Aus meinem Leben

Chapter 10

Chapter 103,413 wordsPublic domain

Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung Wehrloser und anderes Elend. Das reiche Schlesien mit seinem mächtig entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche Brot! Man fährt im Kriege nicht einfach mit der Hand über die Karte und sagt: „Ich räume dieses Land!“ Man muß nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran. Ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen.

Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung gefunden.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewöhnlichen Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners jedoch immer noch genügend starke Ansprüche an die Nerven der obersten Führung. Ich wußte aber die untere Führung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, daß von den Truppen das Menschenmögliche geleistet wurde. Solches Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung der gefährlichsten Lagen ermöglicht. Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer Funkspruch: „Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der Nachschub schwierig.“ Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne herantreten.

An diesem 1. November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert. General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9. Armee wurde General von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge für die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das Ganze.

Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3. November die endgültige Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form.

Unser Gegenangriff

Der neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte feindliche Flanke zu richten suchen. Eine ausholende Bewegung meiner linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. Suchen wir den feindlichen Nordflügel in der Gegend von Lodz, so müssen wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen uns damit weit vom österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur noch schwächere deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen werden. Vorbedingung für unseren Linksabmarsch ist, daß das k. u. k. Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht bedrohten Karpathenfront heranbefördert.

Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die Zwischenräume zwischen diesen 3 Gruppen können wir durch vollwertige Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km breite Lücke zwischen den Österreichern und unserer 9. Armee im wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben. Diese besitzen an sich schon geringere Angriffskraft und müssen noch dazu an der Front einer mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit ausdehnen, daß sie eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein zahlenmäßig beurteilt brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der 8. Armee in den östlichen Gebieten Ostpreußens befindet sich im wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt durch die Hauptreserven aus Thorn und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenüber steht eine starke russische Gruppe von etwa 4 Armeekorps nördlich von Warschau auf dem Nordufer der Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe könnte, wenn sie über Mlawa angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rückengebiet der 8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur schwach geschützte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz befreien. Es ist klar, daß diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. Diese Gefahr ist um so größer, als wir weder zahlenmäßig hinreichende noch auch genügend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen Heeresmassen im großen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps nördlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe frontal zu fesseln oder auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu täuschen. Wir werden freilich trotz alledem überall unsere Truppen zum Angriff vorgehen lassen, aber es wäre doch ein gefährlicher Irrtum, hiervon sich allzuviel zu versprechen.

Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden kann, muß zur Verstärkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie führt den entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muß 2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in das Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter Entschluß. Die Gesamtstärke der 9. Armee wird durch die geschilderte Maßnahme auf etwa 5½ Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte glaubt die Oberste Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen günstigen Ausgang der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen sich erneut in ihrer ganzen Größe und Bedeutung.

Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit und Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am 11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich an, daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrät, daß die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kräften von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreißen dem russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck unserer Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große Entscheidung erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben gewaltig. Trotzdem erhoffe ich Großes!

Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr einen, wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die unter der Bezeichnung „Schlacht bei Lodz“ zusammengefaßt sind, geben.

In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfaßtsein, Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der Ostfront getobt hatten!

Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb Asiens abzudämmen.

Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu uns vom Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche mit gutem Willen aber mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem ähnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter uns hatten, nämlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, mit ihnen die abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere Kräfte zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den Kämpfen von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch – im Sumpfe.

Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen?

1915

Frage der Kriegsentscheidung

Die Leistungen Deutschlands und seines Heeres im Jahre 1914 werden in ihrer ganzen heldenhaften Größe erst dann einwandfrei gewürdigt werden, wenn Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zur freien Wirkung kommen, wenn die Propaganda unserer Gegner in ihrer die Weltmeinung irreführenden Weise entlarvt ist, und wenn die deutsche kritische Selbstzerfleischung einem ruhigen besonnenen Urteil weicht. Ich zweifle nicht, daß dies alles eintreten wird.

Trotz der Größe all unserer Leistungen fehlte aber die Krönung des gewaltigen, uns aufgezwungenen Werkes. Bis jetzt war nur die augenblickliche Rettung, nicht aber ein durchgreifender Sieg erkämpft. Die Vorstufe, die zu diesem führte, war eine Entscheidung auf wenigstens einer unserer Fronten. Wir mußten herauskommen aus der kriegerischen, politischen und wirtschaftlichen Umklammerung, die uns einschnürte und uns auch moralisch den Atem zu nehmen drohte. Die Gründe für das bisherige Ausbleiben des Erfolges waren strittig und werden strittig bleiben. Die Tatsache bestand, daß unsere Oberste Heeresleitung sich genötigt geglaubt hatte, vom Westen, wo sie die rasche Entscheidung suchen wollte, vorzeitig starke Kräfte nach dem Osten zu werfen. Ob bei diesem Entschluß nicht auch eine Überschätzung der damals im Westen erreichten Erfolge eine große Rolle spielte, möchte ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls erwuchsen Halbheiten; das eine Ziel war aufgegeben, das andere nicht erreicht.

In zahlreichen Gesprächen mit Offizieren, die einen Einblick in den Verlauf der Ereignisse im August und September 1914 auf dem westlichen Kriegsschauplatz gehabt hatten, versuchte ich ein einwandfreies Urteil über die Vorgänge zu gewinnen, die für uns in der sogenannten Marneschlacht so verhängnisvoll wurden. Ich glaube nicht, daß eine einzelne Ursache die Schuld an dem Scheitern unseres großen, zweifellos richtigen Feldzugsplanes trägt. Eine ganze Reihe ungünstiger Einwirkungen entschied zu unseren Ungunsten. Zu diesen zähle ich: Verwässerung des Grundgedankens, mit einem starken rechten Flügel aufzumarschieren, Festrennen des überstark gemachten linken Heeresflügels durch falsche Selbsttätigkeit der unteren Führung, Verkennen der aus dem starkbefestigten, großen Eisenbahnknotenpunkt Paris zu erwartenden Gefahr, ungenügendes Eingreifen der Obersten Heeresleitung in die Bewegungen der Armeen und vielleicht auch mangelhaftes Herausfühlen der an sich nicht ungünstigen Lage an dieser und jener Kommandostelle im entscheidenden Augenblick der Schlacht. Die Geschichtsforschung und die Kritik werden hier ein dankbares Feld ihrer Tätigkeit haben.

Mit aller Entschiedenheit möchte ich mich aber dahin aussprechen, daß das Scheitern unseres ersten Operationsplanes im Westen zwar eine schwere Gefahr für uns brachte, daß dadurch aber keineswegs die Fortführung des Krieges für uns aussichtslos geworden war. Wäre dies nicht meine Überzeugung gewesen, so würde ich mich schon im Herbste 1914 für verpflichtet gehalten haben, dies nach oben hin, und zwar bis zu meinem Allerhöchsten Kriegsherrn zu vertreten. Unser Heer hatte derartige glänzende und den Gegnern allenthalben überlegene Eigenschaften entwickelt, daß nach meiner Ansicht bei einer entsprechenden Zusammenfassung unserer Kräfte trotz der feindlichen stets wachsenden zahlenmäßigen Überlegenheit eine Entscheidung wenigstens zunächst auf einem unserer Kriegstheater möglich blieb.

West oder Ost? Das mußte die große Frage sein, von deren Beantwortung unser Schicksal abhing. Bei Lösung dieser Frage konnte mir selbstverständlich eine entscheidende Stimme von seiten der Obersten Heeresleitung nicht zuerkannt werden. Die Verantwortung lag allein und ausschließlich auf ihren Schultern. Ich glaubte jedoch das Recht und damit auch die Pflicht zu haben, meine Anschauungen in dieser Richtung frei und offen zu äußern und zu vertreten.

Für das allgemeine Denken war die sogenannte Westentscheidung traditionell. Sie war, man darf vielleicht sagen, national. Im Westen stand der Feind, dessen chauvinistische Hetzereien uns im Frieden nicht hatten zur Ruhe kommen lassen. Dort stand jetzt aber zugleich auch derjenige Gegner, der nach unser aller Überzeugung die zur Vernichtung Deutschlands treibende Kraft darstellte. Demgegenüber fand man bei uns die Begehrlichkeit Rußlands auf Konstantinopel vielfach begreiflich; diejenige auf Ost- und Westpreußen nahm man nicht ernst.

Die deutsche Kriegsleitung konnte sonach beim Kampfe im Westen sicher damit rechnen, die führenden Geister des Vaterlandes, ja das Empfinden des größten Teiles des Volkes auf ihrer Seite zu haben. Darin lag ein nicht zu verachtender moralischer Faktor. Ob dieser in den Berechnungen unserer Heeresführung eine Rolle spielte, wage ich nicht zu behaupten; wohl aber weiß ich, daß der Gedanke einer Westentscheidung uns hundert- und tausendfach mündlich und schriftlich entgegengebracht wurde. Ja ich fand sogar später, als mir selbst die Kriegsleitung anvertraut wurde, Stimmen, die mir eine förmliche Schonung Rußlands nahelegten. Man glaubte eben vielfach, daß es verhältnismäßig leicht für uns sei, mit Rußland auf friedlichem Boden eine Verständigung zu finden.

Der entscheidende, den Endsieg erstrebende Kampf im Westen galt auch mir als _ultima ratio_ für Erzwingung des Friedens, aber als eine _ultima ratio_, an die wir nur über den auf den Boden geworfenen Russen herantreten konnten. Vermochte man den Russen zu Boden zu werfen? Das Schicksal hat die Frage bejaht, aber erst, als zwei weitere Jahre vergangen waren, als es, wie es sich herausstellen sollte, zu spät geworden war. Denn bis dahin hatte sich unsere Lage gründlich verändert. Die Zahl und Kraft unserer übrigen Gegner war in der Zwischenzeit ins Riesenhafte weiter gewachsen, und in den Kreis ihrer Kämpfer trat an Stelle Rußlands das jugendkräftige, wirtschaftsgewaltige Nordamerika!

Ich glaubte, die Frage, ob wir Rußland niederzwingen könnten, im Winter 1914/15 bejahen zu dürfen, und stehe noch heute auf diesem Standpunkt. Freilich: das Ziel war nicht in einem einzigen großen, ins Ungeheure gesteigerten Sedan zu erreichen, wohl aber in einer Reihe solcher und ähnlicher Schlachten. Hierfür aber bot, wie es sich damals bereits gezeigt hatte, wenn auch nicht die russische Heeresleitung so doch die Führung der russischen Armeen günstige Vorbedingungen. Tannenberg hatte dieses bewiesen; Lodz hätte es beweisen können, vielleicht mit noch gewaltigeren Zahlen wie Tannenberg, wenn wir nicht damals den Kampf in Polen gegen gar zu große Überlegenheiten hätten auf uns nehmen müssen und sozusagen mitten im Siege aus Mangel an Kräften steckenblieben.

Ich habe den Russen nie unterschätzt. Es war nach meiner Ansicht falsch, in Rußland nur Despotismus und Sklaventum, Unbeholfenheit, Stumpfsinn und Eigennutz zu sehen. Starke und hohe sittliche Kräfte waren auch dort am Werke, freilich nur in einzelnen Kreisen. Vaterlandsliebe, selbständiger Wille, Arbeitskraft und Weitblick waren dem Heere nicht unbedingt fremd. Wie hätten sich auch sonst die ungeheuren Massen bewegen lassen, wie wären anders das Land und die Truppen zu solchen Hekatomben von Menschenopfern bereit gewesen? Der Russe der Jahre 1914 und 1915 war nicht mehr der Russe von Zorndorf, der sich willenlos wie Schlachtvieh niederschlagen ließ. Aber es fehlte ihm doch in seiner Masse die Größe menschlicher und geistiger Eigenschaften, die bei uns Gemeingut des Volkes und Heeres waren.

Die bisherigen Kämpfe mit den Armeen des Zaren hatten unseren Offizieren und Soldaten das Gefühl unbedingter Überlegenheit über diese Feinde gegeben. Dieses Gefühl, das unsere alten Landstürmer ebenso wie unsere jungen Soldaten erfüllte, erklärte es, daß wir hier im Osten Truppengebilde in den Kampf werfen konnten, deren Kampfwert eine Verwendung an der Westfront nur unter Vorbehalt zugelassen hätte. Ein ungeheurer Vorteil für uns, da wir zahlenmäßig so sehr den Gesamtgegnern unterlegen waren! Freilich hatte die Verwendung solcher Verbände ihre Grenzen angesichts der großen Anforderungen, die an die Ausdauer und an die operative Beweglichkeit der Truppe in den östlichen Gebieten zu stellen waren. Die Hauptkraft mußte immer wieder durch schlagkräftige Divisionen geliefert werden. Konnte man ihre zur Führung entscheidender Operationen nötige Anzahl nicht durch Neubildungen gewinnen, so mußten sie nach meiner Ansicht, selbst unter Preisgabe von Teilen besetzter Gebiete, aus der westlichen Front gezogen werden.

Diese Darlegungen sind nicht erst das Ergebnis nachträglicher Gedankenkonstruktionen oder rückschauender Kritik. Man hat ihnen gegenüber darauf hingewiesen, daß der Russe jederzeit imstande sein würde, sich im Falle der Not in die sogenannte Endlosigkeit seines Reiches so weit zurückzuziehen, daß unsere operative Kraft im Nachfolgen erlahmen müßte. Ich glaube, daß diese Anschauungen sich allzusehr unter dem Banne der Erinnerungen an 1812 befanden, daß sie der inzwischen eingetretenen Entwickelung und Änderung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des inneren Zarenreiches – ich erinnere besonders an die Eisenbahnen – nicht genügend Rechnung trugen. Der napoleonische Feldzug hatte seinerzeit nur einen verhältnismäßig schmalen Keil in das weite, dünn bevölkerte, wirtschaftlich primitive, innerpolitisch noch völlig unerweckte Rußland getrieben. Wie ganz anders sprach sich eine breite, moderne Offensive aus; welche ganz andere innerstaatliche Verhältnisse mußte sie jetzt auch in Rußland vorfinden?

In diesen Anschauungen lag letzten Endes der Widerstreit zwischen der damaligen deutschen Heeresführung und meinem Oberkommando. Die Öffentlichkeit hat viele Legenden in diesen Widerstreit hineingetragen. Von dramatischen Vorgängen konnte nicht die Rede sein, so tief mich auch die Angelegenheit persönlich ergriff. Ich überlasse die nachträgliche sachliche Entscheidung der gelehrten Kritik der Nachwelt, bin jedoch überzeugt, daß auch diese zu einem widerspruchslosen Endergebnis nicht kommen wird. Jedenfalls werde ich dieses Endergebnis nicht mehr erleben.

Kämpfe und Operationen im Osten

Von den Ereignissen des Jahres 1915 im Osten möchte ich nur in großen Umrissen sprechen.

Den Kampf an unserem Teil der Ostfront riefen wir selbst in seiner ganzen Stärke wieder wach. Völlig geruht hatte er ja nie. Er hatte bei uns aber auch nicht mit der gleichen Wut getobt, wie in den Karpathen, wo die k. und k. Armeen im schwersten Ringen die Gefilde Ungarns vor russischer Überflutung schützen mußten. Dorthin war auch mein Armee-Chef in der Not der Tage vorübergehend gerufen worden. Die inneren Gründe, die zu unserer damaligen Trennung Veranlassung gaben, sind mir nicht bekannt geworden. Ich suchte sie auf sachlichem Gebiete und bat meinen Kaiser, diese Verfügung rückgängig zu machen, was Seine Majestät auch gnädigst bewilligte. General Ludendorff kam nach kurzer Zeit zurück mit ernsten Erfahrungen und noch ernsteren Ansichten über die Zustände bei österreichisch-slawischen Truppenteilen.

Dem k. u. k. Armee-Oberkommando mußte der Gedanke zu einer entscheidenden Operation im Osten ganz besonders nahe liegen. Er drängte sich ihm nicht nur aus militärischen sondern auch aus politischen Gründen auf. Die fortschreitende Abnahme des Wertes der österreichisch-ungarischen Kampfkräfte konnte ihm nicht verborgen bleiben. Ein längeres Hinziehen des Krieges verschlimmerte diese Zustände augenscheinlich in dem Heere der Donaumonarchie verhältnismäßig rascher als beim gegenüberstehenden Feind. Dazu kam die österreichische Sorge, daß der drohende Verlust von Przemysl nicht nur die Spannung in der Kriegslage an der eigenen Heeresfront wesentlich steigern werde, sondern daß auch unter dem Eindruck, den der Fall dieser Festung auf die Heimat machen mußte, die schon jetzt nicht unbedenklichen Erscheinungen von Lockerung im Staatsgefüge und von Schwinden des Vertrauens auf ein günstiges Kriegsende sich noch weiter verschärfen würden. Auch fühlte Österreich-Ungarn sich schon jetzt durch die politische Haltung Italiens im Rücken bedroht. Ein großer, erfolgreicher Schlag im Osten konnte die mißliche Lage des Staates gründlich ändern.

Aus dieser Beurteilung der Verhältnisse heraus trat ich auf die Seite des Generals von Conrad, als er bei der deutschen Obersten Heeresleitung entscheidende Operationen auf dem östlichen Kriegsschauplatz anregte. Die von mir für eine solche Entscheidung nötig befundenen Truppenstärken glaubte unsere Oberste Heeresleitung nicht zur Verfügung stellen zu können. Aus dem vorgeschlagenen Plane wurde daher innerhalb meines Befehlsbereiches nur ein einziger großer Schlag, den wir in Ostpreußen führten.