Part 12
Schellheim lächelte. »Sie war von vornherein der Meinung, daß man dem Glücke unsres Sohnes keine Schwierigkeiten bereiten dürfe.« Er seufzte. »Das ist es ja -- im Grunde genommen ist ihr Standpunkt der einzig richtige. Ich möchte Gunther auch glücklich sehen. Er ist eine stille, bescheidene Natur, ein Ideologe, ein echter Gelehrter. Nun gut -- ich habe nichts dawider, da er sich seinen Beruf doch einmal selbst gewählt hat und seine irdische Seligkeit von allerhand alten Scharteken abzuhängen scheint. Aber ich will ihm wenigstens den Weg ebnen helfen. Er kann seine Dozentenstellung aufgeben; als Privatgelehrter kann er sich seinen Studien noch besser widmen. Ich möchte wissen, wem es so bequem gemacht wird. Dann mag er ein paar Wintermonate in Berlin oder sonstwo verleben, meinetwegen auch auf Reisen, und im Sommer hat er Döbbernitz. Das ist auch für Sie von Wert, lieber Baron. Sie haben Ihre Tochter immer in der Nähe, können täglich ein Stündchen mit ihr zusammen sein, wenn Sie Lust haben --«
»Und wenn aus der Heirat etwas wird,« fiel Hellstern ein. Er erhob sich schwerfällig. »Nun hören Sie auch einmal _meine_ Ansicht, lieber Kommerzienrat. Ich will ehrlich sein: ich bin _nicht_ für die Heirat. Auch ich habe meine prinzipiellen Bedenken -- genau so wie Sie. Kein Mensch kann aus seiner Haut. Hätt' ich einen Jungen und Sie hätten ein Mädel -- ich würde mit Freuden ja und Amen sagen, wenn die beiden sich liebten und haben wollten, denn dann würde Ihre Tochter und die Nachkommenschaft unsrer Kinder meinen Namen tragen. Nichts für ungut, Herr Schellheim. Auch _Ihr_ Name ist gut, nicht schön, aber ehrlich und fleckenlos. Achtung vor ihm! Doch ich stecke wirklich noch etwas in Vorurteilen; ich würde es lieber sehen, wenn Hedda einen Edelmann heiratet. Keinen vom Schlage Zernins natürlich -- Sie verstehen mich schon! Nennen Sie mich töricht, verbohrt, bettelstolz -- ich lass' mir's gefallen. Ich kann nicht anders -- ich muß Ihnen die Wahrheit sagen ...«
Schellheim war etwas blaß geworden, und Hellstern sah das. Er legte seine Hand auf die Schulter des Kommerzienrats.
»Denken Sie mal nach, lieber Freund,« fuhr er fort; »wir haben uns nie verstanden -- ich meine nicht wir zwei, sondern Adel und Bürgertum im allgemeinen. Die Feindschaft hat nie geruht, zur Zeit des Städtewesens so wenig wie heute. Sie lesen doch auch die Zeitungen. Die ganze liberale Presse paukt auf dem Junker herum --«
»Doch nicht auf dem Adel, Herr Baron. Sie unterscheidet zwischen dem Junkertum, das nur Prärogative und keine Pflichten kennt, und dem wahren Adel, der mit der Vornehmheit des Namens auch die der Gesinnung verbindet.«
»Ich will mit Ihnen nicht über die Verlogenheit unsrer Presse streiten, Herr Kommerzienrat. Die Adelshetze wird systematisch betrieben -- das ist Tatsache. Offizierkorps, Diplomatie, Landräte, die adeligen Beamten -- alles Schufte, Schufte in den Augen des Liberalismus! Nur die paar, die zur gleichen politischen Fahne schwören, der Stauffenberg und Saucken-Tarputschen und Forckenbeck und wie sie sonst noch heißen mögen, -- das sind leuchtende Ehrenmänner! Nee, lieber Freund, an dem Faktum, daß die Kluft zwischen Bürger und Edelmann immer mehr vertieft wird, ist nicht zu rütteln. Und auch ein paar Heiraten herüber und hinüber überbrücken sie nicht. Na -- und nun wieder zur Sache! Meinen Standpunkt kennen Sie. Aber auch in andrer Beziehung geht's mir wie Ihnen. Ich will gleichfalls das Glück meiner Tochter. Ich werde mit ihr sprechen, werde sie einfach fragen, ohne zu- oder abzureden, werde ihr sagen: 'Hör mal, der Gunther Schellheim ist in dich verschossen, hast du auch etwas für ihn übrig, und wie denkst du über eine Ehe mit ihm?' Und nach ihrem Ja oder Nein werde ich handeln. Ich meine, das ist das Vernünftigste. Einverstanden, Schellheim?«
Er hielt ihm die Rechte hin, und der Kommerzienrat schlug ein. »Wie sollte ich nicht!« antwortete er. Und sie schüttelten sich die Hände.
