Aus meinem Leben

Chapter 24

Chapter 243,404 wordsPublic domain

Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917 besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser, entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.

Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen wollen“.

Wie steht es in England?

Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, es auszusprechen. Es gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England einen „Schwächeanfall“ überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen, verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden, es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird geleistet.

Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen. Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen. Wenn auch die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen, das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.

Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung. Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal, und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.

Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen Verbündeten mit sich gerissen.

So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende des Jahres 1917.

Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: „Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch zweifellos tiefgreifenden Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte, mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in Feindesland stand?“

Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:

Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen Willen zum Siege.

Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann erledigt.

Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein – bekanntlich beurteilte ich sie günstiger – aber für völlig verfehlt glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe Krieg!“ das Echo: „Wir suchen Frieden!“

Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr in unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage!

VIERTER TEIL

ENTSCHEIDUNGSKAMPF IM WESTEN

Die Frage der Westoffensive

Absichten und Aussichten für 1918

Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.

Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:

Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.

Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.

Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten konnten wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.

Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“. Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen, mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt, überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen.

Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.

Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.

Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“ Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht die Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.

Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken: Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel erreicht war.

Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war, wie in England.

Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte. Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz selbstverständlich. Sie hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.

Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich ergänzten, verschieden.

Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als selbstverständlich.

Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei dieser Stadt war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer Truppen überlassen werden.

Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt und in zusammenfassenden Vorschriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.

Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen.