Part 10
»Das würde nur unhöflich sein, Papa,« erwiderte Hedda ruhig. »Vorderhand glaube ich noch nicht, daß Klaus im Auschlosse sein wird. Und wenn dennoch -- dann muß es _auch_ ertragen werden. Wir leben nun einmal in der Welt.«
Der Alte stampfte wütend mit seinen Krückstöcken auf den gefrorenen Schnee.
»Das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich den Burschen nur sehe!« rief er. »Mit welcher Frechheit er uns begrüßte! Lächelnd und gleichmütig, als ob gar nichts geschehen sei.... Vielleicht will ihm Schellheim wieder auf die Beine helfen -- haha! Da ist Hopfen und Malz verloren -- nicht einmal die Winterung hat er mehr bestellen können -- die Tagelöhner sind ihm davongelaufen -- im November war wieder einmal Subhastationstermin angekündigt! Ich verstehe nicht, daß Klaus nicht längst zum Teufel ist! Hätte er Ehrgefühl im Leibe, so hätte er sich schon vor drei Jahren nach Amerika scheren müssen! Pah -- Ehrgefühl -- _der_?! ...«
Hedda schwieg. Ihre Wangen brannten, aber der Vater konnte nicht ahnen, wie tief ins Herz sie jedes seiner Worte traf. Dennoch machte es ihn stutzig, daß sie keine Antwort gab. Sie opponierte sonst gern. Er blieb stehen und schaute sie an. »Was sagst du?!« fragte er.
»Nichts, Papa.«
»Warum nicht?! Ich glaube, du nimmst immer noch die Partei dieses ehrlosen Patrons?!«
Eine Flamme schlug über das Gesicht Heddas.
»Ich bitte dich, Papa -- bitte dich herzlich: wäg deine Worte ab! Noch immer zählt Klaus zu unsrer Verwandtschaft --«
»Längst nicht mehr!«
»Und wenn du ihn hundertmal von deiner Schwelle jagst -- er _bleibt_ unser Vetter! Vergiß das nicht! Und vergiß auch nicht, daß Leichtsinn noch keine Ehrlosigkeit ist --«
»Halt mal, Hedda --« und Hellstern erhob seine Krücken. »Ich war auch jung und ein Brausewind wie der da. Aber ich hielt mein Wappenschild rein. Er hat das seine besudelt. Du weißt nicht, _was_ er alles gemacht hat, um -- aber nein, dein Ohr, mein Kind, ist zu keusch, um diese Dinge zu hören. Nur eins laß dir sagen: ich hätte ihm nicht wie einem Banditen mein Haus verschlossen, wenn er _nur_ leichtsinnig gewesen wäre. Und auch nicht der Pastor, der mit dem alten Zernin so treu befreundet war wie ich. Wir hatten unsre guten Gründe, ihn abzuschütteln.... Nun gib mir einen Kuß!«
Er neigte den Kopf, und die Lippen Heddas berührten seine borstige Wange. Doch es war kein Kuß wie sonst. Ein heimliches Angstgefühl begann Hedda zu quälen. Fragen und Zweifel stiegen in ihr auf und noch ein andres quälendes Etwas -- das Gefühl, den doch nicht vergessen zu haben, den sie hatte vergessen _wollen_.
Siebentes Kapitel
Es war die erste größere Gesellschaft, die man auf dem Auschlosse gab. Der Kommerzienrat hatte Herbst und Winterbeginn dazu benutzt, auf den meisten Gütern im Kreise Besuch zu machen, und man hatte den reichen Mann fast überall mit offenen Armen empfangen. Der Grundbesitz in unmittelbarer Umgebung von Oberlemmingen befand sich fast gänzlich in bürgerlichen Händen. Nur Döbbernitz und Kleeberg, letzteres das Gut des Landrats von Wessels, waren Adelssitze. Aber auch aus weiterer Entfernung war eine Anzahl von Gästen eingetroffen: die Familie von Klitzingk auf Wernochow, der Kammerherr von Ponteck auf Klein-Güster, die Nehringens auf Schönwaide und schließlich auch -- der Stolz Schellheims -- Exzellenz von Usen-Karst auf Karstedt.
Es war zum Diner -- zu sechs Uhr -- eingeladen worden, eine für ländliche Verhältnisse ziemlich ungewöhnliche Zeit. In langer Reihe fuhren Wagen und Schlitten den Auberg hinauf. Das halbe Dorf war auf den Beinen, um die Auffahrt anschauen zu können. Man stand dicht gedrängt längs des Weges und machte zu jedem Gefährt seine Bemerkungen. Die aus der Umgegend kannte man an den Pferden, den Wagen, dem Kutscher. Da kam zuerst der riesige Verdeckschlitten des Oberförsters, dessen Kasten, die Arche Noah genannt, eine zahlreiche Familie beherbergte: Vater Tornow, die Mutter und drei Töchter, niedliche Dinger, die Auguste, Berta und Constance hießen, von dem die Kürze liebenden Oberförster aber nur A, B und C genannt wurden. Dann die Viktoriachaise des Hauptmanns Biese von Grochau, eines riesigen Menschen mit Bulldogggesicht, der eine ganz kleine, unendlich verschüchterte Frau besaß, -- der Schlitten der Frau Necker, einer reichen Rittergutsbesitzerswitwe, unförmlich dick und stets wie ein Puthahn gebläht, -- und der Klapperkasten des Doktor Stramin, des Kreisphysikus aus Zielenberg, den man eigentlich nie anders als auf der Landstraße sah: wenn die Praxis ihn nicht unterwegs hielt, reiste er als fanatischer Politiker im Auftrage des konservativen Wahlkomitees umher und hielt seine donnernden Reden, wo es nur angängig war.
Plötzlich ging eine Bewegung durch die Reihen der Zuschauer. Ein merkwürdiges Gefährt raste den Weg hinauf -- ein Schlitten in Schwanenform, in dem eine einzelne Dame saß. Sie mußte noch jung sein; ein dunkles Augenpaar leuchtete durch den weißen Schleier, der über die pelzbesetzte Konföderatka gebunden war. Ein kostbarer Pelz hüllte auch die ganze Gestalt ein; die Adjustierung der Pferde zeugte von Reichtum -- was aber am meisten auffiel, war die scharlachrote Livree des Kutschers. Einer aus der Menge, Anton Tengler, wußte Bescheid: die Dame war Frau Rittmeister Woydczinska aus Seelen. Nun rasselte ein großer Landauer heran: die Klitzingks aus Wernochow -- das breite, rote Gesicht des alten Freiherrn mit dem weißen, auseinandergewirbelten Katerschnurrbart glänzte durch die Fensterscheiben. Hinter ihm zügelte Herr von Wessels, der Landrat, ein noch junger Herr, eigenhändig sein feuriges Rappengespann; dann kam der Schönwaider Schlitten -- den Major von Nehringen konnte man schon von weitem an seiner großen Hakennase erkennen, die in glänzender Röte aus dem hochgeschlagenen Pelzkragen hervorlugte. Und abermals rasselte es auf dem hartgefrorenen Fahrdamm, -- Donnerwetter, wer war denn das?! Nichts Vornehmes, ganz gewiß nicht, denn der Schlitten bestand nur aus einem einfachen Korbgeflecht, das auf ein Kufenpaar gesetzt worden war, und der Kutscher trug nicht einmal Livree, sondern einen alten Schafpelz. Und der Kutscher saß auch nicht auf der Pritsche, weil keine vorhanden war, sondern neben seinem Herrn, der dicht in einen ehemaligen Militärmantel gewickelt war und die verschossene Jagdmütze so tief in die Stirn gerückt hatte, daß man von dem ganzen Gesicht fast nur den buschigen, graugrünen Schnauzbart sehen konnte. Sicher nichts Vornehmes -- nein, diesmal war's Täuschung: etwas außerordentlich Vornehmes sogar, nämlich Exzellenz von Usen-Karst, ehemals bevollmächtigter Minister und außerordentlicher Gesandter des Reichs bei der Hohen Pforte, Besitzer der Herrschaft Karstedt und, wie man wissen wollte, ein vielfacher Millionär....
Vom Auberge aus grüßte das Schlößchen mit achtzig leuchtenden Augen zu Tal. Es war wie eine Illumination. Die Leute blieben auch nach beendeter Auffahrt noch lange am Wege stehen und schauten hinauf. Trotz der Winterkälte waren die hohen Flügeltüren, die durch eine kleine Entree in die Halle führten, weit geöffnet, und von hier aus strömte eine ganze Flut gelben Lichts ins Freie und mischte sich in die rote Glut, die die beiden mit brennendem Pech gefüllten, auf schlankem eisernen Unterbau ruhenden Pfannen zu seiten des Portals ausströmten.
Der Kommerzienrat hatte alles aufgeboten, seine Gäste würdig zu empfangen. Auch die Zahl der Dienerschaft war vermehrt worden. Drei Galonnierte halfen den Herrschaften aus Schlitten und Wagen, und in der Entree warteten zwei Kammerzofen, um die Damen in die Garderobe zu geleiten. Es ließ sich nicht leugnen: alles hatte Chic. Der Kommerzienrat war zu weltklug, bei dieser Gelegenheit der leichten Neigung zur Protzigkeit, die dem intelligenten Parvenü zuweilen noch anhaftete, nachzugeben.
Flankiert von Gattin und Sohn -- Hagen hielten die Geschäfte in Berlin zurück --, empfing er die Gäste in der Halle, die eine angenehme Wärme durchströmte, und in deren großem Kamin ein helles Feuer flackerte. Man schüttelte sich die Hände, und immer wieder kehrten dieselben Begrüßungsphrasen zurück.
»Herr Oberförster -- freue mich sehr, sehr.... Gnädigste Frau! ... Meine verehrten jungen Damen! ... Ah -- Herr von Nehringen -- freue mich sehr, sehr -- meine gnädige Frau! ... Exzellenz -- freue mich sehr, sehr ...«
Und diesmal verbeugte sich Schellheim ganz besonders tief. Der alte Usen, der mit seinem weißen Schnauzbart in dem weinroten Gesicht und den schweren Tränensäcken unter den kleinen, listig funkelnden Augen und mit dem burgunderfarbenen Fes, den er auf dem haarlosen Scheitel trug, wie ein Pascha aussah, grunzte etwas Unverständliches vor sich hin und schielte dabei lüstern zu der schönen Frau Woydczinska hinüber, die Herr von Wessels, ihr Gutsnachbar, soeben in die Salons führte. Diese drei Salons hatte der Kommerzienrat durchweg neu einrichten lassen, und da gerade der Empirestil in der Mode war, so prangten in allen drei Gemächern die geradlinigen steifen Sofas und Sessel der napoleonischen Zeit; auch eine Bronzebüste Bonapartes und ein Ölbild des Königs von Rom fehlten nicht. In den Kronleuchtern brannten Wachskerzen und die Tapeten zeigten ein modernisiertes Grecquemuster. Es war alles stilgerecht.
Die Gäste fluteten in den Empirezimmern hin und her. Noch immer begrüßte man sich oder ließ sich vorstellen. Ein Summen und Rauschen ging durch die Gemächer. Baron Hellstern hatte ein paar gute alte Bekannte wiedergefunden und plauderte mit ihnen in einer Fensternische, fest auf seine Krückstöcke gestützt, denn er fühlte sich unsicher auf dem blanken Parkett und getraute sich nicht, sich auf einem der zierlichen Stühle mit ihren vergoldeten Füßen niederzulassen. Hedda stand mitten unter den jungen Mädchen, die einen Kreis um sie bildeten; fröhliches Lachen klang aus dieser Gruppe, besonders das A, B, C des Oberförsters kicherte beständig und gewöhnlich unisono, in drei Tonlagen. Exzellenz Usen hielt die tief dekolletierte Frau Woydczinska fest und schmunzelte dabei über das ganze Paschagesicht. Sie war die Witwe eines Polen und selbst Polin, eine schöne, kokette Frau, der man allerhand nachredete, die sich aber um keinen Klatsch der Welt kümmerte und ihre emanzipierten Allüren frei zur Schau trug. Auch Pastor von Eycken war gekommen; er war den meisten fremd -- Gunther besorgte die Vorstellung.