»Nun aber zurück zur Gesellschaft,« sagte Hellstern. »Man glaubt sonst, ich wollte Aktionär Ihrer Quelle werden ...« Er schob seinen Arm unter den des Rats. »Also ich denke, ich werde Ihnen schon morgen Antwort erteilen können.«
Achtes Kapitel
Als die Herren in die Salons zurückkehrten, rüsteten die Pontecks, Biese mit seiner Frau und die oberförsterliche Familie bereits zum Aufbruch. Gunther suchte nach seinem Vater, der sich von Hellstern getrennt hatte und den allgemeinen Aufbruch verhindern wollte.
»Wo steckst du denn, Papa?« fragte Gunther.
Schellheim klopfte ihm auf die blasse Wange.
»Ich habe für _dich_ gewirkt, mein Junge,« entgegnete er schmunzelnd. »Der Alte ist entgegenkommender als ich dachte, aber der Tick sitzt ihm doch im Kopfe. Es hängt alles von Hedda ab. Sagt sie ja, so könnt ihr schon morgen verlobt sein. Und ich fühl' es: sie _wird_ ja sagen ... Später mehr davon. Warum bricht denn schon alles auf? Es ist ja kaum zehn. Haben die Diener Bier präsentiert? Die Mama bekümmert sich nie um dergleichen -- wenn _ich_ nicht überall hinterher bin --«
»Es ist alles besorgt, Papa. Aber ich glaube, es ist im Rauchzimmer zu einer kleinen Streitigkeit gekommen --«
»Streitigkeit? Zwischen wem?«
»Zwischen Hauptmann Biese und Herrn von Zernin. Ich weiß nicht, um was es sich handelt. Ich hörte nur, daß der alte Usen zum Kammerherrn von Ponteck sagte: 'Diesmal hat Zernin recht gehabt' -- und der Kammerherr antwortete: 'Es schadet gar nichts, wenn er dem dicken Schwadroneur einen kleinen Denkzettel gibt.'«
Schellheim war außer sich.
»Also gar ein Duell! Donnerwetter, und das in meinem Hause -- Donnerwetter -- --«
Er stürmte fort. Sein Protektor, Exzellenz Usen, sollte ihm Rede stehen. Er erwischte ihn, als der alte Herr sich gerade einen Kognak von einem Diener reichen ließ.
»Was soll denn los sein, Bester!« antwortete er, den Kopf in den gedrungenen Nacken werfend den Kognak hinuntergießend, »gar nichts ist los! Biese und Zernin haben sich ein bißchen gekabbelt, und Zernin hat sich dabei ganz anständig benommen. Vielleicht schießen sie morgen ein paar Kugeln in die Luft -- vielleicht auch nicht. Das hat nichts auf sich. Tun Sie nur so, als hätten Sie gar keine Ahnung von dem Zwischenfall!«
Das war maßgebend für Schellheim. Exzellenz Usen war wie das Evangelium für ihn.
Er mischte sich wieder unter die Gäste. Der Aufbruch der einen Partie versetzte die ganze Gesellschaft in Unruhe. Man rief nach den Dienern. »Der Schönwaider soll anspannen!« -- »Der Klein-Güstener auch!« -- »Der Wagen von Wernochow!« Schellheim versuchte vergeblich, diesen und jenen noch ein halbes Stündchen zurückzuhalten. Alles empfahl sich mit größter Herzlichkeit. Es sei reizend gewesen, ganz reizend -- auf baldiges Wiedersehen! -- Auch Hauptmann Biese merkte man nichts von dem Streit im Rauchzimmer an, hinter dessen Geheimnis Schellheim noch immer nicht gekommen war. Er drückte dem Kommerzienrat warm die Hand und nannte ihn »lieber Nachbar«. Im allgemeinen Aufbruch empfahl sich auch Klaus, höflich, liebenswürdig, etwas zurückhaltend. Vor Hedda verbeugte er sich nur. Dicht hinter ihm sauste der phantastische Schwanenschlitten der Woydczinska den Abhang hinab.
Vor dem Portale hielt die lange Reihe der Wagen und Schlitten. Ihre Lichter glänzten durch die Schneenacht. In der kleinen Entree drängten sich die Gäste, bereits in Plaids gehüllt, in Pelze, Decken und Mäntel. Die Hakennase des Majors von Nehringen lugte wie ein Fanal aus dem hochgeschlagenen Kragen. Das kleine C des Oberförsters mußte sich noch den dicken Shawl des Papas um Hals und Mund wickeln lassen. »Aber, Mama,« ächzte der Backfisch, »ich kriege ja gar keine Luft!« -- »Kriege keine,« erwiderte die energische Mutter; »wenn du morgen hustest, mußt du im Bett bleiben und schwitzen«.... Exzellenz Usen sah in seinem verschossenen Militärmantel und der flauschigen Jagdmütze wie ein Riesenpilz aus vorsündflutlichen Zeiten aus. Doktor Stramin hatte rasch noch den Landrat in eine Ecke gezogen und erzählte ihm von zwei Sozialdemokraten, die sich in Zielenberg eingenistet hätten. »Ein Schuster und ein Klempner, Herr von Wessels, und das wühlt von unten auf, das frißt sich in die Höhe, das vergiftet alles, wenn man nicht rechtzeitig einen Riegel vorschiebt ...« Er schwatzte immer noch weiter, während draußen sein Wagen wartete.
In der Halle verabschiedete sich Eycken von den Gastgebern.
»Nein, ich habe keinen Wagen,« sagte der Pastor auf eine Frage Schellheims und reckte seine hohe Patriarchengestalt, »ich geh' die paar Schritte gern zu Fuß. Ich liebe die Winterlüftung. Wegen der Kinderheilanstalt sprechen wir noch, Herr Kommerzienrat. Wir sprechen noch über manches. Es ist vielerlei hin und her zu überlegen. Auch das mit dem Zernin.«
»Seien wir doch froh, wenn er noch einmal ein tüchtiger Mensch wird, lieber Herr Pastor!« entgegnete Schellheim.
»Froh?! Du lieber Gott, _wie_ würde ich dem Himmel danken! Aber -- -- #nous verrons#, lieber Herr Rat, ich tu' vielleicht unrecht, daran zu zweifeln. Meine Empfehlungen, gnädige Frau!«
Er küßte ihr die Hand. Dann schritt er grüßend durch die Reihen der Gäste und trat ins Freie. Der Schnee knirschte nicht; es war lauer geworden. Zarte Flocken stäubten durch die Luft. Am Himmel glänzte die Sternenwelt; nur im Osten baute sich eine weiße Wolkenmauer auf, aus der phantastische Arabesken emporragten, wie geflügelte Untiere und greifende Riesenhände. Der Pastor schritt, in seinen leichten Havelock gewickelt, den Parkweg hinab. Auf seinem großen Rundhut bildeten die Schneeatome einen feinen, glänzenden Kranz. Wie der Greis so aufrecht einherging, kräftig ausschreitend und den schönen Kopf stolz erhoben, konnte man ihn für einen Mann in den besten Jahren halten, für einen Vierziger. Nur der lange Bart von der Farbe des Schnees, den der Wind auseinanderwehte, vereitelte die Täuschung.
An Eycken vorüber rollten die Wagen und klingelten die Schlitten. Er war schon außerhalb des Parks, als er hastig zur Seite springen mußte. Der Schwan der Woydczinska fuhr dicht neben einem zweiten Schlitten, und beide Gespanne füllten die Breite des Fahrwegs aus.
Der Pastor hörte ganz deutlich die Stimme der Woydczinska:
»Also bestimmt übermorgen, nicht wahr? Nicht zu spät -- so zwischen sechs und sieben ...«
Und eine Männerstimme aus dem zweiten Schlitten antwortete:
»Wenn ich es einrichten kann -- aber ich hoffe ...«
Das war das klingende Organ Zernins. Der Pastor strich glättend über seinen zerflatternden Bart. Ein neues Mißtrauen regte sich in seiner Brust, doch ärgerte er sich darüber. Wahrlich, es war nicht christlich und nicht menschlich, immer das Schlechteste zu denken! --
Oben vor dem Schloßportal schrie Exzellenz Usen nach seinem Kutscher. Der Mann hatte zu viel getrunken; eine Wolke von Schnapsdunst umwogte ihn. Usen schimpfte fürchterlich.
»Köpfen müßte man dich lassen, Hundesohn, vierteilen, rädern!« ... Und dann schob er dem schweigenden Kutscher seine eigne brennende Zigarre in den Mund, kletterte neben ihn und nahm selbst die Zügel in die Hand.
»Halt dich fest, Saufsack!« schrie er. »Wenn du in den Graben fällst, laß ich dich liegen!«
Seine Peitsche knallte; die Gäule bäumten sich auf und rasten davon.
»Gott sei dem Kutscher gnädig,« meinte Hellstern, vor die Tür tretend. »Wenn der Pascha selber fährt, geht's wie der Deibel. Adjö, lieber Herr Schellheim!«
Auch Hedda reichte Gunther, der vor dem Portal die letzten Honneurs machte, die Hand. »Wenn Sie noch einige Tage bleiben,« sagte sie freundlich, »so holen Sie mich doch wieder einmal zum Schlittschuhlaufen ab. Apropos, was macht der Schnupfen?«
»Danke, gnädiges Fräulein,« erwiderte Gunther heiter und drückte beseligt die ihm dargereichte Hand, »ich niese mich vorläufig noch weiter durch die Welt.«
Und er blieb draußen stehen, bis die schwerfällige alte Kalesche davongerasselt war.
Im Schlosse erloschen die Lichter. Die Diener huschten aufräumend hin und her. Aus dem Speisesaal tönten das Klappern der Teller, die wieder in das Büffet gepackt wurden, und das helle Klirren des Silbers.
»Es war sehr gelungen,« sagte der Kommerzienrat, der nach jeder Festlichkeit in seinem Hause Kritik zu üben pflegte. »Im allgemeinen wenigstens. Die Sauce zu den Artischocken hätte etwas sämiger sein können. Wenn man schon Sauce zu den Artischocken gibt, muß sie auch tadellos sein. Aber die meisten merkten es gar nicht; man ist hier doch noch etwas zurück. Und dann kam das Bier zu spät. Was zwischen Herrn von Zernin und dem dicken Biese vorgefallen ist, weiß ich nicht. Ich will es auch nicht wissen, und ihr« -- er meinte damit seine Frau und Gunther -- »wißt es ebenfalls nicht, wenn ihr's auch wirklich wüßtet. Denn über so etwas sieht man hinweg. Gunther, ich hoffe, der morgige Tag wird ein Freudentag für uns werden. Hellstern ist ein Ehrenmann; unter den Schlacken der Vorurteile sitzt doch ein wahrhaft adliges Herz. Und Hedda erst! Gunther, ich gestehe dir offen, ich bin besiegt.«
Er umarmte seinen Sohn und küßte auch die Rätin, der über so viel ungewohnte Liebe die Augen zu tränen begannen, auf die Stirn. Die Diener schlichen auf den Zehenspitzen an der Gruppe vorüber und wunderten sich.
* * * * *
Derweilen entschied sich das Schicksal des armen Gunther.
Hellstern hatte die Absicht gehabt, erst am nächsten Morgen beim Frühstück mit Hedda Rücksprache zu nehmen. Das war nämlich jene Stunde des Tages, in der alle beide am zugänglichsten waren. Sie saßen sich dann gegenüber am Teetisch, der vor den einzigen Kamin des Hauses -- im sogenannten Saal -- geschoben war, und es war auch die einzige Zeit am Tage, da in diesem Kamin ein lustiges Feuer loderte. Er brauchte viel Holz und man mußte sparen. Am selben Platze hatte man auch schon zur Zeit, da die Baronin noch am Leben war, das Frühstück eingenommen, und es war immer, als sei der Geist der Verstorbenen um diese Stunde den beiden besonders nahe.
Aber der Entschluß Hellsterns änderte sich, als er neben Hedda im Wagen saß und den Auberg hinabfuhr. 'Es ist besser, du machst die Geschichte kurzerhand ab,' sagte er sich. In Wahrheit brannte es ihm auf der Seele, zu erfahren, wie Hedda über die Werbung dachte. Er bildete sich ein, sein Töchterchen auf das genaueste zu kennen; wenn man verliebt ist, benimmt man sich nicht so wie alle Tage. Er räusperte sich in seiner lauten und derben Weise.
»Ja, Vater!« fragte Hedda und zuckte in ihrem Winkel wie erschreckt zusammen. »Sagtest du etwas?«
»Herrjeses, Hedda, ich glaube wirklich, du fängst mir an, nervös zu werden! Wenn ich mal 'hm' mache, erschrickst du, als ob es eingeschlagen hätte. Nein, ich sagte nichts, aber ich _wollte_ etwas sagen. Nämlich -- denke dir, da hat der Kommerzienrat mit mir gesprochen --«
»Wegen der Quelle?«
»Nein -- deinethalben.«
Jetzt richtete Hedda sich verwundert auf. Sie schob die weiße gestrickte Kapuze, die sie bei winterlichen Fahrten über Land zu tragen pflegte, etwas weiter aus der Stirn und schaute den Alten mit ernsten Augen an.
»Meinetwegen?« fragte sie. »Was heißt das, Papa?«
Hellstern haschte nach der rechten Hand Heddas.
»Kuschle dich mal ein bißchen enger an mich heran, Kind,« entgegnete er. »So -- und nun lege den Dickkopf an meine Schulter -- so -- und gib mir auch noch das andre Pfötchen.... Sage mal, warum klopft denn dein Herz so stark?«
»O, es klopft nicht stärker wie sonst!«
»Doch -- ich spüre es. August soll dir meine Baldriantropfen bringen.«
»Schön. Also, was wollte der Kommerzienrat?«
Hellstern drückte die Hände Heddas fest.
»Er wollte dich für seinen Jungen, den Gunther, haben.«
Es fuhr wie ein elektrischer Strom durch die Glieder Heddas.
»Das ist eine Unverschämtheit!« rief sie empört. Aber sofort tat ihr dieser Ausruf leid. »Das ist naiv,« fuhr sie, sich selbst beschönigend, fort. »Wie kommt der Rat auf eine so absonderliche Idee?«
»Gunther hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Er meint, er liebe dich. Und es muß doch wohl die Hoffnung in ihm leben, du würdest seine Liebe nicht so ohne weiteres fortweisen.«
»Berechtigung zu dieser Hoffnung habe ich ihm nicht gegeben, Vater.«
»Wenn du es sagst, glaube ich dir's aufs Wort. Aber man täuscht sich oft in so subtilen Empfindungen. Gunther mag in seiner Schwärmerei eine Liebenswürdigkeit deinerseits für Entgegenkommen gehalten haben. Ganz sicher war er seiner Sache zweifellos nicht; immerhin war es taktvoll von ihm, daß er durch seinen Vater sozusagen erst die Fühler ausstrecken ließ.«
Hedda schüttelte den Kopf.
»Mir ist es unklar, Papa ...«
»War es mir auch, Herzenskind. Ich kenne dich doch. Ich hätte schon gemerkt, wenn dein Herz lebendiger geworden wäre. Und ich gesteh' dir offen, ich wurde ein klein bißchen eifersüchtig, als der Kommerzienrat mit mir sprach. Es kam auch ein Gefühl von Kränkung und Zurücksetzung dazu. Ich fragte mich: 'Bist du denn nicht der Erste, dem sich dein Kind anzuvertrauen hat, wenn es sich um so wichtige Dinge, um Herzens- und Lebensfragen handelt?'«
Hedda antwortete nicht. Sie dachte an jene Zeit, da die Liebe zum erstenmal wie Frühlingsbrausen und Wettersturm durch ihr Herz gezogen war. Gleich einer Träumenden war sie damals umhergewandelt, war blasser geworden und abgemagert -- und der Vater hatte nichts gemerkt. Und nach einer endlos langen und bangen Nacht war sie in ihrer Seelenqual schließlich zu dem alten Pastor hinübergelaufen, statt sich an der Brust des Vaters auszuweinen.
Hellstern räusperte sich wieder.
»Ich muß noch einiges sagen, Hedda,« begann er von neuem. »Auch der Kommerzienrat hat die heikle Sache mit taktvollen Händen angefaßt -- wie ein Mann von Welt, ich kann es nicht leugnen. Aber er setzte doch gleich mit Zukunftsmusik ein; es herrscht eine ausgesprochene Wagnersche Atmosphäre in dem Hause. Er will Döbbernitz kaufen und ein Fideikommiß für Gunther daraus machen; da solltet ihr denn im Sommer leben --«
»Auch das noch!« murmelte Hedda.
»Und im Winter ein paar Monate in Berlin oder auf Reisen -- ganz, wie es euch passen würde. Er sagte das alles eigentlich ohne Protzigkeit; er hat mir heute abend viel besser gefallen als sonst.... Sieh einmal, Hedda, wir sind arm, und ein andres, viel glänzenderes Leben würde ja zweifellos für dich beginnen, wenn du den Gunther heiratetest. Es ist auch kein unübler Mensch. Ich würde schließlich selbst nichts gegen das Bürgerliche sagen; um der Kinder willen ließe sich der Adel schon beschaffen, obwohl derlei frische Backware auch nicht nach meinem Geschmack ist. Aber die Hemdenindustrie gefällt mir nicht. Ich bin kleinlich in solchen Dingen -- ich weiß es --«
Hedda entzog ihre Hände dem Vater und setzte sich wieder aufrecht in ihre Ecke.
»Das ist in der Tat kleinlich, Papa,« erwiderte sie. »Wir haben schon einmal über den Punkt gesprochen. Ob Hemden oder Geschütze, was ist da der Unterschied? Die Welt braucht beides, und Hemden vielleicht noch nötiger als Kanonen. Wenn irgend ein junger Krupp um mich anhielte, würdest du keine Bedenken haben. Aber wir wollen nicht von neuem streiten. Es handelt sich weder um Kanonen noch um Hemden, sondern um mein Herz.«
»Richtig, Hedda! Das ist der Punkt, um den sich alles dreht.«
»Was hast du Herrn Schellheim geantwortet?«
»Daß ich mit dir sprechen und ihm morgen Antwort geben würde.«
»So schreibe ihm, aber, bitte, in höflichster Form, daß sein Sohn sich in eine Täuschung hineingelebt habe, und daß ich es noch nicht -- für an der Zeit hielte, über mein Herz zu entscheiden.«
Hellstern nickte.
»Gut; das werd' ich ihm schreiben. In höflichster Form -- ich will den Leuten ja nicht wehe tun.«
Er blieb noch einen Augenblick still sitzen. In einer raschen, heiß aufsteigenden Aufwallung nahm er dann Heddas Kopf zwischen die Hände. Er küßte sie stürmisch.
»Mein Liebling,« stammelte er; es klang wie verhaltenes Schluchzen. Er tastete über ihre Wangen und streichelte sie. Er war so selig, daß er sein Kind noch behalten durfte.
Der Wagen hielt. August, mit einer Stalllaterne in der Hand, öffnete den Schlag. Auch Dörthe war noch auf. Sie fragte, ob die gnädigen Herrschaften vielleicht noch Teewasser wünschten.
»Nein, Dörthe,« erwiderte Hedda; »wir gehen gleich zu Bett. Wir sind müde. Gute Nacht, Papa -- schlaf wohl!«
Er küßte sie nochmals, und da er fühlte, daß ihre Hände kalt wie Eis waren, wandte er sich an Dörthe.
»Hast du dem gnädigen Fräulein eine Wärmflasche in das Bett gelegt?«
»Jawohl, Herr Baron.«
Er war zufrieden. Hedda stieg die Treppe hinauf in ihr Zimmer, stellte das Licht auf den Nachttisch und begann sich langsam zu entkleiden. Es war merkwürdig -- sie fühlte sich wirklich grenzenlos müde und dabei so zerschlagen in allen Gliedern, als ob sie einen weiten Marsch hinter sich habe. In Korsett und Unterrock setzte sie sich auf den Bettrand und faltete die Hände. Ein holdes Lächeln flog über ihr Gesicht. Der Gedanke, geliebt zu sein, ist immer süß für das Herz des Weibes. Aber das Lächeln erstarb rasch. Sie dachte an den zurück, den sie nicht vergessen konnte, und seufzte.
An der Tür klopfte es leise.
»Was gibt's noch?« rief Hedda.
Die Tür öffnete sich ein wenig; eine Hand, die ein Fläschchen hielt, und ein Arm wurden sichtbar. »Der Baldrian, gnädiges Fräulein,« sprach Augusts Stimme, »und drei Stückchen Zucker. Zwanzig Tropfen, lassen der Herr Baron sagen, und wenn gnäd'ges Fräulein in der Nacht aufwachen sollten, dann nochmal zwanzig.«
Hedda nahm dankend die kleine Flasche und ging zu Bett. Sie löschte das Licht, betete und zog das Federkissen hoch. Aber was nützte der Baldrian! Unerträglich war die Hitze, die die Wärmflasche ausströmte, und Hedda schob die Bettdecke wieder weit zurück. Dörthe hatte auch das Zimmer geheizt -- gegen ihren ausdrücklichen Befehl. Es war nicht auszuhalten. Eine krause Gedankenflut durchwirbelte des Mädchens Kopf. Sie wollte sich beruhigen und zündete abermals das Licht an. Dabei fiel ihr Blick auf das Pastellbild über ihrem Bette; es stellte die verstorbene Mutter dar.
Ihre Augen wurden naß. 'O du liebes Mütterchen, wenn du doch noch lebtest!' dachte sie. 'Dir wollte ich sagen, wie mir's ums Herz ist! Und du würdest auch Rat und Trost finden und würdest mir helfen und mich aufrichten in all meinem Gram. Ich weiß ja, wie unrecht ich tue, daß ich mich dem Papa gegenüber verschließe. Er liebt mich doch auch, aber er ist zu rauh, und er haßt -- ihn. Und jedes Schmähwort gegen ihn ist mir wie ein Messerstich. Ich kann doch nicht anders ...'
Sie hatte sich im Bette aufgerichtet und sprach so geraume Zeit in sich hinein. Dann fühlte sie einen leisen Frostschauer über ihre Schultern rinnen und kroch wieder unter die Decke. Mitten in der Nacht wachte sie auf. An den Fensterläden rüttelte und schüttelte es. Ein Sturm schien die schlafende Winternatur in Aufruhr bringen zu wollen. Der Wind pfiff; hin und wieder hörte Hedda auch das Geräusch eines losgerissenen und über das schräge Dach polternden Ziegelstückes. Aber sie hörte in ihrer erregten Phantasie noch mehr. Sie hörte sich rufen -- klagend, schmerzend und schreiend. Und bald war es Gunthers Stimme, die nach ihr rief, bald die Stimme von Klaus. Mit zitternden Händen entzündete sie zum drittenmal das Licht. Der Baldrian stand noch immer auf dem Nachttisch. Aber was nützte der.
* * * * *
Der Sturm hatte gewaltig gehaust. Die Strohdächer der Kossätenhäuser unten im Dorfe sahen verstrobelt aus, als hätten Riesenfäuste sie zerzaust. Eine Anzahl Bäume war geknickt und entwurzelt worden. Den Schnee aber hatte die Windsbraut zu großen Haufen zusammengeweht, pyramidenförmig, hie und da auch in Schlangenlinien auseinandergequirlt und an den Stämmen und Wänden in die Höhe gebürstet, wo er dann in der Kälte der Morgenfrühe angefroren war und wunderliche Gebilde und Muster zeigte: schwere Spitzensäume und Lilien mit großen offenen Kelchen und tausendfach verschiedene Arabesken.