Chapter 21
Bedenklich liegen dagegen die Verhältnisse an der österreichisch-ungarischen Front; es ist zu befürchten, daß dort auch jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darüber die gleichen Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Frühjahr durch einen Vertreter der verbündeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen Zuständen entworfen mit dem Gesamteindruck, daß „die österreichisch-slawischen Truppen in überwiegender Mehrzahl einem russischen Angriff jetzt noch geringeren Widerstand entgegensetzen werden wie 1916“, denn sie sind gleichzeitig mit den russischen Truppen auch politisch zersetzt worden.
Aus ähnlichem Einblick, den Überläufer ihm liefern, wird sich wohl Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, nämlich: Örtliche Angriffe gegen die Deutschen, um diese zu binden, den Massenstoß aber gegen die k. u. k. Mauer. Und so geschah es.
Bei Riga, Dünaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen an und wird zurückgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da als steinern, wo österreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint stehen. Dagegen stürzt die österreichisch-slawische Wand bei Stanislau vor dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht mehr Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive. Es war ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung für das russische Heer. So dringt die russische Offensive trotz günstigster Aussichten auch bei Stanislau nicht vollständig durch.
Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren der deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli!
Unser Gegenstoß im Osten
Gegenstoß! Keine Truppe, kein Führer an der Front kann diese Nachricht mit freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich endlich den Zeitpunkt hierfür gekommen sah.
An früherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Frühjahr 1917 als eine große strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei freilich nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er im Herbste 1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner erwartete. Die ungeheuren Räume, die wir zu beherrschen hatten, verboten ein derartiges Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermöglichten andererseits, auch weit verstreut stehende Verfügungstruppen rasch zu einem Stoß auf ein gewähltes Operationsfeld zu werfen.
Die Abwehrkämpfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen, verboten die Stärkeverhältnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen schienen diese unsere Kräfte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage endgültig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizuführen. Die Stützen Rußlands waren morsch geworden. Die letzten Kraftäußerungen des jetzt republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer künstlich hochgetriebenen Welle, die ihre Stärke nicht mehr aus den Tiefen des Volkes schöpfte. War aber in diesem Völkerringen die Fäulnis in ein Volksheer einmal eingedrungen, so mußte der völlige Zusammenbruch unvermeidlich sein. Aus dieser Überzeugung heraus war ich der Meinung, daß wir in Rußland auch mit geringen Mitteln nunmehr Entscheidendes erreichen könnten.
Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz unserer verfügbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und in der Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt, wo sich der Gang der Ereignisse klar überblicken läßt, scheinen möchte. Wir hatten in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen zurückzustellen. War doch damals schon klar, daß der englische Angriff bei Wytschaete und Messines am 7. Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem weit größeren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschließend, seinen Hintergrund in der weiter nördlich gelegenen flandrischen Landschaft haben würde. Auch mußten wir damit rechnen, daß Frankreich wieder zum Angriff schreiten würde, sobald sich sein Heer von den schweren Rückschlägen aus der Frühjahrsoffensive erholt hatte.
Das Wegziehen von Kräften aus dem Westen, es handelte sich um 6 Divisionen, war zweifellos ein Wagnis, ähnlich, wie wir es im Jahre 1916 beim Angriff auf Rumänien übernehmen mußten. Damals freilich zwang uns die offene Not. Jetzt führte uns der freie Entschluß. In beiden Fällen aber war das Wagnis gegründet auf das unerschütterliche Vertrauen zu unseren Truppen.
Auch aus anderen Gründen, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen, die die Gegner unserer Verteidigung gegenüber gemacht hatten, wurde die Möglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich erinnere mich, daß wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstoßes an der galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Kräften nicht mehr zu erhoffen, als einen örtlichen Erfolg; also eine Einbeulung der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie vielfach gegen unsere Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies anzustreben? Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation?
Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten unsere Landkräfte lediglich zur Abwehr bereithalten und im übrigen abwarten, bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfüllt haben würden. Der Gedanke hatte etwas verführerisches. Das Ergebnis des Unterseebootkrieges übertraf nach den uns damals zukommenden Mitteilungen alle unsere Erwartungen. Seine Wirkungen mußten daher bald offen zutage treten. Trotzdem konnte ich mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden. Die militärischen wie politischen Verhältnisse im Osten drängten gerade jetzt derartig zur Entscheidung, daß wir nicht monatelang stillhalten und nur zusehen konnten. Wir mußten befürchten, daß, wenn dem Angriff Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem Fuße folgte, die kriegerischen Strömungen in Rußland wieder die unbedingte Oberhand gewinnen würden. Es ist nicht notwendig, sich die Rückwirkung eines solchen Ganges der Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbündeten näher auszumalen.
Während sich Kerenski vergeblich abmüht, mit der Masse seiner noch angriffsfähigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch deutsche Kräfte stärker gestützten österreichisch-ungarischen Linien zu durchbrechen, versammeln wir südwestlich Brody, also seitwärts des russischen Einbruchs, eine starke Angriffsgruppe und treten am 19. Juli in südöstlicher Richtung auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft wenig widerstandsfähige, im voraufgegangenen Angriff erschöpfte Teile der russischen Linien. Sie werden rasch über den Haufen geworfen, und mit einem Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur schleuniger Rückzug kann die nach Norden und vor allem die nach Süden an unsere Durchbruchstelle anschließenden russischen Kräfte vor dem Verderben retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis weit nach Süden in die Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt dem weichenden Feinde. Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die Bukowina vom Gegner befreit. An diesem schönen Erfolge haben unsere Bundesgenossen entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, daß sich in den österreichisch-ungarischen Verfolgungskämpfen ganz besonders die Feldartillerie ausgezeichnet hätte. Sie fuhr in kühner Rücksichtslosigkeit über die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese treffliche Waffe ja schon 1866 bei Königgrätz als Gegner bewundern gelernt und freute mich daher doppelt der erneuten Bewährung ihres Ruhmes auf unserer Seite.
Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte das mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar günstigsten strategischen Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz dieses letzten Teiles Rumäniens zu setzen. Bei den damaligen politischen Verhältnissen in Rußland hätte das rumänische Heer sich wohl sicher aufgelöst, wenn wir es zum völligen Verlassen seines heimatlichen Bodens zwingen konnten. Wie hätten ein rumänischer König und ein königlich rumänisches Heer auf revoltierendem russischen Boden weiter bestehen können? Unsere rückwärtigen Verbindungen waren jedoch infolge Bahnzerstörungen durch die weichenden Russen so schwierig geworden, daß wir schweren Herzens auf die Fortsetzung der Operationen an dieser Stelle verzichten mußten. Ein späterer Versuch unsererseits durch einen Angriff bei Focsani die rumänische Armee in der Moldau ins Wanken zu bringen, drang nicht durch.
Wir halten nun weiter an dem Entschluß fest, Rußland bis zur endgültigen militärischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir in Wolhynien und in der Moldau auf das russische Heer nicht weiter losschlagen, so mußte das an einem anderen Frontteil geschehen.
Bei Riga bot sich nun hierfür eine besonders geeignete Stelle, an der Rußland nicht nur militärisch sondern auch politisch empfindlich getroffen werden konnte. Dort sprang der russische Nordflügel wie eine mächtige Flankenstellung auf mehr als 70 km Breite bei nur 20 km Tiefe längs des Meeres auf das Westufer der Düna vor, eine strategische und taktische Drohstellung gegenüber unserer eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits früher, als ich noch das Oberkommando im Osten führte, gereizt. Wir hatten schon 1915 und 1916 Pläne geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Nähe ihrer Basis durchbrechen und dadurch einen großen Schlag gegen ihre Besatzung führen könnten.
Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der rauhen Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil mußte nämlich oberhalb Riga über die breite Düna in nördlicher Richtung vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges große Ströme wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse eingebüßt. Hatte doch Generalfeldmarschall von Mackensen die mächtige Donau angesichts des Gegners zweimal überschritten. Wir konnten uns also an die Überwindung der schmaleren Düna mit leichterem Herzen heranwagen; aber die große Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, daß die russischen vollbesetzten Schützengräben sich überall dicht an dem gegenüberliegenden Ufer hinzogen, die Düna wie einen nassen Festungsgraben ausnützend.
Trotzdem gelingt am 1. September der kühne Angriff, da der Russe in unserem Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verläßt. Und auch die Besatzung der großen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und Nacht marschierend, über Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider großenteils rechtzeitig der Gefangenschaft.
Unser Angriff bei Riga ruft in Rußland die größte Sorge um Petersburg hervor. Die Hauptstadt des Landes gerät in Aufregung. Sie fühlt sich durch unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der Kopf Rußlands, gelangt in einen Zustand höchster Nervosität, der sachliches, ruhiges Denken ausschließt; sonst würde man dort wohl den Zirkel in die Hand genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die unsere bei Riga siegreichen Truppen immer noch von der russischen Hauptstadt trennen. Freilich nicht nur in Rußland, auch in unserem Vaterlande arbeitet die Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und vergißt Raum und Zeit. Man gibt sich auch bei uns starken Illusionen über einen Vormarsch auf Petersburg hin. Offen gestanden würde diesen niemand lieber durchgeführt haben als ich selbst. Ich verstand daher das Drängen unserer Truppen und ihrer Führer, das Vorgehen mindestens bis zum Peipussee fortzusetzen. Allein wir mußten auf die Ausführung all dieser gewiß sehr schönen Gedanken verzichten; sie hätten unsere Truppen zu lange und in zu großer Zahl in einer Richtung gefesselt, die mit unseren weiteren Absichten nicht in Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit mußte sich vom Rigaischen Meerbusen der Küste des Adriatischen Meeres zuwenden. Darüber gleich nachher.
Können wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das Nervenzentrum Rußlands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen, nämlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere Anregung ein. So entsteht der Entschluß, die dem Rigaischen Meerbusen vorgelagerte Insel Ösel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte Petersburg unter Einsatz nur geringer Kräfte.
Die Operation gegen Ösel zeigt die einzige völlig gelungene Unternehmung beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um ein Zusammenwirken von Heer und Flotte handelte. Die Verwirklichung des Planes wurde anfänglich durch ungünstiges Wetter derartig in Frage gestellt, daß wir schon daran dachten, die eingeschifften Truppen wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt besserer Witterung läßt uns dann die Ausführung wagen. Sie verläuft von da ab nahezu mit der Genauigkeit eines Uhrwerks. Die Marine entspricht den hohen Anforderungen, die wir hierbei an sie stellen müssen, in jeder Richtung.
Wir gelangen in den Besitz von Ösel und der benachbarten Inseln. In Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder und zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront lockert sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, daß Rußland zu sehr von inneren Aufregungen verzehrt wird, als daß es noch imstande wäre, in absehbarer Zeit nach außen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen. Was mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der roten Flut immer stärker umbrandet; Stück auf Stück wird von den Grundpfeilern des Staates weggerissen.
Unter unseren letzten Schlägen wankt der Koloß nicht nur, sondern er berstet und stürzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu.
Angriff auf Italien
Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit außerordentlich ernst ist, entschließen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner früheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht darüber verwundert sein, daß ich nun doch die Zustimmung meines Allerhöchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen für eine Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluß auf unsere gesamte Lage versprach. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß ich meine Anschauungen in dieser Beziehung nicht geändert hatte. Ich hielt es auch im Herbste 1917 für ausgeschlossen, daß uns selbst im Falle eines durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner gelingen würde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn dieses Jahres, daß wir lediglich für den Ruhm eines erfolgreichen Feldzuges gegen Italien deutsche Kräfte der gefährlichen Lage unserer Westfront entziehen dürften. Die Gründe meiner nunmehrigen Befürwortung unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten zu suchen. Unser österreichisch-ungarischer Verbündeter klärte uns dahin auf, daß er nicht mehr die Kraft habe, einen zwölften italienischen Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eröffnung war für uns militärisch wie politisch von gleich großer Bedeutung. Es handelte sich nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den Zusammenbruch des gesamten österreichisch-ungarischen Widerstandes. Die Donaumonarchie war einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front gegenüber weit empfindlicher als gegenüber einer solchen auf dem galizischen Kriegstheater. Für Galizien hatte man in Österreich-Ungarn nie mit Begeisterung gefochten. „Wer den Krieg verliert, muß Galizien behalten“, war ein im Feldzug oft gehörtes österreichisch-ungarisches Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse für die italienische Grenze immer ein außerordentlich großes. In Galizien, das heißt gegen Rußland, focht Österreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten sich auffallenderweise alle Stämme des Doppelreiches mit fast gleich großer Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Rußland versagt hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete gewissermaßen ein kriegerisch einigendes Band für die ganze Monarchie. Was würde eintreten, wenn auch dieses Band zerriß? Die Gefahr hierfür ist in dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, groß. Ende August hat nämlich Cadorna in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelände gewonnen. Alle bisherigen Geländeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natürliche Folge der zerstörenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die stärkste Verteidigung. Jetzt aber waren die österreichischen Widerstandslinien an den äußersten Rand zurückgedrängt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen weiteres Gelände, so wurde für Österreich die Lage vorwärts Triest unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese Stadt fällt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg zwischen Italien und Österreich entscheiden zu können. Triest ist für die Donaumonarchie nicht nur eine ideale Größe sondern auch ein höchst realer Wert. An seinem Besitz hängt auch in der Zukunft ein großer Teil der wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muß also gerettet werden, und da es nicht anders möglich ist, mit deutscher Hilfe.
Gelang es uns, den Verbündeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden Sieg an seiner Südwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Österreich-Ungarn jedenfalls imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die schweren Kämpfe an der Isonzofront hatten bisher an der österreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der größte Teil ihrer besten Truppen hatte Cadorna gegenüber gestanden und am Isonzo schwer geblutet. Österreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich größten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang einer mindestens dreifachen italienischen Überlegenheit gegenüber, und zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung sogar übertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Südtirol an die Verteidigungstruppen stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet des ewigen Eises und Schnees hinauf.
Für eine Operation gegen Italien war es der nächstliegende Gedanke: Vorbrechen aus Südtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen Heeres im großen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflösung entgegengeführt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die strategische Linienführung gleichgünstige Vorbedingungen für einen gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mußte dieser gegenüber fast wie ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mußten wir auf ihre Durchführung verzichten!
Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes dürfen wir den inneren Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen Italien nicht außer acht lassen. Wir konnten für den letzteren in Rücksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hälfte derjenigen Zahl deutscher Divisionen zur Verfügung stellen, die Generaloberst von Conrad für einen wirkungsvollen, durchschlagenden Angriff aus Südtirol heraus im Winter 1916/17 für erforderlich gehalten hatte. Stärkere Kräfte konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfügung stellen, wenn wir, wie es tatsächlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit rechneten, daß unsere Gegner an der Westfront sich genötigt sehen würden, bei einer schweren Niederlage ihres Verbündeten einige Divisionen aus ihrer großen Überlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer Operation aus Südtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, daß ein früher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet war. Die angeführten Gründe zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren Ziele zu begnügen und zu versuchen, die italienische Front an dem offenkundig schwachen Nordflügel der Isonzoarmee zu durchstoßen, um dann gegen den südlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden Schlag zu führen, bevor ihm der Rückzug hinter den schützenden Abschnitt des Tagliamento gelingen konnte.
Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mühe gelang es Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Südteil seines Heeres unter Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurücklassung großer Mengen Kriegsgeräts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die Italiener in engerer Vereinigung und gestützt durch herbeigeeilte französische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. Der linke Flügel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrücken der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische Tiefebene weithin beherrschenden Höhen noch zu gewinnen und damit den feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu bringen, scheiterte. Ich mußte mich überzeugen, daß unsere Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich tot gelaufen. Der zäheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Führung wie ihrer Truppen mußte vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.
So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich mich doch eines Gefühles des Unbefriedigtseins nicht völlig entziehen. Der große Sieg war schließlich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere prächtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem Feldzuge zurück. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch diejenige ihres Führers.
Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917
Im Westen
Während wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.
Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung, einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.