Aus meinem Leben

Chapter 11

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4 Armeekorps rollten bei Beginn des Jahres zu unserer Verfügung aus der Heimat und dem Westen zu uns heran. Sie werden in Ostpreußen ausgeladen, verstärken teils die 8. Armee und bilden teils die 10. unter Generaloberst von Eichhorn, marschieren auf und rücken los, um seitlich beider Flügel unserer in der Linie Lötzen-Gumbinnen gelegenen dünnen Verteidigungsstellung vorzubrechen. Durch zwei starke Flügelgruppen soll die 10. russische Armee des Generals Sievers weit ausholend umfaßt werden, damit schließlich durch deren Zusammenschluß im Osten auf Rußlands Boden im großen Maßstabe alles zertrümmert werden kann, was noch vom Feinde etwa übrig geblieben ist.

Der erste grundlegende Gedanke der Operation wird am 28. Januar noch im Hauptquartier zu Posen für unsere Armeeführer in folgende Worte gefaßt:

„Ich beabsichtige, die 10. Armee mit ihrem linken Flügel längs der Linie Tilsit-Wylkowyszki zur Umfassung des nördlichen Flügels des Gegners anzusetzen, den Feind mit der Landwehrdivision Königsberg und dem linken Flügel der 8. Armee in frontalem Kampf zu binden, und den rechten Flügel der 8. Armee auf Arys-Johannisburg und südlich angreifen zu lassen.“

Am 5. Februar folgt dann aus Insterburg, wohin wir uns zur Schlachtenleitung begaben, der eigentliche Angriffsbefehl. Er setzt vom 7. ab die beiden Massen an den Flügeln in Bewegung, vielleicht etwas an unser ruhmreiches Sedan erinnernd, und ein vernichtendes Sedan sollte es für die 10. Russenarmee schließlich bei Augustowo auch werden. Dort schloß sich am 21. Februar der Kessel des gewaltigen Treibens, aus dem mehr denn 100.000 Gegner als Gefangene Deutschland zugeführt wurden. Eine noch weit größere Zahl von Russen war einem anderen Schicksal erlegen.

Das Ganze wurde auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Kaisers „Winterschlacht in Masuren“ benannt. Man befreie mich von ihrer näheren Beschreibung. Was sollte ich auch Neues aus ihr erzählen? Ihr Name mutet an wie Eiseshauch und Totenstarre. Vor dem Gange dieser Schlacht steht der rückblickende Mensch, wie wenn er sich fragen müßte: Haben wirklich irdische Wesen dies alles geleistet, oder ist das Ganze nur ein Märchen oder Geisterspuk gewesen? Sind jene Züge durch Winternächte, jene Lager im eisigen Schneetreiben und endlich der Abschluß der für den Feind so schrecklichen Kämpfe im Walde von Augustowo nur die Ausgeburten erregter menschlicher Phantasien?

Trotz der großen taktischen Erfolge der Winterschlacht blieb uns die strategische Ausnutzung des Erreichten versagt. Wir waren wohl wieder imstande gewesen, eine der russischen Armeen nahezu völlig zu vernichten, aber an ihre Stelle traten sofort neue feindliche Kräfte, herangezogen von anderen Fronten, an denen sie nicht gebunden waren. Unter diesen Verhältnissen konnten wir mit den jetzt im Osten verfügbaren Mitteln zu keinem entscheidenden Ergebnis gelangen. Die russische Übermacht war allzu gewaltig.

Der Winterschlacht folgt als russische Antwort ein umfassender Angriff auf unsere Stellungen vorwärts der altpreußischen Grenzgebiete. Gewaltige Blöcke wälzt der feindliche Heerführer gegen uns heran, Blöcke von übermächtiger Größe, jeder einzelne schwerer, als alle unsere Kräfte zusammen. Aber der deutsche Wille überwindet auch diese Belastung. Ströme russischen Blutes fließen in den mörderischen Kämpfen bis Frühjahrsbeginn nördlich des Narew und westlich des Njemen; dem Himmel sei Dank, auf russischem Boden! Der Zar mag viele Soldaten haben, auch ihre Zahl schwindet bei solchen Massenopfern merklich dahin. Die russische Kraft, die vor unseren Linien zugrunde geht, wird nachher fehlen, wenn der große deutsch-österreichisch-ungarische Stoß weit im Süden die ganze russische Heeresfront erbeben macht.

Nicht nur in den preußischen Grenzgebieten, sondern auch in den Karpathen wird in dieser Zeit mit äußerster Erbitterung gefochten. Dort versucht der Russe auch über den Winter hinaus den Grenzwall Ungarns um jeden Preis zu bezwingen. Er fühlt wohl mit Recht, daß ein Einbruch der russischen Flut in die magyarischen Länder den Krieg entscheiden könnte, daß das Donaureich einen solchen Schlag nimmermehr überwinden würde. War es zu bezweifeln, daß der erste russische Kanonenschuß in der ungarischen Tiefebene seinen Widerhall in den oberitalienischen Gebirgen und in den transsylvanischen Alpen finden würde? Der russische Großfürst wußte wohl, für welch hohes Ziel er von dem Zarenheere die furchtbaren Opfer auf den schwierigen Kampffeldern des Waldgebirges forderte.

Die andauernd große Spannung der Kampflage in den Karpathen und ihre Rückwirkung auf die politischen Verhältnisse forderten gebieterisch eine Lösung. Die deutsche Oberste Heeresleitung fand eine solche. Sie durchbrach in den ersten Tagen des Mai die russische Heeresfront in Nordgalizien und faßte die gegnerische Schlachtfront an der ungarischen Grenze in Flanke und Rücken.

Mein Oberkommando war zunächst an der großen Operation, die bei Gorlice ihren Anfang nahm, nur mittelbar beteiligt. Unsere Aufgabe im Rahmen dieser großzügigen Unternehmung war es vorerst, starke feindliche Kräfte zu binden. Das geschah zunächst durch Angriffe im großen Weichselbogen westlich Warschau und an der ostpreußischen Grenze, in Richtung Kowno, dann aber im größeren Stile durch ein am 27. April begonnenes Reiterunternehmen nach Litauen und Kurland. Der Vorstoß von drei Kavalleriedivisionen, unterstützt von der gleichen Zahl Infanteriedivisionen, berührte eine empfindliche Stelle russischen Kriegsgebietes. Der Russe fühlte wohl zum ersten Male, daß die wichtigsten Eisenbahnen, die russisches Heer und russisches Kernland verbanden, durch ein solches Vorgehen ernstlich gefährdet werden konnten. Er warf unserem Einbruch starke Kräfte entgegen. Die Kämpfe auf litauischem Boden zogen sich bis zum Sommer hin. Wir sahen uns veranlaßt, weitere Kräfte dorthin zu werfen, um die besetzten Landesteile zu behaupten und unseren Druck auf den Gegner auch in jenen vom Krieg bisher unberührten Gebieten dauernd zu erhalten. So entstand dort allmählich eine neue deutsche Armee. Sie erhielt nach dem Hauptstrom des Gebietes die Bezeichnung „Njemenarmee“.

Es fehlt mir an Raum, um auf den Heereszug einzugehen, der am 2. Mai in Nordgalizien begann, um dann, auf unsere Linien übergreifend, in den Herbstmonaten östlich Wilna zu enden. Wie eine Lawine aus scheinbar kleinen Anfängen entsteht, immer neue und neue Teile auf ihrem verheerenden Weg mit sich reißt, so beginnt und verläuft dieser Zug in nie gesehener und nicht mehr wiederholter Ausdehnung. Wir werden zu unmittelbarem Eingreifen in seinen Gang veranlaßt, als der Durchstoß über Lemberg hinaus gelang. Jetzt schwenken nämlich die deutsch-österreichisch-ungarischen Armeen zum Vorgehen in nördlicher Richtung zwischen oberen Bug und Weichsel ein. Man halte sich das Bild der Lage vor Augen: Die russische Heeresfront ist in der südlichen Hälfte fast bis zur Zersprengung eingedrückt. Ihr Nordteil, nach Westen und Nordwesten festgehalten, hat eine neue mächtige Flanke zwischen der Weichsel und den Pripetsümpfen nach Süden gebildet. Eine Katastrophe droht der Masse des russischen Heeres, wenn ein neuer Durchbruch von Norden her gegen den Rücken der russischen Heeresmacht gelingt.

Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht führte, drängt sich aufs neue auf, diesmal vielleicht in noch größeren Umrissen. Jetzt muß von Ostpreußen her der Schlag angesetzt werden, am nächsten und wirkungsvollsten über Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort das Bobrsumpfgebiet unser Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des vergangenen Winters her. Es bleibt also nur die Wahl zwischen dem Vorbrechen westlich oder östlich dieser Linie. Der Stoß in die Tiefe der feindlichen Verteidigung, ich möchte sagen in die Herzgegend des russischen Heeres fordert die Richtung östlich Grodno vorbei. Wir vertreten diesen Gedanken. Die Oberste Heeresleitung verschloß sich seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die westliche Stoßrichtung für kürzer und glaubte auch hier an große Erfolge. Sie forderte also den Angriff über den unteren Narew. Ich glaubte meinen Widerstand gegen diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben, die Folgen dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der Operationen abwarten zu sollen. Der General Ludendorff jedoch hielt innerlich zähe an unserem ersten Plane fest, eine Abweichung, die übrigens weder irgendwelchen Einfluß auf unser weiteres gemeinsames Denken und Handeln hatte, noch die Kraft beeinträchtigte, mit der wir den Entschluß der verantwortlichen Obersten Heeresleitung Mitte Juli in die Tat umsetzten. Gallwitz’ Armee brach beiderseits Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem Angriff begab ich mich persönlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die mir als meisterhaft bekannte Tätigkeit des Armee-Oberkommandos irgendwelche taktischen Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil ich wußte, welch eine ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste Heeresleitung dem Gelingen des hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich wollte zur Stelle sein, um nötigenfalls sofort eingreifen zu können, wenn das Armee-Oberkommando irgendwelcher weiteren Aushilfen für die Durchführung seiner schwierigen Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches bedurfte. Zwei Tage blieb ich bei der Armee und erlebte die Erstürmung des schon früher wiederholt heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das Gelände südlich der Stadt. Schon am 17. Juli stand Gallwitz am Narew. Unter dem Eindruck der auf allen Frontseiten einbrechenden verbündeten Armeen beginnt der Russe allmählich, auf allen Seiten zu weichen und sich der drohenden Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung fängt an, sich in frontales Abringen zu verlaufen. Wir können auf diesem Wege die Früchte nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder aufs neue gesät werden. Wir greifen daher unsern früheren Gedanken wieder auf und wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen über Kowno auf Wilna vordrücken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die Pripet-Sümpfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger stärker erlahmt als der Verfolgte.

In diesen Zeitraum fällt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brückenkopf bisher noch keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt für uns von Wert, weil sie die über Mlawa nach Warschau führende Bahn sperrte. Unmittelbar vor der Übergabe traf ich am 18. August mit meinem Kaiser vor dem Waffenplatz zusammen und fuhr später in seinem Gefolge in die Stadt. Dort brannten noch die von den russischen Truppen angezündeten Kasernen und andere militärische Gebäude. Große Massen von Gefangenen standen herum. Auffallend war es, daß die Russen vor der Übergabe ihre Pferde reihenweise erschossen hatten, wohl in der Überzeugung von dem außerordentlichen Werte, den diese Tiere für unsere Operationen im Osten hatten. Unser Gegner benahm sich überhaupt in der Zerstörung aller Mittel und Vorräte, die dem siegreichen Feinde für die Kriegführung von irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets außerordentlich gründlich.

Um wenigstens freie Bahn für ein späteres Vorgehen gegen Wilna zu schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten vorbrechen. Mitte August fällt dann Kowno unter dem Ansturm der 10. Armee. Der Weg gegen Wilna ist geöffnet, aber noch immer fehlen die Kräfte zur weiteren Durchführung unseres großen operativen Gedankens. Sie bleiben vorläufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen vergehen, bis Verstärkungen herangeholt werden können. Unterdessen weicht aber der Russe weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst Warschau, wenn er nur seine Hauptkräfte dem Verderben entziehen kann.

Erst am 9. September können wir vorwärts auf Wilna. Möglicherweise kann in dieser Richtung auch jetzt noch Großes gewonnen werden. Hunderttausende russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je stolze Hoffnungen mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es jetzt. Kommen wir zu spät? Sind wir kräftig genug? Doch nur vorwärts, über Wilna hinaus und dann nach Süden. Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische Lebensader. Drücken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche Hauptkraft. Der Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es abzuwenden. Ein mörderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene Stunde rettet dem Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen. Unsere Kavalleriedivisionen müssen vor deren Rückstau wieder zurück. Die Bahnlinie ins Herz der Heimat wird für den Gegner wieder frei. Wir sind zu spät gekommen, und wir ermatten!

Ich täusche mich wohl nicht in der Annahme, daß der Gegensatz zwischen den Anschauungen der deutschen Obersten Führung und den unserigen ein geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir dürfen bei der Beurteilung der Pläne der Heeresleitung den Blick über das Gesamtbild des Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil dieses Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten politischen und kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt hätten, mag unerörtert bleiben.

Lötzen

Aus diesem ernsten Gedankenstreit möchte ich zu einer idyllischeren Seite unseres Kriegslebens im Jahre 1915 übergehen, indem ich mich in meinen Erinnerungen nach Lötzen begebe.

Das freundlich zwischen Seen, Wald und Höhen gelegene Städtchen wurde unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck, gewährten uns eine rührend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch des Landverkehrs auf den ohne zu großen Zeitverlust erreichbaren Gütern, der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung, Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu kurz; den Höhepunkt bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestät die Erlegung eines besonders starken Elches im Königlichen Jagdrevier Niemonien am Kurischen Haff.

Als im Frühjahr allmählich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann, fehlte es uns, ebensowenig wie später im Sommer, nicht an Besuchern jeglicher Art. Deutsche Fürstlichkeiten, Politiker, Männer aus wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte kamen zu uns, geführt durch das Interesse, das die sonst so wenig besuchten östlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen hatten. Künstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch Pinsel oder Meißel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller Liebenswürdigkeit und Tüchtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten unserer knappen Freistunden verzichtet hätten. Auch das neutrale Ausland stellte Gäste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den bekannten Asienreisenden und überzeugten Deutschenfreund, kennen und schätzen.

Unter den Staatsmännern, die uns in Lötzen besuchten, nenne ich besonders den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Großadmiral von Tirpitz.

Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den Reichskanzler bei mir begrüßen zu können. Seine Besuche entsprangen in erster Linie seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und standen in keinem Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch nicht, daß die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals berührten. Wohl aber gewann ich die Überzeugung, daß ich es mit einem klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen über die damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefühl sprach aus allen Äußerungen des Kanzlers. Diesem Gefühl schrieb ich es zu, wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach meinem soldatischen Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten.

Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Lötzen bestätigt.

Großadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger für Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine völlig anders geartete Persönlichkeit. Auf einem längeren Spaziergang trug er mir alle die Schmerzen vor, die sein flammendes vaterländisches und ganz besonders sein seemännisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, daß er die gewaltige während der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im Kriege in den heimatlichen Häfen festgebannt sah. Gewiß war die Lage für eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens würde die überaus große Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenüber dem Phantom einer deutschen Landung eine größere Tätigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht für ausgeschlossen, daß durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer Heereskräfte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres erreicht werden konnte. Man sagt, daß unsere Politik sich die Möglichkeit schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte deutsche Seekraft hinweisen zu können. Eine solche Rechnung wäre wohl irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu nützen wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor.

Im Frühjahr 1916 ist der Wunsch des Großadmirals doch noch in Erfüllung gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak glänzend gezeigt.

Auch über die Frage unserer Unterseebootkriegführung äußerte sich Herr von Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, daß wir diese Waffe zur Unzeit gezückt hätten, und daß wir dann, eingeschüchtert durch das Verhalten des Präsidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen Arm ebenso zur Unzeit wieder hätten sinken lassen. Die damaligen Ausführungen des Großadmirals konnten auf meine spätere Stellungnahme zu dieser Frage keinen Einfluß ausüben. Bis die Entscheidung hierüber an mich herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten verschoben und war andererseits die Leistungsfähigkeit unserer Marine auf dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt.

Kowno

Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das besetzte Feindesland.

Zu der bisherigen Tätigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die Arbeiten für die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnützung des Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die hieraus erwachsende Beschäftigung wäre allein genügend gewesen, die Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem übrigen Dienste und widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen.

Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit den Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir noch, in viertägigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar 1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewährten Händen des bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns die reichen Holzbestände nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu treiben.

Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Wölfe zogen es vor, außerhalb meiner Schußweite durch die Lappen zu gehen. Von den Kämpferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schützengräben. Sonst war das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den Forst berührte, völlig aufgeräumt.

In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jähriges Dienstjubiläum. Mit Dank gegen Gott und meinen Kaiser und König, der mir den Tag durch gnädiges Meingedenken verschönte, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert zurück, das ich in Krieg und Frieden im Dienste für Thron und Vaterland durchlebt hatte.

Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des französischen Heeres nach Osten über den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an den tragischen Ausgang dieses kühnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die Hoffnung ausgelöst, daß auch unsere Truppen in den weiten Wald- und Sumpfgebieten Rußlands einem ähnlichen Schicksal durch Hunger, Kälte und Krankheiten erliegen würden wie die stolzen Armeen des großen Korsen. Man verkündete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer Überzeugung als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin waren aber unsere Sorgen für die Erhaltung unserer Truppen im Winter 1915/16 keine geringen. Wußten wir doch, in welchen trotz aller Entwickelung der Neuzeit immer noch verhältnismäßig öden, vielfach von ansteckenden Krankheiten durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die strenge Jahreszeit hinzubringen hatten.

Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August

Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront

Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter hellen Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem Gesamtergebnis der Operationen und Kämpfe dieses Jahres lag für uns etwas Unbefriedigendes. Der russische Bär hatte sich unserer Umgarnung entzogen, zweifellos aus mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht zu Tode getroffen. Unter wilden Anfällen hatte er sich von uns verabschiedet. Wollte er damit beweisen, daß er noch Lebenskraft genug übrig hatte, um uns auch weiterhin das Leben schwer zu machen? Wir fanden die Ansicht vertreten, daß die russischen Verluste an Menschen und Material bereits so bedeutend wären, daß wir auf lange hinaus an unserer Ostfront gesichert sein würden. Wir beurteilten diese Behauptung nach den bisherigen Erfahrungen mit Mißtrauen, und bald sollte sich zeigen, daß dieses Mißtrauen gerechtfertigt war.

Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen können. Zeigte sich doch bald, daß der Russe an alles eher dachte, als sich stille zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darüber hinaus nach Süden, war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne daß man zuerst die Absichten der russischen Führung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt die Gegenden von Smorgon, Dünaburg und Riga für besondere Gefahrpunkte vor unseren Stellungen. In diese Gebiete führten die leistungsfähigsten russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen für einen feindlichen Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht.

Die Tätigkeit im Rückengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. Überläufer klagten über die harte Zucht, der die zurückgezogenen Divisionen unterworfen würden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt.