, da sind eenige fünfzig -- in eener unendlich langen Galerie, in der man getrost eene Steeplechase veranstalten könnte -- ach, Cousine, es ist schade, daß du Jarlsberg nicht kennen lernst -- das würde dir gefallen ...« Und er beschrieb das alte Schloß, das hoch oben in Schweden auf einem Felsenvorsprung, der Lofotengruppe gegenüber, lag, umschäumt und umrauscht von den Wellen, eine kolossale Burg, deren Grundmauern noch aus dem vierzehnten Jahrhundert stammten, und an der acht Generationen gebaut hatten. »Ich mit,« fügte Axel hinzu, »und es hat mich Mühe genug gekostet, in die riesigen Zimmerfluchten eine gewisse Wohnlichkeet zu bringen, denn Vater und Großvater lebten lieber in Stockholm und mehr noch in Paris als auf dem einsamen Stammschlosse. Aber seht ihr, für mich hat es einen besonderen Reez, da oben zu hausen, mutterseelenalleen, und es tut mir von Herzen leed, daß mir der Arzt das rauhe Klima verboten hat. Ich muß nämlich een bißchen -- een bißchen vorsichtig seen,« schloß er, und gleichsam als Bekräftigung dieser Äußerung befiel ihn zum Schrecken Heddas ein langer und trockener Husten, den er vergeblich niederzukämpfen sich mühte.
Er hatte sich abgewendet und hielt sein Taschentuch vor den Mund. Der Husten erschütterte seinen ganzen Körper, so daß er nach Luft ringen mußte, als der Anfall glücklich vorüber war.
»Schauderhaft,« sagte er endlich. »Ich habe mich vor zwee Jahren auf der Bärenjagd erkältet und kann mich seetdem nicht wieder so recht erholen. Ich will deshalb auch den Abschied nehmen und een paar Jahre im Süden verleben. Vielleecht wird's da unten besser ... Und nun, Onkel Frederic -- wie steht's mit der Chronik? Hast du dich durch die alten Urkunden durchfinden können?« --
Hedda war sich noch nicht ganz klar über den Vetter; sie schwankte noch in ihrem Urteil. Jedenfalls war er ein vollendeter Gentleman und jedenfalls ein sehr kranker Mensch, mit dem man Mitleid haben mußte. Er hatte ein liebes, sympathisches Gesicht, und die ganze Art seines Sichgebens war frei, herzlich und natürlich. Es zeigte sich auch, daß Axel über eine feine und umfassende Bildung verfügte; er war viel in der Welt herumgekommen, beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und war erstaunlich belesen, so daß Hedda im Gespräche mit ihm zu öfterem ein gewisses Schamgefühl über ihren eignen Mangel an Wissen überschlich.
Den ganzen Nachmittag über blieb Axel mit dem Freiherrn in dessen Arbeitszimmer, um den vollendeten Teil der Chronik durchzugehen. Erst beim Abendessen traf Hedda wieder mit ihm zusammen. Sie ärgerte sich im stillen über die Appetitlosigkeit ihres Gastes; was hatte man für Umstände gemacht, und nun aß er fast gar nichts! Mit dem Trinken war es ebenso; er bevorzugte Zitronenwasser ohne jeden Beisatz von Zucker -- brrrr, dachte sich Hedda, und das will ein verwöhnter Weltmann sein! Aber seine scharmante Liebenswürdigkeit blieb immer die gleiche. Er sprach viel und ungemein anregend, oft sprunghaft das Thema wechselnd, doch stets interessant; dabei nahm auch sein Gesicht eine lebhaftere Färbung an, und um so stärker fiel die Abspannung seiner Züge auf, wenn er einmal eine Pause in der Unterhaltung eintreten ließ. Gelegentlich fragte ihn Hellstern nach der Ursache der Narbe auf seiner rechten Wange; er vermutete, sie rühre von einem Schmiß aus der Studentenzeit Axels her. Doch Axel erzählte freimütig, er habe die Wunde in einem Duell empfangen -- vor sieben oder acht Jahren, in Brüssel, wo er für die Gattin eines Grafen Soundso mehr Interesse gezeigt habe, als dem Ehemann lieb gewesen sei. Jetzt sei er über derlei Dummheiten hinaus.
Axel zog sich übrigens frühzeitig zurück. August mußte mit auf sein Zimmer gehen, ihm beim Auskleiden zu helfen, und er schilderte späterhin in der Küche mit beredten Worten, welche Geheimnisse die Garderobe des Herrn Vetters barg. Da waren eine Unmasse Flaschen und Kapseln mit silbernen Köpfen, alle gefüllt -- »weiß der Deubel, mit was« --, die mußten vor dem Spiegel aufgestellt werden. Und die Hosen wurden in einen Bügel gezwängt, der sie auseinanderspannte, damit sie auch die richtige Form behielten, und in die Stiefel kamen aus dem gleichen Grunde hölzerne Blöcke mit silbernen Ringen hinein, und die Nachthemden waren aus purer Seide. »So was hab' ich mein Lebtag nicht gesehen,« schloß August, und als Dörthe fragte, ob die Nachthemden auch wirklich aus Seide gewesen wären, sagte er: »Auf Ehre, aus purer Seide; ich hab' sie befühlt.«
Hedda blieb, nachdem Axel gute Nacht gewünscht hatte, noch ein halbes Stündchen bei ihrem Vater sitzen. Es drängte sie, ihre Eindrücke über den Gast mit ihm auszutauschen.
»Wie findest du den Axel?« fragte sie. »Er ist schwer leidend, nicht wahr?«
Der alte Herr nickte.
»Ich glaube auch; er verbirgt's zwar gern, aber ich halte den armen Kerl für schwindsüchtig. Und da ist mir etwas eingefallen, Hedda, woran ich vorher noch gar nicht gedacht hatte. Wer bekommt denn das ganze Geld und die Güter in Schweden und die alte Burg den Lofoten gegenüber, wenn der Axel einmal unverheiratet sterben sollte? Ich gönne ihm, weiß Gott, noch ein langes Leben, aber schließlich, des Herrn Wille ist unerforschlich -- und Axel sieht nicht so aus, als ob er das Hellsternsche Alter erreichen würde. Na, da habe ich denn am Nachmittage vorsichtig einen Fühler ausgestreckt, ob er noch irgend welche Verwandte hat, von denen der Freiherrnkalender nichts weiß. Und es ist wirklich so. Stirbt er ohne Nachkommen, dann fällt sein ganzer Besitz einem Vetter zu, der in der englischen Marine dient, und den er wie die Pest haßt. Er hat einmal irgend einen argen Zank mit ihm gehabt; nach seinen Schilderungen muß es ein gräßlicher Kerl sein. Nun frage ich dich, ist das nicht schandbar?«
»Weshalb?« entgegnete Hedda harmlos.
»Schlaukopf -- weshalb? Wären _wir_ nicht ebenso geeignete Erben wie dieser unausstehliche Vetter in der englischen Marine?«
Hedda lachte.
»Ich zweifle nicht daran,« entgegnete sie, »daß _wir_ uns als Erben in der Tat ebensogut und vielleicht besser ausnehmen würden. Aber deinen Ärger versteh' ich trotzdem nicht recht, Vater. Du sagst ja selbst, daß du nie an die Möglichkeit gedacht hättest, je einmal von Schweden aus berücksichtigt zu werden --«
»Vorher nicht,« fiel der Alte ein; »aber jetzt liegt die Sache doch anders.«
»Ich wüßte nicht inwiefern, gestrenger Herr Vater.«
Der Freiherr überhörte die letzte Äußerung. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute sinnend und melancholisch, mit leisem Seufzer, zu Hedda hinüber.
»Schade, daß der Axel so 'n armer, kranker Teufel ist,« sagte er.
»Ich bemitleide ihn auch, und von ganzem Herzen --«
»Denk mal, was das für eine Partie für dich gewesen wäre!«
Hedda fuhr betroffen auf; dann lachte sie wieder: »Willst du mich denn so absolut los sein, Papa?«
»Unsinn! Du weißt recht gut, daß ich dich am liebsten immer bei mir und um mich behalten möchte -- weißt's recht gut! Aber 'mal muß ich mich doch mit dem Gedanken vertraut machen, dich abzugeben -- lieber Gott, das ist doch nun einmal das Schicksal der Töchter! Glaube nicht, daß ich gar so selbstsüchtig bin; ich habe mir über deine Zukunft schon manchmal meine Gedanken gemacht. Jahr um Jahr vergeht, und du sitzest hier auf dem Baronshofe und lernst keinen vernünftigen Menschen kennen --«
»Erlaube, Papa --«
»Na ja, ich meine, keinen, der sich für dich eignen würde. Mit dem Gunther von da drüben war es doch nichts! Es ist eine niederträchtige Geschichte. Ich ärgere mich, daß ich dich nicht doch noch zu Tante Jutta nach Berlin geschickt habe. Es sollen sehr nette Leute bei ihr verkehren.«
»Trotzdem ist es fraglich, ob mir einer von ihnen gefallen hätte.«
»Lieber Himmel, du kannst doch nicht alte Jungfer werden?!«
Hedda erhob sich und gab dem Alten einen Kuß.
»Ängstige dich nicht meinetwegen, Vater,« sagte sie heiter. »Das Heiraten gehört freilich sozusagen zum weiblichen Beruf, aber es gehören auch immer zwei dazu. Finden sich die nicht zusammen, dann muß man sich zu trösten suchen. Und das werde ich tun -- wenn es nicht anders ist. Nun schlaf wohl und verträume die ernsten Gedanken!«
Sie strich ihm über die Stirn und klingelte nach August. --
Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden war, fand sie Axel bereits im Parke vor. Er kam ihr mit fröhlichem Lachen entgegen.
»Du wunderst dich über mein Frühaufstehen,« sagte er, ihr die Hand reichend. »Das ist aber nichts weeter als eine Folge des Frühschlafengehens, Hedda. Ich bin etwas nervös und an kurzen Schlummer gewöhnt. Vier Stunden genügen mir, oft auch nur dree. Sieh, wie herrlich der Morgen ist!«
Das war er. Es strömte ein würziger Frühlingshauch durch den Park, der Odem der Verjüngung und Auferstehung. Tau schillerte auf Gräsern und Halmen, und auf den sprießenden Wiesen keimte schon der erste wilde Blumenflor empor. Die Erlen und Weiden am Weiher setzten Kätzchen an; die Essigbäume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum. Auch an dem Christusdorn brachen bereits zartgrüne Knöspchen auf, und die Fliederbosketts standen in frischem Blätterschmuck.
Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine gewohnheitsgemäßen drei Stunden gut, antwortete er; nicht einmal der Geist des verräucherten Ahnherrn habe ihn gestört. Und von Beginn des Frühdämmerns an, wo seine Schlummerzeit um sei, habe er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die Sperlinge hätten angefangen und dann die jungen Schwalben in ihrem Nest dicht unter dem Fenstersims. Hierauf hätten sich die Krähen in den Birken zu rühren begonnen, eine außerordentlich lebhafte Gesellschaft, die dem Aufgang der Sonne mit großem Geschrei entgegensehe; auch ein Storch müsse sich in der Nähe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel deutlich gehört haben wollte. Schließlich kam das Geflügel auf dem Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst undeutlich, denn das Viehzeug war noch in seinen Ställen eingesperrt. Aber man hätte doch schon die verschiedenartigen Organe unterscheiden können: das dumpfe Krähen der Hähne, das Glucken der Hennen, das Schnattern der Gänse und Enten. Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brüllton einer Kuh, ein Pferdewiehern und im Verein mit melodischem Kettenklirren das Anschlagen des Hofhundes. Endlich erwachte auch der Mensch. Man hörte die Pumpe arbeiten -- sie müsse einmal geölt werden, sagte Axel -- und dann das Öffnen verschiedener Türen, und nun hätten sich die sämtlichen Stimmen zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt. Doch immer habe das helle Schmettern der Hähne das Leitmotiv angegeben ...
Hedda amüsierte sich sehr über diese Schilderung. Sie fand, daß der Vetter heut ungleich frischer, wohler und jünger aussah als gestern. Sie fand auch, daß er ein eigentümlich feines und zartes Gesicht habe, mit hellen, strahlend blauen Augen und einem Spinnennetz winziger Fältchen darunter, das aber merkwürdigerweise durchaus nicht entstellend war. Was ihr indessen am meisten auffiel, war die intensive Blutfarbe seiner Lippen. Er war bereits fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein Morgenjackett aus bräunlichem, gestepptem Eskimo. Er sah sehr elegant aus, trotz seiner langen, etwas schwippen Figur und seiner schlechten Haltung.
Sie kehrten zusammen in das Haus zurück, wo der Freiherr bereits am Teetisch saß und ungeduldig auf die beiden wartete. Trotz des Frühlingstages brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in dem großen Saale schon vertragen. Die Scheite knisterten und knackten, und die Flammen zuckten hin und her.
Während des Frühstücks fragte Axel seinen Gastgeber aus. Er sei neugierig und wolle alles wissen, sagte er, was für den Baronshof von Interesse sei. Hedda und der Alte begannen zu erzählen, namentlich der Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal sein Herz auszuschütten. Er schilderte den jahrelangen verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle geführt hatte, aber schließlich sei sie nicht mehr zu halten gewesen. Übrigens sprach Hellstern vernünftig und ruhig. Er schimpfte nicht auf die »Handelsverträge und das römische Recht« und vermied die landläufigen Phrasen. Er war der Meinung, daß man heutzutage bei der Landwirtschaft nur dann etwas erübrigen könne, wenn man für alle Fälle Kapitalien hinter sich habe. Man müsse den Schwankungen der Preise Trotz bieten, müsse auch Courage und die nötigen Mittel haben, um einmal eine Neuerung wagen zu können. Zum Beispiel der alte Usen auf Karstädt -- was habe der aus seiner Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der die niedrigsten Löhne zahle und seine Leute wahrhaft aussauge, aber für das Land sei ihm nichts zu teuer. Sein Maschinenapparat sei ein wahres Wunder. Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien nicht fortgeworfen. Aber man müsse sie eben haben -- und er, Hellstern, hatte sie nicht. Damals, wie die Hellsterns aus Schweden herübergekommen, waren sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon geblieben? Verpulvert, verschleudert, vergeudet -- »adjö!« ... Daß die Landwirtschaft gute Erträgnisse abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt habe, um nachfeuern zu können, sehe jetzt selbst die Finanz ein. Alle reichen Juden kauften sich Güter ...