Ziemlich zuletzt erschien Klaus von Zernin, mit heiterem Gesicht und einem etwas spöttischen Zug um den Mund. Er war boshaft genug, sich über die Überraschung zu freuen, die sein Auftauchen hervorrufen würde; er verkehrte seit Jahren nicht mehr in den Familien der Umgegend. Die Mütter schilderten ihn als verworfenen Wüstling, und sämtliche Backfische zitterten in süßem Schaudern vor ihm. Als er eintrat, stockte plötzlich die Unterhaltung; es wurde ängstlich still. Die Oberförsterin glitt in instinktiver Aufwallung ihres mütterlichen Herzens wie schützend an ihr rosenwangiges A, B, C heran. Hellstern, der neben dem Landrat stand, wollte aufbrausen, begegnete aber dem warnenden Blicke Heddas und schluckte seinen Groll mit verbissenem Gesicht in sich hinein. Im übrigen wich die allgemeine Bestürzung rasch wieder einer um so lebhafteren Unterhaltung, mit der man glättend über das auffallende Geschehnis hinweggehen wollte. Herr von Zernin war allen bekannt; mit der Eleganz eines vollendeten Weltmannes verneigte er sich nach allen Seiten, immer mit gleich liebenswürdigem Lächeln, ohne die eisigen Gesichter der Herren, die frostigen Mienen der Damen und die Purpurglut auf den Wangen der Backfische zu beachten. Zu allgemeinem Entsetzen streckte ihm Frau Rittmeister Woydczinska unbefangen die Hand entgegen.
»Grüß Gott, lieber Baron,« sagte sie freundlich; »wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht gesehen!«
Und dann geschah noch etwas Überraschendes. Auch Exzellenz Usen reichte Zernin die Hand, vielleicht nur aus Gefälligkeit für seine schöne Nachbarin, vielleicht auch, um deren Unbegreiflichkeit ein wenig zu verdecken, -- aber jedenfalls stand die Tatsache fest: er begrüßte den Verfemten in sehr herzlicher und entgegenkommender Weise. Und das wirkte wie ein Zauberschlag auf die ganze Gesellschaft. Unwillkürlich wurden die Mienen freundlicher, und der Landrat flüsterte Hellstern erstaunt und fragend ins Ohr: »Der Zernin rappelt sich wohl allmählich wieder in die Höhe?«
Hellstern antwortete nicht, sondern begnügte sich mit einem Achselzucken. Die Diener hatten die Türen zum Eßzimmer geöffnet; der Alte war neugierig, wen man dem Klaus als Tischnachbarin gegeben haben würde. Er vermutete, die Woydczinska, denn die beiden paßten in mancherlei Beziehungen zu einander -- aber sein Gesicht färbte sich dunkel, als er sah, daß während des allgemeinen Aufbruchs Zernin auf Hedda zuschritt und ihr den Arm reichte.
Der Kommerzienrat hatte sich dies beim Entwurf zur Tafelordnung wohl überlegt. Er hatte gehört, daß Herr von Zernin seines Leichtsinns und seiner brouillierten Verhältnisse wegen in schlechtem Rufe stand, -- da er indessen seine Pläne mit ihm hatte, so lag ihm daran, ihn langsam wieder in die Gesellschaft einzuführen. Es war schwer, für ihn eine passende Tischdame auszuwählen, aber da fiel Schellheim zum guten Glück ein, daß die Baronesse Hellstern ja eine entfernte Cousine Zernins war. 'Die beiden Verwandten werden sich schon vertragen,' sagte er sich und schrieb die Namen nebeneinander.
Das Diner war vortrefflich. Exzellenz Usen konnte nicht umhin, seiner Nachbarin zur Rechten, der langen und mageren Frau von Ponteck, zuzuraunen, daß alles einen recht vornehmen Eindruck mache. Und so war es in der Tat. Der Kommerzienrat hatte Geschmack. Das Menü war nicht übertrieben, das Service tadellos. Lautlos huschten die Diener hinter den Stühlen der Gäste entlang; es ging alles wie am Schnürchen. Dabei war der Anblick der Tafel ein glänzender. In den kostbaren Aufsätzen aus Silber und Vieux Saxe blühte ein ganzer Frühlingsflor. Die Mitte des Tisches nahm eine Art Pyramidenbau aus Silberfiligran ein, der zahllose schräg gestellte Kristallbecher trug, aus denen eine Fülle köstlicher Rosen in allen Farbennuancen hervorquoll. Und der Duft dieser Rosen flutete in den Geruch der Speisen hinein, der großen Fleischstücke, die von den Dienern auf Riesenschüsseln präsentiert wurden, geschmackvoll angerichtet, die Fasane in rotem Federschmuck, gleichsam lebendig, und die breiten Rehrücken so ausgezeichnet tranchiert, daß man kaum die Schnittlinien sah. Das gefiel Exzellenz Usen-Karst besonders; er tat sich auf seine Tranchierkunst etwas zu gute und hatte schon lange die Absicht, ein Handbuch darüber zu schreiben, obwohl er genau wußte, daß er es nie tun würde.
Solch ein Diner war auf den märkischen Landsitzen nicht üblich; da gab man's einfacher, wenn man Gäste bei sich sah. Aber es schmeckte allen ganz ausgezeichnet. Der dicke Hauptmann Biese aus Grochau ließ keinen Gang vorüber und nahm jedesmal zweimal; er hatte sich die Serviette um den Hals gebunden, sprach wenig, aß den Fisch mit dem Messer und tupfte die Soße mit kleinen Brotstückchen auf. Die jungen Mädchen wurden bei den Gemüsen interessierter; Artischocken und Trüffeln in der Serviette hatten bisher die wenigsten gegessen. Auch Fräulein Gerlinde noch nicht, die Tochter des Kammerherrn von Ponteck, die demnächst bei Hofe vorgestellt werden sollte, aber sie tat wenigstens so, und da sie gegen diese Genüsse vollendet gleichgültig erscheinen wollte, zerstach sie sich den Finger an einer Artischockenspitze. Exzellenz Usen hielt sich hauptsächlich an die Präsentierweine; sein martialisches Gesicht glühte förmlich, und der buschige Schnauzer leuchtete schneeweiß.
Gunther hatte das kleine C des Oberförsters zu Tische geführt, eine niedliche Brünette, die aus dem Entzücken nicht herauskam und sich jedesmal auf dem Stuhle geraderückte, wenn ein Blick der Mutter sie traf, denn das Geradesitzen war ihr besonders vorgeschrieben worden. Gunther gab sich alle Mühe, seine kleine Nachbarin gut zu unterhalten, doch er fühlte selbst, daß es ihm nicht so recht gelingen wollte. Er war zerstreut. Sein Auge flog zuweilen mit ängstlichem Aufblick zwischen das flimmernde Gläsermeer auf dem Tische hindurch und suchte Hedda. Auch sie war zerstreut -- vielleicht langweilte sie sich auch. Sie sprach wenig, und Gunther schien es, als sei sie heute blasser als sonst.
Das war sie. Der Schrecken, von Klaus zur Tafel geführt zu werden, hatte jeden Blutstropfen aus ihren Wangen vertrieben. Aber sie verstand es, sich zu beherrschen. »Man lebt doch einmal in der Welt,« hatte sie ihrem Vater gesagt. Und dieser Philosophie schien sich selbst der Alte gefügt zu haben. Er sah noch immer sehr brummig aus, aber er machte wenigstens keine Dummheiten.
Auch Zernin schickte sich mit Anstand in die Situation. Das war zu erwarten gewesen. Er tat, als sei niemals etwas zwischen ihm und der Cousine geschehen; es gab keine himmelhohe Mauer und keine abgrundtiefe Kluft -- heiter und freundschaftlich begann er mit ihr zu plaudern.
»Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädigste Cousine --«
»Lange nicht -- wie ist es dir inzwischen ergangen?«
»Nicht besser als einem, der auf einem Pulverfasse sitzt und jeden Augenblick auf die Explosion wartet. Aber das ist eine Situation, die auch ihre Reize hat -- bis einem schließlich das Nervenprickeln zu viel wird und man allmählich abstumpft. Du hast deine Tage auf dem Baronshofe vermutlich friedlicher verbracht.«
»So friedlich, daß ich mich nicht beklagen kann.«
Er dämpfte seine Stimme ein wenig; im lauten Geräusch der auf und nieder wogenden Unterhaltung vermochten sich übrigens nur die nebeneinander Sitzenden zu verstehen.
»Du mußt mir verzeihen,« sagte er, »daß ich mein Versprechen nicht halten konnte. Anderthalb Jahre hindurch habe ich die Grenzlinie zwischen Oberlemmingen und Döbbernitz respektiert. Ob es mir leicht wurde, tut nichts zur Sache -- jedenfalls hab' ich mein Wort eingelöst. Aber nun ging es nicht anders; ich stehe wieder einmal an der Wende. Döbbernitz wird im Frühjahr endgültig subhastiert werden.«
Das war neu für Hedda und schmerzlich. »Also mußte es doch dahin kommen,« sagte sie leise.
Er nickte. »Ich habe seit drei Jahren darauf gewartet. Ein Dutzend Termine wurden angesetzt, und immer schaffte ich noch im letzten Augenblick Hilfe. Jetzt sind alle Quellen versiegt -- bis auf eine, die erst zu sprudeln beginnt, die auf der Grauen Lehne --«
»Was hat die mit _dir_ zu tun?«
»Viel. Schellheim spekuliert auf Döbbernitz. Ein unternehmender Geist, sozusagen der Typus der neuen Zeit, die im Zeichen der Industrie steht, und vor der wir Landjunker die Segel streichen müssen. Das ist nun mal nicht anders. #Enfin# -- unser liebenswerter Gastgeber hat mir vorgeschlagen, Kurdirektor von Oberlemmingen zu werden. Was sagst du zu dieser Idee?«
Hedda antwortete nicht sofort. Das, was Klaus erzählte, kam so überraschend für sie, daß sie sich Mühe geben mußte, ihr Erstaunen zu verbergen. Sie schüttelte den Kopf. War das nicht einfach verrückt? Wollte der Kommerzienrat denn die ganze Umgegend gegen sich erbittern? Nein, dazu war er zu klug; er mußte seine besonderen Absichten mit Klaus haben. Aber es war doch verrückt. Klaus paßte im Leben nicht in eine solche Stellung, die großes administratives Geschick erforderte. Und schließlich mußte es für ihn selbst demütigend sein, sich einen neuen Wirkungskreis in unmittelbarster Nähe des durch eigne Schuld verlorenen zu schaffen. Und endlich -- dieser letzte Gedanke trieb Hedda das Blut in die Wangen --, war es denn nicht qualvoll, sich nach alledem, was geschehen war, täglich sehen, begrüßen und sprechen zu müssen?
Zernin neigte sich etwas tiefer über den Teller.
