Chapter 23
„Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog, den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper verschlingen zu können!
Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel! Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet, die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der Meinungen ungelöst lassen.
So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren, trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre Strudel werden manchmal oben sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen führenden Männer in die Tiefe zu ziehen.
Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen, wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind – auch der Islam kennt diese Sehnsucht – treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000 oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch – die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können!
Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: „Wir verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer erziehenden, straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft, völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.
Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, scheuen auch die Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen herum zu nörgeln, der im Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam eroberten Lande –, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen. Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit fast widerwillig hinübergegangen waren.
Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er scheint nicht mehr der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im Kriege!
Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod, während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei, an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder, daß die Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu leisten.
Und nun zu unserer eigenen Heimat:
Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes. Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen, mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, daß wir den entgegengesetzten Weg gingen wie diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.
Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer Parteien.
Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille.
Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich, trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich, daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen und Parteidogmata vergaß oder diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese Parteiungen zu schüren.
Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.
Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung, drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich keine Hände finden, das Unkraut auszureißen.
Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt.
Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung hinaus ins Feld.
Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen.
Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“ nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der Gegner benutzte es in Deutschland wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen im Irak und in Syrien herab.
Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda. „Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer Auffassung, die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer geführten Schwertes niederzuzwingen.
Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns feindlichen Staaten:
Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!
Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt, die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem bisherigen Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den Frieden ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und Pazifizismus“ als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt, das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem „Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte?