Aus tiefem Schacht

Part 13

Chapter 133,676 wordsPublic domain

Auf dem Auschlosse war die Fahnenstange, die man vergessen hatte über Nacht zu kappen, gebrochen und auf die erste Terrasse geschleudert worden. Und dort hatte sie der Pomona den Kopf abgeschlagen, zum höchsten Ärger des Kommerzienrats, der in der hemdenlosen Göttin ein Symbol für die Notwendigkeit seines Geschäftsbetriebs sah.

Es war dies überhaupt ein Tag des Ärgers und der Niedergeschlagenheit. Um zwölf Uhr kam August vom Baronshofe und brachte einen Brief. Die Familie saß gerade beim zweiten Frühstück. August erhielt eine Mark, und der aufwartende Diener wurde hinausgeschickt. Dann erst erbrach der Kommerzienrat mit einer gewissen Feierlichkeit das Schreiben; voll ängstlicher Spannung hingen die Blicke von Frau und Sohn an seinen Zügen. Sie sahen, wie über die Stirn Schellheims während der raschen Lektüre eine Wolke flog. Dann zuckte er mit den Achseln und reichte Gunther den Brief.

»Kopf hoch behalten, mein Junge,« sagte er dabei. »Noch ist nicht aller Tage Abend. Ich habe eine andre Antwort erhofft -- nein, erwartet -- trotzdem: es ist nichts gegen sie einzuwenden ...«

Gunther las:

»Baronshof, 3. Januar. »Mein verehrter Herr Kommerzienrat!

Ich habe mit meiner Tochter gesprochen. Es tut mir leid und wird mir schwer, Ihnen sagen zu müssen, daß sie der Ansicht ist, Ihr Herr Sohn sei von einer Täuschung befangen. Sie hält es noch nicht für an der Zeit, über ihr Herz zu entscheiden ...« Das war genau so, wie Hedda es vorgeschrieben hatte. Nun kam eine philosophische Wendung: »Mädchenherzen sind unberechenbar, lieber Herr Kommerzienrat ...« Dann ein Trostwort: »Die Zeit wird schon alles ausheilen ...« Und schließlich die formelle Höflichkeit: »Ich hoffe, der kleine Zwischenfall wird Auberg und Baronshof nicht auseinanderbringen. Mit besten Empfehlungen allerseits

Ihr ganz ergebener Freiherr von Hellstern.«

Gunther gab den Brief an die Mutter weiter. Er war weiß wie Kalk geworden. Rasch trank er sein Glas Sherry aus, doch seine Hand zitterte heftig dabei. Die Mutter griff, die Augen feucht, nach der Rechten ihres Jungen und tätschelte sie wortlos.

Eine bange Stille war eingetreten.

Plötzlich sprang der Kommerzienrat wütend auf und stieß seinen Stuhl gegen den Boden.

»Mach nicht solche Leidensmiene, Gunther!« rief er zornig. »Du hast dir einen Korb geholt -- Schwerenot, was ist weiter dabei! Du kriegst noch andre als das hochnäsige Mädel von drüben!«

Nun erhob sich auch Gunther.

»Bitte, Papa,« entgegnete er abwehrend und mit fester Stimme, »kein Wort weiter darüber! Vor allem keine Schmähung! Wer verdient eine solche? Die Sache ist tot und begraben. Wenn ihr mir eine Liebe erweisen wollt, erwähnt sie nicht mehr. Irrungen soll man abtun ...«

Seine Stimme brach. Er sah sich wie hilflos um, als suche er irgend etwas.

»Ich -- ich will fort,« fuhr er fort. »Es wäre auch nicht in der Ordnung, wenn ich unter den obwaltenden Verhältnissen hier bleiben wollte -- gerade jetzt. Später -- wird sich ja alles legen.... Wenn ihr nichts dagegen habt, reise ich auf ein paar Wochen nach Oberitalien oder dem Genfersee. Da kann ich in Ruhe meine Arbeit vollenden. Und dann kommt der Sommer und dann meine Offiziersübung in Lissa -- das gibt Abwechslung genug. Das wird mir auch gut tun. Aber -- ich möchte dann schon mit dem Abendzug fahren ...«

Die Eltern redeten in ruhigen und verständigen Worten von unnötiger Überhastung ab. Das Herz tat beiden weh. Sie fühlten, daß Gunther sehr litt. Aber sie konnten ihm wahrlich nicht helfen. Er blieb auch fest. Er wollte durchaus fort. Einen Augenblick schwankte er, ob er dem Pastor lebewohl sagen sollte. Doch er konnte sich nicht dazu entschließen, noch einmal in das Dorf zu gehen. Er fürchtete sich davor, Hedda zu begegnen.