Axel hatte schweigend zugehört, und als Hellstern zu Ende war, bat er sich von Hedda noch ein Stück Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren gebacken worden war, und den er als delikat bezeichnete, und sagte sodann:
»Es ist jedenfalls jammerschade, daß du dein Besitztum verkauft hast, Onkel Frederic. Ich verstehe dich nicht, daß du dich damals nicht an mich gewandt hast -- ich hätte dir doch so gern geholfen.«
Der Freiherr schüttelte den Kopf.
»Du standst mir zu fern, Axel,« erwiderte er. »Und dann lagen auch schon überreichlich Hypotheken auf dem Gut. Es wäre Unsinn gewesen, noch weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, daß ich den Baronshof behalten konnte und dabei noch mein leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat Schellheim hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer hätte vielleicht noch weniger gezahlt. Schließlich bin ich ganz zufrieden.«
Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang vor, und Hedda war einverstanden.
Sie gingen durch das Dorf. Für alles zeigte der Vetter Interesse. Hedda mußte ihm von der Quelle erzählen. Der neuschaffende Einfluß des Heilwassers machte sich bereits überall bemerkbar. Die Dorfstraße wurde gepflastert; Scharen von Arbeitern klopften und hämmerten; es klang und gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge wurde ein neuer Flügel angebaut. Die alte Inschrift: »Gastwirtschaft von C. Möller« war längst übertüncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit Goldrand: »Hotel Möller«, sollten sie ersetzen. Die Logierhäuser Alberts stiegen in die Höhe; überall regten sich fleißige Hände.
Axel wollte auch den »Kurpark« sehen. Man rodete und pflanzte noch. Die Natur kam hier den Gärtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald war wunderschön, und die humusreiche Erde ermöglichte leicht die Anbringung hübscher Bosketts. Der Kommerzienrat hatte es aber noch vornehmer haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei sein, Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so wurde denn nach der Wiese zu ein Treibhaus errichtet, zur Aufbewahrung der Seltenheiten während der kälteren Jahreszeit.
Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke tätig. Plötzlich neigte Hedda grüßend den Kopf; sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der verfehlten Werbung Gunthers war eine Entfremdung zwischen den Insassen des Baronshofs und des Auschlosses eingetreten. Man besuchte sich nicht mehr. Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem Lächeln entgegen, lüftete seinen Hut und reichte ihr die Hand. Sie stellte Axel vor.
»Freue mich sehr,« sagte der Kommerzienrat. »Sie lernen die Entstehungsgeschichte eines neuen Bades bei uns kennen, Herr Baron. Herr Baron sprechen doch Deutsch?«
»Gewiß,« erwiderte Axel; »nur mit dem Akzent geht es zeetweelig noch nicht so recht. Das interessiert mich alles sehr, Herr Kommerzienrat. Das ist sozusagen ein Stückchen Kulturgeschichte. Wird das da drüben ein Pavillon, wenn ich fragen darf?«
»Nein,« entgegnete Schellheim, »das wird der Quellenbau. Wenn die Herrschaften gestatten, führe ich Sie ein wenig umher. Wie geht es dem Herrn Papa, gnädigstes Fräulein?«
Hedda dankte; sie fragte nach dem Befinden der Rätin, auch unbefangen nach Gunther. Das schien Schellheim zu freuen; er wurde ausführlich. Gunther war noch immer in Montreux; seine große Arbeit ging dem Abschluß entgegen.
»Ein neues Kapitel zur Faustforschung, gnädiges Fräulein --«
»Ja -- ich weiß, Herr Kommerzienrat --«
»So -- Sie kennen das Thema? Der Pastor ist ganz begeistert; Gunther hat ihm die ersten Bogen geschickt. Es muß etwas Eigenes sein, dies Grübeln und Forschen und Suchen -- ein Glücksgefühl, das unsereiner gar nicht kennt, nicht einmal begreift ... Also dies wird der Quellentempel --«