»Du scheinst nicht der Ansicht zu sein, daß das #changement de la position# sonderlich beglückend für mich ist,« fuhr er fort. »Nein, Hedda, das ist es wahrhaftig nicht. Aber was soll der Mensch machen? Mein letzter Ausweg war die Fremde -- Amerika, der Sammelplatz der verkrachten Existenzen. Hans Zesingen ist auch schon drüben -- ich glaube, er ist Barkeeper in New York und mischt für andre Porter und Sekt, seinen alten Lieblingstrunk. Da bleib' ich schon lieber daheim. Man muß sich in die Verhältnisse zu schicken suchen. Der Junkerschädel hält nicht mehr stand. Die Handelsverträge und das römische Recht sind unser Unglück --«
Er sprach weiter und weiter, immer halbleise, vom Ruin der Landwirtschaft und Niedergang des alten Adels. Aber Hedda hörte nur den Schall der Worte -- sie achtete kaum auf den Sinn. Seltsam, wie sehr sich Klaus verändert hatte. Er war doch nicht der alte geblieben, er hatte sich »in die Verhältnisse geschickt«. Es war wohl das beste für ihn, und trotzdem war sich Hedda klar darüber: der wilde, trotzige Bursche von ehemals, der auf die Welt »pfiff« und mit grimmigem Lachen aller Zucht und Sitte spottete, hatte mehr Charakter gezeigt als der sich glatt fügende Diplomat von heute.
Das Diner näherte sich seinem Ende. Da rasch serviert worden war, so hatte es kaum über eine Stunde gedauert. Die Diener reichten Dessert und Früchte herum, und die Backfische des Oberförsters machten glückliche Gesichter: sie knabberten gar zu gern Süßigkeiten. Der dicke Hauptmann Biese hatte seine Serviette abgebunden und sah sehr zufrieden aus; so ausgezeichnet hatte es ihm lange nicht geschmeckt. In der Tat, das Diner war sehr gelungen, und der Kommerzienrat nickte in einer Aufwallung ehelicher Liebenswürdigkeit seiner Gattin über den Tisch herüber freundlich lächelnd zu.
Plötzlich klinkte Exzellenz Usen-Karst an sein Glas. Man hatte schon längst darauf gewartet. Tiefe Stille trat ein, die nur einmal durch das Aufkichern des oberförsterlichen B unterbrochen wurde. Die dicke Exzellenz wuchtete vom Stuhle empor, stemmte die Hände mit den Knöcheln fest auf den Tisch, atmete tief auf, dabei einen pfeifenden Luftstrom durch die Nase stoßend, und begann dann zu sprechen. Der alte Diplomat, dem die böse Welt nacherzählte, daß er seine Millionen in Konstantinopel mit Hilfe eines griechischen Bankiers durch ganz raffinierte Spekulationen verdient hätte, und daß er auch auf seiner Herrschaft Karstedt ein tolles Serailleben führe, war ein geistreicher Mann und ein vorzüglicher Sprecher. Man wußte, daß er die Extravaganzen liebte, und erwartete auch bei dieser Gelegenheit etwas Ähnliches, zumal die Rede mit einer humoristischen Lobhymne auf die Industrie anfing. Sie beginne langsam auch hier, in diesem verlorenen märkischen Winkel, an Boden zu gewinnen, wo bisher der Menschengeist sich höchstens bis in die Regionen von Kartoffelspiritus und Schlempe verstiegen habe. Und dann ging es weiter, in buntem und lustigem Durcheinander -- ein ganzes Feuerwerk guter Einfälle sprühte auf.
Usen sprach von allem möglichen: von der Notwendigkeit einer Aussöhnung zwischen Industrie und Landwirtschaft, vom Wetter, von seinen Weinbergen und von schönen Frauen, von Lukullus und von seiner Freude darüber, daß ein so tüchtiger Vertreter des kaufmännischen Standes, wie der Kommerzienrat Schellheim, sich im Kreise angekauft habe. Und dann berührte er auch die neue Quelle, von der bereits die ganze Gegend spreche, und deren Ausbeutung in die Hände des scharmanten Gastgebers gelegt worden sei. Ein Heilquell sei es, und dem Heil der Menschheit solle sein Wasser dienen, ein Getränk, das er im allgemeinen verabscheue, dem er als Mittel zum Zweck aber seine Anerkennung nicht versagen könne. Daran schloß sich ein Passus, der auf aller Mienen die mannigfachsten Variationen von Erstaunen hervorrief. Usen sagte nämlich: