Aus tiefem Schacht

Part 17

Chapter 173,821 wordsPublic domain

Gewiß -- aber dann hätte er arbeiten müssen. Sein Vater hatte ihm kein Barvermögen hinterlassen. Seine Dotation hatte der alte Minister in Döbbernitz gesteckt, seine hohen Gehälter verbraucht. Freilich, Döbbernitz konnte immerhin seinen Mann nähren, nur mußte man zu wirtschaften verstehen. Und davon war keine Rede bei Klaus. Er war noch aktiver Offizier, als sein Vater starb, und nun nahm er schleunigst den Abschied und setzte sich auf Döbbernitz fest. Schon der Minister war kein Landwirt gewesen und hatte mit einem ungeheuern Apparat gearbeitet, statt langsam und mit Beharrlichkeit den Boden zu gewinnen. Klaus ging noch stürmischer vor. Es hatte in der Tat den Anschein, als habe er keine Ahnung vom Werte des Geldes. Er kaufte eine Lokomobile, die er gar nicht brauchen konnte, und ungeheure Viehherden, für die nicht genügend Futter zu beschaffen war. Ein System verdrängte das andre; immer neue Inspektoren wurden herangezogen, und jeder kam auch mit neuen Ideen. Endlich gab ihm seine Neigung zum Sport den Rest. Er füllte seine Ställe mit edeln Pferden, die große Summen verschlangen; er versuchte es mit Züchtung, doch seine Mittel reichten nicht aus. Denn auch für seine Person verschwendete er mit vollen Händen, und in der angeborenen Gutherzigkeit, die sich gewöhnlich mit Leichtsinn zu paaren pflegt, ließ er sich auf allen Seiten bestehlen und betrügen. Und dabei konnte man ihm nicht gram sein. Seine persönliche Liebenswürdigkeit entzückte alle Welt, bis man es bei dem zunehmenden Verfall von Döbbernitz für nötig hielt, sich langsam zurückzuziehen.

Denn allmählich artete der Leichtsinn Zernins aus. Häßliche Geschichten kamen in Umlauf; es ging in rasendem Galopp bergab. Hin und wieder verlangsamte die Erinnerung an den großen Vater das Tempo des Niedergangs ein wenig. Ein Prinz des Königshauses half einmal aus, als der Subhastationstermin für Döbbernitz schon angesetzt war; reiche Verwandte, hohe Freunde des Verstorbenen, selbst der König wurden angebettelt. Und fast alle gaben, mehr oder weniger, aber es verrann rasch im großen Strome; nichts konnte den rollenden Stein aufhalten.

Und nun stand endlich der Untergang vor der Tür. Noch vor einigen Monaten hatte sich Klaus eine helfende Hand geboten -- damals, als Kommerzienrat Schellheim ihn für seine Unternehmungen gewinnen wollte. Das törichte Duell mit dem dicken Biese war dazwischen gekommen. Jetzt konnte man Schellheim höchstens daraufhin anpumpen, daß man sich für seine Ehre ins Zeug gelegt und auf die Festung hatte schicken lassen. Aber eine Hilfe für die Dauer war's nicht. Und auch die Heiratspläne -- das reiche Judenmädel, das irgendwo für ihn aufgetrieben werden sollte -- der Schwiegervater, der sich in aller Eile mittaufen lassen wollte -- all das war vorüber. Klaus wußte, weshalb; eine riesige schwarze Fledermaus strich von nun ab durch sein Leben, mit weiten, weiten Schwingen, die immer gigantischer wuchsen und immer mächtigeren Schatten warfen, bis sie ihn ganz mit Nacht umhüllten. Das war die Schande.

Klaus schauerte zusammen. Wie eine kalte Totenhand strich es über seine Stirn. Eisiger Schweiß perlte aus seinen Poren. Er stürzte das letzte Glas Sekt in die Kehle und sprang aus dem Bette, eilte zum Fenster und stieß die Läden auf. Nun war es Tag geworden. Der Himmel glühte, und die Lohe des Frührots schlug bis über die Zinnen des Schlosses empor.

Die Fenster des Schlafzimmers führten nach dem Wirtschaftshof hinaus, wo sonst um diese Zeit bereits reges Leben herrschte, das Leben morgenfröhlicher Arbeit. Aber hier war es stumm und öde wie im Schlosse selbst. Ein barfüßiges Mädel mit schwarzem Krauskopf stand am Brunnen und pumpte einen Eimer voll Wasser -- seine einzige Bedienung. Alles war geflüchtet und, mit gierigen Händen das Letzte zusammenraffend, was da und dort noch zu stehlen war, auf und davon gelaufen. Nur die Jule war geblieben. Ihre jugendliche Frische hatte ihn gereizt, und sie war ihm für seine flüchtige Gunst dankbar geblieben. Sie besorgte auch den letzten Gaul, der im Stalle stand, den alten Christian, einen Rappen, der mit den Jahren eine völlig graue Mähne bekommen hatte, so grau wie das Haar eines Greises. Es war merkwürdig genug, daß sich die Wut der Gläubiger nicht auch an diesem alten Tier vergriffen, da sie sonst alles genommen hatten, was stand und lag.

Als Jule das Fenster klirren hörte, fuhr sie erschreckt in die Höhe.

»Herrje, Herr Baron!« rief sie hinauf. »So früh schon?! -- Ich komme gleich 'rauf, den Kaffee machen!«

»Laß nur!« gab er zur Antwort. »Ich will nichts! Aber lege den Sattel auf -- vielleicht reit' ich aus!«

Sie war sehr erstaunt. Wenn nur der Christian die Last noch tragen konnte! Seit sechs Monaten stand er unbenutzt im Stall und wurde immer dürrer, obwohl sie überall für ihn Futter stahl.

Klaus kleidete sich in Eile an und stürmte hinaus in den Park. Er fühlte, daß er nervös war -- es war ihm immer, als sei jemand hinter ihm. Er wollte auch Luft haben, und er lief mit geöffnetem Munde, wie ein Asthmatischer, in raschen Schritten durch die Gänge des Parks. Jahrelange Verwilderung hatte diesem herrlichen Fleckchen Erde nicht seine zauberischen Reize rauben können. Nur war es kein Garten mehr mit Alleen und Rundells und Rosenbeeten und zierlichen Bosketts, sondern ein Wald, ein Meer von Laub, das sich über wuchernden Grasflächen ausbreitete, über zerfallene Statuen seinen grünen Mantel hing und seine Schleppen bis tief hinein in das rostig schimmernde Wasser des Weihers tauchte. Die Wege waren kaum noch erkennbar, verwachsen und vom Buschwerk eingeengt, und das große Rosenparterre glich einer blühenden Wildnis, durch deren farbenglühendes Dickicht man nicht mehr durchzukommen vermochte. Auf den Grasplätzen unterschied man noch die Blumenrabatten, mächtig treibende Hyacinthen, Violen und Pelargonien, bunte Flecken im Grün, doch auch von dichtem Unkraut durchwuchert, das seine Kreise immer weiter zog.

Zernin stürmte an den Treibhäusern vorüber, deren Fenster zertrümmert waren, und in deren Innerem die Vögel nisteten. Was wollte er eigentlich? Ja so -- ausreiten! Das war ein guter Gedanke! Noch einmal seine verwüstete Besitzung durchqueren -- lebewohl sagen -- und dann zurück! Oben lagen seine Pistolen.

Wieder durchschauerte es ihn kalt -- und es war so heiß dabei, so heiß. Er riß seine Weste auf und schob sich den Flauschhut weit aus der Stirn. Im Hofe stand schon die Jule und hielt den Christian mit hocherhobenen Händen an der Kinnkette fest.

Klaus schwang sich in den Sattel, und als er in die schwarzen Augen der Jule sah, griff er in die Tasche, warf ihr einen Taler zu und rief:

»Mach dir mal heute einen vergnügten Tag, Jule -- ich bin auch lustig!«

Und dann sprengte er kopfnickend davon. Nicht durch das Dorf, denn er scheute den Anblick der Leute, sondern hinten herum, an der Schleuse vorüber, wo er den alten Fischer traf, der ehrerbietig die Mütze zog. Dem Christian kam die ungewohnt lebhafte Bewegung anfänglich sauer an; die müden Knochen wollten nicht mehr recht vorwärts, aber Klaus nahm keine Rücksichten. Im Trabe und im Galopp ging es dem Walde zu, daß der Rappe bald schaumübergossen war. Erst als Tannen und Birken ihn umfingen und Schatten über den Weg fielen, zügelte Zernin den Gaul.

Es war ein Wunder, daß der Wald noch stand. Das Majoratsgesetz hatte ihn geschützt und die Ritterschaftsbank ihn unter besondere Verwaltung genommen, sonst wäre sicher auch er gefallen. Geplündert war er genügend worden; überall sah man durch klaffende Lichtungen und auf weite Halden, wo zwischen grünen Farnkräutern, Ginster und Blaubeerbüschen die Baumstümpfe hervorlugten.

Dann ging es am Saume der Wiesenniederung entlang. Die hatte Klaus, als sein Viehbestand immer mehr zusammenschmolz, an kleine Leute verpachtet, und man war derzeit eifrig mit der Heuernte beschäftigt. Zernin legte wieder die Schenkel an und ließ den Christian in Galopp fallen; die Leute auf den Wiesen blieben stehen und schauten dem vorüberrasenden Reiter nach.

Weiter und weiter! Quer über die Felder, auf denen die Bestellung längst aufgehört hatte, Unkraut schoß überall empor, die Quecken hatten ausgeschlagen und überzogen die braune Erde mit ihrem grünen Gespinst. Eine mächtige Fläche von vielleicht zweihundert Morgen sah wie eine Prärie aus; hier wimmelte es von Hasen, und Trappen flogen in ganzen Schwärmen zum Himmel auf. Der Rest einer Pflugschar hatte sich im Sande eingewühlt, und auf dem verrosteten Eisen saß ein dicker Spatz.

Ein Ekelempfinden überkam Klaus angesichts dieser Wüsteneien. Seit fast zwei Jahren war er nicht auf den Feldern gewesen. Wozu auch? Löhne bezahlte er nicht mehr; Tagelöhner und Arbeiter liefen ihm davon; an eine geregelte Bestellung war nicht zu denken. Da ließ man schon alles liegen, wie es war. Nun aber, beim Anblick des grenzenlosen Elends, dem er sein Stück Erde ausgesetzt hatte, schlich sich doch das Grauen in sein Herz. Er dachte an die Zeiten zurück, da er Döbbernitz übernommen hatte, an den blühenden Stand seiner Felder, die blonde Flut der Saaten, die ersten Ernten -- zweifellos, er hätte seinen Besitz schon festhalten und auch gegen die Mißgunst schlechter Jahre verteidigen können, wenn ...

Ja -- wenn! Wozu sich noch Vorwürfe machen, wozu grübeln -- es war ja doch alles vorbei! Und mit gesenktem Haupte ritt er weiter und merkte es kaum, daß abermals der Wald über ihm zu rauschen begann.

Er war im königlichen Forst, nahe dem Seeufer und jener Stelle an der Försterei, wo er damals Abschied von Hedda genommen, wo sie beide »vernünftig« miteinander gesprochen hatten. Sicher -- an der Seite eines so tapferen Kameraden hätte aus ihm immer noch etwas werden können; sie würde ihn gestützt und gehalten haben, denn sie war ein starkes Weib, und ihre maikühle Verständigkeit hätte wohl seinen Leichtsinn und seinen tollen Übermut zu wahren vermocht. Ach, auch das war vorbei! Die riesige schwarze Fledermaus, die durch sein Leben strich, fing mit ihren stetig wachsenden Flügeln die Sonne auf. Sie leuchtete ihm nicht mehr.

Klaus ließ die Zügel hängen. Der Rappe schritt langsam über den Moosgrund, durch Farne und Erdbeerkraut und schnupperte umher und riß hie und da ein Zweiglein von einem tief herabhängenden Buchenast, mit seinen alten Zähnen die frischen grünen Blätter zermalmend. Da lag der See in siegendem Sonnenglanze, golddurchstrahlt, mit schneeweißer Schaumeinfassung, inmitten bewaldeter Hänge, über die, wie ein Wahrzeichen überwundener Feudalität, der quadratische Turm des Döbbernitzer Schlosses hinausragte. Drüben das rote Ziegeldach des Forsthauses und die Eichenschonung, die Wiesentrift, auf der ein ganzer Flor wilder Blumen blühte, und der große Felsstein, auf dem sie damals gesessen hatte!

Klaus zuckte zusammen. Saß sie nicht wieder da? War sie das nicht, die Dame im lila geblümten hellen Kleide und mit dem großen Strohhut, die ihm den Rücken wandte, mit gesenktem Kopfe, als suche ihr Blick irgend etwas zwischen dem Ufergeröll zu ihren Füßen?

Der Rappe wieherte plötzlich auf. Die Dame schaute sich um und erhob sich. Klaus sah, wie sie mit beiden Händen zum Herzen griff. Er sprang ab, schlang die Zügel um den nächsten Baum und näherte sich ihr mit abgezogenem Hute.

»Grüß Gott, Cousine,« sagte er ruhig. »Das ist ein unerwartetes Zusammentreffen, aber ich freue mich von Herzen darüber. So kann ich dir wenigstens noch Lebewohl sagen.«

Sie war blaß geworden, faßte sich aber sofort und erwiderte seinen Händedruck. »Ich hörte, daß heut über Döbbernitz entschieden werden soll,« entgegnete sie. »Hast du noch keine Nachricht?«

Er verneinte. Das sei unmöglich; vor zwei, drei Uhr könne der Termin nicht beendet sein.

»Und warum bist du nicht selber da?«

Sie hatte sich wieder gesetzt, und er warf sich neben sie auf die Erde.

»Was sollte ich da, Hedda?! Eingreifen konnte ich nicht mehr, und -- nun, ich schämte mich auch!«

Die Bitterkeit stieg in ihr auf.

»Warum ist dies Gefühl der Scham nicht früher über dich gekommen, Klaus?« sagte sie in mehr klagendem als anklagendem Tone. »Herrgott, was hättest du dir und uns ersparen können! Ich habe mich oft genug gefragt: wie ist all das möglich gewesen? Ich habe mir nicht zu antworten vermocht. Nein -- denn du übernahmst Döbbernitz doch in geordnetem Zustande, und du gingst mit guten Vorsätzen in den neuen Beruf! Du magst leichtsinnig gewesen sein -- aber wie konnte nur so rasch alles über dir zusammenprasseln, im Laufe weniger Jahre? Ich begreife das nicht, habe es nie begriffen!«

Er nagte an einem abgerissenen Grashalm und zuckte dabei mit den Schultern.

»Ich auch nicht,« erwiderte er. »Ganz gewiß, Hedda, es geht mir wie dir -- ich habe von diesen letzten Jahren nur noch so eine Art Traumempfinden. Es rollte wie eine Lawine über mich herab und begrub mich. Natürlich bin ich selber schuld -- ich verteidige mich auch nicht -- ich klage nicht einmal. Aber gehabt habe ich von meinem Leichtsinn nicht so viel!«

Er schnippte mit den Fingern.

»Nein -- nicht so viel! Es war im Grunde genommen ein klägliches Amüsement. Wenn ich mein Geld in Monte Carlo verloren oder in Paris verjubelt hätte -- es wäre hundertmal vernünftiger gewesen. Aber ich habe nur blödsinnige Geschichten getrieben -- die Pferdezucht, die Viehankäufe, die Trinkgelage und Spielabende -- die Rennen und die ewigen Reisen nach Berlin -- mir steigt ein schales Gefühl auf, wenn ich an all den Unsinn zurückdenke. Aber ich muß die Suppe ausessen, die ich mir eingebrockt habe.« -- Und wieder zuckte er mit den Schultern.

Hedda hatte die Ellbogen auf die Kniee und das Kinn in die Hände gestützt. So schaute sie zu ihm hinab, zu dem halt- und charakterlosen Menschen, den sie so toll geliebt hatte, daß sie nahe daran gewesen war, um seinetwillen eine große, große Dummheit zu begehen. Die Vernunft hatte gesiegt und siegte noch, denn sie fühlte wohl, daß es für diese erste flammende Liebe, für dieses Frühlingsgewitter, unter dessen Schauern sie zum Weibe gereift war, kein Vergessen gab. Aber sie hielt sich in Schach. Er sollte nicht spüren, wie rasch ihr Herz in seiner Nähe klopfte.

