Aus tiefem Schacht

Part 11

Chapter 113,617 wordsPublic domain

»... Daß Oberlemmingen einer neuen, zukunftsfrohen Ära entgegengeht -- ja, ja, mein alter, verehrter Freund Hellstern --, daran zweifle ich nicht. Ich höre, daß _mit_ unserm liebenswürdigen Wirt noch ein andrer Eingesessener des Kreises an die Spitze des Unternehmens treten will, -- und ich hoffe, daß das frisch sprudelnde Wasser in der Buchenhalde auch für _ihn_ ein _Heil_quell werden wird. Nach Heilung dürsten wir schließlich alle, und wenn es uns noch so gut ergeht. Denn jede Heilung ist ein Besserwerden, und wen gibt's, der selbstlos genug wäre, es sich nicht besser zu wünschen, als er es hat! Ach nein, gestehen wir es uns: wir sind Egoisten, und auch ein Stück Pharisäertum schlummert in unsrer Brust. Neben der Hoffnung auf das Besserwerden wohnt Tür an Tür das Besserdünken. Und so kommt es leicht, daß der Pharisäer in uns sich gewaltig reckt, wenn einmal der Mitmensch gefehlt und geirrt hat. Ich hatte einen Freund unten im Orient, der war weise und gut, aber er trank Wein und nicht wenig, und das durfte er nicht, denn er war Mohammedaner. Und wenn man ihm sagte, daß er sündige, so antwortete er: 'Geh hin nach Chanimbaïri und sieh, ob _du_ nicht sündig bist.' Dort liegt nämlich ein Brunnen, von dem die Sage erzählt, daß im Wasserspiegel sich Flecken zeigen, wenn ein sündhafter Mensch hineinschaut. Und so mein' ich auch -- ehe wir verdammen und verurteilen, gehen wir nach Chanimbaïri ...«

Der Schluß war kurz; er galt den Gastgebern. Man nahm fröhlich das Hoch auf, dann aber zog, während auch die dicke Exzellenz wieder Platz genommen hatte, ein ganz leiser Hauch von Verstimmung oder wenigstens von Befremdung durch die Gesellschaft. Man hatte verstanden. Herr von Usens Blick hatte bei seinen Worten deutlich den Döbbernitzer Zernin gestreift. Der war gemeint. Der sollte im Verein mit dem Kommerzienrat die Quellengeschichte »entrieren« -- gerade der, der dem Bettelstab nahe war --, gerade der. Und unzweifelhaft war die Rede Usens ein Rehabilitationsversuch für Klaus von Zernin gewesen. Wie kam Usen dazu? Er hatte schon vorher dem verlotterten Döbbernitzer so merkwürdig herzlich die Hand geschüttelt -- was sollte das alles heißen?! Herr von Wessels, der Landrat, lächelte sein feinstes diplomatisches Lächeln, und der Kammerherr von Ponteck flüsterte seiner Nachbarin zu: »Prost, meine Gnädigste -- also gehen wir nach Kaminbirrira, oder wie das Ding heißt ...«

Zernins Gesicht hatte sich gar nicht verändert. Er spielte zuerst mit der Nelke, die neben seinem Teller lag, und hierauf mit einem kleinen goldenen Crayon, den er aus der Westentasche genommen hatte. Und auf einmal zog er seine Tischkarte näher und kritzelte ein paar Worte auf deren Rückseite. Dann schob er die Karte unbemerkt seiner rechten Nachbarin zu.

Hedda, die durch die Rede Usens eigentümlich berührt wurde, und auf deren Wangen Röte und Blässe wechselten, warf einen raschen Blick auf die Schrift und preßte die Zähne zusammen. Sie las: »Kann ich dich morgen nachmittag fünf Uhr auf wenige Minuten allein sprechen? -- Am alten Platz.«

Wie in mechanischer Spielerei nahm sie die Karte und zerriß sie.

»Nein!« sagte sie kurz.

Nur einer am Tische schien die kleine Episode bemerkt zu haben: der Pastor. Er sah sehr ernst aus; etwas wie eine folternde Sorge lag auf seinem schönen, alten Gesicht.

Der Kommerzienrat winkte seiner Gattin; man erhob sich. Die ganze Gesellschaft flutete in die Salons zurück, und wieder schwirrte, während man sich »Gesegnete Mahlzeit!« wünschte, die Unterhaltung lebhaft auf. Jetzt drückte nicht mehr von allen Gästen Usen allein Herrn von Zernin die Hand; drei, vier, fünf andre folgten. Auch die Oberförsterin lächelte, als Klaus sich stumm vor ihr verneigte. Die Woydczinska strich dicht an ihm vorüber.

»Kommen Sie übermorgen abend,« flüsterte sie ihm zu; »eine Cousine aus dem Polnischen ist bei mir zu Besuch. Wir wollen eine neue Sektmarke proben ...«

Als Herr von Usen dem Kommerzienrat die Hand drückte, fragte er halblaut:

»So war es gut, dächt' ich --«

»Ganz ausgezeichnet, Exzellenz -- tausend Dank, tausend Dank --«

»Aber nun eine Zigarre als Belohnung --«

Schellheim nahm Usen unter den Arm und führte ihn in das Rauchzimmer. Die meisten Herren hatten sich bereits hierher zurückgezogen; Hauptmann Biese rauchte schon eine kolossale Upmann, die das Werk des Abends krönen sollte. Die Diener brachten Kaffee und Liköre; man fühlte sich sehr behaglich.

Es war selbstverständlich, daß das Thema von der Quelle nicht abriß. Aber der Kommerzienrat wich geschickt aus; es machte den Eindruck, als wolle er nicht vor der Zeit von der Sache sprechen. An seiner Stelle gab der Landrat einige Einzelheiten. Gewiß, die Graue Lehne war Bauernterrain -- die Quelle gehörte den Möllers, aber der Kommerzienrat war der Geldmann. Er war sozusagen der treibende Faktor. Die Formalitäten waren bereits abgeschlossen: Kommanditgesellschaft -- eine Bank beteiligte sich nicht. Und im Mai sollte die Einweihung sein, das stand fest.

Hauptmann Biese, der mit seiner Upmann im Munde in einem Fauteuil neben dem Kamin lag, sah sich im Kreise um. Nur der Landrat, der Kammerherr von Ponteck, der Wernochower Klitzingk, Oberförster Tornow und der Schönwaider waren im Augenblick im Zimmer -- da konnte man schon ein bißchen klatschen.

»Aber hören Sie mal, meine Herren,« sagte Biese mit seiner fetten Stimme, »das mit dem Döbbernitzer -- unter uns -- ist doch ein Wagnis. Das ist doch eine verfluchte Geschichte -- nicht?«

Der Landrat zuckte die Achseln.

»Warum denn, lieber Herr Nachbar? Es wär' ja recht gut, wenn der arme Kerl wieder ein bissel in die Höhe käme!«

Aber der alte Baron Klitzingk strich seinen weißen Katerbart und schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr von Wessels,« erwiderte er, »ich kann Ihnen in diesem Falle nicht recht geben. Exzellenz Usen meint zwar, wir sollten nach -- Dingsda gehen und sehen, ob wir nicht auch sündig wären -- na, ich habe aus meinem Herzen nie eine Mörderhöhle gemacht, aber ich bin doch der Ansicht, daß Zernin besser getan hätte, sich nach Amerika zu drücken. Er hat's _zu_ toll getrieben --«

»Ach was -- der alte Bismarck hat's auch toll getrieben, als er noch auf Kniephof saß, und ist doch ein ganzer Mann geworden!«

»Wird sich der Zernin denn auf Döbbernitz halten können?« warf der Oberförster ein.

Die Meinungen waren geteilt. Herr von Nehringen wollte wissen, daß Schellheim Döbbernitz im Interesse Zernins administrieren lassen werde. Herr von Ponteck vermutete, er wolle es kaufen -- daher seine Bemühungen, Zernin eine neue Position zu schaffen.

Biese meinte, der Kommerzienrat sei eine »ganz schlaue Unke«. Er sprach von seinem Gastgeber nicht im freundlichsten Tone. Das ärgerte schließlich den Landrat.

»Erlauben Sie, Herr Nachbar,« sagte er, »wir befinden uns noch immer unter dem Dache des Kommerzienrats ...«

In der Halle hatte man Whisttische aufgestellt. Die Damen saßen im ersten Empiresalon und sprachen von häuslichen Dingen. Im Augenblick wurde die Frage erwogen, ob sich Eingemachtes besser in verlöteten Blechbüchsen oder in hermetisch verschlossenen Gläsern halte. Frau Necker aus Klotschow führte das Wort. Nebenan kicherten die Backfische. Sie unterhielten sich über Toilettefragen; im Februar sollte in Zielenberg der Landschaftsball stattfinden, und das war immer ein Ereignis.

Zernin hatte rasch ein paar Züge Zigarette geraucht und war dann in die Salons zurückgekehrt. Sein Herz klopfte ungestüm. Er fand selbst, daß er nicht mehr der alte war. Er war in grimmigster Laune und durfte sie nicht austoben lassen. Er wußte ganz genau, daß die Rede Usens eine abgekartete Sache war -- so eine Art »Restitutionsedikt« für ihn. Aber nichtsdestoweniger war sie brutal und taktlos gewesen. Er kam sich unglaublich lächerlich vor in der Rolle des reuigen Sünders. Im Grunde seines Herzens war ihm die ganze Gesellschaft der Umgegend heute genau so gleichgültig wie früher; heimlich »pfiff« er noch immer auf die Welt. Aber es half alles nichts; er mußte katzbuckeln und ein frommes Gesicht machen, wenn die Wellen nicht über ihm zusammenschlagen sollten.

Er suchte Hedda. Er mußte noch ein Wort mit ihr sprechen. Sie hatte sich mit der Woydczinska unterhalten und fragte nun nach ihrem Vater.

»Der sitzt schon beim Whist,« antwortete Klaus.

»Gut so. Da ist er untergebracht. Mit wem spielt er?«

»Mit dem Pastor und dem Kreisphysikus, -- ungefährliche Leute, die sich widerspruchslos anschnauzen lassen ...«

Die beiden standen am Ofen, halb verdeckt von einem großen, kunstvoll gestickten Schirm mit goldenen Bienen, der aus St. Cloud stammen sollte. Kein Mensch war in ihrer Nähe. Von nebenan hörte man die scharfe Stimme der Frau Necker-Klotschow, die von ungezuckerten Pfirsichen sprach.

Zernins Blick bohrte sich in die Augen Heddas. Er fand, daß sie noch schöner geworden war, reifer; sie stand im Sommer ihrer Jungfrauenschaft.

»Also nicht, Hedda?« fragte er.

Sie verstand sofort. »Nein,« antwortete sie, »ich will nicht.«

»Ich begreife dich nicht. Hast du Angst vor mir?«

»Die hatte ich nie; höchstens sorgte ich mich um dich.«

»Aber heute nicht mehr?«

»Was sollen diese Fragen, Klaus? Ich habe zu meiner großen Freude gehört, daß es mit dir wieder bergauf geht. Daß mich der Gedanke anfänglich erschreckt hat, dich künftighin häufig sehen zu müssen, war nur natürlich. Aber ich bin schon beruhigt. Mein Schreck war Torheit. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir sind uns ja auch klar darüber geworden, daß wir uns nichts mehr zu sagen haben, was nicht die ganze Welt hören könnte. Seit anderthalb Jahren sind wir uns darüber klar. Und es ist heute nicht anders als damals.«

Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Ruhe, mit der sie sprach, brachte sein Blut in Wallung.

»Ich danke dir. Du findest immer den rechten Ton. Ist es dir denn _so_ leicht geworden, dich von mir zu trennen? Soll ich dir erzählen, was _ich_ gelitten habe? Soll es _ganz_ aus sein zwischen uns? Hedda, hast du gar nichts mehr für mich übrig?!«

Sie fühlte, daß sie eine krankhafte Empfindung von Schwäche beschlich.

»Laß mich, Klaus,« bat sie; »quäle mich nicht ...«

Er richtete sich straff auf.

»Also gut,« sagte er. »Legen wir wieder die Maske vor. Es geht weiter bergauf. Es geht im Galopp bergauf, Hedda. Du hast gesehen, wie man mir mit gütigen Händen die Bahn ebnet. Der dicke Usen und Schellheim sind mir als rettende Englein zur Seite gestellt worden -- das Weltkind in der Mitte. Ich werde noch ein reicher Mann werden und ein sehr solider Philister. Der Kommerzienrat hat auch schon eine Frau für mich #in petto# -- irgend ein Judenmädel mit märchenhafter Mitgift. Es geht in der Karriere bergauf, Hedda ...«

Sie starrte ihn an, als begreife sie nicht, was er sprach. Ein Ausdruck zynischen Hohns lag auf seinem Gesicht. Es war wie eine Erlösung für sie, daß in diesem Augenblick Gerlinde Ponteck in das Zimmer trat, um sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rate zu ziehen: Auguste, Berta und Constance Tornow wollten auf den Landschaftsball in Weiß, Blau und Rosa gehen, doch war Gerlinde der Meinung, daß die drei Schwestern gleichmäßig Weiß tragen sollten -- ob Hedda das nicht auch hübscher finde?

»Natürlich,« sagte Zernin, »alle drei weiß, wie die Tauben, oder nein, wie ein Schwanentrio. Denn Weiß ist die Farbe der Unschuld und schon aus diesem Grunde jungen Mädchen bestens zu empfehlen. Aber Halsbänder aus schwarzem Samt dazu, wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf. Das gibt eine angenehme Abwechslung und erzielt einen pikanten Kontrast, dieweil die weiße Unschuld doch manchmal langweilig wirkt ...«

Fräulein von Ponteck lächelte krampfhaft, weil sie nicht wußte, wie sie sich diesem schrecklichen Menschen gegenüber benehmen sollte, und war froh, daß Hedda sie in das Nebenzimmer zog, um dort das A, B, C über die strittige Frage zu belehren.

Gunther hatte im Verlaufe des Abends wenig Gelegenheit gefunden, sich Hedda zu nähern. Er litt an beständigem Herzklopfen. Er hatte seinen Vater gebeten, den alten Freiherrn mit größter Delikatesse auszuhorchen, aber es schien, als sei es unmöglich, Hellsterns auf ein paar Minuten allein habhaft zu werden. In seiner fieberhaften Nervosität irrte Gunther von Zimmer zu Zimmer, langweilte sich bei den älteren Damen, scherzte mit den Backfischen, plauderte mit Zernin und setzte sich dann ein Viertelstündchen neben Frau Rittmeister Woydczinska, deren dunkle Schönheit auch auf ihn eine gewisse Anziehungskraft ausübte.

Mitten in der Unterhaltung aber versagte ihm das Wort. Er sah seinen Vater an der Seite Hellsterns durch die Zimmer schreiten. Der Kommerzienrat schien dem Alten die Räume zeigen zu wollen; er gestikulierte lebhaft, wies hierhin und dorthin, blieb zuweilen vor einem Bilde oder einer Statuette stehen und verschwand schließlich mit Hellstern im Speisesaal.

Jetzt wußte Gunther Bescheid. Jenseits des Speisezimmers lag das Arbeitskabinett seines Vaters. Dort waren die beiden ungestört -- und stärker hämmerte das verliebte Herz.

Es war so. Der Baron hatte keine Lust mehr, weiterzuspielen. Der Kreisphysikus hatte gewöhnlich die Cinq Honneurs und er lauter Ladons in der Hand; der Pastor aber spielte wie im Traume -- so etwas Schlafmütziges war noch gar nicht dagewesen. Da dankte man lieber.

Und diesen Moment hatte der Kommerzienrat abgepaßt. Hellstern sagte ihm ein liebenswürdiges Wort über die geschmackvolle Einrichtung des Schlosses, worauf Schellheim sich erbot, den Baron ein wenig herumzuführen. Im Arbeitszimmer hatte er ihn sicher.

Es war dies ein Turmgemach, ein runder Raum mit einem einzigen hohen Glasfenster in einer auf einen kleinen Balkon führenden Tür. Ein Hauch von Behaglichkeit wehte durch das Zimmer. Hellsterns Blick fiel zunächst auf einen großen eisernen Geldschrank und dann auf zwei Stahlstiche an der Wand: der Überfall reisender Kaufleute durch die Quitzows und die Verbrennung der Schuldscheine Kaiser Karls V. durch Fugger.

Schellheim sah, daß der Freiherr die beiden Bilder mit einem gewissen Interesse betrachtete, und er lächelte.

»Es sind zwei Mahnungen, Herr Baron,« sagte er. »Ein Appell an die Vorsicht und einer an die Generosität -- #»cave«# und #»noblesse oblige«#. Knöpfe die Taschen zu, sagt mir das eine Bild, und knöpfe sie auf, das andre. Jedes zu seiner Zeit. Ich liebe derartige kleine Denkzettel.«

»Allerdings,« entgegnete der Freiherr, »sind sie zweckmäßiger als ein Knoten im Taschentuch. Aber bedürfen Sie denn eines solchen Mementos? Ein Charakter wie Sie?«

»O, lieber Baron, Sie schmeicheln mir! Wäre ich in der Tat ein ganzer Charakter, dann wäre ich auch ein besserer Kaufmann. Man hält mich allerdings für einen hervorragenden Industriellen, aber in Wahrheit bin ich es nicht. Wenigstens nicht ganz. Auf der einen Seite steckt noch zu viel vom Krämer in mir, auf der andern zu viel kaufmännischer Aristokratismus. Und das verträgt sich schlecht. Irgend ein bekannter Volkswirtschafter -- war es nicht Friedrich List? -- hat einmal gesagt, die Kraft, Reichtümer zu erwerben, sei mehr wert, als der Reichtum selbst. Das ist ein großes Wort, denn wirklich: klingendes Kapital kann zerrinnen, aber die Gabe des Erwerbens stiehlt uns niemand. Ich will nicht sagen, daß ich sie nicht auch besitze, denn sonst hätte ich es -- immerhin -- nicht so weit gebracht. Doch hundertmal stelle ich mein Licht unter den Scheffel -- ach ja, es ist so. Wozu erwerbe ich Landgüter und lege meinen Besitz fest und zersplittere damit mein bürgerliches Erbe: die Kraft des Schaffens, die Möglichkeit des Gewinnens? Aus aristokratischer Neigung, die sich mit dem Geiste des kaufmännischen Bürgertums im Grunde genommen herzlich wenig verträgt. Und diese Neigung treibt mich noch weiter. Döbbernitz soll verkauft werden; ich hätte nicht übel Lust, es an mich zu bringen und meinem Zweiten fideikommissarisch zu sichern ...«

Er schob den schweren Arbeitssessel, der vor dem Schreibtische stand, neben Hellstern.

»Nehmen Sie einen Augenblick Platz, bester Baron,« sagte er, »Sie werden ermüdet sein.«

Hellstern ließ sich nieder und lehnte seine Krücken gegen den Stuhl.

»Ja,« entgegnete er kopfnickend, »ich bin ein bißchen müde. Die verdammte Ischias dörrt einem das Mark aus den Knochen. Also Sie spekulieren auf Döbbernitz? Ich dacht' mir's beinahe, als ich Zernin bei Ihnen sah. Es mußte einen Zweck haben --«

»Ah ja« -- und Schellheim lachte kurz auf --, »so viel Kaufmann bin ich denn doch! Aber andrerseits reizt es mich auch, Herrn von Zernin wieder auf die Beine zu helfen. Es steckt ja doch eine ganze Portion Tüchtigkeit in ihm. Und es berührt immer tragisch, einen großen und berühmten Namen verschmutzen und versumpfen zu sehen --«

»Seine eigne Schuld,« bemerkte Hellstern knurrig.

