Chapter 22
Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen, wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft wurde, und in den Schwierigkeiten, die das Gelände in erster Linie dem Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen, daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten.
Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!“ Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.
Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen Parteien.
Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch unserer Linien schien gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November, mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen. Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges vollbracht.
Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte, war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre für die Zukunft.
Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von Kräften, die sowohl nach Zahl wie nach Verfassung den ihrigen weit unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.
Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern würde.
Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren Erschütterungen auszusetzen.
Auf dem Balkan
Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während der letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges Brachlegen seiner Kräfte für die Gesamtlage hinauslief.
Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen würde, kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die sogenannten venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der Ereignisse des Jahres 1913.
In Asien
Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen und treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge beschäftigen.
Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise auch in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen schriftlichen Darlegungen, „um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu nehmen“, auf „allgemeine Richtlinien“ und glaubte, das weitere vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig zur Eile! Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb mir eines Tages: „Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei Kiliz – also dorthin unsere gesamte Kraft!“ Es galt zunächst diesen Ort zu suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten Zone, nördlich von Aleppo, entdeckt.
Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land südlich des Taurus war für die Türkei mit einem Schlage unrettbar verloren, wenn es den Engländern gelang, im Golf von Alexandrette zu landen und in östlicher Richtung vorzudringen. Damit wäre die Lebensader der ganzen transtaurischen Türkei, durch die frisches Blut und andere Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden. Gering genug war ja die Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch lange Zeit, um die osmanischen Armeen gegen die ungenügend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich geführten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden Standhalten zu befähigen.
Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort nach Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir gegenüber treffend mit den Worten: „Meine einzige Hoffnung ist, daß der Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt.“
War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß diese ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Völkergemisch größere Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, daß die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt haben sollte. England konnte auch nicht befürchten, daß es mit einem Vorstoß aus dem Golf von Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde; das Nest hatte ja keine Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glänzende strategische Tat gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat würde auf der ganzen Welt den größten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende Wirkung auf unseren türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.
Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lähmend in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein solches Unternehmen gewagt hätte.
Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage „vielleicht“, denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: „Ich habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu setzen.“
Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England wird uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.
Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen Gegners und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mühe, die türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches Zurückwerfen der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad war bei Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff im Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren kriegerischen Bewegungen erlahmt.
Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknüpft worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt hätte, statt sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher Art.
Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz aller weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen Verlust sehr belastet wurde.
Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus notwendig erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden. Eine türkische Führung würde an der Erfüllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert sein.
Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den General von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich schwierigen Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über seine Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewähr vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand. Unterlag es doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen englischen Angriff in Syrien herausfordern mußte.
General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut.
Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren. Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.
Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke zur Verfügung stellten, anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt; ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: „Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für das Ganze sei, als die rohe Kraft.
Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden, damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern zu können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden könnte.
Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.
Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden, so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten Erregung.
Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig!
Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917
Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“ auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich zunächst dem Orient zuwende.