Chapter 12
Das Stärkeverhältnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten der Ruhe für uns außerordentlich ungünstig. Wir mußten damit rechnen, daß durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte (9 Bataillone) etwa 2–3 russische Divisionen (32–48 Bataillone) gegenüberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den Anforderungen an die Kräfte unserer Truppen gegenüber den feindlichen mehr als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgemäß nicht nur im Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen täglichen Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei der großen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und Straßenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzählige Arbeiten für die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw. machten das Wort „Ruhe“ für Offizier und Mann meist zu einem völlig leeren Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen durchaus gut. Würde unser Sanitätsdienst nicht auf der Höhe gestanden haben, auf der er sich tatsächlich befand, so hätten wir schon aus diesem Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten können. Die Leistungen unseres Feldsanitätswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe für einen großen Zweck erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar gemacht werden.
Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, daß der Russe die von seinen leistungsfähigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Führung infolge der Geländegestaltung nur geringe Armfreiheit ließen, zu einem wirklich großen Schlage auswählen würde. Die kommenden Ereignisse belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen.
Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir hätten sonst wohl nicht geglaubt, daß wir mit den von uns allmählich im Gebiete des Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten vermöchten. Aber diese Gegenüberstellung gibt, wie eine auf unsere Feststellungen gestützte Veröffentlichung ausführt, doch nur ein ungenaues Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die russischen Divisionen nicht etwa gleichmäßig in breiter Front gegen die Deutschen vorstießen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei mächtigen Stoßgruppen vor den Flügeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die nördliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunächst nur 4 deutsche Bataillone standen, während die südliche mit 8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee und Wisznewsee einzudrücken suchte, die von unserer 75. Reservedivision und der verstärkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128 russische gegen 19 deutsche Bataillone!
Am 18. März bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Stärke noch nie zu durchleben gehabt hatte, stürmen die feindlichen Massen gleich einer ununterbrochenen Sturzflut auf unsere dünnbesetzten Stellungen. Doch vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst mähen zurückgehaltene feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu förmlichen Hügeln häufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front. Die Anstrengungen für den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter füllt die Schützengräben mit Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfließenden Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis zur teilweisen Bewegungsunfähigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die Gliedmaßen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft und Kampfeswille in diesen Körpern, um die feindlichen Anstürme immer wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens, und vom 25. März ab können wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am Naroczsee blicken.
Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermaßen aus:
„Welcher größere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte, ergibt folgender Befehl des russischen Höchstkommandierenden der Armeen an der Westfront vom 4. (17.) März, Nr. 537:
„Truppen der Westfront!
Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwächt, mit einer geringeren Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und, nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen.
Seine Majestät und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen des Reiches! Wenn ihr morgen an diese hohe Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an euren Mut, an eure tiefe Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heiße Liebe zur Heimat davon überzeugt, daß ihr eure heilige Pflicht gegen den Zaren und die Heimat erfüllen und eure unter dem Joche des Feindes seufzenden Brüder befreien werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen Sache!
Generaladjutant gez. Ewert.“
Freilich ist es für jeden Kenner der Verhältnisse erstaunlich, daß ein solches Unternehmen zu einer Jahreszeit begonnen wurde, in der seiner Durchführung von einem Tage zum andern durch die Schneeschmelze bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen konnten. Die Wahl des Zeitpunktes ist daher wohl weniger dem freien Willen der russischen Führung als dem Zwang durch einen notleidenden Verbündeten zuzuschreiben.
Wenn nunmehr die gegenwärtige Einstellung der Angriffe von amtlicher russischer Stelle lediglich mit dem Witterungsumschlag erklärt wird, so ist das sicherlich nur die halbe Wahrheit. Mindestens ebenso wie der aufgeweichte Boden sind die Verluste an dem schweren Rückschlage beteiligt. Sie werden nach vorsichtiger Schätzung auf mindestens 140.000 Mann berechnet. Richtiger würde die feindliche Heeresleitung daher sagen, daß die große Offensive bisher nicht nur im Sumpf, sondern in Sumpf und Blut erstickt ist.“
Der Beschreibung dieser Frühjahrskämpfe durch einen deutschen Offizier entnehme ich zum Schluß folgende Stelle:
„Nicht viel mehr als ein Monat war vergangen, seit der russische Zar an der Postawyfront die Parade über die Sturmdivisionen abnahm, da fuhr Generalfeldmarschall von Hindenburg an die Front, um seinen siegreichen Regimentern zu danken. In Tschernjaty und Komai, Jodowze, Swirany und Kobylnik, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Schauplatz der Zarenparade entfernt, sprach er zu den Abordnungen der Fronttruppen und verteilte die Eisernen Kreuze. Hand in Hand standen da für einen Augenblick Feldherr und Handgranatenwerfer, einer den anderen mit langem, vertrauensvollem Blicke ermessend. Die Frühlingssonne leuchtete als Siegessonne über der Hindenburgfront ...“
Das war mein Anteil an der Naroczschlacht.
Der Russenangriff gegen die österreichisch-ungarische Ostfront
„Verdun!“ – Der Name wurde bei uns im Osten von Anfang Februar des Jahres ab häufiger genannt. Man wagte nur halblaut und im Geheimnis davon zu sprechen. Man legte auf das Wort einen Ton, aus dem Zweifel und Bedenken hervorgingen. Und doch, der Gedanke, Verdun zu nehmen, war gut. Verdun in unserer Hand, das mußte die ganze Lage an unserer Westfront wesentlich festigen. Dadurch wurde die Einbuchtung an unserer verwundbarsten Druckstelle da drüben endgültig beseitigt. Vielleicht ergaben sich aus der Eroberung der Festung noch weitere operative Möglichkeiten in südlicher und westlicher Richtung.
Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der Hand, das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine Durchführbarkeit als unmöglich erweisen oder die dafür nötigen Opfer als zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Kühnste, das Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht schon wiederholt glänzend gelungen?
Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen, sondern laut und freudig. Das Wort „Douaumont“ leuchtet im Zusammenhang damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten herüber und erhebt die Gemüter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und Sorge auf die Entwickelung der Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich liegt in dem Angriff auf Verdun für uns auch ein bitteres Gefühl. Bedeutet das Unternehmen doch das endgültige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier im Osten.
Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung genannt. Die Bedenken fangen allmählich an, zu überwiegen, man spricht sie aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon erkennbar ist? Wäre es nicht möglich, an die Stelle dieser rein örtlichen Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gestützten nördlichen Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienführung unserer Aufstellung zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende abschnürende Operation treten zu lassen? Erst spätere Zeiten werden nach unparteiischer Prüfung über die Berechtigung dieser Fragen urteilen können.
Noch ein anderes Wort tritt späterhin zu Verdun, das ist „Italien“, zum ersten Male erwähnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit größerem und stärkerem als Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren Bedenken. Der Plan eines österreichisch-ungarischen Angriffes gegen Italien ist kühn und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein militärisches Anrecht auf Gelingen. Was diesen Plan aber als überkühn erscheinen läßt, das ist unsere Einschätzung des Instrumentes, mit dem er durchgeführt wird. Wenn gegen Italien die besten k. u. k. Truppen losbrechen, Truppen, an die nicht bloß Österreich und Ungarn sondern auch Deutschland mit Stolz und Vertrauen denken, was bleibt dann gegen Rußland? Rußland ist aber nicht so geschlagen, wie man es Ende 1915 vermutete. Am Naroczsee hat sich die ganze Entschlossenheit der russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer Wildheit und Massenhaftigkeit, gegenüber der so manche mit slawischen Elementen stark durchsetzten österreichisch-ungarischen Heeresverbände sich bisher als wenig widerstandsfähig erwiesen haben.
Die Sorge bei uns wächst trotz der Siegesmeldungen aus Italien täglich mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch die nunmehr eintretenden Ereignisse südlich des Pripet. Am 4. Juni stürzt die österreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der Bukowina auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die schwerste Krisis des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt ein, schwerer noch als diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht nirgends ein siegreiches deutsches Heer als helfender Retter bereit: im Westen tobt der Kampf um Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme.
Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinüber, aber zum Heile für das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So können wir wenigstens helfen, wo die Not am größten ist.
Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwächt in seinen Stellungen. Den ersten Erfolg südlich des Pripet hat er daher nicht durch seinen sonst gewohnten Einsatz überlegener Massen sondern mit verhältnismäßig schwachen Kräften erreicht.
„Der Plan Brussilows muß eingangs streng genommen als eine Erkundung aufgefaßt werden, als eine Erkundung unternommen auf gewaltige Ausdehnungen und mit kühner Entschlossenheit, aber doch immer nur eine Erkundung, kein Schlag mit einem gewählten Ziel ... Seine Aufgabe war es, die Stärke der gegnerischen Linien anzufühlen auf einer Front von nahezu 500 km zwischen Pripet und Rumänien. Brussilow glich einem Manne, der an eine Mauer schlägt, um herauszubringen, welche Teile solider Stein und welche nur Latten und Mörtel waren.“
So schrieb ein Ausländer über Brussilows erste Schlachttage. Und dieser Ausländer sagt einwandfrei das Richtige.
Die österreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine, sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer Front weg herangeführt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten werden können? Nur eine starke Säule bleibt zunächst noch inmitten dieser Brandung. Es ist die Südarmee unter ihrem trefflichen General Grafen Bothmer. Deutsche, Österreicher und Ungarn; alle gehalten in guter Zucht.
Was auf unserem Teil der großen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr nach dem Süden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens.
Inzwischen verdüstert sich auch die Lage an der Westfront. Französisch-englische Übermacht wirft sich auf unsere verhältnismäßig schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drückt die Verteidigung ein. Ja es droht vorübergehend die Gefahr eines vollendeten Durchbruchs!
Mein Allerhöchster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef zweimal zu Beratungen über die schwere Lage an der Ostfront in sein Hauptquartier nach Pleß. Das letzte Mal, Ende Juli, fällt dort die Entscheidung über die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die deutsche Oberste Heeresleitung hat von Österreich-Ungarn als Entgelt für die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewähr für straffere Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, östlich Lemberg, ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbände wurden mir unterstellt.
Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden bei den österreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und rückhaltslose Kritik der eigenen Schwächen. Freilich, die Erkenntnis war nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die vorhandenen Schäden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so bedurfte es in diesem Völkergemisch einer alles beherrschenden, durchgreifenden Gewalt und eines einheitlichen Zuges, sonst mußte auch das beste Blut in diesem Körper machtlos rinnen und vergeblich verrinnen.
Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlaßte mich zur Verlegung meines Hauptquartiers nach Süden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am 28. August mittags der Befehl Seiner Majestät des Kaisers, baldmöglichst in sein Großes Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef des Militärkabinetts nur mit: „Die Lage ist ernst!“
Ich lege den Hörapparat weg und denke an Verdun und Italien, an Brussilow und die österreichische Ostfront, dazu an die Nachricht: „Rumänien hat uns den Krieg erklärt.“ Starke Nerven werden nötig sein!
DRITTER TEIL
VON DER ÜBERTRAGUNG DER OBERSTEN HEERESLEITUNG BIS ZUR ZERTRÜMMERUNG RUSSLANDS
Berufung zur Obersten Heeresleitung
Chef des Generalstabes des Feldheeres
Es war bekanntlich nicht das erste Mal, daß mich mein Kaiserlicher und Königlicher Herr zur Besprechung über militärische Lagen und Absichten zu sich berief. Daher vermutete ich auch diesmal, daß Seine Majestät meine Anschauungen über eine bestimmte Frage persönlich und mündlich hören wollte. In der Annahme eines nur kurzen Aufenthaltes nahm ich auch nur das für einen solchen unbedingt nötige Gepäck mit mir. Am 29. August vormittags traf ich in Begleitung meines Chefs in Pleß ein. Auf dem Bahnhof empfing mich im Auftrage des Kaisers der Chef des Militärkabinetts. Aus seinem Munde erfuhr ich zuerst die für mich und General Ludendorff beabsichtigten Ernennungen.
Vor dem Schlosse in Pleß traf ich meinen Allerhöchsten Kriegsherrn selbst, der das Eintreffen Ihrer Majestät der Kaiserin, die von Berlin aus kurz nach mir Pleß erreicht hatte, erwartete. Der Kaiser begrüßte mich sogleich als Chef des Generalstabes des Feldheeres und General Ludendorff als meinen Ersten Generalquartiermeister. Auch der Reichskanzler war von Berlin aus erschienen und augenscheinlich von der Veränderung in der Besetzung der Chefstelle, die ihm Seine Majestät in meiner Gegenwart mitteilte, nicht weniger überrascht als ich selbst. Ich erwähne dies, weil auch hier die Legendenbildung eingesetzt hat.
Die Übernahme der Geschäfte aus den Händen meines Vorgängers vollzog sich bald nachher. General von Falkenhayn reichte mir zum Abschied die Hand mit den Worten: „Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland!“
Welche Gründe unsere plötzliche Berufung in den neuen Wirkungskreis veranlaßten, erfuhr ich aus dem Munde meines Kaisers, der meines Vorgängers stets ehrend gedachte, weder bei der Übernahme meiner neuen Stellung noch später. Derartige Feststellungen rein historischen Wertes zu machen, fehlte mir immer die Neigung, damals aber auch die Zeit. Drängten sich doch die Entscheidungen nicht nach Tagen sondern nach Stunden.
Kriegslage Ende August 1916
Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen erfolgte, war nach den ersten Eindrücken, die ich gewann, folgende:
Die Verhältnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war nicht in unsere Hände gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der französischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht. Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer aussichtsloser geworden, aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. An der Somme raste das Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand äußerster Zerreißprobe.
Im Osten war die russische Offensive im Südostteil der Karpathen bis auf den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen Landes mit den jetzt verfügbaren Kräften gegen neue Anstürme zu behaupten sein würde, mußte nach den bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch im Vorlande des Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs äußerste gespannt. Zwar hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas nachgelassen, aber es war nicht zu hoffen, daß diese Ruhe von längerer Dauer sein würde.
Der österreichisch-ungarische Angriff aus Südtirol hatte angesichts des Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden müssen. Der Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront über. Diese Kämpfe zehrten in starkem Maße an den österreichisch-ungarischen Heereskräften, welche sich dort unter den schwierigsten Verhältnissen gegen mehrfache feindliche Überlegenheit, wert des höchsten Ruhmes schlugen.
Von Wichtigkeit für die Gesamtlage wie für die Not des Augenblickes waren schließlich auch die derzeitigen Verhältnisse auf dem Balkan. Die von den Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene Offensive gegen Sarrail hatte nach anfänglichen Erfolgen abgebrochen werden müssen. Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel, Rumänien vom Eingreifen in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht worden.
Die Vorhand lag zur Zeit überall in den Händen unserer Gegner. Es war damit zu rechnen, daß diese alle Kräfte einsetzen würden, uns weiter unter diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe und erfolgreiche Kriegsbeendigung mußten die gegnerischen Verbündeten auf allen Fronten zu den größten Kraftanstrengungen und zu den schwersten Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um sich an dem Todesstoß gegen die Mittelmächte zu beteiligen, zu dem Rumänien das siegessichere Halali blies!
Die augenblicklich freien und verfügbaren Reserven des deutschen sowie des österreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen an der zunächst bedrohten siebenbürgisch-rumänischen Grenze nur schwache Postierungen, größtenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern Siebenbürgens waren abgekämpfte österreichisch-ungarische Divisionen untergebracht, zum Teil gefechtsunbrauchbare Trümmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Stärke, um für einen ernsten Widerstand gegen einen rumänischen Einfall in das Land in Betracht kommen zu können. Die Verhältnisse auf dem südlichen Donauufer waren in dieser Beziehung für uns günstiger. Eine aus bulgarischen, osmanischen und deutschen Verbänden neugebildete Armee war im bulgarischen Grenzgebiete der Dobrudscha und an der Donau weiter aufwärts in Versammlung begriffen, zusammen etwa 7 Divisionen von sehr verschiedener Stärke.
Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden Stellen unseres europäischen Kriegsschauplatzes, nämlich an den rumänischen Grenzen, verfügbar war. Weiterer Kräftebedarf mußte entweder aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekämpften und der Ruhe bedürftigen Verbänden entnommen oder endlich durch Bildung neuer Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die Verhältnisse bei uns wie bei unseren Verbündeten nicht günstig. Die Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhöhter Anspannung bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Gerät und Schießbedarf durch die lange Dauer und den Umfang der Kämpfe auf allen Fronten ein solch ungeheurer geworden, daß die Gefahr einer Lähmung unserer Kriegführung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf die Lage in der Türkei komme ich später zurück.
Politische Lage
Nicht nur die ersten Eindrücke über die militärische, sondern auch diejenigen über die politische Gesamtgestaltung bedürfen einer kurzen Darlegung. Ich beginne mit den Verhältnissen in unserem eigenen Vaterlande.
Als mir die Leitung der Operationen übertragen wurde, hielt ich die Stimmung in unserer Heimat zwar nicht für verzagt, aber doch für ernst. Kein Zweifel, daß man dort durch manche kriegerischen Vorgänge der letzten Monate enttäuscht war. Dazu kam, daß sich die Not des täglichen Lebens wesentlich gesteigert hatte. Besonders bitter litt der Mittelstand unter den für ihn ungewöhnlich nachteiligen wirtschaftlichen Verhältnissen. Die Lebensmittel wurden immer knapper zugewiesen, die Ernteaussichten waren mäßig.
Die Kriegserklärung Rumäniens bedeutete unter diesen Verhältnissen eine weitere Mehrbelastung des heimatlichen Kriegswillens. Doch war das Vaterland augenscheinlich auch jetzt zum Durchhalten bereit. Wie lange und wie stark diese Stimmung anhalten werde, ließ sich freilich nicht vorhersagen. Der Verlauf der kriegerischen Ereignisse der nächsten Zeit mußte in dieser Hinsicht entscheidend wirken.
Was die Beziehungen Deutschlands zu seinen Verbündeten betrifft, so sollten wir diese nach den propagandistischen Äußerungen der gegnerischen Presse während des Krieges schrankenlos beherrschen. Es wurde behauptet, wir hielten Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei sozusagen am Halse fest, bereit sie zu würgen, wenn sie nicht taten, was wir wollten. Und doch konnte es kaum eine größere Entstellung des wirklichen Sachverhaltes geben, als sie in dieser Behauptung lag. Ich glaube, daß sich nirgends die Schwäche Deutschlands im Vergleich zu England deutlicher zeigte, als in der Verschiedenheit der politischen Einwirkungen auf die beiderseitigen Bundesgenossen.