»Seine eigne Schuld -- freilich, freilich! Aber darum nicht minder tragisch. Sein Vater hat am Ruhme Preußens und Deutschlands erheblich mitarbeiten helfen, und der Sohn steht vor dem Untergange. Durch eigne Schuld, ganz gewiß -- Sie haben schon recht, Herr Baron. Aber ich erinnere Sie an die Worte Exzellenz Usens: seien wir nicht allzu pharisäisch! Aus Herrn von Zernin kann noch einmal etwas ganz Brauchbares werden, wenn er mit den alten Schulden aufgeräumt hat und man ihm ein klein wenig Beistand leistet.«

»Wird er Ihnen nicht zu viel für Döbbernitz fordern -- fordern _müssen_, um seine Gläubiger befriedigen zu können?«

»Ah nein -- ich kaufe nicht direkt, ich warte die Subhastation ab. Sie steht vor der Tür. Mit den ausfallenden Gläubigern werde ich Herrn von Zernin zu arrangieren versuchen. Es wird sich schon machen lassen.«

»Wenn der gute Wille da ist und eine geschickte Hand -- warum nicht. Übrigens, leicht wird es Ihnen nicht werden, auf Döbbernitz Ordnung zu schaffen. Der Junge hat alles verlottert. Seit Jahresfrist ist nichts mehr bestellt worden, wie mir Tornow erzählt. Auf den Wiesen wächst Schilf, und die Felder sehen wie eine Prärie aus.«

»Aber der Boden ist gut, und das Ausruhen wird ihm nicht viel geschadet haben.«

»Ist richtig. Und schließlich -- mit Geld ist alles zu machen.«

Jetzt zog der Kommerzienrat die Brauen sehr hoch.

»In gewissem Sinne, ja,« antwortete er. »Aber das Kapital, das ich in Döbbernitz hineinstecken muß, arbeitet nicht -- wenigstens vorläufig nicht --, und wenn es zu arbeiten beginnt, wird es auch nur eine geringe Verzinsung abwerfen. Ich sagte Ihnen ja: ein vollendeter Kaufmann bin ich noch lange nicht. Trotz alledem -- ich möchte dem Gunther ein behagliches Nest schaffen --«

»Sehr verständlich,« warf der Freiherr ein; »er wird ja auch einmal an das Heiraten denken.«

Schellheim fing diese Bemerkung auf. Gott sei Dank, nun war die Anknüpfung gefunden! Er hatte schon Sorge gehabt, den rechten Faden nicht erwischen zu können. Ein wenig in Unruhe war er doch. Er zog sich gleichfalls einen Stuhl heran und setzte sich Hellstern gegenüber. Seine Hände zitterten leicht.

»Ja natürlich,« entgegnete er, »an das Heiraten -- nötig wär's ja noch nicht -- er könnte immer noch ein paar Jahre warten. Aber -- na, er hat mich neulich ins Vertrauen gezogen, und da wir gerade unter uns sind, lieber Baron, möcht' ich mir auch ein paar vertrauliche Worte gestatten. Der -- der Junge ist nämlich in -- ist nämlich bis über beide Ohren verliebt, lieber Baron -- und in wen? Wissen Sie, in wen?«

»Ahnungslos,« sagte Hellstern, und dann schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. »Sapperlot -- etwa in die Woydczinska? Das ist ein deubelsmäßiges Frauenzimmer mit ihren Kohlenaugen!«

»I Gott bewahre! Das sollte mir fehlen! Nein -- in -- in -- in -- na, es muß einmal heraus -- in Baronesse Hedda!«

Hellstern war wie erstarrt.

»In Hedda?« fragte er, maßlos erstaunt. »In _meine_ Hedda?«

Der Kommerzienrat nickte.

»Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Baron, daß ich eine ernsthafte Aussprache mit ihm gehabt habe. Eine sehr ernsthafte. Ich habe ihm die Sache ausreden wollen. Trotz neunzehntem Jahrhundert und allen gegenteiligen Versicherungen sind wir noch nicht über die Klippen und Untiefen gewisser gesellschaftlicher Vorurteile hinweggekommen. Der uralte Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum scheidet auch uns zwei. Sie haben den Ruhm des historischen Namens, ich nichts als das stolze Bewußtsein, ein Emporkömmling zu sein. Nun ja, auch darauf bin ich stolz, denn was ich erreicht habe, erreichte ich durch mich selbst. Plebejerstolz meinethalben, doch auch ihn soll man respektieren. Und das war's, was mir Sorge machte, war der Grund, der mich dazu trieb, Gunther die Sache aus dem Kopfe zu reden: ich fürchtete, in meinem Stolze verletzt zu werden ...«

Der Freiherr hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er war sehr ernst geworden. Er hatte in diesem Augenblick nur das eine Empfinden: sich so zu beherrschen, daß er den Kommerzienrat nicht kränkte, nicht beleidigte. Denn in der Tat -- das wollte er nicht; es war doch etwas Respekteinflößendes in dem Wesen dieses Mannes, so meilenfern dessen Anschauungswelt auch der seinen lag.

Er ließ die Hand sinken.

»Zunächst die Hauptsache,« fragte er; »haben die beiden sich schon verständigt?«

Schellheim schöpfte tief Atem. Es flog sonnig über sein Gesicht. Eine strikte Absage hatte er nicht erwartet, aber ein langes Poltern. Und nun war Hellstern so ruhig, wie man ihn selten sah.

»Nein,« antwortete der Kommerzienrat, »sie haben sich noch nicht ausgesprochen. Aber -- Sie wissen, wie die Liebe forscht. Aus hundert kleinen Zügen hat Gunther die Berechtigung zur Werbung herleiten zu dürfen geglaubt.«

Hellstern schüttelte den Kopf.

»Hedda hat mir keinerlei Andeutungen gemacht, nicht die kleinste. Sie hat Gunther -- hat Ihren Herrn Sohn --«

»Sagen Sie ruhig Gunther, lieber Baron --«

»Hat Ihren Herrn Sohn ja doch auch erst zwei- oder dreimal gesehen! Freilich, das will nichts bedeuten. Ich lernte meine gute Selige des Abends kennen, und am nächsten Abend waren wir Brautleute. Aber es frappiert mich doch, daß Hedda -- nun, und _Sie_, Kommerzienrat? Abgesehen von Ihren prinzipiellen Bedenken: würde Ihnen die Heirat passen?«

Jetzt glaubte Schellheim seiner Sache sicher zu sein. Aber als kluger Mann triumphierte er nicht.

»Gott, Herr Baron,« erwiderte er, »ich bin kein Komödienvater. Ich habe das Für und Wider reiflich erwogen und mit meinem persönlichen Empfinden nicht hinter dem Berge gehalten. Und ich würde die Sache noch erheblich ernster aufgefaßt haben, wäre Baronesse Hedda eine andre. Aber _so_! Ich muß Ihnen sagen, lieber Baron, daß ich vor Baronesse Hedda die allergrößte Hochachtung habe --«

»Der Teufel soll dich holen, wenn du es nicht hättest,« dachte Hellstern.

»-- und daß ich sie wahrhaft schätzen gelernt habe. Gerade die Anspruchslosigkeit ihres Wesens -- das ist's, was mir so gut an ihr gefällt. Und ich meine, die hat sie von Ihnen gelernt, Baron, Sie sind auch so.«

»Wir sind alle so,« erwiderte Hellstern. »Der märkische Adel hat sich immer nach der Decke strecken müssen. Er hat immer um Leben und Existenz gekämpft, und brach einmal einer zusammen, so geschah's in Ehren, wie draußen auf dem Schlachtfelde. Mit Ausnahmen natürlich -- die gibt's überall. Und wenn die liberalen Zeitungen der Welt erzählen, daß unser Adel sein Geld verjuxt habe, so schwindeln sie einfach --«

Er hielt einen Augenblick inne. Sein Großvater fiel ihm ein, ein wilder Mann, von dessen unsinniger Verschwendungssucht ihm die Mutter oft genug erzählt hatte. Ein Schatten flog über seine Stirn, und er winkte mit der Hand.

»Und Ihre Gattin, Herr Kommerzienrat?« fragte er. »Wie denkt _sie_ über die Heirat?«