Der Kommerzienrat, sonst ziemlich bequem, ließ es sich nicht nehmen, Gunther nach der Station zu begleiten. Er war auch vernünftig genug, während der Schlittenfahrt durch den Wald mit keinem Wort auf die Herzensgeschichte zurückzukommen. Gunther dankte ihm im stillen dafür. Er sprach fast gar nicht. Wieder störte ihn der Kutscher hinten auf der Pritsche -- wie damals. Ach, damals! Da glitzerte der Sonnenschein durch das Eisgezweige, und seine Brust war voller Hoffen. Und jetzt nächtete es.

Die Herren trafen in letzter Minute auf dem Bahnhof ein. Es war gerade noch Zeit ein Billett zu lösen.

»Grüße die Mama!« rief Gunther aus dem offenen Coupéfenster.

»Danke, mein Junge! Und sei recht vernünftig! Und laß dir nichts abgehen! Wenn du noch Geld brauchst, so telegraphiere -- hörst du, telegraphiere!«

Der Zug brauste davon. Als Schellheim an seinen Schlitten zurückkehrte, klingelte von der Chaussee aus ein zweiter Schlitten heran und hielt vor dem Stationsgebäude. Der Kommerzienrat sah Herrn von Wessels aussteigen und begrüßte ihn.

»Im Dienst, Herr Landrat?« fragte er, auf die schwarze Ledermappe deutend, die der Angeredete unter dem Arm trug.

»Ja -- sozusagen, -- das ist eine verteufelte Geschichte, mein bester Herr Kommerzienrat. Der tolle Zernin und der dicke Biese haben sich heut früh duelliert, und Biese ist über den Haufen geschossen worden. Er kann froh sein, wenn er mit dem Leben davonkommt. Zernin ist unglücklich, er hat es nicht so gewollt -- aber sechs Monate kostet ihm die Kugel doch. Und vor allen Dingen: ich fürchte, Sie werden ihn an Ihrem Quellenunternehmen nun auch nicht mehr beteiligen können. Merkwürdiges Pech! Es ist eigentlich schade um den Menschen ...«

Schellheim starrte den Landrat an.

»I Gott bewahre -- ein Duell -- also wirklich ein Duell!« stammelte er. »Ja, aber um Himmels willen, weshalb denn?! Was haben die beiden sich getan?«

Herr von Wessels lächelte verlegen.

»Das läßt sich schwer sagen,« erwiderte er. »Sie sind gestern abend bei Ihnen zusammengeraten, aber Zernin hat sich in diesem Falle richtig und taktvoll benommen -- jawohl. Biese -- na, also kurzum, erfahren werden Sie es ja doch einmal: Biese hat die Dreistigkeit gehabt, sich über Sie als Gastgeber eine respektlose Bemerkung zu erlauben, und da ist Zernin scharf geworden. Das war der Anfang ... Aber ich muß weiter! #Addio#, mein verehrter Herr Kommerzienrat!«

Sie schüttelten sich die Hände, und ehe der Landrat in das Bahnhofsgebäude trat, wandte er sich noch einmal um und rief kopfnickend: »Es war gestern abend übrigens ganz reizend bei Ihnen!«

Schellheim kletterte in seinen Schlitten zurück. An seinen Sohn, an den Baronshof und an den Korb Heddas dachte er nicht mehr. Es ging ihm im Kopfe herum, daß man seinetwegen einen Zweikampf ausgefochten hatte. Der dicke Biese, ein Bürgerlicher wie er, freilich Landwehrhauptmann -- und das sprach mit --, hatte eine beleidigende Äußerung über ihn fallen lassen. Irgend eine mokante Bemerkung wahrscheinlich, wie der Grochauer sie liebte -- und da hatte Herr von Zernin Partei für ihn, den Kommerzienrat, genommen, und schließlich war es auf Tod und Leben gegangen -- um seinetwillen. Merkwürdige Welt! Eigentlich ging die Sache doch nur _ihn_ an als den Beleidigten; was schossen sich denn die beiden um _seine_ Ehre?! -- Und in halbem Selbstgespräch fügte er hinzu: »Es ist im Grunde genommen lächerlich und unverzeihlich. _Mich_ kann ein Mann wie dieser dicke Biese gar nicht beleidigen!«

Neuntes Kapitel

Als der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen in großer Erregung. Die feierliche Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen Schwarm von Gehilfen herübergekommen und hatte die »Säuberung« des Buchenwäldchens auf der Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war nun in der Tat eine gründliche Säuberung. Aus dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit Gängen, Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen. Ganze Baumpartieen wurden vollständig niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres treten; vorläufig wurde allerdings nur Humus in Rundellform aufgeschüttet, und das sah aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten Buchengrün große Schokoladentorten.

Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling trug auf seinen regenfeuchten Schwingen noch viel stärker das Wehen der neuen Zeit in Oberlemmingen hinein. Die ersten Logierhäuser wurden gebaut. Albert Möller hatte den beiden Kossäten Maracke und Klauert ihre Anwesen abgekauft. Diese lagen dem »Kurpark« ungefähr gegenüber, und die beiden kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden Schweineställen und den ewigen Mistpfützen vor der Tür waren geeignet, den guten Eindruck des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen. Übrigens paßte Albert, was Maracke und Klauert forderten; es war noch immer ein Spottgeld, aber die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar hundert Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich ärgerten sie sich natürlich, daß sie nicht mehr verlangt hatten. Die alte Maracken heulte jämmerlich, als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte, und ihre fünf Kinder heulten mit. Die ganze Familie zog nach Klein-Güster, Klauert aber nach Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß.

Das geschah an einem der ersten Märztage. Es wehte warm und lenzlich. Der Schnee war überall geschmolzen; nur in den Gräben hielt sich noch längere Zeit eine grauweiße, schmutzige, halb flüssige Masse. Auf der Dorfau und auf Weg und Steg schillerten Wassertümpel; es tropfte von den Dächern, und wie ein Plätschern und Gluckern ging es durch die Luft. Die Erde schien zu dampfen; über die noch bräunlich getönten Wiesen sickerten Wasserlinien, und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit. Die Spiräen setzten bereits Knospen an, aber noch fehlte der grüne Frühlingsschimmer, der vierzehn Tage später die Natur mit seinem zarten Schleier umhüllen sollte.

Die Familien Maracke und Klauert zogen zur gleichen Zeit. Jede hatte sich einen Einspänner geliehen, auf welchen ihre Habseligkeiten hinaufgepackt worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten, zerbrochene Stühle, ein Tisch, dessen Beine zum Himmel ragten, und andres Gerümpel mehr, alles mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken verschnürt. Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor der Tür stand, jammernd und weinend nochmals durch Haus und Stall, ob auch nichts vergessen worden sei. Richtig -- in einem Winkel der Kammer neben der Stube lag noch ein Häufchen Stroh, auf dem die weiße Henne ihr letztes Ei gelegt hatte, bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken raffte mit beiden Händen den armseligen Strohrest zusammen, trug ihn hinaus und stopfte ihn auf den Wagen. Dann ging sie in den Stall, und als Maracke ihr ein ungeduldiges »Mutter, nu' mach aber!« zurief, schleppte sie einen kleinen Schweinekoben ins Freie; der sollte auch noch mit. Sie hätte am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie alles stand und lag, auf den Einspänner gepackt.

In diesem Augenblick zog Klauert vorüber. Er war ganz vergnügt, hatte sein Geld in der Tasche und freute sich auf das Ausgedinge, das sein Sohn in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen war schwer bepackt, und ganz oben, auf dem Berge von rot und weiß überzogenen Betten, war ein weidengeflochtener Korb angeschnürt, in dem vergnüglich ein paar Hennen gackerten. Das erregte den Neid und die Eifersucht der Maracken in hohem Grade. Sie überschüttete ihren Mann mit Schimpfreden und Vorwürfen; warum hatte man die dicke Weiße geschlachtet, die so fleißig Eier legte, und den prächtigen Hahn an Langheinrich verkauft? Hätte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach Klein-Güster nehmen können? -- Die beiden jüngsten Kinder weinten und jammerten mit, während er, Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht stören ließ und, die Pfeife im Munde, schweigend zuhörte. Als der Wagen schon anzog, lief die Frau noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Düngerhaufen. Sie hatte da noch einen eisernen Reifen entdeckt, der schon ganz verrostet war, und da er nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so hing sie ihn sich über die Schultern. Dann ging es los, der Einspänner voran, den Maracke, daneben herschreitend, führte, und hinterher, gleichfalls zu Fuß, Mutter Maracken mit ihren fünf Kindern. Ein paar Bauernweiber standen am Wege und nickten und riefen den Abziehenden einige Grußworte zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von dem Komposthaufen eine kleine Dunstwolke aufstieg, aber hatte sich Albert Möller breitbeinig aufgepflanzt, eine Zigarre rauchend und behaglich lächelnd. Mit dem Abbruch der alten Baracken sollte sofort begonnen werden; dann kam der Neubau an die Reihe. Das ging rasch.

An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frühlingsausfahrt unternommen. Der Übergang vom Winter zum Lenz war immer die schlimmste Zeit für ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus dem Zimmer rühren können; selbst die Einreibung der Tante Pauline versagte ihre Wirkung. Nun aber ging es besser. Hedda saß neben ihm im Wagen und sah durch das Fenster den Abzug der beiden Kossäten. Sie machte den Vater darauf aufmerksam, der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal nach Herzenslust auf die Quelle zu räsonieren.

»Siehst du, Hedda,« sagte er, »das sind die ersten -- die ersten Opfer der neuen Kultur. Und andre werden folgen. Du bist jung -- vielleicht erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen Insassen wir seit zweihundert Jahren gehören, völlig vom Erdboden verschwunden sein wird. Dann wird es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen Sorgen und Mühen um das tägliche Brot doch frei auf ihrer kleinen Hufe leben und wirtschaften konnten, sondern nur ein Volk von Krämern und Spekulanten, immer auf der Lauer liegend, wie den Besuchern dieses neuen Badeorts das Geld am besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen sei....« Er zeigte, während er weitersprach, aus dem Fenster hinaus über das Dorf. »Sicher -- es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es damals bei Schellheims prophezeit. Der Erzengel der Industrie hält seinen Einzug in unser Tal -- oder wie sagte er gleich? ... Die alten Hütten mit ihren Strohkappen werden niedergerissen, neue, schöne Häuser entstehen, mit Balkon und Stuckklecksereien und allem Komfort der Neuzeit und dem dazu gehörigen Schwindel. Ein Sanatorium wird errichtet, in dem man nach physikalisch-diätetischen Grundsätzen die Menschen zu Tode kuriert, und auf allen Straßen und Wegen sieht man Blutarme und Magenleidende und Neurastheniker, Zucker-, Darm- und Hautkranke, daß man seine Freude daran hat. Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt dicht auf die Nase, damit wir das Gequarre der Göhren den ganzen Tag über hören können; wahrscheinlich wird auch noch elektrisches Licht eingeführt, denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering anzuschlagen -- überhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen nötig sein als Wahrzeichen des Fortschritts, und ihr Rauch und Qualm wird uns die Luft verstänkern. Es wird ganz großartig werden ...«

Hedda lächelte und antwortete nicht, und der Freiherr fuhr fort:

»Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden Kossäten dünkt mich symptomatisch und ist, möchte ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte muß dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch bitter. Die kleinen Unbequemlichkeiten, die der Triumphzug der Kultur den Einzelnen auferlegt, müssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier das Dorf ruinieren und die Gemeinde auflösen wird, das kann einem doch nahe gehen. Ich weiß, daß du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit -- aber sind nicht auch diese Opfer bedauernswert? Es ist ein ganz guter Menschenschlag in unsrer Gegend, doch paß auf, wie man ihn verpfuschen wird! Die Möllers, die nur noch halbe Bauern sind, haben den Anstoß gegeben; _sie_ werden auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es auf der einen Seite an Kapital und an Intelligenz mangelt, während sie auf der andern von der gleichen Erwerbsgier erfaßt werden, wenn erst das Spekulationsfieber in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch die Bauern kennen! Und dann: jeder an seinem Platz! Der Bauer ist nun einmal kein Kaufmann, und wenn ihn der Kommerzienrat und die Möllers dazu machen wollen, so nehmen sie ihm das Beste seines Charakters, die Solidität. Jawohl, liebe Hedda, denn da die vernunftgemäßen Grenzen kaufmännischer Spekulation böhmische Dörfer für ihn sind, so wird er sich, neidisch zusehend, wie die andern ihre Taschen füllen, einem gewagten Glücksspiel ergeben und schließlich untergehen. #Ceterum censeo# -- ich sehe durchaus kein Heil für unser Dorf in der ganzen Quellengeschichte.«

Der alte Freiherr stand mit seinem #»Ceterum censeo«# allein. Auch Hedda teilte seine Ansichten nicht. Sie war in den letzten Monaten häufig mit dem Pastor zusammengekommen, für dessen humanitäre Pläne sie sich lebhaft zu interessieren begann. Eycken schwelgte in seiner Idee. In seiner warmherzigen Kinderliebe sah er eine neue Ära für die arme und leidende kleine Welt anbrechen, der er Hilfe bringen wollte -- mit weit offenen Armen, wie sein großes Vorbild Christus, als er sprach: »Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht....« Die Bücher blieben liegen; Luther, Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus hatten Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun; nicht der tote Buchstabe lockte ihn diesmal, sondern die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar verschiedene Konferenzen statt, Ärzte und Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen allein ins Leben rufen; er hatte zwar auch mit dem Kommerzienrat über die neue Kinderheilstätte gesprochen, aber Schellheim hatte seinem Empfinden nach den Geschäftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund gerückt. Und verdienen wollte Eycken nichts -- Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt, denn daß sie anfänglich starke Zuschüsse beanspruchen würde, war klar. Doch das ängstigte Eycken nicht; er war so reich, daß er tatsächlich nicht wußte, was er mit seinem Gelde beginnen sollte. Er brauchte wenig; seit einem Menschenalter hatte sich sein Vermögen Zins auf Zins gehäuft. Übrigens war ihm auch der Fiskus entgegengekommen und hatte ihm für den Bau der Anstalt die zum Kirchenland gehörige Wiesenparzelle zur freien Verfügung gestellt. Schließlich hatte sich Eycken auch noch an den Johanniterorden gewandt, der die Protektion übernahm, sich verpflichtete, ein paar Pflegerinnen zu stellen, und Herrn von Wessels, den Landrat, zum leitenden Ritter ernannte.

Anfangs April standen bereits die Fundamente der beiden Logierhäuser Albert Möllers. Das Parterregeschoß des einen Hauses war für einen großen Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte. Vorläufig nur, denn sein heimliches Sehnen stand nach dem Gehöft Braumüllers, das dicht an der großen Landstraße und in unmittelbarster Nähe des Kurparks lag. Braumüllers Wohnhaus war sehr solide gebaut, stark unterkellert und hatte gewölbte Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man es wunderschön ausbauen, und wie prächtig eigneten sich die gewölbten Stuben, deren Wände man einfach ausbrach, zu einem eleganten Basar! Natürlich sollte man da alles haben können -- ein riesiges Warenhaus schwebte Bertold vor, der jede Nacht davon träumte, wie er die Schaufenster schmücken würde, ein jedes anders, aber immer gleich »schenial«, wie sein Lieblingsausdruck lautete.

Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu entschließen konnte, seine, die Buchenhalde begrenzende Wiesentrift zu verkaufen; der Erlös des Heus brachte ihm eine jährliche Rente, mit der er rechnen mußte -- außerdem hing er auch an diesem Stückchen grüner Wiese, auf der er sich schon als Kind getummelt hatte, und an deren Rain entlang er noch heute seine Sonntagsspaziergänge zu machen pflegte. Vergeblich hielten ihm die Möllers vor, daß ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm für die paar Morgen zahlen wollten, mehr bringen würden als der Heuertrag; schließlich legte sich auch noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die Wiese war ihrer Lage wegen wichtig -- aber was auch er nicht vermochte, das setzte Dörthe durch. Fritz hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja lächerlich. Starb der Vater, so gehörte die Wiese ja doch der Dörthe, und was der Dörthe war, war auch sein, da sie sich heiraten wollten. Und nun drang Dörthe auf baldige Hochzeit. Gewiß, antwortete Fritz, sobald einigermaßen Ordnung geschafft und die Sache in Gang gebracht worden sei; denn jetzt habe man den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu können, das müsse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein, aber sie wollte wenigstens einen bestimmten Termin wissen. Um Weihnachten, meinte Fritz, da würde man wohl so weit sein. Und dann gab es noch Liebesworte in Hülle und Fülle, und am nächsten Tag erklärte sich der alte Klempt einverstanden, die Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse gebracht und für Dörthe festgelegt.

Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres Vaters hatte Hedda abgehalten, ihren Plan, einen Wintermonat in der Residenz zu verleben, zur Ausführung zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte die Berliner Tante einen Absagebrief erhalten und zum soundsovielsten Male mit immer denselben Worten darauf geantwortet: »Es tut mir schrecklich leid, liebste Hedda, daß --« und so weiter. Der Freiherr hatte allerdings gewünscht, Hedda solle auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch einmal eine »Ausspannung« gönnen; im Grunde genommen aber war er herzensfroh, daß sie dennoch blieb -- sie war ihm unentbehrlich geworden, und auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, wenn sie neben ihm saß.

Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf dem Baronshofe. Das war an sich schon ein Ereignis. Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr aber hatte vor achtzehn Jahren das letzte erhalten, das ihm den Konkurs eines Berliner Finanzgeschäfts ankündigte, mit dem er in Verbindung gestanden, und das ihm deshalb in recht unangenehmer Erinnerung war. Am meisten regte jedoch August die Depesche auf, der die Botenfrau im Vordergarten abfing, wo er mit Dörthe die Wege harkte.

»Eine Depesche für den Herrn Baron,« sagte die Botenfrau.

»Allmächt'ger Gott,« rief August, »eine Depesche! -- Dörthe, eine Depesche!«

Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht und Erstaunen das zusammengelegte Papier mit der blauen Marke auf der Rückseite.

»Eine Depesche!« stammelte sie und faltete unwillkürlich die Hände.

»Dörthe, das bedeutet ein Unglück,« fuhr August mit Überzeugung fort. »Wie kommt denn eine Depesche hierher, frag' ich dich bloß!« Und er schaute Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen wolle, wie die Depesche hierher käme. Dann ging er unter beständigem Kopfschütteln in das Herrenhaus.

»Eine Depesche, gnädiges Fräulein,« sagte er zu Hedda, die in der Speisekammer zu tun hatte.

Hedda fuhr erschreckt zu ihm herum: »Eine Depesche?!« rief sie. »Nanu?!«

August nickte. »Das habe ich auch gesagt, gnädiges Fräulein. Wenn das man bloß kein Unglück gibt!«

Nun berieten sie, ob man das Telegramm öffnen solle, um dem Freiherrn die Aufregung zu ersparen. August war dafür. »Man kann nicht wissen, was drin steht, gnädiges Fräulein,« meinte er. »Einer Depesche ist nicht zu trauen. Das kann alles mögliche sein.« Aber Hedda schüttelte schließlich energisch den Kopf. Das Telegramm war an den Vater gerichtet, und da ging es nicht an, daß man es erbrach.

»Vater,« sagte sie, von August gefolgt in das Arbeitszimmer des Alten tretend, »erschrick nicht: es ist eine Depesche angekommen.«

»Nanu?!« erwiderte der Baron, genau so wie vorhin Hedda, und August nickte dazu: dieses »Nanu« entsprach ganz seiner Auffassung.

Hellstern erbrach das Papier und las erst die Unterschrift.

»Von Axel, Hedda. Und fünf Zeilen lang. Das soll was heißen ...« Er las vor: »Bitte um die Erlaubnis, Euch auf ein Retourbillet besuchen zu dürfen. Wenn keine Antwort erfolgt, bin ich Sonnabend mittag in Zielenberg. Wagen unnötig, nehme dort Extrapost. Freue mich herzlich darauf, Euch kennen zu lernen, und grüße Dich und die Cousine.

Euer Vetter Axel Hellstjern.«