»Und was wird nun?« fragte sie.

»Was soll werden?« lachte Klaus häßlich auf. »Weißt du, was man mit einem Gaule macht, der auf der Rennbahn zusammengebrochen ist und nicht mehr weiter kann? -- Man schießt das arme Biest tot.«

Sie starrte ihn an. Sprach er von Selbstmord? -- Nein -- daran glaubte sie nicht. Er hätte längst seine Kugel finden müssen.

»Hedda, was soll ich denn noch auf der Welt?« fuhr er fort. »Wozu törichte Illusionen? Ich kann nichts anfangen. Hier gar nichts -- und mich drüben in Amerika mühselig durchs Dasein schleppen, Steine tragen und Biergläser füllen -- lieber quittier' ich schon mit dem Leben!«

Nun sprang sie erregt empor.

»Du sprachst von Scham, Klaus,« rief sie, »aber bei Gott, du kennst sie nicht! Du würdest sonst anders sprechen! Begreifst du nicht, wie niedrig dein Standpunkt ist? Wie unsittlich dein ganzes Gehaben? Du siehst selber ein, daß du dich durch eigne Schuld ruiniert hast, und du bist zu feige, dir ein neues Leben zu schaffen!«

»Zu feige -- ganz recht,« sagte er und erhob sich gleichfalls. »Aber ich glaube, ich habe nie Mut besessen. Ich fürchte mich vor der Arbeit -- wenigstens vor der, die mir drüben winkt -- vor der schmutzigen Arbeit im Kot der Gassen, den Handlangerdiensten. Wäre ich weniger Herrenmensch und mehr Bedientennatur -- vielleicht würd' ich mich fügen. So kann ich es nicht -- ich kann es nicht!«

Ihr Herz flog förmlich. Alles in ihr war in Aufruhr. Ihre Wangen flammten und auch über ihre Stirn, bis zu den Haarwurzeln, ergoß sich die Röte des Zorns und der Scham. Ja auch der Scham, denn für ihn schämte sie sich. Er rühmte sich seiner Herrennatur, und doch war alles Edelmännische längst in ihm erstorben. Er suchte den Tod, weil das Leben ihm nichts mehr zu bieten hatte als -- Arbeit.

Es war wahnsinnig, so mutlos zu flüchten. Zittern und Angst ergriff sie, und die zärtliche Sorge um ihn wich der Scham und Entrüstung. Sie sah schon die Wunde an seiner Schläfe, das runde Kugelloch, aus dem langsam das Blut sickerte, und hörte die Welt verachtungsvoll ihr letztes Urteil über den Verkommenen fällen: das hatte man gewußt und erwartet -- Selbstmord -- das Ende jedes Elenden!

Sie trat vor ihn hin und nahm seine Hände.

»Klaus,« begann sie mit bebender Stimme, »denkst du nicht an dich selbst, so denke zurück -- an deinen großen Vater und deine liebe, gütige Mutter. An alle deine Vorfahren, deren Andenken du beschimpfst, an die Ehre deines Namens, die du durch feigen Selbstmord unauslöschlich befleckst. Man kann irren und fehlen, soll aber wieder gut zu machen versuchen -- das ist die Tapferkeit, die das Leben von uns allen fordert. Du bist leichtsinnig gewesen, hast doch aber kein Verbrechen begangen, das dich zum Tode verurteilt! Und du bist auch noch jung, bist kraftvoll und rüstig, voller reicher Gaben -- du wirst dich wieder aufraffen können -- -- ich bitte dich, Klaus -- lieber Klaus!«

Ihre Stimme erstickte. Es quoll glühend heiß in ihr empor; ihre Hände zuckten zwischen seinen Fingern.

Klaus war fahl geworden, als sie von der Ehre seines Namens sprach. 'Wenn du wüßtest!' schrie es in ihm auf. Und dann sah er hinter dem Tränenflor ihrer Augen die alte Liebe leuchten, die er durch die Schmach seines Wandels beschimpft und niedergetreten hatte, und die nicht ersterben wollte -- die erste heiße Liebe ihres jungen Herzens, die ihr ganzes Innenleben durchtobt und aufgewühlt hatte und auch im Entsagen noch haften blieb. Das ließ ihn alles andre vergessen und durchströmte ihn mit einem Rausch wilden Entzückens. Mit starker Hand riß er sie an seine Brust und bedeckte ihr Antlitz mit stürmischen Küssen.

»Du liebst mich noch -- du liebst mich noch!« schluchzte und jubelte er. Und sie ließ ihn gewähren. Eine rein physische Schwäche hatte sich ihrer bemächtigt, das Gefühl einer Ohnmachtsanwandlung. Sie hing hilflos in seinen Armen. Das Rauschen des Waldes klang wie Harfenschlag an ihr Ohr und wie feierlicher, volltöniger Gesang. Seine Küsse aber brannten auf ihren Lippen und Wangen und loderten in ihre Seele hinein.

Mit schwerem Aufatmen riß sie sich los.

»Laß mich!«

Sie strich sich über Stirn und Haare und befestigte den Hut von neuem, der ihr vom Scheitel geglitten war. Noch schimmerte helle Röte auf ihren Wangen, aber sie war doch wieder Herrin über sich selbst geworden, wenn auch große Tränen in ihren Augen standen.

»Ich liebe dich noch,« sagte sie mit fester Stimme, »nun ja -- was will das bedeuten? Angehören können wir uns nie, und wenn du mir sagen wolltest: komm mit mir nach Amerika -- ich würde mit Nein antworten. Nicht weil mir's an Mut gebricht, ein ungewisses Los mit dir zu teilen, sondern weil ich meine Liebe zu dir bekämpfen will!«

Da sank er, empfindend wie klein er war und wie schwach dieser kernigen Mädchennatur gegenüber, zu ihren Füßen nieder und preßte ihre Kleider an sein Gesicht. Er weinte, und in diesem Augenblick waren es ehrliche Tränen, die er über sein verpfuschtes und verlorenes Leben vergoß.

»O Hedda!« rief er, »warum konnten wir uns nicht schon vor fünf Jahren finden? Du hättest mich retten können, und alles wäre anders geworden!«

Ja -- vor fünf Jahren! Er konnte recht haben. Wenn sie über ihn gewacht hätte, vielleicht wären dann alle die guten Keime, die in ihm schlummerten, zu Blumen erblüht und das Unkraut verdorrt. Vielleicht! --

Sie hob ihn auf.

»Es hat nicht sollen sein,« sagte sie. »Was hilft uns die Reue? Wir hätten stark sein müssen -- heut ist es zu spät. Und doch, ich segne auch diese Stunde. Daß wir uns immer noch lieb haben, weist uns die Wege. Nicht sterben wollen wir, sondern am Leben bleiben und uns einander wert halten. Gib mir deine Hand, Klaus, und versprich mir, daß du die Pistole liegen lassen willst. Versprich mir, daß du ein neues Dasein beginnen willst! Du kannst es, wenn du aus Liebe zu mir dein Herrenbewußtsein unterdrückst, wenn du dich 'erniedrigst'. Tu es; greife zur Arbeit, wo du sie findest; es schändet dich nicht, wenn deine Hände blutrünstig werden in harter Fron. Wandre aus und schaff dir anderwärts Stellung! Ich will unablässig an dich denken und beten für dich. Werde ein Mann!«

Gerade dies: »Werde ein Mann!« klang tief in das Herz des Schwächlings -- nicht wie eine harte Mahnung, sondern wie ein willkommener, erlösender Ostergruß. Er nickte zuversichtlich und mit fast frohem Lächeln.

»Ich danke dir, Hedda,« erwiderte er. »Du verjüngst mich. Ja -- ich fühle es: es sprießt Neues und Gutes in mir! Mein Wort darauf: der törichte Selbstmordgedanke ist vergessen. Ich wandre aus, um Arbeit zu lernen. Ich hab' es eilig, denn du sollst bald von mir hören. Ich rufe dich oder hole dich selbst!«

»Ich warte auf dich,« sagte sie mit leuchtenden Augen.

»So lebe wohl!«

Er preßte noch einmal ihre Hände an seine Lippen.

»Lebe wohl und behüte dich Gott!«

Er saß schon zu Pferde und sprengte davon, ohne sich umzuschauen. Sie aber blieb aufrecht stehen, bis sie im Gründunkel des Waldes seine Gestalt verschwinden sah. Und dann sank sie in die Kniee und sprach laut mit ihrem Gott, denn nur er konnte sie hier hören und seine Schöpfung -- der schluchzende See und die Bäume am Ufer.

* * * * *

Es war in der dritten Nachmittagstunde, als ein kleines Gefährt, ein offener Korbwagen, in den Schloßhof von Döbbernitz rasselte. Bertold Möller hatte selbst das Pferd gelenkt, sprang jetzt zur Erde und rief der erstaunt aus der Häckselkammer tretenden Jule zu: »Ist der Herr Baron zu sprechen?«

»Ja, er ist oben,« entgegnete Jule und wies hinauf nach den Fenstern.

Bertold kannte hier Weg und Steg. Er gehörte seit Jahren zu den Geldvermittlern Zernins, aber er wie sein Schwiegervater, der Getreidehändler Ring, hatte sein Schäfchen längst ins Trockene gebracht.

Er fand Klaus vor einem großen Koffer knieend.

»Teufel -- wo kommen Sie denn her, Möller?« rief Zernin und stand auf.

»Von der Subhastation,« erzählte Bertold, »direkt vom Termin. Wissen Sie, wer Döbbernitz gekauft hat, Herr Baron? Und wissen Sie für wieviel? Und wissen Sie, daß so etwas noch gar nicht dagewesen ist! Und wissen Sie --«

»Donnerwetter, so reden Sie doch vernünftig!« fiel Klaus grob ein.

Bertold erstattete Bericht. Herr Legationssekretär von Hellstjern war Besitzer von Döbbernitz geworden, Neffe des Alten vom Baronshof, ein schwer reicher Herr, ein Millionär. Bertold wußte das ganz genau. Und 460000 Mark kostete ihn das Vergnügen. 422000 Mark betrug der Hypothekenstand von Döbbernitz; verblieb für Herrn von Zernin noch ein Reingewinn von 38000 Mark. Auch darüber wußte der brave Bertold genau Bescheid.

»Ich wollte der erste sein, der Ihnen dies meldete, Herr Baron,« fuhr er fort. »Aus reiner Freundschaft. Ich wollte Sie vorbereiten. Ich weiß ja, es sind noch immer eine Masse Gläubiger da, die bloß darauf lauern, daß Sie wieder einmal zu Gelde kommen --«

Er schwieg, denn ihn erschreckte der Ausdruck im Gesicht des vor ihm Stehenden.

Klaus war blaß geworden und sein Auge starr. Es schwirrte durch sein Hirn, es bohrte sich nadelspitz in seine Schläfen ein, es klopfte und hämmerte in seinen Ohren. Er antwortete nicht, sondern trat an das Fenster und starrte hinaus. 38000 Mark! Die Summe flimmerte, mit großen Ziffern geschrieben, vor ihm in der sonnenhellen Luft.... Wenn er sie erhob und mit ihr nach Monte Carlo reiste, dort sein Glück zu versuchen ...

Mit rascher Bewegung fuhr er herum.

»Haben Sie Geld im Hause, Möller?« fragte er.

Bertold begriff ohne weiteres, um was es sich handelte. Er war ja nur hergekommen, um noch letzter Stunde ein paar hundert Taler an Zernin zu verdienen.

»Im Hause nicht -- aber in Frankfurt -- auf der Bank,« erwiderte er.

»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Möller,« fuhr Klaus fort, dessen Augen voll Erwartung und Hoffnung einen fiebrigen Glanz anzunehmen begannen. »Wir fahren zusammen nach Frankfurt. Dort zediere ich Ihnen notariell meine Forderung an Herrn von Hellstjern -- der Mann ist Ihnen doch sicher?«